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Stilistik der deutschen Sprache. Учебное пособие

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TEIL III. GRAMMATIK DER DEUTSCHEN GEGENWARTSSPRACHE AUS STILISTISCHER SICHT
Neulich fuhr ich mit meinem Wagen nach Köln. Es war viel Verkehr auf den Straßen und ich musste vorsichtig fahren. Als ich an einer Straßenkreu­zung kam, da kommt doch plötzlich ein Radfahrer von rechts und fährt gegen meinen Wagen. Ich halt sofort und sehe, dass er Gott sei Dank unverletzt ist. Danach setze ich meinen Wagen fort. (S. Lenz)
H. Weinrich betont, dass das Präsens polyfunktional ist. Das Präsens ist am häufi gsten gebrauchtes Tempus überhaupt. Das sagt zugleich, dass der Gebrauch des Präsens an keine bestimmte Zeitstufe (Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft) gebunden ist (H. Weinrich, 1993: 213).
Der Wechsel vom Präteritum, das H. Weinrich (1971) grundsätzlich als Erzähltempus ansieht, ins Präsens (historicum) ist bereits seit der An tike als Stilmittel bekannt, um Spannung und Lebendigkeit zu vermit teln. Inzwischen gibt es sogar Romane, die das Präteritum sogar meiden und im Präsens und Perfekt erzählen (vgl. z. B. Bobrowsky. Levins Müh le; P. Handke. Der Hausierer; E. Werfel. Das Lied von Bernadette) (B. Sowinsky, 1999: 101).
Ich schoss meine Pistolen ab, doch es gab kein Echo. Plötzlich höre ich be kannte Stimmen und fühle mich bekannt und geküsst. (W. Admoni, 1986: 193).
Wir waren alle schon recht ausgelassen, als plötzlich im ganzen Haus das Licht erlischt. (Diling, 1994: 60).
In der mündlichen Rede kann Präsens für die expressive Willensäußerung verwendet werden: Wollen wir schon reingehen. Ich glaube, es wird Zeit. (S. Lenz. Brot)
Man kann auch vom Futur historicum sprechen. Der Stilwert von Futur I kann auch dynamisch-lebhaft sein, emotional gefärbt: Und der Zuchthausgefangene Hans Liebscher wird den Brief erhalten, er gehörte nicht zu denen, die wegen zu wilden Gebrülls in eine Arrestzelle gebracht worden waren. (H. Fallada. Wolf)
Aus stilistischer Sicht ist sehr interessant der Wechsel des epischen Präteritums und Präsens als Erzähltempus in einigen aufeinander fol genden Absätzen. Auf solche Weise wird die Schilderung aufgeheitert und stimmt den Leser auf etwas Wichtiges (Wesentliches): Und aus der Vergangenheit taucht einer wieder auf, dessen Ruhm es nicht erlaubte, dass sie ihn vergaßen. (H. Hartwig, 2000: 36)
Sehr oft bildet das Präteritum einen Kontrast zum Sujetpräsens als Vorzeitigkeit in Bezug auf das Präsens. Darin liegt die stilistische Leistung des Präteritums, es schafft sein eigenes Subsujet: Megerlein scheint eine Zerrung oder einen Krampf zu haben. Sie läuft nicht, wie er über 500 Meter lief, als er die Bronzene gewann: er lenkt leicht, sein Ge biss ist entblößt, er läuft mit Schmerzen. (S. Lenz. Brot).
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Perfekt betont die Aktualität der Sujetlinie und bei der sich wie­derholenden Handlung verleiht der Rede Emotionalität: Ich glaube, Beste hat sich gewehrt. Sie wollen ihn richtig nicht totschlagen. Aber dann ist es eben passiert. Beste hat die Fahne festhalten wollen und dann ha ben sie ihn damit die Treppe hinuntergestoßen, vielleicht haben auch ein paar Schläge auf den Rücken versetzt. (E. M. Remarque. Obelisk)
E. I. Schendels erklärt in ihrem Buch “den stilistischen Effekt in der Grammatik durch die Beweglichkeit, Veränderlichkeit der Seme, durch “ihr Spiel”. Im Satz “Bald hat er mich vergessen” wird Perfekt in die Zukunft übertragen, weil hier im Mittelpunkt das Sem “Abge schlossenheit der Handlung” steht (man sieht das Ende des noch nicht stattgefundenen Ereignisses voraus). (E. G. Riesel, E. I. Schendels, 1975)
Im Satz “Der Schmetterling fl atterte auf und war verschwunden” wird im Plusquamperfekt das Sem “Vorvergangenheit” neutralisiert; das er zeugt den Effekt einer hastigen, unerwarteten Handlung. Einen ho hen Eindruckswert besitzt der widersprüchliche Gebrauch von lexi kalischen und grammatischen Semen.
Bei Borchert: Denn lila sind nachts unsere Himmel (das ist unser Ma­nifest). Hier nimmt Singularia tantum die Pluralform. Dadurch bekommt der Leser eine zusätzliche, stilistische Information, den Subtext z. B.:
Jeder sieht den Himmel mit anderen Augen an, jeder hat dabei eigene Gedanken und Stimmungen. (W. Borchert)
KAPITEL II. SYNTAX AUS STILISTISCHER SICHT
In der Syntax, ebenso wie in der Morphologie, kann jedes Sprach mittel zum Stilmittel werden. In der Syntax offenbaren sich die Stilun terschiede deutlicher als in der Morphologie (ein Satzbauplan ist variab ler als eine Wortgruppe, die ihrerseits variabler ist als eine Wortform). Je größer die Kombinations- und Variationsfähigkeit der syntaktischen For men ist, desto freier daraus der Sprecher bzw. Schreiber wählen kann.
Die Hauptgröße der Syntax ist der Satz. Die Struktur des Satzes ist für die Stilkunde von großer Bedeutung. Eines der wesentlichsten Pro bleme ist die Nachprüfung verschiedener struktureller Variationsmöglich keiten in ihrem Verhältnis zu dem semantischen Gehalt einer Aussage.
Von größter Bedeutung sind auch die Bindemittel zwischen selbst ständigen Sätzen, ihre qualitative Beschaffenheit und ihr quantitativer Ge brauch. Denn für den stilistischen Charakter eines Textes ist es nicht ei nerlei, ob seine Sätze, einzeln genommen, mehr oder weniger selbststän dige Einheit bilden oder nur aus ihrem Zusammenhang verständlich sind. Die syntaktischen Bindemittel aller Art (Konjunktionen, Pronominal adverbien, Partikeln), unterstützt
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von gewissen Wortschatzelementen (Pronomen, Steigerungsformen von Adjektiven und Adverbien usw.) spie len hier eine ausschlaggebende Rolle und verleihen dem Stil eine gewisse Färbung. (In der klassischen Prosa, bei Goethe z. B. sind die Satzbinde mittel meistens spärlich benutzt, der Satz ist konkret und selbstständig, innerlich fest zusammengeschweißt. Bei Lessing sind die Sätze dagegen weniger selbstständig, ohne Kontext, schwerverständlich.) Das Problem der Bindemittel ist nicht nur mit dem Einzelsatz, sondern auch mit dem Charakter der Satzgemeinschaft, vor allem mit dem Absatz (Abschnitt) als einer höheren syntaktischen und zugleich einer primären erzähleri schen Einheit (Kommunikationseinheit) eng verbunden. In all diesen skizziert erwähnten Momenten der syntaktischen Beschaffenheit eines Textes wird die Bewegung des Gedankens realisiert. Bei der Analyse eines Individualstils in der schönen Literatur kann man in dieser Hinsicht von einer klar zutage tretenden stilistisch-syntaktischen “Dominante” spre chen, die mit dem ganzen Arsenal anderer künstlerischer und stilistischer Mittel im Zusammenhang steht.
Als Gegenstand der Analyse sind
einige syntaktische Verbindungsmittel (Wortfolge, das Asyndeton, das Polysyndeton)
• einige Wortgruppmodelle
einige Satzmodelle zu betrachten.
Stilistische Aufgabe der Wortfolge
Sprechen wir vor allem über die stilistische Aufgabe der Wortfolge. Ihr
kommen einige Aufgaben zu:
die strukturelle oder die grammatische bei der Gestaltung der Satz­arten und Wortgruppen
• die kommunikative
die stilistische, die vor allem die expressive Hervorhebung einzel­ner Satzteile sowie die Auslösung gewisser Stileffekte bewirkt (die letzten zwei Funktionen sind voneinander nicht zu trennen).
Bei der Betrachtung der stilistischen Wortfolge sind folgende Momente von Bedeutung: die Anordnung der Elemente einer Mitteilung wird von ihrem Mitteilungswert bestimmt.
Satzbaupläne Vorfeld
Die fast allgemeingültige Festlegung des fi niten Verbs auf die zweite Satzgliedstelle ermöglicht es fast allen anderen “primären”, d. h. unab hängigen Satzgliedern, die Anfangsstelle zu besetzen. Die traditionelle Satzlehre geht
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zwar (wie neuerdings wieder die generativ-transformationelle Satzlehre) davon aus, dass der Normalsatz die Reihenfolge Sub jekt-Prädikat besitzt, doch zeigen stilistische Untersuchungen über die Satzanfange, dass ein großer Teil der Sätze (rd. 30–50%) eine andere Satz einleitung aufweist (Die deutsche Sprache. Kleine Enzyklopädie, 1970: 1080). Die Wahl des satzeinleitenden Satzglieds ist nicht dem Zufall über lassen, sondern folgt – wie E. Drach gezeigt hat (E. Drach, 1974: 34) – bestimmten stilistischen Erfordernissen, zumeist denkbedingten Aus drucksabsichten. Drach stellte fest, dass das Vorfeld vor dem niten Verb, soweit es nicht einen Zusammenhang mit dem vorhergehenden Satz durch Konjunktionen, Pronomen u. a. herstellt und so als Anschlussstelle fun giert oder in der Normalstellung (Nullstellung) vom Subjekt besetzt ist, häufi g durch emotional stärker hervorgehobene Wörter gefüllt wird (ex pressive Wortstellung). Er nannte das “Vorfeld” daher die Ausdrucksstel le des Satzes, die Satzgegend nach dem fi niten Verb, die häufi g neue In formationen oder besonders Bemerkenswertes enthält, dagegen die Ein drucksstelle. Die Füllung der “Ausdruckstelle” würde demnach stärker das Gefühl ansprechen, die der “Eindruckstelle” stärker Vernunft und Gedächtnis. Die Faustregeln gelten zwar nicht allgemein, man sollte sich jedoch daran erinnern, wenn man auf ungewöhnliche Wortstellung stößt. Je ungewöhnlicher die Vorfeldbesetzung ist, desto nachdrücklicher ist der “Ausdruckswert” des hier Gesagten. Besonders lyrische Autoren nutzen diese Variationsmöglichkeiten. Dafür einige Beispiele unterschiedlicher Vorfeldbildung:
Konjunktionen: Dann lagen in Danvielen Tunneln die Augen auf dem Sprung, das Licht wieder aufzufangen. (G. Benn)
Subjekt: Die Schwester, die ihn bediente, liebte ihn sehr. (G. Benn)
Expressiv ist dagegen die Stellung von Satzgliedern mit hohem Mit­teilungswert am Satzanfang.
In der Prosa ist diese Stellungsvariante häufi g mit emotionaler Wir kung verbunden, z. B. dem Ausdruck der Erregung und Spannung. Als expressiv gilt insbesondere die Anfangsstellung des Objekts:
Dies Land will ich besetzen, ...
Die Frauen trug er in seinen Falten wie Staub (G. Benn)
Die Beispiele lassen eine emotionale Steigerung in den Satzanfängen Sichtbarwerden. Häufi g wird allerdings das Ungewöhnliche solcher Satzeinleitungen erst durch den Kontext oder den Vergleich mit eigenen For mulierungen des Betrachters (Umstellproben) bemerkt. Wenn der Autor von der “normativen” Folge abweicht, so tut er das, um einen fl üssig ge- danklichen Anschluss an den Satz zuvor zu erreichen oder um ein Satz glied besonders hervorzuheben oder um die gefühlmäßige Erregung sei ner Figur, die er sprechen lässt, sinnfällig zu machen.
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Aber die Spitzenstellung kann auch eine starke Verlebendigung der Bedeutung des Verbs bewirken, nämlich bei den so genannten trennba ren Verben, wenn das Präfi x den Satz eröffnet und das Verb ihm folgt:
Die letzten Straßen, Blut quoll aus den Kellern; vorbei schabte ein Mönch, ... (G. Benn)
Auf sah der Leib: Fleisch, Ordnung und Erhaltung riefen. (G. Benn)
Hier verbindet sich der Gehalt des Verbs mit der Kraft der Präpositi onen, sodass eine lebendige Vorstellung einer energischen Bewegung und der Bewegungsrichtung hervorgerufen wird. Der Satz fängt an mit einem sehr starken Akzent wie mit einem heftigen Schlag, der lange nachwirkt.
Ähnlich ist die Wirkung, wenn der Satz mit einer Nominalform des Verbs beginnt:
Reisen hatte er gewollt. (G. Benn)
Zerfallen ist die Rinde, die mich trug. (G. Benn)
Der zweite Teil der Satzaussage befi ndet sich anstatt in Endstellung in Spitzenstellung, wodurch anstatt einer nüchternen Feststellung eine Schwärmen verratende, von Gefühlen der Begeisterung getragene Aus sage entsteht. Diese Anordnungsmöglichkeit dient der Intensivierung ei nes Gedankens:
Wachgerufen wird in den Bewusstseinsabläufen das Bestreben, das Un­geklärte zu entwirren, ... (G. Benn)
Nun hatte er etwas vergessen; entfallen war ihm etwas, ... (G. Benn)
Eugen Lerch nennt diese Wortstellung die impulsive. “Die Impulsive ist gemeint, diejenige Vorstellung, die ihn am stärksten beherrscht und bedrängt, zuerst herauszuschleudern, gleichsam mit der Tür ins Haus zu fallen.” (Typen der Wortstellung, Idealistische Neuphilologie, Festschr. F. K. Voßler. Heidelberg, 1922)
... aber vertrieben werden wir hier zunächst nicht werden.
Betrieben wurden seine Symptome: der Stoffwechsel und die Vermeh rung.
Wirksam ist auch die Spitzenstellung des Adjektivs, das das Prädika tiv repräsentiert:
Hart wurde sein Blick. (G. Benn)
Das Leben in der Stadt ist heiter und offen, berühmt ist das Licht, ...
(G. Benn)
Nachfeld. Nachstellung des Subjekts
Wenn das “Vorfeld” durch ein anderes Satzglied besetzt ist, so erscheint das Subjekt gewöhnlich unmittelbar nach dem fi niten Verb. Bei einfachen Sätzen rückt das Subjekt somit in die Endstellung und gewinnt einen neu­en “Eindruckswert”. Eine Endstellung des Subjekts tritt ein, wenn dann die
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Stelle nach dem fi niten Verb durch ein akkusativisches Personalprono men oder ein Refl exivpronomen besetzt ist, bzw. besetzt werden kann:
Da ans Gären warf sich ihm der Krokus entgegen... (G. Benn)
In der Nacht befällt sie der Hunger. (G. Benn)
Der Eindruckswert des Subjekts wird bei unerwarteter, nicht obliga­torischer Endstellung besonders erhöht. Da gerade das Subjekt als wich tiger Sinnträger des Satzes in Anfang- oder Mittelstellung erwartet wird, wird der Leser in Spannung gehalten. Diese löst sich, wenn der Leser den Satz zu Ende gelesen hat. Die veränderte Satzgliedfolge trägt dazu bei, dass in dem Leser das letzte Satzglied nachklingt, und damit hat der Au tor seinen Zweck erreicht:
Aber saß denn nicht schließlich auf dem Stuhl aus Holz er...
Nun erst trat in die Augen das jähe Erkennen, Keuschheit und Verheißung aus der Reife des Blutes. (G. Benn)
Zur Hervorhebung gesellt sich bei der stilistischen Endstellung besonders die Erhöhung von Spannung: das Subjekt wird erst am Satzende genannt; der Spannungsbogen zieht sich über den ganzen Satz.
Eine der effektiven und verbreiteten Varianten ist die Hervorhebung des Subjekts im strukturellen Satztyp: es + nites Verb, und danach das Subjekt des Satzes. Das ist ein traditionelles dichterisches Mittel, das in er Sprache der Poesie in der mhd Periode in Gebrauch kam. Sein Verwendungsbereich hat sich bedeutend von jener Zeit an erweitert und be schränkt sich nicht wie früher auf die Verwendung am Anfang der epi schen Gedichte, Balladen und Lieder, obwohl es hauptsächlich für die Epik und epische Prosa kennzeichnend ist.
So greift Gottfried Benn zu diesem Mittel sehr häufig. Wenn der nicht-erweiterte Satz nach diesem Modell konstruiert ist, ist das Subjekt neben dem Prädikat “das Neue” im Satz. (Bei der normativen Wortfolge ist es “das Gegebene”).
Es tritt die Erfahrung hervor, Beweis und Abwehr gibt sie an die Hand.
(G. Benn)
Es musste ein Mann geben, der sie blies. (G. Benn. Novellen)
In einem erweiterten Satz wird das Subjekt in solch einer Konstruktion an die letzte Stelle im Satz gestellt, nach den Nebengliedern.
Jäh tritt er an einem Stammtisch auf, und es tranken sich um ihn die Individualitäten. (G. Benn)
Schmerzen machen muss, unbeweglich und lange. (G. Benn)
Ausklammerung
Für die Rahmenkonstruktion stehen die drei Varianten der Distanzierung (voller Rahmen), der Nah- oder Mittelstellung (verkürzter Rahmen) und der Berührungs- oder Kontaktstellung (potentieller Rahmen) zur Auswahl.
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Im Falle der Nachstellung von Satzgliedern oder Gliedteilen hinter en Zielpol des Rahmens unterscheidet man zwischen Ausklammerung und Nachtrag.
Wenn Satzglieder oder Satzteile, die hinter dem Zielpol stehen, grammatisch, semantisch und intonatorisch fest mit dem Satz und seinem Prädikat verbunden bleiben, handelt es sich um Ausklammerungen:
...während er ihn jetzt versorgen musste wie einen Fernen und Entlaufe­nen... (G. Benn)
Eines Abends ging er hinunter zu den Liegehallen. (G. Benn)
Als allgemeiner Grundsatz der Ausklammerung gilt: “Wenn ein Satz­glied stark aufgeschwellt ist, dann vermag die verbale Klammer die Last nicht mehr zu tragen. Der Verbzusatz würde in einem solchen Falle bei der Einklammerung nachklappen” (P. Grebe, 1996: 636). Eine Ausklamme­rung erscheint daher bei größeren Satzerweiterungen und bei Gliedsätzen (besonders Relativsätzen) und satzwertigen Infi nitiven sinnvoll.
Allerdings dürfen dabei keine Missverständnisse auftreten.
Eine Krümmung befiel ihn, als er seine unbestimmten und noch gar nicht absehbar, jedenfalls aber doch so geringen und armseligen Vorgänge zusammengefasst erblickte in Begriffen aus dem Lebensweg eines Herrn. (G. Benn)
Bei Ausklammerung wird der Satz strukturell und intonatorisch anders gegliedert als bei Einklammerung. Im vollständigen Rahmen bildet der Satz eine einzige Satzgruppe, der unvollständige Rahmen hingegen enthält zwei nebeneinander gereihte, dem Sinne nach verhältnismäßig abgeschlossene kleine Satzgruppen, durch Pause voneinander getrennt. Vergleichen Sie:
... häufi g musste er ruhen vor der Hemmungslosigkeit des Lichtes, und preisgegeben fühlte er sich einem atemlosen Himmel. (ebd.)
Die Ausklammerungen können verschiedene Funktionen erfüllen.
Ausklammerungen einzelner Satzglieder erfolgen nach Auffassung P. Grebes in der Duden-Grammatik “immer aus stilistischen Gründen. Sprecher oder Schreiber können dabei die Absicht haben, ein unwichtiges Satzglied nachzutragen, wodurch oft der verbale Inhalt besonders hervor­gehoben wird” (P. Grebe, 1996: 636):
...es war ein Abstieg in der Stadt, sie ließ sich sinken in die Ebene ...
(G. Benn)
Der Mitteilungskern dieses Satzes ist das Prädikat. Wenn der Satz in normaler Bauweise auftreten würde (sie ließ sich in die Ebene sinken), dann wäre die kommunikative Wirkung des Prädikats geringer. Aber dadurch, dass sich das Prädikat nicht teilt, sondern durch Zusammenballung seinen Mitteilungsgehalt erhöht, dadurch wird gleichzeitig eine Ausklammerung stimuliert.
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Durch die Ausklammerung gewinnt ein Satz zudem an Übersichtlich keit, oft auch an rhythmischem Wohlklang.
Er atmete tief die reine Seeluft ein, die schmächtige Brust ihr entgegen­spülend, dem Gesundheitlichen, das die bekanntermaßen dem Wanderer bot, willig hingegeben. (G. Benn)
Häu g sind Ausklammerungen bei Vergleichen. Ich wollte immer auffl iegen wie ein Vogel aus der Schlucht. (G. Benn) ... denn der Sommer war über das Meer gekommen wie ein Gewitter... (G. Benn)
Auch präpositionale Angaben werden gern ausgeklammert.
Hart heran an Gangart und Gesichtsausdruck von anderen Männern trat er, schloß sich dem an, glätterte seine Züge, um sie gelegentlich of­fenbar aufzucken zu lassen in der Erinnerung an ein Vorkommnis im Laufe des Tages, ... (G. Benn)
Solche Ausklammerungen tragen dazu bei, überladene Rahmen zu vermeiden und die Sätze verständlich und übersichtlich zu bauen:
Und wenn er auf die Insel aus dem Gefühl einer Aufgabe heraus ge­kommen war, an Gegenständen, die er möglichst isoliert unter wenig ver­änderlichen Bedingungen beobachten konnte, den Begriff nachzuprüfen, so spürte er jetzt schon etwas wie Erfüllung. (G. Benn)
Die Ausklammerung bestimmter Satzteile ist mitunter ein charak­teristisches Stilmittel des Personenstils, das manche Autoren nur sel ten, andere häufi ger verwenden. So ist sie neben anderen Sonderfor men der Wortstellung häufi g bei Gottfried Benn zu fi nden:
... wie sich Vorstellungen bilden von Helfer, Heilung, guter Arzt, von allgemeinem Zutrauen und Weltfreude, und wie sich die ... (G. Benn)
Elliptische Sätze
Eingliedrige und elliptische Sätze erfüllen trotz fehlenden Bestandteils ihre kommunikative Funktion in vollem Umfang. Die erste Grup pe zerfallt in einige Untergruppen, nach Wortarten benannt: einglied rige Substantivsätze (Nominalsätze), eingliedrige Verbalsätze (Aufste hen!), eingliedrige
Adverbialsätze (Zurück!, Vorwärts!), Partikelsätze (ja, nein, doch), Interjektionalsätze (ach, oh als emotionale Ausrufe).
Stilwert der Nominalsätze ist mannigfaltig:
Korridore, Laboratorien, ein kleiner Raum, nur schwach erleuchtert.
(D. Noll. Abenteuer des Werner Holt)
Die Nominalsätze können die innere Rede gestalten:
Der Professor ging groß und aufrecht in sein Laboratorium. Holt sah ihm nach. Fremdheit. Enttäuschung und Angst. (D. Noll. Abenteuer des Werner Holt)
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Die Substantivsätze bringen ein statisches Bild vor Augen des Le sers; die Verben sind hier überfl üssig:
Der Schlafraum der Mannschaft. Hängematten, dicht aneinander. Ein Vorgesetzter, herumschüffelnd zwischen unruhig schlafenden Matrosen. Das Ganze nicht unbegabt gemacht. Dazu die dumpfe, beklemmende Musik.
(L. Feuchtwanger. Panzerkreuzer Potemkin)
Auch im Dienste der indirekten Personencharakterisierung, des Sprachporträts, werden Kurzsätze gebraucht. In D. Nolls Roman “Abenteuer des Werner Holt” fi nden wir gute Illustration dafür. Der schneidige, zackige Ton charakterisiert Wolzow, seinen Onkel, den preußischen Offi zier, sowie Amts- und Militärpersonen aus diesem Ro man. Funktional genormt sind die Kurzsätze in Handelskorrespon denz (reine Wolle, echt Gold, Einfamilienhaus einstöckig), im Stil der Publizistik und Presse (Überschriften, Zeitungsinserate, Wetterberich te), im Stil der Wissenschaft als Ausdruck der nüchternen Sachlich keit.
Der Missbrauch dieses Stilmittels wird als “Asthmadeutsch” pa rodiert und kritisiert. Im Stil des Alltagsverkehrs gelten die Kurzsätze als funktional berechtigte Norm wegen der Sprachökonomie (die Emotion kann dabei fehlen: Post! als Ausruf des Briefträgers).
Elliptische Sätze als Abart der Kurzsätze sind vor allem für den Alltagsstil typisch. Obwohl es Leerstellen in der Information gibt, wird die Kommunikation nicht gestört.
Die Verwendungsmöglichkeiten des plötzlichen Abbruchs in der Sprachwirklichkeit sind mannigfaltig (von mangelnder Sprachbeherr­schung und Nachlässigkeit bis zum Ausdruck von Aufregung, Verle genheit, Drohung, Spott).
B. Apitz “Nackt unter Wölfen”: Es gab bestimmt Zusammenhang
zwischen ihm und Höfel. Wenn man ihn nur wüsste, dann könnte man das Kind vielleicht... Diese verdammte Heimlichtuerei des Bochow ...
Ich werd euch – so vertrackte Sachen spielen. (E. Strittmatter. Tinko)
Aus bestimmten Gründen wird die Drohung nicht ausgesprochen. Die expressiven Eigenschaften der syntaktischen Formen ermöglichen die Wiedergabe eines größeren Umfangs der künstlerischen Informa tionen mit geringerer Zahl von Wörtern.
Abschließend muss nochmals betont werden, dass jede gramma tische (vor allem die syntaktische) Erscheinung stilistische Poten zen in sich birgt und sie im Großzusammenhang verschieden entfal ten kann.
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Nachtrag
Sehr eng ist mit der Ausklammerung der Begriff des Nachtrags ver­bunden. Aber der Nachtrag hat einen weiteren Umfang als Ausklamme rung.
Für die weitere Untersuchung muss man die Differenzierung dieser Begriffe geben. Wie es schon früher festgestellt wurde, sind die Ausklam­merungen grammatisch, semantisch und intonatorisch fest mit dem Satz und seinem Prädikat verbunden.
Der Nachtrag im strengen und eigentlichen Sinn des Wortes ist nur da vorhanden, wo der Satz vor den nachgestellten Satzgliedern nicht nur syntaktisch, sondern auch dem Gehalt nach als abgeschlossen gelten kann. Das ist nicht der Fall in dem folgenden Satz:
Das Werk eines unbekannten jüdischen Arztes aus Danzig, der wörtlich über die Gefühle aussagte, dass sie tiefer reichten als die geistige Funktion ?
(G. Benn)
Das Verb reichten ist ohne den nachfolgenden Vergleich zum vollen Verständnis des Satzes nicht ausreichend. Echte Nachträge sind dagegen folgende:
Äußerungen knüpften an ihn an, zu Ansammlungen trat er, unter ein Ge­wölbe von großem Glück. (G. Benn)
Jede Befruchtung enthielt den Keim eines unerhört Neuen, der Zusam­mentritt von Einheiten war in der Generationsfolge fortgesetzt in der Gestalt der Zweigeschlechtigkeit,... (G. Benn)
Nachher und fortgesetzt könnte die Aussage tatsächlich zu Ende sein. Dass hier der Nachtrag im ersten Beispiel durch Komma vom Satz abge­trennt ist, ist nicht zufällig, wenngleich sonst nicht immer so; denn – und das ist entscheidend – die Satzmelodie ist vorher abgesunken und steigt nach einer kurzen Pause wieder neu auf:
Wenn er aber lag, lag er nicht wie einer, der erst vor ein paar Wochen gekommen war, von einem See und über die Berge. (G. Benn)
Also, man kann als Nachtrag alle Ergänzungen auffassen, die einem Satz, Haupt- oder Nebensatz, angefügt werden, der syntaktisch und dem Sinn nach als abgeschlossen gelten könnte. Der Nachtrag kann ein ein zelnes Wort und eine oder mehrere Wortgruppen sein, z.B.:
Sie erklärt besonders gern den Menschen, denen ihre Wortwahl Proble me bereitet. Derb und direkt. (S. Fröhlich. Frisch gepresst)
Der Körper braucht schließlich Vitamine. Gerade in aufregenden Situa­tionen. (S. Fröhlich. Frisch gepresst)
Eine stieß Leib und Brüste hervor nach Enthüllungen. (G. Benn)
Nicht alle Nachträge sind in der Prosa ungewöhnlich und auffällig, besonders umfangreiche nicht.
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