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Die Traumdeutung

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DIE TRAUMDEUTUNG
geben hat. Sie hatte sich vorgenommen, zu einer der ange­kündigten Theatervorstellungen der Woche zu gehen, und war so vorsorglich, mehrere Tage vorher Karten zu nehmen, für die sie Vorkaufsgebühr zu zahlen hatte. Als sie dann ins Theater kamen, fanden sie, daß die eine Seite des Hauses fast leer war; sie hätte es nicht nötig gehabt, sich so sehr zu beeilen.
Ich werde jetzt den Traum durch die Traumgedanken er­setzen: "Ein Unsinn war es doch, so früh zu heiraten, ich hätte es nicht nötig gehabt, mich so zu beeilen; an dem Beispiele der Elise L. sehe ich, daß ich noch immer einen Mann bekommen hätte. Und zwar einen hundertmal besseren (Mann, Schatz), wenn ich nur gewartet hätte (Gegensatz zu dem Beeilen der Schwägerin). Drei solche Männer hätte ich für das Geld (die Mitgift) kaufen können!" Wir werden darauf aufmerksam, daß in diesem Traume die Zahlen in weit höherem Grade Be­deutung und Zusammenhang verändert haben als im vorher behandelten. Die Umwandlungs- und Entstellungsarbeit des Traumes ist hier ausgiebiger gewesen, was wir so deuten, daß diese Traumgedanken bis zu ihrer Darstellung ein besonders hohes Maß von innerpsychischem Widerstand zu überwin­den hatten. Wir wollen auch nicht übersehen, daß in diesem Traume ein absurdes Element enthalten ist, nämlich daß zwei Personen drei Sitze nehmen sollen. Wir greifen in die Deu­tung der Absurdität im Traume über, wenn wir anführen, daß dieses absurde Detail des Trauminhaltes den meistbetonten der Traumgedanken darstellen soll: Ein Unsinn war es, so früh zu heiraten. Die in einer ganz nebensächlichen Beziehung der beiden verglichenen Personen enthaltene 3 (3 Monate Unterschied im Alter) ist dann geschickt zur Produktion des
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für den Traum erforderlichen Unsinns verwendet worden. Die Verkleinerung der realen 150 fl. auf 1 fl. 50 kr. entspricht der Geringschätzung des Mannes (oder Schatzes) in den unter­drückten Gedanken der Träumerin.
III. Ein anderes Beispiel führt uns die Rechenkunst des Traumes vor, die ihm soviel Mißachtung eingetragen hat. Ein Mann träumt: Er sitzt bei B. . (einer Familie seiner früheren Bekanntschaft) und sagt: Es war ein Unsinn, daß Sie mir die Ma-
li nicht gegeben haben. Darauf fragt er das Mädchen: Wie alt sind Sie denn? Antwort: Ich bin 1882 geboren. – Ah, dann sind Sie 28 Jahre alt.
Da der Traum im Jahre 1898 vorfällt, so ist das offenbar schlecht gerechnet, und die Rechenschwäche des Träumers darf der des Paralytikers an die Seite gestellt werden, wenn sie sich etwa nicht anders aufklären läßt. Mein Patient gehörte zu jenen Personen, deren Gedanken kein Frauenzimmer, das sie sehen, in Ruhe lassen können. Seine Nachfolgerin in mei­nem Ordinationszimmer war einige Monate hindurch regel­mäßig eine junge Dame, der er begegnete, nach der er sich häufig erkundigte, und mit der er durchaus höflich sein woll­te. Diese war es, deren Alter er auf 28 Jahre schätzte. Soviel zur Aufklärung des Resultates der scheinbaren Rechnung. 1882 war aber das Jahr, in dem er geheiratet hatte. Er hatte es nicht unterlassen können, auch mit den beiden anderen weiblichen Personen, die er bei mir traf, Gespräche anzu­knüpfen, den beiden keineswegs jugendlichen Mädchen, die ihm abwechselnd die Tür zu öffnen pflegten, und als er die Mädchen wenig zutraulich fand, sich die Erklärung gegeben, sie hielten ihn wohl für einen älteren "gesetzten" Herrn.
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Rechnen und Reden im Traum.
IV. Einen anderen Zahlentraum, der durch durchsichtige Determinierung oder vielmehr Überdeterminierung ausge­zeichnet ist, verdanke ich mitsamt seiner Deutung Herrn B. Dattner:
"Mein Hausherr, Sicherheitswachmann in Magistrats­diensten, träumt, er stünde auf der Straße Posten, was eine Wunscherfüllung ist. Da kommt ein Inspektor auf ihn zu, der auf dem Ringkragen die Nummer 22 und 62 oder 26 trägt. Jedenfalls aber seien mehrere Zweier draufgewesen. Schon die Zerteilung der Zahl 2262 bei der Wiedergabe des Trau­mes läßt darauf schließen, daß die Bestandteile eine geson­derte Bedeutung haben. Sie hätten gestern im Amt über die Dauer ihrer Dienstzeit gesprochen, fällt ihm ein. Ursache gab ein Inspektor, der mit 62 Jahren in Pension gegangen sei. Der Träumer hat erst 22 Dienstjahre und braucht noch 2 Jahre 2 Monate, um eine 90%ige Pension zu erreichen. Der Traum spiegelt ihm nun zuerst die Erfüllung eines langgehegten Wunsches, den Inspektorsrang, vor. Der Vorgesetzte mit der 2262 auf dem Kragen ist er selbst, er versieht seinen Dienst auf der Straße, auch ein Lieblingswunsch, hat seine 2 Jahre und 2 Monate abgedient und kann nun wie der 62 jährige In-
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spektor mit voller Pension aus dem Amte scheiden
."
Wenn wir diese und ähnliche (später folgende) Beispiele zusammenhalten, dürfen wir sagen: Die Traumarbeit rechnet überhaupt nicht, weder richtig noch falsch; sie fügt nur Zah­len, die in den Traumgedanken vorkommen und als Anspie­lungen auf ein nicht darstellbares Material dienen können, in der Form einer Rechnung zusammen. Sie behandelt dabei die
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Zahlen in genau der nämlichen Weise als Material zum Aus­druck ihrer Absichten wie alle anderen Vorstellungen, wie auch die Namen und die als Wortvorstellungen kenntlichen Reden.
Denn die Traumarbeit kann auch keine Rede neu schaf­fen. Soviel von Rede und Gegenrede in den Träumen vorkom­men mag, die an sich sinnig oder unvernünftig sein können, die Analyse zeigt uns jedesmal, daß der Traum dabei nur Bruchstücke von wirklich geführten oder gehörten Reden den Traumgedanken entnommen hat und höchst willkürlich mit ihnen verfahren ist. Er hat sie nicht nur aus ihrem Zu­sammenhange gerissen und zerstückt, das eine Stück aufge­nommen, das andere verworfen, sondern auch oft neu zusam­mengefügt, so daß die zusammenhängend scheinende Traumrede bei der Analyse in drei oder vier Brocken zerfällt. Bei dieser Neuverwendung hat er oft den Sinn, den die Worte in den Traumgedanken hatten, bei Seite gelassen, und dem Wortlaute einen völlig neuen Sinn abgewonnen
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. Bei nä­herem Zusehen unterscheidet man an der Traumrede deutli­chere, kompakte Bestandteile von anderen, die als Bindemit­tel dienen und wahrscheinlich ergänzt worden sind, wie wir ausgelassene Buchstaben und Silben beim Lesen ergänzen. Die Traumrede hat so den Aufbau eines Brecciengesteins, in dem größere Brocken verschiedenen Materials durch eine er­härtete Zwischenmasse zusammengehalten werden.
In voller Strenge richtig ist diese Beschreibung allerdings nur für jene Reden im Traume, die etwas vom sinnlichen Charakter der Rede haben und als "Reden" beschrieben wer­den. Die anderen, die nicht gleichsam als gehört oder als ge-
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sagt empfunden werden (keine akustische oder motorische Mitbetonung im Traume haben), sind einfach Gedanken, wie sie in unserer wachen Denktätigkeit vorkommen und unver­ändert in viele Träume übergehen. Für das indifferent gehal­tene Redematerial des Traumes scheint auch die Lektüre eine reich fließende und schwer zu verfolgende Quelle abzugeben. Alles aber, was im Traume als Rede irgendwie auffällig her­vortritt, unterwirft sich der Zurückführung auf reale, selbst gehaltene oder gehörte Rede.
Beispiele für die Ableitung solcher Traumreden haben wir bereits bei der Analyse von Träumen gefunden, die zu ande­ren Zwecken mitgeteilt worden sind. So in dem "harmlosen Markttraum" auf p. 139, in dem die Rede: Das ist nicht mehr zu haben, dazu dient, mich mit dem Fleischhauer zu identifi­zieren, während ein Stück der anderen Rede: Das kenne ich nicht, das nehme ich nicht, geradezu die Aufgabe erfüllt, den Traum harmlos zu machen. Die Träumerin hatte nämlich am Vortage irgend welche Zumutung ihrer Köchin mit den Wor­ten zurückgewiesen: Das kenne ich nicht, benehmen Sie sich anständig, und nun von dieser Rede das indifferent klingende erste Stück in den Traum genommen, um mit ihm auf das spä­tere Stück anzuspielen, das in die Phantasie, welche dem Traume zu Grunde lag, sehr wohl gepaßt, aber auch dieselbe verraten hätte.
Ein ähnliches Beispiel an Stelle vieler, die ja alle das näm­liche ergaben:
Ein großer Hof, in dem Leichen verbrannt werden. Er sagt: Da geh’ ich weg, das kann ich nicht sehen. (Keine deutliche Re- de.) Dann trifft er zwei Fleischhauerbuben und fragt: "Na, hat’s
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geschmeckt?" Der eine antwortet: Na, nöt gut war’s. Als ob es Menschenfleisch gewesen wäre.
Der harmlose Anlaß dieses Traumes ist folgender: Er macht nach dem Nachtmahl mit seiner Frau einen Besuch bei den braven, aber keineswegs appetitlichen Nachbarsleuten. Die gastfreundliche alte Dame befindet sich eben bei ihrem Abendessen und nötigt ihn (man gebraucht dafür scherzhaft unter Männern ein zusammengesetztes, sexuell bedeutsames Wort) davon zu kosten. Er lehnt ab, er habe keinen Appetit mehr. "Aber gehen’s weg, das werden Sie noch vertragen" oder so ähnlich. Er muß also kosten und rühmt dann das Gebotene vor ihr. "Das ist aber gut." Mit seiner Frau wieder allein, schimpft er dann sowohl über die Aufdringlichkeit der Nach­barin, als auch über die Qualität der gekosteten Speise. "Das kann ich nicht sehen," das auch im Traume nicht als eigentli­che Rede auftritt, ist ein Gedanke, der sich auf die körperli­chen Reize der einladenden Dame bezieht, und zu überset­zen wäre, daß er diese zu schauen nicht begehrt.
Der Traum "Non vixit".
Lehrreicher wird sich die Analyse eines anderen Traumes gestalten, den ich wegen der sehr deutlichen Rede, die seinen Mittelpunkt bildet, schon an dieser Stelle mitteile, aber erst bei der Würdigung der Affekte im Traume aufklären werde. Ich träume sehr klar: Ich bin nachts ins Brückesche Laboratori- um gegangen und öffne auf ein leises Klopfen an der Tür dem (verstorbenen) Professor Fleischl, der mit mehreren Fremden eintritt und sich nach einigen Worten an seinen Tisch setzt. Dann folgt ein zweiter Traum: Mein Freund Fl. ist im Juli un-
auffällig nach Wien gekommen; ich begegne ihm auf der Straße
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im Gespräche mit meinem (verstorbenen) Freunde P. und gehe mit ihnen irgendwohin, wo sie einander wie an einem kleinen Tische gegenübersitzen, ich an der schmalen Seite des Tischchens vorn. Fl. erzählt von seiner Schwester und sagt: In dreiviertel Stunden war sie tot, und dann etwas wie: Das ist die Schwelle. Da P. ihn nicht versteht, wendet sich Fl. an mich und fragt mich, wieviel von seinen Dingen ich P. denn mitgeteilt habe. Darauf ich, von merkwürdigen Affekten ergriffen, Fl. mitteilen will, daß P. (ja gar nichts wissen kann, weil er) gar nicht am Leben ist. Ich sage aber, den Irrtum selbst bemerkend: Non vixit. Ich sehe dann P. durchdringend an, unter meinem Blicke wird er bleich, verschwommen, seine Augen werden krankhaft blau – und endlich löst er sich auf. Ich bin ungemein erfreut darüber, verste­he jetzt, daß auch Ernst Fleischl nur eine Erscheinung, ein Re­venant war, und finde es ganz wohl möglich, daß eine solche Person nur so lange besteht, als man es mag, und daß sie durch den Wunsch des anderen beseitigt werden kann.
Dieser schöne Traum vereinigt so viele der am Traumin­halt rätselhaften Charaktere, – die Kritik während des Trau­mes selbst, daß ich meinen Irrtum, Non vixit zu sagen anstatt Non vivit, selbst bemerke; den unbefangenen Verkehr mit Verstorbenen, die der Traum selbst für verstorben erklärt; die Absurdität der Schlußfolgerung und die hohe Befriedigung, die dieselbe mir bereitet, – daß ich "für mein Leben gern" die volle Lösung dieser Rätsel mitteilen möchte. Ich bin aber in Wirklichkeit unfähig, das zu tun – was ich nämlich im Trau­me tue – die Rücksicht auf so teure Personen meinem Ehr­geiz aufzuopfern. Bei jeder Verhüllung wäre aber der mir wohlbekannte Sinn des Traumes zu Schanden geworden. So
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begnüge ich mich denn, zuerst hier, und dann an späterer Stelle einige Elemente des Traumes zur Deutung herauszu­greifen.
Das Zentrum des Traumes bildet eine Szene, in der ich P. durch einen Blick vernichte. Seine Augen werden dabei so merkwürdig und unheimlich blau, und dann löst er sich auf. Diese Szene ist die unverkennbare Nachbildung einer wirk­lich erlebten. Ich war Demonstrator am physiologischen Ins­titut, hatte den Dienst in den Frühstunden, und Brücke hatte erfahren, daß ich einigemal zu spät ins Schülerlaboratorium gekommen war. Da kam er einmal pünktlich zur Eröffnung und wartete mich ab. Was er mir sagte, war karg und be­stimmt; es kam aber gar nicht auf die Worte an. Das Überwäl­tigende waren die fürchterlichen blauen Augen, mit denen er mich ansah, und vor denen ich verging – wie P. im Traume, der zu meiner Erleichterung die Rollen verwechselt hat. Wer sich an die bis ins hohe Greisenalter wunderschönen Augen des großen Meisters erinnern kann und ihn je im Zorne gese­hen hat, wird sich in die Affekte des jugendlichen Sünders von damals leicht versetzen können.
Es wollte mir aber lange nicht gelingen, das "Non vixit" abzuleiten, mit dem ich im Traume jene Justiz übe, bis ich mich besann, daß diese zwei Worte nicht als gehörte oder ge­rufene, sondern als gesehene so hohe Deutlichkeit im Traume besessen hatten. Dann wußte ich sofort, woher sie stammten. Auf dem Postament des Kaiser Josef-Denkmals in der Wiener Hofburg sind die schönen Worte zu lesen:
Saluti patriae vixit
non diu sed totus.
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Aus dieser Inschrift hatte ich herausgeklaubt, was zu der einen feindseligen Gedankenreihe in meinen Traumgedan­ken paßte, und was heißen sollte: Der Kerl hat ja gar nichts dreinzureden, er lebt ja gar nicht. Und nun mußte ich mich erinnern, daß der Traum wenige Tage nach der Enthüllung des Fleischl-Denkmals in den Arkaden der Universität ge­träumt worden war, wobei ich das Denkmal Brückes wieder­gesehen hatte und (im Unbewußten) mit Bedauern erwogen haben muß, wie mein hochbegabter, und ganz der Wissen­schaft ergebener Freund P. durch einen allzufrühen Tod sei­nen begründeten Anspruch auf ein Denkmal in diesen Räu­men verloren. So setzte ich ihm dies Denkmal im Traume;
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mein Freund P. hieß mit dem Vornamen Josef
.
Nach den Regeln der Traumdeutung wäre ich nun noch immer nicht berechtigt, das non vivit, das ich brauche, durch non vixit, das mir die Erinnerung an das Josefs-Monument zur Verfügung stellt, zu ersetzen. Ein anderes Element der Traum­gedanken muß dies durch seinen Beitrag ermöglicht haben. Es heißt mich nun etwas darauf achten, daß in der Traumszene eine feindselige und eine zärtliche Gedankenströmung gegen meinen Freund P. zusammentreffen, die erstere oberflächlich, die letztere verdeckt, und in den nämlichen Worten: Non vixit ihre Darstellung erreichen. Weil er sich um die Wissenschaft verdient gemacht hat, errichte ich ihm ein Denkmal; aber weil er sich eines bösen Wunsches schuldig gemacht hat (der am Ende des Traumes ausgedrückt ist), darum vernichte ich ihn. Ich habe da einen Satz von ganz besonderem Klange gebildet, bei dem mich ein Vorbild beeinflußt haben muß. Wo findet sich nur eine ähnliche Antithese, ein solches Nebeneinander-
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stellen zweier entgegengesetzter Reaktionen gegen dieselbe Person, die beide den Anspruch erheben, voll berechtigt zu sein, und doch einander nicht stören wollen? An einer einzi­gen Stelle, die sich aber dem Leser tief einprägt; in der Recht­fertigungsrede des Brutus in Shakespeares Julius Cäsar: "Weil Cäsar mich liebte, wein’ ich um ihn; weil er glücklich war, freue ich mich; weil er tapfer war, ehr’ ich ihn, aber weil er herrsch­süchtig war, erschlug ich ihn." Ist das nicht der nämliche Satz­bau und Gedankengegensatz wie in dem Traumgedanken, den ich aufgedeckt habe? Ich spiele also den Brutus im Traume. Wenn ich nur von dieser überraschenden Kollateralverbin­dung noch eine andere bestätigende Spur im Trauminhalt auf­finden könnte! Ich denke, dies könnte folgendes sein: Mein Freund Fl. kommt im Juli nach Wien. Diese Einzelheit findet gar keine Stütze in der Wirklichkeit. Mein Freund ist im Mo­nat Juli meines Wissens niemals in Wien gewesen. Aber der Monat Juli ist nach Julius Cäsar benannt und könnte darum sehr wohl die von mir gesuchte Anspielung auf den Zwischen­gedanken, daß ich den Brutus spiele, vertreten
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.
Merkwürdigerweise habe ich nun wirklich einmal den Brutus gespielt. Ich habe die Szene Brutus und Cäsar aus Schillers Gedichten vor einem Auditorium von Kindern auf­geführt und zwar als 14 jähriger Knabe im Vereine mit mei­nem um ein Jahr älteren Neffen, der damals aus England zu uns gekommen war, – auch so ein Revenant – denn es war der Gespiele meiner ersten Kinderjahre, der mit ihm wieder auftauchte. Bis zu meinem vollendeten dritten Jahre waren wir unzertrennlich gewesen, hatten einander geliebt und miteinander gerauft, und diese Kinderbeziehung hat, wie ich
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