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ivanov666
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Файл:Die Traumdeutung
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DIE TRAUMDEUTUNG
geben hat. Sie hatte sich vorgenommen, zu einer der angekündigten Theatervorstellungen der Woche zu gehen, und
war so vorsorglich, mehrere Tage vorher Karten zu nehmen,
für die sie Vorkaufsgebühr zu zahlen hatte. Als sie dann ins
Theater kamen, fanden sie, daß die eine Seite des Hauses fast
leer war; sie hätte es nicht nötig gehabt, sich so sehr zu beeilen.
Ich werde jetzt den Traum durch die Traumgedanken ersetzen: "Ein Unsinn war es doch, so früh zu heiraten, ich hätte
es nicht nötig gehabt, mich so zu beeilen; an dem Beispiele der
Elise L. sehe ich, daß ich noch immer einen Mann bekommen
hätte. Und zwar einen hundertmal besseren (Mann, Schatz),
wenn ich nur gewartet hätte (Gegensatz zu dem Beeilen der
Schwägerin). Drei solche Männer hätte ich für das Geld (die
Mitgift) kaufen können!" Wir werden darauf aufmerksam,
daß in diesem Traume die Zahlen in weit höherem Grade Bedeutung und Zusammenhang verändert haben als im vorher
behandelten. Die Umwandlungs- und Entstellungsarbeit des
Traumes ist hier ausgiebiger gewesen, was wir so deuten, daß
diese Traumgedanken bis zu ihrer Darstellung ein besonders
hohes Maß von innerpsychischem Widerstand zu überwinden hatten. Wir wollen auch nicht übersehen, daß in diesem
Traume ein absurdes Element enthalten ist, nämlich daß zwei
Personen drei Sitze nehmen sollen. Wir greifen in die Deutung der Absurdität im Traume über, wenn wir anführen, daß
dieses absurde Detail des Trauminhaltes den meistbetonten
der Traumgedanken darstellen soll: Ein Unsinn war es, so früh
zu heiraten. Die in einer ganz nebensächlichen Beziehung
der beiden verglichenen Personen enthaltene 3 (3 Monate
Unterschied im Alter) ist dann geschickt zur Produktion des
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SIGMUND FREUD
für den Traum erforderlichen Unsinns verwendet worden.
Die Verkleinerung der realen 150 fl. auf 1 fl. 50 kr. entspricht
der Geringschätzung des Mannes (oder Schatzes) in den unterdrückten Gedanken der Träumerin.
III. Ein anderes Beispiel führt uns die Rechenkunst des
Traumes vor, die ihm soviel Mißachtung eingetragen hat. Ein
Mann träumt: Er sitzt bei B. . (einer Familie seiner früheren
Bekanntschaft) und sagt: Es war ein Unsinn, daß Sie mir die Ma-
li nicht gegeben haben. Darauf fragt er das Mädchen: Wie alt
sind Sie denn? Antwort: Ich bin 1882 geboren. – Ah, dann sind
Sie 28 Jahre alt.
Da der Traum im Jahre 1898 vorfällt, so ist das offenbar
schlecht gerechnet, und die Rechenschwäche des Träumers
darf der des Paralytikers an die Seite gestellt werden, wenn sie
sich etwa nicht anders aufklären läßt. Mein Patient gehörte
zu jenen Personen, deren Gedanken kein Frauenzimmer, das
sie sehen, in Ruhe lassen können. Seine Nachfolgerin in meinem Ordinationszimmer war einige Monate hindurch regelmäßig eine junge Dame, der er begegnete, nach der er sich
häufig erkundigte, und mit der er durchaus höflich sein wollte. Diese war es, deren Alter er auf 28 Jahre schätzte. Soviel
zur Aufklärung des Resultates der scheinbaren Rechnung.
1882 war aber das Jahr, in dem er geheiratet hatte. Er hatte es
nicht unterlassen können, auch mit den beiden anderen
weiblichen Personen, die er bei mir traf, Gespräche anzuknüpfen, den beiden keineswegs jugendlichen Mädchen, die
ihm abwechselnd die Tür zu öffnen pflegten, und als er die
Mädchen wenig zutraulich fand, sich die Erklärung gegeben,
sie hielten ihn wohl für einen älteren "gesetzten" Herrn.
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DIE TRAUMDEUTUNG
Rechnen und Reden im Traum.
IV. Einen anderen Zahlentraum, der durch durchsichtige
Determinierung oder vielmehr Überdeterminierung ausgezeichnet ist, verdanke ich mitsamt seiner Deutung Herrn B.
Dattner:
"Mein Hausherr, Sicherheitswachmann in Magistratsdiensten, träumt, er stünde auf der Straße Posten, was eine
Wunscherfüllung ist. Da kommt ein Inspektor auf ihn zu, der
auf dem Ringkragen die Nummer 22 und 62 oder 26 trägt.
Jedenfalls aber seien mehrere Zweier draufgewesen. Schon
die Zerteilung der Zahl 2262 bei der Wiedergabe des Traumes läßt darauf schließen, daß die Bestandteile eine gesonderte Bedeutung haben. Sie hätten gestern im Amt über die
Dauer ihrer Dienstzeit gesprochen, fällt ihm ein. Ursache gab
ein Inspektor, der mit 62 Jahren in Pension gegangen sei. Der
Träumer hat erst 22 Dienstjahre und braucht noch 2 Jahre 2
Monate, um eine 90%ige Pension zu erreichen. Der Traum
spiegelt ihm nun zuerst die Erfüllung eines langgehegten
Wunsches, den Inspektorsrang, vor. Der Vorgesetzte mit der
2262 auf dem Kragen ist er selbst, er versieht seinen Dienst
auf der Straße, auch ein Lieblingswunsch, hat seine 2 Jahre
und 2 Monate abgedient und kann nun wie der 62 jährige In-
(160)
spektor mit voller Pension aus dem Amte scheiden
."
Wenn wir diese und ähnliche (später folgende) Beispiele
zusammenhalten, dürfen wir sagen: Die Traumarbeit rechnet
überhaupt nicht, weder richtig noch falsch; sie fügt nur Zahlen, die in den Traumgedanken vorkommen und als Anspielungen auf ein nicht darstellbares Material dienen können, in
der Form einer Rechnung zusammen. Sie behandelt dabei die
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SIGMUND FREUD
Zahlen in genau der nämlichen Weise als Material zum Ausdruck ihrer Absichten wie alle anderen Vorstellungen, wie
auch die Namen und die als Wortvorstellungen kenntlichen
Reden.
Denn die Traumarbeit kann auch keine Rede neu schaffen. Soviel von Rede und Gegenrede in den Träumen vorkommen mag, die an sich sinnig oder unvernünftig sein können,
die Analyse zeigt uns jedesmal, daß der Traum dabei nur
Bruchstücke von wirklich geführten oder gehörten Reden
den Traumgedanken entnommen hat und höchst willkürlich
mit ihnen verfahren ist. Er hat sie nicht nur aus ihrem Zusammenhange gerissen und zerstückt, das eine Stück aufgenommen, das andere verworfen, sondern auch oft neu zusammengefügt, so daß die zusammenhängend scheinende
Traumrede bei der Analyse in drei oder vier Brocken zerfällt.
Bei dieser Neuverwendung hat er oft den Sinn, den die Worte
in den Traumgedanken hatten, bei Seite gelassen, und dem
Wortlaute einen völlig neuen Sinn abgewonnen
(161)
. Bei näherem Zusehen unterscheidet man an der Traumrede deutlichere, kompakte Bestandteile von anderen, die als Bindemittel dienen und wahrscheinlich ergänzt worden sind, wie wir
ausgelassene Buchstaben und Silben beim Lesen ergänzen.
Die Traumrede hat so den Aufbau eines Brecciengesteins, in
dem größere Brocken verschiedenen Materials durch eine erhärtete Zwischenmasse zusammengehalten werden.
In voller Strenge richtig ist diese Beschreibung allerdings
nur für jene Reden im Traume, die etwas vom sinnlichen
Charakter der Rede haben und als "Reden" beschrieben werden. Die anderen, die nicht gleichsam als gehört oder als ge-
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sagt empfunden werden (keine akustische oder motorische
Mitbetonung im Traume haben), sind einfach Gedanken, wie
sie in unserer wachen Denktätigkeit vorkommen und unverändert in viele Träume übergehen. Für das indifferent gehaltene Redematerial des Traumes scheint auch die Lektüre eine
reich fließende und schwer zu verfolgende Quelle abzugeben.
Alles aber, was im Traume als Rede irgendwie auffällig hervortritt, unterwirft sich der Zurückführung auf reale, selbst
gehaltene oder gehörte Rede.
Beispiele für die Ableitung solcher Traumreden haben wir
bereits bei der Analyse von Träumen gefunden, die zu anderen Zwecken mitgeteilt worden sind. So in dem "harmlosen
Markttraum" auf p. 139, in dem die Rede: Das ist nicht mehr
zu haben, dazu dient, mich mit dem Fleischhauer zu identifizieren, während ein Stück der anderen Rede: Das kenne ich
nicht, das nehme ich nicht, geradezu die Aufgabe erfüllt, den
Traum harmlos zu machen. Die Träumerin hatte nämlich am
Vortage irgend welche Zumutung ihrer Köchin mit den Worten zurückgewiesen: Das kenne ich nicht, benehmen Sie sich
anständig, und nun von dieser Rede das indifferent klingende
erste Stück in den Traum genommen, um mit ihm auf das spätere Stück anzuspielen, das in die Phantasie, welche dem
Traume zu Grunde lag, sehr wohl gepaßt, aber auch dieselbe
verraten hätte.
Ein ähnliches Beispiel an Stelle vieler, die ja alle das nämliche ergaben:
Ein großer Hof, in dem Leichen verbrannt werden. Er sagt:
Da geh’ ich weg, das kann ich nicht sehen. (Keine deutliche Re-
de.) Dann trifft er zwei Fleischhauerbuben und fragt: "Na, hat’s
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SIGMUND FREUD
geschmeckt?" Der eine antwortet: Na, nöt gut war’s. Als ob es
Menschenfleisch gewesen wäre.
Der harmlose Anlaß dieses Traumes ist folgender: Er
macht nach dem Nachtmahl mit seiner Frau einen Besuch bei
den braven, aber keineswegs appetitlichen Nachbarsleuten.
Die gastfreundliche alte Dame befindet sich eben bei ihrem
Abendessen und nötigt ihn (man gebraucht dafür scherzhaft
unter Männern ein zusammengesetztes, sexuell bedeutsames
Wort) davon zu kosten. Er lehnt ab, er habe keinen Appetit
mehr. "Aber gehen’s weg, das werden Sie noch vertragen" oder
so ähnlich. Er muß also kosten und rühmt dann das Gebotene
vor ihr. "Das ist aber gut." Mit seiner Frau wieder allein,
schimpft er dann sowohl über die Aufdringlichkeit der Nachbarin, als auch über die Qualität der gekosteten Speise. "Das
kann ich nicht sehen," das auch im Traume nicht als eigentliche Rede auftritt, ist ein Gedanke, der sich auf die körperlichen Reize der einladenden Dame bezieht, und zu übersetzen wäre, daß er diese zu schauen nicht begehrt.
Der Traum "Non vixit".
Lehrreicher wird sich die Analyse eines anderen Traumes
gestalten, den ich wegen der sehr deutlichen Rede, die seinen
Mittelpunkt bildet, schon an dieser Stelle mitteile, aber erst
bei der Würdigung der Affekte im Traume aufklären werde.
Ich träume sehr klar: Ich bin nachts ins Brückesche Laboratori-
um gegangen und öffne auf ein leises Klopfen an der Tür dem
(verstorbenen) Professor Fleischl, der mit mehreren Fremden
eintritt und sich nach einigen Worten an seinen Tisch setzt.
Dann folgt ein zweiter Traum: Mein Freund Fl. ist im Juli un-
auffällig nach Wien gekommen; ich begegne ihm auf der Straße
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DIE TRAUMDEUTUNG
im Gespräche mit meinem (verstorbenen) Freunde P. und gehe
mit ihnen irgendwohin, wo sie einander wie an einem kleinen
Tische gegenübersitzen, ich an der schmalen Seite des Tischchens
vorn. Fl. erzählt von seiner Schwester und sagt: In dreiviertel
Stunden war sie tot, und dann etwas wie: Das ist die Schwelle.
Da P. ihn nicht versteht, wendet sich Fl. an mich und fragt mich,
wieviel von seinen Dingen ich P. denn mitgeteilt habe. Darauf
ich, von merkwürdigen Affekten ergriffen, Fl. mitteilen will, daß
P. (ja gar nichts wissen kann, weil er) gar nicht am Leben ist. Ich
sage aber, den Irrtum selbst bemerkend: Non vixit. Ich sehe
dann P. durchdringend an, unter meinem Blicke wird er bleich,
verschwommen, seine Augen werden krankhaft blau – und
endlich löst er sich auf. Ich bin ungemein erfreut darüber, verstehe jetzt, daß auch Ernst Fleischl nur eine Erscheinung, ein Revenant war, und finde es ganz wohl möglich, daß eine solche
Person nur so lange besteht, als man es mag, und daß sie durch
den Wunsch des anderen beseitigt werden kann.
Dieser schöne Traum vereinigt so viele der am Trauminhalt rätselhaften Charaktere, – die Kritik während des Traumes selbst, daß ich meinen Irrtum, Non vixit zu sagen anstatt
Non vivit, selbst bemerke; den unbefangenen Verkehr mit
Verstorbenen, die der Traum selbst für verstorben erklärt; die
Absurdität der Schlußfolgerung und die hohe Befriedigung,
die dieselbe mir bereitet, – daß ich "für mein Leben gern" die
volle Lösung dieser Rätsel mitteilen möchte. Ich bin aber in
Wirklichkeit unfähig, das zu tun – was ich nämlich im Traume tue – die Rücksicht auf so teure Personen meinem Ehrgeiz aufzuopfern. Bei jeder Verhüllung wäre aber der mir
wohlbekannte Sinn des Traumes zu Schanden geworden. So
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SIGMUND FREUD
begnüge ich mich denn, zuerst hier, und dann an späterer
Stelle einige Elemente des Traumes zur Deutung herauszugreifen.
Das Zentrum des Traumes bildet eine Szene, in der ich P.
durch einen Blick vernichte. Seine Augen werden dabei so
merkwürdig und unheimlich blau, und dann löst er sich auf.
Diese Szene ist die unverkennbare Nachbildung einer wirklich erlebten. Ich war Demonstrator am physiologischen Institut, hatte den Dienst in den Frühstunden, und Brücke hatte
erfahren, daß ich einigemal zu spät ins Schülerlaboratorium
gekommen war. Da kam er einmal pünktlich zur Eröffnung
und wartete mich ab. Was er mir sagte, war karg und bestimmt; es kam aber gar nicht auf die Worte an. Das Überwältigende waren die fürchterlichen blauen Augen, mit denen er
mich ansah, und vor denen ich verging – wie P. im Traume,
der zu meiner Erleichterung die Rollen verwechselt hat. Wer
sich an die bis ins hohe Greisenalter wunderschönen Augen
des großen Meisters erinnern kann und ihn je im Zorne gesehen hat, wird sich in die Affekte des jugendlichen Sünders
von damals leicht versetzen können.
Es wollte mir aber lange nicht gelingen, das "Non vixit"
abzuleiten, mit dem ich im Traume jene Justiz übe, bis ich
mich besann, daß diese zwei Worte nicht als gehörte oder gerufene, sondern als gesehene so hohe Deutlichkeit im Traume
besessen hatten. Dann wußte ich sofort, woher sie stammten.
Auf dem Postament des Kaiser Josef-Denkmals in der Wiener
Hofburg sind die schönen Worte zu lesen:
Saluti patriae vixit
non diu sed totus.
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Aus dieser Inschrift hatte ich herausgeklaubt, was zu der
einen feindseligen Gedankenreihe in meinen Traumgedanken paßte, und was heißen sollte: Der Kerl hat ja gar nichts
dreinzureden, er lebt ja gar nicht. Und nun mußte ich mich
erinnern, daß der Traum wenige Tage nach der Enthüllung
des Fleischl-Denkmals in den Arkaden der Universität geträumt worden war, wobei ich das Denkmal Brückes wiedergesehen hatte und (im Unbewußten) mit Bedauern erwogen
haben muß, wie mein hochbegabter, und ganz der Wissenschaft ergebener Freund P. durch einen allzufrühen Tod seinen begründeten Anspruch auf ein Denkmal in diesen Räumen verloren. So setzte ich ihm dies Denkmal im Traume;
(162)
mein Freund P. hieß mit dem Vornamen Josef
.
Nach den Regeln der Traumdeutung wäre ich nun noch
immer nicht berechtigt, das non vivit, das ich brauche, durch
non vixit, das mir die Erinnerung an das Josefs-Monument zur
Verfügung stellt, zu ersetzen. Ein anderes Element der Traumgedanken muß dies durch seinen Beitrag ermöglicht haben. Es
heißt mich nun etwas darauf achten, daß in der Traumszene
eine feindselige und eine zärtliche Gedankenströmung gegen
meinen Freund P. zusammentreffen, die erstere oberflächlich,
die letztere verdeckt, und in den nämlichen Worten: Non vixit
ihre Darstellung erreichen. Weil er sich um die Wissenschaft
verdient gemacht hat, errichte ich ihm ein Denkmal; aber weil
er sich eines bösen Wunsches schuldig gemacht hat (der am
Ende des Traumes ausgedrückt ist), darum vernichte ich ihn.
Ich habe da einen Satz von ganz besonderem Klange gebildet,
bei dem mich ein Vorbild beeinflußt haben muß. Wo findet
sich nur eine ähnliche Antithese, ein solches Nebeneinander-
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SIGMUND FREUD
stellen zweier entgegengesetzter Reaktionen gegen dieselbe
Person, die beide den Anspruch erheben, voll berechtigt zu
sein, und doch einander nicht stören wollen? An einer einzigen Stelle, die sich aber dem Leser tief einprägt; in der Rechtfertigungsrede des Brutus in Shakespeares Julius Cäsar: "Weil
Cäsar mich liebte, wein’ ich um ihn; weil er glücklich war, freue
ich mich; weil er tapfer war, ehr’ ich ihn, aber weil er herrschsüchtig war, erschlug ich ihn." Ist das nicht der nämliche Satzbau und Gedankengegensatz wie in dem Traumgedanken, den
ich aufgedeckt habe? Ich spiele also den Brutus im Traume.
Wenn ich nur von dieser überraschenden Kollateralverbindung noch eine andere bestätigende Spur im Trauminhalt auffinden könnte! Ich denke, dies könnte folgendes sein: Mein
Freund Fl. kommt im Juli nach Wien. Diese Einzelheit findet
gar keine Stütze in der Wirklichkeit. Mein Freund ist im Monat Juli meines Wissens niemals in Wien gewesen. Aber der
Monat Juli ist nach Julius Cäsar benannt und könnte darum
sehr wohl die von mir gesuchte Anspielung auf den Zwischengedanken, daß ich den Brutus spiele, vertreten
(163)
.
Merkwürdigerweise habe ich nun wirklich einmal den
Brutus gespielt. Ich habe die Szene Brutus und Cäsar aus
Schillers Gedichten vor einem Auditorium von Kindern aufgeführt und zwar als 14 jähriger Knabe im Vereine mit meinem um ein Jahr älteren Neffen, der damals aus England zu
uns gekommen war, – auch so ein Revenant – denn es war
der Gespiele meiner ersten Kinderjahre, der mit ihm wieder
auftauchte. Bis zu meinem vollendeten dritten Jahre waren
wir unzertrennlich gewesen, hatten einander geliebt und
miteinander gerauft, und diese Kinderbeziehung hat, wie ich
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