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ivanov666
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DIE TRAUMDEUTUNG
ganzen Linie, auch ist die Dauer der morallosen Kindheitsperiode bei den einzelnen Individuen verschieden lang. Wo die
Entwicklung dieser Moralität ausbleibt, sprechen wir gern
von "Degeneration"; es handelt sich offenbar um eine Entwicklungshemmung. Wo der primäre Charakter durch die
spätere Entwicklung bereits überlagert ist, kann er durch die
Erkrankung an Hysterie wenigstens partiell wieder freigelegt
werden. Die Übereinstimmung des sogenannten hysterischen
Charakters mit dem eines schlimmen Kindes ist geradezu auffällig. Die Zwangsneurose hingegen entspricht dem Durchbruch einer Übermoralität, die als verstärkende Belastung
dem sich immer wieder regenden primären Charakter auferlegt war.
Viele Personen also, die heute ihre Geschwister lieben
und sich durch ihr Hinsterben beraubt fühlen würden, tragen von früher her böse Wünsche gegen dieselben in ihrem
Unbewußten, welche sich in Träumen zu realisieren vermögen. Es ist aber ganz besonders interessant, kleine Kinder bis
zu drei Jahren oder wenig darüber in ihrem Verhalten gegen
jüngere Geschwister zu beobachten. Das Kind war bisher das
einzige, nun wird ihm angekündigt, daß der Storch ein neues
Kind gebracht hat. Das Kind mustert den Ankömmling und
äußert dann entschieden: "Der Storch soll es wieder mitneh-
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men."
Ich bekenne mich in allem Ernst zur Meinung, daß das
Kind abzuschätzen weiß, welche Benachteiligung es von dem
Fremdling zu erwarten hat. Von einer mir nahestehenden
Dame, die sich heute mit ihrer um vier Jahre jüngeren
Schwester sehr gut verträgt, weiß ich, daß sie die Nachricht
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SIGMUND FREUD
von deren Ankunft mit dem Vorbehalt beantwortet hat: "Aber
meine rote Kappe werde ich ihr doch nicht geben." Sollte das
Kind erst später zu dieser Erkenntnis kommen, so wird seine
Feindseligkeit in diesem Zeitpunkte erwachen. Ich kenne einen Fall, daß ein nicht dreijähriges Mädchen den Säugling in
der Wiege zu erwürgen versuchte, von dessen weiterer Anwesenheit ihr nichts Gutes ahnte. Der Eifersucht sind Kinder
um diese Lebenszeit in aller Stärke und Deutlichkeit fähig.
Oder das kleine Geschwisterchen ist wirklich bald wieder
verschwunden, das Kind hat wieder alle Zärtlichkeit im Hause auf sich vereinigt, nun kommt ein neues vom Storche geschickt; ist es da nicht korrekt, daß unser Liebling den
Wunsch in sich erschaffen sollte, der neue Konkurrent möge
dasselbe Schicksal haben wie der frühere, damit es ihm wie-
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der so gut gehe wie vorhin und in der Zwischenzeit?
Natürlich ist dieses Verhalten des Kindes gegen die Nachgeborenen in normalen Verhältnissen eine einfache Funktion des
Altersunterschiedes. Bei einem gewissen Intervall werden
sich in dem älteren Mädchen bereits die mütterlichen Instinkte gegen das hilflose Neugeborene regen.
Empfindungen von Feindseligkeit gegen die Geschwister
müssen im Kindesalter noch weit häufiger sein, als sie der
stumpfen Beobachtung Erwachsener auffallen
(92)
.
Bei meinen eigenen Kindern, die einander rasch folgten,
habe ich die Gelegenheit zu solchen Beobachtungen versäumt; ich hole sie jetzt bei meinem kleinen Neffen nach, dessen Alleinherrschaft nach 15 Monaten durch das Auftreten
einer Mitbewerberin gestört wurde. Ich höre zwar, daß der
junge Mann sich sehr ritterlich gegen das Schwesterchen be-
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nimmt, ihr die Hand küßt und sie streichelt; ich überzeuge
mich aber, daß er schon vor seinem vollendeten zweiten Jahre seine Sprachfähigkeit dazu benutzt, um Kritik an der ihm
doch nur überflüssig erscheinenden Person zu üben. So oft
die Rede auf sie kommt, mengt er sich ins Gespräch und ruft
unwillig: Zu k(l)ein, zu k(l)ein. In den letzten Monaten, seitdem das Kind sich durch vortreffliche Entwicklung dieser Geringschätzung entzogen hat, weiß er seine Mahnung, daß sie
soviel Aufmerksamkeit nicht verdient, anders zu begründen.
Er erinnert bei allen geeigneten Anlässen daran: Sie hat keine
(93)
Zähne
. Von dem ältesten Mädchen einer anderen Schwester haben wir alle die Erinnerung bewahrt, wie das damals
sechsjährige Kind sich eine halbe Stunde lang von allen Tanten bestätigen ließ: "Nicht wahr, das kann die Lucie noch
nicht verstehen?" Lucie war die um 2½ Jahre jüngere Konkurrentin.
Den gesteigerter Feindseligkeit entsprechenden Traum
vom Tode der Geschwister habe ich z. B. bei keiner meiner Patientinnen vermißt. Ich fand nur eine Ausnahme, die sich
leicht in eine Bestätigung der Regel umdeuten ließ. Als ich
einst einer Dame während einer Sitzung diesen Sachverhalt
erklärte, der mir bei dem Symptom an der Tagesordnung in
Betracht zu kommen schien, antwortete sie mir zu meinem
Erstaunen, sie habe solche Träume nie gehabt. Ein anderer
Traum fiel ihr aber ein, der angeblich damit nichts zu schaffen hatte, ein Traum, den sie mit vier Jahren, zuerst als damals
Jüngste, und dann wiederholt geträumt hatte. "Eine Menge
Kinder, alle ihre Brüder, Schwestern, Cousins und Cousinen
tummelten sich auf einer Wiese. Plötzlich bekamen sie Flügel, flo-
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gen auf und waren weg." Von der Bedeutung des Traumes hatte sie keine Ahnung; es wird uns nicht schwer fallen, einen
Traum vom Tode aller Geschwister in seiner ursprünglichen,
durch die Zensur wenig beeinflußten Form darin zu erkennen. Ich getraue mich folgende Analyse unterzuschieben. Bei
dem Tode eines aus der Kinderschar – die Kinder zweier Brüder wurden in diesem Falle in geschwisterlicher Gemeinschaft aufgezogen – wird unsere noch nicht vierjährige Träumerin eine weise, erwachsene Person gefragt haben: Was wird
denn aus den Kindern, wenn sie tot sind? Die Antwort wird
gelautet haben: Dann bekommen sie Flügel und werden Engerl. Im Traume nach dieser Aufklärung haben nun die Geschwister alle Flügel wie die Engel und – was die Hauptsache
ist – sie fliegen weg. Unsere kleine Engelmacherin bleibt allein, man denke, das einzige nach einer solchen Schar! Daß
sich die Kinder auf einer Wiese tummeln, von der sie wegfliegen, deutet kaum mißverständlich auf Schmetterlinge hin, als
ob dieselbe Gedankenverbindung das Kind geleitet hätte,
welche die Alten bewog, die Psyche mit Schmetterlingsflügeln
zu bilden.
Die Vorstellung des Kindes vom "Totsein".
Vielleicht wirft nun jemand ein, die feindseligen Impulse
der Kinder gegen ihre Geschwister seien wohl zuzugeben,
aber wie käme das Kindergemüt zu der Höhe von Schlechtigkeit, dem Mitbewerber oder stärkeren Spielgenossen gleich
den Tod zu wünschen, als ob alle Vergehen nur durch die Todesstrafe zu sühnen seien? Wer so spricht, erwägt nicht, daß
die Vorstellung des Kindes vom "Totsein" mit der unserigen
das Wort und dann nur noch wenig anderes gemein hat. Das
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Kind weiß nichts von den Greueln der Verwesung, vom Frieren im kalten Grabe, vom Schrecken des endlosen Nichts, das
der Erwachsene, wie alle Mythen vom Jenseits zeugen, in seiner Vorstellung so schlecht verträgt. Die Furcht vor dem Tode ist ihm fremd, darum spielt es mit dem gräßlichen Worte
und droht einem anderen Kinde: "Wenn du das noch einmal
tust, wirst du sterben, wie der Franz gestorben ist," wobei es
die arme Mutter schaudernd überläuft, die vielleicht nicht
daran vergessen kann, daß die größere Hälfte der erdgeborenen Menschen ihr Leben nicht über die Jahre der Kindheit
bringt. Noch mit acht Jahren kann das Kind, von einem Gange durch das Naturhistorische Museum heimgekehrt, seiner
Mutter sagen: "Mama, ich habe dich so lieb; wenn du einmal
stirbst, lasse ich dich ausstopfen und stelle dich hier im Zimmer auf, damit ich dich immer, immer sehen kann!" So wenig
gleicht die kindliche Vorstellung vom Gestorbensein der un-
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serigen
.
Gestorben sein heißt für das Kind, welchem ja überdies
die Szenen des Leidens vor dem Tode zu sehen erspart wird,
so viel als "fort sein", die Überlebenden nicht mehr stören. Es
unterscheidet nicht, auf welche Art diese Abwesenheit zu
stande kommt, ob durch Verreisen, Entfremdung oder Tod.
Wenn in den prähistorischen Jahren eines Kindes seine Kinderfrau weggeschickt worden und einige Zeit darauf seine
Mutter gestorben ist, so liegen für seine Erinnerung, wie man
sie in der Analyse aufdeckt, beide Ereignisse in einer Reihe
übereinander. Daß das Kind die Abwesenden nicht sehr intensiv vermißt, hat manche Mutter zu ihrem Schmerze erfahren, wenn sie nach mehrwöchiger Sommerreise in ihr Haus
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zurückkehrte und auf ihre Erkundigung hören mußte: Die
Kinder haben nicht ein einziges Mal nach der Mama gefragt.
Wenn sie aber wirklich in jenes "unentdeckte Land" verreist
ist, "von des Bezirk kein Wanderer wiederkehrt", so scheinen
die Kinder sie zunächst vergessen zu haben und erst nach-
träglich beginnen sie, sich an die Tote zu erinnern.
Wenn das Kind also Motive hat, die Abwesenheit eines
anderen Kindes zu wünschen, so mangelt ihm jede Abhaltung, diesen Wunsch in die Form zu kleiden, es möge tot sein,
und die psychische Reaktion auf den Todeswunschtraum beweist, daß trotz aller Verschiedenheit im Inhalt der Wunsch
beim Kinde doch irgendwie das nämliche ist wie der gleichlautende Wunsch des Erwachsenen.
Wenn nun der Todeswunsch des Kindes gegen seine Geschwister erklärt wird durch den Egoismus des Kindes, der sie
die Geschwister als Mitbewerber auffassen läßt, wie soll sich
der Todeswunsch gegen die Eltern erklären, die für das Kind
die Spender von Liebe und Erfüller seiner Bedürfnisse sind,
deren Erhaltung es gerade aus egoistischen Motiven wünschen sollte?
Zur Lösung dieser Schwierigkeit leitet uns die Erfahrung,
daß die Träume vom Tode der Eltern überwiegend häufig den
Teil des Elternpaares betreffen, der das Geschlecht des Träumers teilt, daß also der Mann zumeist vom Tode des Vaters,
das Weib vom Tode der Mutter träumt. Ich kann das nicht als
regelmäßig hinstellen, aber das Überwiegen in dem angedeuteten Sinne ist so deutlich, daß es eine Erklärung durch ein
Moment von allgemeiner Bedeutung fordert. Es verhält sich –
grob ausgesprochen – so, als ob eine sexuelle Vorliebe sich
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frühzeitig geltend machen würde, als ob der Knabe im Vater,
das Mädchen in der Mutter den Mitbewerber in der Liebe erblickte, durch dessen Beseitigung ihm nur Vorteil erwachsen
kann.
Das Verhältnis des Kindes zu den Eltern.
Ehe man diese Vorstellung als ungeheuerlich verwirft,
möge man auch hier die realen Beziehungen zwischen Eltern
und Kindern ins Auge fassen. Man hat zu sondern, was die
Kulturforderung der Pietät von diesem Verhältnis verlangt,
und was die tägliche Beobachtung als tatsächlich ergibt. In
der Beziehung zwischen Eltern und Kindern liegen mehr als
nur ein Anlaß zur Feindseligkeit verborgen; die Bedingungen für das Zustandekommen von Wünschen, welche vor
der Zensur nicht bestehen, sind im reichsten Ausmaße gegeben. Verweilen wir zunächst bei der Relation zwischen Vater
und Sohn. Ich meine, die Heiligkeit, die wir den Vorschriften
des Dekalogs zuerkannt haben, stumpft unseren Sinn für die
Wahrnehmung der Wirklichkeit ab. Wir getrauen uns vielleicht kaum zu merken, daß der größere Teil der Menschheit
sich über die Befolgung des vierten Gebotes hinaussetzt. In
den tiefsten wie in den höchsten Schichten der menschlichen Gesellschaft pflegt die Pietät gegen die Eltern vor anderen Interessen zurückzutreten. Die dunklen Nachrichten,
die in Mythologie und Sage aus der Urzeit der menschlichen
Gesellschaft auf uns gekommen sind, geben von der Machtfülle des Vaters und von der Rücksichtslosigkeit, mit der sie
gebraucht wurde, eine unerfreuliche Vorstellung. Kronos
verschlingt seine Kinder, etwa wie der Eber den Wurf des
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Mutterschweines, und Zeus entmannt den Vater
und setzt
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sich als Herrscher an seine Stelle. Je unumschränkter der Vater in der alten Familie herrschte, desto mehr muß der Sohn
als berufener Nachfolger in die Lage des Feindes gerückt,
desto größer muß seine Ungeduld geworden sein, durch den
Tod des Vaters selbst zur Herrschaft zu gelangen. Noch in
unserer bürgerlichen Familie pflegt der Vater durch die Verweigerung der Selbstbestimmung und der dazu nötigen Mittel an den Sohn dem natürlichen Keime der Feindschaft, der
in dem Verhältnisse liegt, zur Entwicklung zu verhelfen. Der
Arzt kommt oft genug in die Lage zu bemerken, daß der
Schmerz über den Verlust des Vaters beim Sohne die Befriedigung über die endlich erlangte Freiheit nicht unterdrücken kann. Den Rest der in unserer heutigen Gesellschaft
arg antiquierten potestas patris familias pflegt jeder Vater
krampfhaft festzuhalten und jeder Dichter ist der Wirkung
sicher, der wie Ibsen den uralten Kampf zwischen Vater und
Sohn in den Vordergrund seiner Fabeln rückt. Die Anlässe
zu Konflikten zwischen Tochter und Mutter ergeben sich,
wenn die Tochter heranwächst und in der Mutter die Wächterin findet, während sie nach sexueller Freiheit begehrt, die
Mutter aber durch das Aufblühen der Tochter gemahnt wird,
daß für sie die Zeit gekommen ist, sexuellen Ansprüchen zu
entsagen.
Alle diese Verhältnisse liegen offenkundig da vor jedermanns Augen. Sie fördern uns aber nicht bei der Absicht, die
Träume vom Tode der Eltern zu erklären, welche sich bei Personen finden, denen die Pietät gegen die Eltern längst etwas
Unantastbares geworden ist. Auch sind wir durch die vorhergehenden Erörterungen darauf vorbereitet, daß sich der To-
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deswunsch gegen die Eltern aus der frühesten Kindheit ableiten wird.
Die sexuellen Regungen der Kinder gegen die Eltern.
Mit einer alle Zweifel ausschließenden Sicherheit bestätigt sich diese Vermutung für die Psychoneurotiker bei den
mit ihnen vorgenommenen Analysen. Man lernt hiebei, daß
sehr frühzeitig die sexuellen Wünsche des Kindes erwachen – soweit sie im keimenden Zustand diesen Namen verdienen –, und daß die erste Neigung des Mädchens dem Vater, die ersten infantilen Begierden des Knaben der Mutter
gelten. Der Vater wird somit für den Knaben, die Mutter für
das Mädchen zum störenden Mitbewerber, und wie wenig
für das Kind dazu gehört, damit diese Empfindung zum Todeswunsch führe, haben wir bereits für den Fall der Geschwister ausgeführt. Die sexuelle Auswahl macht sich in
der Regel bereits bei den Eltern geltend; ein natürlicher Zug
sorgt dafür, daß der Mann die kleinen Töchter verzärtelt, die
Frau den Söhnen die Stange hält, während beide, wo der
Zauber des Geschlechtes ihr Urteil nicht verstört, mit Strenge für die Erziehung der Kleinen wirken. Das Kind bemerkt
die Bevorzugung sehr wohl und lehnt sich gegen den Teil
des Elternpaares auf, der sich ihr widersetzt. Liebe bei dem
Erwachsenen zu finden, ist ihm nicht nur die Befriedigung
eines besonderen Bedürfnisses, sondern bedeutet auch, daß
in allen anderen Stücken seinem Willen nachgegeben wird.
So folgt es dem eigenen sexuellen Triebe und erneuert
gleichzeitig die von den Eltern ausgehende Anregung, wenn
es seine Wahl zwischen den Eltern im gleichen Sinne wie
diese trifft.
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Von den Zeichen dieser infantilen Neigungen seitens der
Kinder pflegt man die meisten zu übersehen; einige kann
man auch nach den ersten Kinderjahren bemerken. Ein achtjähriges Mädchen meiner Bekanntschaft benutzt die Gelegenheit, wenn die Mutter vom Tische abberufen wird, um
sich als ihre Nachfolgerin zu proklamieren. "Jetzt will ich die
Mama sein: Karl, willst du noch Gemüse? Nimm doch, ich bitte dich" usw. Ein besonders begabtes und lebhaftes Mädchen
von nicht vier Jahren, an der dies Stück Kinderpsychologie
besonders durchsichtig ist, äußert direkt: "Jetzt kann das
Muatterl einmal fortgehen, dann muß das Vaterl mich heiraten, und ich will seine Frau sein." Im Kinderleben schließt
dieser Wunsch durchaus nicht aus, daß das Kind auch seine
Mutter zärtlich liebe. Wenn der kleine Knabe neben der Mutter schlafen darf, sobald der Vater verreist ist, und nach dessen Rückkehr ins Kinderzimmer zurück muß zu einer Person, die ihm weit weniger gefällt, so mag sich leicht der
Wunsch bei ihm gestalten, daß der Vater immer abwesend
sein möge, damit er seinen Platz bei der lieben, schönen Mama behalten kann, und ein Mittel zur Erreichung dieses
Wunsches ist es offenbar, wenn der Vater tot ist, denn das eine hat ihn seine Erfahrung gelehrt: "Tote" Leute, wie der
Großpapa z. B., sind immer abwesend, kommen nie wieder.
Wenn sich solche Beobachtungen an kleinen Kindern der
vorgeschlagenen Deutung zwanglos fügen, so ergeben sie allerdings nicht die volle Überzeugung, welche die Psychoanalysen erwachsener Neurotiker dem Arzte aufdrängen. Die
Mitteilung der betreffenden Träume erfolgt hier mit solchen
Einleitungen, daß ihre Deutung als Wunschträume unaus-
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