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TEIL IV. MITTEL DER BILDKRAFT
Die Hyperbel ist dem Paradoxon nah, weil sie die Grenze der Glaubwürdigkeit überschreitet und die logischen Normen verletzt.
Die Hyperbel fällt durch die Sinnwidrigkeit der Darstellung, durch die
Irrealität, die der Hyperbel einen phantastischen Charakter verleiht, auf:
Wenn du am 30. Februar wiederkommst, werde ich deinen Wunsch
erfüllen.
Wenn die Donau ausgetrocknet ist, hört auch meine Treue auf.
Die Hyperbel erfüllt immer die charakterisierende Funktion. Die hyperbolischen Einheiten beeindrucken durch den Effekt der Überraschung,
der darum entsteht, weil etwas Gewöhnliches und Natürliches mit etwas
Irrealem und Unmöglichem kollidiert. Die Hyperbel schafft ihre eigene.
Welt, absurde Welt. Im hyperbolischen Urteil widerspricht alles dem
ge sunden Menschenverstand, dem natürlichen Lauf der Dinge. Nach den
Logikgesetzen ist die Hyperbel ein Fehler.
Bei der hyperbolischen Bezeichnung werden qualitative und quanti tative
Dimensionen entstellt.
Besonders auffällig ist die Abkehr von der Realität bei der Hyperbolisierung
der Numeralien, obwohl manche von ihnen gemeinsprachliche Hyperbeln sind:
etwas tausendmal sagen, tausende Zuschauer, Hunderte von Neugierigen.
Die Verletzung der Dimension kann man auch in solchen Fällen beobachten, wenn ein mehr oder weniger genaues Maß etwas Ungenaues,
Verschwommenes darstellt und dabei mit großer Übertreibung.
Das Glas zersprang in tausend Stücke.
Hunderte und Tausende von Tieren.
F. Kainz äußert sich dazu so: “Bekanntlich die größten runden
Zahlen ganz unmathematisch verwendet mit starken Übertreibungen und
Abrundungen nach oben, wobei es auf sachliches Zutreffen nicht ankommt”
(F. Kainz, 1941: 243).
Es gibt auch Beispiele, die andere quantitative Begriffe enthalten: mei-
lenweit den Mund aufmachen, zentnerschwere Biermolle, Süßigkeiten
tonnenweise verdrücken, kilometertiefer Kleidausschnitt.
In der Alltagsrede werden oft gemeinsprachliche Hyperbeln verwen det:
eine ganze Stunde lässt du auf dich warten; Ich kann nicht tausend Din ge
zugleich machen; Ich habe dir das tausendmal gesagt; Ich habe dich eine
Ewigkeit nicht gesehen; Ich möchte mit ihm ein paar Worte reden; nicht bis
drei zählen können; Warten Sie eine Sekunde!
Verschiedene Formeln der Höfl ichkeit enthalten gemeinschaftliche
Hyperbeln: Tausend Grüße! Tausend Dank. Ich danke Ihnen tausendmal!
Untertreibung äußert sich in folgenden Beispielen: Das Haus liegt nur
einen Katzensprung von hier entfernt. Der Laden ist nur einen Steinwurf weit
entfernt. Schreib mir eine Zeile. (DUW: 1628)
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N. M. NAER. STILISTIK DER DEUTSCHEN SPRACHE
Die Hyperbel wird gerne in der Werbung verwendet: Das strahlendste
Weiß, das es gab. Der Gipfel der Frische, Lieson fl üssig. Esso Super riecht
jetzt sogar super. Während Super Diesel einen Kraftstoff gibt, ist super sa-
lopp für “überragend” und “Begeisterung hervorrufend”.
Euphemismen
Auf Schritt und Tritt sind wir im Leben vor der Aufgabe gestellt, einen unangenehmen oder peinlichen Sachverhalt in gemilderten, taktvol len
Worten, die weniger hart vor uns treten, wiederzugeben. Dazu dienen die
Euphemismen.
Es gibt viele Defi nitionen von Euphemismen (im Brockhaus, Meyers
Lexikon, von H. Lausberg, Faulseit-Kühn, E. Leinfellner, S. Luchtenberg, E. G. Riesel, E. I. Schendels usw.). Verallgemeinert kann man sagen:
“Der Euphemismus ist Art des Tropus, die Umschreibung, welche drei
Funktionen erfüllt: mildernde, beschönigende und verschleiernde Funktion. Der Euphemismus ist ein Hüllwort. Sammelbezeichnung für beschönigende, höfl iche, mildernde, betrügerische demagogische, sophis tische,
verfälschende, verhüllende Ausdrücke, die aus unterschiedlichen Motiven,
z. B. aus gesellschaftlicher Konvention, Zeitgeschmack, Höfl ichkeit,
Aberglaube, Täuschungsabsicht, die direkte Bezeichnung des Sachverhaltes
umgehen.” (W. T. Malygin, G. W Oserow, L. N. Chorew “Stilistisches
Wörterbuch der deutschen Sprache”).
Ausgehend davon können wir beschließen, dass es solche Begriffe gibt,
die schon in der Sprache ihre Bezeichnungen haben, aber diese Bezeichnungen gelten als unangenehm, unanständig oder gesenkt. Und die Umschreibung einer anstößigen, unangenehmen Sache oder furchterweckender Vorstellungen aus taktvoller Rücksichtnahme, Furcht, Ehrfurcht oder
Scheu, aus sittlichen, religiösen oder anderen Gründen durch mildernde oder
beschönigende Worte nennen wir Euphemismus. Der Euphemismus lässt uns
eine Sache nicht bei ihrem richtigen Namen nennen, sondern umschrieben,
angedeutet, gemildert oder auch beschönigt.
Außer dem Begriff “Euphemismus” muss man den Begriff “Tabu”
defi nieren, weil eine Frage entsteht, ob Euphemismen sprachliche Reak-
tion auf gesellschaftlich geltende Tabus sind. In nicht wenigen Fällen wird
bei Euphemismen auf Tabu verwiesen und umgekehrt, z. B., Euphemis men
zeigen Tabus an. Denn wer sich ihrer bedient, erkennt die Gültigkeit des Tabus
für sich an, d.h. er gliedert sich einer Gesellschaft (Klasse) ein, die gerade
dieses Tabu für wichtig hält. Euphemismen sind soziale Er kennungszeichen:
wer sie nicht benutzt, wer diese Gesellschaftsnorm ab lehnt, kennzeichnet
sich als einen Außenstehenden.
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TEIL IV. MITTEL DER BILDKRAFT
Ob man sagt, eine Frau sei schwanger, in anderen Umständen, sie kriege
ein Kind (ein Baby) oder habe einen dicken Bauch, entscheidet die soziale
Selbsteinschätzung des Sprechers, sofern er die Wortwahl selbst vollzieht.
Lässt er sich treiben, wird er durch den Euphemismus oder dadurch, dass er
ihn umgeht, manipuliert; andernfalls versucht er die andern zu manipulieren.
Unter Tabu versteht man gefährlich vermeidende Ausdrücke. Aus religiösen oder sittlichen Gründen, aus Furcht, Ehrfurcht oder Scheu wer den
sie aus dem Gebrauch verbannt und nicht beim richtigen Namen genannt,
sondern beschrieben. Tabu sind der Teufel, der Tod. Die Eu phemismen sind
Mittel zur Umgehung von Tabus.
Man schreibt von drei klassischen Tabusphären: körperlicher Bereich –
Krankheiten – Tod.
H. Seidler (1963: 17) nennt Euphemismen gesellschaftliche Stilwerte.
1I. Euphemismen sind Synonyme aus der synonymischen Reihe bzw.
Umschreibungen, sie gehören zur Sprache, zum System, sind ein Teil der
Sprache, z. B. entschlafen im Sinne sterben gehört zum festen
Wortschatz.
2. Aber es gibt auch gelegentliche Euphemismen, sie gehören zur
Rede. Das sind Umschreibungen, die nur im Komplex realisiert werden.
W. I. Schuwalow (1988) unterscheidet zwei Entstehungswege der Euphemismen.
• Der erste Weg wird dadurch kennzeichnet, dass das Wort mit negativen und unerwünschten Konnotationen durch ein anderes Lexem ersetzt wird, bei der die Konnotationen fehlen (zwecks der
Milderung, der Verglimpfl ichung der Aussage). Eben dieses Lexem
übt eine euphemistische Funktion aus. vollschlank – dick, Able ben –
Tod, mitnehmen – stehlen, spinnen – dichten, lügen.
• Der zweite Weg weist sich dadurch aus, dass das ersetzte Wort schon
diese neutrale oder positive Konnotation trägt. Manchmal werden
englische Entlehnungen gebraucht, um nicht angesehene Berufe als
attraktive darzustellen (so z. B. Kellnerin als Barhostess).
Anwendungsbereich der Euphemismen
TOD
Der tabuisierte Tod wird unter verschiedenen Namen personifi ziert:
Knochenmann, Sensenmann, Freund Hein. Die Euphemisierung des Sterbens beginnt bereits mit der Zeit kurz vor dem Tod, wie die folgenden Beispiele zeigen: die letzten Verfügungen treffen, das letzte Vaterunser beten,
den letzten Kampf kämpfen.
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N. M. NAER. STILISTIK DER DEUTSCHEN SPRACHE
Die breite Palette der Todesnamen ist alt, das meiste davon decken
christliche Vorstellungen: Heimgang, Ableben, Hinscheiden; erlöst (abberufen) werden, erlöschen, verscheiden; derber: dran glauben müssen, um die
Ecke sein; nach biblischem Muster: in die Grube fahren, zu seinen Vä tern
versammelt werden, den ewigen Schlaf schlafen.
Eine Menge von Euphemismen weist auf die Ähnlichkeit zwischen
Schlaf und Tod hin: in den letzten Schlaf gesunken sein, den langen Schlaf
schlafen. Die andere Gruppe von Euphemismen nennt Sterben: Reise bzw.
Rückkehr; in ein besseres Zuhause gehen, die Grenze überqueren, in den
Himmel gekommen sein.
Schön zu sagen: einer habe bei einem Unglück den Tod gefunden,
d. h. so zu tun, als sei das für jenen eine glückliche Entdeckung gewesen, –
ist höfl icher als die direkte Aussage “er sei gestorben”. Es scheint vielen
Zeitgenossen “barmherziger” von jemandem Abschied zu nehmen, ihm die
letzte Ehre zu erweisen, das letzte Geleit zu haben als ihn schlicht zu begraben.
Es gibt auch Euphemismen für den gewaltsamen Tod: beseitigen, still
machen, aus dem Weg räumen, den Kopf vor die Füße legen.
Umschreibungen für sterben fi nden sich in allen Stilebenen und Aus-
drucksformen. Es gibt eine hohe Anzahl von Euphemismen gehobener
Sprachebene mit poetischem oder gefühlsbetonendem Inhalt, die das
Schrecken der Vorstellung mildern sollen: das Lebenslicht erlosch, er wur-
de heimgerufen, er ist verschieden, er schloss die Augen, er wurde zu Gott
gerufen usw.
KRANKHEITEN
Die Euphemisierung von Krankheiten fi ndet sich bereits bei den frü heren
Völkern, die Erkrankungen mit Dämonen in Zusammenhang brachten. Der
Grund für die Euphemisierung kann im Mitleid und Takt gesehen werden,
da man dem Kranken die Erinnerung durch das Nicht-Aussprechen des
Krankheitsnamens ersparen will.
Das Wort Krankheit wird manchmal durch Gesundheit (schwächliche
Gesundheit) ersetzt. Der Zustand des Krankseins ohne nähere Bezeichnung der Krankheit wird häufi g durch unbestimmte Ausdrucksformen
wiedergegeben: leidend sein, nicht auf der Höhe sein, nicht in Ordnung sein.
Hat einer Unglück, krank zu werden, bemüht er sich, sein Missgeschick,
solange er kann, herunterzuspielen: ihm ist unwohl, erfühlt sich nicht sehr
gut, er hat sich etwas geholt. Kommt er dann wirklich zum Liegen, hat er
sich einen Knacks geholt oder er ist leidend.
Für den Zustand der Schwangerschaft werden solche Ausdrücke verwandt
wie guter Hoffnung sein, in anderen Umständen sein, etwas bestellt haben.
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TEIL IV. MITTEL DER BILDKRAFT
Wer seiner Umwelt geistig nicht mehr genügt, wird gegenüber ande ren
oft folgendermaßen bezeichnet: nicht ganz richtig, auch nicht bei Sin ne, er
hat seine fünf Sinne nicht beisammen.
Am anderen Ende der Krankheitstabus steht die Gruppe, die uns durch
Hygiene und Kosmetik aufgedrängt wird. Man nehme als Beispiel unsere
Bemühungen, Überschreitungen des uns verordneten Normalgewichts zu
verschleiern: wer Übergewicht hat, ist vermutlich ein Vielesser (er hat einen
übermäßigen Verzehr); vielleicht neigt der Unglückliche auch nur zur Korpu-
lenz (Fülle). Man empfi ehlt ihm dann Schlankheitspillen oder, feiner ge sagt,
Appetitzügler (Gewichtsbremser).
GELD
Unter den klassischen Tabus ist Geld. Und wie bekannt, über das Geld
spricht man nicht (man hat es!).
Synonyme stammen aus den Außenbezirken der Gesellschaft, von denen,
die kein Geld haben, aber haben wollen; Draht, Kies, Moos, Zaster, Kröten,
Moneten, Piepen. Andere können ihre Verlegenheit nicht verber gen: das
nötige Kleingeld haben, bei Groschen sein; mit Übertreibung: Geld wie
Heu, steinreich sein, warm (in der Wolle) sitzen (reich sein), es haben.
FAMILIE UND EHE
Familie und Leben gehören zu den grundlegenden sozialen Einrichtungen und sollen daher zunächst auf Euphemisierung hin betrachtet werden.
Die Umschreibungen für heiraten haben in der Mehrzahl keinen euphemistischen Charakter, da keine gesellschaftliche Tabuisierung von Heirat und
Ehe existiert. Möglich ist jedoch eine okkasionelle, individuell bedingte euphemistische Umschreibung, bei der folgende Ausdrücke verwandt werden
können: den ewigen Hausstand gründen; unter die Haube kommen; das Ja
Wort geben; die Hand fürs Leben reichen; zum Altar führen; gemeinsames
Glück. Unfall-Ehe, Muss-Ehe, Muss-Hochzeit sind Ersetzungen für Frühehe.
Da die Ehe als Norm gilt, wird der Zustand des Ledigseins in verschiedener Weise auch euphemistisch genannt: einspännig, Einzelwirt-
schaft, ungebunden, Solist. Auch uneheliches Kind wird in einer Reihe von
Ausdrücken umschrieben: Kind der Liebe, natürlicher Sohn, Mantel kind,
Kind direkter Herkunft.
POLITIK
Politische Euphemismen erfüllen verhüllende Funktion. Euphemistisch werden z. B. die Länder bezeichnet, die in einer abhängigen Positi on
stehen: Entwicklungsländer, entwicklungsfähige Länder, die Dritte Welt.
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N. M. NAER. STILISTIK DER DEUTSCHEN SPRACHE
Aus Tageszeitungen stammt folgendes Beispiel: Die dunklen Schatten der
Vergangenheit für die Umschreibung des Hitlerregimes; Gesinnungsakrobat für geschmeidigen Gesinnungswechsler; politische Ordnung und Ruhe
schaffen (durch die Armee); anstatt Baracken heißt es in der Sprache
der Sozialdezernenten Schlichthäuser, Freisetzung statt Kündigung;
Konjunkturspitze – staatliche Hilfe den Unternehmern in der Krisenzeit,
Konjunk tur statt Wirtschaftskrise.
Politische Euphemismen in der Presse haben überwiegend okkasio nellen
Charakter, und zwar besitzen nur im betreffenden Kontext euphe mistische
Funktion.
Dagegen sind nachgenannte innenpolitische Euphemismen zum usu ellen
Wortschatz zu rechnen bzw. in einem Übergangsstadium begriffen wie z. B.
die da oben – die Regierenden, Tauwetter – Milderung politischer Strenge,
weiche Welle – Politik der Nachgiebigkeit, Maulkorbgesetz – ge setzliche
Beschränkung der Redefreiheit, bußenrein – politisch einwand frei, astrein –
politisch unverdächtig, Konspiration – Verschwörung.
Diese Beispiele sind auch ohne Kontext als Umschreibungen (meist)
innenpolitischer Zustände einsichtig, was jedoch nicht besagt, dass sie eine
kontextuelle Zuordnung nicht mehr nötig hätten, denn die euphemisti sche
Bedeutung ist auch bei ihnen nur eine der möglichen Bedeutungen.
WIRTSCHAFT
vermögend sein, gut situiert – reich, es sich schlau machen – sorgen frei,
auf Kosten anderer leben.
Die Ersetzung für arm und Armut die Klinken putzen – betteln, unbemittelt, mittellos; Money an Oberfuß haben – Geldschwierigkeiten ha ben,
kalte Füße haben; in der Schokolade sitzen – sich in Not befi nden.
BERUFSBEZEICHNUNGEN
Es wurde bereits angedeutet, dass eine Reihe von Euphemismen zugleich
aufwertenden Charakter hat. Dies trifft etwa auf die Bezeich nungen zur
Stellung im Betrieb zu, wo die Bezeichnung der tatsächli chen Stellung nicht
angepasst ist.
Man unterscheidet mehrere Gründe, die zu euphemistischen Berufsbezeichnungen führen. Es können Gründe der Höfl ichkeit sein, die mit
einer unangenehmen oder schmutzigen Arbeit verbundenen Berufe mit
einem Euphemismus zu bezeichnen, oder aber das Streben nach höherem Sozialprestige kann die Ursache für die euphemistische Benennung
sein. Es kann auch gesteuert werden, wenn bei einem unangenehmen oder
unangesehenen Beruf Mangel an Arbeitskräften herrscht.
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TEIL IV. MITTEL DER BILDKRAFT
Das zweifellos populärste Beispiel für aufwertende Berufsbezeichnungen ist Raumpfl egerin, die inzwischen in den Anzeigen die Putzfrau weit-
gehend verdrängt hat, aber noch als aufwertender Euphemismus angesehen werden muss, da keine soziale Aufbesserung die Neubezeichnung
rechtfertigt. Nach L. Mackensen erfüllt Aushilfe anstelle von Putz-, Zugeh-
oder Stundenfrau im ländlichen Bereich eine ähnliche aufwertende Funktion wie Raumpfl egerin in der Stadt. Beispiele für Putzfrau sind: Parkett-
kosmetikerin, Reinigungsassistentin, Raumbetreuerin, Bodensachbearbeiterin, Bodenmasseuse usw.
Noch stärker als bei Putzfrau hat sich die Aufwertung bei Dienstmäd chen
durchgesetzt, das am häufi gsten durch Hausgehilfi n oder Hausange stellte
ersetzt wird.
Die Dienstleistungsgebiete sind besonders von der Aufwertung betroffen, wie etwa folgende Beispiele zeigen: Floristin statt Blumenbinderin
bzw. -verkäuferin, Bürokraft für Laufbursche, Sozialarbeiterin oder Wohl-
fahrtspfl egerin anstelle von Fürsorgerin.
Anstatt Infl ation schreiben die Zeitungen: Der Dollar ist schwach oder
krank. Es gibt zahlreiche Euphemismen wie z. B. gesellschaftlich nicht mehr
krisenfest für bankrott; faule Ware – Aktien; Bankrott-Firmen, Schwarzpreis,
schwarz verkaufen usw.
Belletristik
Wie es schon früher erwähnt ist, werden die Euphemismen aktiv in der
schöngeistigen Literatur gebraucht. In der Dichtung (Poesie und Prosa) wird
der literarische Euphemismus verwendet, um manche Härten des In halts
oder der Form zu verbergen, zu verhüllen. Oft wird dabei als Neben wirkung
oder als angestrebte Wirkung verstärkte Satire hervorgerufen.
So lesen wir in H. Manns Roman “Der Untertan“: Nüchtern und be fangen
sah er in der Gesellschaft umher, deren Selbstbewusstsein durch die vielen,
leer am Boden stehenden Flaschen so sehr gesteigert worden war.
Es fällt dem Leser nicht schwer, die kausalen Beziehungen zwischen
den zahlreichen leeren Flaschen und dem “geistigen Bewusstsein” der
Anwesenden herzustellen.
In Oskar Maria Grafs Roman “Unruhe um einen Friedfertigen” wird der
jüdische Schuster Kraus am Ende von SA-Leuten in den Tod gehetzt. Das sind
die Sätze über sein Sterben: Sonderbar still war es um ihn. Er sackte irgendwo
tief; tief hinab, und die Sekunden hörten auf, für ihn Se kunden zu sein...
In ganz einfache Worte wird diese Aussage gekleidet; gerade in ihrer
Schlichtheit ist sie ergreifend und wird dem Tode dieses einfachen Men schen
gerecht, der sein ganzes Leben in ängstlicher Zurückgezogenheit gelebt hatte.
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N. M. NAER. STILISTIK DER DEUTSCHEN SPRACHE
Und ich wusste nicht, dass Krieg gewesen war, vor kurzer Zeit, und sie
fragte mich, ob ich denn auf einem Friedhof gewesen sei, wo auf den Grabsteinen stand: ” Gefallen”, und ich sagte doch, das hätte ich gesehen, ich
hätte nur vorgestellt, die dort beerdigt seien, wären tot umgefallen... (H. Boll.
Billard um halb zehn)
Sehr oft sind Euphemismen in der Werbung anzutreffen: Zimmer im
griechischen Stil statt “spartanische Grundmöblierung – Bett, Stuhl, Tisch”.
Oder: Weiches braucht Weiches – für Toilettenpapier. Nicht mehr feucht
unter den Armen – nicht mehr schwitzen.
Zusammenfassend kann man sagen, dass die Euphemismen in den
funktionalen Stilen der Alltags- und der Zeitungssprache, der Publizistik und
der schönen Literatur als Stilmittel gebraucht werden. Im wissen schaftlichen
sowie im offi ziell-sachlichen Stil fehlen die Euphemismen, weil die Sprache
dieser Stile präzis und eindeutig ist.
Die meisten Euphemismen sind stilistische, okkasionelle Euphemismen, insbesondere in der schönen Literatur und in der Zeitungssprache. Die
Bildung der Euphemismen ist ein starker Anreiz für die Wortschöp fung.
Litotes
Die Litotes (griech. “Schlichtheit”) ist eine Periphrase auf Grund der
Verneinung, d.h. verneinende Umschreibung eines Sachverhalts, meist in
Form des verneinten Gegenteils. Die Aussage wird durch die Vernei nung
verstärkt oder abgeschwächt, sie kann dadurch humorvoll, ironisch, satirisch
wirken, Aufmerksamkeit lenken. Darin lässt sich die stilistische Leistung
der Litotes äußern: Das Mädchen ist nicht ohne Talent. – eine positive
Bewertung; nicht schlecht – besonders gut; nicht ungern – überaus gern;
nicht selten – ziemlich oft; kein Neuling – durchaus erfahren; nicht ohne
Wohlgefallen – mit großem Gefallen.
...und betrachtete sie nicht ohne W ohlgefallen. (G. Keller. Die Leute von
Seldwyla)
Der Ausdruckswert der Litotes ist vom Kontext abhängig, ob verstär kend
oder abschwächend:
Im Sprechzimmer hantierte Dora, die nicht ganz ehrliche Köchin.
(Th. Mann. Die Buddenbrooks)
Im achtzehnten Jahrhundert lebte in Frankreich ein Mann, der zu den
genialen und abscheulichen Gestalten dieser nicht armen Epoche gehörte.
(P. Süßkind. Das Parfüm)
Besonders wirksam ist die Litotes in der Presse, oft im Titel (“Deutsch-
land kein Wintermärchen”, so betitelte ein österreichischer Publizist sei ne
Reiseberichte aus der DDR).
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TEIL IV. MITTEL DER BILDKRAFT
Litotes in der Werbung: Die Disketten von Maxel sind nicht die schlech-
testen; Keine Feier ohne Meier; Nichts ist unmöglich (Toyota).
Allusion
Allusion (syn. Anspielung): Das ist eine Umschreibung, der Meta pher
nahe stehender Tropus, eine Anspielung auf eine meistens histori sche Person,
Örtlichkeit, Begebenheit oder Sitte.
Die Pferde wedelten mit dem Schwanz so traulich wie alte Bekannte, und
ihre Mistküchlein dünkten mir schön wie die Äpfel der Atlante. (H. Hei ne.
Deutschland. Ein Wintermärchen)
Äpfel der Atlante – Anspielung auf eine griechische Sage. Atlante tö tet
jeden ihrer Verehrer, der sie im Wettlauf nicht besiegen kann. Hippomenes
lässt auf den Rat der Liebesgöttin Aphrodite drei goldene Äpfel fallen. Die
bis dahin stets siegreiche Atlante bückt sich danach und ver liert deshalb
durch Zeitverlust den Wettlauf. Eine Frau mit Vergangenheit (Prostituierte),
Lukullisches Tafeln bewirken Kopfweh (sehr viel essen und sehr viel trinken),
to be or not to be (eine Anspielung auf Hamlets Äuße rung).
Aißchrologie
Stilmittel des Schimpfes und streitlustigen Zeterns, wendet sich di rekt
an eine Person und beschimpft sie, oberfl ächlich bis gezielt brutal; stellt
jedenfalls dadurch eine Beziehung her, z.B. bei J.W. Goethe im “Faust”
(zitiert nach J. D. Harjung, 2000: 26):
Wen lockst du hier? beim Element! Vermaledeiter Rattenfänger!
Au, Au, Au, Au!
Verdammtes Tier, verfl uchte Sau!
Versäumst den Kessel, versenkst die Frau!
Ve r fl uchtes Tier.
Epitheta
Epitheta (griech. “Beiwörter”) sind Mittel der Bildhaftigkeit. Das We-
sen dieses Stilistikums wird von vielen Stilforschern verschieden gedeutet. Manche halten es z. B. für ein schmückendes Beiwort, das nur für die
schöne Literatur von Bedeutung ist. Dieser Auffassung können wir nicht
zustimmen, da ein Epitheton inhaltliche und ästhetische Funktionen hat.
Es gibt eine Meinung, dass ein Epitheton, grammatisch als Attribut ausgeformt, nur eine bewertende, einschätzende Funktion ausübt. Unser
Standpunkt besteht darin, dass ein Beiwort Sachangabe und Einschät zung
eine Einheit bilden, wobei in einem Fall das eine, im anderen Fall das
andere stärker in den Vordergrund tritt.
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N. M. NAER. STILISTIK DER DEUTSCHEN SPRACHE
Epitheta charakterisieren und bewerten in der Regel gleichzeitig. Folg lich
fi ndet das Epitheton in allen Stilen Verwendung. In Übereinstim mung mit
E.G. Riesel deuten wir diesen Begriff folgendermaßen:
Epitheton ist jede Merkmalsbestimmung eines Substantivs, durch die
der betreffende Begriff logisch-sachlich konkretisiert oder emotional eingeschätzt wird. Man kann von zwei Untergruppen der Beiwörter spre chen:
Konkretisierende Epitheta, vor allem logisch-sachliche, fi nden wir
in allen Stilen der schriftlichen und mündlichen Rede. Sie präzisieren und
konkretisieren die Bedeutung, d. h. erfüllen die denotative Funktion, darüber
hinaus aber vermitteln noch eine stilistische Information, indem sie oft
bildhaft sind. Der Grund ihrer Bildhaftigkeit ist verschieden:
Im wissenschaftlichen und offi ziellen Stil dienen die konkretisieren-
den Epitheta dazu, den übergeordneten Begriff, durch ein Substantiv ausgedrückt, schärfer zu umreißen, die Aussageabsicht dem Empfänger zu
verdeutlichen, zu klären (die Bildhaftigkeit fehlt gewöhnlich). Von stärkerer
Bildhaftigkeit hingegen sind die Beiwörter im Stil der schönen Lite ratur.
Wenn ein so hervorragender Stilist wie Th. Mann viele Merkmale bei der
Beschreibung einer Person oder eines Vorfalls nennt (Äußeres, Kleidung,
Umgebung, Natur), so will der Verfasser die Zeit in ihren äu ßeren Formen, in
feinsten Abschattungen und Details nahe bringen.
Die konkretisierenden Beiwörter dienen auch der Personencharakterisierung, indem sie nicht nur die äußeren, sondern auch die inneren
Wesensmerkmale hervorheben, das Soziale unterstreichen. Damit erfül len
sie im künstlerischen Text weite ästhetische Aufgaben.
Neben Th. Mann gilt L. Feuchtwanger als ein Freund des Epithe tons.
Andererseits gibt es auch in der schönen Literatur ausgesprochene “EpithetaFeinde”, beispielsweise Voltaire.
Die “Feindschaft” gegen das Epitheton wird damit begründet, dass es
vom Dingwort (Substantiv) ablenke. Man könne andere Mittel fi nden, die
Eigenschaften anzugeben (statt alter Mann – ein Greis, statt geiziger Mann –
der Geizhals, der Geizkragen).
Die Diskussion um die Zweckmäßigkeit der Beiwörter in der schö nen
Literatur ist noch nicht abgeschlossen. Wir können den Worten des Forschers
Faulseit beistimmen, die lauten: “Im Grunde genommen aber kann es
keine absolute Entscheidung für oder gegen das Epitheton ge ben, sondern
man muss in jedem einzelnen Falle davon ausgehen, ob der Gebrauch des
Epithetons aussagedienlich und zweckmäßig ist.”
Bewertende, emotionale Epitheta offenbaren in erster Linie die persönlichen Beziehungen des Sprechers zum Gegenstand der Darstellung. Im
Stil der Wissenschaft und des öffentlichen Verkehrs kommen sie sel ten vor,
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