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Файл:Stilistik der deutschen Sprache. Учебное пособие
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TEIL II. WORTSCHATZ DER DEUTSCHEN GEGENWARTSSPRACHE AUS STILISTISCHER SICHT
Den dritten Typ territorialer Dubletten stellen Synonyme dar, die so wohl
inhaltlich als auch stilistisch abgeschattet sind (Treppe- ndd., Stie ge- sd.).
Beide sind in die literarische Sprache eingegangen. Inhaltlich ist Stiege
für den Norddeutschen eine alte, ausgetretene, hölzerne Dach stiege, für
den Süddeutschen hat die Treppe die Nebenbedeutung Prunk treppe, daher
verschieden expressive Stilfärbung (E. G. Riesel, 1975).
Nationale und territoriale Dubletten erfüllen die gleiche stilistische
Funktion: dank bewusster und gekonnter Verwendung dienen sie einmal
einer anschaulichen Zeichnung des nationalen und territorialen Kolo rits, zum
anderen schaffen sie das natürliche Kolorit dadurch, dass der Sender die zu
seiner Zeit üblichen Sprach- und Stilnormen gebraucht.
Der Empfänger assoziiert die Aussage zwangsläufi g mit der nationalen
Spezifi k der Kommunikation (typische Austriazismen bei A. Seghers;
Helvetismen, d. h. Schweizer Eigentümlichkeiten bei F. Dürrenmatt,
M. Frisch oder norddeutsche Lexik bei W. Bredel, – all das schafft ein klares
Abbild der nationalen und territorialen Sprachwirklichkeit).
Die Dialektismen haben nur im Alltagsstil sachlich-neutrales Geprä ge.
In anderen Stilen nehmen sie expressive Färbung an. Meckerer, aus dem
Dialekt in die Sprache der Publizistik gekommen, – “ein ewiger Nörgler”.
Die Dialektismen gelten in der Publizistik und besonders im
Stil der schönen Literatur als charakterologisches Mittel – das realistische Ortskolorit wird dadurch erzielt. Neben dem lokalen (d. h. örtli chen,
landschaftsgebundenen) Kolorit kann hier das soziale Kolorit be tont werden,
wie z. B. in “Buddenbrooks” sprechen die Arbeitergestalten plattdeutsch, die
höheren Kreise – hochdeutsch.
Die soziale und lokale Koloritzeichnung wird vom Autor verwendet, wenn
er den seelischen Zustand des Helden veranschaulichen will, dann schlägt oft
der heimische Dialekt wieder durch, oder einfach im Famili enkreis.
Die Anwendung lokaler Dialekte muss man mit großem Können und
viel Geschmack tun. Der Missbrauch ist eine Schwäche. Mundartwörter,
sinn- und maßvoll verwendet, können in literarischen Texten wichtige
Aussagefunktionen übernehmen (mit stilistischer Absicht).
Entwicklung der deutschen Dialekte
Das deutschsprachige Gebiet unterscheidet sich von anderen Sprachgebieten durch seine außerordentlich starke regionalsprachliche Differenzierung. Man kann die gegenwärtig existierenden dialektalen Varietäten
zahlenmäßig nicht genau erfassen. Die Grenzen zwischen ihnen sind fl ie-
ßend und der Forschungsstand ist uneinheitlich. Eigentlich hat jeder Ort
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N. M. NAER. STILISTIK DER DEUTSCHEN SPRACHE
seine spezifi sche Mundart, dabei unterscheiden sich die deutschen Mund-
arten so stark, dass unter Umständen ein Norddeutscher und ein Süddeutscher einander nicht verstehen, wenn sie in ihrem Dialekt sprechen.
In Süddeutschland werden die Mundarten mehr gepfl egt und bevor-
zugt, als im Norden, und mehr auf dem Lande gesprochen, als in der Stadt.
Am festen ist die Stellung der Mundart in Dörfern, in denen vorwiegend
Landwirtschaft getrieben wird. In der Stadt spricht man die so genannte
Halbmundart – eine Umgangssprache mit stark lokalen oder regionalen
Zügen (Honoratiorenschwäbisch, Großratsdeutsch in der Schweiz, Bayerisches Hochdeutsch in Bayern) (H. Bausinger, 1978). Aber auch auf dem
Lande selbst wird die Mundart durch Hoch- und Schriftsprache beeinfl usst,
denn die Zeit, in der in Bauernhäusern nur Bibel bzw. Hauspostille und
Jahreskalender gelesen wurden, ist vorbei. Heute kommt auf fast jedes
Haus eine Zeitung. Zunehmende Bedeutung gewinnen in der Gesellschaft
das Berufs-, Fach- und Hochschulwesen, sowie die mannigfaltigen Einrichtungen der Erwachsenenbildung einschließlich der zahllosen populärwissenschaftlichen Zeitschriften, Fachbücher, die jetzt schon den Großteil der
Bevölkerung erreichen und – neben dem Inhalt – als sprachliche Muster
wirken. Außerdem verliert der Dialekt an seinem Prestige. Oft trifft man die
negative Bewertung an, die Mundart sei im Vergleich zur Standartspra che,
oder auch zur Umgangssprache, eine Art verderbtes, minderwertiges Deutsch
und sie wirke besonders vulgär und abstoßend.
Noch in den 60er Jahren des vorigen Jahrhunderts sprach man vom
Dialektverfall und Dialektrückgang. Die Linguisten prophezeiten den Untergang der Dialekte wegen Urbanisierung, Wachstums der Städte und Strebung
nach Ausbildung. (G. Möller, 1965). Echte Dialektsprecher le ben auf dem
Dorfe, heute aber greift die Stadt das Dorf an. Dialekt wird durch Hoch- und
Umgangssprache beeinfl usst und nivelliert. “Es hat Zeiten gegeben, in denen ein
Teil der Bevölkerung nur Mundart, der an dere vorzugsweise nur Hochdeutsch
sprach. Diese Zeiten sind vorbei. Wer in der Familie und im Heimatdorf noch
Mundart spricht, “schaltet um”, wenn er in der Kreisstadt einkauft oder wenn er
ein Gesuch schreibt. Es gibt kaum noch Leute, die sich nur Mundart bedienen.
Jeder wählt die Ausdrucksmittel, die ihm für eine bestimmte Situation oder ein
Vorha ben angemessen erscheinen, bewegt sich also zwischen Hochsprache,
Umgangssprache und womöglich auch Dialekt hin und her.
Der deutsche Linguist Gerhard W. Baur hat linguistische Forschun gen im
nördlichen Schwarzwald durchgeführt und folgende Tatsachen herausgestellt
(G. Bauеr, 1967): Die Mundart wird hart bedrängt durch höhere Sprachformen.
Die Hauptträger der reinen Mundart sind nur noch wenige Leute, meist nicht
mehr im Erwerbsprozess stehende Personen ältester Generation, und ein Teil
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TEIL II. WORTSCHATZ DER DEUTSCHEN GEGENWARTSSPRACHE AUS STILISTISCHER SICHT
der Kinder (bis ca, 11–12 Jahre). Die Kinder bis zu diesem Alter drücken sich
meist ganz sicher, unbefangen und unbewusst in Mundart im Kindergarten und
in der Schule aus, und zwar unabhängig davon, ob sie daheim die Möglichkeit
haben, solche zu hören oder nicht. Etwa vom 13–14. Lebensjahr an scheint
bei den Kin dern eine Veränderung im Verhalten gegenüber der Sprache
einzutreten. Man hört nun offensichtlich bewusster die Unterschiede zwischen
Mund art und Hochsprache. Einige von ihnen (mit Erwachsenen sieht es ebenso
aus) halten sich für Patrioten ihrer Heimat und sprechen nur Heimatdia lekt, die
anderen bekommen ein Gefühl für den Mehrwert der Hoch sprache oder sind
der Meinung, nur mit der Mundart kann man um die Welt herum nicht reisen,
und bedienen sich allen Sprachschichten, je nach der Situation. Die mittleren
Generationen und viele Männer der älteren Generation sprechen Halbmundart
oder Umgangssprache. Trotz dieser Tendenzen ist das Interesse an der Mundart
in jüngster Zeit neu erwacht. (G. Reinert-Schneider, 1987)
Anstelle des prophezeiten Verfalls der Dialekte scheint, mit regionalen Verzögerungen, seit Ende-der 60er Jahre des vorigen Jahrhunderts
geradezu das Gegenteil zu geschehen. Es wird von “Dialektrenaissance”,
von “Wiederentdeckung” und von “Kräftigung” der Dialekte gesprochen.
In den 80er Jahren setzte sich allmählich in Linguistik eine positive Bewertung der Mundart durch, die bis in die 90er Jahre des vorigen Jahrhunderts anhält. Erkenntnisse sind u.a., dass sich Dialekte meist durch für
den mündlichen Sprachgebrauch positive Eigenschaften wie Direkt heit,
Konkretheit, Realitätsnähe und Unkompliziertheit auszeichnen und daher
in bestimmten Situationen einen weitaus höheren Kommunikationsgrad als
die Standartsprache aufweisen. Dazu kommt noch, dass die Mundart “in
manchen Strukturbereichen, wie in der Formlehre mit ih rem Kasusabbau
z. B. weitaus moderner ist (G. Reinert-Schneider, 1987).
Heute wird Dialekt sogar auf den Ausbildungsstätten frei gesprochen. Die
Sprechhemmungen nehmen ab gerade bei Intelektuellen. “Vor drei ßig Jahren
hörte man in den Gängen der Universität Freiburg keine loka len Laute. Heute
ist dies anders: man hört badisch und schwäbisch, auch in der Sprechstunde
und manchmal auch im Seminar. Das bedeutet nicht, dass früher mehr
Studenten Hochdeutsch konnten, die badischen und schwäbischen Studenten
waren früher einfach still.” (H. Zöffl er, 1990: 214)
Dialekt ist nicht nur Empfänger neuer Lexik aus den höheren Sprachschichten, sondern auch Lieferant neuen Wort- und Formgutes der Hochsprache gewesen. Er ist an der Bildung des Wortschatzes der Berufssprache
der Landarbeiter, wo es Klarheit und Knappheit erfragt wird, beteiligt. Außerdem liefert er neue Wörter in die Jugendsprache. So fi ndet man in der
Jugendsprache neben den neuen und deshalb besonders auffälligen engli-
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N. M. NAER. STILISTIK DER DEUTSCHEN SPRACHE
schen Lehnwörtern sehr beliebte Modewörter, die aus deutschen Mundarten stammten. Einige Beispiele für Entlehnungen aus den Mundarten sind:
Bulle (ndd. Stier) – Polizist; dämlich (ndd.) – taub; Brasch oder Gebrabbel
(ndd.) – Gerede; labern (schles.) – reden; zickig (berl.) – spießig; geplättet
(ndd. platt) – überrascht; halbstark (hamburg.) – halbwüchsig; Piepen –
Geld; Snief(en) – Kokain, schnupfen; Töle, Zippelgusse, Zicke abschätzig
für “Frau” u.Ä. Die regionalen Jugendsprachen sind durch Anleihen aus den
Mundarten “befruchtet”. Es fi nden sich ebenso zahlreich auch Bei spiele aus
den süddeutschen Mundarten: stinkt mich an (zu bair. das stinkt mir) – passt
mir nicht; bärig, bärenstark – überaus (gut, lieb usw.).
Stilistische Leistungen der Dialekte
Wie aus vorigen Kapiteln folgt, wird Dialekt nicht nur von den ein fachen
Landsleuten gesprochen. Die Hochdeutschsprecher bedienen sich neben der
Hoch- und Umgangssprache auch der Mundart im Kreise der
Familie und der Freunde, im alltäglichen Leben der Heimatstadt. In
all täglicher Kommunikation und in der hochsprachlichen Literatur dient
der Dialekt, dank bewusster und gekonnter Verwendung, einmal einer
anschaulichen Zeichnung des nationalen und territorialen Kolorits, zum
anderen schafft er das natürliche Kolorit bloß dadurch, dass der Sender die
zu seiner Zeit üblichen Sprach- und Stilnormen gebraucht. Der Empfänger
assoziiert die Aussage zwangsläufi g mit einer bestimmten nationa len bzw.
landschaftlichen Spezifi k der Kommunikation. Dennoch kann sich die
stilistische Hauptfunktion (nationales und territoriales Kolorit innerhalb des
Deutschen) auch gelegentlich mit sozialem und zeitlichem Kolorit verbinden.
Dialektismen in der Rede können auf die Kommuni kationsbedingungen
hinweisen. Der Sender fl icht manchmal ganz bewusst in seine hoch- oder
umgangssprachliche Rede örtliche mundartliche Wörter oder Formen ein, um
dem Gespräch einen vertraulichen oder in timen Charakter zu verleihen, den
Kommunikationspartner lustig zu machen, Ironie oder Hohn hervorzurufen.
Diese Eigenschaften der Dialekte nutzen die Schriftsteller oft bei der
Charakterisierung der handelnden Personen aus.
Dialekt ist konkreter und anschaulicher als die Standardsprache. In nerhalb
einer literaturfähigen, gereiften, disziplinierten und differenzier ten Sprache
nämlich wirkt das einzelne hochsprachige Wort als Zeichen für ein Gemeintes.
Für Dialekt im Vergleich zur Literatursprache ist größere Emotionalität
kennzeichnend. Sie zeigt sich schon durch die Sprechweise, durch
häufi gen Gebrauch der Interjektionen, durch Gestik. Das Vorherrschen der
emotionalen Momente und damit verbundenes “Spiel der Phanta sie” führen
zur Entstehung im Dialekt einer großen Schicht der emotio nal gefärbten
Lexik und einer Menge von Bewertungs- und Wortbildungs mitteln.
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TEIL II. WORTSCHATZ DER DEUTSCHEN GEGENWARTSSPRACHE AUS STILISTISCHER SICHT
Die Mundarten sind reich an gefühlsbetonten Ausdrücken, an Ver gleichen
und Bildern, manche von denen nur für einen Augenblick ge schaffen werden,
an Sprichwörtern. Andrerseits zeigt die Mundart ihre Neigung zur Sparsamkeit
im Ausdruck. Sie kann zu allen möglichen Tä tigkeiten die Verben tun oder
machen gebrauchen (den Hut abtun, die Schu he antun, die Gänse eintun, das
Geld beitun, das Feuer anmachen, die Türe beimachen u. a.)
Eine Reihe von emotional gefärbten Lexemen wird um den Begriff “Frau”
gruppiert, z. B. in Bonn: Schlonz, Fuddel – eine nachlässige Frau; Schnööf –
eine umherschnüffelnde (neugierige) Frau; Latsch – ein faules Weib; Schratel –
eine Frau, die überlaut spricht; Krunzel – eine putz süchtige Frau; Knüsel – eine
schmutzige Frau; Krabitz – eine leicht reiz bare, streitsüchtige Frau.
Die Schriftsteller können mit großem Können und viel Geschmack
die Mundartwörter in literarischen und publizistischen Texten mit stilistischer Absicht verwenden. Strittmatter versteht es gut, eigene Bücher
durch zahlreiche mundartliche Ausdrücke zu bereichern, die entweder ihre
landschaftliche Begrenztheit bereits aufgegeben haben oder deren Bedeutung
sich der Leser aus dem Kontext erschließt, sodass sich kaum Schwierigkeiten
für das Verständnis ergeben.
Murmellange grapscht an einer Grille vorbei.
Macht euch zum Schlafen. Was soll das Gelaber?
Ich klotze auf meinen neuen Holzpantoffeln hinaus. (E. Strittmatter. Tinko)
Die mundartlichen Ausdrücke bei E. Strittmatter sind aussagekräf tig,
noch nicht abgegriffen.
Eine Dialektgestaltung der Rede kann als Stempel der Ironie und Sa tire
aufgefasst werden (Die Sprachcharakterisierung des Herrn Permaneder –
eines Münchners in der Szene bei Buddenbrooks).
Schwäbische Mundart als Beispiel der deutschen Dialekte
laofa wia a Bodd – laufen wie ein Bote (sehr schnell)
schulda hao ’wia a seidreiber – Schulden haben wie ein Säuertreiber
Im Schwäbischen gibt es eine universale Redewendung für alle
Lebenssituationen: So isch höh an wieder! Es bedeutet: So ist das Leben!
oder So kann es jedem ergehen!
Es gibt im Schwäbischen viele Redewendungen und Spruchweisheiten, die voll von Volkshumor sind und worin sich die schwäbische Seele
und schwäbische Weltanschauung wiederspiegeln. F. Rahn hat den Geist
der schwäbischen Mundart so bestimmt: “ist erstens behaglich und warmherzig, zart, behutsam, expressiv malerisch, mit einer Neigung zum gräblich
gesteigerten Ausdruck, und besitzt eine hintersinnige und zugleich gefährliche
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N. M. NAER. STILISTIK DER DEUTSCHEN SPRACHE
Schlagkraft”. Dank bewusster und gekonnter Verwendung dient der Dialekt
einer anschaulichen Zeichnung des territorialen Kolo rits. (F. Rahn, 1962)
In manchen Fällen gehen die mundartliche und hochdeutsche Gram matik
auseinander, z. B. schwaches Verb kaufen hat im Präteritum einiger Dialekte
starke Form kief (analog dem Verb laufen).
Die Beispiele aus der Wortbildung sind auch interessant. So entstand das
Wort steinalt nach der Analogie mit dem Wort steinhart. Dieselbe Ent stehung
hat das Wort steinreich und andere Dialektschöpfungen: steintot, steindürr,
steingroß, steintaub. (F. Rahn, 1962; F. Vogt, 1997)
Sehr oft dient der Dialekt zur Gestaltung des Komischen in der Publizistik. Vergleichen wir zwei Texte aus dem deutschen Kalender.
Wir Deutschen, wir haben richtig ein neues Nationalgefühl, haben Sie das
schon gemerkt? Aber stark! Bei unserem Kanzler in den Amtsräumen hängt ja
wieder die deutsche Fahne und das Wort Vaterland hört man wieder häufi ger,
weil er so nett sagt, Deutschland – Vaterland – Europa, das sei ein Moment, wie
sagt er? – ein Dreiklang sei das, ein Grundakkord seines Ver ständnisses von
(der) Politik, erst Deutschland, dann Vaterland, also auch Schlesien und was
uns allen mal gehört hat, und dann erst Europa, zuallerletzt. Da müssen wir uns
nicht wundern, wenn wir an der Grenze immer noch den Kofferraum aufmachen
müssen, wenn Europa erst an der dritten Stelle kommt – aber immerhin,
Nationalbewusstsein immer da. Wegen al lem: Boris Becker und Michael Groß,
Beethoven, Schloss Neuschwanstein, Urlaub auf Mallorca, die Bausparkassen,
das seien alles deutsche Leistun gen und wir sollten jetzt stolz darauf sein und
deshalb spielen sie im Fernse hen ja jetzt auch wieder die Hymne, mit Kinderchor
und Fahne, damit man merkt, dass Deutschland wieder im Kommen ist. Da hat es
richtig gut getan, was Weizsäcker an diesem berühmten 8. Mai gesagt hat, dass
wir nämlich aufpassen müssen, dass wir nicht wieder denken: “Deutschland,
Deutsch land über Alles!” Die anderen, sagt er seien auch jemand, und wir
dürfen nicht auf sie runtersehen. Das hat er nett gesagt, jetzt kann ich den gut
lei den. Das hätte der vorige nicht so gebracht, dafür konnte er besser wandern.
Verstehen Sie, so ein bisschen deutsch, dagegen habe ja auch nichts, ich sehe ja
schließlich auch nicht so aus, als käme ich aus Spanien, sondern genauso, als
käme ich aus Wanne – Eickel. Aber zu deutsch, das wäre furchtbar – mit dem
ganzen Fahnengetümmel jetzt schon wieder. Da tut es direkt gut, dass wir einen
Präsidenten haben, der darauf aufpasst.
Ein Monolog der Metzgerfrau Eise Startmann aus Wanne-Eickel
ORIGINALVERSION
Wir Deutschen, wir harn richtich ein neues Nationalgefühl, hamse datt
schon gemerkt? Aber feste! Bei unsern Kanzler ihne Amsträme hängt ja
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TEIL II. WORTSCHATZ DER DEUTSCHEN GEGENWARTSSPRACHE AUS STILISTISCHER SICHT
widder de deutsche Fahne, nä, un datt Wort VATERLAND hörsse widder
öfters, weil er so nett sacht, Deutschland – Vaterland – Europa, datt war einen
Moment, wie sachter? – einen Dreiklang war datt, nä, einen Grundakkord
sein Verständniss vonne Politik, ers Deutschland, dann Vaterland, nä, also
auch Schlesien un watt uns alle ma gehört hat, und dann ers Europa, hinten.
Da müssen wer uns nich wundern, wenn wer anne Grenze immer nochen
Kofferraum aufmachen müssen, wenn Europa ers anne dritten Stelle kommt –
aber immerhin, Nationalbewusstsein is widder da, nä.
Wegen alles: Boris Becker und Michael Groß, Beethoven, Schloss Neuschwanstein, Urlaub auf Mallorca, de Bausparkassen, datt wären alle deutsche Leistungen, un wer sollten gezz stolz drauf sein, un deshalb spielense im
Fernsehn ja gezz achms widder de Huemne, mit Kinderchor und Fahne, datt
man merkt, Deutschland, nä, widder im Komm. Da hattet richtich gut getan,
watter Weizsäcker an diesen berühmten 8. Mai gesacht hat, datt wer näm lich
aufpassen müssen, dattwernich widder denken: “Deutschland, Deutsch land
über alles, nä, die ändern, sachter, wären auch jemand, un wer dürfen nich
drauf runterkucken. Datt hater nett gesacht, gezz kann ich den gut lei den,
datt hätte der vorrige nich so gebracht, dafür konnter besser wandern.
Verstehnse, son bissken deutsch, da habbich ja auch ga nix, gegen, ich
seh ja schließlich aunnich so aus, als kam ich aus Spanien, sondern genauso,
als kämich aus Wanne – Eickel. Aber zu deutsch, datt war furchtba – mit ihr
ganzes Fahnengetümmel gezz schon widder. Da tutes direkt gut, datt wem
Präsident harn, der da drauf aufpasst.
KAPITEL III
STILISTISCHE CHARAKTERISIERUNG PHRASEOLOGISCHER
WORTVERBINDUNGEN
Individuelle und gemeinsprachliche Phraseologismen
Der Sprecher bzw. Schreiber setzt seine Aussage nicht immer aus Einzelwörtern zusammen. Viele Wörter haben sich so fest miteinander ver bunden,
dass sie dem Sprechenden gemeinsam in den Sinn kommen (die Wörter, sagt
man bildlich, “sind eine Wortebene eingegangen“). In dieser festen Verbindung
stützen und ergänzen sie sich gegenseitig (Rechenschaft ablegen, fordern; zur
Rechenschaft ziehen; die Hände in den Schoss legen – müßig sein).
Die Sprache hält dem Autor nicht nur Einzelwörter bereit, sondern auch
Wortverbindungen, gleichsam sprachliche Gebrauchsmuster, Mo delle. Hier
ist ihm ein Teil der sprachlichen Fügungsarbeit schon abge nommen.
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N. M. NAER. STILISTIK DER DEUTSCHEN SPRACHE
Die Sprachkönner (unbekannte aus dem Volk und Dichter) versuchen zu allen Zeiten bestimmte Situationen in Worte zu kleiden. Die einprägsamsten Formulierungen wurden weiter besprochen. Da sie gefi elen,
wurden sie Allgemeinbesitz (an die Schöpfer dachte niemand mehr). Sol che
meist bildhaften Formulierungen (stehende Wendungen) sind unent behrlich
geworden, besonders in gesprochener Sprache. Manchmal sind die Daten der
Entstehung bekannt: sich in den Haaren liegen; auf dem letzten Loch pfeifen;
ein Stein kann einem vom Herzen fallen; ein blaues Wunder erleben, den
Kürzeren ziehen; mit einem blauen Auge davonkom men; etw. an den Haaren
herbeiziehen; sich ins eigene Fleisch schneiden oder
Das also war des Pudels Kern. (J. W. Goethe)
Er sieht den Wald vor lauter Bäumen nicht. (F. Wieland)
Um all diese mannigfaltigen Wortverbindungen genauer untersuchen zu
können, muss man sie klassifi zieren. Nicht die semantische Klassifi kation
der stehenden Wortverbindungen, wie sie in der Lexikologie ge geben wird,
interessiert uns jetzt, sondern die Einstellung dieser Ver bindungen vom
Standpunkt ihrer Verwendung, ihres Ausdruckswertes aus, d. h. stilistisch.
Als Hauptkriterium der stilistischen Klassifi kation dient nach E. G. Riesel
das Verhältnis von Verkehrs- und Ausdrucksfunktion, als Nebenkriterium
innerhalb der beiden Gruppen dient die grammatisch -strukturelle
Beschaffenheit der Typen (E. G. Riesel, 1975). Man unter scheidet zwei
große Gruppen fester Wortverbindungen aus stilistischer Sicht.
1. Feste Wortverbindungen (nichtphraseologische Fügungen), die
lexikalischen Einheiten, deren kommunikative Hauptfunktion in der Benennung bestimmter Wirklichkeitserscheinungen besteht. Sie sind meist
funktional-stilistisch, seltener normativ-stilistisch und nur vereinzelt
expressiv markiert.
Ihre Bedeutung entsteht aus der Summe der einzelnen lexikalischen
Elemente in direkter Bedeutung, seltener übertragener, aber verblasst
(bildlos), z. B, von Zeit zu Zeit, unter vier Augen, den Plan erfüllen, den
Bericht erstatten, die Entscheidung treffen, das Gesetz verabschieden, Angst
bekommen, Nutzen bringen usw.
Strukturell sind sie verschieden. Das können nominale, verbale, adverbiale genitivische Wortverbindungen (z. B. leichten Schrittes) sein. Wie
ist der Stilwert (die stilistische Leistung) dieser Gruppe der nichtphraseologischen Fügungen?
Sie werden hauptsächlich in der Sachprosa und in der Presse verwendet. Es sei bemerkt, dass in den journalistischen Texten die expres sive
Phraseologie auch weit verbreitet ist (Sprachpfl ege. H. 2, 1979). Sobald sich
die funktional begrenzte Bedeutung solcher Verbindungen erweitert und in alle
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TEIL II. WORTSCHATZ DER DEUTSCHEN GEGENWARTSSPRACHE AUS STILISTISCHER SICHT
kommunikativen Bereiche eindringt, geht die teilweise (partielle) Stilfärbung
zur allseitig neutralen Markierung über. Die Fügung verliert ihren fachlichen
Charakter, wird allgemein verständ lich und gebräuchlich: die Fügung
Rechenschaft fordern, früher im Amts bereich gängig; Bilanz ziehen.
Heute sind diese Fügungen funktional nicht markiert, neutral. Der Gebrauch
der analytischen Verbalverbindungen nominaler Fügungen (die so genannten
Streckformen des Verbs) anstelle der einfachen Ver ben wird oft umstritten.
Die normative Stilistik des 20. Jh. bekämpft sie mit Unrecht als Papierdeutsch.
Der Gebrauch muss davon abhän gen, welche Aussageform motiviert ist, die
einfache oder die kompli zierte, wo, in welchem funktionalen Bereich die eine,
wo die andere angemessen ist. Manchmal bringen die nominalen Fügungen
eine Abschattung des Begriffs: einen Beweis liefern ist nicht dasselbe wie
beweisen (ideographische Schattierungen sind hier spürbar).
Die Wortverbindungen zum Ausdruck bringen, Bericht erstatten klin gen
um einen Grad gewählter und expressiver als ihre einfachen lexi kalischen
Synonyme ausdrücken, berichten. Man spricht von der rhyth mischen
Wirkung dieser Fügungen, da der Sinnträger der analytischen Gruppe ans
Satzende kommt und betont wird. Die so genannten Streckformen haben
oft Vorzüge gegen die einfachen, verbalen For men, da sie Information
bereichern, den Inhalt präzisieren können, das berufl iche Kolorit untermalen.
Oft sind sie also vollständig be rechtigt.
2. Feste Wortverbindungen, bei denen die stilistischen Kategorien
Bild kraft, Emotionalität in den Vordergrund rücken. Sie werden teils in
wört licher, teils in übertragener Bedeutung gebraucht. Zu den phraseologischen Wortfügungen zählt man:
Idiome und Zwillingsformen: Sie drücken einen Einzelbegriff aus.
Diese Gruppe bildet den Kern der expressiven Phraseologie. Die expressive Komponente, die diesen Wortfügungen vom Sprachbau her eigen ist, dominiert unter drei Möglichkeiten der Stilfärbung. Von Bedeutung ist auch die normal-stilistische Komponente dieser Wendungen (vom
Normalsprachlichen zum leicht und stark Gesenkten, zum Ge hobenen und
Gespreizten). Der Stil des öffentlichen Verkehrs verwen det die expressive
Phraseologie sparsam. In allen übrigen Verwendungs sphären werden sie
verschiedenartig intensiv gebraucht.
Fügungen, die einen geschlossenen Gedanken in Satzform mitteilen:
Sprichwörter, Aphorismen, Sentenzen, Losungen.
Stehende Vergleiche als Zwischengruppe zwischen Wort- und
Satzäquivalent: Sie sind wörtlich oder hyperbolisch zu verstehen. Sie
weisen mannigfaltige Ausdrucksschattierungen auf.
Die Hauptmasse der Idiome besitzt umgangssprachliche Stilfärbung,
in der Richtung zum Saloppen hin. Groß ist die Zahl der groben Idio me
(Die Abgrenzung der einzelnen Punkte der Stilfärbungsskala berei tet große
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N. M. NAER. STILISTIK DER DEUTSCHEN SPRACHE
Schwierigkeiten): jmdm über das Maul fahren; Ach, du grüne Nenne! (keine
Nomination), stark expressiv – Das stinkt zum Himmel; die Nase voll haben;
jmdm fällt das Herz in die Hose.
Ursprünglich waren die umgangssprachlichen saloppen und gro ben
Redewendungen nur im Stil des Alltagsverkehrs zulässig. Die Stil normen der
Gegenwart haben die funktionalen Grenzen verwischt: der Film/das Buch
geht unter die Haut, d. h. löst starke Empfi ndungen aus; den Kopf in den Sand
stecken ist ein Beweis der lexikalischen Aufl ockerung besonders im Dienste
des Sprachporträts. Idiome als Lehn übersetzungen aus Fremdsprachen sind
z. B. rund um die Uhr arbei ten, schaffen, d. h. “Tag und Nacht“.
Die stilistische Leistung der idiomatischen Phraseologismen be steht darin,
das Gesagte bildkräftig, lebendig und emotional darzu stellen, ihm Nachdruck
und Einprägsamkeit zu verleihen. Sie verra ten auch die persönliche Einstellung
des Sprechers, zeigen die Bewer tung. Den wichtigen Ausdruckswert sieht man
auch in ihrer Eignung als Mittel von Humor, Spott, Satire, Parodie.
Die Zwillingsformeln (Wortpaare, Paarformen) drücken einen Be griff
tautologisch oder durch zwei thematisch verwandte Lexeme aus: mit Müh
und Not, zittern und zagen (formal gebunden durch die Allite ration), in Saus
und Braus (formal gebunden durch den Reim), auf Schritt und Tritt, fi x und
fertig, Tag und Nacht, (mit) Sack und Pack, weit und breit.
Sie dienen oft für volkstümliche Stilisierung. In einigen Stilen sind
sie nicht angemessen wegen ihrer Expressivität. Im Alltagsstil treten sie
dagegen als wirksame stilistische Mittel auf (Bildhaftigkeit, Ver stärkung der
Ausdrucksweise, Rhythmisierung der Rede).
Die Phraseologismen, die einen geschlossenen Gedanken in Satz form
haben, sind vor allem Sprichwörter. Sie sind altes Nationalgut, Volksweisheit,
die mündlich überliefert ist. Sie sind meist lehrhaft, sym bolisch oder
allegorisch. Ihre normative Stilfärbung ist normalsprach lich oder literarischumgangssprachlich (vordem Tode kann man nicht satt essen; Eile mit
Weile; Eine Hand wäscht die andere). Sentenzen, Aphorismen, Aussprüche
großer Männer werden unter dem Namen “gefl ügelte Worte” auch zu dieser
Gruppe gezählt. Für diese Gruppe ist Bildkraft, Lehrhaftigkeit, oft Symbolik
kennzeichnend.
Die dritte Gruppe der expressiven Phraseologie bilden die stehen den
Vergleiche mit großer Bildkraft (fl eißig wie eine Biene, dick wie ein Fass
sein, wie eine Kuh vorm neuen Tor stehen).
Die meisten sind normalsprachlich, seltener ist ihre Stilfärbung gewählt
(singen wie eine Nachtigall). Zahlreiche stehende Vergleiche sind witzig und
neigen zu Varianten. Das Originalmodell wird modifi ziert durch Erweiterung,
passende Ersetzung lexikalischer Elemente und anderer Eingriffe. Dadurch
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