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Файл:Stilistik der deutschen Sprache. Учебное пособие
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TEIL III. GRAMMATIK DER DEUTSCHEN GEGENWARTSSPRACHE AUS STILISTISCHER SICHT
Der Stilwert ist nicht in allen Arten des Nachtrags der gleiche. Ge meinsam
ist allen die Klarheit der Aussage: die Vorstellungen reihen sich folgerichtig
aneinander und verlangen kein rückblickendes Zusammen ordnen.
In Schriften, in denen die Nachträge immer wiederkehren, – was bei
Gottfried Benn der Fall ist, sind sie geradezu Merkmale eines klaren
Stils. Gemeinsam ist allen Nachträgen ferner ihre Wirkung, die auch die
Ausklammerung eines Satzgliedes betrifft: Der Nachtrag hat größe re
Selbstständigkeit und schweres Gewicht, als er in der üblichen Ord nung
haben könnte, so dass sein Bedeutungsgehalt oder Gefühlswert verdrängt
wird. Das ist an den bereits angegebenen Beispielen erkenn bar.
Ich probiere es mit Nahrung. Bei mir hilft Nahrung immer. Bei guter und
bei schlechter Laune.
Aber meine Klamotten habe ich ihr trotzdem vermacht. So bin ich eben.
Großzügig, großherzig. (S. Fröhlich. Frisch gepresst)
Wie leicht alles wird, sobald man allein ist. Nicht nur inner. Jeder Schritt.
(M. Walser. Ein fl iehendes Pferd)
...in den Abend lösten sich Düfte aus Sträuchern, die leuchteten, grenz los
und für immer. (G. Benn)
Das Netz das, vom Fang kommend, der Gatte ausbreitete, sorgsam, Über
Pfahl und Stein ... (G. Benn)
Hier spiegelt auch die sukzessive Denkweise des Sprechers wider, der
zum Gesagten noch ein beiläufiges Detail ergänzt. E.G. Riesel be merkte,
dass alle Nachtragskonstruktionen “zur Auflockerung (Emotionalisierung)
des Aussagesatzes dienen” (E. Riesel, E. Schendels, 1975: 144). Darüber
hinaus kann die Hervorhebung, die die Absonderungen der Nachträge
bewirkt, verschiedenen stilistischen Absichten dienen und bestimmte
Wirkungen hervorrufen. So kann sich in dem Nacheinander der
Satzglieder eine zeitliche Reihenfolge von Vorgängen oder auftre tenden
Personen widerspiegeln:
Eine kannte ich, die war an einem Tag von Männern einem Viertel hundert
der Rausch gewesen, die Schauer und der Sommer,...
Manchmal begegnen wir bei Nachträgen auch der Steigerung:
Wie nun vollends, wenn Herr Kritzler einen Oheim aufzuweisen hatte,
der noch mit 70 Jahren Melone mit Senf gegessen hatte, und zwar in den
Abendstunden, wo derartiges bekanntlich am wenigsten bekömmlich sei?
Die Nachtragskonstruktion kann weiter die Feststellung eines Gegensatzes verdeutlichen und hervorheben:
Gegenüber stand er ihnen, sauber und ursprünglich.
In den Werken von G. Benn ist der Nachtrag meistens Ausdruck eines
besinnlichen Verweilens bei dem Ding oder Vorgang. Die Haupt sache ist
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schon gesagt, aber die Erinnerung haftet noch daran. Der Le ser erfährt noch
den einen oder anderen Begleitumstand oder einen Stimmungsanhauch.
Tat es etwas, dass die Insel klein war, übersehbar von einem Hügel, ein
Streifen Stein zwischen Möwen und Meer...
Oft gibt der Nachtrag auch eine Erklärung oder Begründung oder
Einschränkung: Dunkel drohte es auf, bewölkt und schaudernd, wieder aus
dem Gefühl des Schlafs, in den man sank, ohne einen Wirbel. Über sich zu
lassen, negativ verendet, nur als Schnittpunkt bejaht.
Prolepse
Die Prolepse ist eine syntaktische Erscheinung, eine Art der stilis tisch
kolorierten Wortstellung, ist immer emotional gefärbt. Die Pro lepse ist eine
besondere Erscheinungsart der stilistischen Anfangsstel lung (Neuansatz).
Unter Prolepse versteht man die Wiederaufnahme eines an der Spitzenstellung
stehenden, abgesonderten Substantivs durch ein Pronomen oder Adverb.
Lebenserinnerungen eines jungen Mannes – das hatte etwas Komisches
und Fürwitziges. (H. Kant. Die Aula)
Im Volkslied steht es: “Mein Schatz, er ist auf Wanderschaft“.
In der Volksdichtung ist die Prolepse stark verbreitet. Auch außer halb der
Volksdichtung bildet die Prolepse ein unentbehrliches Mittel emphatischer
Wortstellung, z. B. in der Alltagsrede: Meine Mutter, die ist immer gerecht.
In nüchternsachlichen Berichten ist die Prolepse nicht üblich, da ihr
Gebrauch als Verstoß gegen die Norm, als Zeichen einer nachlässi gen
Sprache gilt.
Die Prolepse gliedert den Satz in kleinere Syntagmen und erleichtert dadurch das Verständnis. Außer der kommunikativen übt sie eine
wichtige stilistische Funktion aus, indem sie der Rede Ungezwungen heit,
Natürlichkeit, emotionale Färbung und einen gewissen Rhythmus verleiht.
Parenthese
Parenthese ist der Redeteil, der außerhalb des eigentlichen Satzban-
des steht, aber dennoch ein mehr oder weniger wichtiger Teil des aktu ellen
Gedankenfl usses ist. (J. D. Harjung, 2000: 336)
Außer kommunikativer Funktion üben sie eine wichtige stilistische
Funktion aus, indem sie der Rede Ungezwungenheit und Natürlichkeit,
emotionale Färbung, auch einen gewissen Rhythmus verleihen. Sprengung des geschlossenen Satzbaus bewirken die Parenthesen (Schaltsätze,
Schaltgruppen und Wörter). Das ist die Unterbrechung des Satzablaufs durch
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TEIL III. GRAMMATIK DER DEUTSCHEN GEGENWARTSSPRACHE AUS STILISTISCHER SICHT
einen Satz, ein Wort, eine Wortgruppe, die in keiner unmittelbaren formalen
grammatischen Beziehung zu dem Satz stehen, der sie ein schließt. Von ihrer
kontextualen Umgebung wird die Parenthese deutlich durch rhythmischmelodische Mittel, gewöhnlich durch tiefere Stimm lage und schnelleres
Sprechtempo, abgehoben. Graphische Mittel zur Kennzeichnung der
Parenthese im Text sind Gedankenstriche, Klam mern, manchmal Kommata
(E. G. Riesel, E. I. Schendels, 1975).
Das ist doch dann eine richtig organisierte Sprache – kann man das
sagen: organisierte Sprache? – ich wäre froh, wenn Deutsch auch so wäre.
(H. Kant. Die Aula)
In diesem Beispiel wird der Empfänger zum Nachdenken angeregt, in
einem anderen Fall wird auf solche Weise dem Leser/Zuhörer eine zusätzliche
Information vermittelt.
Die Aussage wird mit Hilfe der Parenthese erläutert, kommentiert, bewertet, veranschaulicht. Wieder ein Beispiel aus H. Kants Roman “Die
Aula”: Dann kommt die Kontrolle an der Stadtgrenze. – Nehmen Sie, bitte,
die Son nenbrille ab!” – und dann kann es wirklich losgehen. Hier wird ein
ganzer Satz eingeschoben, der die Situation dem Leser deutlich vor Augen
führt.
Echte oder scheinbare Kontaktaufnahme mit dem Publikum ist ein
stilistisches Merkmal der Parenthese. Sie ist in allen Stilen üblich, weil sie
die unmittelbare Wirkung auf den Leser/Zuhörer bezweckt.
Die Parenthese kann expressiv oder nicht expressiv sein (die älteste
Erscheinungsform war sachlich konstatierend). Auch heute können die
Einschlüsse keine emotionale Färbung haben, ob schöne Literatur oder
wissenschaftliche Prosa, wenn sie etwas näher erklären, z. B. Ich bin so
müde – zwei Schichten hintereinander habe ich gearbeitet, – will schnell
nach Hause gehen.
Es war, wie gesagt, die Luftröhre, ein Wort, das in Doktor Hinzpeters
Munde eine überraschend tröstliche, beruhigende, fast erheiternde Wirkung
auf alle Gemüter ausübte. (Jh. Mann. Tristan)
Die Parenthese kann auch expressiven Ausdruckswert haben (komische
und ironische Einschaltungen, unpassende Einschaltungen sind für den Alltagsstil kennzeichnend). Die schöne Literatur übernimmt diese Eigenschaft
der Parenthese im Alltagsverkehr und verwendet sie, um die Darstellung
umgangssprachlich-locker zu gestalten. Das stilistische Merkmal der Parenthesen und parenthetischer Fügungen aller Art ist echte oder scheinbare
Kontaktaufnahme mit dem Empfänger. Abschließend sei betont, dass die
syntaktische Aufl ockerung der schriftsprachlichen Normen und die Annä-
herung an die mündliche Literatursprache und literarische Umgangssprache
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N. M. NAER. STILISTIK DER DEUTSCHEN SPRACHE
heutzutage spürbar sind. Die Sprengung des geschlossenen Satzes, ob gewollt
oder ungewollt, ist für die so genannte Gebrauchssprache von heute typisch.
Ein Mann in Livree, mit Tressenmütze, sah zu, wie sie einander – der
junge Ziemßen in militärischer Haltung – rasch und ein bisschen verlegen
die Hände schüttelten, und kam dann heran, um sich Hans Castorps Gepäckschein auszubitten; denn er war der Concierge des Internationalen Sanatoriums “Berghof” und sagte sich willens, den großen Koffer des Gastes
direkt mit dem Wagen zum Abendbrot führen. (Th. Mann. Der Zauberberg)
Nein, ich fi nde es offen gestanden nicht so überwäligend. (Th. Mann. Der
Zauberberg)
Dies war das Heim, worin ich an einem lauen Regentage des Wonne mondes –
einem Sonntage übrigens – geboren wurde, und von nun an ge denkeich nicht
mehr vorzugreifen, sondern die Zeitfolge sorgfältig zur Richtschnur zu nehmen.
(Th. Mann. Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull)
Meine Geburt ging, wenn ich rechtunterrichtet bin, nur sehr langsam und
nicht ohne künstliche Nachhilfe unseres damaligen Hausarztes, Doctor Mecum, vonstatten, und zwar hauptsächlich deshalb, weil ich mich – wenn ich
jenes frühe und fremde Wesen als “ich” bezeichnen darf – außerordentlich
untätig und teilnahmslos dabei verhielt, die Bemühungen meiner Mutter fast
gar nicht unterstützte und nicht den mindesten Eifer zeigte, auf eine Welt zu
gelangen, die ich später so inständig lieben sollte. (Th. Mann. Bekenntnis se
des Hochstaplers Felix Krull)
... so konnte ich ihrer, wie mein ganzes trügerisches Leben beweist, von
jeher nur... (Th. Mann)
Da liegt ihr, dachte ich bei mir selbst (wenn ich auch meine Gedanken
natürlich noch nicht in so treffende Worte zu fassen wusste), da liegt ihr in
... (Th. Mann)
... weil ich mich – wenn ich jenes frühe und fremde Wesen als “ich” bezeichnen darf – außerordentlich untätig... (Th. Mann)
Die Geschichte Hans Castorps, die wir erzählen wollen, – nicht um
seinetwillen (denn der Leser wird einen einfachen, wenn auch ansprechenden
jungen Mann in ihm kennenlernen), sondern um der Geschichte willen, die
uns in hohem Grade erzählenswert erscheint (wobei zu Hans Castorps
Gunsten denn doch erinnert werden sollte, dass es seine Geschichte ist,
und dass nicht jedem jede Geschichte passiert): diese Geschichte ist sehr
lange her, sie ist sozusagen schon ganz mit historischem Edelrost überzogen
und unbedingt in der Zeitform der tiefsten Vergangenheit vorzutragen.
(Th. Mann. Der Zauberberg)
Sie spielt, oder, um jedes Präsent gefl issentlich zu vermeiden, sie spielte
und hat gespielt vormals, ehedem, in den alten Tagen der Welt vor dem
großen Kriege, mit dessen Beginn so vieles begann, was zu beginnen wohl
kaum schon aufgehört hat. (Th. Mann. Der Zauberberg)
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TEIL III. GRAMMATIK DER DEUTSCHEN GEGENWARTSSPRACHE AUS STILISTISCHER SICHT
Gustav Aschenbach oder von Aschenbach, wie seit seinem fünfzigsten Geburtstag amtlich sein Name lautete, hatte an einem Frühlingsnachmittag des
Jahres 19..., das unserem Kontinent monatelang eine gefahrdrohende Miene
zeigte, von seiner Wohnung in der Prinz-Regentenstraße zu München aus allein
einen weiteren Spaziergang unternommen. (Th. Mann. Der Tod in Venedig)
Fragte man ihn, was in aller Welt er zu werden gedachte, so erteilte er
wechselnde Auskunft, denn er pfl egte zu sagen (und hatte es auch bereits
auf geschrieben), dass er die Möglichkeit zu tausend Daseinsformen in sich
trage, zusammen mit dem heimlichen Bewußtsein, dass es im Grunde lauter
Unmög lichkeiten sein... (Th. Mann. Tonio Kröger)
Hans Castorp – dies der Name des jungen Mannes – befand sich allein
mit seiner krokodilsledernen Handtasche, einem Geschenk seines Onkels und
Pfl egevaters, Konsul Tienappel, um auch diesen Namen gleich zu nennen -,
seinem Wintermantel, der an einem Haken schaukelte, und seiner Plaidrolle
in einem kleinen grau gepolsterten Abteil. (Th. Mann. Der Zauberberg)
Die Parenthesen verleihen der Aussage innere und äußere Ungezwungenheit.
Du siehst die Baumgrenzefast überall, sie markiert sich ja auffallend
scharf, die Fichten hören auf, und damit hört alles auf, aus ist es, Felsen, wie
du be merkst. (Th. Mann. Der Zauberberg)
Zeit, sagt man, ist Lethe; aber auch Fernluft ist so ein Trank, und sollte
sie weni ger gründlich wirken, so tut sie es dafür desto rascher. (Th. Mann.
Der Zauberberg)
Ich bin ja wohl braun, aber das ist hauptsächlich Schneeverbrennung und
hat nicht viel zu bedeuten, wie Behrens auch immer sagt, und bei der letzten
Generaluntersuchung hat er gesagt, ein halbes Jahr wird es wohl Ziemlich
sicher dauern. (Th. Mann. Der Zauberberg)
Jedenfalls konnte mir nicht verborgen bleiben, daß ich aus edlerem Stoffe gebildet oder, wie man zu sagen pfl egt, aus feinerem Holz geschnitzt war
als meinesgleichen, und ich fürchte dabei durchaus nicht den Vorwurf der
Selbstgefälligkeit. (Th. Mann. Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Knill)
Es werden, in Gottes Namen, ja nicht geradezu sieben Jahre sein!
(Th. Mann. Der Zauberberg)
Ja, das ist, weiß Gott, eine nette Gelehrsamkeit. (Th. Mann. Der Zau-
berberg)
Oft hörte ich aus dem Munde der Meinen, daß ich ein Sonntagskind sei,
und obgleich ich fern von allem Aberglauben erzogen worden bin, habe ich
doch dieser Tatsache, in Verbindung mit meinem Vornamen Felix (so wurde
ich nach meinem Paten Schimmelpreester genannt) sowie mit meiner körperlichen Feinheit und Wohlgefälligkeit, immer eine geheimnisvolle Bedeutung beigemessen. (Th. Mann. Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull)
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N. M. NAER. STILISTIK DER DEUTSCHEN SPRACHE
Sehr oft dient die Parenthese zum Ausdruck von Humor und Ironie.
...und mein Vater, wiewohl dick und fett, besaß viel persönliche Grazie
und legte stets Gewicht auf eine gewählte und durchsichtige Ausdruckswei se.
(Th. Mann. Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull)
Gerne ließ er – und zwar in vorzüglicher Aussprache – Wendungen wie
“cʼest ça”, “épatant” oder “parfaitement” in seine Rede einfl ießen; auch
sagte er öfters: “Ich goutiere das” und blieb bis gegen das Ende seines
Lebens ein Günstling der Frauen. (Th. Mann. Bekenntnisse des Hoch staplers
Felix Krull)
Noch sehe ich meinen Vater in kleinkariertem, bequemem Sommeranzug
mit uns in irgendeinem Wirtsgarten sitzen – ein wenig weitab vom Ti sche,
weil sein Bauch ihn hinderte, nahe heranzurücken – und mit unend lichem
Behagen ein Gericht Krebse nebst goldenem Rebensaft genießen. (Th. Mann.
Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull)
Antithese
Die logische Antithese ist eine durch Opposition zweier oder mehre rer
Begriffe entstandene Gegenfi gur.
Man unterscheidet lexikalische und grammatische Antithesen. Die lexikalische Antithese beruht auf gemeinsprachlichen und kontextualen
Antonymen, die grammatische auf Opposition der Seme von zwei Wortformen.
Die Antithese ist vielgestaltig: von der knappen antithetischen Zwillingsform
(schwarz und weiß) bis zur kompositorischen Gegegnüberstellung ganzer
Textabschnitte, – architektonische Funktion der Antithese.
Die stilistische Wirkung der Antithese hängt von ihrer Richtigkeit und
Schärfe ab und kann durch Verbindung mit Wortspiel, Parallelis mus erhöht
werden.
Im wissenschaftlichen und publizistischen Stil erzeugt die Anti these
Klarheit und Gedankenführung, Bestimmtheit der Aussage und bewirkt
größere Überzeugungskraft.
In der Belletristik dient sie oft als kommunikatives Muster für Kurz prosa
(Aphorismen, Witze, Erzählungen mit lehrhaftem Sinn). Die Antithese ist bei
den Dichtern beliebt, z. B.: Wer viel redet – erfährt wenig. (Sprichwort) Die
Zeit ist kurz, die Kunst ist lang. (J.W. Goethe. Faust) Die Wahn ist kurz, die
Reu ist lang. (F. Schiller. Das Lied von der Glocke)
Lieber heute aktiv, als morgen radioaktiv. (Ztg.)
Gestern standen wir kurz vor dem Abgrund – doch heute sind wir einen
gewaltigen Schritt weiter. (Sprüche)
Im Gegensatz zur logischen Antithese ist die schiefe Antithese, die Figur,
bei der zwischen den Polen der Gegenüberstellung die Verbin dungsebene
fehlt. J. Krahl und S. Kurz nennen solche Antithese fal sche Antithese
(J. Krahl, S. Kurz, 1975: 14).
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TEIL III. GRAMMATIK DER DEUTSCHEN GEGENWARTSSPRACHE AUS STILISTISCHER SICHT
Bei den humoristischen und satirischen Formen sind Antithesen völlig
berechtigt. So heißt ein Werk (in Form eines Schüleraufsatzes) “Hitler und
Goethe”:
“Der Schüler in der nazistischen Schule schreibt: “Hitler und Goethe
stehen in einem gewissen Gegensatz. Während Goethe sich mehr einer
schriftstellerischen Arbeit hingab, aber in den Freiheitskriegen im Gegensatz zu Theodor Körner versagte, hat Hitler uns gelehrt, was es heißt,
Schriftsteller und zugleich Führer einer Millionenpartei zu sein” (K. Tu-
cholsky. Hitler und Goethe).
Das ganze Werk wird auf schiefen Antithesen gebaut und stellt eine
scharfe, beißende Satire dar.
Im Werk von Wolfgang Joho “Kastanie” wird das Studium an der Uni
während der Naziherrschaft beschrieben. Im Werk liegt eine scharf umrissene
Antithese vor, wo die Heldin des Werkes in der Ich-Person über das Studium
an der Universität und ihre Professoren erzählt:
Professor Branstner
“Der einzige Lichtblick in jener
Zeit war Professor Branstner, der
Dozent für Biologie...Seine erste
Vorlesung ist mir im Gedächtnis
geblieben, wegen ihrer menschlichen
Warmherzigkeit, und weil hier
schon manches zwischen den Worten aufklang. Was verstehen und
interpretieren konnte, wer ein Gehör
dafür hatte. Sein Wunsch, sagte
er, ernsthafte Forscher aus uns zu
machen...Man spricht heute von der
Rolle und Bedeu tung der überragenden
Einzelpersön lichkeit, von Genie, dem
alles unterzu ordnen habe und ist dabei
allzu leicht den Demagogen auf den
Leim zu gehen, die sich als große
Persönlichkeiten aus geben, während
sie Missverstandenes und Falsches zu
einem Gebräu mixen. Ich fühlte mich
von Bransters Worten persönlich
angesprochen. Da nicht ohne Grund
gemunkelt, Branster sei kein Anhänger der Machthaber.
Professor Röder
Ich erinnere mich mit Widerwillen vor allem der Vorle sung, an
jenem Tag, an dem ich beschloss, sein
Kolleg nicht mehr zu besuchen. Anhand von verschiedenen Demonstrationsobjekten sprach er über
Schädelformen. Er verbreitete sich
über Lang schädel und Rundschädel
und über die besonderen Merkmale der nordischen, der dinari schen,
mediterranen und der östlichen
Rasse. Er versuchte verschiedene
Wertigkeit dieser Rassen durch große
Tabellen zu veranschaulichen... der
Vertreter des nordischen Typs edel
und schön wirkte... der der östlichen
wie eine Mi schung von Kretin und
Ge waltverbrecher usw.
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N. M. NAER. STILISTIK DER DEUTSCHEN SPRACHE
Aposiopese (Worteinsparung)
Der Redende bricht plötzlich ab, weil er nicht fortfahren kann oder nicht
will, oft deshalb, weil es ihm die Sprache verschlägt oder weil ihm nichts
einfallt. Die kann aber auch absichtlich gewählt sein, um auf das Folgende
ganz besonders aufmerksam zu machen.
In stilistischer Mittelstellung befi ndet sich ein Satzglied, das den Ge-
danken des eigentlichen Satzes auseinander reißt. Der Gedanke des Sat zes
wird unterbrochen, weil ein anderer dazwischen kommt. Die Unter brechung
wird deutlich empfunden. Dadurch wird der Satz, welches die Mittelstellung
einnimmt, emotionalisiert:
“Hörst du überhaupt zu?” fragte Trudie am anderen Ende der Leitung.
“Du machst es dir leicht, ein Mann wie Paul...” – “Hat er sich beklagt?”
“Nicht direkt.”
Er lässt sich auch eine Menge bieten – jedenfalls von dir. Aber wenn es
ihm zu bunt wird...
Wie gesagt, ich habe dich gewarnt. (E. Peters. Klassentreffen)
Das tut man, wenn man jung und verliebt ist, aber in unseren Jahren... Na
also ich weiß nicht...
Die Aposiopese regt den Gesprächspartner zum Nachdenken an.
Natürlich wirst du Erfolg haben, ganz sicher. Wenn du dich zusammennimmst und... Sie brach ab. In Spiegel hatte sie sein Gesicht gesehen. Es war
schon wieder umdüstert.
Der Satz wird durch einen Gesprächspartner unterbrochen.
Du machst mich lächerlich, ich weiß es – ich spüre es. Deine ganze Art...
dieses herablassende Benehmen mir gegenüber... deine Kälte...
Die höchste Emotionalität prägt diese Aussagen.
Professor Geiger: So. Immerhin eine Situation, die – meinen Sie nicht? –
etwas kitzlich ist.
Geheimrat Clausen: Ein altes Schweizer Bürgerhaus – wir lassen es
umbauen – das im großen Park am See gelegen ist.
Der Satzbruch kann verschieden motiviert sein und verschiedene
Stilwirkungen zeigen. Man unterscheidet einen situativ bedingten und
einen andeutenden Satzbruch. In allen zwei Fällen wird ein strukturell vollständiger Satz begonnen, aber nicht zu Ende geführt. Für eine sinnvolle
Kommunikation ist es erforderlich, dass aus dem artikulierten Satzan fang
die geplante Fortführung erkennbar bleibt. Dem situativ bedingten Satzbruch
können unterschiedliche Ursachen zugrunde liegen.
Ich? Wieso ich? fi el ihr Marita ins Wort. “Ich habe lediglich gesagt...
Schluß jetzt.” (E. Peters. Klassentreffen)
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TEIL III. GRAMMATIK DER DEUTSCHEN GEGENWARTSSPRACHE AUS STILISTISCHER SICHT
Die Heldin bricht den Satz ab, weil ihr schwer ist, den Gedanken in Worte
zu fassen.
Ich habe mich immer bemüht, eine gute Ehe zu führen und... Ja, ja, fi el ihr
Ruth... ins Wort. (E. Peters. Klassentreffen)
Die Gesprächspartnerin fällt der Heldin ins Wort.
Wiederholung
Bei der Betrachtung der Verwendung der Wiederholung müssen verschiedene Bereiche des Sprachgebrauchs untersucht werden. Realisie rungen
sprachlicher Wiederholung gibt es in der Literatur, der Gebrauchs prosa und
der gesprochenen Sprache.
In den letzten Jahrzehnten wurden in der Linguistik einige Richtungen
herausgebildet, die durch die ganze Entwicklung der Linguistik vorbereitet
worden sind. In erster Linie muss man die Wende der linguistischen Forschung zum Funktionalismus, d. h. zum Studium des realen Funktionie rens
der sprachlichen Einheiten in der Rede, betonen. Funktionalismus ist eng
mit Kognitivismus verbunden. Gerade diese zwei Tendenzen bestim men die
heutige Situation in der Sprachwissenschaft und lassen tief und gründlich
sprachliche Erscheinungen auf allen Ebenen erforschen.
Gleichzeitig steigt das Interesse der Wissenschaftler am Erforschen
des Textes und seiner Kategorien, die zum Betrachten der Realisierung
von verschiedenen sprachlichen Einheiten beitragen. Die entscheidende
Bedeutung hat auch der menschliche Faktor – die Untersuchung der
Zusammenwirkung des Textes und der Persönlichkeit des Sprechenden in
konkreten Verkehrsbedingungen.
Typen der Wiederholungen
Wiederholungen sind schon frühzeitig als Stilmittel bewusst verwen det
worden und haben bis heute kaum an Wirksamkeit eingebüßt. Sie sind auf
den verschiedenen Gestaltungsebenen anzutreffen: Lautwiederholun gen,
Wortwiederholungen. Die wiederholte strukturelle Gleichheit ist all gemein als
Parallelismus bekannt. Kehrt ein und dasselbe Element unre gelmäßig im Text
wieder, ohne an eine feste Stelle gebunden zu sein, wirkt es wie ein Leitmotiv.
Dieser Park liegt dicht beim Paradies.
Und die Blumen blühn, als wüßten sie es. (E. Kästner)
Die lexikalischen Wiederholungen bestehen im mehrfachen Gebrauch
desselben Wortes bzw. derselben Wortgruppe, wörtlicher Wiederholung,
oder eines Synonyms, synonymischer Wiederholung.
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N. M. NAER. STILISTIK DER DEUTSCHEN SPRACHE
• Wörtliche Wiederholung:
Mein Vater, mein Vater, jetzt fasst er mich an. (J.W. Goethe. Erlkönig)
Auch wenn Konjunktionen, Interjektionen oder Vokative zwischengeschaltet sind, bleibt der Charakter der Epizeuxis (griech. “nachdrück liche
Wiederholung”) erhalten:
Annemarie Heising seufzte. Sie seufzte ein bisschen schnell in letzter Zeit.
Nun roch er, dass sie ein Mensch war, roch den Schweiß ihrer Achseln; das
Fett ihrer Haare, und roch mit größtem Wohlgefallen. (P. Süskind. Das Parfüm)
• Synonymische Wiederholung:
“Ach, ich verstehe”, sagte Terrier fast erleichtert, “ich bin im Bilde: es
geht also wieder einmal ums Geld.. (P. Süskind. Das Parfüm)
Die gleichmäßige symmetrische Wiederkehr derselben Wortform oder
Satzstruktur schafft den grammatischen Parallelismus. Bleibt dabei die Lexik unverändert oder leicht variiert, so entsteht eine doppelte Wiederholung:
Sie verachtet ihren Mann. Doch, sie verachtet ihn. Nein, sie verachtet ihn
nicht. Um ihretwillen verachtet sie ihn nicht. Was hat sie davon, einen Mann
zu verachten, vor dem sie sich doch nicht trennen kann. (M. Walser)
Früher war ich nie spät dran. Ja, früher. Früher hatte ich auch keine
morgendliche Lackschuhdiskussion. (.S. Fröhlich. Frisch gepresst)
Als eine Form des umgekehrten Parallelismus kann man den Chias mus
ansehen, jene Stilfi gur, die ihren Namen aufgrund der Oberkreuz stellung von
zwei oft semantisch antithetischen Gliedern erhalten hat. Hier stehen Wörter
beim zweitenmal (syntaktisch) in umgekehrter Ord nung als beim erstenmal
und zwar oft so (nicht immer), dass die am stärks ten entgegengesetzten
Wörter unmittelbar aufeinander folgen:
Die beiden redeten. Redend setzten sie sich. Sitzend redeten sie weiter.
(M. Walser. Ein fl iehendes Pferd)
Ich und Homer? Homer und ich? Wir beide?... O ich danke, ich danke.
Ich und Homer? Homer und ich! (G.E. Lessing. Der junge Gelehrte)
In manchen Fällen ist dabei die Form des syntaktischen Parallelis mus
gewahrt, in anderen umgekehrt. Für die erste Form soll die berühm te Maxime
des heiligen Remigius stehen, die er dem Merowinger König Chlodwig
zugerufen haben soll, als er diesen taufte: Verbrenne, was du angebeten hast,
und bete an, was du verbrannt hast!
Die Besatzer sollen gehen, die Besatzer sollen bleiben. (Der Stern)
Syntaktisch ließe sich dieser Satz wie folgt abbilden: “x—y, x—y; semantisch dagegen a-b-b-a.” (Text und Geprächslinguistik 2000: 65)
Nach der Anordnung der wiederholten Elemente (die synonymisch oder
nichtsynonymisch sein können) gibt es Kontakt- und Distanzstel lung. Eine
Abart der Kontaktstellung ist die Aufzählung – das Nachein ander von
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