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Ординатура / Хирургия / Библиотека им академика М.И. Перельмана / Книга_5546_Библиотеки_им_академика_М_И_Перельмана.pdf
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☆
268 Kapitel 22 · Belastung durch körperliche Symptome und Krankheitsangst
(Henningsen 2018). Am besten werden die Patienten daher charakterisiert, wenn beide Diagnosen vergeben werden (z. B.F45.0 für die somatische Be las tungs stö­rung und M79.70 für die Fibromyalgie).
22
22.2.1 Psychische Störung
Die wichtigste Unterscheidung ist die zwischen einer somatischen Be las tungs stö­rung und einer Krankheitsangststörung (siehe auch . Tab. 22.1). Psy cho pa tho lo­gisch kann man sich den Unterschied wie folgt vorstellen:
5 Bei der somatischen Belastungsstörung steht die Wahrnehmungsstörung im
Mittelpunkt: Somatische Symptome werden unabhängig vom Ausmaß einer eventuellen somatischen Schädigung wahrgenommen, sie sind vielmehr be­stimmt durch Erwartungen des Betroffenen (Henningsen etal. 2018).
5 Bei der Krankheitsangststörung stehen inhaltliche Denkstörungen im Mit tel-
punkt: Die Betroffenen neigen dazu zu glauben, dass allein der Gedanke, sie könnten eine bestimmte Erkrankung haben, bereits bedeutet, dass sie diese Er­kran kung haben.
Kriterien der somatischen Belastungsstörung (F45.1)
z
1. Eines oder mehrere somatische Symptome, die belastend sind oder zu erheb­lichen Einschränkungen in der alltäglichen Lebensführung führen.
2. Exzessive Gedanken, Gefühle oder Verhaltensweisen bezüglich der somati­schen Symptome oder damit einhergehender Gesundheitssorgen, die sich in mindestens einem der folgenden Merkmale ausdrücken: a. Gedanken: unangemessene und andauernde Gedanken bezüglich der Ernst-
haf tig keit der vorliegenden Symptome,
b. Gefühle: anhaltende stark ausgeprägte Ängste in Bezug auf die Gesundheit
oder die Symptome,
c. Verhaltensweisen: exzessiver Aufwand an Zeit und Energie, die für die Sym-
ptome oder Gesundheitssorgen aufgebracht werden.
3. Obwohl keines der einzelnen somatischen Symptome durch gän gig vor han den sein muss, ist der Zustand der Symptombelastung persistierend (typischerweise mehrere Monate an mehr als der Hälfte der Tage).
Kriterien der Krankheitsangststörung F45.2
z
5 Übermäßige Beschäftigung damit, eine ernsthafte Krankheit zu haben oder zu
bekommen.
5 Körperliche Symptome liegen nicht oder nur in geringer Intensität vor. Besteht
eine andere Erkrankung oder ein hohes Risiko, eine solche zu entwickeln (z. B. bei Vorliegen einer entsprechenden Familienanamnese), so ist die übermäßige Be schäf ti gung eindeutig übertrieben oder unverhältnismäßig.
5 Es bestehen stark ausgeprägte Ängste hinsichtlich der Gesundheit, und die Per-
son ist leicht bezüglich des eigenen Gesundheitszustands zu beunruhigen.
22.2 · Diagnostische Kriterien
269
22
5 Die Person führt übertriebene gesundheitsbezogene Verhaltensweisen aus (z. B.
wiederholtes Kontrollieren ihres eigenen Körpers auf Krankheitszeichen hin) oder zeigt maladaptives Vermeidungsverhalten (z. B. vermeidet Arztbesuche und Krankenhäuser).
5 Die übermäßige Beschäftigung mit Krankheit besteht seit mindestens 6 Mona-
ten, wobei sich die spezische Krankheit, die befürchtet wird, in diesem Zeit­raum ändern kann.
22.2.2 Funktionelle Störung
Post-COVID-Syndrom
z
Einige Patienten entwickeln nach einer COVID-Erkrankung eine Symptomatik, die einem Chronic Fatigue Syndrome ähnelt; eine wichtige Gemeinsamkeit ist die Post-Exertional Malaise (PEM, Denition: siehe . Tab. 22.2). Zu den Sympto­men von Post-COVID zählen neben der Müdigkeit auch folgende Beschwerden:
5 Schmerzen (Muskeln, Gelenke, Kopf und Hals), 5 kognitive Störungen (z. B. „brain fog“), 5 autonome Dysregulation (z. B. orthostatische Hypertonie).
. Tab. 22.2 Übersicht über funktionelle Störungen
Diagnose ICD- Code Zentrale Kriterien Anteil mit
>1 weiteren Fkt. Strg.
Im Vordergrund stehende Schmerzen
Reizdarmsyndrom (Lacy und Patel 2017)
Fibromyalgie (Eich etal. 2017)
Spannungskopfschmerz (Houy-Schäfer und Grotemeyer 2004)
K59
M79.70
G44.2 - Meist bilateral ausgeprägt und
- Wiederholte abdominelle Schmer­zen mindestens 1× tgl. für mindes­tens 3Monate
- Mindestens 3 Monate dauernde Schmerzen in mehreren Körper­regionen
- Einhergehend mit nicht erhol­samem Schlaf und Erschöpfungs­neigung (körperlich/psychisch)
drückender Kopfschmerz
- Episodisch
- < 15 Tage/Monat
- 30min bis mehrere Tage
- Chronisch
- > 3 Monate
- > 15 Tagen/Monat
- > 4 h/Tag
56,5%
81,2%
(Fortsetzung)
a
270 Kapitel 22 · Belastung durch körperliche Symptome und Krankheitsangst
. Tab. 22.2 (Fortsetzung)
Diagnose ICD- Code Zentrale Kriterien Anteil mit
>1 weiteren Fkt. Strg.
a
22
Kraniomandibuläre Dysfunktion bzw. tem­poromandibuläre Dys­funktion (Schiffman etal. 2014)
K07.6 - Schmerzen im Kiefer, an den
Schläfen, im Ohr oder im Kopf
- Auftreten/Verstärkung der Schmerzen bei Kieferbewegungen und bei Berührung des Kiefer­gelenks bzw. der Kaumuskulatur
- Kann als Muskel- oder Gelenk­schmerz auftreten
Im Vordergrund stehende neurologische Symptome: funktionelle neuro­logische Störung (siehe folgender Abschnitt)
Im Vordergrund stehende Müdigkeit
Chronic Fatigue Syn­drome (Clayton 2015)
G93.3
- Mindestens 6 Monate dauernde erhebliche Beeinträchtigung durch unangemessen starke Müdigkeit, die sich nicht durch Ruhe bessert
- Verschlechterung der Symptome für Tage bis Wochen, die 12–48 h nach einer körperlichen, mentalen oder physischen Anstrengung ein­setzt (Post-Exertional Malaise– PEM)
- Nicht erholsamer Schlaf, d.h. mangelnde Erholung, auch wenn keine Schlafstörungen bestehen
Syndrome infolge äußerer Einüsse
Mit Schleudertrauma assoziierte Störung
Multiple Chemikalien­empndlichkeit (Naster­lack etal. 2002)
- Chronische Nackenschmerzen nach einem Unfall
Erhöhte individuelle Empndlich­keit gegen in der Umwelt vor­kommende, überwiegend syntheti­sche Substanzen
- mindestens 2 nicht zusammen­hängende Expositionen
- Symptome in mindestens 2 Körperregionen (z. B.Kopf­schmerzen, Müdigkeit, Konzentrationsstörungen, Schmer­zen im Bewegungsapparat, un­gerichteter Schwindel, Atemnot)
90,3%
59,6%
81,1%
63,6%
a
Diese Angaben basieren auf verschiedenen Studien (Petersen etal. 2020; Losert-Bruggner
etal. 2021).
.
22.2 · Diagnostische Kriterien
Funktionelle neurologische Störung (Konversionsstörung)
z
Für die Diagnose einer funktionellen neurologischen Störung können hinweisende Befunde im Rahmen der körperlichen Untersuchung erhoben werden, die nicht in
Übereinstimmung stehen mit der Anatomie und Physiologie von anderen neuro­logischen Störungen (siehe unten). Häug treten bei funktionellen neurologischen Störungen auch dissoziative Symptome auf (siehe 7 Kap.21). Funktionelle neuro­logische Störungen wurden daher früher auch als dissoziative Störungen der Be we­gung und Empndung bezeichnet.
Bei der Diagnose eines funktionellen Tremors oder einer funktionellen Gang-
störung steht im Mittelpunkt, dass diese Symptome durch Aufmerksamkeits­steuerung modulierbar sind:
5 Allgemein:
– Symptome sind beim Berichten über die Symptome weniger ausgeprägt oder
stärker ausgeprägt.
– Symptome sind subjektiv immer gleich stark ausgeprägt, in der Beobachtung
zeigt sich aber, dass diese im Verlauf uktuieren.
5 Tremor:
– Tremor in der einen Hand beim Führen eines Glases zum Mund, welcher
verschwindet, wenn mit der anderen Hand ein Rhythmus beibehalten wird, z. B. Öff nen und Schließen der Hand.
– Tremor nimmt beim Versuch, ihn zu unterdrücken, zu und nimmt ab bei der
Durchführung von Willkürmotorik; oder der Tremor nimmt beim Versuch, ihn zu unterdrücken, in einer anderen Extremität zu.
– Entrainment (z. B. nimmt ein Tremor in der einen Hand die Frequenz einer
mit der anderen Hand willkürlich durchgeführten rhythmischen Bewegung auf, z. B. Öffnen und Schließen der Hand).
5 Bewegungsstörung (z. B.Gangstörung):
– Gebeugter Gang, der sich beim Tanz in einen aufrechten Gang bessert oder
der sich bessert, wenn man dem Patienten eine Zahl auf den Rücken "malt".
– Eine Gangstörung besteht bei langsamem Gang, aber nicht bei schnellem
Gang.
271
22
Für funktionelle Krampfanfälle sind unter anderem folgende Symptome hin­weisend:
5 Augen geschlossen, 5 Hyperventilation, 5 Weinen während oder nach den Anfällen, 5 Wachheit auch bei generalisiertem Anfall.
Die auf eine funktionelle Störung hinweisenden Symptome können den Be­troffenen im Rahmen der Psychoedukation auch erläutert werden. Diese Psycho­edukation erfolgt idealerweise bereits beim Neurologen oder in Kooperation mit einem Neurologen. Dabei kann man folgende Punkte fokussieren:
22
272 Kapitel 22 · Belastung durch körperliche Symptome und Krankheitsangst
. Tab. 22.3 Unterteilung der funktionellen neurologischen Störungen
ICD- Code Funktionelle neurologische Störung mit…
F44.4 - Schwäche/Lähmung
- motorischen Symptomen (z. B.Tremor, Dystonie, Myoklonie, Gangstörung)
- Schluckstörungen
- Auffälligkeiten der Sprache
F44.5 - Krämpfen oder Anfällen mit augenscheinlichen Bewusstseinseinschränkungen
oder Bewusstlosigkeit (sogenannte nichtepileptische Anfälle)
F44.6
F44.7 - gemischtem Erscheinungsbild
- sensorischen Ausfällen bzw. Taubheit
5 "Wir haben jetzt einen Namen für Ihre Erkrankung, es handelt sich um eine
funktionelle Störung."
5 "Das bedeutet, dass es sich nicht um eine immer weiter fortschreitende neuro-
logische Erkrankung handelt, sondern um eine mit Physiotherapie und Psy cho­the ra pie gut behandelbare Erkrankung."
5 "In dieser Behandlung wird es darum gehen, wie es gelingen kann, dass diese
Symptome Sie nicht mehr so stark in Ihrem Leben einschränken (. Tab.22.3)."
22.2.3 Dierenzialdiagnose
Generalisierte Angststörung (F41.1)
z
Abgegrenzt werden muss die somatische Belastungsstörung auch von der generali­sierten Angststörung (siehe 7 Abschn.18.2). Diese ist charakterisiert durch über-
mäßige Angst und Sorge bezüglich mehrerer Ereignisse oder Tätigkeiten (nicht nur körperliche Beschwerden, sondern auch beispielsweise Arbeit oder Schul­leistungen), die während mindestens 6 Monaten an der Mehrzahl der Tage auf tre­ten. Es bestehen Schwierigkeiten, diese Sorgen zu kontrollieren.
Vorgetäuschte Störung (F68.1) und Simulation (Z76.5)
z
Eine letzte (allerdings seltene) Differenzialdiagnose ist die vorgetäuschte Störung (bzw. artizielle Störung). Diese wird diagnostiziert, wenn die folgenden Kriterien erfüllt sind:
1. Vortäuschen körperlicher oder psychischer Merkmale oder Symptome oder Er­zeu gen einer Verletzung oder Erkrankung in Verbindung mit identizierbarem Täuschungsverhalten.
2. Das Täuschungsverhalten ist offensichtlich, es liegt jedoch kein offensichtlicher äußerer Anreiz für das Verhalten vor.
Davon abzugrenzen ist die Simulation. Diese ist dadurch charakterisiert, dass der Betroffene absichtlich Symptome berichtet, um einen äußeren Vorteil zu erhalten (z. B.Arbeitsbefreiung oder Geld).
22.5 · Therapie
273

22.3 Anamnese

Bei der Erhebung der Anamnese einer somatischen Belastungsstörung kann die Beachtung folgender Schritte hilfreich sein:
5 Beginnen Sie mit einer Screeningfrage: "Haben Sie sich in den letzten 6 Mona-
ten viel mit körperlichen Symptomen beschäftigt?"
5 Wenn die Antwort auf die erste Frage "Ja" lautet, dann können folgende Fragen
gestellt werden, um das Kriterium (2) zu erheben (Toussaint etal. 2016):
– Gedanken: "Haben Sie viel darüber nachgedacht, ob Ihre Beschwerden Aus-
druck einer ernsthaften Erkrankung sein könnten?"
– Gefühle: "Haben Sie sich Sorgen gemacht, dass Ihre körperlichen Be-
schwerden niemals aufhören könnten?"
– Verhaltensweisen: "Haben Sie wegen Ihrer gesundheitlichen Sorgen Ihren
All tag verändert?"
Erheben Sie dann, ob diese psychische Belastung durch körperliche Symptome in den letzten 6 Monaten an mindestens der Hälfte der Tage bestanden hat.

22.4 Diagnostik

22
Eine gründliche Abklärung von Patienten mit funktionellen Symptomen führt zum Aufdecken einer körperlichen Erkrankung bei etwa 8% der Betroffenen; die Diagnose einer funktionellen Störung muss dennoch nur in weniger als 1% der Fälle revidiert werden (Henningsen 2018).

22.5 Therapie

22.5.1 Allgemeine Prinzipien
Trotz einer breiten Differenzialdiagnose orientiert sich die Behandlung von Men­schen, die durch körperliche Symptome oder Krankheitsängste psychisch belastet sind, zunächst einmal an ähnlichen Prinzipien (Schaefert etal. 2012). Diese werden im Folgenden vorgestellt, bevor dann auf spezielle Aspekte bestimmter Störungen eingegangen wird.
Eine Herausforderung in der Behandlung von Menschen, die durch körperliche Symptome psychisch belastet sind, ist, dass diese häug auf eine rigide Art und Weise davon ausgehen, dass die organische Ursache gefunden und behandelt wer­den muss, damit es ihnen psychisch besser geht. Folgende Prinzipien können beim allgemeinen Umgang mit diesen Patienten hilfreich sein (Henningsen 2018).
22
274 Kapitel 22 · Belastung durch körperliche Symptome und Krankheitsangst
5 Sie müssen sich nicht festlegen auf eine „rein somatische“ oder „rein psychische
Genese“. Bleiben Sie vielmehr auch nach der Diagnose einer psychischen Stö­rung (z. B. einer somatischen Belastungsstörung) offen für die Möglichkeit, dass auch eine somatische Erkrankung vorliegt („sowohl als auch“).
5 Vermitteln Sie Ihrem Patienten, dass in der Behandlung die Bewältigung der
psychischen Belastung durch die körperlichen Symptome im Mittelpunkt steht, vermitteln Sie dabei die Hoffnung, dass diese psychische Belastung sich ver bes­sern kann, selbst wenn die körperlichen Symptome vorhanden sind.
5 Versichern Sie Ihrem Patienten, dass Sie als Behandler dabei eine eventuell not-
wendige körperliche Diagnostik und Therapie im Blick behalten werden. Ver su­chen Sie, eine eventuelle Wiederholung oder Erweiterung von körperlicher Di a- gnos tik und Therapie zeitkontingent und nicht symptomkontingent zu gestalten (also zu vorher vereinbarten Zeitpunkten und nicht, wenn die Angst um die Symptome gerade am größten ist).
5 Bereiten Sie die Diagnostik und Behandlung gut vor, indem Sie mit Ihrem Pa-
tienten folgende Szenarien erörtern:
– Es kann sein, dass bei der Diagnostik ein Befund herauskommt, der Ihre Be-
schwer den erklärt und eine wirksame Behandlung ermöglicht. Dann kann es sein, dass Ihre Hoffnung sich bewahrheitet und es Ihnen auch psychisch bes­ser geht. Es kann aber auch sein, dass die psychische Belastung bleibt. Dann kön nen wir uns weiter um die Bewältigung dieser psychischen Belastung kümmern.
– Es kann sein, dass bei der Diagnostik kein wegweisender oder ein unklarer
Be fund herauskommt, sodass sich keine wirksame medizinische Behandlung da raus ergibt. Dann kann es sein, dass Ihre Hoffnung sich bewahrheitet und Sie beruhigt sind und ihre psychische Belastung nachlässt. Es kann aber auch sein, dass Sie trotz der eigentlich beruhigenden Befunde weiter psy­chisch belastet sind. Auch dann können wir uns weiter um die Bewältigung dieser psychischen Be las tung kümmern.
22.5.2 Psychopharmakotherapie
In . Tab.22.4 ist die Wirkstärke in der Behandlung der somatischen Be las tungs­stö rung und von ausgewählten funktionellen Störungen dargestellt. Allerdings sollten Medikamente nur im Zusammenhang mit einem Gesamtbehandlungsplan eingesetzt werden.
22.5 · Therapie
. Tab. 22.4 Wirkstärke in "number needed to treat" (NNT) von ausgesuchten Be-
handlungsmethoden in Abhängigkeit von der Diagnose (Schaefert etal. 2012)
275
22
Therapie Somatische Belastungs-
störung
Psychotherapie
Kognitive Verhaltenstherapie NNT 8 NNT 7 NNT 3
Pharmakotherapie
Duloxetin NNT 9
Milnacipran NNT 9
Pregabalin NNT 8
Trizyklische Antidepressiva NNT 4
SSRI (selektive Serotonin-
Reuptake- Hemmer)
a
Bei anderen Störungen, bei denen Schmerzen im Mittelpunkt stehen, sollten ebenfalls dual
wirksame Antidepressiva erwogen werden.
Fibromyal-
a
gie
Reizdarm­syndrom
NNT 4
22.5.3 Psychotherapie
Beziehungsgestaltung
z
Orientieren Sie sich an den Prinzipien der motivorientierten Beziehungsgestaltung (siehe 7 Abschn.6.2.3).
Verhaltensanalyse
z
5 Versuchen Sie, das rigide somatische Erklärungsmodell durch psychologische
Aspekte zu erweitern, statt es durch ein rigides psychologisches Modell zu er-
set zen. Versuchen Sie beispielsweise, durch eine Verhaltensanalyse herauszu-
nden, wie der gegenwärtige Umgang mit den körperlichen Symptomen zur
psychischen Be las tung beiträgt (siehe 7 Abschn.6.3).
5 Fragen Sie nach den Krankheitsüberzeugungen Ihres Patienten (z. B. „Nur
wenn ich keine körperlichen Symptome habe, dann bin ich ganz gesund und
kann wieder aktiv werden“) und nach den Erwartungen an die Behandlung (z.
B. völlige Freiheit von körperlichen Symptomen).
5 Machen Sie den Patienten mit dem Gedanken vertraut, dass das Ziel der Be-
hand lung eher eine „Bewältigung“ als eine „Beseitigung“ der körperlichen Sym-
ptome ist. Im Ergebnis könnte die Erkenntnis stehen, dass Gesundheit nicht die
Freiheit von somatischen Symptomen ist, sondern vielmehr bedeutet, einen
Umgang mit körperlichen Beschwerden zu nden, der einen nicht aus dem
Gleich ge wicht bringt.
22
276 Kapitel 22 · Belastung durch körperliche Symptome und Krankheitsangst
Verlauf der Behandlung
z
5 Achtsamkeitsfertigkeiten: Beginnen Sie früh im Verlauf der Behandlung mit
der Vermittlung von Achtsamkeitsfertigkeiten (siehe 7 Abschn. 7.2). Diese können dazu beitragen, dass die Betroffenen lernen, sich den erlebten körper­lichen Symptomen beobachtend zuzuwenden und auf die automatisiert ab­laufenden Versuche der Vermeidung und Kontrolle zu verzichten. Sie werden merken: Am Anfang fällt es den Betroffenen oft schwer, ihre Symptome dif fe­ren ziert wahrzunehmen und zu beschreiben.
5 Emotionsregulationsfertigkeiten: Helfen Sie Ihren Patienten, das erhebliche
Leid, das sie erleben, anzuerkennen. Fokussieren Sie dabei sowohl auf die körperlichen Symptome als auch auf die dadurch entstehende emotionale Be­las tung. Häu g fällt es den Betroffenen schwer, diese emotionale Belastung zu benennen. Bei der Vermittlung dieser Fertigkeiten können die Strategien in
7 Abschn.7.3.1 helfen.
5 Werteorientierung: Die starke Fokussierung der Patienten auf das körperliche
Leid hat oftmals zur Folge, dass andere wesentliche Dinge in ihrem Leben zu kurz kommen. Daher kann es wichtig sein, diese wesentlichen Dinge im Leben wieder zu identizieren (Identikation von Werten siehe 7 Abschn.7.1.2) und sich ihnen dann wieder anzunähern.
5 Beachten Sie, dass Patienten, die durch körperliche Symptome psychisch be-
lastet sind, darauf unterschiedlich reagieren:
– Angstvermeidungsverhalten
– Entstehung: z. B. starke Wahrnehmung der körperlichen Symptome als be-
droh lich mit der Überzeugung „Aktivität führt zu Schädigung“.
– Vorgehen: schrittweise Konfrontation mit angstbesetzten Bewegungen im
Sinne von Expositionsübungen (siehe 7 Abschn. 7.3.3).
– Durchhalteverhalten
– Entstehung: z. B. biograsche geprägte kämpferische Haltung im Um gang
mit körperlichen Symptomen.
– Vorgehen: a) Etablierung eines ausgewogenen Verhältnisses zwischen Be-
las tung und Regeneration, b) graduierte Aktivitätssteigerung (Pacing); diese spielt auch im Umgang mit chronischer Fatigue-Symptomatik eine wichtige Rolle (siehe 7 Abschn.7.4.3).
22.5.4 Spezielle Aspekte inder Behandlung ausgewählter
Störungen
Chronic Fatigue Syndrome/Post-COVID Syndrom
z
Hier wird graduierte Aktivitätssteigerung bzw. Pacing empfohlen (siehe
7 Abschn.7.4.3).
Funktionelle neurologische Störung
z
Die Predictive-Coding-Theorie stellt eine Möglichkeit dar, das Auftreten von funk­tionellen neurologischen Störungen zu verstehen (Hallett etal. 2022). Durch ein
22.5 · Therapie
277
Missverhältnis zwischen dem mentalen Modell, wie sich eine Bewegung anfühlen sollte, und der tatsächlichen sensorischen Erfahrung, wie sich diese Bewegung an­fühlt, entsteht ein Fehlersignal. Dieses nimmt der Patient als mangelnde Kon trol le über seine Bewegungsabläufe wahr. Statt dieses Fehlersignal zu ignorieren oder das mentale Modell anzupassen, versucht der Betroffene, die Bewegung an das nicht funktionierende mentale Modell anzupassen.
Dieses Modell kann man Betroffenen mit der Orchestermetapher vermitteln und dabei auch verständlich machen, dass es sich nicht um eine strukturelle neuro­logische Störung handelt, sondern um ein Problem der gestörten Kontrolle: „wie bei einem Orchester, bei dem zwar alle Musiker da sind, aber das Zusammenspiel nicht gut klappt“. Abhängig davon, welche Störung vorliegt, kann man die Me ta­pher dann unterschiedlich fortsetzen:
5 Bewegungsstörungen: „Das Zusammenspiel klappt nicht, weil der Dirigent die
ganze Zeit versucht, einen Spieler zu disziplinieren, dessen Musik merkwürdig
klingt, und dabei die anderen Musiker und deren Melodie aus dem Blick ver-
liert. Möglicherweise würde der Spieler wieder in die Melodie zurücknden,
wenn man ihm weniger Aufmerksamkeit schenkt.“
5 Krämpfe und Anfälle: „Das Zusammenspiel klappt nicht, weil der Dirigent
nicht rechtzeitig bemerkt, wenn das Orchester aus dem Takt gerät, weil er mit
seiner Aufmerksamkeit ganz woanders ist und nicht bei dem, was sein Orchester
braucht. Möglicherweise kann er lernen, früher zu bemerken, wenn das Or ches-
ter aus dem Takt gerät, und dann wohlwollend für das Orchester sorgen.“
22
Aus diesem Modell leitet sich folgendes konkretes Vorgehen in der Behandlung von Konversionsstörungen ab:
5 Allgemeine Prinzipien
– Menschen, die von funktionellen Bewegungsstörungen, Krämpfen oder An-
fällen betroffen sind, haben verständlicherweise oft große Sorge wegen dieser Be schwer den und wünschen, dass diese Beschwerden unmittelbar behandelt werden.
– Oftmals haben sie bereits zahlreiche Versuche unternommen, diese Be-
schwer den direkt zu verändern. Dies hat meist nicht oder nur kurzfristig zum Erfolg geführt und war oftmals auch mit erheblichen negativen Folgen ver­bun den (z. B.Abhängigkeit von Benzodiazepinen).
– Das Ziel der Behandlung ist daher weniger, unmittelbar auf die Beschwerden
einzuwirken, sondern zu erreichen, dass diese Beschwerden das Leben der
Betroffenen weniger einschränken.
5 Bewegungsstörungen wie Tremor, Dystonie oder Gangstörungen
– Psychotherapie:
– Anhand der konkreten Befunde, die auf eine funktionelle neurologische
Störung hindeuten (siehe 7 Abschn. 22.2.4), ist den Patienten bereits deutlich geworden, dass die Ausprägung der Symptome auch von der Steuerung der Aufmerksamkeit abhängig ist.
– Diese Erkenntnis sollte in die Erstellung der individuellen Verhaltensana-
lyse integriert werden, welche aufzeigt, dass eine Fokussierung der Auf­merk sam keit auf die Bewegungsstörungen 2 Konsequenzen hat (siehe