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Файл:Stilistik der deutschen Sprache. Учебное пособие
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TEIL I. GRUNDFRAGEN DER STILISTIK
Seine Thesen sind von J. Mukarovsky und F. Wodicka vor allem im
Hinblick auf die Dichtersprache weiterentwickelt worden.
In den 60er-Jahren des vorigen Jahrhunderts ist die funktionale
Einleitung der Sprachen als Differenzierung der Stile in der sowjetischen
Linguostilistik und später in der Stilistik der DDR rezipiert erweitert worden.
Die Stilforscherin E.G. Riesel konstatiert fünf Funktionalstile:
• Stil der öffentlichen Rede;
• Stil der Wissenschaft;
• Stil der Presse und Publizistik;
• Stil der Alltagsrede;
• Stil der schönen Literatur.
Gemeinsam sind den Texten eines Funktionalstils bestimmte
Auswahlkriterien der Stilmittel, bestimmter Stilzüge und spezifi sche
kommunikative Verwendungsweisen.
Zusammenfassend kann man die Stilistik folgenderweise betrachten:
• als Lehre von den Stilen der Sprache und ihren Abarten, die
sich den verschiedenen Funktionen der Sprache entsprechend
herausgebildet haben und durch Besonderheiten bei der Auswahl
und Kombinierung von sprachlichen Mitteln gekennzeichnet sind;
• als Lehre von den Ausdrucks- und emotionellen Bewertungsmitteln
der Sprache und deren Anwendung in verschiedenen Sphären des
sprachlichen Verkehrs.
R. Konrad gibt folgende Defi nition: “Stilistik, auch Stilkunde:
Wissenschaft vom Stil. Die Stilistik untersucht die Regeln der Auswahl und
Kombination sprachlicher Mittel zu einem bestimmten Zweck und deren
Wirkung” (R. Konrad, 1981: 254).
Stellung der Stilistik im System der anderen
philologischen Disziplinen
Die Stilistik als eine eigenständige Disziplin berührt Kernfragen anderer
Bereiche der Sprachwissenschaft, die ebenfalls die funktionsbedingten
Varianten der Sprachverwendung untersucht.
Stilistik und Soziolinguistik
Auf Grund des Charakters ihres Gegenstandes und ihrer Aufgaben
gehört die Stilistik zu den Gesellschaftswissenschaften und als solche
berührt sie sich eng mit der Soziolinguistik. Die Soziolinguistik
untersucht das Wechselverhältnis zwischen der Sprache und der
Gesellschaft.
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N. M. NAER. STILISTIK DER DEUTSCHEN SPRACHE
Das Hauptanliegen der Stilistik ist es, die Beziehungen zwischen
den Besonderheiten der Sprachverwendung in der Kommunikation und
den Besonderheiten der gesellschaftlichen Situation, aus der sich die
Notwendigkeit der Art der Sprachverwendung ergibt, aufzudecken. Die soziale
Determiniertheit der Sprachverwendung bestimmt den zentralen Gegenstand
der Stilistik. Die extralinguistischen Faktoren spielen die entscheidende
Rolle bei der Entstehung und Entwicklung der charakterologischen Lexik
und anderer stilistischen Mittel.
Stilistik und Linguistik
Die Linguistik untersucht den gesamten Sprachbau als System.
Dabei untersuchen die Phonetik, die Grammatik und die Lexikologie die
Gesetzmäßigkeiten im Sprachgebrauch, sozusagen sprachliche Norm,
die Stilistik erforscht nun die Verwendungsweise dieser Einheiten, die
Abweichung von der Norm.
Stilistik und Textlinguistik
Zwischen Stilistik und Textlinguistik bestehen Wechselwirkungen, aber
auch Verschiedenheiten. Mit der Textlinguistik ist der Stilistik seit einigen
Jahrzehnten eine scheinbare Konkurrenz erwachsen. Beide Disziplinen
scheinen den gleichen Gegenstand zu analysieren, das gleiche Erkenntnisziel
zu haben, nämlich die textliche Beschaffenheit sprachlicher Äußerungen.
Aber während die Textlinguistik, dass was allen Textklassen gemeinsam ist
und damit allgemeine Regularitäten der Textproduktion und Textrezeption
zu erfassen sucht, die dann als Regularität des Zusammenwirkens von
Regeln erscheinen, bemüht sich die Stilistik gerade die charakteristischen
sprachlichen Variationen struktureller Einheiten zu beschreiben, auch die
Abweichungen von erwarteten Normen und Regeln.
So achtet z. B. die Textlinguistik bei Gegenständen oder Kategotien, die
von beiden Disziplinen untersucht werden, wie der Satzbau eines Textes, auf
die Art der vorliegenden grammatischen und semantischen Zusammenhänge,
wogegen die Stilistik die Art und Wirkung auf den Rezipienten zu erfassen und
zu beschreiben versucht (B. Sowinsky, 1999: 9).
Stilistik, Pragmatik und Theorie der Sprachhandlung
In der Stilistik treten Auffasungen und Methoden der Pragmatik, d. h.
handlungsorientierten Stilistik mit einem großen Geltungsanspruch hervor,
Ausgangspunkt dieser Pragmatikorientierung ist die Lehre von Sprechakten
wie sie von den englischen Linguisten John Austin (J. L. Austin, 1998) und
John R. Searle (J. R. Searle, 1998) entwickelt worden ist. Dieser Lehre liegt
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TEIL I. GRUNDFRAGEN DER STILISTIK
die Auffasung zu Grunde, dass Sprache in der Kommunikation immer auch als
sprachliches Handeln (im Sinne eines intentionalen, also absichtsgesteuerten
Verhaltens) empfunden werden kann.
Die Stilistik wird so zur Theorie der sprachlichen Handlungsrealisationen,
wie Barbara Sandig Vertreterin des pragmatischen Stilbegriffs schreibt
(B. Sandig, 1986).
Man darf nicht die Pragmatik und die Stilistik getrennt betrachten. Sowohl
die Stilistik als auch die Pragmatik befassen sich mit der Erforschung der
Einwirkung der Aussage auf den Empfänger. Die Stilistik und die Pragmatik
kreuzen sich, ihre Aufgabe ist es letzten Endes die gezielte Einwirkung auf
den Leser/Hörer zu erreichen, die Rede möglich präzis und wirksam zu
gestalten.
Stilistik und Literaturwissenschaft
Traditionel wird Stilistik sogar als literaturwissenschaftliche Teildisziplin betrachtet (B. Sowinski, 1999: 10; W. Kayser, 1948: 14).
Die Literaturwissenschaft befasst sich mit dem individuellen Stil
des Schriftstellers, verschiedenen Stilauffassungen, Stiltheorien und
Stilmethoden. Die Stilistik schließt den Stil der schönen Literatur als einen
der Funktionalstile in sich ein.
Stilistik und kognitive Wissenschaft
Was die kognitive Wissenschaft betrifft, so berührt sie sich sehr eng
mit der Stilistik. Das Vorwissen (B. Sandig, 1986: 131) oder der Fram
(Ch. Fillmor, 1976) stellen die Blocks unserer Kenntnisse, die in unserem
Bewusstsein haften, sind sehr wichtig für die exakte Dekodierung jeder
Aussage. Die meisten stilistischen Leistungen (Allusionen, Ausdrucksmittel
des Komischen) lassen sich nur im kognitiven Aspekt erschließen.
Zu den Grundsatzfragen der Stiltheorie gehören vor allem die Defi nitionen
der Hauptkategorien dieser Wissenschaft.
Stil. Funktionalstil
Problem der Stilklassifi kation
Bestimmung der Begriffe “Stil” und “Funktionalstil“
Bei der Defi nition der Grundbegriffe der Stilistik beginnen wir mit dem
Zentralbegriff “Stil”.
Das lateinische Wort “Stilus” (griechisch stylos) bezeichnete ursprünglich
den Schreibgriffel auch zur Kennzeichnung der sichtbaren Schreibweise
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N. M. NAER. STILISTIK DER DEUTSCHEN SPRACHE
und später der verstehbaren Sprachforn benutzt wurde. Im 17. Jahrhundert
wurde es daneben für bestimmte Kompositionsweisen der Musik verwandt,
im 18. Jahrhundert auf die Gestaltungsweise der bildenden Künste übertragen
und dann weiter verallgemeinert und erneut auf den Begriff des Sprachstils
als Kennzeichnung einer auf Auswahl beruhenden charakteristischen und
einheitlichen Weise des sprachlichen Ausdrucks übertragen.
Die Auslegung und Verwendung des Begriffs “Stil” ist verschieden, es
bestehen unterschiedliche Auffasungen über das Wesen des Sprachstils.
Eine allseitige Übersicht über verschiedene Defi nitionen des Stils erscheint
sinnvoll, weil damit aufs engste der Gegenstand, die Ziele und Methoden
der Stilforschung verbunden sind und die damit verbundenen Problematiken
einsichtig gemacht werden können.
Einige Stilforscher defi nieren Stil als Schmuck der menschlichen Rede,
als Einheit der künstlerischen Gestaltung, als Abweichung von einer Norm.
Der Stil setzt dort ein, wo künstlerische Werte auftreten (H. Seidler, 1963).
Unserer Meinung nach liegt diese Ansicht den rethorischen Figuren und
Tropen zugrunde und kann nur der Literaturwissenschaft gehören.
Der Begriff “Stil” ist bis jetzt strittig. Es gibt eine Vielfalt von Defi nitionen.
Der Terminus “Stil” wird widerspruchsvoll verwendet, dabei verschieden in
Literatur, Fachliteratur, Linguistik, Literaturwissenschaft, Stilistik.
Wir befassen uns mit dem Begriff “Stil” in der Stilistik.
B. Sandig vergleicht den Stilbegriff mit einem Chamäleon, das seine
Farbe wechselt und so stets anders aussehen kann (B. Sandig, 1986: 3).
Verschiedene Formulierungen des Stils scheinen mitunter einander
zu widersprechen. Die Untersuchungen zeigen doch, dass in den
zahlreichen Stil-Definitionen eigentlich nur unterschiedliche Aspekte
des mehr oder weniger gleichen Gegenstandes vorliegen, die erst in der
Zusammenschau der berechtigten Einzelperspektiven das Phänomen
Sprachstil kennzeichnen.
1. B. Sowinski defi niert Stil als funktionale Redeweise, als System der
Ausdrucksgestaltung der Verwendungsweise der sprachlichen Möglichkeiten,
als zweckmäßig gestaltete Sprache (B. Sowinski, 1975: 20). Diese Defi nition
schließt sich an die von E. G. Riesel. Es gibt zwischen diesen Defi nitionen
keine Widersprüche, nur terminologische Differenzen.
2. Unter “Stil” versteht E. G. Riesel demnach “die historisch veränderliche, funktional und expressiv bedingte Verwendungsweise der Sprache
auf einem bestimmten Gebiet menschlicher Tätigkeit, objektiv verwirklicht
durch eine zweckentsprechend ausgewählte und gesetzmäßig geordnete
Gesamtheit lexischer, grammatischer und phonetischer Mittel” (E. G. Riesel,
E. I. Schendels, 1975: 16).
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TEIL I. GRUNDFRAGEN DER STILISTIK
3. Krahl und Kurz defi nieren den Stil folgendermassen: “Stil ist historisch,
funktionell, vermittlungsspezifi sch und individuell bedingte gedanklich-
sprachliche Aussageweise” (S. Krahl/J. Kurz, 1977: 13).
4. Fleischer und Michel geben folgende Definition: “Stil ist auf
die charakteristische Weise strukturierte Gesamtheit der in einem Text
gegebenen sprachlichen Erscheinungen, die als Ausdrucksvarianten
innerhalb einer Reihe synonymischer Möglichkeiten von einem Sprecher/
Schreiber zur Realisierung einer komunikativen Funktion in einem
bestimmten Tätigkeitsbereich ausgewählt worden sind” (W. Fleischer,
G. Michel, 1975: 11).
5. Bei dem amerikanischen Stilforscher N.Enkvist fi ndet man die
brauchbarste und umfassendste Stildefi nition. Sie ermöglicht es, die
verschiedenen Erscheinungsformen des Stils und vor allem seine
Funktionalität zu erfassen: “Stil – das ist eine Form systematischer
sprachlicher Variabilität” (N. Enkvist, 1971: 25).
Aber es lohnt sich auch andere Defi nitionen zu erwähnen, die nach
unserer Ansicht Einzelheiten in den Vordergrund rücken und daher mehr den
Redegenres eigen sind oder als stilistische Färbung in der Linguostilistik
kennzeichnet werden. “Ein Schreibstil” kann ästhetisch, amtlich,
individuell, erzählend, autoritär, unautoritär sein; parodischer Stil, eleganter
Stil, Märchenstil, ironischer Stil, höfl icher/unhöfl icher, freundlicher/
unfreundlicher Stil (B. Sandig, 1993).
Leider kommt diese Verwendung in den Schriften der Sprachwissenschaftler oft vor.
Aber der Grundbegriff “Stil” bedarf der Präzisierung, weil die
Funktionalstilistik im Mittelpunkt der Stilistik steht und der Grundbegriff
der stilistischen Forschungen “Funktionalstil” ist. Der Funktionalstil wird als
Bereichsstil bestimmt (S. Krahl, J. Kurz, 1977: 22).
Das heißt: die Norm des Kommunikationsbereiches ist maßgebend und
der einzelne Autor muss sich ihr völlig unterordnen.
Vom Standpunkt der nach gesellschaftlichen Bereichen gegliederten
Kommunuikationen aus ist ein Funktionalstil die Gesamtheit der für
einen bestimmten Bereich charakteristischen Stilzüge bzw. Stilprinzipien
(S. Krahl, J. Kurz, 1977: 23).
Der Funktionalstil ist die Verwendungsweise der Sprache, die dem
entsprechenden Kommunikationsbereich angemessen ist (E. G. Riesel,
E. I. Schendels, 1975: 16).
Am brauchbarsten und umfassendsten wäre die folgende Defi nition:
Der funktionale Stil ist eine gesellschaftlich bewusste und funktionalmotivierte Form sprachlicher Variabilität.
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N. M. NAER. STILISTIK DER DEUTSCHEN SPRACHE
Stilklassifi kation in der deutschen Sprache
Die Stilklassifi kation ist das zentrale Problem der Stilistik. “Jede Rede,
sei sie schriftlich oder mündlich, im offi ziellen oder privaten Verkehr,
hat Stilmerkmale (Stilzüge), die diese Rede in festgenormte Stiltypen
eingliedern.” (S. Krahl, J. Kurz, 1977: 22).
Von den meisten Sprachwissenschaftlern wird als Klassifi kationsprinzip
der Funktionalstile die gesellschaftliche Aufgabe, die soziale Funktion; ihre
kommunikative Aufgabe. Der funktionale Stil wird dadurch bestimmt, in
welchem Bereich der gesellschaftlichen Kommunikation die Sprache ihre
Funktion als Verständigungsmittel erfüllt. Deshalb gehen die Stilforscher
bei der Stilkassifi kation vom funktionalen Stil aus, da die funktionale
Stilklassifi kation von besonderer gesellschaftlicher Bedeutung ist.
Man muss besonders unterstreichen, dass einige Stilmerkmale in
mehreren funktionalen Stilen vertreten sein können, aber sehr wichtig ist ihre
Kombination, ihr Zusammenhang, ihr System. Dem Funktionalstil sind alle
Merkmale der Sprache als System eigen, außer der universalen Verwendung.
In der deutschen Gegenwartssprache unterscheiden Stilforscher folgende
Funktionalstile:
1. Stil des öffentlichen Verkehrs (der Sachstil);
2. Stil der Wissenschaft (der wissenschaftliche Stil);
3. Stil der Presse und Publizistik (der Pressestil, der Zeitungsstil);
4. Stil der Alltagsrede (der Alltagsstil, der Konversationsstil);
5. Stil der schönen Literatur.
Die genannten fünf Stiltypen sind in der deutschen Stilistik anerkannt,
aber manche Fragen bleiben bis jetzt strittig.
Strittige Fragen der Stilklassifi kation
W. Fleischer (1975: 11) meint, der Stil der Presse und Publizistik sei
strittig wegen seiner Mannigfaltigkeit und Variabilität, weil Stil als Ganzes
einheitlich bleiben soll.
Die russischen Anglisten, die Stilforscher (I. R. Galperin, 1973: 6),
(W. L. Naer, 1976: 6) behaupten, dass hier zwei selbstständige Stiltypen
ungerecht vereinigt werden: der eigentliche Zeitungsstil, der seine eigene
gesellschaftliche Funktion hat, sein System der Stilzüge und Stilelemente,
und der publizistische Stil.
Noch umstrittener ist die Ausgliederung des Alltagsstils. Der Anglist
I. R. Galperin lehnt entschieden die Alltagsrede als funktionalen Stil
ab (I. R. Galperin, 1973). Erstens behauptet er, dass die Alltagsrede
keine eigene gesellschaftliche Funktion außer der kommunikativen
hat, die allen Stilen eigen ist, zweitens haben die anderen funktionalen
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TEIL I. GRUNDFRAGEN DER STILISTIK
Stile die Opposition: Schriftsprache/mündliche Sprache (Form), wo die
Schriftform dem funktionalen Stil zugrunde liegt, aber seine mündliche
Form kann realisiert werden, was aber nicht immer geschieht z. B.
eine wissenschaftliche Arbeit kann als Vorlesung gehalten werden, ein
künstlerisches Werk kann vorgelesen oder auf der Bühne aufgeführt
werden usw. Drittens ist es unmöglich die mündliche Rede im Original
zu fixieren. Von unserem Standpunkt aus kann man sich mit diesen
Einwänden nicht einverstanden erklären. Erstens hat die Alltagsrede ihre
eigene Funktion: der menschliche Verkehr, alltägliche Sprachkontakte,
zweitens hat die Alltagsrede (zwar ein bisschen bearbeitete) schriftliche
Form in der schöngeistigen Literatur, drittens lässt sich die Alltagsrede
fixieren, was Professoren W. D. Dewkin (1965, 1973, 1981) und
H. Küpper (1970, 1972) bewiesen haben. W. D. Dewkin verfasste
mehrere Monographien, wo er die Alltagssprache und ihre Merkmale
allseitig betrachtet. Außerdem gibt es Wörterbücher der Alltagsrede
(W. D. Dewkin, 1994; H. Küpper, 1970).
E. G. Riesel hat eine spezielle Monographie herausgegeben, in der sie
auf alle strittigen Fragen einzugehen und die Existenz des funktionalen Stils
“Alltagsrede” zu beweisen versucht (E. G. Riesel, 1964).
Eine weitere Frage ist, ob es einen funktionalen Stil der schönen Literatur
oder nur literarische Genrestile und künstlerische Individualstile gibt.
Manche Stilforscher lehnen den Stil der Belletristik ab und geben folgende
Gründe dafür an:
• Die Thematik der schönen Literatur ist nicht einheitlich, sie ist nicht
mit einem Kommunikationsbereich, sondern mit allen verbunden;
• Die Ausdrucksmittel sind zu mannigfaltig und werden individuell
gebraucht;
• In der schönen Literatur können alle anderen Funktionalstile
vertreten werden und
• Die schöne Literatur erfüllt ästhetische Funktion.
Das stimmt, aber trotzdem kann man den funktionalen Stil der schönen
Literatur anerkennen, weil man die Verwendung der Ausdrucksmittel
ungeachtet ihrer Mannigfaltigkeit als System betrachten und beschreiben
kann. Und es ist die Eigenart der schönen Literatur, dass die ästhetische und
kommunikative Funktion ineinander fl ießen. Das ist eben ein Merkmal, ein
Stilzug des funktionalen Stils der schönen Literatur.
Einige Stilforscher gliedern den funktionalen Stil der Werbung –
Werbesprache aus (M. Brandes, 1983: 131; B. Sandig, 1986: 63).
Die Grenzen der Stile sind verschwommen, doch ist es möglich, die
allgemeine Charakteristik der funktionalen Stile statistisch zu bestimmen.
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N. M. NAER. STILISTIK DER DEUTSCHEN SPRACHE
Der einzelne funktionale Stil (G. Michel, 1979: 10), der oberste Rang
der Hierarchie, schließt wiederum eine größere oder kleinere Anzahl von
Abarten in sich ein. Das sind Gattungsstile, die gewisse Ausdrucksvarianten
aufweisen. Ihr Wirkungsfeld ist geringer im Vergleich zum funktionalen Stil,
sie haben eine spezielle gesellschaftliche Aufgabe als die funktionalen Stile,
aber sie stellen eben auch funktionale Verwendungsweisen der Sprache dar.
Zum Stil des öffentlichen (offi ziellen) Verkehrs gehören: Stil der Ämter
und Kanzleien, Stil des Geschichtswesens, Stil des Diplomatenverkehrs,
des Handelsverkehrs usw. Sie haben gemeinsame Stilzüge des offi ziellen
Verkehrsstils, aber unterscheiden sich durch einzelne Momente der
sprachlichen Realisierung (durch engspezialisierte Lexik, Satzbau,
spezifi sche Klischees usw.).
Innerhalb des Stils der schönen Literatur gibt es Gattungsstile als
Genrestile: Epik, Lyrik, Dramatik usw.
Im Stil der Wissenschaft unterscheidet man den akademischen Stil
und den populärwissenschaftlichen Stil. In der Presse, deren Funktion die
Meinungsbildung ist, könnte man solche Gattungsstile bestimmen: a) das
informative Genre (z. B. Bericht); b) das literarisch-publizistische Genre;
c) das analytische Genre (Leitartikel, Kommentare).
Im Stil des Alltags unterscheidet man Gespräche innerhalb der Familie,
am Arbeitsplatz, mit den Freunden usw.
Die Gattungsstile werden ihrerseits untergliedert in Textsortenstile,
z. B. als Untergruppe des Gattungsstils “literarische Publizistik” nennt man
Erzählung, Anekdote, Feuilleton, Kurzgeschichten usw.
Die Gradierung in 4 Ränge wird heutzutage von allen Stilforschern
anerkannt.
Stilzüge und Stilelemente
Der Funktionalstil ist eine Abart der Nationalsprache, die in einem
bestimmten Kommunikationsbereich zum Zweck der angemessenen
Realisierung seines typischen Inhalts und durch die für ihn charakteristische
Gesamtheit von lexischen, syntaktischen, morphologischen und anderen
Zügen und Elementen gekennzeichnet ist. Die Züge und Elemente können
auch in einem anderen Funktionalstil erscheinen, aber ihre bestimmte
Kombinierung, zahlenmäßige Vertretung (Häufigkeit, Frequenz), der Typ
ihrer Organisierung bilden die Spezifik nur dieses Funktionalstils.
Stilzüge
Alle Textsorten weisen bestimmte Stilzüge auf. Die Idee der Stilzüge
wurde vom deutschen Linguisten W. Schneider (W. Schneider, 1963:
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TEIL I. GRUNDFRAGEN DER STILISTIK
521) formuliert und von den russischen Stilforschern weiter entwickelt
(E. G. Riesel, Kulgawa, W. W. Winogradow).
Unter den Stilzügen versteht man solche inneren Stilbesonderheiten,
die gerade für dieses oder jenes Verwendungssystem der Sprache
charakteristisch sind. Sie werden bedingt durch Mitteilungszweck, Thema
der Rede, konkrete Sprechsituation, d. h. durch die kommunikative
Funktion der Sprache. Der Stilzug ist eine außer- und innersprachliche
Erscheinung, ein Bindemittel zwischen den Merkmalen des Inhalts
und der Sprache. Nach W.Fleischer und G.Michel ist der Stilzug eine
sprachliche textimmanente Kategotie (W. Fleischer, G. Michel, 1975: 16).
Nach E. G. Riesel sind Stilzüge “innere qualitative Wesensmerkmale eines
Funktionalstils / Substils oder einer beliebigen Textsorte, die zwangsläufi g
aus der gesellschaftlichen Spezifi k eines konkreten Schreib- und Sprechaktes
entspringen und ebenso zwangsläufi g ein bestimmtes Mikrosystem von
sprachlichen Mitteln aller Ebenen zu ihrer Aktualisierung nach sich ziehen”
(E. G. Riesel, 1975).
Der Stilzug ist eine abstrakte, psychologische Kategorie. Er wird zu
einer sprachlichen Kategorie, wenn er verbal realisiert wird. Dann bekommt
er einen besonderen Stilwert (Ausdruckswert), den der Empfänger als
Eindruckswert empfi ndet.
E. G. Riesel bestimmt in der Klassifi kation der Stilzüge zwei große
Gruppen:
• funktionalbezogene Stilzüge, die durch die funktionale Spezifi k
bestimmter Bereiche bedingt sind. Sie sind für den obersten Rang,
für die Funktionalstile typisch;
• funktional nicht bezogene Stilzüge, die von der funktionalen
Spezifi k der jeweiligen Äußerung unabhängig sind (frei bewegliche
Stilzugbündel). Sie kommen in Gattungsstilen und unteren Rangen
vor: Kürze – Breite, Objektivität – Subjektivität und andere
Oppositionen (E. G. Riesel, E. I. Schendels, 1975: 24, 26). Auch
die individuellen Stilzüge in der schönen Literatur gehören zu
dieser Gruppe: Verklärung der Romantik, Entkonkretisierung und
Unschärfe mancher literarischer Texte.
Die Stilzüge als “stilbildende und gleichzeitig stilnormende
Ordnungsprinzipien” bedingen und motivieren ihrerseits die Wahl und
Verwendung all der Ausdrucksmittel (sprachlicher Mittel, sprachlicher
Elemente), die für eine bestimmte Information in einem bestimmten
Kommunikationsbereich nötig sind (G. Michel, W. Fleischer, 1975: 12).
Auf solche Weise besteht die linguistische Spezifi k jedes Redestils aus zwei
Komponenten: 1) aus Stilzügen; 2) aus konkreten lexisch-phraseologischen,
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N. M. NAER. STILISTIK DER DEUTSCHEN SPRACHE
grammatischen und phonetischen Mitteln, die diese Züge realisieren
(es gibt zwar “Redeäußerungen und Textsorten, wo die Stilzüge da
sind, die aber durch keine spezifischen Sprach- und Stilmittel ausgedrückt werden”).
In der Hierarchie der Stilzüge zählt man in der 1. Gruppe zu den
wichtigsten/generellen Stilzügen Logik (logische, rationale und emotionale),
Expressivität und Bildkraft.
Das sind allgemeine Stilzüge/Stilbündel, die auch eigene Komponenten
enthalten. Die Wesensmerkmale treten je nach der konkreten Textsorte mehr
oder weniger in den Vordergrund.
Die Komponenten des Oberbegriffs Logik wie Klarheit und Sachlichkeit
des Gedankenganges, Präzision, Genauigkeit der Beweisführung,
Übersichtlichkeit, Exaktheit, Abstraktionsvermögen und ihre Modifi katio-
nen sind Wesensmerkmale wissenschaftlicher Information; die Bildkraft
mit ihren Hauptkomponenten – Bildhaftigkeit und Bildlichkeit – tritt
als Merkmal für viele Funktionalstile auf. Die spezifi schen Stilzüge mit
geringerem Wirkungsbereich: die Förmlichkeit (der offi zielle trockene
Ton, die Unpersönlichkeit, Distanzwahrung, der Mangel an emotionaler
Expressivität) als typischer Stilzug im offi ziellen, öffentlichen Sprachverkehr.
Die Ungezwungenheit und Lockerheit als Opposition zur Förmlichkeit der
Sprech- und Schreibweise im Alltagsverkehr ist ein spezifi scher Stilzug, der
sich oft mit der emotionalen Komponente des allgemeinen Stilzugs verbindet.
Man erwähnt obligatorisch-primäre und fakultativ-sekundäre Stilzüge, die in
verschiedenen Stilen zum Ausdruck kommen.
Wenn wir vom Stil der Wissenschaft sprechen, stellen wir fest, dass die
Logik hier primär und die Bildkraft sekundär ist.
Man kann aber Beispiele anführen, wo in wissenschaftlichen Textsorten
die Bildkraft in den Vordergrund tritt.
Die Ganzheit des Stiltyps ist niemals durch einen einzigen Stilzug
charakterisierbar, ebenso wie jeder Text nicht einfach eine Summe von
Stilzügen ist, sondern eine spezifi sche Kombinierung, ein charakteristisches
Verhältnis von verschiedenen Stilzügen.
Die Stilzüge müssen immer funktional betrachtet werden, da sie in jedem
Stilsystem besondere Eigenart annehmen. Sobald ein spezifi scher Stilzug
aus seinem “Mutterstil” in ein anderes Stilsystem übergeht, dient er schon
besonderen stilistischen Zwecken.
Die Breite der wissenschaftlichen Darstellung, verbunden mit Klarheit
und Verständlichkeit, führt zum kommunikativen Effekt in diesem
Verständigungsbereich.
In der Alltagsrede ruft dies aber eine komische Wirkung hervor.
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