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Файл:Stilistik der deutschen Sprache. Учебное пособие
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TEIL II. WORTSCHATZ DER DEUTSCHEN GEGENWARTSSPRACHE AUS STILISTISCHER SICHT
war das natürlich unheimlich beknackt, dass ihre erste dicke Kiste so voll in die
Hosen gegangen ist.
Anschließend kann man sagen, dass eine scharfe Grenze zwischen
Jugendsprache und Umgangssprache sich nicht festlegen lässt. Außerdem werden viele sprachliche Ausdrucksformen, die allgemein als typisch
jugendsprachlich angesehen werden, von vielen Jugendlichen gar nicht
gebraucht oder wenigstens nicht in der Dichte, wie es im Text von Claus
und Kutschera zu sehen war. Die pauschale negative Beurteilung, dass
die Jugend grob/vulgär sei, ist wiederum zu relativieren. Die Besorgnis
um die Sprache wegen Sprachverfall ist nicht berechtigt, denn Jugendliche können sich in der Kommunikation mit Erwachsenen – und auch mit
Gleichaltrigen – gut anpassen. Die Charakteristika der Syntax erge ben sich
aus der Verwendung betont sprechsprachlicher Satzkonstruktio nen, was
wiederum nicht nur für die Jugendsprache, sondern gleichzeitig auch für
die Alltagsrede charakteristisch ist.
In der Mehrzahl der Fälle redet die Jugend ganz normal, wie die Erwachsenen auch. Sie verfügt über eine andere Reichweite ihres Wortschatzes, einen anderen Radius als die Älteren oder Alten.
Nationale Varianten der deutschen Sprache
Die deutsche Sprache ist heute die Staats- und Muttersprache in der
Bundesrepublik Deutschland (etwa 80 Mio. Einwohner), in Österreich
(7,5 Mio.), in einem Teil der Schweiz (etwa 4,5 Mio.), in Luxemburg und
Fürstentum Liechtenstein. Der deutschen Sprache bedienen sich außerdem einige deutschsprachige Gebiete in anderen Ländern. Diese große
räumliche Verbreitung der deutschen Sprache stimuliert das Entstehen
von gewissen sprachlichen Eigenheiten, die normativen Charakter haben
und auf allen Sprachebenen vorkommen. Die deutsche Gegenwartssprache ist mehrschichtig. Üblich ist die Dreiteilung: Volkssprache (Mundar-
ten/Dialekte) – Standardsprache (Schrift-/Literatur-/Gemeinsprache) –
Umgangssprache (Alltagssprache). Diese sprachlichen Schichten nennt man
Existenz- oder Erscheinungsformen der Sprache.
Die älteste Existenzform der deutschen Sprache bilden Lokal- oder
Territorialdialekte, die sich im mittelalterlichen Deutschland herausge bildet
haben. Die Mundarten sind orts- und sozialgebunden. Die Mund art ist zunächst
die mündliche Rede des Volkes, die Volkssprache, die von Angehörigen der
gleichen räumlichen Gemeinschaft gesprochen wird, wenn sie unter sich sind.
Die wichtigste Existenzform des Deutschen ist heute die gemeinsame nationale Literatursprache/Standartsprache, die mehreren Mundar-
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N. M. NAER. STILISTIK DER DEUTSCHEN SPRACHE
ten gegenübersteht. Sie ist die Sprache der schöngeistigen Literatur, der
Wissenschaft, der Werbung, der Presse, der Bühne, des Rundfunks und des
Fernsehens, die Amtssprache und die Unterrichtssprache, die Spra che des
öffentlichen Verkehrs und die gepfl egte Sprache des privaten Umgangs.
Sie existiert in schriftlicher und mündlicher Form und bildet die oberste
sprachliche Schicht mit überlandschaftlicher Geltung.
Die dritte Erscheinungsform der deutschen Gegenwartssprache wird
als Umgangs- oder Alltagssprache bezeichnet. Sie bildet eine Zwischenschicht zwischen Mundart und Hochsprache. Ihrem Wesen nach stellt die
Umgangssprache das gesprochene Gegenstück der Schriftsprache dar. Sie
wird im täglichen Verkehr im Kreise der Familie und Freunde verwendet.
Da sich der deutschen Gegenwartssprache einige selbstständige Staaten und Nationen gleichberechtigt bedienen, hat sie neben dem Hauptstandard einige standardisierde Sprachvarianten, die als Literatursprachen
verschiedener Nationen fungieren. Es handelt sich dabei um die vierte Existenzform der Sprache, um die so genannten nationalen Varianten, in unse rem
Fall um die Sprache der BRD, die gewöhnlich als Binnendeutsch be zeichnet
wird, und um die deutsche Sprache Österreichs und der Schweiz.
Unter der nationalen Variante einer Sprache wird ihr literarisch normiertes Subsystem verstanden, das ein Universalmittel des schriftlichen
und mündlichen Verkehrs selbstständiger Nationen und Staaten ist. Die
sprachlichen Besonderheiten Österreichs offenbaren sich am stärksten in der
Zeitungssprache, da die Zeitung auf die heimische Bevölkerung ein gestellt
ist und über die verschiedensten Sachgebiete berichtet, sodass sich hier die
beste Möglichkeit bietet, den landschaftlichen Eigenheiten ei nen größeren
Raum zu geben. Die Sprache der schönen Literatur richtet sich dagegen an
alle deutschsprachigen Leser und die Schriftsteller schlie ßen sich bewusst
an den normativen Sprachgebrauch an, um überall Auf nahme zu fi nden. Das
Bestehen der nationalen Sprachvarianten ist eine Folge des Einfl usses der
gesellschaftlichen und geschichtlichen Entwick lung auf die sprachliche. In
den einzelnen deutschsprachigen Staaten ist im Laufe der Zeit eine Fülle von
gewissen Eigenheiten im Bereich des Wortschatzes, in der Lautung und im
grammatischen Bau aufgekommen. Keine großen Unterschiede zeigen sich
im Bereich der Rechtschreibung.
Sprachliche Besonderheiten Österreichs
Abweichender Wortgebrauch. Abweichungen im semantischen Inhalt
des gesamtdeutschen Wortguts führen zu so genannten semantischen
Austriazismen. Es fi nden sich viele Verben, die auf dem österreichischen
Boden in den Bedeutungen gebraucht werden, die den anderen sprachli chen
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TEIL II. WORTSCHATZ DER DEUTSCHEN GEGENWARTSSPRACHE AUS STILISTISCHER SICHT
Regionen nicht eigen sind. Dabei wird oft die Bedeutung der zahlreichen
gemeinsamen Verben verengt, was sich aus dem Streben der Österreicher
nach der Eindeutigkeit erklären lässt. Es seien einige Bei spiele genannt:
Das Verb putzen wird in Österreich nur für “Geschirr reinigen” ge braucht
und das Verb beibringen für “etw. beschaffen, vorlegen” (Doku mente),
auslassen – “in Ruhe lassen”, richten – “reparieren”. Im öster reichischen
Deutsch wird ein großer Wert auf den Unterschied zwischen sehen und
schauen gelegt. Sehen gilt hier als gehoben, schauen steht für sehen, wenn es
eine bewusste, aktive Handlung ist.
Einen großen Bestand bilden die Verben, die in Österreich ganz an dere
Bedeutungen haben.
Das Verb ausschulen bedeutet bdt. “die Schule abschließen” und österr.
“in eine andere Schule versetzen”; das Verb anschaffen gebraucht man
im Binnendeutsch in der Bedeutung “sich etw. erwerben, kaufen” und im
Österreichischen “Befehle geben”.
Viele Verben, die gemeindeutsch sind, haben in Österreich eigene Nebenbedeutungen, die dem Binnendeutschen fremd sind: abschaffen bedeutet in Österreich auch “des Landes verweisen”, leeren – auch “gie ßen”,
“reiben” – auch “mit Bürste scheuern”.
Im volkssprachlichen Wortgebrauch sind bei den Österreichern sehr
gängig: sagen statt nennen, reden statt sprechen, besitzen statt haben,
schaffen statt machen.
Auch die Modalverben werden oft abweichend gebraucht: dürfen statt
können und müssen; mögen statt können; müssen statt dürfen und brau chen.
Viele Austriazismen sind gemeindeutsche Relikte, die im Binnendeutschen zeitfremd und altmodisch wirken und nur aus stilistischen Zwecken
gebraucht werden, um das Kolorit der Vergangenheit zu zeigen. In Österreich bleiben sie neutral: geloben – “feierlich versprechen”, heimleuch ten –
“zurechtweisen”, küren – “wählen”.
Die meisten lexikalischen Austriazismen kommen aus den österreichischen Mundarten und aus der Umgangssprache. Nur zum österreichi schen
schriftsprachlichen Wortgut gehören die Verben: aufdrohen (schimp fen),
platschen (baden), plazen (weinen).
Viele gemeindeutsche Verben fremder Herkunft haben in Österreich
abweichende lexikalische Bedeutungen: das Verb promovieren bedeutet im
Binnendeutschen “die Doktorwürde erlangen, eine Doktorarbeit schreiben”.
In Österreich bezieht es sich nur auf die Zeremonie und be deutet “bei der
akademischen Feier nach Ablegung der nötigen Prüfun gen den Doktortitel
verleihen”. Statt promovieren im binnendeutschen Gebrauch sagen die
Österreicher das Doktorat machen. Auch: markieren – österr. auch “eine
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N. M. NAER. STILISTIK DER DEUTSCHEN SPRACHE
Fahrkarte entwerten”, bdt. “mit einer Marke verse hen”; tapezieren – österr.
“mit Stoff überziehen”, bdt. “mit Tapete be kleben”.
Viele Fremdwörter haben im österreichischen Schriftdeutsch zusätz liche,
dem Binnendeutschen fremde Bedeutungen entwickelt. So wird das Verb
honorieren in Österreich nicht nur auf geistige Arbeit wie im Bin nendeutsch,
sondern auch allgemein für “bezahlen” verwendet; dressieren gebraucht man
nicht nur für “einen Hund dressieren”, sondern auch für “Torten mit Kreme
verzieren”; studieren heißt nicht nur “Student sein, ein Fach erlernen”,
sondern auch “etw. überlegen”.
Der englisch-amerikanische Spracheinfl uss ist in Österreich nicht so
stark wie in der BRD. Die Amerikanismen und Anglizismen kommen vor
allem in der Presse, Reklame und Sport vor: chartern (ein Flugzeug/ ein
Schiff mieten), dopen (Doping einnehmen), strippen (Striptease tan zen).
Abweichendes österreichisches Wortgut wird zur Bezeichnung der Realien
gebraucht, die mit den Besonderheiten des politischen, wirtschaft lichen und
kulturellen Lebens und des Alltags der Österreicher verbun den sind.
Viele Verben aus dem österreichischen Sprachraum haben in den allgemeinen deutschen Wortschatz Eingang gefunden und sind im Duden und
im Wahrig verzeichnet. Ihr Anteil an dem gesamtdeutschen Wort schatz ist
keineswegs gering. Österreichischer Herkunft sind z. B. die Ver ben herbstein,
leeren, säubern, stürmen.
Das österreichische Schriftdeutsch enthält eine Fülle von Wörtern
und Wendungen, die das gemeindeutsche Wortgut bereichern könnten,
da sie gemeindeutsche Wurzelmorpheme haben, z. B. österr. abtippen –
“mit Schreibmaschine abschreiben”, anfragen – “sich erkundigen”,
fuzeln – “mit sehr kleinen Buchstaben schreiben”, sporteln – “Sport treiben”. Das Vorhandensein von Austriazismen erklärt sich durch die frühere Herausbildung des selbstständigen Staates Österreich, durch seine
Entfernung von deutschen Zentren und durch die Einwirkung der heimi schen
Dialekte, auf deren Boden die Schriftsprache erwachsen ist und aus denen
sie sich fortdauernd bereichert. Ihre Verwendung in der schrift deutschen
österreichischen Literatur und Presse schafft einen besonde ren stilistischen
Effekt, denn sie bilden Kolorit des Ortes, der Zeit und des Milieus.
Dem System der verbalen wortbildenden Mittel sind im gesamtdeutschen
Sprachraum hauptsächlich die gleichen Züge eigen, denn bei der Bildung
der Verben werden dieselbe Wege eingeschlagen: Ableitung (Präfi x- und
Suffi xbildungen) – Zusammensetzung – Entlehnung aus Fremdsprachen.
Bei den Eigentümlichkeiten im Verbbestand geht es meistens nicht
um Unterschiede im Inventar der wortbildenden Mittel, sondern um unterschiedliche Verteilung der entsprechenden wortbildenden funktiona-
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TEIL II. WORTSCHATZ DER DEUTSCHEN GEGENWARTSSPRACHE AUS STILISTISCHER SICHT
len Modelle, um die innere Valenz. Österreichisch markierte strukturelle
Verbvarianten entstehen, wenn bei denselben Wurzelmorphemen und ihrer
semantischen Einheit unterschiedliche wortbildende Morpheme benutzt
werden. Diese neuen strukturellen Typen fungieren in der Schriftsprache
als die einzig möglichen oder als variativen neben den gemeinsprachli chen
Formen (G. I. Zibrowa, 1995).
Diese Wortbildungsart ist in der österreichischen Schriftsprache bis heute
produktiv. Oft geht es dabei um Übernahmen aus Mundarten. Für Österreich
sind nachweisbar: halsen für umarmen; saunen für das Schwitz bad/Sauna
nehmen; blitzen für mit Blitzlicht fotografi eren. Auch von Adjek tiven werden
viele Verben gebildet: lähmen (lahm machen), säubern (sau ber machen),
schwärzen (schwarz machen). Der Anteil abgeleiteter Verben ist wesentlich
größer im Gebrauch der Suffi xe -en, -ein, -ern, -igen, -ieren.
Im österreichischen Deutsch gibt es eine große Gruppe der Verben, die im
Binnendeutsch völlig unbekannt sind. Die Quelle für diese Verben schaffen
die heimischen Dialekte. In Österreich ist es vor allem das Wie nerdeutsch:
fi scheln (nach Fisch riechen), schnäpseln (Schnaps trinken).
Besonderheiten im Tempusgebrauch. 1. Zu den Abweichungen bei der
Bildung des Präsens gehört regelmäßiger Wegfall der Flexion -e in der ersten
Person Singular. Im Binnendeutsch gilt es als umgangssprachlich, dialektal
oder dichterisch: ich denk(e), hab(e), geh(e).
2. Wegfall des -e in der zweiten Person Plural, im Binnendeutsch
Normalfall. Die Konjugationsformen mit -e empfi ndet man als veraltet,
dichterisch oder geziert. Im österreichischen Deutsch bleibt -e meist er halten:
ihr gehet, lobet, kommet, saget.
3. Konkurrenz der Präsensformen mit und ohne Umlaut in der 2. und 3.
Person Singular: du fährst – fahrst, läufst – laufst, erfährt – fahrt, läuft – lauft.
In der österreichischen Umgangssprache ist das Verb sein altertümelnd in der
2. und 3. Person Singular ohne -t anzutreffen: Er is krank, du bis auch krank.
Viele Sprachforscher weisen auf die Besonderheiten im Gebrauch dieser Zeitformen im österreichischen Hochdeutsch hin. Die Besonderheiten erklärt man vor allem durch die Wirkung der süddeutschen Mundarten, wo es, wie bekannt, kein Präteritum gibt. Anstelle des Präteritums
verwendet man das Perfekt als Erzählzeit in unabhängigen Berichten über
ein vergangenes Ereignis, an dem man sich nicht unmittelbar beteiligt:
Gestern bin ich auf den Ring gegangen. Da habe ich meinen Freund Willi
getroffen. Wir haben uns lange unterhalten. Vor zwei Jahren ist er nach
Köln übersiedelt. Dort hat er geheiratet.
Die Verben haben und sein, die Modalverben werden in Österreich im
Perfekt verwendet: Sind Sie schon in Italien gewesen? Haben sie damals
schönes Wetter gehabt; Er hat nach Hause gehen dürfen (können, sollen).
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N. M. NAER. STILISTIK DER DEUTSCHEN SPRACHE
Bei den Schriftstellern ist das nationale Kolorit zu spüren. Diese Besonderheiten erfüllen bestimmte stilistische Funktion. Wir spüren das
nationale Kolorit: Mal haben wir ein Herrn gehabt, dems sehr schlecht ge-
gangen is. Und weil er uns nicht hat zahlen können, hat er uns die Kommode
dagelassen und hat gesagt,... (R.-M. Rilke. Ausgewählte Prosa)
Bei der Bildung des Präteritums gibt es auch österreichische Abweichungen von der binnendeutschen. Norm. Bei einigen Verben sind altertümliche Formen noch lebendig, die im Binnendeutsch aus dem Gebrauch
gekommen sind: frug, hub, stund neben fragte, hob, stand oder als geho ben
betrachtet werden: ward neben wurde usw.
Das Plusquamperfekt wird absolut, d. h. ohne Beziehung auf ein anderes Geschehen gebraucht, z. B. Oh, das war ein tobendes Herzklopfen
für ihn gewesen. Das Plusquamperfekt dringt im relativen Gebrauch in den
Geltungsbereich der anderen Vergangenheitsformen ein und erscheint statt
Präteritum oder statt Perfekt: Wie lange ich auf der Matte gelegen hatte, weiß
ich nicht. (St. Zweig).
Auffallend ist der österreichische schriftsprachliche Futurgebrauch in der
temporalen Bedeutung:
Das Futur steht meist bei ungenauen Zeitangaben, denn es bezeich net nur
die Absicht, etwas zu tun. Beim Gebrauch des Präsens wird die zukünftige
Handlung als absolut sicher hingestellt. Vgl.: Ich werde meine Großeltern in
diesem Sommer besuchen (wenn nichts dazwischen kommt). Am Montag um
zehn Uhr fl iegt mein Bekannter nach Paris.
In Sätzen mit genauen futurischen Adverbialbestimmungen: Nächste Woche werde ich Prüfungen ablegen. Sehr gebräuchlich sind auch
die Modalverben, die zukünftige Geschehnisse zum Ausdruck bringen;
besonders oft kommt dabei das Verb wollen vor, das den Anfang einer Tätigkeit bezeichnet: Die Lage will sich verbessern. Der Kranke will sterben.
(H. Rizzo-Bauer, 1962: 65)
Ungeachtet der Mannigfaltigkeit der Austriazismen und der Wege, auf
denen sie entstanden sind, ist ihre Anzahl nicht groß (etwa 1–2% vom
gesamten deutschen Wortgut), deswegen wäre es nicht angemessen von der
österreichischen Sprache zu reden. Wir können nur von der ös terreichischen
Variante der deutschen Literatursprache sprechen.
Sprachliche Besonderheiten der Schweiz
Die lexikalischen Unterschiede zwischen der binnendeutschen und der
Nationalvariante der schweizerdeutschen Sprache sind sehr massiv. Das
Schwergewicht liegt dabei auf Begriffen des Alltagslebens. Wortschatz-
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TEIL II. WORTSCHATZ DER DEUTSCHEN GEGENWARTSSPRACHE AUS STILISTISCHER SICHT
unterschiede ergeben sich aus den unterschiedlichen Lebensbedingun gen
und Wirtschaftsformen. Es versteht sich von selbst, dass ein Alpenbewohner beispielsweise andere Wörter gebrauchen darf als ein Küstenbewohner im Norden. Bei den Eigentümlichkeiten im Verbbestand geht es
meistens nicht um Unterschiede im Inventar der wortbildenden Mittel,
sondern um unterschiedliche Verteilung der entsprechenden wortbildenden funktionalen Modelle. Schweizerisch markierte strukturelle Verbvarianten entstehen, wenn bei denselben Wurzelmorphemen und ihrer semantischen Einheit unterschiedliche wortbildende Morpheme (Präfixe
und Suffixe) benutzt werden. Diese neuen strukturellen Typen fungieren
in der Schriftsprache entweder als die einzig möglichen oder als variativen
neben den gemeindeutschen Formen.
Die Zahl der einfachen Verben ist im ganzen deutschen Sprachraum
verhältnismäßig gering. Als einfache Verben werden hier präfi x- und
suffi xlose Bildungen verstanden. Oft geht es dabei um Übernahmen aus
den Mundarten. In der Schweiz sind gebräuchlich: alpen (Vieh auf die Alp
führen), bauern (Landwirtschaft betreiben), tischen (den Tisch decken).
Auch von Adjektiven werden viele Verben gebildet: glätten (glatt machen,),
feuchten (feucht sein), fremden (sich vor Fremden fürchten), kranken (lei den).
Die Verben mit Bedeutung des Werdens lassen sich aus jedem ge eigneten
Adjektiv bilden: hübschen (hübsch werden), kleinen (sich ver kleinern).
Der Anteil abgeleiteter Verben ist wesentlich größer, obwohl die Ableitung beim Verb schwächer ausgebildet ist als beim Substantiv oder Adjektiv. Die gleichen semantischen Begriffe können im Binnendeutschen
(Bdt.) und schweizerischen Sprachstandart durch verschiedene struktu relle
Morpheme ausgedrückt werden. Vor allem sind es Verben mit dem selben
Wurzelmorphem – als Basis der Ableitung – und verschiedenen Affi xen.
Abweichungen im Gebrauch der Suffi xe. Das Suffi x -eln wird im
Schweizerdeutschen viel häufi ger als im Binnendeutschen gebraucht: Hier
gibt es eine große Gruppe der Verben, die im Bdt. völlig unbekannt sind.
Die Quelle für diese Verben schaffen die heimischen Dialekte. Die Verben mit -eln/-erln sind im ganzen süddeutschen Sprachraum beliebte Art
der Verbalbildung. Zum schweizerischen Grundwortschatz gehören z. B.
auteln (Auto fahren), höfeln (schmeicheln), lädeln (einen Ladenbummel
machen), zotteln (in Gedanken versunken durch die Straßen gehen) u. a.
Das Nebeneinanderstehen von variativen Formen führt in einzelnen Fällen zu semantischen Unterschieden, z. B. schw. sändeln (mit Sand spielen) und sanden (Sand streuen). Den schweizerischen Bildungen auf -eln
entsprechen in vielen Fällen binnendeutsche Formen auf -en: gifteln –
giften, glöckeln – glocken, weißeln – weißen, pützeln – putzen.
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N. M. NAER. STILISTIK DER DEUTSCHEN SPRACHE
Der Dockarbeiter ging mit dem Besen umher, pützelte da und dort den
Hintergarten.
Im schweizerischen Sprachgebrauch wird ein großer Wert auf den
Unterschied zwischen sehen und schauen gelegt. Sehen gilt hier als geho ben,
schauen steht für sehen, wenn es eine bewusste, aktive Handlung ist, z. B.
“Bärlach ging zum Schreibtisch und schaute sich aufs neue um.” (Dür renmatt)
Einen großen Bestand bilden die Verben, die in der Schweiz ganz andere Bedeutung haben: eintreten gebrauchen die Schweizer für “auf etwas
eingehen”, fegen – “mit einer nassen Bürste reinigen”.
Außer dem schon herbstlichen Laub einer Kastanie sehe ich nichts, auch
nicht, wenn ich auf die gefederte Pritsche steige... (F. Dürrenmatt)
Im volkssprachlichen Wortgebrauch sind bei den Schweizern sehr gängig:
reden statt sprechen: Er versteht, dass ich von meinem ersten Mord nicht
gern rede. (F. Dürrenmatt)
fragen statt bitten: Jedoch die Pfl icht, vorher um Urlaub vom Staat zu
fragen.
heißen statt nennen; laufen statt gehen (gehen wird im Gegensatz zum
Deutschen nie im Sinn von “zu Fuß gehen” gebraucht. Dafür sagt man
laufen, vgl. das englische Wort to go und to walk, die genau schweizerdeut-
schen gehen und laufen entsprechen;
läuten statt klingen: Doch befand ersieh bald vor dem Hause Schönler
und läutete. (F. Dürrenmatt)
Viele gemeindeutsche Verben fremder Herkunft haben in der Schweiz
abweichende lexikalische Bedeutungen: schw. kneten – bdt. “mit Massage behandeln, massieren“; pilotieren: schw. ein Auto lenken – bdt. “Pilo ten
einweisen“.
Genus und Modus im Schweizerdeutschen zeigen folgende Besonderheiten:
• Der Anteil der Passivkonstruktionen ist viel größer, als im Bdt.
• Das Zustandspassiv wird häufi ger gebraucht.
• Im dreigliedrigen Passiv herrscht die Präposition durch vor.
• Der schweizer Imperativ wird oft mit “sollen” und “tun” umge-
schrieben.
• Bei der Bildung des Imperativs werden altertümliche Formen verwendet.
• Die Verteilung der Modi ist in der Schweiz besser geregelt als im
Binnendeutschen: der Indikativ stellt die Aussage als den Tatsachen entsprechend hin, der Konjunktiv dient dem Ausdruck eines
verringerten Sicherheitsgrades.
Der berühmte Schweizer Schriftsteller M. Frisch schrieb: “Als Schriftsteller halte ich nun dafür, dass unser Hochdeutsch zwar korrekt sein sollte,
aber durchaus anders klingen darf als das Hochdeutsch eines Lübecker
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TEIL II. WORTSCHATZ DER DEUTSCHEN GEGENWARTSSPRACHE AUS STILISTISCHER SICHT
Schriftstellers. Wie weit ich selbst ein zutreffendes Beispiel bin, weiß ich
nicht, es kann sein, dass einiges an meiner Schreibweise durchaus schweizerische Sonderart ist, anderes ist aber nur persönliche Besonderheit.”
Bei den Schweizer Schriftstellern stoßen wir immer wieder auf typische Merkmale des Schweizer Hochdeutsch. So z. B. im Bühnenstück vom
bekannten Dramatiker und Prosaschriftsteller F. Dürrenmatt “Die Physiker”:
“Der Zweite Unglücksfall innert drei Monaten in der Anstalt...” Das Wort
innert entspricht den Normen der deutschen Literatursprache in der Schweiz.
“Wenn wir bei den Klassikern der deutschsprachigen Schweizer Literatur,
aber auch in der Dichtung, Presse und Sachprosa im Wortschatz, in der
Wortbildung, Grammatik und Phonetik typische Helvetismen (Schweizer
Eigentümlichkeiten in der deutschen Sprache) fi nden, so bekommen wir
interessante Aufschlüsse über die im Schweizer Hochdeutsch kodifi zierten
Normen und gleichzeitig ein klares Abbild der nationalen Sprachwirklichkeit.
Damit erhält der Empfänger der Infor mation ein objektives (natürliches) Bild
der gesprochenen und geschrie benen Sprache”.
Die Wahl zwischen dem helvetischen oder schweizerischen Sprachklang
ist für die Schweizer Schriftsteller die Frage des Stils. Das beweisen die Worte
von Max Frisch: “Es kann aber so sein, dass ich den Helvetismus bewusst
setze. Dann, z. B. wenn eine Szene in einem bestimmten sozialen Milieu
zu einem bestimmten historischen Zeitpunkt angelegt ist... Sonst würde es
eine Verfälschung geben, weil man unerlässliches Lokalkolorit aufgäbe und
Authentizität opfern würde... Das kann ich an meinen Bei spielen illustrieren: Als
ich einen Roman wie “Abwässer” schrieb, wählte ich als Schauplatz irgendeine
Industriestadt. Die Anonymität dieser Stadt war um so mehr gewährleistet,
je mehr man auf jede schweizerische An spielung auch sprachlicher Art
verzichtete. Genau das Gegenteil im zweiten Buch, “Die Kranzfl echterin”.
Dieser Roman spielt im kleinbürgerlich-pro letarischen Milieu von Zürich, im
Industrie-Quartier. Damit sind wir schon beim Problem, es heißt eben nicht
“Industrie-Viertel”, sondern “Indus trie-Quartier”. Dieses Buch sollte von der
Direktheit des Schauplatzes le ben und das hatte unweigerlich sprachliche
Konsequenzen”.
Also, das bedeutet, dass die nationalen Dubletten (Helvetismen) in der
schönen Literatur einer anschaulichen Zeichnung des nationalen und territorialen
Kolorits dienen, zum anderen schaffen sie das natürliche Kolorit bloß dadurch,
dass der Sender die zu seiner Zeit üblichen Sprach-und Stilnormen gebraucht; das
ist ihre stilistische Funktion in der schön geistigen Literatur. Mit anderen Worten,
“wird das Dialekt zur realisti schen und naturalistischen Charakterisierung
von Personen, Charakte ren und Räumen verwendet.” Die sprachlichen
Abweichungen vom bin nendeutschen Sprachgebrauch haben in der Schweiz
einen allgemein gültigen Charakter. Darum darf man sie als Provinzialismen
nicht be trachten. Also man muss sie neutral als regionale Subnorm bewerten.
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N. M. NAER. STILISTIK DER DEUTSCHEN SPRACHE
Dialektismen
Diese Wörter sind durch örtliche Beschränkung gekennzeichnet. Es
gibt aber einen Unterschied. Die nationalen und territorialen Dubletten
sind Synonyme innerhalb der Literatursprache, d. h. literarisch zulässige
nord-mittel-süddeutsche Varianten der gemeinschaftlichen Lexik
oder österreichische, schweizerische nationale Varianten. Die beiden
charakterologischen Untergruppen gehören der literarischen und literarischum gangssprachlichen Sprachebene an.
Die Dialektismen sind nichtliterarische Wörter, beschränkt auf einen
ganz engen Kreis der Sprachträger eines landschaftlichen Bereichs, dieser oder jener Mundart (Mundartwörter). Ihre begrenzte Verwendungsmöglichkeit ergibt sich daraus, dass sie nicht im gesamten Sprachraum
einer Nation geläufig sind. Beide Gruppen werden vor allem im Stil des
Alltagsverkehrs verwendet (seltener in der Wissenschaft, im offiziellen
Verkehr usw.). Dazu gehört vorwiegend die Lexik des Privat- und Familienlebens sowie des alltäglichen Arbeitsprozesses.
Nach der Art der Synonymie lassen sich in literarischen und umgangssprachlichen Dubletten folgende Typen unterscheiden:
Vollständige Synonyme
Schrank (ndd.) – Kasten (sd.)
Schlachter (ndd.) – Metzger (md., obd.) – Fleischhacker (österr.) Rente
(ndd.) – Pension (österr.)
Schrippe (ndd.) – Brötchen (md.) – Semmel (md., österr.)
Sie stehen hart an der Grenze zwischen Ortsdialekten und literari scher
Nationalsprache, da sie den Stempel der Mundart zeigen. Die Ver wendung
dieser Wörter verleiht der Rede ein klares Ortskolorit.
Wortpaare
Wortpaare wie fegen – kehren haben die mundartliche Schattierung schon
verloren und sind mit dem literarischen Wortschatz der National sprache
verschmolzen. Inhaltlich decken sie sich vollständig, doch be steht zwischen
ihnen ein feiner Unterschied in Bezug auf die literarische Normung und
demnach auf den Ausdruckswert (für den Norddeutschen ist fegen Alltagswort,
für den Süddeutschen – kehren; Gewand klingt für Berliner etwas veraltet und
gehoben, der Süddeutsche gebraucht das Wort in der Alltagsrede).
Falter (Schmetterling) – ndd. poetisch; sd. – umgangssprachlich.
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