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Stilistik der deutschen Sprache. Учебное пособие

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TEIL II. WORTSCHATZ DER DEUTSCHEN GEGENWARTSSPRACHE AUS STILISTISCHER SICHT
(Leistung). Unter Kolorit versteht man die charakteristische Atmosphäre, die bei der Aussage fühlbar wird. Die Wörter versehen den Text mit typischen Merkmalen einer bestimmten Zeit, Landschaft, sozialen Gruppe usw. Dabei unterscheidet man zwischen bewusster Koloritzeichnung (Stilisierung), die der Sender mit gezielter Absicht schafft, und dem natürlichen Kolorit (das objektive, natürliche Kolorit, die ungewollte sprachlich-stilistische Untermalung, wenn der Sender als Zeitgenosse oder Landsmann selbst alles miterlebt hat, worü ber er dem Empfänger erzählt).
Man unterscheidet typisierende Kolorite, denen gesellschaftliche De­terminanten zugrunde liegen (historisches, nationales, soziales, berufl i- ches Kolorit) und individualisierende Kolorite, die die Sprechweise jedes Einzelelementes zeigen (das Sprachporträt).
Es besteht keine scharfe Grenze zwischen beiden Abarten. Es sei auch betont, dass einige charakterologische Gruppen polyfunktional sind, d. h. sie verleihen dem jeweiligen Text bald das eine, bald das andere Kolorit, was im Folgenden gezeigt werden soll.
Nehmen wir die erste Gruppe der charakterologischen Lexik – lexikalische Archaismen und Historismen.
Die stilistische Funktion der Historismen ist die Gestaltung (die Prä gung) des Zeitkolorits. Zu den zeitlich begrenzten Schichten des Wortbe standes gehören Wörter und Wendungen, die vom Standpunkt der Ge genwart aus veraltet sind. Historismen sind oft Realien der Vergangen heit. Die sprachlichen Beziehungen für historisch überlebte Gegenstän de und Erscheinungen entschwinden dem Sprachbewusstsein des Volkes, dem aktiven Wortschatz der Sprachträger, bleiben im Bereich der Histo rie. Bei der Sprachanalyse muss man immer beachten, für welchen Zeitpunkt die zu untersuchenden Spracherscheinungen noch lebende und allen geläufi ge Norm waren (Armenhaus, Aeroplan, Magd, Knecht, Kur fürst, Menuett, Kotillon, Zunft, Armbrust, Schwertleite
посвящение в рыцари, Deut – eine kleine Münze: Ich gebe dafür keinen Deut, Mundschenk / Weineinschenker, Wams – ein warmes Kleidungsstück, Bukett / Blu menstrauß, Arena / Schauplatz usw.).
Archaismen werden zu poetischen Zwecken gebraucht: Aar – Adler, Woge – Welle, Gedeihung – Feier, Imme – Biene, Tann – Tannenbaum.
Manche Lexeme verschwinden nicht auf einmal aus der neutralen Literatursprache. Sie können in der Umgangssprache, in territorialen und sozialen Dialekten noch als gängige Wörter erhalten bleiben, z. B. in der Alpengegend ist das Wort Ross und nicht Pferd gängig.
In Dörfern sind solche Wörter wie Vetter, Base, Oheim im Umgang i an diesen Beispielen kann man die Polyfunktionalität der lexikalischen Archaismen illustrieren).
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Am längsten halten sich veraltete Ausdrücke im offi ziellen Verkehr (Magni zenz als Anrede an den Rektor). Die lexikalischen Archaismen und Historismen sind für den Stilforscher als stilistisch-expressive Aus­drucksmittel in der schönen Literatur und Publizistik interessant, da sie dem Text die historische Kolorierung (Stilisierung) verleihen. In H. Kants Roman Die Aula”, wo die Vergangenheit Jakob Filters beschrieben wird, fi nden wir solchen Satz: Er lebte tief im dunklen Hage... Der Autor wählt den Archaismus Hage, um anzudeuten, dass ein solches Leben der Ver gangenheit angehört. Diese stilistische Funktion üben auch die folgen den Bezeichnungen aus, die wir weiter im Text sehen: Kohler, Walddiebe, Hexen. Vom Leser verlangen die Historismen das Hintergrundwissen (soziokulturelles Wissen).
Die Archaismen und Historismen können auch als Mittel der Satire gebraucht werden, um die bestimmte Zeit oder einen Zustand zu paro dieren (Feuerstellen bei H. Heine statt Herd als Verspottung der Rück ständigkeit der Stadt Göttingen).
Bei Heinrich Mann ist die Rede des Professors Unrat voll von Archa ismen auch zu satirischen Zwecken: Mitnichten, erklärte Unrat, vielmehr belehre
ich Sie darüber, dass Sie hinausgehen müssen. ...so irren Sie sich in Ihrer
ersten Voraussetzung, Mann, sintemal ich... Unrat gebraucht ge schwollene
Wörter, die zum Kanzleistil gehören und archaisch sind.
Aber manche Archaismen fi nden ihr neues Leben. Einige Archais men wurden in der Hitlerzeit auferlebt. Dabei wurde das bekannte und “positive” Wortgut in den Hintergrund gerückt und der ältere deutsche Wortschatz aktiviert. Anstatt Krieg – politischer Angriff, fanatisch, Fana tismus, das dritte Reich, Rasse, arisch, organisieren. Bei der Popularisie rung und Tarnung ihrer verbrecherischen Absichten haben die Faschis ten auch die Sprache zur Manipulierung der Menschen eingesetzt.
Ein wirksames Mittel totalitärer Simplifi zierung ist der kollektive Sin- gular: der Germane, der Jude statt die Germanen, die Juden. Diese Ge- wohnheit stammt aus wissenschaftlicher Abstraktion (der Maikäfer, die Buche, der mittelalterliche Mensch), ein Mittel der Typisierung, dass in bestimmten Kontexten die Funktion haben kann, das Gruppenbewusstsein aggressiv zu polarisieren.
Hierher gehört das Wort arisch. Es war ursprünglich ein Fachtermi­nus der Sprachwissenschaft und Ethnologie für “indopersisch”, später verallgemeinert auf “indogermanisch” und begegnet schon bei Richard Wagner im Sinne “nicht jüdisch”.
Aktiv wurden die Wörter wie aufklären statt propagieren, Vorsehen,
Auferstehung, heilig, Heil, solche Archaismen wie deutsches Schwert, Ger­manen, Stämme, Cau, Ostmark, Schutzwall gebraucht.
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So wurden die Menschen von Nationalsozialisten unablässig erfasst,
eingegliedert, eingesetzt, organisiert, geprägt und geformt, sogar gleichge­schaltet. Gerade dieses gleichschalten zeigte die unverhohlene Absicht, alles
Menschliche zu mechanisieren, zu automatisieren.
Zur Blut- und Bodenterminologie gehörten auch die Wörter: Rasse, Art,
Stamm, Volk z. B. in Volksgenosse, volksnah, volksfremd, volksent stammt, Volkskanzler, Volksgut, Volksaktion, Volksbewusstsein. Nach 1945 trat der
nationalsozialistische Wortschatz zurück und wurde archaisch.
Die Analyse der deutschen Sprache nach der Wende hat gezeigt, dass die Ostdeutschen mehr als 2000 westdeutsche Wörter büffeln mussten. Die Westdeutschen übernahmen ihrerseits nur ein Dutzend ostdeutscher Ausdrücke. Mehr als 800 Wörter aus der DDR landeten auf dem Müll­haufen der Sprachgeschichte (M. Hellmann, 1997: 112): Stasi, Nationale
Volksarmee, Demokrationsrecht, Subbotnik, Wohnungskommission, Kultur­haus, Arbeiterfestspiele, Aktivistenbewegung, Republikfl ucht und republik- üchtig, Tagesnorm, Sollerfüllung, Jugendbrigade, Volksrepublik, LPG, DEFA, Volkskammer, Held der Arbeit, Volkseigentum, Friedensschicht usw.
Heutzutage sind das alles Historismen.
Interessant ist das Schicksal des Wortes Stasi (Staatssicherheit). Sei­ne eigentliche Karriere begann es als Historismus während der Wende. Seinen Höhepunkt erreichte es in der neuen Bundesrepublik. Während der Wende rückte das Stasi-Syndrom ins Zentrum. Die inneren politi schen Machtverhältnisse konnten nur verändert werden, wenn die All macht der Stasi gebrochen wurde. Jetzt erblickte das Wort das Licht der Öffentlichkeit. Das offi zielle Langwort war dafür nicht geeignet. Ein sol ches Wort ist öfter ein Symptom der offi ziellen Macht. Jetzt kann man die öffentliche Verwendung des Wortes Stasi als Symptom des Machtver falls deuten.
Im Zentrum der Stasi-Arbeit standen Menschen. Darum ist das Re­gister voll von Stichwörtern zu “Person”: Persönlichkeit, tschekistisch; Per-
sönlichkeitseigenschaften; operativ angefallene/operativ bedeutsame/operativ interessante/operativ nutzbare Person; verdächtige, geheimdienstliche Per­son; vorbeugend zu sichernde Person mit operativ interessanten Merkmalen; Personalienüberprüfung; Personenbeschreibung; Personenbewegungsanalyse; Personendatenblank u.a.
Einige Stasi-Abkürzungen:
AGG Arbeitsgruppe Geheimnisschutz AOPK Archivierte operative Personenkontrolle AstA Antragstelle auf Ausreise BOK Beobachtungskräfte DT Decktelefon
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ER Einreise EV Ermittlungsverfahren EVoH Ermittlungsverfahren ohne Haft FEK funkelektronischer Kampf FO Feindobjekt GHI geheimer Hauptinformator Gl geheimer Informant GM geheimer Mitarbeiter IM inoffi zieller Mitarbeiter
Die vielen Abkürzungen dienten sicher der Verschlüsselung. Mit der Zeit werden auch dieses Wort (Stasi) und alle Abkürzungen echte Archais men.
Neologismen
Forschungsüberblick, Defi nition des Begriffes,
Klassifi kationsmöglichkeiten
Wolfgang Fleischer und Irmhild Barz schlugen in “Wortbildung der deutschen Gegenwartssprache” (Bd. 2, 1995) eine Einteilung von Neo­logismen in zwei Klassen vor. Sie unterscheiden okkasionell benutzte Wörter und usuell benutzte Wörter. Okkassionalismen werden als textsortenbezogen defi niert. Sie sind zwar dem Sprachsystem zugehörig, nicht jedoch der Sprachnorm. Usuell benutzte Wörter gehören nach W. Fleischer und I. Barz der Sprachnorm an und haben Eingang in das Lexikon der Spra che gefunden. Durch häufi ge Benutzung sind sie gesellschaftlich akzep tiert und werden oftmals sogar in das Wörterbuch aufgenommen. Das Textkorpus enthält für beide vorgeschlagenen Klassifi kationen zahlreiche Beispiele.
Beispiele für okkasionell benutzte Wörter in Zeitungen sind Anti-
Amerikanismus, Albright-Doktrin, Großmacht-Revanchismus, Kriegs-En­thusiasmus oder Ethno-Nationalismus. Solche Ad-hoc-Bildungen werden
in Zeitungen gern und oft verwendet. Meist werden sie nur ein einziges Mal benutzt oder nur während eines bestimmten Zeitraumes, wie etwa internationale Krisen. Solche “Bindestrich-Kompositionen” gehören fest zum Stil einzelner Journalisten und Zeitungen. Bei Kriegs-Enthusiasmus beispielsweise bestünde ansonsten kaum ein Grund, eine Komposition mit Bindestrich zu bilden.
Beispiele für usuell benutzte Wörter sind Fußballvermarkter, Nukle- arpotenz, Parteien nanzierungskommisson oder Trümmertrio. Solche Bil- dungen sind unauffällig, eben weil sie der Sprachnorm angehören.
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B. Schaeder (1993) defi niert im Metzler Lexikon Sprache den Neolo gismus als eine “neu entstandene lexikalische Einheit, die (noch) nicht Eingang in das Lexikon der betreffenden Sprache gefunden hat” und un terscheidet:
neue Wörter (Neuwörter), d. h. Lexeme, die erstmals neue bezie-
hungsweise neu etablierte Gegenstände oder Sachverhalte bezeich nen;
• Neubedeutungen (Neusememe), d. h. Bedeutungen (Sememe), die
vorhandenen Sememen bereits existierender Wortschatzeinheiten (Lexeme) hinzugefügt werden;
• Neubezeichnungen, d. h. neue Bezeichnungen für bereits existie-
rende Gegenstände und Sachverhalte.
Nach Krahl/Kurz (1979: 75) ist der Neologismus “ein Ausdruck, der neue ins Bewusstsein tretende natürliche und gesellschaftliche Erschei nungen benennt.”
Neologismen zählt man zur Gruppe der Wörter mit zeitlich begrenz­ter Geltung. Man unterscheidet Notneologie, die ausschließlich zur Be­zeichnung für neue Gegenstände, Ideen, Erscheinungen, Ereignisse dient, und Luxusneologie. Die Luxusneologie schließt neue Wörter ein, die als Synonyme zu den schon in der Sprache existierenden Namen gebildet oder aus Fremdsprachen, Dialekten, Jargons entlehnt werden. Einige
Wörter, die zur so genannten Luxusneologie gehören, werden auf Schritt und Tritt gebraucht, werden von den deutschen Wörterbüchern fi xiert und verdrängen sogar das deutsche Wort. Das aus dem Englischen entlehnte Wort “Hobby” verdrängt und ersetzt in vielen Situationen die deutschen Wörter “Steckenpferd” und “Liebhaberei”. Das Wort erwies sich sehr pro- duktiv und bildet weiter neue Wörter, hauptsächlich Zusammensetzungen:
Sonntagshobby, Lieblingshobby, Hobbyraum, Hobbymusiker, Hobby-Gärt­ner, Hobby-Polizist usw.
Das “Stilwörterbuch der deutschen Sprache” gibt folgende Defi nition des Neologismus: “Jedes neue zu einer bestimmten Zeit gebildete Wort.” Diese Defi nition wird von E. Rosen (1991: 31) nicht akzeptiert. Sie be hauptet, dass es sehr viele Wörter entstehen, die außerordentlich kurzlebig sind, manchmal nur einige Male gebraucht werden, sehr schnell aus der Sprache verschwinden, nie von den Wörterbüchern sogar als Historismen fi xiert werden, lassen sich von den Sprachträgern schwer enträtseln. Solche Wörter sind in der Regel in der Zeitung anzutreffen, sie wirken sogar im Kontext als Fremdkörper: Euroshima (nach Analogie mit Hiroshima gebil det und bezeichnet die möglichen Folgen des Atomkrieges für Europa), Viehlosigkeit, idiotensicher, Käseproblem, atmungsaktive Handschuhe, – man kann eine Riesenliste derartigen Zusammensetzungen aufstellen. Das sind Neubildungen, die nach objektiv vorhandenen deutschen Strukturmodel len geschaffen werden und trotzdem
nicht akzeptabel sind.
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Die Neologismen müssen inhaltlich und stilistisch motiviert werden. WdG unterscheidet drei Typen von Neologismen:
1. Neuwort. Das sind die eigentlichen Neologismen, welche zum
ersten Mal in der deutschen Sprache erscheinen und ganz neue Gegenstände bzw. Begriffe bezeichnen.
Viele eigentliche Neologismen sind internationale Wörter, Termini, Fachwörter. Das sind absolut neue Wörter im Deutschen, die in keiner Weise mit der deutschen Wortbildung verbunden sind. Es sind z. B. Ent­lehnungen: Trend, Computer, Videorecorder usw. Zu dieser Gruppe gehö ren auch Abkürzungen, die kaum zu entziffern sind: das Ufo (engl. unidentifi ed ying object – UFO).
2. Neuprägungen. Diese werden aus den Elementen gebildet, welche
früher für die Bezeichnung von anderen Objekten bzw. Gegenständen gebraucht wurden. Das sind bekannte Wörter, Affi xe in neuen Kombinationen:
brandeilig, Rückversicherung, Multi für Multimillionär.
Zu den Neuprägungen gehören auch Kunstwörter, sie werden absicht­lich künstlich gebildet aus den bekannten Wörtern und Morphemen der allgemeinen Nationalsprache. Die deutschen Sprachwissenschaftler be­zeichnen solche Wörter als Fantasienamen. Sie gehören zum Bereich Wer­besprache: Dixan, Dimafon, Plast, Badusan. Meist sind diese Neologis men kurzlebig, erscheinen jedoch in der Sprache immer wieder.
Die Abkürzungen entwickeln sich weiter und bereichern die Sprache als Neologismen, obwohl einige Stilforscher (z. B. W. Fleischer) entschie den dagegen auftreten.
IQ MdB PLZ BLZ VA E PC TV Azubi Blamu DeP
Intelligenzquotientи (индекс интеллигентности ) Mitglied des Bundestages Postleitzahl (почтовый индекс) Bankleitzahl(код банка) Vereinigte Arabische Emirate Personal Computer Television der/die Auszubildende anstatt Lehrling Blasmusik Durchführung einfacher Produktion, daher Deppen –
ungelernte Arbeiter, die schwere, unqualifi zierte Arbeit machen: “eine Halle voller Deppen”. (Ztg.)
Das Arbeitsgericht Koblenz verbot die Kratzarbeiten, weil sie gegen den Arbeitsvertrag verstießen. Daraufhin bekamen die Deppen gar nichts mehr zu tun. (Stern)
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Zu den Neuprägungen gehören auch reduzierte Wörter: Memo (Me-
morandum), manchmal der Endteil des Wortes: Lack (Goldlack), manchmal die Mitte des Wortes: Spek (Inspektion). Weitere Beispiele: Alge(bra), Arre(st), Am(pulle), Kurs(us), Infekt(ion), Barock(stil), Gel (Ge latine), (ver) traulich, Soda(wasser), Gummi (Radiergummi), sitzen (im Ge fängnis), Abi(tur), Abo(nement), Adrje (Adriatisches Meer), Alexfander platz), Brause (Limonade), Car (Autocar), Ami (Amerikaner).
Bildung der Neologismen
Wie werden Neologismen gebildet und welche Rolle spielt die Wort­bildung bei der Dekodierung der Neologismen?
Gewöhnlich passt man den Neologismus einem schon bestehenden deutschen Modellwort an, die meisten von ihnen sind echte Gebrauchs­formen, die sich in die Sprache gut einfügen. Oberstes Gebot ist ihre Be grifflichkeit, die neuen Wörter und Wortfügungen müssen allen verständ lich sein. (Wir sprechen hier nur von den neuen deutschen Wörtern. Die Entlehnungen aus anderen Sprachen werden weiter erläutert.)
Semantische Neologismen
Semantische Neologismen stellen besonderes Interesse für Stilistik dar. Sie sind immer expressiv. Sie entwickeln sich allmählich in der Spra che dank der Umdeutung, der Veränderung der semantischen Bedeutung:
der Renner – besonders populäre Ware bzw. überhaupt etwas Populä res: Der modische Roman ist ein Renner. Der Film wurde zu einem Kassenrenner;
der Aufsteiger – ein Mensch, der wichtig und populär wird;
der Steilstarter – ein Mensch, der schnell aufgestiegen ist, eine Karri ere
schnell macht;
der Langsamstarter – ein Mensch, der langsam seine Fähigkeiten ent­wickelt.
Als Neologismen können nicht nur einzelne Wörter, sondern auch Phraseologismen auftreten. Besonders intensiv werden neue Phraseologismen in der Umgangssprache gebildet. Heute kann man hören: Das kannst du
vergessen. – Дохлый номер!
Das Verb vergessen hat hier die Bedeutung “etwas, jmdn aus dem Ge­dächtnis verlieren, sich nicht mehr an etwas, jemanden erinnern”. Im Ganzen klingt der Ausdruck abschätzend ironisch in Bezug auf das Ob jekt der Rede:
Den letzten Sommer kannst du vergessen! Im Grunde war das gar kein richtiger Sommer, er war regnerisch und kalt, also nichts getaugt, es lohnt sich nicht darüber ein Wort zu verlieren, Schwamm darüber.
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“Es ist erstaunlich”, schreibt die “Sprachpfl ege” (1984, H. 2), “was man heutzutage alles vergessen kann: nicht nur wie einst die Handschu he, sondern auch das Wetter, einen Film, Frau Müllers Kind, Tante Lor chens Kaffee, Fritzchens Zeugnis; das gestrige Fernsehprogramm oder den neuen Chef.”
Der Sprachträger dekodiert die Bedeutung des Wortes, weil diese Be­deutung aus der Struktur des Wortes ersichtlich ist. Zu solchen Wörtern gehören: Theatermacher, Modemacher, Filmemacher, Liedermacher, Bü- chermacher (so nennt sich E. Strittmatter). Das Wort Macher ist auch ein Neologismus, es ist auf das englische Wort maker zurückzuführen. Nach WdG: “jemand, der sich durch große Durchsetzungskraft, durch die Fä higkeit zum Handeln auszeichnet”. Wenn das Wort nach der deutschen Wortbildung geschaffen ist, so wird es vom Empfänger (Hörer/Leser) leicht verstanden.
Die Dekodierung einiger Neologismen stützt sich auf das Vorwissen und ist nur im kognitiven Aspekt zu enträtseln. Die anderen lassen sich überhaupt schwer dekodieren: vermarkten – verkaufen.
Viele Neologismen sind auch ohne Kontext und ohne Vorwissen ver­ständlich. Der Kontext verstärkt nur die Dekodierung des Neuwortes, z. B. das Wort nerven: Lange Autofahrten können ganz schön nerven. (Ztg.)
Der größte Teil der Neologismen sind Substantive. Das ist klar, weil Substantive neue Gegenstände, Erscheinungen, Ereignisse bezeichnen. Aber Adjektive und Verben sind auch möglich: nicht zu kurz kommen, Stress –
stressig, Rock – rockig, Job – jobben.
Neologismen aus stilistischer Sicht
Als Arbeitsdefi nition liegt diesem Buch die von E. Riesel/E. Schendels (1975: 68) zu Grunde.
Aus stilistischer Sicht gliedern die Autorinnen drei Gruppen von Ne­ologismen aus:
I. Zur ersten Gruppe gehören Neologismen, die aus einem bestimmten Anlass entstehen und allmählich als lexikalische Norm in den Wortbestand der Literatursprache und der literarischen Umgangssprache aufgenom men werden. Für diese Neologismen ist das rasche Eindringen in sämtli che funktionale Stile charakteristisch, sie werden schnell zum sprachli chen Gemeingut. WdG kennzeichnet als Neulogismus das Wort Knüller, “die Sache, die anschlägt, schnell Anklang fi ndet, gelungener Wurf”. Wtb deutet dieses Wort anders: “Sache, die großes Aufsehen erregt, sensatio nelle Neuheit.”
Dieses Buch ist ein Knüller.
Werbeknüller.
Dieser Film ist ein Kassenknüller.
Die Wörter, die mit der Ökologie verbunden sind: Ökologie, Öko­Kampf Ökotop, Öko-Diät (heißt ein Buch in dem die Reduzierung des
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Fleischgebrauchs gefordert wird), Umweltschutz, Umweltbelastung, Um-
weltforschung, Umweltschäden, Umweltzerstörung, umweltverdächtig, um­weltkritisch, Ozonkiller, Ozonloch. An diese Gruppe schließt sich die Wort-
gruppe, die den Schaden durch Lärm bezeichnet: Lärmbelästigung, Lärm pegel (Schallpegel), Geräuschpegel, Lärmwall, Lärmsünde, Lärmzone. Die Wörter mit der Komponente Bio-: Bio-Bar, Bio-Gemüse, Bio-Läden, Bio dampfgaren.
In der Wirtschaft: Rezession (Rückgang).
Neologismen-Euphemismen: Floristin (Blumenverkäuferin), Tanzbar (Ballhaus), Schlichthäuser (Baraken). “Chicago-Nord” – wie die verächt­liche Bezeichnung der Barakensiedlung lautet: “Links und rechts die
Baraken, die in der Sprache der Sozialdezernenten selbstverständlich nicht Ba raken heißen, sondern: Schlichthäuser.” (R. Hochhuth). Feierabendheim
(Altersheim), Bar-Dame (Einschenkerin).
In der Mode: Webpelz, Wollstulpen, Zegerall. Die neue Generation der Schreibmaschinen – Wreiter, Video-Wreiter oder Printer (Drucker) und viele andere Neologismen: Revitalisierung – aus Medizin, Autoschnellstraße, Baukultur, Erfolgsautor, Bürotel, Rotel, Zotel (Zelt) usw.
Viele Neologismen sind mit der Wende aufgetaucht: die Wende, vor/ nach
der Wende, die östliche Teilnation, Ostler (Ossi), Westler (Wessi), Wes siland, Besserwessi, Wessis-Quadriga, Honecker-Zeiten, alte SED-Kader.
Ihr, Ossi, habt uns anzupassen. (Der Spiegel. 1991, H. 12)
Steilstarter, Wahlarzt, Hobbysportler, Gegenkultur.
Seltener Verben und Adverbien: anten – jmdn zu etw. anerkennen bzw. nicht anerkennen; schnulzig, stressig, poppig, zombig.
Aus stilistischer Sicht sind Neologismen expressiv und besitzen besonders starke pragmatische Einwirkung auf den Empfänger. Aber so bald sie einen festen Platz im aktiven Wortschatz des Sprachsystems ha ben, hören sie auf, Neologismen zu sein, obwohl sie noch längere Zeit linguistische Anzeichen der Neuheit bewahren und außerlinguistische Konnotationen erwecken. Meistens aber verliert das Wort seine Anzie hungskraft und Expressivität, sobald es sich in der Sprache fest eingebür gert hat.
Die erste Gruppe charakterisiert das Zeitkolorit und ist zeitlich be grenzt, obwohl es schwer fallt, die genaue Zeit der Entstehung der Neo logismen zu bestimmen, wenn diese nicht mit den bestimmten histori schen Ereignissen verbunden sind, z. B. Sputnik (1957) – Raumschiff (1959), Kopplungsmodul
(1975), EG (Europäische Gemeinschaft, 1973), GUS (Gemeinschaft Unabhängiger Staaten, 1991).
Neologismen aus dem politischen Bereich: Albright-Doktrin, Ethno­Nationalismus, Kriegs-Enthusiasmus, Management-Brigade, Balkanisierung, Serbisierung, Vorwahlkampfthema. Im Titel einer Zeitungsnotiz: “Das
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Friedensfahrts eber der Berliner steigt”. Man nennt sie Neologismen be- stimmter Zeitabschnitte.
Für die Einbürgerung eines Wortes in der Sprache ist seine Produkti vität entscheidend. Als Anzeichen dafür dienen die wortbildenden Po tenzen des Wortes. In der Standardsprache sind solche Wörter aus der Wissenschaft besonders gebräuchlich, die auf dem Gebiet der Politik und des Militärwesens gebraucht werden, wie Nuklearmacht, Nukleartest, nu klearfrei (Zone), kernwaffentragend usw.
Es ist schwer, das Schicksal des neuen Wortes vorauszusagen. E. Rosen und E. Gulyga schreiben in ihrem Buch «Новое и старое в грамматике немецкого языка» (1977: 47): “Das Wort Jeans nennt das jugendliche Kleidungsstück unserer Zeit und es ist nicht klar, ob das Wort in den Wort bestand übergeht.” Jedermann kennt jetzt Jeans und nicht nur die Ju gendlichen tragen Jeans und viele können sich das Leben ohne Jeans nicht vorstellen: “Natürlich Jeans!
Oder kann sich einer ein Leben ohne Jeans vorstellen? Jeans sind die edelsten Hosen der Welt” (U. Plenzdorf. Die Leiden des jungen W.)
II. Die zweite Gruppe bilden vorübergehende Neologismen. Wörter, die gleichfalls durch historische Umstände bedingt neu entstehen und im Laufe einer gewissen Zeit in fast allen kommunikativen Bereichen inten­siv gebraucht werden. Aber sie sind kurzlebig. Sie gehen in den passiven Wortbestand über. Sie entfallen dem Sprachbewusstsein der meisten Men­schen und werden nur zu bestimmten stilistischen Zwecken gebraucht: zur Untermalung des Zeitkolorits oder zu individualisierenden Porträt zeichnung.
Dazu gehören viele Neologismen der Nachkriegszeit: Entnazi zie rung,
ohne Punkte kaufen, Zigarettenwährung, Heimkehrer und heimkeh ren, die Bolone – bombenlose Nacht, die U-Bootler – Menschen, die sich vor dem
Hitlerterror versteckten, coventrieren – total zerstören wie die englische Stadt Coventri von den Faschisten zerbombt wurde.
Zu dieser Gruppe kann man die Neologismen der DDR zählen: die DDR,
die DEFA, die LPG, die HO, der RGW; Konsumgeschäft, Volkskam mer, Brigade der besten Qualität, Banner der sozialistischen Arbeit usw.
Aus der Sprache der ehemaligen DDR: Reisekader (выездной) – kein Reisekader, Strecke – auf dieser Strecke im Sinne von “in dieser Hinsicht, auf diesem Gebiet” (umg.), z. B. Schlagzeug ist nicht meine Hauptstrecke; Ost- West-Sprachvergleich – das ist doch deine Strecke; Zielstellung. Mo-
dewörter, die zu bestimmter Zeit ihre Blüte erleben, können auch dieser Gruppe zugeordnet werden.
Am häufi gsten treten die Modewörter bei Jugendlichen auf: pyrami dal,
Klasse, prima, fabelhaft, echt, einwandfrei, affengeil, fetzig, pfundig, irre, urig, easy, rockig, poppig, fesch, quick, toll usw.
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