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Ординатура / Хирургия / Библиотека им академика М.И. Перельмана / Книга_5546_Библиотеки_им_академика_М_И_Перельмана.pdf
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138 Kapitel 7 · Psychotherapie: zentrale Techniken
Wenn die Antwort auf diese Fragen „Nein“ lautet, kann es hilfreich sein, Hand­lungen zu wählen, die sich weniger an der gegenwärtigen Emotion und stärker an den eigenen Werten orientieren als zum Beispiel jemanden ansprechen, wenn man sich einsam fühlt, auch wenn man am liebsten die Decke über den Kopf ziehen würde; denn: das Gefühl der Einsamkeit ist zwar möglicherweise schmerzhaft, dieses Gefühl könnte aber auch ein wichtiges Signal sein, welches anzeigt: „Beziehungen sind wich­tig für mich“. Dabei muss der Patient berücksichtigen, dass die unangenehmen Ge­fühle bei diesen werteorientierten Handlungen möglicherweise zunächst stärker wird.
Auf die 3. Frage lautete die Antwort der Patienten oft „Ja“, weil sie angesichts der starken unangenehmen Gefühle möglicherweise kurzfristig wirklich das Ziel verfolgen, so schnell wie möglich die Situation zu verlassen. In diesem Fall kann dann folgende weiterführende Frage hilfreich sein:
4. Ist dieses Ziel der Vermeidung in Übereinstimmung mit den Werten im Leben
des Patienten? Für weitere Informationen zur Arbeit mit Werten siehe
7 Abschn.5
7
Man kann sich auch eine weitere Frage stellen:
5. Was sagt mir die Emotion gerade möglicherweise darüber, was mir im Leben
wichtig ist? Wenn ich jetzt nicht versuche, die Emotion um jeden Preis loszu-
werden, sondern akzeptiere, dass sie für diesen Augenblick da ist: Was wäre mir
dann wichtig, in dieser Situation zu tun?
Wenn Patienten bemerken, dass bestimmte unbewältigte frühere Erfahrungen immer wieder sehr stark ihr emotionales Erleben prägen, dann kann es hilfreich sein, diese Erfahrungen durch Imagery Rescripting zu bearbeiten (7 Abschn.14).
7.4.2 Verhaltensaktivierung
Die Verhaltensaktivierung wird besonders in der Behandlung von depressiven Störun­gen eingesetzt. Dabei wird davon ausgegangen, dass die depressive Stim mung dadurch aufrechterhalten wird, dass die Betroffenen im Rahmen ihrer Erkrankung Aktivitäten mit belohnendem Charakter aufgegeben haben. Das führt zu einer Abwärtsspirale:
Niedergedrückte Stimmung und mangelnder Antrieb → wenig Kontakt mit Aktivi-
täten, die belohnenden Charakter haben, z. B. weil sie Spaß machen →
wird schlechter und Antrieb nimmt weiter ab → …
Stim mung
Diese Spirale wird häug durch Prinzipien der negativen Verstärkung auf recht er­hal ten (siehe 7 Abschn.5.3). Das bedeutet, dass die Betroffenen im Rahmen ihrer Depression beispielsweise sehr starke Gefühle von Überforderung erleben. Wenn sie sich entscheiden, Aktivitäten zu vermeiden (z. B. den ganzen Tag auf dem Sofa sitzen, statt geplanten Aktivitäten nachzugehen), dann nimmt kurzfristig die ses Gefühl der Überforderung ab (negative Verstärkung). Langfristig führt das aber meist zu negativen Konsequenzen (z. B.Kontakt zu Freunden schläft ein).
7.4 · Handlungsorientierte Techniken
139
Das Ziel der Behandlung ist, dass die Patienten es schaffen, Aktivitäten wieder aufzunehmen, die sie angesichts ihrer Depression aufgegeben haben. Dieser Auf­bau von Aktivitäten kann unterschiedliche Formen haben und folgt dabei meist den Prinzipien der positiven Verstärkung. Dabei stehen verschiedene Formen von belohnenden Aktivitäten zur Auswahl:
5 Von natürlichen Verstärkern „Psychotherapie spricht man, wenn die Durch füh-
rung einer Aktivität von allein angenehme Konsequenzen hat (z. B. wenn man
etwas tut, was einem Freude macht). Diese natürlichen Verstärker werden bei-
spiels wei se in der Depressionsbehandlung beim Aufbau angenehmer Aktivi-
täten genutzt.
5 Von willkürlichen Verstärkern spricht man, wenn man sich für die Durch füh-
rung einer an sich nicht angenehmen Aktivität anschließend mit etwas Schö-
nem belohnt (z. B. ein paar Minuten in den Garten setzen und die Blumen ge-
nie ßen, nachdem man den Abwasch gemacht hat).
Auch die Durchführung von Aktivitäten, die nicht unmittelbar Freude machen oder anschließend durch etwas Angenehmes belohnt werden, kann einen ver­stärkenden Charakter haben. Beispiele dafür:
5 Werteorientierte Aktivitäten: Verhaltensmuster, die an der groben Richtung ori-
en tiert sind, die man seinem Leben geben will. Ein Wert ist beispielsweise „ein
liebender Ehemann sein“. Diesen Wert selbst kann man nie ganz erreichen
(man kann immer "noch liebender" sein). Aber man kann konkrete Verhaltens-
weisen zeigen, die mit diesem Wert im Einklang stehen, z. B. seiner Frau ein le-
ckeres Abendessen zubereiten.
5 Einhalten von Routinen: Dies kann zu einem zufriedenstellenden Gefühl führen,
das einige Menschen erleben, wenn sie etwas ihren üblichen Gewohnheiten ent-
spre chend getan haben, beispielsweise einmal in der Woche schwimmen zu
gehen.
7
Ablauf der Verhaltensaktivierung
z
Zu Beginn der Behandlung sollte mit dem Patienten eine Verhaltensanalyse erstellt wer­den (siehe 7 Abschn.6.3). Diese hilft dem Patienten und dem Therapeuten, genauer zu verstehen, welche Vermeidungsmuster bei dem Patienten im Vor der grund stehen (beim Beispiel oben „den ganzen Tag auf dem Sofa sitzen“), durch welche Verstärkungs­prinzipien diese aufrecht erhalten werden (beim Beispiel oben „Ab nah me des Gefühls der Überforderung“) und welche negativen Konsequenzen die ses Vermeidungsver­halten langfristig hat (im Beispiel oben „Kontakt zu Freunden schläft ein“).
Bei einigen Patienten ist die Verhaltensanalyse bereits ausreichend, um sie zu motivieren, an bestimmten Zielen zu arbeiten, um ihre Depression zu überwinden (z. B.Verabredung mit Freunden). Andere Patienten brauchen weitere Schritte, um die Motivation zur Veränderung der depressiven Verhaltensweisen zu steigern und die Ziele der Behandlung zu konkretisieren. In diesem Fall können verschiedene Strategien hilfreich sein (siehe 7 Kap. 7):
5 die Erhebung der Werte und Ziele des Patienten, 5 Einsatz von anderen Strategien zur Steigerung der Motivation wie das 4-Felder-
Schema.
140 Kapitel 7 · Psychotherapie: zentrale Techniken
Ein weiteres wichtiges Werkzeug bei der Durchführung der Verhaltensaktivierung kann das Führen von Wochenplänen sein. Dabei wird in mehreren Schritten vor­gegangen, die abhängig von der Schwere der Depression unterschiedlich schnell durchlaufen werden:
1. Der Patient dokumentiert seine gegenwärtigen Aktivitäten. Auf diese Weise kann erhoben werden, wie hoch das gegenwärtige Aktivitätsniveau des Patien­ten ist.
2. Der Patient dokumentiert neben seinen Aktivitäten auch seine Stimmung (z.B. mit , und ). Auf diese Weise kann der Patient den Zu sam men hang zwischen Aktivitäten und Stimmung erkennen.
3. Der Patient trägt sich in den Wochenplan Aktivitäten ein, die er sich vornimmt (z. B. angenehme oder werteorientierte Aktivitäten, siehe oben).
4. Der Patient erstellt mithilfe des Wochenplans eine Tagesstruktur, das heißt er trägt grob ein, wie er seine Zeit einteilen will. Dabei sollte auf eine gute Balance geachtet werden zwischen Pichten und belohnenden Aktivitäten (Abb. A.3).
7
Der Aufbau von werteorientierten Aktivitäten beginnt mit der Werteübung (siehe
7 Abschn.5) und identiziert gemeinsam mit dem Patienten Aktivitäten, die ihm
sehr wichtig sind, denen er aber gegenwärtig kaum nachgeht, und ermutigt den Pa­tienten zu entscheiden, welche dieser Aktivitäten er zur Bewältigung seiner De pres­si on wieder aufnehmen will.
Beim Aufbau von angenehmen Aktivitäten Depression wird häug mit soge-
nann ten Listen angenehmer Aktivitäten gearbeitet. Man kann aber auch so vor ge­hen, dass man den Patienten danach befragt, welche Aktivitäten er im Rahmen sei­ner Depression aufgegeben hat, die ihm außerhalb der Depression Freude gemacht haben.
Praxistipp
Beim Aufbau von Aktivitäten kann man sich an folgenden Prinzipien orientieren:
5 Fangen Sie klein an und steigern Sie sich schrittweise! 5 Planen Sie die Aktivitäten möglichst konkret! 5 Planen Sie belohnende Aktivitäten! 5 Gestalten Sie die Aktivitäten abwechslungsreich! 5 Lassen Sie sich von Misserfolgen nicht entmutigen!
7.4.3 Graduierte Aktivitätssteigerung bzw. Pacing
Sowohl die graduierte Aktivitätssteigerung als auch das Pacing werden bei spiels­wei se bei chronischer Fatigue oder bei chronischen Schmerzen eingesetzt. Ge mein­sam sind beiden Techniken folgende Schritte:
5 Zunächst wählt der Patient eine Aktivität, die er wieder ausführen möchte (z. B.
spazieren gehen). Bei der Auswahl dieser Aktivität kann wie bei der Verhaltens­aktivierung eine Orientierung an Routinen, angenehmen Aktivitäten oder den Werten des Patienten hilfreich sein (siehe 7 Abschn.5).
7.5 · Edukative Techniken: Psychoedukation
141
5 Dann bestimmt der Patient, in welchem Ausmaß an Belastung er diese Ak ti vi-
tät durchführen kann, ohne dass die Symptomatik auftritt (z. B. Schmerz­zunahme oder Post-Exertional Malaise, siehe 7 Tab.22.2). Dies kann bei spiels­wei se so gestaltet werden, dass der Patient die Aktivität 3–5× durchführt und den Mit tel wert der Belastung bestimmt, die nicht zu einem Auftreten der Symptomatik führt (z. B. 25min langsamer Spaziergang).
5 Dann wird diese Aktivität regelmäßig mit einem Ausmaß der Belastung durch-
ge führt, die 20% unter der bestimmten Belastungsgrenze liegt (z. B. 20min langsamer Spaziergang).
Der Unterschied zwischen der graduierten Aktivitätssteigerung und dem Pacing ist Folgender:
5 Graduierte Aktivitätssteigerung
– Sehr langsame Steigerung der Aktivität nach einem festgelegten Quotenplan
– Beispiel: wenn der 20-minütige Spaziergang mindestens drei Mal ohne Zu-
nah me der Symptomatik durchgeführt wurde, dann wird die Dauer des Spaziergangs um eine Minute auf 21min erhöht
– Pacing – Das Aktivitätsniveau wird beibehalten, um eine optimale Anpassung an die
im Rahmen der Erkrankung reduzierten Möglichkeiten zu erreichen.
– Auch hierbei kann eine sehr langsame Aktivitätssteigerung erfolgen, wenn
diese nicht zu einer Verschlechterung der Symptomatik beiträgt.
7
7.4.4 Social-Rhythm-Therapie
Bei bipolaren Störungen kann eine Erhöhung der Regelmäßigkeit der täglichen Routinen und insbesondere des Schlaf-Wach-Zyklus zu einer Stabilisierung bei tra­gen. Konkret bittet man den Patienten, bestimmte Aktivitäten und deren Zeiten täglich zu protokolieren (Abb. A.4). Der Fokus liegt auf dem Zeitpunkt des Schla­fens, des Aufstehens, der Arbeit, des Essens und der sozialen Kontakte. Der Patient wird dazu angehalten, eine Zielzeit für diese Aktivitäten festzulegen und den Zeit­punkt dieser Aktivitäten um nicht mehr als 1 Stunde zu variieren.

7.5 Edukative Techniken: Psychoedukation

Psychoedukation beschreibt systematische, didaktisch-psychotherapeutische Interventionen, die sich an Patienten und ihre Angehörigen richten. Insbesondere in der Psychoedukation bei Schizophrenie und bipolarer Störung gibt es Studien, die zeigen, dass der Einbezug von Angehörigen einen wichtigen Effekt hat auf die Verhinderung von Rückfällen (Klingberg und Wittorf 2012; Chatterton et al.
2017). Dies gilt möglicherweise auch für andere psychische Störungen, bei spiels­wei se Depressionen.
142 Kapitel 7 · Psychotherapie: zentrale Techniken
Im Rahmen einer Psychotherapie bezeichnet Psychoedukation denjenigen Be-
stand teil der Behandlung, bei dem die aktive Informationsvermittlung, der Er fah­rungs aus tausch unter den Betroffenen und die Bearbeitung allgemeiner Krank­heitsaspekte im Mittelpunkt stehen. Psychoedukation wird jedoch auch außerhalb einer Psychotherapie im engeren Sinne angeboten. Dabei erfolgt die Psycho­edukation meist in Form von Gruppenangeboten. In diesem Setting werden Men­schen mit einer bestimmten psychischen Störung (z. B.Schizophrenie) zu sam men behandelt, die Gruppen sind also meist störungsorientiert und nur selten störungs­übergreifend zusammengesetzt.
Psychoedukation verfolgt mehrere Ziele (Borbé etal. 2011)::
5 Vermittlung von Information über die Erkrankung (z. B.Symptomatik), 5 Förderung des Krankheitsverständnisses (z. B.Vermittlung eines Krankheits-
modells),
5 Vermittlung von Information über die Behandlung (z. B.Medikation und Psy-
cho the ra pie),
7
5 Förderung eines selbstverantwortlichen Umgangs mit der Krankheit (z.
B. Verhaltensmodikation).
7.5.1 Vermittlung von Informationen über die Erkrankung
Bei der Vermittlung der Inhalte und Ziele der Psychoedukation werden oft zu­nächst die Teilnehmenden der Gruppe befragt, was sie bereits über das Thema wis sen (z. B. „Woran erkennt man eine Schizophrenie?“) oder welche Annahmen die Teilnehmenden haben (z. B. „Wie entsteht eine Schizophrenie?“). Dabei wird der Aus tausch unter den Teilnehmenden gefördert und dann übergegangen zur Ver mitt lung des Wissens. So werden beispielsweise die Symptome einer Schizo­phrenie nach den gängigen Klassikationssystemen auf einem Flipchart zu­sammengefasst.
7.5.2 Vermittlung eines Krankheitsmodells
Nach der Information über die Symptome einer psychischen Erkrankung folgt in der Psychoedukation meist die Vermittlung eines Krankheitsmodells. In die­sem Zusammenhang wird häug zurückgegriffen auf das sogenannte biopsycho­soziale Krankheitsmodell. Dieses berücksichtigt die verschiedenen relevanten Ebenen, die an der Entstehung und Aufrechterhaltung der Erkrankung beteiligt sind:
5 biologische Faktoren, z. B.Genetik, Neurotransmitter, Hirnfunktion etc., 5 psychologische Faktoren, z. B.Lerntheorie oder kognitive Theorie, 5 soziale Faktoren, z. B. Leben in einem urbanen Zentrum oder Migrations-
erfahrung.
7.5 · Edukative Techniken: Psychoedukation
143
Diese Faktoren werden häug in einem Vulnerabilitäts-Stress-Modell zu- sammengefasst, welches versucht, die an der Entstehung und Aufrechterhaltung beteiligten Faktoren übersichtlich darzustellen. Dem Vulnerabilitäts-Stress- Mo­dell liegt die Annahme zugrunde, dass jeder Mensch eine gewisse Empndlichkeit (Vulnerabilität) dafür mitbringt, eine bestimmte psychische Erkrankung zu be­kom men. Bei Menschen mit einer hohen Vulnerabilität reichen bereits kleine Aus­lö ser (Stressoren), um die Erkrankung zum Ausbruch zu bringen. Menschen mit außergewöhnlich geringer Vulnerabilität wiederum halten unter Umständen mehr Stressoren aus, bevor sie psychisch erkranken.
Die Stressoren können sowohl psychosozialer als auch biologischer Art sein:
Für depressive Störungen ist beispielsweise gezeigt worden, dass Menschen mit einer bestimmten genetischen Variante des Serotonintransporter-Gens besonders anfällig dafür sind, bei belastenden Lebensereignissen (z. B.Arbeitsplatzverlust) an einer Depression zu erkranken (Caspi etal. 2003). Diese belastenden Lebens­ereignisse sind ein Beispiel für einen psychosozialen Stressor. Für die Schi zo phre- nie wiederum wurde gezeigt, dass Menschen mit einer bestimmten Variante des Gens für ein dopaminabbauendes Enzym (COMT) besonders anfällig dafür sind, bei Konsum von Cannabis an einer Schizophrenie zu erkranken (Caspi etal.
2005). Hier wäre der Konsum von Cannabis ein Beispiel für einen biologischen Stressor.
Auch Vulnerabilitätsfaktoren können psychosozialer und biologischer Natur sein. Ein Beispiel für biologische Vulnerabilitätsfaktoren wurde bereits genannt: die genetische Prädisposition. Ein psychosozialer Vulnerabilitätsfaktor für die Ent ste hung von zahlreichen psychischen Störungen sind beispielsweise be­lastende Kindheitserfahrungen wie emotionaler Missbrauch oder emotionale Ver nach läs si gung. Menschen, die von dieser Form von widrigen Kindheits­erfahrungen be rich ten, haben ein ungefähr 3-fach erhöhtes Risiko, an einer De­pression zu erkranken (insbesondere an einer chronischen Verlaufsform) (Nel­son etal. 2017).
In der Vermittlung des Vulnerabilitäts-Stress-Modells wird häug die Me ta­pher einer Waage verwendet: Bei für den Ausbruch psychischer Störungen empnd­lichen Menschen bringen bereits kleine Belastungen die Waage aus dem Gleich ge­wicht, und es kommt zum Ausbruch der psychischen Erkrankung. Eine weitere Metapher ist die eines Fasses, das durch Belastungen zum Überlaufen gebracht wird. Diese Metapher eignet sich möglicherweise noch besser als die Metapher der Waage für die grasche Darstellung des Zusammenspiels von Vulnerabilität und Belastung (und Resilienz) bei der Entstehung von psychischen Erkrankungen (. Abb. 7.1). In . Tab. 7.7 nden Sie ein Beispiel für die Vermittlung des Vulnerabilitäts- Stress- Modells bei einem an Schizophrenie erkrankten Patienten (. Tab.7.9).
7
Kapitel 7 · Psychotherapie: zentrale Techniken
144
7
. Abb. 7.1 Die Fass-Metapher bei der Vermittlung des Vulnerabilitäts-Stress-Modells
. Tab. 7.9 Vermittlung des Vulnerabilitäts-Stress-Modells anhand der Fass-Metapher
Abbildung Bedeutung Beispiel Schizophrenie Beispiel Manie
Boden des Fasses ganz unten
Boden des Fasses weiter oben
Wasser ießt aus nur einem Hahn ins Fass
Geringe Empnd­lichkeit für das Auftreten einer psychischen Stö­rung
Höhere Empnd­lichkeit für das Auftreten einer psychischen Stö­rung
Wenige Belastungs­faktoren für das Auftreten einer psychischen Stö­rung
- Keine Familien­angehörigen mit psychi­schen Störungen
- Genetisch: Vater und Bru­der leiden an Schizophrenie
- Psychosozial: Zugehörig­keit zu einer ethnischen Minderheit
- Regelmäßiger, aus­reichender Schlaf
- Kein Drogenkonsum
- Keine Familien­angehörigen mit psychi­schen Störungen
- Genetisch: Mutter lei­det an bipolarer Stö­rung
- Psychosozial: hypert­hymes Temperament
- Regelmäßiger, aus­reichender Schlaf
- Kein Drogenkonsum
7.5 · Edukative Techniken: Psychoedukation
145
. Tab. 7.9 (Fortsetzung)
Abbildung Bedeutung Beispiel Schizophrenie Beispiel Manie
7
Wasser ießt
aus mehre-
ren Hähnen
ins Fass
Fluss des
Wassers aus
einem Hahn
reduzieren
Viele Belastungs­faktoren für das Auftreten einer psychischen Stö­rung
Verhaltensmodi­kation aufseiten des Patienten oder der Familie
- Nahezu täglicher Ge­brauch von Cannabis
- Psychosozial: emotionales Überengagement und feind­licher Kommunikationsstil in der Familie
- Unterstützung suchen zur Reduktion des Cannabis­konsums
- Veränderung der Kommunikationsmuster in der Familie
- Gelegentlicher Ge­brauch von Stimulan­zien bei schlechter Stimmung
- Spät ins Bett gehen, um Sorgen zu durch­denken
- Alternative Strategien zur Bewältigung schlechter Stimmung
- Auf soziale Rhythmen achten
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Digitale Interventionen (DiGA)

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© Der/die Autor(en), exklusiv lizenziert an Springer-Verlag GmbH, DE, ein Teil von Springer Nature 2025 J. P. Klein, E. M. Klein, Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie,
https://doi.org/10.1007/978-3-662-71440-9_8
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Kapitel 8 · Digitale Interventionen (DiGA)
Einige Patienten wünschen weder eine pharmakologische Behandlung noch eine Psychotherapie. Sie möchten für die Bewältigung ihrer Depression nicht so gern auf andere Menschen angewiesen sein. Diesen Menschen kann ein digitales The ra­peu ti kum in Form einer internetbasierten Selbstmanagement-Intervention (SMI) empfohlen werden. Diese zählen zu den digitalen Interventionen und basieren auf Techniken und Fertigkeiten der Psychotherapie. Diese Fertigkeiten werden aber eben nicht durch einen Psychotherapeuten vermittelt, sondern durch ein internet­basiertes Computerprogramm. Die Inhalte werden in mehreren Modulen ver­mittelt, diese enthalten neben Texten meist auch gesprochene Inhalte und Videos sowie Anregungen zum eigenständigen Üben der vermittelten Fertigkeiten. Wenn eine SMI im Verzeichnis der Digitalen Gesundheitsanwendungen (DiGA) gelistet ist, kann sie zulasten der gesetzlichen Krankenversicherung verordnet werden. Da­rü ber hinaus gibt es auch kostenlos verfügbare SMI (COGITO, ightdepression, moodgym), auch für Angehörige von Menschen mit psychischen Störungen (Fami­liencoach Depression der AOK).
SMI können vollständig selbst angeleitet angeboten werden, oder deren Nut-
zung kann durch einen Therapeuten angeleitet werden. Dieser Therapeut un ter­stützt den Patienten darin, die SMI regelmäßig zu nutzen und die darin gelernten
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Inhalte im Alltag umzusetzen. Bei DiGAs ist diese therapeutische Anleitung im Preis der DiGA enthalten und wird von dem Anbieter der DiGA durchgeführt.
Zahlreiche Studien belegen die Wirksamkeit von verschiedenen deutsch-
sprachigen Interventionen in der Behandlung depressiver Patienten (Klein etal.
2019). Möglicherweise sind die im DiGA-Verzeichnis gelisteten Interventionen wirksamer als die kostenlos verfügbaren SMI (Haaf etal. 2024). In . Tab.8.1 n­den Sie eine Übersicht der im DiGA-Verzeichnis gelisteten Anwendungen zur Be­hand lung psychischer Störungen, die in randomisierten Studien ihre Wirksamkeit gezeigt haben. Diese können sowohl von Ärzten als auch von psychologischen Psychotherapeuten verordnet werden. Die Patienten reichen diese Verordnung bei ihrer Krankenkasse oder über die E-Rezept-App ein und bekommen einen Frei­schalt code für die verordnete DiGA.Patienten können sich aber auch ohne eine Verordnung direkt an ihre Krankenkasse wenden und bekommen dann direkt einen Freischaltcode, wenn eine entsprechende Diagnose dort bereits erfasst ist.
. Tab. 8.1 Übersicht der im DiGA-Verzeichnis gelisteten Anwendungen zur Behandlung
psychischer Störungen, die in randomisierten Studien ihre Wirksamkeit gezeigt haben. *nur für Menschen zwischen 18 und 65 Jahren
Durch Therapeuten angeleitet Selbst angeleitet
Aufmerksamkeits­dezits- und Hyper­aktivitäts-Syndrom (ADHS)
attexis (PZN 20112847)* ORIKO (PZN 20053263)