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Ординатура / Хирургия / Библиотека им академика М.И. Перельмана / Книга_5546_Библиотеки_им_академика_М_И_Перельмана.pdf
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☆
78 Kapitel 4 · Psychopharmakotherapie: Wirkstoffe
. Tab. 4.5 Pharmaka zur Rückfallprophylaxe in der Behandlung der Alkoholabhängigkeit.
RR: Risikoreduktion, z: Zulassung
Subs­tanz
Acam­prosat
4
Nal­mefen
Naltre­xon
a
Einsatz auch zur Entwöhnungsbehandlung bei Opiatabhängigkeit (nach erfolgter Ent-
giftung).
a
Wirk­mechanismus
Glutamater­ger Antago­nist
Opioid­antagonist
Opioid­antagonist
Dosierung Nebenwir-
kungen
Tbl. à 333 mg: < 60 kg: 4 Tbl./d > 60 kg: 6
z
Tbl./d
Tbl. à 18 mg/
z
d Bei Bedarf (z. B.Risiko­situation)
Beginn mit 25 mg, dann Aufdosierung auf 50mg
Durchfall, kontraindiziert bei schwerer Leber­funktions­störung
Kontraindiziert bei schwerer Leber- oder Nieren­funktions­störung
Keine Ein­schränkung bei schwerer Leber­funktions­störung
Wirkstärke (Rückfälle)
Acamprosat vs. Placebo RR 0,83
Kombina­tion Naltre­xon plus Acamprosat vs. Acam­prosat allein RR 0,44
Fokus der Wirksamkeit
Abstinenz­erhaltende Wir­kungz, ver­hindert jedoch bei Abstinenz­verletzung nicht den Rück­fall ins ab­hängige Trin­ken
Trinkmengen­reduktion
Abstinenz­erhaltende Wir­kungz Trink­mengenredukti­on
z
z
4.7 Medikamente bei Aufmerksamkeitsdezits- und
Hyperaktivitätssyndrom (ADHS)
Pharmakodynamik
5 Stimulanzien: Dopamin- und Noradrenalinwiederaufnahmehemmer. Diese
werden vom Gesetz als Betäubungsmittel eingestuft (BtM) und müssen auf ge­sonderten Rezepten verordnet werden.
5 Nichtstimulanzien:
– Atomoxetin: selektiver Noradrenalinwiederaufnahmehemmer, – Guanfacin: selektiver postsynaptischer A2a-Agonist.
Medikamente bei Aufmerksamkeitsdezits- und…
4.7 ·
Nebenwirkungen
5 Hypertonie, Tachykardie (Ausnahme: bei Guanfacin kommt es zu leichtem Ab-
fall von Blutdruck und Puls).
5 Appetitminderung und Gewichtsverlust (Ausnahme: Guanfacin kann eher zu
Apptit- und Gewichtzunahme führen).
5 Schlafstörungen (daher morgendliche Gabe; Ausnahme: Guanfacin kann auch
abends gegeben werden).
5 Epileptische Anfälle, Verstärkung von Tic-Störungen. 5 Vor Beginn und im Verlauf einer Behandlung sollten daher folgende Parameter
kontrolliert werden: Blutdruck, Puls, Gewicht (BMI), Labor (v. a. Trans­aminasen) und EKG.Das gilt sowohl für Stimulanzien als auch für Nicht­stimulanzien.
79
Kontraindikation u. a. schwere Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Anorexia ner-
vosa (. Tab.4.6)
. Tab. 4.6 Pharmaka zur Behandlung eines Aufmerksamkeitsdezits- und Hyperaktivitäts-
syndrom (ADHS)
Substanz Präparat Pharmakokinetik Zulassung
Stimulanzien
Methylphenidat (t
• Un­retardiert
• Retar-
a
diert
Lisdexamfetamin (t
Nichtstimulanzien
Atomoxetin (t
Guanfacin (t
= 2 h, HWZ= 2–3 h)
max
Medikinet
®
Medikinet retard bzw. adult®, Ritalin LA bzw. adult
Equasym
Kinecteen
Concerta
Elvanse
max
Strattera
max
Intuniv
®
®
®c
= 3,5 hd, HWZ = 8–11 h)
max
®
, Elvanse adult
= 1–2 h, HWZ= 2–5 h)
®
= 3–14 h, HWZ= 13–34 h)
®
, Ritalin
®
®
®
Wirkdauer 2–3 h, Initialdosis 100%
Wirkdauer 8–10 h, Initialdosis 50%
Wirkdauer 8–10 h, Initialdosis 30%
Wirkdauer 12 h, Initialdosis 25%
Wirkdauer 13 h, Initialdosis 22%
Nur für Kinder und Jugendliche
Auch für Erwachs-
b
ene
Nur für Kinder und Jugendliche
Auch für Er­wachsene
Auch für Er­wachsene
Wirkdauer 12–14 h Auch für
Erwachsene
Wirkeintritt nach 8–10 Wochen
Wirkeintritt in den ersten 3 Wochen
Auch für Er­wachsene
Nur für Kinder und Jugendliche
b
e
(Fortsetzung)
4
80 Kapitel 4 · Psychopharmakotherapie: Wirkstoffe
. Tab. 4.6 (Fortsetzung)
a
Verschiedene Freisetzungssysteme (z. B.Osmotic Controlled Release Delivery System) ermöglichen Verteilung der Wirkstofffreisetzung auf Initialdosis und Verzögerungsdosis. Einige Systeme funktionieren nur, wenn man das Präparat zusammen mit einer Mahlzeit, H2-Blockern oder Protonenpumpenhemmern zu sich nimmt (v. a. Medikinet retard bzw. adult).
b
Bei Markteinführung waren nur Elvanse adult, Medikinet adult bzw. Ritalin adult zur
4
Behandlung bei Erwachsenen zugelassen. Heute umfasst die Zulassung auch die bioäqui­valenten Präparate Elvanse, Medikinet retard und Ritalin LA.
d
Hier angegeben ist die t Prodrug Lisdexamfetamin.
e
Nur wenn Behandlung mit Stimulanzien unverträglich oder unwirksam ist.
für die wirksame Substanz D-Amphetamin nach Einnahme des
max

4.8 Cannabisarzneimittel (CAM)

Zu den Cannabisarzneimittel (CAM) zählen Delta-9-Tetrahydrocannabinol (THC)/Cannabidiol (CBD). CAM dürfen nur verordnet werden, wenn andere Be­handlungen nicht zur Verfügung stehen oder wegen ausbleibender Wirkung bzw. Nebenwirkungen nicht angewendet werden können und eine Aussicht auf eine spürbare positive Wirkung besteht.
Vor der Erstverordnung muss ein Antrag bei der Krankenkasse gestellt werden,
aus dem hervorgeht, dass die oben genannten Voraussetzungen erfüllt sind.
CAM sind unter anderem wirksam in der Behandlung folgender Erkrankungen:
5 Chronische neuropathische Schmerzen (NNT 20), 5 Spastizität bei MS und Paraplegie (NNT 7–10).
In diesen Studien sind folgende Nebenwirkungen besonders häug in Zu sam men­hang mit CAM aufgetreten:
5 Sedierung (NNH 5), 5 Sprachstörung (NNH 5), 5 Schwindel (NNH 5).
Darüber hinaus sind auch folgende seltenere, aber schwerwiegende NW berichtet worden:
5 Desorientierung (NNH 15), 5 Dissoziation oder Psychose (NNH 20), 5 Sehstörungen oder visuelle Halluzinationen (NNH 17).
Beispiele für Präparate und Dosierungen sind:
5 Nabiximol (Sativex®, je Sprühstoß 2,7mg THC und 2,5mg CBD): Beginn mit
2 Sprühstößen am Tag, langsame Aufdosierung alle 2–3 Tage auf bis zu 12 Sprühstöße am Tag.
5 Dronabinol (Kapseln à 2,5mg oder 5mg THC bzw. Tropfen 25 mg/ml): lang-
same Aufdosierung bis 30 mg/Tag.
81

Psychotherapie: Grundwissen

Inhaltsverzeichnis
5.1 Psychodynamische Psychotherapie – 84
5.1.1 Grundbegrie der psychodynamischen Psychotherapie – 85
5.2 Systemische Therapie – 88
5.3 Kognitive Verhaltenstherapie (KVT) – 88
5.3.1 Grundbegrie der Verhaltenstherapie – 90
5
© Der/die Autor(en), exklusiv lizenziert an Springer-Verlag GmbH, DE, ein Teil von Springer Nature 2025 J. P. Klein, E. M. Klein, Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie,
https://doi.org/10.1007/978-3-662-71440-9_5
82 Kapitel 5 · Psychotherapie: Grundwissen
In diesem Buch wird in den störungsorientierten Kapiteln jeweils das konkrete psychotherapeutische Vorgehen bei den einzelnen psychischen Störungen be schrie­ben. Für die Umsetzung dieses Vorgehens sind bestimmte Grundkenntnisse von Bedeutung, die in diesem Kapitel vermittelt werden. Im 7 Kap. 6 „Psychotherapie: Grundfertigkeiten“ stehen dann die praktischen Aspekte der Umsetzung im Mittelpunkt.
Psychotherapie ist wie folgt deniert (Tolin etal. 2024):
5 Behandlung von psychischen Störungen mit psychologischen Mitteln (im
Gegensatz beispielsweise zu pharmakologischen Mitteln).
5 Psychotherapeutisches Handeln beruht auf einer Theorie von normalem und
5
pathologischem Verhalten.
Die Entwicklung der Psychotherapie kann als soziale Bewegung aufgefasst werden (Hautzinger 2007). Das bedeutet, dass sich trotz einiger bekannter Namen (z. B.Siegmund Freud oder Aaron Beck) keine klare Gründergur identizieren lässt. Vielmehr handelt es sich um eine kontinuierliche Entwicklung von Grundlagen und Methoden, welche zum Teil unabhängig voneinander abläuft. Diese Ent­wicklungen haben Gemeinsamkeiten, welche sich wie ein roter Faden durch die verschiedenen Psychotherapien ziehen.
Um die auf diese Art und Weise entstandene Vielfalt zu sortieren, empehlt der
Wissenschaftliche Beirat Psychotherapie (WBP) eine Betrachtung der Psy cho the­ra pie auf den Ebenen Verfahren, Methode und Technik. Ein Psychotherapiever­fahren hat unter anderem folgende Eigenschaften:
5 eine umfassende Theorie der Entstehung und Aufrechterhaltung von psychi-
schen Störungen,
5 eine auf diese Theorie bezogene Bestimmung von Zielen der psycho-
therapeutischen Behandlung,
5 eine auf diese Theorie und Ziele bezogene Behandlungsstrategie.
Für die wissenschaftliche Anerkennung als Richtlinienpsychotherapie, die von der gesetzlichen Krankenkasse erstattet wird, muss ein Verfahren darüber hinaus in mehreren Studien ihre Wirksamkeit gezeigt haben. Diese Studien müssen be­stimmte Anforderungen erfüllen (z. B. randomisiertes Studiendesign bei Patienten, deren Diagnose nach etablierten Kriterien gesichert wurde und die mindestens für 6 Monate nach Ende der Behandlung nachbeobachtet wurden).
Im deutschen Sprachraum haben 3 Verfahren eine besonders große Bedeutung:
die kognitive Verhaltenstherapie (KVT), die psychodynamische Psychotherapie (PPT) und die systemische Therapie (ST). Diese werden grob vereinfachend in
. Tab. 5.1 als Überblick dargestellt. Diese therapeutischen Verfahren sind als
Richtlinienpsychotherapie anerkannt.
Jeder Psychotherapie liegt ein Behandlungsrational zugrunde, das beschreibt,
welches zentrale Problem auf welche Art und Weise behandelt werden soll. In der Systematik in . Tab.5.1 folgt das Behandlungsrational einem medizinischen Mo­dell der Psychotherapie. Dieses ist das am weitesten verbreitete Modell und geht davon aus, dass Menschen sich wegen bestimmter psychischer Störungen in Be-
Psychotherapie: Grundwissen
Systemische Therapie (ST)
Störung ist Reaktion auf Umwelt-
bedingungen, z. B.Familienstruktur
Aufdeckung von Regeln und Mustern,
83
- Virgina Satir
die in einem System wirken
Allparteilichkeit, Ressourcen-
orientierung, zirkuläres Fragen
- Salvador Minuchin
5
. Tab. 5.1 Zentrale Charakteristika von kognitiver Verhaltenstherapie, psychodynamischer Psychotherapie und Gesprächstherapie
Kognitive Verhaltenstherapie (KVT) Psychodynamische Psychotherapie
(PPT)
Störung geht auf unbewältigte Kon-
ikte zurück
und der Handlungsplanung
Theorie Störung der Verarbeitung der Umwelt
Erkennen des Zusammenhanges zwi-
schen Konikt und Störung
Konikt wird aufgedeckt, z. B. durch
Analyse von Übertragung
oder Erwerb von Fertigkeiten
Modikation von Denk- und Ver-
haltensmustern
Therapiestrategie
und-techniken
Therapieziel Veränderung des Denkens, Handelns
- Psychoanalyse (PA)
- Tiefenpsychologische Psychotherapie
(TP)
- Kognitive Therapie (KT)
- Verhaltenstherapie (VT)
Zugeordnete Psycho-
therapiemethoden
- Mentalisiserungsbasierte Psycho-
therapie (MBT)
- Akzeptanz- und Commitmenttherapie
(ACT)
Aktuelle Weiter-
entwicklungen (Auswahl)
- Übertragungsfokussierte Therapie
- Dialektisch Behaviorale Therapie
- Sigmund Freud (PA) - Paul Watzlawick
(TFT)
- Burrhus Frederic Skinner (VT)
(DBT)
- Aaron Tim Beck (KT)
- Schematherapie (ST)
Bekannte Entwickler
(Auswahl)
84 Kapitel 5 · Psychotherapie: Grundwissen
hand lung begeben (z. B. depressive Störung). Dort kommen einer bestimmten Theorie folgend klar denierte Techniken zum Einsatz, um diese Störung zu be­han deln (z. B.Behandlung einer Depression durch Identikation und Disputation dysfunktionaler Kognitionen vor dem Hintergrund der kognitiven Theorie). Die­ses Modell ist sehr therapeutenzentriert– es wird in diesem Modell stark betont, dass der Therapeut weiß, was richtig für den Patienten ist.
Ein alternatives Modell, was dem tatsächlichen psychotherapeutischen Prozess
möglicherweise näher kommt, ist das sogenannte kontextuelle Modell der Psy cho­the ra pie (Wampold 2001). Dieses Modell betont stärker, dass das Behandlungs­rational eine plausible Erklärung für die Beschwerden des Patienten bieten und ein Vorgehen beschreiben muss, wie diese Beschwerden gelindert werden können.
5
Während das medizinische Modell also stärker auf eine abstrakte Richtigkeit des Behandlungsrationals fokussiert, betont das kontextuelle Modell, das der The ra­peut anstreben sollte, mit seinem Patienten gemeinsam ein Behandlungsrational zu nden, was diesem Patienten eingängig erscheint. Das kontextuelle Modell und das medizinische Modell müssen sich gegenseitig nicht ausschließen. Im weiteren Ver­lauf wird im 7 Abschn.6.2 daher ausführlich beschrieben, wie wichtig diese Ab­stim mung zwischen Therapeuten und Patienten ist, insbesondere die Abstimmung in Bezug auf die Ziele der Behandlung und in Bezug auf die Mittel, mit denen diese Ziele erreicht werden sollen.

5.1 Psychodynamische Psychotherapie

Die psychodynamische Psychotherapie geht auf Sigmund Freud und die von ihm in den 1890er-Jahren entwickelte Psychoanalyse zurück. Der Begriff Psy cho ana­ly se hat 3 Bedeutungen : Psychoanalyse ist…
1. eine Technik zur Untersuchung unbewusster psychischer Prozesse.
2. ein theoretisches Modell, welches auf den dabei gemachten Beobachtungen aufbaut.
3. eine intensive Methode der psychotherapeutischen Behandlung.
Formen der psychodynamischen Psychotherapie
z
Auf den Prinzipen der Psychoanalyse bauen die beiden in Deutschland als Richt­linienpsychotherapie anerkannten psychodynamischen Psychotherapien auf (Rei­mer und Rüger 2012):
5 Analytische Psychotherapie : im Unterschied zur zeitlich unbegrenzten, nicht
auf bestimmte Ziele ausgerichteten Psychoanalyse hat die analytische Psy cho­the ra pie ausdrücklich das Ziel, krankheitswertige Zustände innerhalb von fest­gelegten (allerdings oft sehr langen) Zeiträumen zu behandeln.
5 Tiefenpsychologische Psychotherapie : Hierunter sind die psychodynamischen
Behandlungsverfahren zusammengefasst, die sich von der analytischen Psy cho­the ra pie durch eine niedrigere Behandlungsfrequenz und ein anderes Setting unterscheiden (. Tab.5.2).
5.1 · Psychodynamische Psychotherapie
85
. Tab. 5.2 Unterschiede zwischen Analytischer Psychotherapie und Tiefenpsychologischer
Psychotherapie (Fritzsche und Wirsching 2020)
Analytische Psychotherapie Tiefenpsychologische Psychotherapie
Frequenz 2–4×/Woche 1×/Woche
Dauer 240–300 h 50–80 h
Setting Im Liegen Im Sitzen
5
Die wichtigsten Ziele der psychodynamischen Psychotherapie sind (Cabaniss etal.
2011):
1. verstehen, wie unbewusste Konikte die bewussten Gedanken, Gefühle und Verhaltensmuster beeinussen,
2. entscheiden, ob im Augenblick ein Aufdecken des Unbewussten helfen kann oder ein supportives Vorgehen bevorzugt werden sollte,
3. Einsatz von aufdeckenden und supportive Strategien auf eine Art und Weise, die die beste Möglichkeit hat, dem Patienten zu helfen.
5.1.1 Grundbegrie der psychodynamischen Psychotherapie
Unbewusste Konikte
z
Der Begriff „das Unbewusste“ bezieht sich auf Gedanken und Gefühle, die beein­usst sind durch frühe Erfahrungen, genetische Faktoren und Temperament und die unbewusst gehalten werden, weil sie einen überfordern können, wenn man sie sich bewusst macht. Sie werden also unbewusst gemacht, aber sie verschwinden nicht. Vielmehr bleiben sie auch im Unbewussten voller Energie und beeinussen von dort das bewusste Denken, Fühlen und Handeln.
Unbewusste Konikte entstehen im Laufe der Entwicklung, wenn sogenannte äu-
ßere Konikte (z. B. lang anhaltende emotionale Vernachlässigung oder auch über­mäßige Verwöhnung) vom Betroffenen nicht bewältigt, verdrängt und so zu un­bewussten inneren Konikten werden (z. B. dysfunktionale Bewältigungsmuster wie etwa sich selbst Dinge versagen oder rigide Dinge einfordern) (Hohagen etal. 2015a).
Im Folgenden nden Sie angelehnt an die operationalisierte psychodynamische
Diagnostik einige Beispiele für Konikttypen und zugehörige diagnostische Fra­gen (Arbeitskreis OPD 2006):
5 Versorgung versus Autarkie (z. B. „Können Sie andere Menschen loslassen?",
"Können Sie um Hilfe bitten?“)
5 Unterwerfung versus Kontrolle (z. B. „Ordnen Sie sich gern oder ungern Re-
geln und Vorschriften unter?“)
5 Abhängigkeit versus Individuation (z. B. „Suchen Sie enge und nahe Be-
ziehungen oder brauchen Sie Abstand und Unabhängigkeit?“)
86 Kapitel 5 · Psychotherapie: Grundwissen
Aufdeckender und supportiver Modus
z
Das Ziel der psychodynamischen Therapie ist, diese unbewussten Konikte zu ver­ste hen und wenn möglich aufzudecken. Diese Prozesse des Aufdeckens werden auch als analytischer, expressiver oder einsichtsorientierter Prozess bezeichnet. Dem stehen die supportiven Prozesse gegenüber, welche das Ziel haben, sogenannte Ich-Funktionen zu unterstützen. Zu den Ich-Funktionen zählen sowohl die Fä hig­keit, die Beziehung zur Außenwelt zu regulieren (z. B.Realitätstestung oder Be­ziehungsfähigkeit), als auch die Fähigkeit, inneres Erleben zu regulieren (z. B.Im­pulskontrolle oder Bewältigung intensiver Emotionen). Wenn diese Fähigkeiten nicht ausreichend stark ausgeprägt sind, dann sollten zunächst supportive Tech ni­ken eingesetzt werden.
5
Abwehrmechanismen
z
Zu den Ich-Funktionen werden auch die Abwehrmechanismen gezählt. Abwehr­mechanismen sind unbewusste und automatische Reaktionen auf innere und äu­ßere Belastungen (z. B. emotionale Konikte oder Stressoren). Sie können ein­geteilt werden in Abhängigkeit davon, wie adaptiv sie sind:
5 Unterdrückung und ähnliche Abwehrmechanismen : gelten als stärker adaptive
Abwehrmechanismen.
– Abspaltung des Affektes: Unterdrückung des Gefühls, aber der Gedanke
bleibt bewusst (z. B.Herr A. sagte, dass ihn die Trennung von seiner Frau gar nicht berührt).
– Rationalisierung: Bewältigung von unakzeptablen Gefühlen, indem man
Gründe oder Erklärungen nden (z. B.Frau R. wurde entlassen, aber sagt ihrem Mann, dass es gut so ist, weil sie ohnehin mal etwas Neues versuchen wollte).
– Reaktionsbildung: Unakzeptable Gefühle werden „umgepolt“ und als ihr
Gegenteil erlebt (z. B.Herr R. ging überbehütend mit seinem neugeborenen Sohn um, um sich so vor dem unakzeptablen Gefühl der Wut auf das schrei­ende Kind zu schützen).
5 Spaltung und ähnliche Abwehrmechanismen: gelten als weniger adaptive Ab-
wehrmechanismen, weil sie zwar vor negativen Gedanken und Gefühlen schüt­zen, aber dies ausgeprägte negative Konsequenzen nach sich zieht.
– Spaltung: Annehmbare und nicht annehmbare Gefühle werden unter-
schiedlichen Personen zugeschrieben (z. B.Frau S. wurde von ihrer Mutter heftig kritisiert und emotional vernachlässigt, trotzdem idealisiert sie ihre Mutter und verteufelt ihren Vater; als Erwachsene fällt es ihr schwer, sich auf enge Beziehung zu Männern einzulassen).
– Dissoziation: Negative Gefühle werden von der gegenwärtigen Realität ab-
getrennt (z. B.Wenn ihr Vater sie schlug, brachte Frau D. sich in einen Zu­stand, in dem sie den Schmerz nicht spürte; dasselbe passiert ihr heute, wenn ihr Mann sie anschreit).
– Projektive Identikation: Person A projiziert ein unakzeptables Gefühl auf
Person B und interagiert mit Person B auf eine Art und Weise, die dazu führt, dass Person B das projizierte Gefühl erlebt (z. B.Herr P. ärgert sich da­rü ber, dass sein Vorgesetzter ihm einen wichtigen Auftrag nicht gegeben hat,
5.1 · Psychodynamische Psychotherapie
87
5
er sagt aber, es sei alles in Ordnung; er kommt in den folgenden Wochen immer wieder zu spät zur Arbeit, bis sein Vorgesetzter ihn entnervt zur Rede stellt).
Die Abwehrmechanismen der Spaltung werden vor allem dann gewählt, wenn die Betroffenen nicht gut in der Lage sind anzuerkennen, dass gute und schlechte Eigenschaften in einer Person vereint sein können (Objektkonstanz). Es gibt auch sehr adaptive Strategien des Ich im Umgang mit belastenden Emotionen, die streng genommen nicht den Abwehrmechanismen zugeordnet werden, wenn sie bewusst und exibel eingesetzt werden (z. B.Humor, Sorge für andere oder der bewusste und exible Einsatz von Unterdrückung).
Übertragung
z
Ein Beispiel für eine therapeutische Strategie in der psychodynamischen Psy cho­the ra pie ist der Umgang mit Übertragung. Der Begriff Übertragung beschreibt die Gefühle, die der Patient einem anderen Menschen (z. B. dem Therapeuten) ge­genüber entwickelt, wenn diese Gefühle nicht in der gegenwärtigen Beziehung mit dieser Person verankert sind, sondern beispielsweise eine Wiederholung von frühe­ren Gefühlsreaktionen auf prägende Bezugspersonen in der Vergangenheit dar­stellen. Das sind die beiden zentralen Eigenschaften der Übertragung: Sie ist re pe­ti tiv und nicht situationsangemessen.
Wenn der Therapeut diese Übertragung wahrnimmt, dann kann ihm das hel-
fen, zu verstehen, wie der Patient sich selbst sieht und wie er Beziehungen zu an­deren Menschen gestaltet. Im supportiven Modus wird er diese Erkenntnisse dem Patienten gegenüber nicht preisgeben, sondern durch Ich-stärkende Techniken ver­su chen, die Entwicklung einer Übertragungsbeziehung zu begrenzen (z. B. durch empathisches Ansprechen und Validieren des emotionalen Erlebens und vor­sichtige Realitätstestung; siehe . Tab.5.3). Im aufdeckenden Modus wird die Über­tra gung analysiert, um dem Patienten zu helfen, mehr über sich und seine Be zie­hung zu anderen zu lernen (z. B. durch sogenannte Klarikation, Konfrontation und Deutung; siehe . Tab.5.4).
. Tab. 5.3 Beispiele für den Einsatz von supportiven Techniken im Umgang mit Über-
tragung
Technik Denition Beispiel
Empathie Gefühle wahrnehmen
und benennen
Validie­rung
Realitäts­testung
Gefühle als wahr an­erkennen
Sanfte Korrektur von Fehleinschätzungen
Sie wirken aufgebracht, weil ich heute zu spät bin.
Ich kann gut nachvollziehen, dass Sie aufgebracht sind, wenn Sie denken, dass dies bedeutet, dass Sie mir egal sind.
Es tut mir leid, dass der Eindruck entstanden ist, dass Sie mir nicht wichtig sind. Das war wirklich nicht meine Absicht.