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ivanov666
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Файл:Die Traumdeutung
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DIE TRAUMDEUTUNG
lung oder, mit anderen Worten, die Entstellung erweist sich
hier als absichtlich, als ein Mittel der Verstellung. Meine
Traumgedanken enthalten eine Schmähung für R.; damit ich
diese nicht merke, gelangt in den Traum das Gegenteil, ein
zärtliches Empfinden für ihn.
Die psychische Zensur.
Es könnte dies eine allgemein gültige Erkenntnis sein. Wie
die Beispiele in Abschnitt III gezeigt haben, gibt es ja Träume,
welche unverhüllte Wunscherfüllungen sind. Wo die Wunscherfüllung unkenntlich, verkleidet ist, da müßte eine Tendenz zur Abwehr gegen diesen Wunsch vorhanden sein, und
infolge dieser Abwehr könnte der Wunsch sich nicht anders
als entstellt zum Ausdruck bringen. Ich will zu diesem Vorkommnis aus dem psychischen Binnenleben das Seitenstück
aus dem sozialen Leben suchen. Wo findet man im sozialen
Leben eine ähnliche Entstellung eines psychischen Aktes?
Nur dort, wo es sich um zwei Personen handelt, von denen
die eine eine gewisse Macht besitzt, die zweite wegen dieser
Macht eine Rücksicht zu nehmen hat. Diese zweite Person
entstellt dann ihre psychischen Akte oder, wie wir auch sagen
können, sie verstellt sich. Die Höflichkeit, die ich alle Tage
übe, ist zum guten Teile eine solche Verstellung; wenn ich
meine Träume für den Leser deute, bin ich zu solchen Entstellungen genötigt. Über den Zwang zu solcher Entstellung
klagt auch der Dichter:
"Das Beste, was du wissen kannst, darfst du den Buben
doch nicht sagen."
In ähnlicher Lage befindet sich der politische Schriftsteller, der den Machthabern unangenehme Wahrheiten zu sa-
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SIGMUND FREUD
gen hat. Wenn er sie unverhohlen sagt, wird der Machthaber
seine Äußerung unterdrücken, nachträglich, wenn es sich um
mündliche Äußerung handelt, präventiv, wenn sie auf dem
Wege des Druckes kundgegeben werden soll. Der Schriftsteller hat die Zensur zu fürchten, er ermäßigt und entstellt darum den Ausdruck seiner Meinung. Je nach der Stärke und
Empfindlichkeit dieser Zensur sieht er sich genötigt, entweder bloß gewisse Formen des Angriffes einzuhalten oder in
Anspielungen anstatt in direkten Bezeichnungen zu reden
oder er muß seine anstößige Mitteilung hinter einer harmlos
erscheinenden Verkleidung verbergen, er darf z. B. von Vorfällen zwischen zwei Mandarinen im Reiche der Mitte erzählen, während er die Beamten des Vaterlandes im Auge hat. Je
strenger die Zensur waltet, desto weitgehender wird die Verkleidung, desto witziger oft die Mittel, welche den Leser doch
auf die Spur der eigentlichen Bedeutung leiten.
Die bis ins einzelne durchzuführende Übereinstimmung
zwischen den Phänomenen der Zensur und denen der Traumentstellung gibt uns die Berechtigung, ähnliche Bedingungen für beide vorauszusetzen. Wir würden also als die Urheber
der Traumgestaltung zwei psychische Mächte (Strömungen,
Systeme) im Einzelmenschen annehmen, von denen die eine
den durch den Traum zum Ausdruck gebrachten Wunsch bildet, während die andere eine Zensur an diesem Traumwunsche übt und durch diese Zensur eine Entstellung seiner Äußerung erzwingt. Es fragt sich nur, worin die Machtbefugnis
dieser zweiten Instanz besteht, kraft deren sie ihre Zensur ausüben darf. Wenn wir uns erinnern, daß die latenten Traumgedanken vor der Analyse nicht bewußt sind, der von ihnen aus-
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gehende manifeste Trauminhalt aber als bewußt erinnert wird,
so liegt die Annahme nicht fern, das Vorrecht der zweiten Instanz sei eben die Zulassung zum Bewußtsein. Aus dem ersten
System könne nichts zum Bewußtsein gelangen, was nicht vorher die zweite Instanz passiert habe, und die zweite Instanz
lasse nichts passieren, ohne ihre Rechte auszuüben und die ihr
genehmen Abänderungen am Bewußtseinswerber durchzusetzen. Wir verraten dabei eine ganz bestimmte Auffassung vom
"Wesen" des Bewußtseins; das Bewußtwerden ist für uns ein
besonderer psychischer Akt, verschieden und unabhängig von
dem Vorgang des Gedacht- oder Vorgestelltwerdens, und das
Bewußtsein erscheint uns als ein Sinnesorgan, welches einen
anderwärts gegebenen Inhalt wahrnimmt. Es läßt sich zeigen,
daß die Psychopathologie dieser Grundannahmen schlechterdings nicht entraten kann. Eine eingehendere Würdigung derselben dürfen wir uns für eine spätere Stelle vorbehalten.
Wenn ich die Vorstellung der beiden psychischen Instanzen und ihrer Beziehungen zum Bewußtsein festhalte, ergibt
sich für die auffällige Zärtlichkeit, die ich im Traume für meinen Freund R. empfinde, der in der Traumdeutung so herabgesetzt wird, eine völlig kongruente Analogie aus dem politischen Leben der Menschen. Ich versetze mich in ein
Staatsleben, in welchem ein auf seine Macht eifersüchtiger
Herrscher und eine rege öffentliche Meinung miteinander
ringen. Das Volk empöre sich gegen einen ihm mißliebigen
Beamten und verlange dessen Entlassung; um nicht zu zeigen,
daß er dem Volkswillen Rechnung tragen muß, wird der
Selbstherrscher dem Beamten gerade dann eine hohe Auszeichnung verleihen, zu der sonst kein Anlaß vorläge. So
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SIGMUND FREUD
zeichnet meine zweite, den Zugang zum Bewußtsein beherrschende Instanz Freund R. durch einen Erguß von übergroßer Zärtlichkeit aus, weil die Wunschbestrebungen des ersten Systems ihn in einem besonderen Interesse, dem sie
gerade nachhängen, als einen Schwachkopf beschimpfen
(48)
möchten
.
Träume von einem versagten Wunsch.
Vielleicht werden wir hier von der Ahnung erfaßt, daß die
Traumdeutung im stande sei, uns Aufschlüsse über den Bau
unseres seelischen Apparates zu geben, welche wir von der
Philosophie bisher vergebens erwartet haben. Wir folgen aber
nicht dieser Spur, sondern kehren, nachdem wir die Traumentstellung aufgeklärt haben, zu unserem Ausgangsproblem zurück. Es wurde gefragt, wie denn die Träume mit peinlichem Inhalt als Wunscherfüllungen aufgelöst werden
können. Wir sehen nun, dies ist möglich, wenn eine Traumentstellung stattgefunden hat, wenn der peinliche Inhalt
nur zur Verkleidung eines erwünschten dient. Mit Rücksicht
auf unsere Annahmen über die zwei psychischen Instanzen
können wir jetzt auch sagen: die peinlichen Träume enthalten tatsächlich etwas, was der zweiten Instanz peinlich ist,
was aber gleichzeitig einen Wunsch der ersten Instanz erfüllt.
Sie sind insofern Wunschträume, als ja jeder Traum von der
ersten Instanz ausgeht, die zweite sich nur abwehrend, nicht
schöpferisch, gegen den Traum verhält. Beschränken wir uns
auf eine Würdigung dessen, was die zweite Instanz zum Traume beiträgt, so können wir den Traum niemals verstehen. Es
bleiben dann alle Rätsel bestehen, welche von den Autoren
am Traum bemerkt worden sind.
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DIE TRAUMDEUTUNG
Daß der Traum wirklich einen geheimen Sinn hat, der ei-
ne Wunscherfüllung ergibt, muß wiederum für jeden Fall
durch die Analyse erwiesen werden. Ich greife darum einige
Träume peinlichen Inhaltes heraus und versuche deren Analyse. Es sind zum Teil Träume von Hysterikern, die einen langen Vorbericht und stellenweise ein Eindringen in die psychischen Vorgänge bei der Hysterie erfordern. Ich kann
dieser Erschwerung der Darstellung aber nicht aus dem Wege
gehen.
Wenn ich einen Psychoneurotiker in analytische Be-
handlung nehme, werden seine Träume regelmäßig, wie bereits erwähnt, zum Thema unserer Besprechungen. Ich muß
ihm dabei alle die psychologischen Aufklärungen geben, mit
deren Hilfe ich selbst zum Verständnis seiner Symptome gelangt bin, und erfahre dabei eine unerbittliche Kritik, wie
ich sie von den Fachgenossen wohl nicht schärfer zu erwarten habe. Ganz regelmäßig erhebt sich der Widerspruch
meiner Patienten gegen den Satz, daß die Träume sämtlich
Wunscherfüllungen seien. Hier einige Beispiele von dem
Material an Träumen, welche mir als Gegenbeweise vorgehalten werden.
"Sie sagen immer, der Traum ist ein erfüllter Wunsch," be-
ginnt eine witzige Patientin. "Nun will ich Ihnen einen
Traum erzählen, dessen Inhalt ganz im Gegenteil dahin geht,
daß mir ein Wunsch nicht erfüllt wird. Wie vereinen Sie das
mit Ihrer Theorie? Der Traum lautet wie folgt:
Ich will ein Souper geben, habe aber nichts vorrätig als et-
was geräucherten Lachs. Ich denke daran, einkaufen zu gehen, erinnere mich aber, daß es Sonntag nachmittag ist, wo
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SIGMUND FREUD
alle Läden gesperrt sind. Ich will nun einigen Lieferanten telephonieren, aber das Telephon ist gestört. So muß ich auf
den Wunsch, ein Souper zu geben, verzichten."
Ich antworte natürlich, daß über den Sinn dieses Traumes
nur die Analyse entscheiden kann, wenngleich ich zugebe,
daß er für den ersten Anblick vernünftig und zusammenhängend erscheint und dem Gegenteil einer Wunscherfüllung
ähnlich sieht. "Aus welchem Material ist aber dieser Traum
hervorgegangen? Sie wissen, daß die Anregung zu einem
Traume jedesmal in den Erlebnissen des letzten Tages liegt."
Analyse: Der Mann der Patientin, ein biederer und tüchti-
ger Großfleischhauer, hat ihr Tags vorher erklärt, er werde zu
dick und wolle darum eine Entfettungskur beginnen. Er werde früh aufstehen, Bewegung machen, strenge Diät halten
und vor allem keine Einladungen zu Soupers mehr annehmen. – Von dem Manne erzählt sie lachend weiter, er habe
am Stammtisch die Bekanntschaft eines Malers gemacht, der
ihn durchaus abkonterfeien wolle, weil er einen so ausdrucksvollen Kopf noch nicht gefunden habe. Ihr Mann habe aber
in seiner derben Manier erwidert, er bedanke sich schön und
er sei ganz überzeugt, ein Stück vom Hintern eines schönen
jungen Mädchens sei dem Maler lieber als sein ganzes Ge-
(49)
sicht
. Sie sei jetzt sehr verliebt in ihren Mann und necke
sich mit ihm herum. Sie hat ihn auch gebeten, ihr keinen Kaviar zu schenken. – Was soll das heißen?
Sie wünscht es sich nämlich schon lange, jeden Vormittag
eine Kaviarsemmel essen zu können, gönnt sich aber die Ausgabe nicht. Natürlich bekäme sie den Kaviar sofort von ihrem
Manne, wenn sie ihn darum bitten würde. Aber sie hat ihn im
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Gegenteil gebeten, ihr keinen Kaviar zu schenken, damit sie
ihn länger damit necken kann.
(Diese Begründung scheint mir fadenscheinig. Hinter solchen unbefriedigenden Auskünften pflegen sich uneingestandene Motive zu verbergen. Man denke an die Hypnotisierten Bernheims, die einen posthypnotischen Auftrag
ausführen, und nach ihren Motiven befragt, nicht etwa antworten: Ich weiß nicht, warum ich das getan habe, sondern
eine offenbar unzureichende Begründung erfinden müssen.
So ähnlich wird es wohl mit dem Kaviar meiner Patientin
sein. Ich merke, sie ist genötigt, sich im Leben einen unerfüllten Wunsch zu schaffen. Ihr Traum zeigt ihr auch die
Wunschverweigerung als eingetroffen. Wozu braucht sie aber
einen unerfüllten Wunsch?)
Die bisherigen Einfälle haben zur Deutung des Traumes
nicht ausgereicht. Ich dringe nach weiteren. Nach einer kurzen Pause, wie sie eben der Überwindung des Widerstandes
entspricht, berichtet sie ferner, daß sie gestern einen Besuch
bei einer Freundin gemacht, auf die sie eigentlich eifersüchtig
ist, weil ihr Mann diese Frau immer so lobt. Zum Glück ist
diese Freundin sehr dürr und mager und ihr Mann ist ein
Liebhaber voller Körperformen. Wovon sprach nun diese magere Freundin? Natürlich von ihrem Wunsche, etwas stärker
zu werden. Sie fragte sie auch: "Wann laden Sie uns wieder
einmal ein? Man ißt immer so gut bei Ihnen."
Nun ist der Sinn des Traumes klar. Ich kann der Patientin
sagen: "Es ist gerade so, als ob Sie sich bei der Aufforderung
gedacht hätten: Dich werde ich natürlich einladen, damit du
dich bei mir anessen, dick werden und meinem Manne noch
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SIGMUND FREUD
besser gefallen kannst. Lieber geb’ ich kein Souper mehr. Der
Traum sagt Ihnen dann, daß Sie kein Souper geben können,
erfüllt also Ihren Wunsch, zur Abrundung der Körperformen
Ihrer Freundin nichts beizutragen. Daß man von den Dingen,
die man in Gesellschaften vorgesetzt bekommt, dick wird,
lehrt Sie ja der Vorsatz Ihres Mannes, im Interesse seiner Entfettung Soupereinladungen nicht mehr anzunehmen." Es
fehlt jetzt nur noch irgend ein Zusammentreffen, welches die
Lösung bestätigt. Es ist auch der geräucherte Lachs im
Trauminhalt noch nicht abgeleitet. "Wie kommen Sie zu dem
im Traume erwähnten Lachs?" "Geräucherter Lachs ist die
Lieblingsspeise dieser Freundin," antwortet sie. Zufällig kenne ich die Dame auch und kann bestätigen, daß sie sich den
Lachs ebensowenig vergönnt wie meine Patientin den Kaviar.
Derselbe Traum läßt auch noch eine andere und feinere
Deutung zu, die durch einen Nebenumstand selbst notwendig gemacht wird. Die beiden Deutungen widersprechen einander nicht, sondern überdecken einander und ergeben ein
schönes Beispiel für die gewöhnliche Doppelsinnigkeit der
Träume wie aller anderen psychopathologischen Bildungen.
Wir haben gehört, daß die Patientin gleichzeitig mit ihrem
Traume von der Wunschverweigerung bemüht war, sich einen versagten Wunsch im Realen zu verschaffen (die Kaviarsemmel). Auch die Freundin hatte einen Wunsch geäußert,
nämlich dicker zu werden, und es würde uns nicht wundern,
wenn unsere Dame geträumt hätte, der Freundin gehe ein
Wunsch nicht in Erfüllung. Es ist nämlich ihr eigener
Wunsch, daß der Freundin ein Wunsch – nämlich der nach
Körperzunahme – nicht in Erfüllung gehe. Anstatt dessen
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träumt sie aber, daß ihr selbst ein Wunsch nicht erfüllt wird.
Der Traum erhält eine neue Deutung, wenn sie im Traume
nicht sich, sondern die Freundin meint, wenn sie sich an Stelle der Freundin gesetzt oder, wie wir sagen können, sich mit
ihr identifiziert hat.
Die hysterische Identifizierung.
Ich meine, dies hat sie wirklich getan, und als Anzeichen
dieser Identifizierung hat sie sich den versagten Wunsch im
Realen geschaffen. Was hat aber die hysterische Identifizierung für Sinn? Das aufzuklären bedarf einer eingehenden
Darstellung. Die Identifizierung ist ein für den Mechanismus
der hysterischen Symptome höchst wichtiges Moment; auf
diesem Wege bringen es die Kranken zu stande, die Erlebnisse einer großen Reihe von Personen, nicht nur die eigenen, in
ihren Symptomen auszudrücken, gleichsam für einen ganzen
Menschenhaufen zu leiden und alle Rollen eines Schauspieles allein mit ihren persönlichen Mitteln darzustellen. Man
wird mir einwenden, das sei die bekannte hysterische Imitation, die Fähigkeit Hysterischer, alle Symptome, die ihnen bei
anderen Eindruck machen, nachzuahmen, gleichsam ein zur
Reproduktion gesteigertes Mitleiden. Damit ist aber nur der
Weg bezeichnet, auf dem der psychische Vorgang bei der hysterischen Imitation abläuft; etwas anderes ist der Weg und
der seelische Akt, der diesen Weg geht. Letzterer ist um ein
Geringes komplizierter, als man sich die Imitation der Hysterischen vorzustellen liebt; er entspricht einem unbewußten
Schlußprozeß, wie ein Beispiel klarstellen wird. Der Arzt,
welcher eine Kranke mit einer bestimmten Art von Zuckungen unter anderen Kranken auf demselben Zimmer im Kran-
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kenhause hat, zeigt sich nicht erstaunt, wenn er eines Morgens erfährt, daß dieser besondere hysterische Anfall
Nachahmung gefunden hat. Er sagt sich einfach: Die anderen
haben ihn gesehen und nachgemacht; das ist psychische Infektion. Ja, aber die psychische Infektion geht etwa auf folgende Weise zu. Die Kranken wissen in der Regel mehr voneinander als der Arzt über jede von ihnen, und sie kümmern sich
umeinander, wenn die ärztliche Visite vorüber ist. Die eine
bekomme heute ihren Anfall; es wird alsbald den anderen bekannt, daß ein Brief vom Hause, Auffrischung des Liebeskummers und dergleichen davon die Ursache ist. Ihr Mitgefühl
wird rege, es vollzieht sich in ihnen folgender, nicht zum Bewußtsein gelangender Schluß: Wenn man von solcher Ursache solche Anfälle haben kann, so kann ich auch solche Anfälle bekommen, denn ich habe dieselben Anlässe. Wäre dies
ein des Bewußtseins fähiger Schluß, so würde er vielleicht in
die Angst ausmünden, den gleichen Anfall zu bekommen; er
vollzieht sich aber auf einem anderen psychischen Terrain,
endet daher in der Realisierung des gefürchteten Symptoms.
Die Identifizierung ist also nicht simple Imitation, sondern
Aneignung auf Grund des gleichen ätiologischen Anspruches;
sie drückt ein "gleichwie" aus und bezieht sich auf ein im Unbewußten verbleibendes Gemeinsames.
Die Identifizierung wird in der Hysterie am häufigsten benutzt zum Ausdruck einer sexuellen Gemeinsamkeit. Die
Hysterica identifiziert sich in ihren Symptomen am ehesten –
wenn auch nicht ausschließlich – mit solchen Personen, mit
denen sie im sexuellen Verkehre gestanden hat, oder welche
mit den nämlichen Personen wie sie selbst sexuell verkehren.
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