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Text 13. Die deutsche Sprache. Gesprochene und geschriebene Sprache

(Hans Eggers)

Wo Menschen miteinander leben, haben sie auch eine gemeinsame Sprache. Denn damit sie zusammenwirken können, müssen sie sich durch Sprache verständigen. Soziologen haben für das Zusammenleben und -wirken den Begriff „Verkehrsgemeinschaft“ geprägt. Für die Menschen, die darin leben, ist „Kommunikation“ unerlässlich, und das erzwingt geradezu eine gemeinsame Sprache. Die eigene Familie ist die engste Verkehrs- und Sprachgemeinschaft. Aber jeder Mensch verkehrt auch in größeren Gemeinschaften, der Gemeinde, der Stadt, der Landschaft. Man hat in diesen engeren oder weiteren Gruppen viel Gemeinsames miteinander, hat die gleichen Sitten und Gebräuche, wirtschaftet nach gleichem Muster, feiert die gleichen Feste, hat überhaupt viele gemeinsame Interessen. Die Sprache wird durch diese gemeinsamen Bedürfnisse geprägt. Wer im Gebirge lebt, dem ist die Seefahrt fremd und er hat deshalb in seiner Sprache auch kaum Ausdrücke dafür, und wer an der Meeresküste wohnt, braucht sich nicht über Gemsjagd und Almwirtschaft zu verständigen. So entstehen regionale Sprachen, die von den Lebensbedingungen und Lebensformen geprägt werden. Man nennt sie „Mundarten“ oder „Dialekte“. In der Regel bleiben sie „schriftlose Sprachen“, weil das Alltagsleben keiner Schrift bedarf.

Dorf und Landschaft aber stehen in einem größeren politischen Verband; sie sind Teile eines großen Staates, in dem „Nationalsprachen“ entstanden, die sich über die einzelnen Mundarten erhoben. Dadurch wurde es notwendig, aufkommende Bedürfnisse überregional zu regeln und sie schriftlich zu fixieren.

Was gesprochen wird, ist rasch verklungen; nur das Geschriebene hat Dauer. Darum kann sich die Darstellung der Geschichte einer Sprache nur auf geschriebene Zeugnisse stützen. Nur an ihnen kann man zeigen, wie sich eine Sprache im Laufe der Jahrhunderte verändert. Das bedeutet aber auch Einschränkungen. Weil nämlich die Sprache des Alltags, die Mundart, der Niederschrift selten gewürdigt wurde, wissen wir nur wenig über die Alltagsrede jeder Zeit. In der „Schriftsprache“ erfassen wir nun eine Sprachform, die über die täglichen Bedürfnisse hinausgeht, eine Sprache, in der abstrakte Vorstellungen ausgedrückt werden, in der man philosophieren und über höchste Dinge nachdenken kann, und in der die Schriftsteller ihre Werke gestalten können.

Diesen hohen Stand haben die Kultursprachen in Ost und West längst alle erreicht. Doch steht die Einheit der Schriftsprachen fast überall nur auf dem Papier. Denn lange, bevor wir in der Schule schreiben lernen, haben wir unserer Mutter die gesprochene Sprache mit all ihren Eigenheiten abgelauscht. Damit haben wir Sprachgewohnheiten angenommen, die wir im Laufe unseres Lebens nur sehr schwer ablegen. Mag ein Deutscher immer „hochdeutsch“ reden, die meisten verraten, sobald sie den Mund aufmachen, durch die Lautbildung und vor allem die Satzmelodie, den Tonfall, aus welcher Landschaft sie stammen. Seit dem Anfang des 20. Jahrhunderts gibt es zwar genaue Vorschriften, ,,Normen“, für die „Bühnenaussprache“ oder - wie es heute heißt - die „Hochlautung“. Bislang hat es nicht viel genützt. Da aber Schauspieler und Rundfunksprecher die Norm beherrschen, ist anzunehmen, dass auch die hochdeutsche Aussprache allmählich so einheitlich werden kann, wie es die Schrift längst ist.

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