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Die Traumdeutung

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DIE TRAUMDEUTUNG
ganzen Linie, auch ist die Dauer der morallosen Kindheitspe­riode bei den einzelnen Individuen verschieden lang. Wo die Entwicklung dieser Moralität ausbleibt, sprechen wir gern von "Degeneration"; es handelt sich offenbar um eine Ent­wicklungshemmung. Wo der primäre Charakter durch die spätere Entwicklung bereits überlagert ist, kann er durch die Erkrankung an Hysterie wenigstens partiell wieder freigelegt werden. Die Übereinstimmung des sogenannten hysterischen Charakters mit dem eines schlimmen Kindes ist geradezu auf­fällig. Die Zwangsneurose hingegen entspricht dem Durch­bruch einer Übermoralität, die als verstärkende Belastung dem sich immer wieder regenden primären Charakter aufer­legt war.
Viele Personen also, die heute ihre Geschwister lieben
und sich durch ihr Hinsterben beraubt fühlen würden, tra­gen von früher her böse Wünsche gegen dieselben in ihrem Unbewußten, welche sich in Träumen zu realisieren vermö­gen. Es ist aber ganz besonders interessant, kleine Kinder bis zu drei Jahren oder wenig darüber in ihrem Verhalten gegen jüngere Geschwister zu beobachten. Das Kind war bisher das einzige, nun wird ihm angekündigt, daß der Storch ein neues Kind gebracht hat. Das Kind mustert den Ankömmling und äußert dann entschieden: "Der Storch soll es wieder mitneh-
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men."
Ich bekenne mich in allem Ernst zur Meinung, daß das
Kind abzuschätzen weiß, welche Benachteiligung es von dem Fremdling zu erwarten hat. Von einer mir nahestehenden Dame, die sich heute mit ihrer um vier Jahre jüngeren Schwester sehr gut verträgt, weiß ich, daß sie die Nachricht
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von deren Ankunft mit dem Vorbehalt beantwortet hat: "Aber meine rote Kappe werde ich ihr doch nicht geben." Sollte das Kind erst später zu dieser Erkenntnis kommen, so wird seine Feindseligkeit in diesem Zeitpunkte erwachen. Ich kenne ei­nen Fall, daß ein nicht dreijähriges Mädchen den Säugling in der Wiege zu erwürgen versuchte, von dessen weiterer Anwe­senheit ihr nichts Gutes ahnte. Der Eifersucht sind Kinder um diese Lebenszeit in aller Stärke und Deutlichkeit fähig. Oder das kleine Geschwisterchen ist wirklich bald wieder verschwunden, das Kind hat wieder alle Zärtlichkeit im Hau­se auf sich vereinigt, nun kommt ein neues vom Storche ge­schickt; ist es da nicht korrekt, daß unser Liebling den Wunsch in sich erschaffen sollte, der neue Konkurrent möge dasselbe Schicksal haben wie der frühere, damit es ihm wie-
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der so gut gehe wie vorhin und in der Zwischenzeit?
Na­türlich ist dieses Verhalten des Kindes gegen die Nachgebore­nen in normalen Verhältnissen eine einfache Funktion des Altersunterschiedes. Bei einem gewissen Intervall werden sich in dem älteren Mädchen bereits die mütterlichen Ins­tinkte gegen das hilflose Neugeborene regen.
Empfindungen von Feindseligkeit gegen die Geschwister müssen im Kindesalter noch weit häufiger sein, als sie der stumpfen Beobachtung Erwachsener auffallen
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.
Bei meinen eigenen Kindern, die einander rasch folgten, habe ich die Gelegenheit zu solchen Beobachtungen ver­säumt; ich hole sie jetzt bei meinem kleinen Neffen nach, des­sen Alleinherrschaft nach 15 Monaten durch das Auftreten einer Mitbewerberin gestört wurde. Ich höre zwar, daß der junge Mann sich sehr ritterlich gegen das Schwesterchen be-
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nimmt, ihr die Hand küßt und sie streichelt; ich überzeuge mich aber, daß er schon vor seinem vollendeten zweiten Jah­re seine Sprachfähigkeit dazu benutzt, um Kritik an der ihm doch nur überflüssig erscheinenden Person zu üben. So oft die Rede auf sie kommt, mengt er sich ins Gespräch und ruft unwillig: Zu k(l)ein, zu k(l)ein. In den letzten Monaten, seit­dem das Kind sich durch vortreffliche Entwicklung dieser Ge­ringschätzung entzogen hat, weiß er seine Mahnung, daß sie soviel Aufmerksamkeit nicht verdient, anders zu begründen. Er erinnert bei allen geeigneten Anlässen daran: Sie hat keine
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Zähne
. Von dem ältesten Mädchen einer anderen Schwes­ter haben wir alle die Erinnerung bewahrt, wie das damals sechsjährige Kind sich eine halbe Stunde lang von allen Tan­ten bestätigen ließ: "Nicht wahr, das kann die Lucie noch nicht verstehen?" Lucie war die um 2½ Jahre jüngere Kon­kurrentin.
Den gesteigerter Feindseligkeit entsprechenden Traum vom Tode der Geschwister habe ich z. B. bei keiner meiner Pa­tientinnen vermißt. Ich fand nur eine Ausnahme, die sich leicht in eine Bestätigung der Regel umdeuten ließ. Als ich einst einer Dame während einer Sitzung diesen Sachverhalt erklärte, der mir bei dem Symptom an der Tagesordnung in Betracht zu kommen schien, antwortete sie mir zu meinem Erstaunen, sie habe solche Träume nie gehabt. Ein anderer Traum fiel ihr aber ein, der angeblich damit nichts zu schaf­fen hatte, ein Traum, den sie mit vier Jahren, zuerst als damals Jüngste, und dann wiederholt geträumt hatte. "Eine Menge
Kinder, alle ihre Brüder, Schwestern, Cousins und Cousinen tummelten sich auf einer Wiese. Plötzlich bekamen sie Flügel, flo-
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gen auf und waren weg." Von der Bedeutung des Traumes hat­te sie keine Ahnung; es wird uns nicht schwer fallen, einen Traum vom Tode aller Geschwister in seiner ursprünglichen, durch die Zensur wenig beeinflußten Form darin zu erken­nen. Ich getraue mich folgende Analyse unterzuschieben. Bei dem Tode eines aus der Kinderschar – die Kinder zweier Brü­der wurden in diesem Falle in geschwisterlicher Gemein­schaft aufgezogen – wird unsere noch nicht vierjährige Träu­merin eine weise, erwachsene Person gefragt haben: Was wird denn aus den Kindern, wenn sie tot sind? Die Antwort wird gelautet haben: Dann bekommen sie Flügel und werden En­gerl. Im Traume nach dieser Aufklärung haben nun die Ge­schwister alle Flügel wie die Engel und – was die Hauptsache ist – sie fliegen weg. Unsere kleine Engelmacherin bleibt al­lein, man denke, das einzige nach einer solchen Schar! Daß sich die Kinder auf einer Wiese tummeln, von der sie wegflie­gen, deutet kaum mißverständlich auf Schmetterlinge hin, als ob dieselbe Gedankenverbindung das Kind geleitet hätte, welche die Alten bewog, die Psyche mit Schmetterlingsflügeln zu bilden.
Die Vorstellung des Kindes vom "Totsein".
Vielleicht wirft nun jemand ein, die feindseligen Impulse der Kinder gegen ihre Geschwister seien wohl zuzugeben, aber wie käme das Kindergemüt zu der Höhe von Schlechtig­keit, dem Mitbewerber oder stärkeren Spielgenossen gleich den Tod zu wünschen, als ob alle Vergehen nur durch die To­desstrafe zu sühnen seien? Wer so spricht, erwägt nicht, daß die Vorstellung des Kindes vom "Totsein" mit der unserigen das Wort und dann nur noch wenig anderes gemein hat. Das
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Kind weiß nichts von den Greueln der Verwesung, vom Frie­ren im kalten Grabe, vom Schrecken des endlosen Nichts, das der Erwachsene, wie alle Mythen vom Jenseits zeugen, in sei­ner Vorstellung so schlecht verträgt. Die Furcht vor dem To­de ist ihm fremd, darum spielt es mit dem gräßlichen Worte und droht einem anderen Kinde: "Wenn du das noch einmal tust, wirst du sterben, wie der Franz gestorben ist," wobei es die arme Mutter schaudernd überläuft, die vielleicht nicht daran vergessen kann, daß die größere Hälfte der erdgebore­nen Menschen ihr Leben nicht über die Jahre der Kindheit bringt. Noch mit acht Jahren kann das Kind, von einem Gan­ge durch das Naturhistorische Museum heimgekehrt, seiner Mutter sagen: "Mama, ich habe dich so lieb; wenn du einmal stirbst, lasse ich dich ausstopfen und stelle dich hier im Zim­mer auf, damit ich dich immer, immer sehen kann!" So wenig gleicht die kindliche Vorstellung vom Gestorbensein der un-
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serigen
.
Gestorben sein heißt für das Kind, welchem ja überdies die Szenen des Leidens vor dem Tode zu sehen erspart wird, so viel als "fort sein", die Überlebenden nicht mehr stören. Es unterscheidet nicht, auf welche Art diese Abwesenheit zu stande kommt, ob durch Verreisen, Entfremdung oder Tod. Wenn in den prähistorischen Jahren eines Kindes seine Kin­derfrau weggeschickt worden und einige Zeit darauf seine Mutter gestorben ist, so liegen für seine Erinnerung, wie man sie in der Analyse aufdeckt, beide Ereignisse in einer Reihe übereinander. Daß das Kind die Abwesenden nicht sehr in­tensiv vermißt, hat manche Mutter zu ihrem Schmerze erfah­ren, wenn sie nach mehrwöchiger Sommerreise in ihr Haus
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zurückkehrte und auf ihre Erkundigung hören mußte: Die Kinder haben nicht ein einziges Mal nach der Mama gefragt. Wenn sie aber wirklich in jenes "unentdeckte Land" verreist ist, "von des Bezirk kein Wanderer wiederkehrt", so scheinen die Kinder sie zunächst vergessen zu haben und erst nach- träglich beginnen sie, sich an die Tote zu erinnern.
Wenn das Kind also Motive hat, die Abwesenheit eines anderen Kindes zu wünschen, so mangelt ihm jede Abhal­tung, diesen Wunsch in die Form zu kleiden, es möge tot sein, und die psychische Reaktion auf den Todeswunschtraum be­weist, daß trotz aller Verschiedenheit im Inhalt der Wunsch beim Kinde doch irgendwie das nämliche ist wie der gleich­lautende Wunsch des Erwachsenen.
Wenn nun der Todeswunsch des Kindes gegen seine Ge­schwister erklärt wird durch den Egoismus des Kindes, der sie die Geschwister als Mitbewerber auffassen läßt, wie soll sich der Todeswunsch gegen die Eltern erklären, die für das Kind die Spender von Liebe und Erfüller seiner Bedürfnisse sind, deren Erhaltung es gerade aus egoistischen Motiven wün­schen sollte?
Zur Lösung dieser Schwierigkeit leitet uns die Erfahrung, daß die Träume vom Tode der Eltern überwiegend häufig den Teil des Elternpaares betreffen, der das Geschlecht des Träu­mers teilt, daß also der Mann zumeist vom Tode des Vaters, das Weib vom Tode der Mutter träumt. Ich kann das nicht als regelmäßig hinstellen, aber das Überwiegen in dem angedeu­teten Sinne ist so deutlich, daß es eine Erklärung durch ein Moment von allgemeiner Bedeutung fordert. Es verhält sich – grob ausgesprochen – so, als ob eine sexuelle Vorliebe sich
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frühzeitig geltend machen würde, als ob der Knabe im Vater, das Mädchen in der Mutter den Mitbewerber in der Liebe er­blickte, durch dessen Beseitigung ihm nur Vorteil erwachsen kann.
Das Verhältnis des Kindes zu den Eltern.
Ehe man diese Vorstellung als ungeheuerlich verwirft, möge man auch hier die realen Beziehungen zwischen Eltern und Kindern ins Auge fassen. Man hat zu sondern, was die Kulturforderung der Pietät von diesem Verhältnis verlangt, und was die tägliche Beobachtung als tatsächlich ergibt. In der Beziehung zwischen Eltern und Kindern liegen mehr als nur ein Anlaß zur Feindseligkeit verborgen; die Bedingun­gen für das Zustandekommen von Wünschen, welche vor der Zensur nicht bestehen, sind im reichsten Ausmaße gege­ben. Verweilen wir zunächst bei der Relation zwischen Vater und Sohn. Ich meine, die Heiligkeit, die wir den Vorschriften des Dekalogs zuerkannt haben, stumpft unseren Sinn für die Wahrnehmung der Wirklichkeit ab. Wir getrauen uns viel­leicht kaum zu merken, daß der größere Teil der Menschheit sich über die Befolgung des vierten Gebotes hinaussetzt. In den tiefsten wie in den höchsten Schichten der menschli­chen Gesellschaft pflegt die Pietät gegen die Eltern vor ande­ren Interessen zurückzutreten. Die dunklen Nachrichten, die in Mythologie und Sage aus der Urzeit der menschlichen Gesellschaft auf uns gekommen sind, geben von der Macht­fülle des Vaters und von der Rücksichtslosigkeit, mit der sie gebraucht wurde, eine unerfreuliche Vorstellung. Kronos verschlingt seine Kinder, etwa wie der Eber den Wurf des
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Mutterschweines, und Zeus entmannt den Vater
und setzt
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sich als Herrscher an seine Stelle. Je unumschränkter der Va­ter in der alten Familie herrschte, desto mehr muß der Sohn als berufener Nachfolger in die Lage des Feindes gerückt, desto größer muß seine Ungeduld geworden sein, durch den Tod des Vaters selbst zur Herrschaft zu gelangen. Noch in unserer bürgerlichen Familie pflegt der Vater durch die Ver­weigerung der Selbstbestimmung und der dazu nötigen Mit­tel an den Sohn dem natürlichen Keime der Feindschaft, der in dem Verhältnisse liegt, zur Entwicklung zu verhelfen. Der Arzt kommt oft genug in die Lage zu bemerken, daß der Schmerz über den Verlust des Vaters beim Sohne die Befrie­digung über die endlich erlangte Freiheit nicht unterdrü­cken kann. Den Rest der in unserer heutigen Gesellschaft arg antiquierten potestas patris familias pflegt jeder Vater krampfhaft festzuhalten und jeder Dichter ist der Wirkung sicher, der wie Ibsen den uralten Kampf zwischen Vater und Sohn in den Vordergrund seiner Fabeln rückt. Die Anlässe zu Konflikten zwischen Tochter und Mutter ergeben sich, wenn die Tochter heranwächst und in der Mutter die Wäch­terin findet, während sie nach sexueller Freiheit begehrt, die Mutter aber durch das Aufblühen der Tochter gemahnt wird, daß für sie die Zeit gekommen ist, sexuellen Ansprüchen zu entsagen.
Alle diese Verhältnisse liegen offenkundig da vor jeder­manns Augen. Sie fördern uns aber nicht bei der Absicht, die Träume vom Tode der Eltern zu erklären, welche sich bei Per­sonen finden, denen die Pietät gegen die Eltern längst etwas Unantastbares geworden ist. Auch sind wir durch die vorher­gehenden Erörterungen darauf vorbereitet, daß sich der To-
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deswunsch gegen die Eltern aus der frühesten Kindheit ablei­ten wird.
Die sexuellen Regungen der Kinder gegen die Eltern.
Mit einer alle Zweifel ausschließenden Sicherheit bestä­tigt sich diese Vermutung für die Psychoneurotiker bei den mit ihnen vorgenommenen Analysen. Man lernt hiebei, daß sehr frühzeitig die sexuellen Wünsche des Kindes erwa­chen – soweit sie im keimenden Zustand diesen Namen ver­dienen –, und daß die erste Neigung des Mädchens dem Va­ter, die ersten infantilen Begierden des Knaben der Mutter gelten. Der Vater wird somit für den Knaben, die Mutter für das Mädchen zum störenden Mitbewerber, und wie wenig für das Kind dazu gehört, damit diese Empfindung zum To­deswunsch führe, haben wir bereits für den Fall der Ge­schwister ausgeführt. Die sexuelle Auswahl macht sich in der Regel bereits bei den Eltern geltend; ein natürlicher Zug sorgt dafür, daß der Mann die kleinen Töchter verzärtelt, die Frau den Söhnen die Stange hält, während beide, wo der Zauber des Geschlechtes ihr Urteil nicht verstört, mit Stren­ge für die Erziehung der Kleinen wirken. Das Kind bemerkt die Bevorzugung sehr wohl und lehnt sich gegen den Teil des Elternpaares auf, der sich ihr widersetzt. Liebe bei dem Erwachsenen zu finden, ist ihm nicht nur die Befriedigung eines besonderen Bedürfnisses, sondern bedeutet auch, daß in allen anderen Stücken seinem Willen nachgegeben wird. So folgt es dem eigenen sexuellen Triebe und erneuert gleichzeitig die von den Eltern ausgehende Anregung, wenn es seine Wahl zwischen den Eltern im gleichen Sinne wie diese trifft.
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Von den Zeichen dieser infantilen Neigungen seitens der Kinder pflegt man die meisten zu übersehen; einige kann man auch nach den ersten Kinderjahren bemerken. Ein acht­jähriges Mädchen meiner Bekanntschaft benutzt die Gele­genheit, wenn die Mutter vom Tische abberufen wird, um sich als ihre Nachfolgerin zu proklamieren. "Jetzt will ich die Mama sein: Karl, willst du noch Gemüse? Nimm doch, ich bit­te dich" usw. Ein besonders begabtes und lebhaftes Mädchen von nicht vier Jahren, an der dies Stück Kinderpsychologie besonders durchsichtig ist, äußert direkt: "Jetzt kann das Muatterl einmal fortgehen, dann muß das Vaterl mich heira­ten, und ich will seine Frau sein." Im Kinderleben schließt dieser Wunsch durchaus nicht aus, daß das Kind auch seine Mutter zärtlich liebe. Wenn der kleine Knabe neben der Mut­ter schlafen darf, sobald der Vater verreist ist, und nach des­sen Rückkehr ins Kinderzimmer zurück muß zu einer Per­son, die ihm weit weniger gefällt, so mag sich leicht der Wunsch bei ihm gestalten, daß der Vater immer abwesend sein möge, damit er seinen Platz bei der lieben, schönen Ma­ma behalten kann, und ein Mittel zur Erreichung dieses Wunsches ist es offenbar, wenn der Vater tot ist, denn das ei­ne hat ihn seine Erfahrung gelehrt: "Tote" Leute, wie der Großpapa z. B., sind immer abwesend, kommen nie wieder.
Wenn sich solche Beobachtungen an kleinen Kindern der vorgeschlagenen Deutung zwanglos fügen, so ergeben sie al­lerdings nicht die volle Überzeugung, welche die Psychoana­lysen erwachsener Neurotiker dem Arzte aufdrängen. Die Mitteilung der betreffenden Träume erfolgt hier mit solchen Einleitungen, daß ihre Deutung als Wunschträume unaus-
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