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ivanov666
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Файл:Die Traumdeutung
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DIE TRAUMDEUTUNG
weichlich wird. Ich finde eines Tages eine Dame betrübt und
verweint. Sie sagt: "Ich will meine Verwandten nicht mehr sehen, es muß ihnen ja vor mir grausen." Dann erzählt sie fast
ohne Übergang, daß sie sich an einen Traum erinnert, dessen
Bedeutung sie natürlich nicht kennt. Sie hat ihn mit vier Jahren geträumt, er lautet folgendermaßen: Ein Luchs oder Fuchs
geht auf dem Dache spazieren, dann fällt etwas herunter oder
sie fällt herunter, und dann trägt man die Mutter tot aus dem
Hause, wobei sie schmerzlich weint. Ich habe ihr kaum mitge-
teilt, daß dieser Traum den Wunsch aus ihrer Kindheit bedeuten muß, die Mutter tot zu sehen, und daß sie dieses Traumes
wegen meinen muß, die Verwandten grausen sich vor ihr, so
liefert sie bereits etwas Material, den Traum aufzuklären.
"Luchsaug" ist ein Schimpfwort, mit dem sie einmal als ganz
kleines Kind von einem Gassenjungen belegt wurde; ihrer
Mutter ist, als das Kind drei Jahre alt war, ein Ziegelstein vom
Dache auf den Kopf gefallen, so daß sie heftig geblutet hat.
Ich hatte einmal Gelegenheit, ein junges Mädchen, das
verschiedene psychische Zustände durchmachte, eingehend
zu studieren. In einer tobsüchtigen Verworrenheit, mit der
die Krankheit begann, zeigte die Kranke eine ganz besondere Abneigung gegen ihre Mutter, schlug und beschimpfte
sie, sobald sie sich dem Bette näherte, während sie gegen eine um vieles ältere Schwester zu derselben Zeit liebevoll
und gefügig blieb: Dann folgte ein klarer, aber etwas apathischer Zustand mit sehr gestörtem Schlafe; in dieser Phase
begann ich die Behandlung und analysierte ihre Träume. Eine Unzahl derselben handelte mehr oder minder verhüllt
vom Tode der Mutter; bald wohnte sie dem Leichenbegäng-
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SIGMUND FREUD
nis einer alten Frau bei, bald sah sie sich und ihre Schwester
in Trauerkleidern bei Tische sitzen; es blieb über den Sinn
dieser Träume kein Zweifel. Bei noch weiter fortschreitender Besserung traten hysterische Phobien auf; die quälendste
darunter war, daß der Mutter etwas geschehen sei. Von wo
sie immer sich befand, mußte sie dann nach Hause eilen, um
sich zu überzeugen, daß die Mutter noch lebe. Der Fall war
nun, zusammengehalten mit meinen sonstigen Erfahrungen,
sehr lehrreich; er zeigte in gleichsam mehrsprachiger Übersetzung verschiedene Reaktionsweisen des psychischen Apparates auf dieselbe erregende Vorstellung. In der Verworrenheit, die ich als Überwältigung der zweiten psychischen
Instanz durch die sonst unterdrückte erste auffasse, wurde
die unbewußte Feindseligkeit gegen die Mutter motorisch
mächtig; als dann die erste Beruhigung eintrat, der Aufruhr
unterdrückt, die Herrschaft der Zensur wieder hergestellt
war, blieb dieser Feindseligkeit nur mehr das Gebiet des
Träumens offen, um den Wunsch nach ihrem Tode zu verwirklichen; als das Normale sich noch weiter gestärkt hatte,
schuf es als hysterische Gegensatzreaktion und Abwehrerscheinung die übermäßige Sorge um die Mutter. In diesem
Zusammenhange ist es nicht mehr unerklärlich, warum die
hysterischen Mädchen so oft überzärtlich an ihren Müttern
hängen.
Ein andermal hatte ich Gelegenheit, tiefe Einblicke in das
unbewußte Seelenleben eines jungen Mannes zu tun, der
durch Zwangsneurose fast existenzunfähig, nicht auf die
Straße gehen konnte, weil ihn die Sorge quälte, er bringe alle
Leute, die an ihm vorbeigingen, um. Er verbrachte seine Tage
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damit, die Beweisstücke für sein Alibi in Ordnung zu halten,
falls die Anklage wegen eines der in der Stadt vorgefallenen
Morde gegen ihn erhoben werden sollte. Überflüssig zu bemerken, daß er ein ebenso moralischer wie fein gebildeter
Mensch war. Die – übrigens zur Heilung führende – Analyse deckte als die Begründung dieser peinlichen Zwangsvorstellung Mordimpulse gegen seinen etwas überstrengen Vater auf, die sich, als er sieben Jahre alt war, zu seinem
Erstaunen bewußt geäußert hatten, aber natürlich aus weit
früheren Kindesjahren stammten. Nach der qualvollen
Krankheit und dem Tode des Vaters trat im 31. Lebensjahre
der Zwangsvorwurf auf, der sich in Form jener Phobie auf
Fremde übertrug. Wer im stande war, seinen eigenen Vater
von einem Berggipfel in den Abgrund stoßen zu wollen, dem
ist allerdings zuzutrauen, daß er auch das Leben Fernerstehender nicht schone; der tut darum recht daran, sich in seine
Zimmer einzuschließen.
Nach meinen bereits zahlreichen Erfahrungen spielen
die Eltern im Kinderseelenleben aller späteren Psychoneurotiker die Hauptrolle, und Verliebtheit gegen den einen,
Haß gegen den anderen Teil des Elternpaares gehören zum
eisernen Bestand des in jener Zeit gebildeten und für die
Symptomatik der späteren Neurose so bedeutsamen Materials an psychischen Regungen. Ich glaube aber nicht, daß die
Psychoneurotiker sich hierin von anderen normal verbleibenden Menschenkindern scharf sondern, indem sie absolut
Neues und ihnen Eigentümliches zu schaffen vermögen. Es
ist bei weitem wahrscheinlicher und wird durch gelegentliche Beobachtungen an normalen Kindern unterstützt, daß
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SIGMUND FREUD
sie auch mit diesen verliebten und feindseligen Wünschen
gegen ihre Eltern uns nur durch die Vergrößerung kenntlich machen, was minder deutlich und weniger intensiv in
der Seele der meisten Kinder vorgeht. Das Altertum hat uns
zur Unterstützung dieser Erkenntnis einen Sagenstoff überliefert, dessen durchgreifende und allgemeingültige Wirksamkeit nur durch eine ähnliche Allgemeingültigkeit der
besprochenen Voraussetzung aus der Kinderpsychologie
verständlich wird.
Die Ödipusmythe und ihre infantile Wurzel.
Ich meine die Sage vom König Ödipus und das gleichnamige Drama des Sophokles. Ödipus, der Sohn des Laïos, Königs von Theben, und der Jokaste wird als Säugling ausgesetzt, weil ein Orakel dem Vater verkündet hatte, der noch
ungeborene Sohn werde sein Mörder sein. Er wird gerettet
und wächst als Königssohn an einem fremden Hofe auf, bis
er, seiner Herkunft unsicher, selbst das Orakel befragt und
von ihm den Rat erhält, die Heimat zu meiden, weil er der
Mörder seines Vaters und der Ehegemahl seiner Mutter werden müßte. Auf dem Wege von seiner vermeintlichen Heimat weg trifft er mit König Laïos zusammen und erschlägt
ihn in rasch entbranntem Streite. Dann kommt er vor The-
ben, wo er die Rätsel der den Weg sperrenden Sphinx löst
und zum Dank dafür von den Thebanern zum König gewählt
und mit Jokastes Hand beschenkt wird. Er regiert lange Zeit
in Frieden und Würde und zeugt mit der ihm unbekannten
Mutter zwei Söhne und zwei Töchter, bis eine Pest ausbricht,
welche eine neuerliche Befragung des Orakels von Seite der
Thebaner veranlaßt. Hier setzt die Tragödie des Sophokles
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ein. Die Boten bringen den Bescheid, daß die Pest aufhören
werde, wenn der Mörder des Laïos aus dem Lande getrieben
sei. Wo aber weilt der?
"Wo findet sich
die schwererkennbar dunkle Spur der alten Schuld?"
(Übersetzung von Donner, v. 109.)
Die Handlung des Stückes besteht nun in nichts anderem als in der schrittweise gesteigerten und kunstvoll verzögerten Enthüllung – der Arbeit einer Psychoanalyse vergleichbar –, daß Ödipus selbst der Mörder des Laïos, aber
auch der Sohn des Ermordeten und der Jokaste ist. Durch
seine unwissentlich verübten Greuel erschüttert, blendet
sich Ödipus und verläßt die Heimat. Der Orakelspruch ist
erfüllt.
König Ödipus ist eine sogenannte Schicksalstragödie; ihre
tragische Wirkung soll auf dem Gegensatz zwischen dem
übermächtigen Willen der Götter und dem vergeblichen
Sträuben der vom Unheil bedrohten Menschen beruhen; Ergebung in den Willen der Gottheit, Einsicht in die eigene
Ohnmacht soll der tief ergriffene Zuschauer aus dem Trauerspiele lernen. Folgerichtig haben moderne Dichter es versucht, eine ähnliche tragische Wirkung zu erzielen, indem sie
den nämlichen Gegensatz mit einer selbsterfundenen Fabel
verwoben. Allein die Zuschauer haben ungerührt zugesehen,
wie trotz alles Sträubens schuldloser Menschen ein Fluch
oder Orakelspruch sich an ihnen vollzog; die späteren Schicksalstragödien sind ohne Wirkung geblieben.
Wenn der König Ödipus den modernen Menschen nicht
minder zu erschüttern weiß als den zeitgenössischen Grie-
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SIGMUND FREUD
chen, so kann die Lösung wohl nur darin liegen, daß die Wirkung der griechischen Tragödie nicht auf dem Gegensatz
zwischen Schicksal und Menschenwillen ruht, sondern in
der Besonderheit des Stoffes zu suchen ist, an welchem dieser
Gegensatz erwiesen wird. Es muß eine Stimme in unserem
Innern geben, welche die zwingende Gewalt des Schicksals
im Ödipus anzuerkennen bereit ist, während wir Verfügungen wie in der "Ahnfrau" oder in anderen Schicksalstragödien als willkürliche zurückzuweisen vermögen. Und ein solches Moment ist in der Tat in der Geschichte des Königs
Ödipus enthalten. Sein Schicksal ergreift uns nur darum, weil
es auch das unserige hätte werden können, weil das Orakel
vor unserer Geburt denselben Fluch über uns verhängt hat
wie über ihn. Uns allen vielleicht war es beschieden, die erste
sexuelle Regung auf die Mutter, den ersten Haß und gewalttätigen Wunsch gegen den Vater zu richten; unsere Träume
überzeugen uns davon. König Ödipus, der seinen Vater Laïos
erschlagen und seine Mutter Jokaste geheiratet hat, ist nur
die Wunscherfüllung unserer Kindheit. Aber glücklicher als
er, ist es uns seitdem, insofern wir nicht Psychoneurotiker geworden sind, gelungen, unsere sexuellen Regungen von unseren Müttern abzulösen, unsere Eifersucht gegen unsere
Väter zu vergessen. Vor der Person, an welcher sich jener urzeitliche Kindheitswunsch erfüllt hat, schaudern wir zurück
mit dem ganzen Betrage der Verdrängung, welche diese
Wünsche in unserem Innern seither erlitten haben. Während der Dichter in jener Untersuchung die Schuld des Ödi-
pus ans Licht bringt, nötigt er uns zur Erkenntnis unseres eigenen Innern, in dem jene Impulse, wenn auch unterdrückt,
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DIE TRAUMDEUTUNG
noch immer vorhanden sind. Die Gegenüberstellung, mit der
uns der Chor verläßt,
. . . "sehet, das ist Ödipus,
der entwirrt die hohen Rätsel und der erste war an Macht,
dessen Glück die Bürger alle priesen und beneideten;
Seht, in welches Mißgeschickes grause Wogen er versank!"
diese Mahnung trifft uns selbst und unseren Stolz, die wir
seit den Kindesjahren so weise und so mächtig geworden sind
in unserer Schätzung. Wie Ödipus leben wir in Unwissenheit
der die Moral beleidigenden Wünsche, welche die Natur uns
aufgenötigt hat, und nach deren Enthüllung möchten wir
wohl alle den Blick abwenden von den Szenen unserer Kind-
(96)
heit
.
Daß die Sage von Ödipus einem uralten Traumstoffe entsprossen ist, welcher jene peinliche Störung des Verhältnisses
zu den Eltern durch die ersten Regungen der Sexualität zum
Inhalt hat, dafür findet sich im Texte der Sophokleischen Tragödie selbst ein nicht mißzuverstehender Hinweis. Jokaste
tröstet den noch nicht aufgeklärten, aber durch die Erinnerung der Orakelsprüche besorgt gemachten Ödipus durch die
Erwähnung eines Traumes, den ja so viele Menschen träumen, ohne daß er, meint sie, etwas bedeute:
"Denn viele Menschen sahen auch in Träumen schon
Sich zugesellt der Mutter: Doch wer alles dies
Für nichtig achtet, trägt die Last des Lebens leicht."
Der Traum, mit der Mutter sexuell zu verkehren, wird
ebenso wie damals auch heute vielen Menschen zu teil, die
ihn empört und verwundert erzählen. Er ist, wie begreiflich,
der Schlüssel der Tragödie und das Ergänzungsstück zum
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Traume vom Tode des Vaters. Die Ödipusfabel ist die Reaktion
der Phantasie auf diese beiden typischen Träume, und wie die
Träume vom Erwachsenen mit Ablehnungsgefühlen erlebt
werden, so muß die Sage Schreck und Selbstbestrafung in ihren Inhalt mit aufnehmen. Ihre weitere Gestaltung rührt wiederum von einer mißverständlichen sekundären Bearbeitung
des Stoffes her, welche ihn einer theologisierenden Absicht
dienstbar zu machen sucht. (Vgl. den Traumstoff von der Exhibition p. 183 f.) Der Versuch, die göttliche Allmacht mit der
menschlichen Verantwortlichkeit zu vereinigen, muß natürlich an diesem Material wie an jedem anderen mißlingen.
Die Deutung von Shakespeare’s "Hamlet".
Auf demselben Boden wie "König Ödipus" wurzelt eine
andere der großen tragischen Dichterschöpfungen, der Ham-
let Shakespeares. Aber in der veränderten Behandlung des
nämlichen Stoffes offenbart sich der ganze Unterschied im
Seelenleben der beiden weit auseinanderliegenden Kulturperioden, das säkulare Fortschreiten der Verdrängung im Gemütsleben der Menschheit. Im Ödipus wird die zu grunde liegende Wunschphantasie des Kindes wie im Traume ans Licht
gezogen und realisiert; im Hamlet bleibt sie verdrängt, und
wir erfahren von ihrer Existenz – dem Sachverhalt bei einer
Neurose ähnlich – nur durch die von ihr ausgehenden Hemmungswirkungen. Mit der überwältigenden Wirkung des moderneren Dramas hat es sich eigentümlicherweise als vereinbar gezeigt, daß man über den Charakter des Helden in voller
Unklarheit verbleiben könne. Das Stück ist auf die Zögerung
Hamlets gebaut, die ihm zugeteilte Aufgabe der Rache zu erfüllen; welches die Gründe oder Motive dieser Zögerung sind,
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gesteht der Text nicht ein; die vielfältigsten Deutungsversuche haben es nicht anzugeben vermocht. Nach der heute
noch herrschenden, durch Goethe begründeten Auffassung
stellt Hamlet den Typus des Menschen dar, dessen frische
Tatkraft durch die überwuchernde Entwicklung der Gedankentätigkeit gelähmt wird ("Von des Gedankens Blässe angekränkelt"). Nach anderen hat der Dichter einen krankhaften,
unentschlossenen, in das Bereich der Neurasthenie fallenden
Charakter zu schildern versucht. Allein die Fabel des Stückes
lehrt, daß Hamlet uns keineswegs als eine Person erscheinen
soll, die des Handelns überhaupt unfähig ist. Wir sehen ihn
zweimal handelnd auftreten, das einemal in rasch auffahrender Leidenschaft, wie er den Lauscher hinter der Tapete niederstößt, ein anderesmal planmäßig, ja selbst arglistig, indem
er mit der vollen Unbedenklichkeit des Renaissance-Prinzen
die zwei Höflinge in den ihm selbst zugedachten Tod schickt.
Was hemmt ihn also bei der Erfüllung der Aufgabe, die der
Geist seines Vaters ihm gestellt hat? Hier bietet sich wieder
die Auskunft, daß es die besondere Natur dieser Aufgabe ist.
Hamlet kann alles, nur nicht die Rache an dem Manne vollziehen, der seinen Vater beseitigt und bei seiner Mutter dessen Stelle eingenommen hat, an dem Manne, der ihm die Realisierung seiner verdrängten Kinderwünsche zeigt. Der
Abscheu, der ihn zur Rache drängen sollte, ersetzt sich so bei
ihm durch Selbstvorwürfe, durch Gewissensskrupel, die ihm
vorhalten, daß er, wörtlich verstanden, selbst nicht besser sei
als der von ihm zu strafende Sünder. Ich habe dabei ins Bewußte übersetzt, was in der Seele des Helden unbewußt bleiben muß; wenn jemand Hamlet einen Hysteriker nennen
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will, kann ich es nur als Folgerung aus meiner Deutung anerkennen. Die Sexualabneigung stimmt sehr wohl dazu, die
Hamlet dann im Gespräche mit Ophelia äußert, die nämliche
Sexualabneigung, die von der Seele des Dichters in den nächsten Jahren immer mehr Besitz nehmen sollte, bis zu ihren
Gipfeläußerungen im Timon von Athen. Es kann natürlich
nur das eigene Seelenleben des Dichters gewesen sein, das
uns im Hamlet entgegentritt; ich entnehme dem Werke von
Georg Brandes über Shakespeare (1896) die Notiz, daß das
Drama unmittelbar nach dem Tode von Shakespeares Vater
(1601), also in der frischen Trauer um ihn, in der Wiederbelebung, dürfen wir annehmen, der auf den Vater bezüglichen
Kindheitsempfindungen gedichtet worden ist. Bekannt ist
auch, daß Shakespeares früh verstorbener Sohn den Namen
Hamnet (identisch mit Hamlet) trug. Wie Hamlet das Verhältnis des Sohnes zu den Eltern behandelt, so ruht der in der
Zeit nahestehende Macbeth auf dem Thema der Kinderlosigkeit. Wie übrigens jedes neurotische Symptom, wie selbst der
Traum, der Überdeutung fähig ist, ja dieselbe zu seinem vollen Verständnis fordert, so wird auch jede echte dichterische
Schöpfung aus mehr als aus einem Motiv und einer Anregung
in der Seele des Dichters hervorgegangen sein und mehr als
eine Deutung zulassen. Ich habe hier nur die Deutung der
tiefsten Schicht von Regungen in der Seele des schaffenden
Dichters versucht.
Ich kann die typischen Träume vom Tode teurer Verwandten nicht verlassen, ohne daß ich deren Bedeutung für
die Theorie des Traumes überhaupt noch mit einigen Worten
beleuchte. Diese Träume zeigen uns den recht ungewöhnli-
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