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Die Traumdeutung

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DIE TRAUMDEUTUNG
welche Macht gehalten, stehen blieb, und so stimmen die bei­den Stücke dann schlecht zueinander. Wir besitzen ein inter­essantes Zeugnis dafür, daß der Traum in seiner durch Wun­scherfüllung partiell entstellten Form das richtige Verständnis nicht gefunden hat. Er ist nämlich die Grundlage eines Mär­chens geworden, welches uns allen in der Andersenschen Fas-
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sung
bekannt ist, und in der jüngsten Zeit durch L. Fulda im "Talisman" poetischer Verwertung zugeführt worden ist. Im Andersenschen Märchen wird von zwei Betrügern erzählt, die für den Kaiser ein kostbares Gewand weben, das aber nur den Guten und Treuen sichtbar sein soll. Der Kaiser geht mit diesem unsichtbaren Gewand bekleidet aus, und durch die prüfsteinartige Kraft des Gewebes erschreckt, tun alle Leute, als ob sie die Nacktheit des Kaisers nicht merkten.
Letzteres ist aber die Situation unseres Traumes. Es gehört wohl nicht viel Kühnheit dazu, anzunehmen, daß der unver­ständliche Trauminhalt eine Anregung gegeben hat, um eine Einkleidung zu erfinden, in welcher die vor der Erinnerung stehende Situation sinnreich wird. Dieselbe ist dabei ihrer ur­sprünglichen Bedeutung beraubt und fremden Zwecken dienstbar gemacht worden. Aber wir werden hören, daß sol­ches Mißverständnis des Trauminhaltes durch die bewußte Denktätigkeit eines zweiten psychischen Systems häufig vor­kommt und als ein Faktor für die endgültige Traumgestaltung anzuerkennen ist, ferner daß bei der Bildung von Zwangsvor­stellungen und Phobien ähnliche Mißverständnisse – gleich­falls innerhalb der nämlichen psychischen Persönlichkeit – eine Hauptrolle spielen. Es läßt sich auch für unseren Traum angeben, woher das Material für die Umdeutung genommen
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wird. Der Betrüger ist der Traum, der Kaiser der Träumer selbst, und die moralisierende Tendenz verrät eine dunkle Kenntnis davon, daß es sich im latenten Trauminhalte um un­erlaubte, der Verdrängung geopferte Wünsche handelt. Der Zusammenhang, in welchem solche Träume während meiner Analysen bei Neurotikern auftreten, läßt nämlich keinen Zweifel darüber, daß dem Traume eine Erinnerung aus der frühesten Kindheit zu grunde liegt. Nur in unserer Kindheit gab es die Zeit, daß wir in mangelhafter Bekleidung von unse­ren Angehörigen wie von fremden Pflegepersonen, Dienst­mädchen, Besuchern gesehen wurden, und wir haben uns da-
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mals unserer Nacktheit nicht geschämt
. An vielen Kindern kann man noch in späteren Jahren beobachten, daß ihre Ent­kleidung wie berauschend auf sie wirkt, anstatt sie zur Scham zu leiten. Sie lachen, springen herum, schlagen sich auf den Leib, die Mutter oder wer dabei ist, verweist es ihnen, sagt: Pfui, das ist eine Schande, das darf man nicht. Die Kinder zeigen häufig Exhibitionsgelüste; man kann kaum durch ein Dorf in unseren Gegenden gehen, ohne daß man einem zwei- bis drei­jährigen Kleinen begegnete, welches vor dem Wanderer, viel­leicht ihm zu Ehren, sein Hemdchen hochhebt. Einer meiner Patienten hat in seiner bewußten Erinnerung eine Szene aus seinem achten Lebensjahre bewahrt, wie er nach der Entklei­dung vor dem Schlafengehen im Hemde zu seiner kleinen Schwester im nächsten Zimmer hinaustanzen will, und wie die dienende Person es ihm verwehrt. In der Jugendgeschichte von Neurotikern spielt die Entblößung vor Kindern des ande­ren Geschlechtes eine große Rolle; in der Paranoia ist der Wahn, beim An- und Auskleiden beobachtet zu werden, auf
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diese Erlebnisse zurückzuführen; unter den pervers Gebliebe­nen ist eine Klasse, bei denen der infantile Impuls zum Zwang erhoben worden ist, die der Exhibitionisten.
Der Nacktheitstraum als Exhibitionstraum aufzuklären.
Diese der Scham entbehrende Kindheit erscheint unserer Rückschau später als ein Paradies, und das Paradies selbst ist nichts anderes als die Massenphantasie von der Kindheit des einzelnen. Darum sind auch im Paradies die Menschen nackt und schämen sich nicht voreinander, bis ein Moment kommt, in dem die Scham und die Angst erwachen, die Vertreibung erfolgt, das Geschlechtsleben und die Kulturarbeit beginnt. In dieses Paradies kann uns nun der Traum allnächtlich zu­rückführen; wir haben bereits der Vermutung Ausdruck ge­geben, daß die Eindrücke aus der ersten Kindheit (der prähis­torischen Periode bis etwa zum vollendeten vierten Jahre) an und für sich, vielleicht ohne daß es auf ihren Inhalt weiter ankäme, nach Reproduktion verlangen, daß deren Wiederho­lung eine Wunscherfüllung ist. Die Nacktheitsträume sind also Exhibitionsträume
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.
Den Kern des Exhibitionstraumes bildet die eigene Ge­stalt, die nicht als die eines Kindes, sondern wie in der Gegen­wart gesehen wird, und die mangelhafte Bekleidung, welche durch die Überlagerung so vieler späterer Negligéerinnerun­gen oder der Zensur zuliebe undeutlich ausfällt; dazu kom­men nun die Personen, vor denen man sich schämt. Ich kenne kein Beispiel, daß die tatsächlichen Zuschauer bei jenen in­fantilen Exhibitionen im Traume wieder auftreten. Der Traum ist eben fast niemals eine einfache Erinnerung. Merk­würdigerweise werden jene Personen, denen unser sexuelles
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Interesse in der Kindheit galt, in allen Reproduktionen des Traumes, der Hysterie und der Zwangsneurose ausgelassen; erst die Paranoia setzt die Zuschauer wieder ein und schließt, obwohl sie unsichtbar geblieben sind, mit fanatischer Über­zeugung auf ihre Gegenwart. Was der Traum für sie einsetzt, "viele fremde Leute", die sich nicht um das gebotene Schau­spiel kümmern, ist geradezu der Wunschgegensatz zu jener einzelnen, wohlvertrauten Person, der man die Entblößung bot. "Viele fremde Leute" finden sich in Träumen übrigens auch häufig in beliebigem anderen Zusammenhang; sie be-
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deuten immer als Wunschgegensatz "Geheimnis"
. Man merkt, wie auch die Restitution des alten Sachverhaltes, die in der Paranoia vor sich geht, diesem Gegensatze Rechnung trägt. Man ist nicht mehr allein, man wird ganz gewiß beob­achtet, aber die Beobachter sind "viele, fremde, merkwürdig unbestimmt gelassene Leute".
Außerdem kommt im Exhibitionstraume die Verdrän­gung zur Sprache. Die peinliche Empfindung des Traumes ist ja die Reaktion des zweiten psychischen Systems dagegen, daß der von ihr verworfene Inhalt der Exhibitionsszene dennoch zur Vorstellung gelangt ist. Um sie zu ersparen, hätte die Sze­ne nicht wieder belebt werden dürfen.
Von der Empfindung des Gehemmtseins werden wir spä­ter nochmals handeln. Sie dient im Traume vortrefflich dazu, den Willenskonflikt, das Nein, darzustellen. Nach der unbe­wußten Absicht soll die Exhibition fortgesetzt, nach der For­derung der Zensur unterbrochen werden.
Die Beziehungen unserer typischen Träume zu den Mär­chen und anderen Dichtungsstoffen sind gewiß weder ver-
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einzelte noch zufällige. Gelegentlich hat ein scharfes Dichter­auge den Umwandlungsprozeß, dessen Werkzeug sonst der Dichter ist, analytisch erkannt und ihn in umgekehrter Rich­tung verfolgt, also die Dichtung auf den Traum zurückge­führt. Ein Freund macht mich auf folgende Stelle aus G. Kel­lers "Grünem Heinrich" aufmerksam: "Ich wünsche Ihnen nicht, lieber Lee, daß Sie jemals die ausgesuchte pikante Wahrheit in der Lage des Odysseus, wo er nackt und mit Schlamm bedeckt vor Nausikaa und ihren Gespielen er­scheint, so recht aus Erfahrung empfinden lernen! Wollen Sie wissen, wie das zugeht? Halten wir das Beispiel einmal fest. Wenn Sie einst getrennt von Ihrer Heimat und allem, was Ih­nen lieb ist, in der Fremde umherschweifen und Sie haben viel gesehen und viel erfahren, haben Kummer und Sorge, sind wohl gar elend und verlassen, so wird es Ihnen des Nachts unfehlbar träumen, daß Sie sich Ihrer Heimat nähern; Sie sehen sie glänzen und leuchten in den schönsten Farben, holde, feine und liebe Gestalten treten Ihnen entgegen; da entdecken Sie plötzlich, daß Sie zerfetzt, nackt und staubbe­deckt umhergehen. Eine namenlose Scham und Angst faßt Sie, Sie suchen sich zu bedecken, zu verbergen und erwachen im Schweiße gebadet. Dies ist, solange es Menschen gibt, der Traum des kummervollen, umhergeworfenen Mannes, und so hat Homer jene Lage aus dem tiefsten und ewigen Wesen der Menschheit herausgenommen."
Das tiefste und ewige Wesen der Menschen, auf dessen Er­weckung der Dichter in der Regel bei seinen Hörern baut, das sind jene Regungen des Seelenlebens, die in der später prähis­torisch gewordenen Kinderzeit wurzeln. Hinter den bewußt-
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seinsfähigen und einwandfreien Wünschen des Heimatlosen brechen im Traume die unterdrückten und unerlaubt gewor­denen Kinderwünsche hervor, und darum schlägt der Traum, den die Sage von der Nausikaa objektiviert, regelmäßig in ei­nen Angsttraum um.
Mein eigener, auf p. 179 erwähnter Traum von dem Eilen über die Treppe, das sich bald nachher in ein An-den-Stufen­Kleben verwandelt, ist gleichfalls ein Exhibitionstraum, da er die wesentlichen Bestandstücke eines solchen aufweist. Er müßte sich also auf Kindererlebnisse zurückführen lassen, und die Kenntnis derselben müßte einen Aufschluß darüber geben, inwiefern das Benehmen des Dienstmädchens gegen mich, ihr Vorwurf, daß ich den Teppich schmutzig gemacht habe, ihr zur Stellung verhilft, die sie im Traume einnimmt. Ich kann die gewünschten Aufklärungen nun wirklich bei­bringen. In einer Psychoanalyse lernt man die zeitliche Annä­herung auf sachlichen Zusammenhang umdeuten; zwei Ge­danken, die, anscheinend zusammenhangslos, unmittelbar aufeinanderfolgen, gehören zu einer Einheit, die zu erraten ist, ebenso wie ein a und ein b, die ich nebeneinander hin­schreibe, als eine Silbe: ab, ausgesprochen werden sollen. Ähnlich mit der Aufeinanderbeziehung der Träume. Der er­wähnte Traum von der Treppe ist aus einer Traumreihe her­ausgegriffen, deren andere Glieder mir der Deutung nach be­kannt sind. Der von ihnen eingeschlossene Traum muß in denselben Zusammenhang gehören. Nun liegt jenen anderen einschließenden Träumen die Erinnerung an eine Kinderfrau zu grunde, die mich von irgend einem Termin der Säuglings­zeit bis zum Alter von 2½ Jahren betreut hat, von der mir
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auch eine dunkle Erinnerung im Bewußtsein geblieben ist. Nach den Auskünften, die ich unlängst von meiner Mutter eingeholt habe, war sie alt und häßlich, aber sehr klug und tüchtig; nach den Schlüssen, die ich aus meinen Träumen zie­hen darf, hat sie mir nicht immer die liebevollste Behandlung angedeihen und mich harte Worte hören lassen, wenn ich der Erziehung zur Reinlichkeit kein genügendes Verständnis entgegenbrachte. Indem also das Dienstmädchen dieses Er­ziehungswerk fortzusetzen sich bemüht, erwirbt sie den An­spruch, von mir als Inkarnation der prähistorischen Alten im Traume behandelt zu werden. Es ist wohl anzunehmen, daß das Kind dieser Erzieherin, trotz ihrer schlechten Behand-
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lung, seine Liebe geschenkt hat
.
β) Die Träume vom Tod teurer Personen.
Eine andere Reihe von Träumen, die typisch genannt wer­den dürfen, sind die mit dem Inhalte, daß ein teurer Ver­wandter, Eltern oder Geschwister, Kinder usw. gestorben ist. Man muß sofort von diesen Träumen zwei Klassen unter­scheiden, die einen, bei welchen man im Traume von Trauer unberührt bleibt, so daß man sich nach dem Erwachen über seine Gefühllosigkeit wundert, die anderen, bei denen man tiefen Schmerz über den Todesfall empfindet, ja ihn selbst in heißen Tränen während des Schlafes äußert.
Die Träume der ersten Gruppe dürfen wir bei Seite lassen; sie haben keinen Anspruch, als typisch zu gelten. Wenn man sie analysiert, findet man, daß sie etwas anderes bedeuten als sie enthalten, daß sie dazu bestimmt sind, irgend einen ande­ren Wunsch zu verdecken. So der Traum der Tante, die den einzigen Sohn ihrer Schwester aufgebahrt vor sich
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sieht (p. 116). Das bedeutet nicht, daß sie dem kleinen Neffen den Tod wünscht, sondern verbirgt nur, wie wir erfahren ha­ben, den Wunsch, eine gewisse geliebte Person nach langer Entbehrung wieder zu sehen, dieselbe, die sie früher einmal nach ähnlich langer Pause bei der Leiche eines anderen Neffen wiedergesehen hat. Dieser Wunsch, welcher der eigentliche Inhalt des Traumes ist, gibt keinen Anlaß zur Trauer, und dar­um wird auch im Traume keine Trauer verspürt. Man merkt es hier, daß die im Traume enthaltene Empfindung nicht zum manifesten Trauminhalt gehört, sondern zum latenten, daß der Affektinhalt des Traumes von der Entstellung frei geblie­ben ist, welche den Vorstellungsinhalt betroffen hat.
Anders die Träume, in denen der Tod einer geliebten ver­wandten Person vorgestellt und dabei schmerzlicher Affekt verspürt wird. Diese bedeuten, was ihr Inhalt besagt, den Wunsch, daß die betreffende Person sterben möge, und da ich hier erwarten darf, daß sich die Gefühle aller Leser und aller Personen, die Ähnliches geträumt haben, gegen meine Ausle­gung sträuben werden, muß ich den Beweis auf der breitesten Basis anstreben.
Wir haben bereits einen Traum erläutert, aus dem wir ler­nen konnten, daß die Wünsche, welche sich in Träumen als erfüllt darstellen, nicht immer aktuelle Wünsche sind. Es können auch verflossene, abgetane, überlagerte und ver­drängte Wünsche sein, denen wir nur wegen ihres Wieder­auftauchens im Traume doch eine Art von Fortexistenz zu­sprechen müssen. Sie sind nicht tot wie die Verstorbenen nach unserem Begriffe, sondern wie die Schatten der Odyssee, die, sobald sie Blut getrunken haben, zu einem gewissen Le-
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ben erwachen. In jenem Traume vom toten Kinde in der Schachtel (p. 118) handelte es sich um einen Wunsch, der vor 15 Jahren aktuell war und von damals her unumwunden ein­gestanden wurde. Es ist vielleicht für die Theorie des Traumes nicht gleichgültig, wenn ich hinzufüge, daß selbst diesem Wunsche eine Erinnerung aus der frühesten Kindheit zu grunde liegt. Die Träumerin hat als kleines Kind – wann, ist nicht sicher festzustellen – gehört, daß ihre Mutter in der Schwangerschaft, deren Frucht sie wurde, in eine schwere Verstimmung verfallen war und dem Kinde in ihrem Leibe sehnlichst den Tod gewünscht hatte. Selbst erwachsen und gravid geworden, folgte sie nur dem Beispiele der Mutter.
Wenn jemand unter Schmerzensäußerungen davon träumt, sein Vater oder seine Mutter, Bruder oder Schwester seien gestorben, so werde ich diesen Traum niemals als Be­weis dafür verwenden, daß er ihnen jetzt den Tod wünscht. Die Theorie des Traumes fordert nicht so viel; sie begnügt sich zu schließen, daß er ihnen – irgend einmal in der Kind­heit – den Tod gewünscht habe. Ich fürchte aber, diese Ein­schränkung wird noch wenig zur Beruhigung der Beschwer­deführer beitragen; diese dürften ebenso energisch die Möglichkeit bestreiten, daß sie je so gedacht haben, wie sie sich sicher fühlen, nicht in der Gegenwart solche Wünsche zu hegen. Ich muß darum ein Stück vom untergegangenen Kinderseelenleben nach den Zeugnissen, die noch die Ge-
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genwart aufweist, wieder herstellen
. Die Feindseligkeit des Kindes gegen Geschwister. Fassen wir zunächst das Verhältnis der Kinder zu ihren
Geschwistern ins Auge. Ich weiß nicht, warum wir vorausset-
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zen, es müsse ein liebevolles sein, da doch die Beispiele von Geschwisterfeindschaft unter Erwachsenen in der Erfahrung eines jeden sich drängen, und wir so oft feststellen können, diese Entzweiung rühre noch aus der Kindheit her, oder habe von jeher bestanden. Aber auch sehr viele Erwachsene, die heute an ihren Geschwistern zärtlich hängen und ihnen bei­stehen, haben in ihrer Kindheit in kaum unterbrochener Feindschaft mit ihnen gelebt. Das ältere Kind hat das jüngere mißhandelt, angeschwärzt, es seiner Spielsachen beraubt; das jüngere hat sich in ohnmächtiger Wut gegen das ältere ver­zehrt, es beneidet und gefürchtet, oder seine ersten Regungen von Freiheitsdrang und Rechtsbewußtsein haben sich gegen den Unterdrücker gewendet. Die Eltern sagen, die Kinder vertragen sich nicht, und wissen den Grund hiefür nicht zu finden. Es ist nicht schwer zu sehen, daß der Charakter auch des braven Kindes ein anderer ist, als wir ihn bei einem Er­wachsenen zu finden wünschen. Das Kind ist absolut egois­tisch, es empfindet seine Bedürfnisse intensiv und strebt rück­sichtslos nach ihrer Befriedigung, insbesondere gegen seine Mitbewerber, andere Kinder, und in erster Linie gegen seine Geschwister. Wir heißen das Kind aber darum nicht "schlecht", wir heißen es "schlimm"; es ist unverantwortlich für seine bösen Taten vor unserem Urteil wie vor dem Straf­gesetz. Und das mit Recht; denn wir dürfen erwarten, daß noch innerhalb von Lebenszeiten, die wir der Kindheit zu­rechnen, in dem kleinen Egoisten die altruistischen Regun­gen und die Moral erwachen werden, daß, mit Meynert zu re­den, ein sekundäres Ich das primäre überlagern und hemmen wird. Wohl entsteht die Moralität nicht gleichzeitig auf der
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