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Stilistik der deutschen Sprache. Учебное пособие

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TEIL I. GRUNDFRAGEN DER STILISTIK
Wir verfolgen weiterhin den Gebrauch der Anglo-Amerikanismen in der Werbesprache nach Sachgebieten und sprechen von der Werbewirksamkeit der Sprache.
In der Reklameindustrie wird der Werbesprache, der Bildung der neuen Wörter, neuer Namen für die Waren eine große Bedeutung beigemessen.
Interessant ist solche stilistische Erscheinung wie Antonomasie. In der Werbesprache ist es Benennung einer Ware auf Eigennamen der Firma, die diese Ware herstellt, angewandt: z. B. die Levis = Jeans, die die Firma “Levis” herstellt; Clarks = Schuhe der Firma “Clark“.
“Ich packte in meine Tasche bisschen Wäsche, Zahnbürste, Handtuch, die Levis, die Clarks, Geld und obenauf legte ich den zerlesenen Heminguay”
(W. Schneider, 1963: 71).
Die Werbesprache ist expressiv und bildlich. Viele Mittel der Bildlichkeit werden in der Werbesprache verwendet, die Werbung besonders “werbewirksam” zu machen.
Oft kommen Methaphern vor. Motoroller z. B. tragen Vögelnamen:
Habicht, Schwalbe, Scherber.
Hyperbolische Stilelemente gibt es auch in Werbetexten.
Der Stil der Werbesprache ist stets positiv und hyperbolisch, superlativisch, beschränkt sich oft auf traditionelle Steigerungswörter (blitzneu, brandtneu,
extrafein) oder steigernde Zusatzwörter (Ultra, Super, Extra, Poppel, Traum, Welt) oder anderes ausschließende Anpreisungen (das beste Waschmittel, das
beste Persil, das es je gab).
Die Allusionen sind zahlreich vertreten:
“Der Kunde ist tot, es lebe der Kunde“,
Euphemismen aller Art: “Weiches braucht Weiches” – so wird für Toulettenpapier reklamiert. Man kann oft Periphrasen beobachten: “das
strahlendste Weiß seines Lebens” (aus der Werbung für Waschpulver), alles palletti (alles in Ordnung), manoli (nicht ganz normal).
In der Werbung kommen alle stilistischen Figuren vor.
KAPITEL II
NORMBEGRIFF IN SEINER BEDEUTUNG FÜR DIE
FUNKTIONALSTILISTIK. SPRACHNORM (SYSTEMNORM) UND
STILNORM (VERWENDUNGSNORM)
Auf Grund der Tatsache, dass die Sprache gesellschaftliches Kommunikationsmittel ist, verstehen wir, dass sich infolge der gesellschaftlichen Praxis unterschiedliche Normen für die Verwendung der Sprache herausgebildet haben.
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N. M. NAER. STILISTIK DER DEUTSCHEN SPRACHE
Wir bezeichnen sie als Stilnormen. Sie regulieren das Sprachverhalten der Menschen.
Die Auswahl bestimmter Stilzüge und Stilelemente ist nicht nur vom Sprecher abhängig, sie ist durch außersprachliche Faktoren bedingt. Es gibt gesellschaftliche Normen in bezug auf die vorzugsweise Verwendung von Mitteln in einer bestimmten kommunikativen Situation. Der Sprecher ist an diese gesellschaftlichen Anwendungsnormen gebunden, obwohl er einen gewissen “Spielraum” hat und einen besonderen Effekt erreichen kann, wenn er “die Norm überspielt”. So sprechen wir vom Sprachnorm – Stilnorm – Verhältnis (J. Erben, 1966: 105).
Da die Zuordnung der Norm zur Langue oder Parole bei Cosseriu (E. Сosseriu, 1970: 17) großen Schwankungen unterliegt, nimmt B. Sandig (1970: 187) eine weitere Aufteilung der Norm vor. Sandig unterscheidet S-Norm und H-Norm. Die S-Norm (“la norma” bei E. Cosseriu), die das von E. Cosseriu postulierte abstrakte System normaler Realisierungen repräsentiert, “erfasst zusammen mit System etwa das, was traditionell mit Langue gemeint ist” (B. Sandig 1970: 187). Unter dem quantitativen Aspekt der Norm, von Sandig als H-Norm bezeichnet, sind verschiedene Häufi gkeitsnormen (“varias normas” bei E. Cosseriu) innerhalb einer nationalen Sprachgemeinschaft zu verstehen. Als weitere Analyseebene sieht Sandig die Parole, die eine einzelne Sprachverwendung oder den Einzeltext betrifft.
Die Häufi gkeitsnorm ist nach K. Ihlenburg (1970: 178) eine “Norm als statistische Größe, als eine Angabe des sprachlichen Durchschnitts oder des Häufi gkeitswertes der einzelnen sprachlichen Erscheinungen”. Die Häufi gkeitsnorm markiert den in der Sprachpraxis ermittelten statistischen Mittelwert, den Standard. Nach R. M. Nickisch (1975: 30) sollen zur Bestimmung von Stilnormen in der normativ-praktischen Stilistik gerade diese “bevorzugten Verwendungsweisen bestimmter bereichs-spezifi scher Ausdrucksmittel und -formen, die jeweils einen statistisch ermittelbaren sprachstilistischen Regelfall darstellen”, herangezogen werden. R. M. Nickisch (1975: 64) und G. Michel (1968: 98) gehen von einer dogmatisch gesetzten Idealnorm – die bewusst oder unbewusst in vielen, auch neueren, Stillehren zugrunde gelegt wird – ab, indem sie eine empirisch­statistische Normfi xierung befürworten. Die Idealnorm repräsentiert jedoch bisher wetgehend die eigentliche Sprach- oder Stilnorm, die “Norm als ein der Sprachgemeinschaft vorschwebendes Sprachideal, als ein sprachliches Vorbild, das erstrebt wird, ohne in der Sprachwirklichkeit voll erreicht zu werden” (K. Ihlenburg, 1970: 178). Die Idealnorm stellt eine gesetzte Norm dar, wobei bestimmte Sprachformen von der normativen Stilistik zu
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Sprachnormen erklärt werden. Sozial hochbewertete Textsorten werden von der Gruppe der gebildeten Sprecher “zur Defi nition von deutscher Hoch- und Schriftsprache zugrunde gelegt und daraus die eine Idealnorm gebildet, an welcher sich alle übrigen Textsorten der Gesamtsprachgemeinschaft normativ deskriptiv orientieren sollen” (H. Steger, 1970: 25).
Sprache und Stil werden im Hinblick auf normative Ansprüche unterschiedlich behandelt. Deshalb ist es notwendig Sprachnormen und Stilnormen voneinander abzugrenzen.
“Unter Sprachnormen verstehen wir historisch veränderliche, aber dennoch auf größere Zeitabschnitte hinaus stabile Gesetzmäßigkeiten, mit deren Hilfe die schriftliche und die mündliche Form der Literatursprache mehr oder weniger einheitlich geregelt wird” (E. G. Riesel, E. I. Schendels, 1975: 46).
Sprachnormen beziehen sich jedoch nicht nur auf die Literatursprache, sondern auf alle Bereiche des Sprachgebrauchs. Stilnormen sind als Sprachnormen aufzufassen, die nur für bestimmte Typen von Kommu­nikationssituationen gelten. (E. G. Riesel, E. I. Schendels, 1965)
“Selbstverständlich können Stilnormen nur auf Grund von Sprachnormen entstehen; Stil- und Sprachnormen sind ebenso unlösbar miteinander verbunden, wie Stil und Sprache selbst (Stilnormen – d. h. angewandte Sprachnormen)” (E. G. Riesel, 1963: 48).
Ausgehend von der Beurteilung normativ gesteuerten Verhaltens unterscheidet H. Steger (1980) entsprechend Sprachnormen und Stilnormen zwischen Richtigkeitsnormen und Angemessenheitsnormen.
“Richtigkeitsnormen betreffen Grammatikregeln sowie Wortschatz und Wendungen, von denen man sagt, sie seien ’richtig’oder ’falsch’angewendet.” (H. Steger, 1980: 211)
Unter die Richtigkeitsnormen als allgemeine und situationsunabhängige Regeln fallen die Sprachnormen. Die Allgemeingültigkeit und die relativ einfache Erfüllbarkeit dieser Normen führen dazu, dass Normverstöße besonders streng geahndet werden. (H. Steger, 1980: 66)
“Angemessenheitsnormen beziehen sich dagegen auf die Ange­messenheit oder Nicht-Angemessenheit von Sprache in Situationen und Texttypen (Stilen). Die Beobachtung zeigt, dass in Texten unter einer Anzahl richtiger Versprachlichungen eines Gemeinten regelmäßig solche auftreten, die unter den jeweiligen kommunikativen Umständen als unangemessen erscheinen.“
Zu den Angemessenheitsnormen zählen die Stilnormen, die sich innerhalb bestimmter tolerierter Grenzen bewegen. Innerhalb dieser Grenzen sind mehrere sprachliche Realisierungen möglich, die die entsprechende Stilnorm erfüllen.
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Da die Festlegung auf eine sprachliche Alternative jedoch ausgeschlossen wird, erscheinen die Stilnormen dem Sprachbenutzer häufi g vage und diffus. Dies führt dazu, dass die Gültigkeit von Stilnormen in Frage gestellt wird. Obwohl der Geltungsanspruch der Stilnormen mindestens so stark ist wie der Geltungsanspruch der Sprachnormen, werden Normverstöße im Bereich der Stilnormen deshalb sehr unterschiedlich beurteilt (Hannapel, 1985: 60).
Beim Begriff ’angemessen’ handelt es sich um einen Stilwirkungsausdruck:
“...die Stilwirkung entspricht dem, wie der Sprecher/Schreiber in der Situation, bei einem Handlungsziel oder/und einem Thema dieser Art stilistisch vorgehen kann und/oder sollte und was der Rezipient aufgrund seines sozialen Wissens erwarten und/oder akzeptieren kann. Angemessen und unangemessen sind die allgemeinen Ausdrücke dafür, wie ein konkreter Stil in Relation zum intersubjektiv Erwartbaren zu bewerten ist.” (B. Sandig, 1986: 76)
Der Begriff der Angemessenheit/Unangemessenheit geht von einer “Erwartungsnorm” (H. Steger, 1970: 17) aus, die zur sprachstilistischen und sozialen Kompetenz des Sprachbenutzers gehört. Die Erwartungsnorm resultiert aus dem gehäuften Vorkommen bestimmter sprachlicher Elemente in bestimmten Kommunikationssituationen, sodass diese in vergleichbaren Kommunikationssituationen vom Sprachbenutzer wieder erwartet werden. Nach W. Fleischer/G. Michel (1977: 57) “entsprechen Stilnormen offensichtlich der Erwartung bzw. Nichterwartung bestimmter sprachlicher Mittel in bestimmten Situationen”. Es liegt ein bestimmter “Erwartungswert (Prädikatabilität)” beim Sprachbenutzer vor. Für W. Fleischer und G. Michel (1977: 57) gilt als Stilnorm jedoch “nicht das, was in jedem Fall häufi g vorkommt, sondern das, was auf Grund entsprechender sozialer und ideologischer Bedingungen seitens der Gesellschaft oder einer Gruppe beansprucht wird.” Die Idealnorm (= Stilnorm) wird auch hier von einer Norm als statistischem Mittelwert (= Häufi gkeitsnorm) abgegrenzt. Es ist jedoch zu beachten, dass sich die Erwartungen der Sprachbenutzer häufi g nach quantitativen Kriterien ausrichten, d. h. danach, wie sie bisher derartige Sachverhalte stilistisch aufbereitet gelesen/gehört haben. Bei Angemessenheitsnormen liegt ein stark subjektiver Faktor vor, da das “intersubjektiv Erwartbare” sich innerhalb einer breiten Spanne bewegen kann, individuelle Vorstellungen bei Produzent und Rezipient existieren, was ’angemessen’, ’weniger angemessen’, ’gerade noch angemessen’ oder ’unangemessen’ ist.
Bei Bewertungen von einer subjektiven Basis aus beruft sich der Sprachbenutzer auf sein “Sprachgefühl: das ist die Summe sprachlicher Erfahrung eines Menschen”. H. Henne bezieht Sprachgefühl eindeutig auf Stil und Stilgefühl:
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“Sprachgefühl stellt nicht nur in der alltäglichen Sprachwelt eine Berufungsdistanz dar, Sprachgefühl zeigt sich nicht nur in dem besonderen Stilvermögen (als produktive Kraft), sondern auch in dem besonderen Stilempfi nden als rezeptive Kraft.” (H. Henne, 1982: 99)
Sprachgefühl und Stilgefühl sind als individuelle Empfi ndungen jedoch kollektiv geprägt durch Konventionen, kulturelle, soziale und generationsbedingte Vorstellungen der Sprachgemeinschaft. So stellt sich auch, wenn nach Sanders (1986: 46) ’gutem’ Stil “die in vollem Umfang akzeptable Ausdrucksform einer intendierten Sprachäußerung” entspricht, die Frage: Akzeptabel für wen?
Die das Normideal von Stil festlegende Schicht stellt die Gruppe der Gebildeten (früher das Bildungsbürgertum) dar. Die konventionell erwartbaren und dadurch unproblematischen, automatisierten Handlungs­und Äußerungsmuster sind durch typische Mittelschichtsnormen geprägt (W. Steinig, 1976). Als Vermittler der Sprach- und Stilnormen treten vor allem die Schule (Hannapel, 1985) und die Medien wie Presse, Hörfunk und Fernsehen (Deutsche Akademie, 1980) hervor. Während die Sprachbenutzer die Normen über die Medien eher unbewusst aufnehmen, erfolgt die Weitergabe von Normen im Deutsch- oder Fremdsprachenunterricht explizit. Die explizite Vermittlung der Normen (R. Wimmer, 1974: 148) hat deren Bewusstheit zur Folge gegenüber den per Konvention gelernten nicht bewusst verfügbaren Sprach- und Stilgepfl ogenheiten. Da der Schüler bei Nichtbeachtung dieser Normen negativen Sanktionen ausgesetzt ist, muss er sich zwangsläufi g anpassen.
“Es kann demnach nicht zweifelhaft sein, dass bei uns normalerweise niemand je so intensiven ausdrucksprägenden Kräften und Einfl üssen ausgesetzt ist wie während der Vorschul- und Schulzeit.” (R. M. Nickisch, 1975: 13)
Obwohl die Medien dagegen eher indirekt als Vorbilder wirken, spielen sie aufgrund ihrer Allgegenwärtigkeit in einer modernen Zivilisation bei der Vermittlung von Sprach- und Stilnormen ebenfalls eine Rolle. Es muss jedoch gesagt werden, dass der Realisierungsgrad der Stilnorm außerhalb der Gruppe der Gebildeten gering ist. Häufig wird sie, auch in dieser Gruppe, von kommunikativen Erfordernissen oder in bestimmten Situationen eingespielten Konventionen überlagert (B. Sandig, 1978: 41).
Die Beurteilung stilistischer Phänomene ist weitaus problematischer als z.B. die Beurteilung grammatikalischer Erscheinungen. Grammatikalische Phänomene, die nach ’richtig’ oder ’falsch’ beurteilt werden können, ziehen häufi g stilistisch problematische Urteile wie ’schöner’ oder ’hässlicher’ (ästhetische Wertung) oder ’guter’ oder ’schlechter’ Stil (moralisch-ethische
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Wertung) nach sich (B. Sandig, 1978: 40). Wenn also ’guter’ Stil mit ’gutem’ Deutsch gleichgesetzt wird, was zunächst einmal grammatikalisch richtiges Deutsch zu bedeuten hat, wird von dem Bereich objektiv nachprüfbarer Richtigkeitsnormen auf die schon angesprochenen Angemessenheitsnormen und das Stilgefühl übergeleitet.
“Die Funktion des Stilgefühls lässt sich einfach damit umschreiben, dass es uns unter Berücksichtigung eben nicht nur der Grammatik, sondern aller kommunikativer Umstände sagt, ob wir etwas gut oder schlecht formuliert nden.” (W. Sanders, 1986: 46)
Stilgefühl zu entwickeln bzw. das Vorhandensein stilistischer Kompetenz beim Sprachbenutzer ist keine Selbstverstänlichkeit, sondern bedarf eines Prozesses des Kennenlernens stilistischer Phänomene, damit verbundener Normen und ihrer beider Anwendung in bestimmten Kommunikationssituationen.
“Im Unterschied zu den grammatisch-semantischen Normen, die mit der Muttersprache erworben werden, sind Stilnormen nicht jedem Mitglied der Sprach- und Kommunikationsgemeinschaft von vornherein bekannt. Es bedarf einiger Kenntnis über das System der Muttersprache und über die Situationen, in denen bestimmte Formen verlangt werden, damit Bewusstsein über diese Stilnormen entsteht.” (U. Geier, R. Huth, H. Wittich, 1982: 27)
Sprachnormen sind historisch veränderliche Gesetzmäßigkeiten, mit deren Hilfe die schriftliche und mündliche Form der Literatursprache mehr oder weniger einheitlich geregelt wird (literarische Norm). Mit Bezug auf die Funktionalstile handelt es sich um Stilnormen.
Die Stilnormen differenzieren die Verwendung der allgemeinen Sprachnormen nach funktionalen und semantisch-expressiven Momenten (Stilnorm – angewandte Sprachnorm). Sie (die Stilnorm) steht im Zusammenhang mit der Funktion der sprachlichen Mittel, d. h. ihrem kommunikativen Effekt. Beide Erscheinungsformen (Sprach- und Stilnormen) sind miteinander unlösbar verbunden.
Ganz gleich, in welcher Sprachschicht wir uns bewegen, ist unsere Wahl der Wörter, Redewendungen, Satzfügunen nicht frei. Wir richten uns, ohne uns dessen bewusst zu sein, nach Vorbildern und Mustern, die das gesellschaftliche Leben an uns heranträgt. Nicht die begriffl iche (denotative), sondern die stilistische Bedeutung bedingt die Tatsache, dass manche Ausdrücke nicht in jeder beliebigen gesellschaftlichen Sphäre, nicht in jeder kommunikativen Situation gebraucht werden können. Sprechen wir von der Norm, so meinen wir nicht nur die angemessene Wahl der Wörter. Auch inbezug auf die fakultativen grammatischen Mittel gibt es
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TEIL I. GRUNDFRAGEN DER STILISTIK
keine grenzlose Willkür, es existieren auch Stilnormen (z.B. die Ellipse des Personalpronomens in der Umgangssprache (“habe es!“) oder der Artikel vor dem Eigennamen (die Marie). Die erweiterten Attributgruppen sind im Stil der Wissenschaft am Platz, in der Alltagsrede fehlen sie usw.
Die Norm ist ein Schnittpunkt zwischen linguistischen und außerlinguistischen Faktoren. Gesellschaftliche Determinanten können die Stilnorm entscheidend beeinfl üssen und erklären, warum eine Ausdrucksvariante gegenüber anderen Varianten unter bestimmten gesellschaftlichen Bedingungen bevorzugt wird z.B. Zeit als außerlinguistischer Faktor. Der schnelle Wechsel der Lexik gibt nicht immer die Möglichkeit, eine sprachliche Einheit als Norm oder Verstoß gegen die Norm zu bewerten (z. B. Es wird gewollt).
Die Beziehung zwischen Form und Nation betrachten wir als außerlinguistischen Faktor (die deutschsprachige Bevölkerung in Österreich, in der Schweiz hat ihre nationalen Normen: bin gegessen, gestanden, man besammelt sich, “Kina” statt “China“). Nehmen wir die vertikale Gliederung. Das Verhältnis zwischen Norm und Sprachschicht (Literatursprache, die verbindlichste, höchst entwickeltste, stabilste Schicht, hat ihre Normen, die Umgangssprache – ihre Normen. Auf diese Normen wirken auch Sprechstimmungen, Sprechsituationen ein als außerlinguistische Faktoren (zu Hause verfällt man oft in Dialekt, in höchster Aufregung gebraucht man safte Vulgarismen, Slangausdrücke). Den Usus, die Sprachtradition besitzen nicht nur die literarische Norm, sondern soziale, territoriale Varianten. Soziale Herkunft, Bildung, berufl iche Zugehörigkeit, Alter sind außerlinguistische Faktoren, die mit der Norm verbunden sind. Der Charakter der Normung hängt mit noch zwei Faktoren zusammen:
• mit dem Verständigungsweg (schriftlich – Presse, offi zielle Dokumentation, wissenschaftliche und schöne Literatur, oder mündlich – Monolog, Dialog, Polylog, fi ktive mündliche Unterhaltung durch Funk, Fernsehen);
mit der Verständigungsart (monologisch, dialogisch) (E. G. Riesel, E. I. Schendels, 1975: 44–46). Die sprachliche Kommunikation erreicht immer einen hohen Grad der Bewusstheit. Die Entscheidung, die Wahl erfolgt schnell und oft intuitiv. Dennoch regulieren stilistische Normen das Sprachverhalten der Menschen.
Die Existenz und das Wirken der Norm werden uns vor allem dann bewusst,
wenn die Norm verlezt wird (oft wird bei dieser Erscheinung der Terminus “Erwartungswert” verwendet), z. B.: “Die Feier ging um 3 Uhr los; zuerst wurde eine hübsche Ansprache gehalten”. Der Ausdruck “losgehen” stammt aus der ungepfl egten Umgangssprache. Hier wirkt das Wort verletzend, da
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die feierliche Stimmung wiedergegeben wird. Das Gleiche gilt für das Wort “hübsch” – ein heiteres Wort der Alltagssprache, das nicht in diese würdige Atmosphäre einer Feier passt. Oder: Erlaubst du, dass ich mit deiner Frau tanze? Gestattest du, “-”? Genehmigst du, “-“? “Genehmigen” ist nicht am Platze, weil dem Wort die Atmosphäre der Amtsstube anhaftet. “Gestatten” ist im Vergleich zu “erlauben” steifer. “Erlauben” ist dagegen persönlicher.
Form und Inhalt stimmen nicht überein. Hier haben wir es mit dem Überschreiten der Stilnorm als Mittel der Ironie oder Satire zu tun. Die Nichteinhaltung der Stilnorm darf somit nicht immer mit einer oberfl ächlichen negativen Wertung verbunden werden. In der Literatur kann der Stilbruch als Besonderheit des Sprachporträts gebraucht werden.
Die Verstöße gegen die Norm fallen sofort auf. In manchen Fällen werden Stilnormen vorgeschrieben und schriftlich fi xiert. (Im Schriftverkehr der Betriebe und der Dienststellen wird z. B. auf eine Grußformel verzichtet).
In anderen Fällen geht es um die bevorzugten Varianten bestimmter Klassen und Gruppen der Sprechenden, die entscheiden, welche Ausdrucksweise unter bestimmten kommunikativen Bedingungen angemessen ist (manchmal gehen die statistische Norm und die ideale Norm auseinander). Der gute Stil, das Sprachgefühl geht zum großen Teil auf das Kennen der Sprachnormen bzw. Stilnormen zurück (ob stilgerecht oder stilwidrig). Das muss man immer im Auge haben.
In der stilistischen Theorie und Praxis kommt dem Normbegriff (dem Begriff der stilistischen Norm) eine zentrale Stellung zu. Von besonderem Interesse sind die Stilnormen der konkreten Textsorten, mit denen wir es innerhalb eines Funktionalstils zu tun haben.
“Was ist bei einer bestimmten Textsorte – etwa bei einer schriftlichen Arbeit zur Facharbeiterprüfung, bei einer geschichtswissenschaftlichen Publikation, bei einer Buchrezension, bei einem populärwissenschaftlichen Artikel zur Kosmosforschung – überhaupt normiert, und was ist Spielraum hinsichtlich der sprachlichen Entscheidungen? Gibt es Stilnormen im Sinne von Vorschriften, Maßstäben, Mustern in der Literatur, für den Sprachgebrauch in Literatur im künstlerischen Gestaltungsprozess?
Ist Kunst sprachstilistisch “genormt“? ist das Fehlen solcher Normen nicht gerade ein Charakteristikum des künstlerischen Funktionalstils? Wonach bewerten wir Stil?
Selbstverständlich nach seiner kommunikativen Angemessenheit (Adäquatheit)! Dies ist eine gesicherte, aber eben sehr allgemeine Grundposition, die ihrer Konkretisierung bedarf.“
Die Norm steht in der Stilistik mit den gesellschaftlichen Verhältnissen in enger Beziehung.
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Das Problem der Stilnorm und der Umnormung wird seit je diskutiert. Die Grenzen zwischen dem normgerechten Gebrauch und der Sprach- und Stilfehler sind oft fl ießend.
Viele Veränderungen sind im Gange, z. B. früher war das Wort “Macher” negativ markiert. Heutzutage sind die Zusammensetzungen mit dem Grundwort “Macher” literararisch genormt (Filme- und Liedermacher;
Stückemacher – Brechts Wort; Büchermacher – Strittmatters Wort, Wettermacher). Neue Ableitungen mit dem Suffi x “er” werden gebraucht: “Fernseher” statt “Fernsehapparat”, Vorsitzer statt Vorsitzender, Streicker statt der Streickender, Fußballer statt Fußballspieler usw., der Lacher (Böll), Westler, Ostler (Wessis, Ossis).
Alle diese und viele andere sprachliche Erscheinungen werden als Sprach­und Stilnormen gesellschaftlich sanktioniert.
Die Norm ändert sich aus linguistischen und außerlinguistischen Gründen, von denen der wichtigste die Zeit ist. Die Norm ist auch an die nationale Variante der Sprache gebunden.
In der Umgangssprache gibt es Normen, die sich vom normativen Gebrauch unterscheiden. Die Veränderungen in der Verwendungssphäre (z.B. in der Stilfärbung) vollziehen sich schneller als auf der grammatischen und phonetischen Ebene. Zwischen literarischer und literarisch­umgangssprachlicher Schicht fi ndet in der letzten Zeit eine ständige Annährung statt. Daraus wird eine aktuelle Gebrauchssprache herausgebildet, die hohe literarische Sprache geht zurück. Das wird soziologisch bedingt (G. Möller, 1970: 38).
Die Frage der Norm ist sehr umstritten. W. Schneider (1996: 274) wendet gegen Sprachnormen ein. Er hebt hervor, dass die Sprachnorm eine überaus theoretische Größe ist, etwa wie die moralische Norm, in seinem Buch “Deutsch für Kenner” (S. 274–275) führt eine Anekdote an. Der Anekdote nach ging ein Germanist aus Indien mit einem deutschen Kollegen im Harz spazieren und sprach: “Welch anmutige Landschaft!”, worauf der Deutsche erwiderte: “Ja, janz schöne Jejend”. Diese Aussprache hatte der Deutsche in Berlin gelernt und seine Stilnorm sah er in der Umgangssprache, während der Inder sich mehr nach Goethe richtete. “Was ist also Norm im Deutschen?”, ruft W. Schneider auf. Herrman Zübbe, der in Zürich Philosophie und politische Theorie lehrt, gebraucht Adjektive: daseinproblemlösend,
lebensernststiftend, raumdistanzanabhängig, zeitverbringungsouverän
(W. Schneider, 1996: 26). Man kann eher von dem Jargon als von der Fachlexik sprechen; vom Jargon der Philosophie, der Wirtschaft, der Linguistik, der Chemie.
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Natürlich muss man den Fachsprachen zugutehalten, dass es häufig schwierig ist, Fachthemen ohne Fachwörter darzubieten. Das Fachwort bringt dem, der es beherrscht, Erleichterung. Im Idealfall leistet eine Fachsprache das, was der Ehrgeiz aller Sprachkünstler anstrebt: Das Wesentliche mit dem richtigen Ausdruck zu erfassen. Auch das Komplizierte lässt sich einfach sagen. Gutes Wissenschaftsdeutsch ist eine Pflicht (H. Weinrich, 1993: 31). Die Wissenschaftler sollen sich zwischen ihren Disziplinen nur in der Gemeinsprache verständigen. Anschließend muss man erwähnen, dass die Norm in der Sprache von vornherein vorhanden ist und eine Sprache ohne Norm nicht denkbar ist (D. Nerius, 1974: 320).
KAPITEL III. STILISTISCHE BEDEUTUNG
Es wurde in der Wissenschaft immer wieder versucht, die lexischen und grammatischen Mittel in ihren Gebrauchsweisen vom Standpunkt der Verwendung aus stilistisch zu charakterisieren.
Die sprachlichen Einheiten können vom Standpunkt der Referenzsemantik aus identisch sein und sich nur stilistisch unterscheiden.
Innerhalb des funktional-semantischen Feldes der Aufforderung z.B. weisen die speziellen Aufforderungskonstruktionen verschiedene stilistische Konnotationen auf. Hier eine durchaus nicht erschöpfende Liste, die Spillner anführt: Bitte geh jetzt! Ich möchte jetzt allein sein. Mach, dass du
wegkommst. Würdest du mich bitte allein lassen? Jetzt ist die Zeit für dich zu gehen. Hau ab! Ich fordere dich hiermit auf, mich auf der Stelle zu verlassen. Weg mit dir! Darf ich dich fragen, ob es dir etwas ausmachen würde, dich nunmehr zu entfernen. (B. Spillner, 1974: 35)
Wie aus den Beispielen ersichtlich ist, reicht die Skala des Aufforderungsausdrucks von einer ziemlich groben Abweisung bis zur ausgesuchten Höfl ichkeit.
Diese Sätze sind vom Standpunkt der Referenzsemantik identisch und sich nur stilistisch unterscheiden.
Außer der denotativen Bedeutung gliedern die meisten Stilforseher die stilistische Bedeutung.
Prof. E.G. Riesel unterscheidet (1975: 29) 2 Arten der stilistischen Bedeutung:
die absolute (syn. Stilfärbung, Markierung, Kolorierung, stilistische Charakteristik), Stilschicht oder Stilebene;
• die stilistische Bedeutung der sprachlichen Einheit in der zusammenhängenden Rede (kontextuale Bedeutung). Sie hängt
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