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Файл:Die Traumdeutung
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DIE TRAUMDEUTUNG
welche Macht gehalten, stehen blieb, und so stimmen die beiden Stücke dann schlecht zueinander. Wir besitzen ein interessantes Zeugnis dafür, daß der Traum in seiner durch Wunscherfüllung partiell entstellten Form das richtige Verständnis
nicht gefunden hat. Er ist nämlich die Grundlage eines Märchens geworden, welches uns allen in der Andersenschen Fas-
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sung
bekannt ist, und in der jüngsten Zeit durch L. Fulda
im "Talisman" poetischer Verwertung zugeführt worden ist.
Im Andersenschen Märchen wird von zwei Betrügern erzählt,
die für den Kaiser ein kostbares Gewand weben, das aber nur
den Guten und Treuen sichtbar sein soll. Der Kaiser geht mit
diesem unsichtbaren Gewand bekleidet aus, und durch die
prüfsteinartige Kraft des Gewebes erschreckt, tun alle Leute,
als ob sie die Nacktheit des Kaisers nicht merkten.
Letzteres ist aber die Situation unseres Traumes. Es gehört
wohl nicht viel Kühnheit dazu, anzunehmen, daß der unverständliche Trauminhalt eine Anregung gegeben hat, um eine
Einkleidung zu erfinden, in welcher die vor der Erinnerung
stehende Situation sinnreich wird. Dieselbe ist dabei ihrer ursprünglichen Bedeutung beraubt und fremden Zwecken
dienstbar gemacht worden. Aber wir werden hören, daß solches Mißverständnis des Trauminhaltes durch die bewußte
Denktätigkeit eines zweiten psychischen Systems häufig vorkommt und als ein Faktor für die endgültige Traumgestaltung
anzuerkennen ist, ferner daß bei der Bildung von Zwangsvorstellungen und Phobien ähnliche Mißverständnisse – gleichfalls innerhalb der nämlichen psychischen Persönlichkeit –
eine Hauptrolle spielen. Es läßt sich auch für unseren Traum
angeben, woher das Material für die Umdeutung genommen
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SIGMUND FREUD
wird. Der Betrüger ist der Traum, der Kaiser der Träumer
selbst, und die moralisierende Tendenz verrät eine dunkle
Kenntnis davon, daß es sich im latenten Trauminhalte um unerlaubte, der Verdrängung geopferte Wünsche handelt. Der
Zusammenhang, in welchem solche Träume während meiner
Analysen bei Neurotikern auftreten, läßt nämlich keinen
Zweifel darüber, daß dem Traume eine Erinnerung aus der
frühesten Kindheit zu grunde liegt. Nur in unserer Kindheit
gab es die Zeit, daß wir in mangelhafter Bekleidung von unseren Angehörigen wie von fremden Pflegepersonen, Dienstmädchen, Besuchern gesehen wurden, und wir haben uns da-
(85)
mals unserer Nacktheit nicht geschämt
. An vielen Kindern
kann man noch in späteren Jahren beobachten, daß ihre Entkleidung wie berauschend auf sie wirkt, anstatt sie zur Scham
zu leiten. Sie lachen, springen herum, schlagen sich auf den
Leib, die Mutter oder wer dabei ist, verweist es ihnen, sagt: Pfui,
das ist eine Schande, das darf man nicht. Die Kinder zeigen
häufig Exhibitionsgelüste; man kann kaum durch ein Dorf in
unseren Gegenden gehen, ohne daß man einem zwei- bis dreijährigen Kleinen begegnete, welches vor dem Wanderer, vielleicht ihm zu Ehren, sein Hemdchen hochhebt. Einer meiner
Patienten hat in seiner bewußten Erinnerung eine Szene aus
seinem achten Lebensjahre bewahrt, wie er nach der Entkleidung vor dem Schlafengehen im Hemde zu seiner kleinen
Schwester im nächsten Zimmer hinaustanzen will, und wie
die dienende Person es ihm verwehrt. In der Jugendgeschichte
von Neurotikern spielt die Entblößung vor Kindern des anderen Geschlechtes eine große Rolle; in der Paranoia ist der
Wahn, beim An- und Auskleiden beobachtet zu werden, auf
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diese Erlebnisse zurückzuführen; unter den pervers Gebliebenen ist eine Klasse, bei denen der infantile Impuls zum Zwang
erhoben worden ist, die der Exhibitionisten.
Der Nacktheitstraum als Exhibitionstraum aufzuklären.
Diese der Scham entbehrende Kindheit erscheint unserer
Rückschau später als ein Paradies, und das Paradies selbst ist
nichts anderes als die Massenphantasie von der Kindheit des
einzelnen. Darum sind auch im Paradies die Menschen nackt
und schämen sich nicht voreinander, bis ein Moment kommt,
in dem die Scham und die Angst erwachen, die Vertreibung
erfolgt, das Geschlechtsleben und die Kulturarbeit beginnt.
In dieses Paradies kann uns nun der Traum allnächtlich zurückführen; wir haben bereits der Vermutung Ausdruck gegeben, daß die Eindrücke aus der ersten Kindheit (der prähistorischen Periode bis etwa zum vollendeten vierten Jahre) an
und für sich, vielleicht ohne daß es auf ihren Inhalt weiter
ankäme, nach Reproduktion verlangen, daß deren Wiederholung eine Wunscherfüllung ist. Die Nacktheitsträume sind
also Exhibitionsträume
(86)
.
Den Kern des Exhibitionstraumes bildet die eigene Gestalt, die nicht als die eines Kindes, sondern wie in der Gegenwart gesehen wird, und die mangelhafte Bekleidung, welche
durch die Überlagerung so vieler späterer Negligéerinnerungen oder der Zensur zuliebe undeutlich ausfällt; dazu kommen nun die Personen, vor denen man sich schämt. Ich kenne
kein Beispiel, daß die tatsächlichen Zuschauer bei jenen infantilen Exhibitionen im Traume wieder auftreten. Der
Traum ist eben fast niemals eine einfache Erinnerung. Merkwürdigerweise werden jene Personen, denen unser sexuelles
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Interesse in der Kindheit galt, in allen Reproduktionen des
Traumes, der Hysterie und der Zwangsneurose ausgelassen;
erst die Paranoia setzt die Zuschauer wieder ein und schließt,
obwohl sie unsichtbar geblieben sind, mit fanatischer Überzeugung auf ihre Gegenwart. Was der Traum für sie einsetzt,
"viele fremde Leute", die sich nicht um das gebotene Schauspiel kümmern, ist geradezu der Wunschgegensatz zu jener
einzelnen, wohlvertrauten Person, der man die Entblößung
bot. "Viele fremde Leute" finden sich in Träumen übrigens
auch häufig in beliebigem anderen Zusammenhang; sie be-
(87)
deuten immer als Wunschgegensatz "Geheimnis"
. Man
merkt, wie auch die Restitution des alten Sachverhaltes, die in
der Paranoia vor sich geht, diesem Gegensatze Rechnung
trägt. Man ist nicht mehr allein, man wird ganz gewiß beobachtet, aber die Beobachter sind "viele, fremde, merkwürdig
unbestimmt gelassene Leute".
Außerdem kommt im Exhibitionstraume die Verdrängung zur Sprache. Die peinliche Empfindung des Traumes ist
ja die Reaktion des zweiten psychischen Systems dagegen, daß
der von ihr verworfene Inhalt der Exhibitionsszene dennoch
zur Vorstellung gelangt ist. Um sie zu ersparen, hätte die Szene nicht wieder belebt werden dürfen.
Von der Empfindung des Gehemmtseins werden wir später nochmals handeln. Sie dient im Traume vortrefflich dazu,
den Willenskonflikt, das Nein, darzustellen. Nach der unbewußten Absicht soll die Exhibition fortgesetzt, nach der Forderung der Zensur unterbrochen werden.
Die Beziehungen unserer typischen Träume zu den Märchen und anderen Dichtungsstoffen sind gewiß weder ver-
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einzelte noch zufällige. Gelegentlich hat ein scharfes Dichterauge den Umwandlungsprozeß, dessen Werkzeug sonst der
Dichter ist, analytisch erkannt und ihn in umgekehrter Richtung verfolgt, also die Dichtung auf den Traum zurückgeführt. Ein Freund macht mich auf folgende Stelle aus G. Kellers "Grünem Heinrich" aufmerksam: "Ich wünsche Ihnen
nicht, lieber Lee, daß Sie jemals die ausgesuchte pikante
Wahrheit in der Lage des Odysseus, wo er nackt und mit
Schlamm bedeckt vor Nausikaa und ihren Gespielen erscheint, so recht aus Erfahrung empfinden lernen! Wollen Sie
wissen, wie das zugeht? Halten wir das Beispiel einmal fest.
Wenn Sie einst getrennt von Ihrer Heimat und allem, was Ihnen lieb ist, in der Fremde umherschweifen und Sie haben
viel gesehen und viel erfahren, haben Kummer und Sorge,
sind wohl gar elend und verlassen, so wird es Ihnen des
Nachts unfehlbar träumen, daß Sie sich Ihrer Heimat nähern;
Sie sehen sie glänzen und leuchten in den schönsten Farben,
holde, feine und liebe Gestalten treten Ihnen entgegen; da
entdecken Sie plötzlich, daß Sie zerfetzt, nackt und staubbedeckt umhergehen. Eine namenlose Scham und Angst faßt
Sie, Sie suchen sich zu bedecken, zu verbergen und erwachen
im Schweiße gebadet. Dies ist, solange es Menschen gibt, der
Traum des kummervollen, umhergeworfenen Mannes, und so
hat Homer jene Lage aus dem tiefsten und ewigen Wesen der
Menschheit herausgenommen."
Das tiefste und ewige Wesen der Menschen, auf dessen Erweckung der Dichter in der Regel bei seinen Hörern baut, das
sind jene Regungen des Seelenlebens, die in der später prähistorisch gewordenen Kinderzeit wurzeln. Hinter den bewußt-
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seinsfähigen und einwandfreien Wünschen des Heimatlosen
brechen im Traume die unterdrückten und unerlaubt gewordenen Kinderwünsche hervor, und darum schlägt der Traum,
den die Sage von der Nausikaa objektiviert, regelmäßig in einen Angsttraum um.
Mein eigener, auf p. 179 erwähnter Traum von dem Eilen
über die Treppe, das sich bald nachher in ein An-den-StufenKleben verwandelt, ist gleichfalls ein Exhibitionstraum, da er
die wesentlichen Bestandstücke eines solchen aufweist. Er
müßte sich also auf Kindererlebnisse zurückführen lassen,
und die Kenntnis derselben müßte einen Aufschluß darüber
geben, inwiefern das Benehmen des Dienstmädchens gegen
mich, ihr Vorwurf, daß ich den Teppich schmutzig gemacht
habe, ihr zur Stellung verhilft, die sie im Traume einnimmt.
Ich kann die gewünschten Aufklärungen nun wirklich beibringen. In einer Psychoanalyse lernt man die zeitliche Annäherung auf sachlichen Zusammenhang umdeuten; zwei Gedanken, die, anscheinend zusammenhangslos, unmittelbar
aufeinanderfolgen, gehören zu einer Einheit, die zu erraten
ist, ebenso wie ein a und ein b, die ich nebeneinander hinschreibe, als eine Silbe: ab, ausgesprochen werden sollen.
Ähnlich mit der Aufeinanderbeziehung der Träume. Der erwähnte Traum von der Treppe ist aus einer Traumreihe herausgegriffen, deren andere Glieder mir der Deutung nach bekannt sind. Der von ihnen eingeschlossene Traum muß in
denselben Zusammenhang gehören. Nun liegt jenen anderen
einschließenden Träumen die Erinnerung an eine Kinderfrau
zu grunde, die mich von irgend einem Termin der Säuglingszeit bis zum Alter von 2½ Jahren betreut hat, von der mir
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auch eine dunkle Erinnerung im Bewußtsein geblieben ist.
Nach den Auskünften, die ich unlängst von meiner Mutter
eingeholt habe, war sie alt und häßlich, aber sehr klug und
tüchtig; nach den Schlüssen, die ich aus meinen Träumen ziehen darf, hat sie mir nicht immer die liebevollste Behandlung
angedeihen und mich harte Worte hören lassen, wenn ich
der Erziehung zur Reinlichkeit kein genügendes Verständnis
entgegenbrachte. Indem also das Dienstmädchen dieses Erziehungswerk fortzusetzen sich bemüht, erwirbt sie den Anspruch, von mir als Inkarnation der prähistorischen Alten im
Traume behandelt zu werden. Es ist wohl anzunehmen, daß
das Kind dieser Erzieherin, trotz ihrer schlechten Behand-
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lung, seine Liebe geschenkt hat
.
β) Die Träume vom Tod teurer Personen.
Eine andere Reihe von Träumen, die typisch genannt werden dürfen, sind die mit dem Inhalte, daß ein teurer Verwandter, Eltern oder Geschwister, Kinder usw. gestorben ist.
Man muß sofort von diesen Träumen zwei Klassen unterscheiden, die einen, bei welchen man im Traume von Trauer
unberührt bleibt, so daß man sich nach dem Erwachen über
seine Gefühllosigkeit wundert, die anderen, bei denen man
tiefen Schmerz über den Todesfall empfindet, ja ihn selbst in
heißen Tränen während des Schlafes äußert.
Die Träume der ersten Gruppe dürfen wir bei Seite lassen;
sie haben keinen Anspruch, als typisch zu gelten. Wenn man
sie analysiert, findet man, daß sie etwas anderes bedeuten als
sie enthalten, daß sie dazu bestimmt sind, irgend einen anderen Wunsch zu verdecken. So der Traum der Tante, die den
einzigen Sohn ihrer Schwester aufgebahrt vor sich
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SIGMUND FREUD
sieht (p. 116). Das bedeutet nicht, daß sie dem kleinen Neffen
den Tod wünscht, sondern verbirgt nur, wie wir erfahren haben, den Wunsch, eine gewisse geliebte Person nach langer
Entbehrung wieder zu sehen, dieselbe, die sie früher einmal
nach ähnlich langer Pause bei der Leiche eines anderen Neffen
wiedergesehen hat. Dieser Wunsch, welcher der eigentliche
Inhalt des Traumes ist, gibt keinen Anlaß zur Trauer, und darum wird auch im Traume keine Trauer verspürt. Man merkt es
hier, daß die im Traume enthaltene Empfindung nicht zum
manifesten Trauminhalt gehört, sondern zum latenten, daß
der Affektinhalt des Traumes von der Entstellung frei geblieben ist, welche den Vorstellungsinhalt betroffen hat.
Anders die Träume, in denen der Tod einer geliebten verwandten Person vorgestellt und dabei schmerzlicher Affekt
verspürt wird. Diese bedeuten, was ihr Inhalt besagt, den
Wunsch, daß die betreffende Person sterben möge, und da ich
hier erwarten darf, daß sich die Gefühle aller Leser und aller
Personen, die Ähnliches geträumt haben, gegen meine Auslegung sträuben werden, muß ich den Beweis auf der breitesten
Basis anstreben.
Wir haben bereits einen Traum erläutert, aus dem wir lernen konnten, daß die Wünsche, welche sich in Träumen als
erfüllt darstellen, nicht immer aktuelle Wünsche sind. Es
können auch verflossene, abgetane, überlagerte und verdrängte Wünsche sein, denen wir nur wegen ihres Wiederauftauchens im Traume doch eine Art von Fortexistenz zusprechen müssen. Sie sind nicht tot wie die Verstorbenen
nach unserem Begriffe, sondern wie die Schatten der Odyssee,
die, sobald sie Blut getrunken haben, zu einem gewissen Le-
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ben erwachen. In jenem Traume vom toten Kinde in der
Schachtel (p. 118) handelte es sich um einen Wunsch, der vor
15 Jahren aktuell war und von damals her unumwunden eingestanden wurde. Es ist vielleicht für die Theorie des Traumes
nicht gleichgültig, wenn ich hinzufüge, daß selbst diesem
Wunsche eine Erinnerung aus der frühesten Kindheit zu
grunde liegt. Die Träumerin hat als kleines Kind – wann, ist
nicht sicher festzustellen – gehört, daß ihre Mutter in der
Schwangerschaft, deren Frucht sie wurde, in eine schwere
Verstimmung verfallen war und dem Kinde in ihrem Leibe
sehnlichst den Tod gewünscht hatte. Selbst erwachsen und
gravid geworden, folgte sie nur dem Beispiele der Mutter.
Wenn jemand unter Schmerzensäußerungen davon
träumt, sein Vater oder seine Mutter, Bruder oder Schwester
seien gestorben, so werde ich diesen Traum niemals als Beweis dafür verwenden, daß er ihnen jetzt den Tod wünscht.
Die Theorie des Traumes fordert nicht so viel; sie begnügt
sich zu schließen, daß er ihnen – irgend einmal in der Kindheit – den Tod gewünscht habe. Ich fürchte aber, diese Einschränkung wird noch wenig zur Beruhigung der Beschwerdeführer beitragen; diese dürften ebenso energisch die
Möglichkeit bestreiten, daß sie je so gedacht haben, wie sie
sich sicher fühlen, nicht in der Gegenwart solche Wünsche
zu hegen. Ich muß darum ein Stück vom untergegangenen
Kinderseelenleben nach den Zeugnissen, die noch die Ge-
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genwart aufweist, wieder herstellen
.
Die Feindseligkeit des Kindes gegen Geschwister.
Fassen wir zunächst das Verhältnis der Kinder zu ihren
Geschwistern ins Auge. Ich weiß nicht, warum wir vorausset-
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zen, es müsse ein liebevolles sein, da doch die Beispiele von
Geschwisterfeindschaft unter Erwachsenen in der Erfahrung
eines jeden sich drängen, und wir so oft feststellen können,
diese Entzweiung rühre noch aus der Kindheit her, oder habe
von jeher bestanden. Aber auch sehr viele Erwachsene, die
heute an ihren Geschwistern zärtlich hängen und ihnen beistehen, haben in ihrer Kindheit in kaum unterbrochener
Feindschaft mit ihnen gelebt. Das ältere Kind hat das jüngere
mißhandelt, angeschwärzt, es seiner Spielsachen beraubt; das
jüngere hat sich in ohnmächtiger Wut gegen das ältere verzehrt, es beneidet und gefürchtet, oder seine ersten Regungen
von Freiheitsdrang und Rechtsbewußtsein haben sich gegen
den Unterdrücker gewendet. Die Eltern sagen, die Kinder
vertragen sich nicht, und wissen den Grund hiefür nicht zu
finden. Es ist nicht schwer zu sehen, daß der Charakter auch
des braven Kindes ein anderer ist, als wir ihn bei einem Erwachsenen zu finden wünschen. Das Kind ist absolut egoistisch, es empfindet seine Bedürfnisse intensiv und strebt rücksichtslos nach ihrer Befriedigung, insbesondere gegen seine
Mitbewerber, andere Kinder, und in erster Linie gegen seine
Geschwister. Wir heißen das Kind aber darum nicht
"schlecht", wir heißen es "schlimm"; es ist unverantwortlich
für seine bösen Taten vor unserem Urteil wie vor dem Strafgesetz. Und das mit Recht; denn wir dürfen erwarten, daß
noch innerhalb von Lebenszeiten, die wir der Kindheit zurechnen, in dem kleinen Egoisten die altruistischen Regungen und die Moral erwachen werden, daß, mit Meynert zu reden, ein sekundäres Ich das primäre überlagern und hemmen
wird. Wohl entsteht die Moralität nicht gleichzeitig auf der
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