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Файл:Stilistik der deutschen Sprache. Учебное пособие
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TEIL II. WORTSCHATZ DER DEUTSCHEN GEGENWARTSSPRACHE AUS STILISTISCHER SICHT
Horrorfi lm, ja, ha ja jedenfalls haben sie sich total erschreckt und sind dann
aus dem Haus gerannt, und dann haben sichʼs der Esel und die Katze und
der Hund und der Hahn erst mal kräftig gemütlich gemacht. ...naja, naja, ein
bisschen Schutz vor der Katze und so.
Die Parenthese entsteht durch den Einschub von Redeteilen in den
Satz, wodurch die geschlossene Satzkonstruktion unterbrochen, der Satz bau
aufgelockert wird. Eingeschoben werden können z.B. Interjektionen oder
Anredeformeln. Im engeren Sinne verstehen wir unter Parenthese Schaltsätze
(ebd.: 191):
...wo halt ʼn Riesentisch mit lauter Fressen stand, so mit ja, mit lauter
ja richtig leckeren Sachen, und aber um den Tisch rum saß halt so ʼne alte
Räu berbande, und schlemmte da, ne, und irgendwie ist denen das Wasser im
Munde zusammengelaufen, und na ja jedenfalls dachten sie sich so, na ja,
denen war des viel mehr gegönnt...
... und gerade wollte mich mein Herrchen, glaube ich, erschlagen und
deshalb bin ich weggelaufen...
Die Ausklammerung oder Ausrahmung ist wiederum ein häufi ges
Merk mal der Jugendsprache und auch der Alltagsrede, denn die Stellung
von Redeteilen außerhalb des Satzrahmens folgt dem sukzessiven Denkverlauf (Conrad, 1978: 46): Und dann rannten die Räuber noch weiter in
den Wald hinein, und voller Angst, und wollten nie wieder zurück in das
Häuschenkehren...
Unter den Satzbauplänen dominiert wie in der Alltagsrede auch die
Parataxe oder die Satzreihe: ...ja, sie is halt nicht mehr so gut auf den Beinen, und liegt halt lieber hinterʼm Ofen, und na ja kann halt nicht mehr so
gut Mäuse fangen, hat da auch nicht mehr so ʼn Bock drauf irgendwie, und
dann, na ja hat se jedenfalls irgendwie so mitgekriegt...
Im ganzen Text ist die übergroße Häufi gkeit der Partikeln charakte ristisch,
wie naja, ja, halt, ne usw. Die Dehnungspartikeln und -phrasen (und so, oder
so) schaffen den jugendlichen Sprechern die Möglichkeit, nachzudenken, um
die Geschichte weitererzählen zu können.
Quellen der Jugendsprache
Eine der Quellen der Jugendsprache ist das Entlehnen des lexikalischen Stoffs aus verschiedensten Ebenen des Nationalwortschatzes: aus
der Literatur- und Alltagssprache, aus der Fachlexik und aus den Dialek ten
sowie aus der Gauner-, Sport-, Medien- usw. Sprachen und auch aus den
Fremdsprachen. “... und was die verstärkenden Adverbien und em phatischen”
Ausdrücke angeht, da lohnt es sich ein kurzer Aufenthalt.
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N. M. NAER. STILISTIK DER DEUTSCHEN SPRACHE
Sagt man nicht im Bayerischen narrisch, wenn etwas sehr gut ist, das
Wetter z. B. ist narrisch gut. Im Schwäbischen kann man sich auch heute
noch arg freuen, im Hessischen konnte man eine Zeit lang etwas bös gut
im Sinne von “sehr gut” nennen. Und sehr? Was bedeutet dieses Wort?
Auch sehr ist ursprünglich ein sprechender Ausdruck gewesen, hing mit
“Schmerz” (mittelhochdeutsch ser) zusammen und bedeutete “schmerzlich, heftig, schwer”. Ist es nicht sonderbar, diese Vertauschbarkeit von
plus und minus, dieser Gegensinn der Worte im Bereich des emphati schen
Ausdrucks? Komisch sagen wir manchmal, wenn etwas ausnehmend
Ernstes gemeint wird. Toll bedeutete ursprünglich wohl “getrübt”, dann
“verrückt, geisteskrank” und kann heute von Älteren als Ausdruck begeisterter Bestätigung gebraucht werden: “Toll!“
abmischen – jmdn verprügeln. Möglicherweise stammt dieses sprachliche Bild aus dem Kartenspiel, bei dem so gemischt wird, dass einer ein
mieses Blatt erhält
abschminken – verzichten, ein Vorhaben aufgeben
abschnallen – völlig überrascht, verblüfft, aus dem Häuschen sein
abschwimmen – emotional in eine starke Störung geraten, gegen die man
machtlos ist
abtreten – abstauben – stehlen
aufreißen – jmdn kennen lernen oder der Aufreißer
geil – alles, was angenehm, toll, wunderbar ist: geile Musik, geile Kla-
motten, geiles Gespräch, geiler Typ
affengeil – alles, was unübertreffl ich bzw. ganz toll ist: affengeile Mu sik,
affengeiler Ofen, affengeiles Motorrad, affengeile Show
totale Banane – ganz egal
Botanik – Gegend, Landschaft, durch die man mit seinem Motorrad bohrt
breit – berauscht, in erster Linie für den Alkoholrausch
bunkern – Geld bunkern gehört zu den wenig geschätzten Tugenden der
älteren Generation
Eier – Kohle – Geld
fetzen – etwas, was begeistert: fetzige Musik, fetziges Konzert; gängiger
Ausruf: Das fetzt! Das fetzt an!
fi lmen – jmdn hereinlegen, betrügen. Der Begriff erinnert an eine ver-
steckte Kamera, die einen arglosen Akteur aufnimmt
du Flasche – du Idiot
einen dicken, weichen Keks haben – verrückt sein, jmd ist aus dem
Häuschen
kernig – beeindruckend, ausgezeichnet, wunderschön
Kiste – 1. Sache, Angelegenheit; 2. eine ganze Lebenssphäre, z. B.: die
Zweier- oder Beziehungskiste – also all das, was mit Liebe, Freund schaft und
Ehe zu tun hat
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TEIL II. WORTSCHATZ DER DEUTSCHEN GEGENWARTSSPRACHE AUS STILISTISCHER SICHT
Klingelbüchse – Telefon
raffen – schnallen – begreifen – checken
Sahne – hervorragend, glänzend, überraschend
Schnee – Kokain
Tante – junges Mädchen
zombige Tante, Supermutter – ein besonders attraktives Mädchen (auch:
Alte, Mutter, Tussi, Schnecke, Torte, Sahneschnitte)
Es gibt viele Neuprägungen. Das ist die eigene Schöpfung der Jugendlichen:
Hinriss – Unsinn, Absurdität
Null-Bock – keine Lust
öden – langweilen
sülzen – reden, auch das Gesülze
“So wie die Erwachsenen die Ausdrucksweise der Jugendlichen als
vulgär und schwer verständlich abtun, haben die jungen Menschen null
Bock auf das Gesülze der Alten, die Geld bunkern und alles so eng se hen.”
(C. P. Müller-Thurau, 1985: 27)
C. P. Müller-Thurau äußert sich so über sein Buch “Lass mich eine
Schnecke angraben”: “Ein affengeiles Buch, das echt anfetzt!”
Im Jugendjargon gibt es Wörter, die die Bedeutung “verrückt, irre,
geistesgestört” haben. H. Ehmann bezeichnete diese Wörter als “Wahnsinnsvokabeln”. Diese Wörter werden sehr oft und in unterschiedlichen
Situationen gebraucht. In den deutschen Wörterbüchern werden diese Wörter
als Wörter, die eine positive Reaktion ausdrücken, bewertet. H. Ehmann betont,
dass fast jede Erscheinung “irre” sein kann. Sehr oft sind die Entzückungswörter
im Jugendjargon zu fi nden. Meistens ist es positive Einschätzung: kosmisch,
gigantisch, galaktisch, super, giga, ultra, derb, herb, geil, mit entsprechenden
tierischen Steigerungen: sau-, äffen-, schweine-: saugut, affengeil, astrein.
Neben der Beobachtung einiger verbreiteter Kernwörter der Jugendsprache – z. B. ätzend – lassen sich Prinzipien erkennen, die der
Konsti tuierung des Sonderwortschatzes zugrunde liegen; Metaphorik,
Expressivität und Emotionalität prägen vor allem die hyperbolisierenden
Ent zückungswörter, deren Wirkung mit Hilfe doppelter oder mehrfacher
Prä dikation (z. B. echt total + Adjektiv) noch verstärkt wird: cool –
supercool – megacool – echt cool.
Echt steht in der Worthäufi gkeitsrangliste weit oben. Ein Buch fi ndet man
irgendwie echt wahnsinnig, schön, von einem Film ist man irgend wie echt
unheimlich betroffen; echt Spitze, echt klasse, echt einsam, echt geil, echt
link, echt ätzend usw.
Die Jugendlichen nutzen geschickt die potenzielle Mehrdeutigkeit
sehr extensiv, indem bestehende Wörter umgedeutet werden und häufi g
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N. M. NAER. STILISTIK DER DEUTSCHEN SPRACHE
verwendete Ausdrücke variable Bedeutung erhalten. Man kann das Ge sagte
am Beispiel aus dem Buch von C. P. Müller-Thurau veranschauli chen. Es
lohnt sich auch den stilistischen Wert dieser Wörter hervorzuhe ben. Das
sind meistens Metaphern, die eine stark ausgeprägte pragmati sche Wirkung
haben, sehr einprägsam, expressiv und emotional sind:
Bene kommt und verwendet für ein “Mädchen” zehn verschiedene Begriffe: Das ist die Alte, die ihn verlassen hat, die Braut, die er sich für die
Zweierkiste wünscht, die Diskotorte, auf die er gar nicht steht, die scharfe
Käthe, die ihn anknallt, die Mutti, auf der er schon abfahren konnte, die
Schnecke, die er gern angraben könnte, der Teenie-Bopper. auf den er keinen Bock hat, die Torte, die ihn linkt, die riesige Tussi. auf die er heiß ist,
die zombige Tante, die er wohl nie anreißen wird. Was Bene sich letztlich
wünscht (und da befi ndet er sich bestimmt in bester Gesellschaft), das ist die
Super-mutter, die eierlegende Vollmilchsau.
Susi, Benes Ex- Torte muss zu Wort kommen. Sie weiß, was sie will –
oder besser, was sie nicht will. Abstoßend findet sie die Macker-Typen
und Stecher mit ihrem totalen Mackerverhalten und ihrer absoluten
“Druck-und-Drauf“-Mentalität. Die Softies und Halb-Softies glaubt sie
auch längst durch schaut zu haben.
Da gibt es noch die Hohlen, die überhaupt nicht schnallen, was läuft. Die
“Zweier- oder Beziehungskiste” ist keine einfache Kiste – das haben Susi
und Bene in ihren jungen Jahren herausgekriegt.
Nicht so wie bei ihren Eltern Arbeit, Essen, Fernsehen, Montag, Dienstag, Mittwoch – immer die alte Kiste. Da muss es doch noch Alternativen
geben, wo alles so ganz easy geht. Sie wollen eine ganz andere Kiste aufmachen. (C. P. Müller-Thurau, 1985)
Eine andere Quelle sind Massenmedien. In den deutschen Großstädten ist die Unsicherheit hinsichtlich der eigenen sprachlichen Schöpfungen hin wiederum besonders ausgeprägt, was bedeutet, dass besonders
hier Massenmedien und Werbung die Entstehung und Dynamik sprachlicher Mode beeinfl ussen. Das Bedürfnis der Jugend sich zu bestätigen und
der Umgebung damit zu imponieren, dass man “auf dem Laufen den” ist,
spielt dabei eine starke Rolle. Die Jugendlichen haben ein feines Gespür für
neue Trends und sprachliche Moden, die in den Massenme dien transportiert
werden und so wirken die Massenmedien entscheidend auf den Lexikbestand
der Jugendsprache ein.
In jugendsprachlich getönten Sendungen des Hörfunks sprechen Moderatoren von dufter Musik und einem irren Knaller, sie schätzen etwas al
irre witzig ein und meinen, dass alle tierisch gut drauf sind. Was als Musik-
titel gesendet wird, erfahrt eine eindeutige Bewertung nach dem Prinzip
jugendsprachlicher Hyperbolisierung: Da ist die Rede vom Riesenhit,
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TEIL II. WORTSCHATZ DER DEUTSCHEN GEGENWARTSSPRACHE AUS STILISTISCHER SICHT
Spitzenteil, Monsterwerk, Mega-Star, von der Turbo-Maxi-Aufgabe,
Supersahnescheibe. Wichtig scheint, einen Jugendton zu erzeugen, zusammen
mit der Musik, über die Sendung legt. Und dieser Jugendton wird dann auch
über lexikalische Versatzstücke in die alltagssprachliche Kommuni kation
mitgenommen (G. Kramorenko, 1996: 37).
Die anderen Quellen, aus denen die Jugendsprache schöpft: Compu-
tersprache, Sportsprache, Disko-Deutsch, Sprache der Drogenszene,
anglo-amerikanische Entlehnungen.
Was die Anglo-Amerikanismen anbetrifft, so ist der Einfl uss der Publi-
zistik auf die Jugendlichen riesengroß. Deutsche Zeitungen und Zeitschriften
sind mit Fremdwörtern überfüllt. Und Anglo-Amerikanis men kann man hier
auf Schritt und Tritt treffen:
No Future? Mit diesen zwei Wörtern Hoffnungslosigkeit kann er nichts
anfangen.
Party bis zum Umfallen
Tankstelle Ughi. (Titel)
Seit kurzem ist sogar Helmut Kohl online, der schon ein Handy für eine
Zumutung hält.
Jugendliche in Deutschland, das sind 1996: Techno-Jünger, Punks. Gir-lies,
Computerkids. Jesus-Freaks. Hippies. Skater. Sprayer. Power. Rapper. Cruiser.
Fit sein, frei sein, high sein.
Selbst die Synthetikdroge “Extasy” ist schon wieder out.
Manchmal ist es richtig verblüffend, wie clever Vierbeiner sind.
Der Tourismus boomt: Jeder zweite Deutsche fährt 1996 in Urlaub.
Im Zeitalter der totalen Verfügbarkeit fehlen Stars. Idole, die von allen
akzeptiert werden.
Shopping-Trip ins Sammler-Paradies (Titel)
Sightseeing in der Nacht.
Aus dem Umfeld der meist englischsprachigen Pop-/Rock-Musik drin-
gen in die Sprache der Jugendlichen auch die Worteinheiten ein. Pro blemlos
werden englische Lexeme in das deutsche Flexionssystem einge bunden (ein
cooler Typ), und zum Teil werden Verben mit deutschen In fi nitivsuffi xen
versehen (powern, reinmoven, relaxen, checken).
Cool ist ein Beispiel für ein englisches Wort, das grammatisch an das
deutsche Sprachsystem assimiliert wird (eine coole Sache). Als Bedeutung
wird in dem “Lexikon der Jugendsprache” (H. Ehmann, 1992). Folgendes
angegeben: engl. kühl, kalt; jugendsprachl. 1. ruhig, gelassen, überlegen;
2. hervorragend, besonders gut – in dieser Bedeutung einer der zentralen
Begriffe der Jugendsprache; auffälligst die Bedeutungserweiterung gegenüber dem Englischen: Immer cool bleiben, Django! Lieber cool als schwul!
Da hab ich mir wieder mal ’nen ganz coolen Job gekrallt. Siehe auch
H. Ehmann “Affengeil: Ein Lexikon der Jugendsprache” (München, 1992).
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N. M. NAER. STILISTIK DER DEUTSCHEN SPRACHE
Für die Jugendlichen selbst steht häufi g der Gebrauchswert eines sol chen
Wortes im Vordergrund, wenn sie über “ihre” Sprache diskutieren, z. B. hier
in einem Gespräch, das drei 17-bzw. 18-jährige Freunde (A und G weiblich,
J – männlich) miteinander geführt haben (aus M. Reineke “Jugendsprache”):
A.: “Cool”, das war ja nun halt “locker”, “gelöst“.
G.: Ich weiß nicht, was war zuerst da, das Huhn oder das Ei? War “cool”
jetzt als Bedeutung für diesen Typen, der so aussieht, oder war “cool” einfach
irgendwas, was gut war?
Checken: Die englische Bedeutung von checken ist hauptsächlich “prü fen,
nachsehen”. In der deutschen Jugendsprache hat es zusätzlich die Bedeutung
“merken” angenommen: Er hat nicht gecheckt, dass sie voll auf ihn abfährt.
(C. P. Müller-Thurau, 1985: 101)
Andererseits werden auch deutsche Wörter mit fremdsprachigen Wör tern
zusammengesetzt. Hier einige Beispiele aus H. Ehmann “Jugend sprache und
Dialekt” für mögliche Varianten: Topmann/Topfrau, Front frau, Soundteppich,
let’s fetz (englisch + deutsch) übercool, uncool, Dauerpowerl, ausgepowert,
Milchshake (deutsch + englisch); ultrageil, super stark (lateinisch + deutsch);
hyperstark (altgriechisch + deutsch); Rie senhorror, Wahnsinnsterror (deutsch
+ lateinisch); Spitzenmacker (deutsch + niederländisch).
Die mit Abstand beliebtesten Wortbildungssuffixe Jugendlicher (und
nicht nur) im Zusammenhang mit fremdsprachigen Wörtern sind die
Derivati onsmorpheme -mäßig und -ig, z. B. ultramäßig, floppymäßig,
soundmäßig, softwaremäßig, cliquenmäßig, powermäßig, softig, beatig,
flippig, speedig.
Stilistischer Aspekt der Jugendsprache
Die Jugendsprache zeichnet sich einerseits durch kreative Variation
standardsprachlicher Formen und Ausdrücke aus und andererseits ist sie an
Metaphern, Metonymien und Hyperbolisierung reich.
Die Jugendsprache ist äußerst expressiv, emotional und funktionalgebunden. Sie gehört zur Umgangssprache. Die Jugendsprache ist be weglich,
immer neue Wörter tauchen in der Jugendsprache zu einem be stimmten
Zeitmoment auf, und viele leben ab.
Die Jugendsprache ist – wie oben gesagt – ein “Sekundargefüge”, das
sind in erster Linie umgangssprachliche oder salopp-umgangssprachliche
Sprechstile, die aber doch durch gemeinsame Merkmale zu charakterisieren sind. Insgesamt kann die Jugendsprache – nach der Einschätzung von
Jugendlichen selbst – durch folgende Züge charakterisiert werden:
• Sprachwitz, z. B. Erfi ndung neuer Wörter, Umdeutungen
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TEIL II. WORTSCHATZ DER DEUTSCHEN GEGENWARTSSPRACHE AUS STILISTISCHER SICHT
• Direktheit (oft betont aggressives, unhöfl iches Sprechen, innerhalb
der Gruppe werden Höfl ichkeitsregeln außer Acht gelassen, keine
Not wendigkeit von “Anschleimen”)
• Spontaneität, und Kreativität (Sprachspiele als Ad-hoc-Produkte,
ab gewandelte Sprüche aus den Medien)
• Freiheit und Ungezwungenheit, vgl. z. B. Wachau (1989: 77)
• Emotionalisierung der Sprache
Die Stilisierung von Jugendsprache hat die Funktion, Personen oder eine
bestimmte Atmosphäre zu charakterisieren. Dieser Aspekt ist am deutlichsten
in der Literatur zu fi nden: Das bekannteste Beispiel stellt U. Plenzdorf im
Roman “Die Leiden des jungen Werter” dar.
Zum anderen fi ndet man die Jugendsprache in Parodien. So wird Goethes
“Faust” folgenderweise in der Jugendsprache abgefasst:
PROLOG IM HIMMEL
Auszug aus “Faust” von Uta Claus und Rolf Kutschera
Der Herr: Mensch, Mephi, das nervt mich ungeheuer, dass du immer nur
rummotzt!
Im Himmel sind zu sinnierend Red vereint der Herr und Mephistopheles,
der Böse, der unzufrieden mit dem Umstand ist, dass Gott dem Mensch gab
Vernunft.
Mephisto: Echt ätzende Chose! Versaut doch total jede Action.
Da fasst Mephisto einen Plan. Den Doktor Faustus, den studierten Mann,
der gerade nach dem rechten Lebensweg noch sucht, will er vom Pfade der
Vernunft abbringen und hinführen in sein eigen teufl isches Reich.
Mephisto: Wetten, dass ich dir den Doc abluchse, Big Boss?
Der Herr geht auf die Wette ein. Solange Faust auf Erden lebt, darf
Mephisto sein Glück an ihm versuchen. Im Tode aber will der Herr den Faust
zu sich ins Reich hinnehmen.
Der Herr: Ist gebongt, Mephi, leg dich ruhig ins Zeug. Aber sobald der
Doc vom Schlitten rutscht, hast du bei ihm nix mehr zu melden. Dann bin ich
am Drücker!
SO WARD DIE WETT’ GESCHLOSSEN
In dunkler Nacht sitzt Faust in seinem Zimmer. Ihm ist der Kopf vom
Grübeln schwer. Des Lebens Sinn und Zweck will er erforschen. Doch kann
es ihm gelingen nicht, trotz seiner vielen Studien.
Faust: Sämtliche ätzende Infos hab ich mir rein gepfi ffen. Und was ist
Sache? Ich häng in der Landschaft wie ein Hirni und blick ʼs genauso bescheiden wie vorher!
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N. M. NAER. STILISTIK DER DEUTSCHEN SPRACHE
Um zu erkennen, was die Welt im Innersten zusammenhält, tat der Ma gie
er sich ergeben. Doch als er dort selbst keine Lösung seiner Fragen fi ndʼ,
ergreifen will zum Letzten. Ein Fläschlein Gift grüßt vom Regale hoch hinab
zu ihm.
Faust: Null Bock auf Future! Ich glaub, ich geb den Löffel freiwillig ab.
Her mit dem Stoff und ab in die Kiste. Ex und hopp!
Doch ehʼ es naht der Mund der giftʼgen Schale sich, setzt ein gewaltig
Tosen an: des Osterfestes Feierstunde beginnt mit Glockenschlägen und hält
den Faust von seiner Tat zurück.
Faust: Echt geile Nummer, kerniger Sound. Das törnt ja wahnsinnig an!
Ich glaub, ich mach doch noch ein paar Takte länger mit.
Gerettet ist der verzweifeltʼ Mann vorerst. Am Ostermorgen tritt er vor das
Tor der Stadt, woʼs Volk den Frühling feiert mit Tanz und Sang und Lachen.
Der Text von U. Claus und R. Kutschera will seinen jugendsprachli chen
Stil durch die Verwendung typisch jugendsprachlich angenommener Wörter
erreichen.
Weiterwerden einige Bearbeitungen des bekannten Märchens “Rotkäppchen” nebeneinandergestellt, damit die Charakteristika der jugendsprachlichen Variante noch deutlicher erscheinen.
Die Parodie hat oftmals das Ziel, einen humoristischen Effekt hervorzurufen, wie z. B. der folgende Text, der mit seiner abgekürzten Form
wohl den modernen Zeitgeist widerspiegeln möchte (Fluck, Maier, 1986: 7,
aus “Brigitte” 1984, Nr. 6):
ROTKÄPPCHEN UND DER WOLF (FÜR EILIGE)
Oma krank. Mädchen mit Kappe
bringt zur Kranken Happe-Happe.
Wolf frisst Oma (wie gemein).
Mädchen tritt in Stube ein.
Denkt: Das ist die Oma nicht,
hat so’n komisches Gesicht.
Wolf frisst rot bekapptes Kind.
(Sieht man mal, wie Wölfe sind.)
Jäger kommt, tut Wolf aufschneiden.
Schluss der Leiden für die beiden.
Ende gut, vorbei die Not:
Oma lebt noch, Wolf ist tot.
Eine besondere Art Stilbruch entsteht durch die Kombinierung unterschiedlicher Funktionalstile in dem Gedicht von Rolf Krenzer:
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TEIL II. WORTSCHATZ DER DEUTSCHEN GEGENWARTSSPRACHE AUS STILISTISCHER SICHT
ROTKÄPPCHEN
Kleines Mädchen, blonde Zöpfchen,
rotes Käppchen auf dem Köpfchen,
trägt Kuchen und Wein fürs Großmütterlein.
Wolf kommt, fragt prompt:
“Wie kommt man zu dem gewissen Haus?“
Kurze Antwort: “Dort hinaus!“
So schlingt der Wolf
alles in sich hinein:
Großmutter, Rotkäppchen,
Kuchen und Wein.
Ein Forstbeamter, bezahlt vom Staat,
der mehr als Dienst nach Vorschrift tat,
erlöst mit dem Messer in der Hand
Großmutter, Rotkäppchen samt Proviant.
Große Feier im Haus.
Märchen aus.
Die Diminutivformen in der ersten Strophe sind für das so genannte
Mutterische (für die Ammensprache) typisch, sie lassen einen familiären
Märchenstil erkennen, während die zweite Strophe von der Amtssprache
geprägt wird, und so erzeugen die gänzlich unterschiedlichen Stilmerk male
einen ambivalenten, wiederum humorvollen Stileffekt.
Letztlich können bekannte Vorlagen auch in Gruppensprachen über setzt
werden. So haben z. B. U. Claus und R. Kutschern unter dem Titel “Total tote
Hose” (1984) zwölf “bockstarke Märchen” in die Jugend sprache übertragen.
Das Ziel dabei lässt sich eher erahnen, als mit Si cherheit erkennen. Uta Claus
schreibt in ihrem eigenartigen Vorwort “Et was über mich und über die Sache”
Folgendes: “Als ich 1979 anfi ng, Märchen in Jugendsprache zu schreiben, weil
ich den Kontrast lustig fand (und man schließlich nicht nur aus ernsthafter
Arbeit bestehen kann), habe ich übrigens auch selber gemerkt, wie viel Spaß es
macht, sich Aus drücke auszudenken. Es ist also nicht alles sprachauthentisch,
was Sie jetzt zu lesen kriegen. Aber munter sollʼs machen.”
Ihr Aufruf zum Weiterlesen lautet stilgerecht: “Ab geht die Post...“
Das Hauptziel derartiger Arbeiten ist also Unterhaltung: die erwachse nen
Leser sollen Spaß daran haben, wie Jugendliche wenigstens angeblich reden.
Der Unterhaltungswert solcher Arbeiten ist desto größer, je über spitzter der
Stil ist. In diesem Sinne sind derartige Texte wiederum Paro dien. Meine
Fragestellung lautet: Wie/wodurch erhalten derartige Über tragungen ihren
jugendsprachlichen Charakter, d. h. welche Merkmale werden als “typisch
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N. M. NAER. STILISTIK DER DEUTSCHEN SPRACHE
jugendsprachlich” betrachtet? – Bei der Beantwor tung der Frage dient als
erste Grundlage die jugendsprachliche Variante des Märchens “Rotkäppchen”
(U. Claus, R. Kutschera, 1984: 51–54):
EIN TYP ERZÄHLT ROTKÄPPCHEN
In dieser Story gehts um sonen reichen Zahn, der wohl mords knackig
aussah, aber durch die feine Family total out war. Jede Menge Klamotten
und sonen Plunder, aber dafür immer auf liebes Mädchen machen und
so nen Scheiß. Die fuhr da aber entweder voll drauf ab oder blickte überhaupt
nich durch, jedenfalls machte se nie Rabbatz sondern lief auch noch mit soner affi gen roten Samtmütze rum, die ihr die Großmutter mal verpasst hatte.
Jedenfalls durch selbige antike Dame kam dann die ganze Story ins Rollen. Die
hatte es wohl irgendwie umgehauen, wahrscheinlich Migräne oder so, wie das
bei diesen feinen Pinkeln ja immer so is. Jedenfalls lag sein ihrer Poofe fl ach und
erwartete, dass die liebe Family anmarschiert kommt. Die Alten vom Zahn hatten
da wohl aber auch nicht gerade den schärfsten Bock drauf jedenfalls musste der
Zahn jetzt mit sonem Fresskorb in den Wald latschen, wo der Nobelschuppen
von der maroden Alten stand. Und wie der Zahn so durch den Wald schnürt,
kommt doch son haariger dunkler Typ angepirscht und ist unheimlich scharf auf
den Zahn, weil der so heiß aus sieht. Die ist aber durch ihre scheißbürgerliche
Erziehung total verklemmt und lässt ne unheimlich blöde Quatsche raus. Der Typ
denkt wohl, dass er das schon irgendwie managed und macht auf romantisch, so
mit Blümelein, Vögelein und heiteitei. Die kapiert aber wieder nich die Bohne,
was läuft und will immer nur für die abgeschlaffte Alte Blumen griffein. Der Typ
dreht fast durch, weil er den Zahn nicht krallen kann, will aber unbedingt zu
Potte kommen. Die Story mit dem kranken Friedhofsgemüse hatte der Zahn ja
beim Blumenknacken an ihn rangelabert. Also nix wie hin in die Villa, die alte
Dame aus der Poofe geschmissen und sich schon mal selber reingehauen. Als
der Zahn endlich angeschlurft kommt, schnallt der erst gar nix. Hat wohl seine
Linsen nicht drin oder ist sonst wie ein bisschen behämmert. Vielleicht isse aber
auch cleverer, als se aussieht, und hat total kapiert, was Sache is, steigt aber
voll auf die Masche ein. Jedenfalls nach sonem bisschen Geplän kel von wegen
großer Nase und Augen und so ist die Sache geritzt, der Typ griffeltsich den
Zahn und vernascht ihn. Die Kiste war ja auch ganz o.k. gewe sen, wenn nicht
die verklemmte Lady Zoff gemacht hätte. Vielleicht hättse auch selber nen Bock
auf den Typ gehabt und war jetzt sauer. Bei dieser Sorte Wei ber ist ja alles drin.
Jedenfalls holt se sonen Flintenspezi als Verstärkung. Der spielt sich auch gleich
als der dicke Mackerauf und fuchtelt so lange mit seiner Knarre rum, bis der Typ
die Mücke macht, und ist auch noch stolz drauf. Die alte Lady macht sich jetzt
unheimlich über den Fresskorb her und ist auch ganz happy. Nur für den Zahn
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