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Stilistik der deutschen Sprache. Учебное пособие

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TEIL III. GRAMMATIK DER DEUTSCHEN GEGENWARTSSPRACHE AUS STILISTISCHER SICHT
gleichartigen Bezeichnungen der Gegenstände, Handlungen, Merkmale, durch oder ohne Konjunktionen verbunden: Mit einem Ruck stand Terrier auf
und setzte den Korb auf den Tisch. Er wollte das Ding los haben, möglichst schnell, möglichst gleich, möglichst sofort. (P. Süskind)
Eine Aufzählung innerhalb eines zusammengesetzten Satzes entsteht, wenn mehrere gleichartige Nebensätze eingeschaltet sind oder mehrere gleichartige Elementarsätze in eine parataktische Kette eingegliedert wer den:
Auf die Berge will ich steigen,
Wo die frommen Hütten stehen,
Wo die Brust sich frei erschließt
Und die freien Lüfte wehen. (H. Heine. Die Harzreise)
Die Kettenglieder einer Aufzählung können semantisch gleichwertig oder ungleichwertig sein. Im zweiten Fall unterscheidet man eine auf steigende Aufzählung, die sog. Klimax (griech. “Leiter“), bei der jedes nächste Glied inhaltlich stärker oder genauer als das vorhergehende ist, und eine absteigende (fallende) Aufzählung mit der umgekehrten seman tischen Folge, die so genannte Antiklimax. Als Beispiel der Klimax die nen folgende Sätze:
So viel Gemeinheit, so viel Niedertracht, aber auch so viel Skruppellosigkeit hätte sie ihm nicht zugetraut. (E. Peters. Klassentreffen)
So ging es Tag für Tag, Woche für Woche, Monat für Monat. So ging es sieben ganze Jahre lang. (P. Süskind)
Eben noch war sie ein Schulmädchen gewesen – dann Braut – junge Mut ter.
Seht, die Narrheit hat mir meine besten Eleven entrückt – fortgerückt – verrückt – ja sie sind verrückt worden. (P. Süskind)
Die absteigende Aufzählung kann man am folgenden Beispiel sehen:
Weg damit! Dachte Terrier, augenblicklich weg mit diesem “Teufel” wollte er sagen und riß sich zusammen und verkniff es sich, weg mit diesem Un hold, mit diesem unerträglichen Kind! (P. Süskind)
Um den Papst zirkulieren die Kardinäle und um die Kardinäle zirkulieren die Bischöfe und um die Bischöfe zirkulieren die Sekretäre. (B. Brecht. Das
Leben des Galilei: 248)
Die Bewertung einer Aufzählung als Klimax oder Antiklimax hängt von einer bestimmten Betrachtungsrichtung ab. Der Satz: Im alten Rom gab es Patrizier, Ritter, Plebejer, Sklaven enthält eine Antiklimax bei Betrachtung der gesellschaftlichen Machtverhältnisse und Klimax, wenn man die zahlenmäßige Stärke dieser Gesellschaftsschichten im Auge hat. Bei der Distanzstellung der wiederholten Elemente sind mehrere Kompositions arten möglich. Sie übersteigen den Rahmen eines Satzes und sind im Makrokontext ausfi ndig zu machen. Das sind: Anapher, Epipher, Rahmenwie derholung,
Anadiplose, Leitmotiv.
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Die Anadiplose (reduplicatio, griech. “Verdoppelung“) ist Wiederho­lung des Zeilendes am nächsten Zeilanfang. Anadiplose ist eine Art Kom­positionsfuge, bei der das letzte Wort (Wortgruppe) eines Satzes an der Spitze des nächsten Satzes wiederaufgenommen wird. Das geschieht aber nicht wegen des gewöhnlichen Rhema-Thema-Wechsels, sondern ist als Stilistikum aufzufassen:
Ausgerechnet jetzt! Warum nicht in zwei Jahren ? Warum nicht in einem Jahr? In einem Jahr hätte er getrost sterben dürfen. (P. Süskind. Das Parfüm)
Wer zuletzt lacht, lacht am besten.
Die Wiederholung am Anfang der Sätze oder Absätze heißt Anapher (griech. das “Hinauftragende”), die Wiederholung am Ende mehrerer Sät ze oder Absätze Epipher (griech. das “Entgegentragende“). Ein Beispiel der Anapher:
Zum Glück gibt es den Konjunktiv, sagte er. Zum Glück gibt es nicht Wich­tigeres als den Konjunktiv. Zum Glück ist die Sprachrichtigkeit die oberste Norm überhaupt. (M. Waiser)
Die dreimalige Wiederholung der Redewendung zum Glück verleiht den Sätzen emotionale Expressivität und verrät den seelischen Zustand des Helden.
Mittels Epipher schildert R Süskind im Roman “Das Parfüm” das Wahrnehmen der Umgebung von einer Person:
Ihm war alles Ekel. Die plötzlich wiederaufbrechende Furcht der Men­schen war ihm ein Ekel gewesen, ihre fi ebrige Vorfreude war ihm ein Ekel. Sie selbst, die Menschen, alle miteinander, waren ihm ein Ekel. (P. Süskind)
Die Rahmenwiederholung besteht in der Wiederkehr derselben Sprachelemente am Anfang und am Ende eines Satzes oder Textes: Sie
musste weinen. Sie kurbelte die Scheiben herab. Der warme Wind ... Sie
musste weinen. ... Die Vorstellung, dass sie nie wieder in dieses Büro gehen
müsse, vermehrte ihr Weinen. Sie musste weinen. (M. Walzer)
Manche Wiederholungen beruhen auf dem Prinzip der grammatischen Wortabwandlung oder der Wortbildung mit derselben Komponente. Dazu gehört die genitivische Steigerung mit gehobener Stilfärbung z. B. das Buch
der Bücher.
Reich sind auch die Möglichkeiten der variierten Wiederholung. In die­sem Falle wird der Ausdruck, von dem man ausgeht, bei der Wiederholung abgewandelt oder durch Zusätze erweitert. Bei der flektierten Wiederholung wird z. B. ein Wort in verschiedenen Flexionsformen wiederholt. Durch die Kombination verschiedener Tempusformen eines Verbs (Präteritum, Präsens, Futur) kann zum Ausdruck gebracht werden, dass ein Prozess von der Ver gangenheit bis in die Zukunft andauert:
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Doch muss unser Herr Matzerath al les, nicht nur sich und seine korrekt gekleidete Fragwürdigkeit, nein, alles, was geschah, geschieht und geschehen wird, historisch einbetten ... (G. Grass)
Diese Stilfi gur ist auch als Polyptoton (griech. “viel verändert”) be kannt geworden. Durch die Kombination von Aktiv und Passiv kann eine Person in der Rolle des Agens und der des Patiens gegenübergestellt wer den: Nicht
ich handelte hier als freier Mann, mit mir wurde gehandelt, man hatte mich gekauft und verführt ganz nach Beheben. (W. Schreyer)
In Verbindung mit Modalverben können NichtWirklichkeit (Möglich keit, Notwendigkeit) und Wirklichkeit konfrontiert werden: Das musste gefeiert werden. Es wurde unmäßig gefeiert. (R. Hirsch)
Bei der etymologischen Wiederholung stehen Wörter verschiedener Wortart mit gleicher Basis nebeneinander im Satz, am häufi gsten als Prä- dikatsverb und Akkusativ des Inhalts: Er (G.S.) uchte alle Flüche, die jemals aufgeschnappt hatte, leise vor sich hin. (J. Arnold)
Allen diesen Wiederholungsfi guren ist vor allem die Funktion der In- tensivierung, der pointierten, zugespitzten Aussage eigen.
Funktionen der Wiederholung
Wiederholung vollbringt mehrere Leistungen in der gesprochenen Sprache und in der schönen Literatur.
E. Besch weist darauf h in, dass “die Wiederholung und die Variation als Str uktu r in Texten nicht gibt, sondern es jeweils verschiedene Ausfor mungen als Reali­sierungen der Wandlungsmuster “Wiederholen und Va riieren vorliegen”. (E. Besch, 1989: 63) Als typische und wichtige Funk tionen von Wiederholungen nennt er:
Ästhetisierung, wobei als ästhetische Stilwirkungen besonderer Art Monotonie, Irritation und Komik herausgestellt werden.
Intensivierung. “Bezüglich der Intensivierung mittels Wiederho­lung und Variation werden die Intensivierung als genereller Funk­tionstyp und die Intensivierung im emotionalen Bereich, die Emotionalisierung, unterschieden.” (E. Besch, 1989)
Förderung der Verständlichkeit. Diese Funktion ist von ihm in Tex­ten verschiedener Funktionalstile und in der gesprochenen Spra­che untersucht worden, durch Wiederholung kann einerseits der Verständlichkeitsgrad eines Textes erhöht, andererseits aber auch verringert werden.
• Affi rmation. Ein Sprecher kann mittels Wiederholung die Äuße rung oder Äußerungsteile eines vorangehenden Sprechers affi rmieren.
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Im Zusammenhang mit der “affi rmierenden» Funktion von Wiederholung können weitere stilistische Funktionen wie Verständ­nissicherung, Leistung von Beziehungsarbeit, Adressatenbezug usw. festgestellt werden.
W. Fleischer bemerkt, dass “allen Wiederholungsfi guren vor allem die Funktion der Intensivierung, der pointierten, zugespitzten Aussage eigen ist.” (W. Fleischer, G. Michel, G. Starke, 1993: 268)
Die Wiederholung kann zum Ausdruck der Ironie dienen:
AUF DER FALSCHEN SEITE
Es soll Menschen geben, die immer auf der falschen Seite sind. Das nen­nen sie dann “Schicksal” und seufzen tief, weil alles so tragisch ist: Sie besu­chen die falschen Parties, kennen die falschen Menschen, sind zur falschen Zeit am falschen Ort und ergreifen die falschen Berufe. Auf diese Weise ver­passen sie ihr Leben, und dementsprechend sind sie gelaunt. Für die Stadt, in der wir leben, kann ich sagen: Die auf der falschen Seite sind in der Mehr heit, und sie versprühen ihr Gift fl ächendeckend, in der U-Bahn, in der “Bim”, beim Greißler, im Park.
BUZZO, Aus dem Tagebuch einer Hündin. (Die Woche)
Zusammenfassend ist festzuhalten, dass Wiederholung eine große Bedeutung für den Sprachbenutzer in verschiedenen Kommunikationssituationen besitzt. Das besondere Interesse liegt auf den stilistischen Funktionen der Wiederholung, d. h. welche Intentionen der Sprecher/ Schreiber mit dem Einsatz von Wiederholung in einem Text verfolgt und welche Stilwirkungen beim Hörer/Leser mittels dieses Stilmittels her vorgerufen werden.
Stilistischer Wert von der Wortlänge der Sätze
Für die Stilkunde ist auch die Satzlänge (Satzumfang) von Bedeu tung.
Sie hängt von dem Funktionalstil, der Thematik, der literarischen Richtung, dem Individualstil ab. In der Poesie, in der Ballade z. B. hält der Dichter den Leser/Zuhörer mit äußerst knappen Sätzen in Spannung. Noch kürzer können die Sätze in Märchen, Fabeln, volks tümlichen Spruchweisheiten sein (wie Eile mit Weile). Die Sätze in umfangreichen Romanen sind gewöhnlich lang. Individuelle Unter schiede der Verfasser sind groß. Bei Th. Mann, dem Meister des langen Satzes, erreicht die Wortzahl manchmal 172, durchschnittlich 25–30 Wörter, bei Borchert – durchschnittlich 10 Wörter. Die Wortlänge der Sät ze ist für die Charakterisierung des Individualstils von Bedeutung. Man unterscheidet den Hang der modernen Schriftsteller zur Verkürzung des Satzumfanges. Auch in anderen Funktionalstilen, z. B. in
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den Texten der Sachprosa ist die Tendenz der Aufl ockerung in literarischem Deutsch spürbar (die Bevorzugung einfacher und relativ kurzer Sätze, für die Knappheit des Ausdrucks, die Sprachökonomie ist typisch).
Ein Stilwert, der allen Sätzen außer dem Einwortsatz gemeinsam ist, wird deutlich, wenn man bedenkt, dass die Worte, die im Satz auf einanderfolgen und eine mehr oder weniger lange Sprechzeit erfordern, als ein Miteinander, als eine sinnvolle Einheit erfasst werden müssen. Diese Erfassung ist notwendig mit einer gewissen Spannung verbunden. Die Spannung kann so schwach sein, dass sie kaum noch merklich ist, und sie kann bis zum Zerreißen stark sein. Beinahe unmerklich ist sie in kurzen einfachen Vorgangssätzen, wo sie nur so lange anhält, bis, vielleicht über eine einleitende kleine adverbiale Bestimmung hinweg, der kurze Weg vom Subjekt zum intransitiven Verbum als Prädikat (oder umgekehrt) zurückgelegt ist. Kaum deutlicher ist die Spannung zu spü ren in einfachen Handlungssätzen, wo Subjekt, transitives Verbum und Objekt trotz etwaigen kurzen adverbialen und attributiven Erweiterun gen so dicht aufeinanderfolgen, dass der Geist die Strecke vom Han delnden bis zum Ziel seines Handels im Nu überschaut.
Einer bewertete sachlich ein Gespräch. Aber da waren inzwischen noch zwei andere. (G. Benn)
Das syntaktische Gebilde jedoch, in der die Spannung ihren höchs­ten Grad erreichen und sich bis zur Unerträglichkeit steigern kann, ist das weitläufi ge und verwickelte Satzgefüge. Denn hier ist dem für den deutschen Satzbau gültigen “Gesetz der Umklammerung” (E. Drach, 1971: 38) die Möglichkeit gegeben, nicht nur zwischen den Satzglie dern und ihren näheren Bestimmungen zu walten, sondern auch zwischen dem Hauptsatz und den untergeordneten Nebensätzen und zwischen diesen.
Unter Gedanken, – wie die freie Zeit, die ihm nach Erledigung seiner Dienstpfl ichten zur Verfügung stand, – zweckmäßig zu verwenden sei, wel- ches ihr Sinn sei in Hinsicht des Staates und der Person, schritt er aus.
Nach dem bisher Gesagten könnte die Vorstellung entstehen, zwischen der Länge des Satzes und dem Grad der Spannung bestehe eine Wechselwirkung: je länger der Satz, umso stärker die Spannung.
Es ist zweckmäßig, für die Untersuchung der Stilwerte der Wortstel lung eine Ordnung nach kurzen und langen Sätzen vorzunehmen.
Recht aufschlussreich sind schon die Möglichkeiten, die Satzlänge zu variieren. Mit äußerst knappen Sätzen hält der Schriftsteller den Le ser in Spannung, trägt immer neue, unerwartete Geschehnisse an ihn heran. Es wird z. B. sehr bewegtes äußeres Geschehen oder seelische Erregung meist in kurzen Sätzen bis Nominalsätze dargestellt:
Vor einer Kneipe saßen Männer. Ihr Sinn? Sie aßen! Sie gingen nicht, sie schonten Kraft. Sie tranken aus Krügen! Reine Lust? Niemals!
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Nähr wert – war nicht zu leugnen. Und wenn? Erholung von Mann zu Mann?! Erfahrungsaustausch?! Bestätigungen!!!? (G. Benn)
Gottfried Benn bevorzugt lange Sätze, dabei stellt er zwischen den Hauptsätzen öfter statt des Kommas das Semikolon; es trennt stärker als das Komma, aber weniger stark als der Punkt:
Die letzten Straßen, Brutt quoll aus den Kellern; vorbei schabte ein Mönch, der Triumph des Inhalts; Frauen aus Nestern und Begattung hin ter sich herschleifend, führten ihre bejahenden Versenkungen dem Nach bar zu. (G. Benn)
Asyndetische und polysyndetische Verbindung bei der Nebenordnung
Asyndeton (das Unverbundene) ist eine bloße Aneinanderreihung von einzelnen Wörtern, Wortgruppen oder Einzelsätzen ohne Konjunktion. Die einzelnen Glieder wahren dabei eine größere Selbstständigkeit.
Polysyndeton (das Vielverbundene) ist eine Aneinanderreihung mit der Konjunktion (gewöhnlich mit “und”).
Für beide Verbindungsmöglichkeiten sind Emotionalität und erhöhte Dynamik typisch (beim Asyndeton ist die Bewegung hastig, ungleichmä­ßig, beim Polysyndeton ist sie dagegen gleichmäßig-rhythmisch). (Beispiele aus Goethes “Erlkönig”). Manchmal drückt das Polysyndeton die schnel­le Ablösung der Handlungen aus, wobei “und” als Intensifi kator dient (E. Strittmatters “Schulzenhofer Kramkalender”: Grauer Nachmittag – und
es dunkelt rasch, und das Grau wird Nacht, und es gibt keinen Abend.).
Stilistische Leistungen der Satztypen. Satzarten
Ausschlaggebend für die Wahl der Satztypen ist in erster Linie die The­matik der Rede. Aber auch der Gefühlsgehalt ist dabei von Bedeutung. Der ruhigen, sachlichen und leidenschaftslosen Mitteilung, der objektiv­konstatierenden Darstellung dient der Aussagesatz. Er ist in verschiede nen funktionalen Stilen anzutreffen. Der Ausdruckswert des Ausrufesat zes ist die affektive Darstellung eines Sachverhaltes, ausgelöst durch per sönliche Anteilnahme des Sprechers/Schreibers. Die Satzbaupläne des Ausrufesatzes können verschieden sein (ein Fragesatz, ein elliptischer Satz), aber ein Bewertungssem muss in allen Varianten sein (Freude, Zorn, Bewunderung, Ironie usw.). (E. G. Riesel, E. I. Schendels, 1975)
Der Ausrufesatz als eine affektive Satzform ist in verschiedenen Sti len “zu Hause”, vor allem aber in der Alltagsrede und in der Publizistik, und auch in der schönen Literatur: Ach, welch sublimer Augenblick! (P. Süß kind. Das Parfüm).
In der Sachprosa und in der Wissenschaft werden die Ausrufesätze als Regel vermieden.
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Unter den Fragesätzen unterscheidet die Stilkunde:
echte eigentliche Fragesätze, die eine Antwort erfordern
scheinbare (rhetorische, unechte, formale) Fragen, wo man keine
Antwort beabsichtigt
Die erste Gruppe wird im Alltagsverkehr, in der Publizistik, auch in der wissenschaftlichen Prosa verwendet. Das ständige Merkmal der rhe torischen Fragen ist ihre Expressivität, ob logisch oder emotional. Der Fragesatz enthält kein Bewertungssem. Sein Hauptsem ist “Frage”, er hat oft auch das Sem “Aufforderung”. Die rhetorischen Fragen sind hier mit dem Appell an den Hörer oder Leser verbunden, selbst über das Pro blem gründlich nachzudenken.
Der wissenschaftliche Stil verwendet vorrangig rhetorische Fragen, wo der Sender mit seiner Frage eine schärfere und logische Denkhaltung seitens des Empfängers bezweckt (in diesem Fall sprechen wir von der logischen Expressivität).
B. Brecht
FRAGEN EINES LESENDEN ARBEITERS
Wer baute siebentorige Theben?
In den Büchern stehen die Namen von Königen.
Haben die Könige die Felsbrocken herbeigeschleppt?
Und das mehrmals zerstörte Babylon –
Wer baute es so viele Male auf? In welchen Häusern
Des goldstrahlenden Lima wohnten die Bauleute?
Wohin gingen an dem Abend, wo die Chinesische Mauer fertig war,
Die Maurer? Das große Rom
Ist voll von Triumphbögen. Wer errichtete sie? Über wen
Triumphieren die Cäsaren? Hatte das vielbesungene Byzanz
Nur Paläste für seine Bewohner? Selbst in dem sagenhaften Atlantis
Der junge Alexander eroberte Indien
Er allein?
Cäsar schlug die Gallier.
Hatte er nicht wenigstens einen Koch bei sich?
Philipp von Spanien weinte, als seine Flotte
Untergegangen war. Weinte sonst niemand?
Friedrich der Zweite siegte im Siebenjährigen Krieg. Wer
Siegte außer ihm?
Jede Seite ein Sieg.
Wer kochte den Siegesschmaus? Alle zehn Jahre ein großer Mann.
Wer bezahlte die Speise? So viele Berichte. So viele Fragen.
(1936)
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In diesem Gedicht sagt B. Brecht, dass der Arbeiter viel lernen und lesen muss, um die Geschichte gut kennen und sie richtig verstehen zu können. Wenn der Arbeiter die Geschichte richtig versteht, fi ndet er sich auch besser im heutigen Leben zurecht.
Der Autor unternimmt einen Streifzug durch die Weltgeschichte und führt eine Reihe bekannter Tatbestände an, zumeist aus dem Altertum, um den lesenden Arbeiter zum Nachdenken anzuregen, wer die Weltge schichte machte. Wer machte denn diese Geschichte? Der Arbeiter fi n det in den Büchern nur die Namen der Könige und der großen Männer. Julius Cäsar, ein römischer Feldherr und Staatsmann, Philipp von Spa nien, Haupt der europäischen Genrereformation, Friedrich der 2., Ale xander von Macedonien, also “alle zehn Jahre ein großer Mann”.
Brechts Sprache ist arm an Bildern und doch gefühlsgeladen und über­zeugend. Die führenden Ausdrucksmittel sind Realienwörter und Fra­gen: Bericht-Fragen und rhetorische Fragen, die keine Entgegnung, kei ne eigentliche Antwort erwarten.
Der Zweck ist, den Zuhörer zu liebhafter Anteilnahme, zum Mitden ken anzuregen. Mit diesen rhetorischen Fragen sagt Brecht, dass nicht die großen Männer (Julius Cäsar, Philipp von Spanien, Alexander von Macedonien und andere), die Geschichte gemacht haben, sondern das einfache Volk. Dank den rhetorischen Fragen wirkt der Text expressiv und einprägsam.
Interrogative Sätze können äußerst expressiv und emotional sein, wenn sich der Adressant an sich selbst wendet und im voraus die Antwort auf die Frage geben kann.
Aber wer wußte schon, wozu ein Mensch, eine Mutter, in einer Notsitua­tion fähig war? Welche Ängste und Abgründe sich hinter einer scheinbar ge lassenen Miene verbargen? Weiß ich, wozu Paul fähig ist? Was er vor mir verbirgt, welche Gedanken ihn bewegen, während er scheinbar friedlich ne­ben uns lebt? (E. Peters. Klassentreffen)
Ruth setzte sich im Bett auf Sie fühlte sich wie betäubt. Wie war sie hierhergekommen? Ein Mann? Natürlich ein Mann. (E. Peters. Klassen-
treffen)
Und wem ist damit gedient? Deiner Frau? Machst du sie glücklich? Nein. Sie leidet an mir. (E. Peters. Klassentreffen)
War es ihr Fehler, daß es diesen Menschen nicht gab? Was war gesche­hen? War die Nabelschnur gerissen? Oder lag es einfach daran, dass ihr Kind plötzlich erwachsen geworden war? (E. Peters. Klassentreffen)
TEIL IV
MITTEL DER BILDKRAFT
Für die “Kunst des Treffens” ist die Bildkraft als eine besondere sti­listische Prägung der Aussage von großer Bedeutung. Wir haben die Bild­kraft eben als allgemeinen Stilzug bezeichnet, die in allen Textsorten vor­handen ist. Sie weist zwei Komponenten auf, denen das Wort Bild zugrunde liegt: Bildhaftigkeit (Syn. Anschauligkeit, Sinnfälligkeit) und Bildlichkeit. Beide Abarten können wir als sprachliche Bilder bezeichnen, doch müs sen wir beide Termini getrennt abstecken.
Sprechen wir vom bildhaften Ausdruck, so verstehen wir darunter jede anschaulich-sinnfällige Darstellung eines Gegenstandes bzw. einer Erscheinung auf beliebigem sprachlichem Wege.
Als Mittel der Bildhaftigkeit können die verschiedensten sprachlichen Erscheinungen dienen:
die richtige Wortwahl aus thematischen und synonymischen Rei hen,
die passende funktionale Verwendung dieser oder jener lexikalischen Schicht,
die Wahl der entsprechenden normativ-expressiven Stilfärbung usw.
Diese Abart der Bildkraft ist den isolierten Lexemen des Sprachsys tems, zwar im verschiedenen Ausmaß, eigen. In der Grammatik fehlt sie unter dem paradigmatischen Aspekt. Als Merkmal der Lexeme im Sprach bau ist die Bildhaftigkeit der sinntragenden Wörter mit der direkten (nor mativen, eigentlichen) Bedeutung von Einzelwörtern und Wendungen ver bunden. Je größer der Semenreichtum des Wortes ist, desto anschauli cher und lebendiger wird seine Bedeutungstiefe. Die in der lexikalischen Struktur neben dem denotativen Grundsem eingeschlossenen semanti schen und stilistischen Bedeutungselemente bestimmen den Allgemein begriff näher, detaillieren und ergänzen unser Vorstellungsbild.
Es wäre falsch zu behaupten, dass das besondere, bildhafte Wort immer vorzuziehen ist. Es gibt jedoch Kontexte und Situationen, in denen we gen der funktionalen Anwendungsformen allgemeine, blasse, farblose Wörter und Ausdrücke zu verwenden sind (z. B. im Amtsstil).
Die Bildlichkeit entsteht auf Grund der übertragenen Bedeutung. Sie ist gürliche, uneigentliche Rede, die erst aus dem Kontext eindeutig und voll erschlossen werden kann. Man fi ndet die Mittel der Bildlichkeit so wohl in der Lexik als auch in der Grammatik.
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Mittel der Bildhaftigkeit
Vergleiche
Der Vergleich nimmt nach der Meinung der meisten russischen Ger­manisten die Stellung zwischen den Mitteln der Bildhaftigkeit und Bildlichkeit ein. Es muss noch gesagt werden, dass diese Stellung um stritten ist. Manche Forscher unterscheiden streng zwischen Vergleichen und Tropen, die anderen hingegen verwischen die Grenze und sehen im Vergleich den einfachsten Tropus (B. Sowinsky, 1991: 255).
Der Vergleich verbindet zwei Wörter aus verschiedenen Begriffsbe­reichen und ruft durch die bloße Gegeneinanderstellung sprachökono misch eine Fülle von bildhaften, manchmal bildlichen Assoziationen hervor.
Der Vergleich wird sprachlich angekündigt, häufi g durch Vergleichs- partikel wie, sowie, als.
Der Vergleich muss “sitzen”, dem Leser helfen, Neues durch Bekann tes deutlich zu machen, und eine besondere stilistische Wirkung hervor rufen. Nehmen wir den klassischen Vergleich: Das Mädchen war schlank wie eine Tanne. Beide Wörter Mädchen, Tanne treten in ihrer Sinnbedeu tung auf. Ihre Nebeneinandersetzung ruft gleich Einzelbilder hervor, es entsteht eine neue Vorstellung: schön, plastisch, leicht. Das neue Bild steckt sozusagen zwischen beiden verglichenen Wörtern, der neue Begriff wird nicht genannt, ist aber verständlich.
Jeder Vergleich besitzt eine Vergleichsbasis, ein Vergleichsmerkmal, das ist das Dritte des Vergleichs, das Verbindende, das Gemeinsame (selten das Kontrastierende) zwischen den beiden Komponenten des Vergleichs, ob wohl dieses Vergleichsmerkmal genannt oder ausgespart werden kann.
Die Wände sind so eng wie je. – Die Zelle ist leer wie eine Apfelsinen­schale. (W. Borchert. Die Apfelsinenblume)
Die Wirkung des Vergleichs hängt in erster Linie von der Anschau lichkeit und Überzeugungskraft der Vergleichsbasis ab. Sie muss klar, all gemein verständlich sein, nicht rein subjektiv sein, nicht zu “kühn” (kühne Vergleiche).
Die verglichenen Begriffe können voneinander fernliegen, ganz dia­metral sein, d. h. sich grundsätzlich voneinander unterscheiden. In die­sem Fall wirken sie bildlich: Die Zelle wird im obenangeführten Beispiel mit der Apfelsinenschale verglichen. Oder: Das Sodawasser schmeckt wie eingeschlafene Füße. (Das Prickeln ist hier das Gemeinsame).
Die meisten Vergleiche sind mehr oder weniger hyperbolisch, die Übertragung erhöht dabei die stilistische Wirkung – den Eindruckswert. Der Vergleich gibt die Verdoppelung (die Erweiterung) der Perspektive. Es entsteht eine neue Ebene.
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