Добавил:
ivanov666
Опубликованный материал нарушает ваши авторские права? Сообщите нам.
Вуз:
Предмет:
Файл:Детство и юность Людвига ван Бетховена. Учебное пособие – книга для чтения на немецком языке
.pdf
4. Äussern Sie Ihre Meinungen über den Einfluss von Franz Rovantini auf
den Charakter seines Vetters.
5. Erzählen Sie darüber
, wie Louis sein erstes Geld verdiente.
6. Es ist interessant, wie Louis Orgelspieler geworden ist. Finden Sie das
Fragment des Textes, in dem es darum geht. Erzählen Sie kurz
darüber.
ACHTES
K
APITEL
Ludwig stand am Fenster und spielte auf seiner Bratsche. Er hatte seine
Etüden beendet; nun spielte er Melodien, wie sie ihm gerade einfielen, und
das schien ihm das Allerschönste. Sein Vater trat ein. Was kratzest du da
wieder für dummes Zeug durcheinander! Du weißt, daß ich das gar nicht
leiden kann. Kratz nach Noten, sonst wird dir dein Kratzen wenig nützen.
Ludwig entgegnete, er sei mit seinen Übungen fertig. Na, dann stör
mich nicht weiter
, mach, daß du hinauskommst. Ludwig warf seinem Vater
einen Blick zu, den dieser glücklicherweise nicht bemerkte, hängte die
Bratsche an ihren Platz und verschwand.
Johann zog eine Flasche, die er aus dem Keller heraufgeholt hatte, aus
der Rocktasche, langte sich ein Glas aus dem Wandschrank und ließ sich
seufzend in einer Sofaecke nieder. Das Sofa war elend hart. V
Wirtschaft das! Dann goß er das erste Glas auf einen Zug
doch wirklich ein armer, geplagter Mensch! Sor
man blickt. V
ier Kinder hat er nun glücklich zu ernähren, seit ihm seine Frau
gen, nichts als Sorgen, wohin
erdammte
1
hinunter. Er ist
voriges Jahr wieder einen Sohn geschenkt hat; und wenn der liebe Gott die
kleine Anna nichtgleich wieder zu sich genommen hätte, dann wären es
jetzt fünf. Nun, man soll nicht gegen des Höchsten Willen murren; was Gott
tut, ist wohlgetan. Vier Kinder aufziehen bei dem jammervollen Gehalt, das
ist immer noch eine Leistung! Das soll ihm mal jemand nachmachen!
Pröstchen, Jean!
2
Und der Louis, dieser Bursche, der wird nun jeden Tag älter, spielt ja
seine Sachen recht ordentlich
aber ein W
underkind, mit dem man reisen
könnte, das ist er doch nicht, das hat sich ja in Rotterdam gezeigt. Er hat
61

sich, weiß es Gott, Mühe genug mit dem Bengel gegeben, und Pfeiffer nicht
minder Pfeiffer, den man hier mit Schimpf und Schande weggejagt hat,
weil er ein aufrechter Mann ist Pröstchen, alter Tobias! Und dann
Rovantini der ist nun tot! Edler Franz! Dir sei ein volles Glas geweiht!
Aber du ruhst nun unter dem kühlen Rasen, so kühl wie dieser Wein.
Stimmt das? Er läßt ein neues Glas prüfend über die Zunge rinnen.
Jawohl, gerade die richtige Kellertemperatur
Erde ist es doch entschieden gemütlicher
. Armer Franz! Oberhalb der
, wenn man auch ein armer
, geplagter
Familienvater ist.
Und auf den alten Eeden ist nun auch wohl nicht mehr zu rechnen.
Louis braucht also unbedingt einen neuen Lehrer, sonst könnte man die
W
underkindidee gleich begraben.
Es bleibt doch wohl nichts übrig, als den Jungen zu Musikdirektor Neefe
zu bringen, wenn er den auch auf den Tod nicht leiden kann. Was hat der
Kerl ihm neulich noch gesagt? Seine Stimme ließe nach, er solle nicht soviel
trinken! Wo doch bloß der verdammte Mehlstaub in dieser alten
Bäckerbude daran schuld ist, wenn seine Stimme ab und zu etwas verschleiert
klingt. Überhaupt, eine schöne Wirtschaft mit diesem hergelaufenen
Protestanten! Der soll also nun Hoforganist werden, Hoforganist eines
Erzbischofs! Eigentlich wäre das später was für Louis, wenn es vielleicht
mit dem Klavierwunderkind nichts werden sollte; dieser Möglichkeit muß
man leider doch allmählich ins Auge sehen. Er versinkt in Nachdenken. Der
Hof hat sich doch früher immer zwei Or
ganisten gehalten. W
enn Neefe
den Louis weiter im Orgelspiel ausbildet, dann kann der Junge es wenigstens
zum zweiten Organisten bringen. Und wenn dann der alte Kurfürst mal
stirbt, und es kommt sein Nachfolger
, der stockkatholische Erzherzog aus
Wien, wer weiß, ob dann nicht hier ein anderer Wind weht, der vielleicht
den Protestanten von seiner Orgelbank herunterbläst und den Louis an seine
Stelle. Eine glänzende Idee! Darauf gehört eine zweite Flasche.
3
*
So erschien denn Johann van Beethoven eines Tages bei Neefe, setzte
ihm die Lage seines hoffnungsvollen Sohnes auseinander und bat den Herrn
Musikdirektor in den schmeichelhaftesten Ausdrücken, Ludwigs weitere
musikalische Ausbildung in seine bewährten Hände zu nehmen.
Neefe ließ sich den bisherigen Unterrichtsgang genau schildern.
62

Sie sehen also, Herr Musikdirektor, schloß V
ater Beethoven, er
kann eigentlich schon alles, was er später braucht; es handelt sich nur
darum, daß Sie ihm sozusagen den letzten Schliff geben.
4
Nur in der
Harmonielehre ist er noch ein bißchen schwach, aber das ist meine
geringste Sorge. Denn die hat er gewissermaßen mit auf die W
elt
bekommen, die liegt uns Beethovens im Blute. Sie lächeln, Herr
Musikdirektor? Lassen Sie sich mal von Louis seine erste Komposition
vorspielen; es sind V
ariationen über einen Marsch. Die hat er geschrieben,
bevor er noch das Wort Harmonielehre überhaupt hat aussprechen hören;
und ich kann Ihnen sagen, sie sind großartig! Nein, in der Beziehung
5
hab ich wirklich keine Bange!
Machen Sie ihn nur zu einem perfekten
Klavier und Orgelspieler; für alles andere wird mein Louis schon selber
sorgen.
Gut, Herr van Beethoven. Schicken Sie Ihren Sohn morgen früh zu
mir! Besitzt er schon Philipp Emanuel Bachs
6
Versuch über die wahre
Art, das Klavier zu spielen?
Johann hatte den Namen nie gehört
Das tut mir leid, sagte Neefe. Philipp Emanuel Bachs V
die wahre Art, das Klavier zu spielen, ist immer noch jedem der vortref
ersuch über
flich
auf diesem Instrument werden will, vorzugsweise zu empfehlen was auch
ein unverschämter Bube neulich wider diesen verehrungswürdigen Mann
in den T
Schwer? Freilich schwer
ag hineingeschmiert hat. Es sei schwer, und doch nicht gustös.
, aber nur relativ. Es gibt Leute, denen auch das
leichteste Menuett schwer ist. Nicht gustös? Freilich findet der keinen
Geschmack an kräftigen nahrhaften Speisen, der sich den Magen mit
Zuckerbrot verdorben hat. Man kitzelt sich lieber den Gaumen mit
Champagner oder geschmiertem Zyperwein, und läßt den herrlichen
Rheinwein, der die Nerven stärkt und den Geist erhebt, ungenossen stehen.
Ich nicht! rief Johann begeistert, ich wahrhaftig nicht! Das haben
Sie schön gesagt, Herr Musikdirektor! Sie sind ein ganzer Mann, Ihnen
kann ich meinen Louis ruhigen Herzens anvertrauen!
Neefe hatte aus der Ferne Ludwigs Entwicklung mit einem gewissen
Bangen verfolgt, aber dem V
ater, der ihm noch dazu auf das äußerste zuwider
war, in die Erziehung seines Sohnes nicht gut dreinreden können. Was bisher
für das Kind geschehen war, das war alles Stückwerk gewesen, und
Pfeiffers, dieses talentierten Lumpen, Einfluß hatte er geradezu als
7
63

verhängnisvoll angesehen.8 Daher war ihm das Anliegen des V
aters eine
große Freude; nun sollte es anders werden, dafür wollte er sorgen.
Neefe war zu jener Zeit eine Seltenheit unter den Musikern ein
allseitig gebildeter Mensch. Als Sohn eines armen Schneiders zu Chemnitz
geboren, hatte er sich aus eigener Kraft emporgearbeitet, in Leipzig
Rechtswissenschaft und Philosophie studiert, hatte sein juristisches Examen
bestanden, sich dann aber ganz der Musik gewidmet. In Johann Adam Hiller,
dem Singspielkomponisten und späteren Thomaskantor
, hatte er einen
väterlichen Freund gefunden; der hatte ihm in seinem Studium, Schaffen
und Fortkommen fördernd zur Seite gestanden und ihm auch zu seiner ersten
Anstellung als Musikdirektor bei der berühmten Seylerschen Theatertruppe
verholfen. Als Opernleiter bewährte er sich in Bonn so vorzüglich, brachte
überhaupt mit seinem überragenden und vielseitigen Talent einen solch
frischen Zug in das Musikleben der Residenz, daß ihn Baron Belderbusch
doppelt fest an Bonn fesseln wollte und ihm darum zu seinem
Kapellmeisteramt noch die Anwartschaft auf des alten van den Eedens
Nachfolge als Hoforganist dekretierte.
*
Die erste Unterrichtsstunde war vorüber
, das Kind war gegangen, und
Neefes Frau, die bei geöffneter Tür im Nebenzimmer gesessen hatte, kam
mit einer Handarbeit herein und setzte sich zu ihrem Mann. Nun, Gottlob?
sagte sie.
Der kleine Neefe warf einen giftigen Blick auf die Stickerei. Nun,
Gottlob? wiederholte er höhnisch. Statt daß du mir um den Hals fällst und
9
nen Purzelbaum schlägst,
sagst du: Nun, Gottlob? und fängst an zu sticken!
Sag mal, Suse: bist du in Georg Bendas Haus aufgewachsen oder nicht?
Bist du nicht ne ganz tüchtige Sängerin? Hast du keinen Schimmer von
Musik? Bist du meine Frau oder nicht?
Die stattliche Frau Musikdirektor blieb unerschütterlich.
Na, Gottlob, dann sprich dich mal aus!
Ein Genie ist er
, Frau! Ein Genie, wie alle hundert Jahre mal eins auf
die Welt kommt.
Frau Neefe war daran gewöhnt, daß ihr Mann den Mund manchmal
10
etwas voll nahm.
Sie sah ihn ungläubig an und schüttelte leise den Kopf,
während sie ihre Handarbeit wieder aufnahm. Jetzt fuhr aber Neefe in die
64

Höhe. Suse, jetzt laß mal die verdammte Stickerei beiseite! W
enn ich von
so was so was Unerhörtem rede, dann stick bitte nicht! Ach, es ist zum
V
errücktwerden! Ich könnte platzen vor Wut!
durch das Zimmer
. Das ist ein Genie! brüllte er und blieb vor seiner
11
Er sprang auf und rannte
Frau stehen. Und was hat man mit ihm gemacht? Statt daß man es pflegt
und bildet, so fein und sorgfältig, wie es überhaupt menschenmöglich ist, da
pfuscht man an ihm herum auf die jammervollste W
eise! Sein V
ater, der
Sänger, der erfrecht sich, den Klavierlehrer zu machen! Und dann holt er
sich zur Abwechslung seinen Saufkumpan, der ein bißchen singt und ein
bißchen Oboe bläst und ein bißchen Klavier spielt! Das Kind könnte
wenigstens technisch schon ein Meister sein, wenn es in die richtigen Hände
gekommen wäre. Aber es kann nichts! Nein, schlimmer als das! Es kann
etwas, aber alles, was es macht, ist falsch! Es fehlt jede, aber auch jede
Grundlage! Ruiniert und versaut!
Gottlob, du übertreibst! Ich habe genau zugehört. Das Kind spielt so,
wie ich selten habe spielen hören.
Das ist ja gerade der Jammer! V
erstehst du denn das nicht, Frau?
Diese wundervollen Anlagen im Zustande grenzenloser Verwahrlosung,
das ist es, was mich rasend macht!
Gottlob, nimm die Sache doch nicht so tragisch! Der Junge ist doch
erst zehn Jahre alt! Ich sollte meinen: wenn da noch soviel versäumt und
verpfuscht ist, so bist du gerade der Rechte, um das alles wieder gutzumachen.
Und wenn der Junge wirklich ein Genie ist, dann danke Gott, daß du sein
Lehrer sein darfst, und schimpf nicht.
Neefe sah seine Frau etwas verblüfft an. Dann gab er ihr einen Kuß
und ging selig lächelnd hinaus. Frau Neefe nahm ihre Handarbeit wieder
auf. Großes Kind! sagte sie leise vor sich hin.
12
*
Neefe legte seinem Unterricht Philipp Emanuel Bachs Klavierschule
zugrunde
der Titel etwas umständlich hieß sowie desselben Meisters Klaviersonaten.
das ist nichts. Mit seinen ärmlichen arpeggierten Bässen bildet es die linke
Hand nicht aus. Aber ein Bachsches Allegro erfordert ungemeine Fertigkeit
der Finger an beiden Händen. Seine Adagios verlangen eine genaue
13
den, Versuch über die wahre Art, das Klavier zu spielen, wie
Das moderne Zeug, das du bis jetzt gespielt hast, mein lieber Louis,
65

Bekanntschaft mit der Modifikation, deren das Klavichord fähig ist, wollen
tief aus der Seele vorgetragen sein. Und den Plan seiner Arbeiten, die
verschiedene Einkleidung seiner Gedanken einzusehen, dazu gehört Studium.
14
Man wird aber auch für seine Mühe belohnt.
Man genießt ein dauerhafteres
Vergnügen durch Bachs Arbeiten, als durch vieler anderer ihre; Man mag
sie spielen, so oft man will, man entdeckt immer neue Schönheiten. Und
wer Bach recht spielen kann, der kann die meisten andern Komponisten
gewiß auch spielen.
Mit Philipp Emanuel Bach hatte Neefe das Richtige getrof
fen. W
enn er
ihn auch zunächst in der Hauptsache als das technische Fundament für Ludwigs
Ausbildung gewählt und dabei fast gefürchtet hatte, diese herbe männliche
Kunst möchte für das Kind noch zu hoch sein, so bemerkte er sehr bald, daß
er sich getäuscht hatte. In dem Knaben mußte etwas liegen, das mit Sebastian
Bachs großem Sohne wesensverwandt war; anders war es nicht zu erklären,
daß sich das Kind mit einer wahren Leidenschaft auf diese Musik warf und
sie auf eine Art vortrug, die selbst seinen Lehrer neue, bisher gar nicht bemerkte
Schönheiten entdecken ließ. Philipp Emanuels Reichtum in der Modulation,
worin er alle seine Zeitgenossen weit übertraf, seine dynamischen Kontraste
, seine ganz einzigartige Verwendung der Pause als belebendes, steigerndes,
spannendes Element , seine Vorliebe für die Dissonanz als Ausdruck des
Schmerzes , seine schlichte, innige, zu Herzen gehende Melodik , alles das
kannte Neefe seit langem. Aber erst jetzt schien es ihm, als dringe er in den
15
seelischen Urgrund aller dieser Dinge ein:
in eine gewaltige,
leidenschaftdurchglühte Persönlichkeit, einen Künstler, der fortgesetzt einen
heißen Kampf kämpfte, all dem Neuen, das er auf das Innerlichste erlebt,
Ausdruck zu verleihen. Dies Revolutionäre in Philipp Emanuels Werk, das
sah Neefe wohl, berührte Ludwig als verwandt Ihn nicht über die Stränge
schlagen, ihn das Gesetz in seiner Heiligkeit begreifen zu lassen, mußte darum
erst recht Neefes Aufgabe sein.
Dazu diente der theoretische Unterricht im Generalbaß, worunter man
die Lehre von der Bezifferung und der Harmonie verstand. In der
Harmonielehre fußte Neefe auf den Lehrbüchern, die die Kunst des reinen
Satzes behandelten und Rameaus System vom Fundamentalbaß
zugrundelegten. Neefe wußte oft nicht, ob er weinen oder lachen sollte,
wenn er an Johanns pomphafte Reden über die theoretischen Kenntnisse
seines Sohnes dachte. Richtig war nur, daß der Kleine die Lehre von der
66

Bezif
ferung des Basses kannte. Von der Harmonielehre wußte er so gut
16
wie nichts.
Aber er faßte reißend schnell auf; Neefe hatte oft das Gefühl,
als ob der Knabe schon früher einmal in anderer Gestalt auf dieser Erde
gelebt, alles, was er jetzt neu lernte, schon einmal gewußt haben müsse; als
ob Schleier des V
ergessens plötzlich zerrissen und nun längst bekanntes
Land sich vor ihm ausbreite. Später kam dann der einfache Kontrapunkt,
die Lehre von der Nachahmung und die Fuge an die Reihe. Nebenher ging
noch der Unterricht im Orgelspiel.
*
Auf Neefes Drängen brachte Ludwig ihm eines Tages jene erste
Komposition, von der sein V
Klaviervariationen über einen Marsch von einem gewissen Dreßler. Neefe
schlug das Manuskript auf.
Na, schön geschrieben ist es mal auf alle Fälle, sagte er und sah sich
das Thema an. Ein ganz hübscher Marsch.
In C-Moll, entgegnete Ludwig. Eine feine T
einen überraschten Blick zu. Was willst du damit sagen, Louis? Das
Kind schwieg. W
ieso soll C-Moll eine feine Tonart sein?
Mir gefällt C-Moll am besten von allen Tonarten.
So! W
arum denn?
Das weiß ich nicht
Na, dann spiel mir mal deine V
zurückgelehnt, einen Finger an seiner langen Nase, die Augenbrauen kritisch
in die Höhe gezogen, hörte Neefe dem Kleinen zu.
Nun sag mal, Louis, sprach er, als sein Schüler geendet hatte, was
hast du dir denn eigentlich gedacht, als du das schriebst?
Gedacht? Es sind eben V
was hast du dabei gefühlt? Gefühlt? Er überlegte eine W
klingt doch hübsch.
Siehst du, Louis, das hab ich gleich weggehabt, daß du weiter nichts
dabei gedacht und gefühlt hast. Weißt du, was das Beste an dem Ganzen
ist? Das Thema! Das ist aber nicht von dir, sondern von dem Herrn Dreßler.
In dem Thema steckt etwas, es hat Schmiß, es hat Pathos, Leidenschaft
sogar. Aber deine V
ariationen, die sind nur leeres Spielwerk. Na, laß den
Kopf nicht hängen, mein Junge! Du bist ja noch ein kleiner Kerl. Ich habe
ater soviel W
esens gemacht hatte. Es waren
onart. Neefe warf ihm
ariationen vor. In seinen Sorgenstuhl
ariationen wie andere auch. Na also
eile. Es
67

selber eine Masse Zeug geschrieben, das auch nicht mehr wert ist; zum T
eil
klingt es nicht mal so gut
Ludwig war kreidebleich geworden. Er stand auf und griff mit zitternden
Fingern nach seinem Notenheft Na, Louis? sagte Neefe ganz erstaunt
Was hast du denn vor?
Ich will nach Haus.
Erlaub mal, mein lieber Freund, wir sind doch mitten im Unterricht!
Ich will keinen Unterricht von Ihnen. Ich will nach Haus. Er ging auf
die Tür zu, aber Neefe kam ihm zuvor, schloß ab und steckte den Schlüssel
in die T
asche. Jetzt ließ der Kleine sein Heft zu Boden fallen, stürzte sich
auf die Türklinke und begann wütend daran zu rütteln.
Nu, so ein Berserker!
rief Neefe. Louis! W
illst du mal meine Tür
17
in Ruhe lassen? Louis! Hörst du auf! Na warte, du Rüpel! Und er
versetzte Ludwig eine kräftige Ohrfeige. Der warf sich heulend auf den
Boden, trat und schlug nach allen Seiten um sich.
Gottlob, was ist denn los? rief draußen Frau Neefe.
18
Hier benimmt sich jemand recht flegelhaft.
Geh nur, er wird schon
wieder zur Vernunft kommen. Und mit einer Kraft, die man seinem
schmächtigen Körper kaum zugetraut hatte, hob er den Jungen auf und
stellte ihn vor den Spiegel. Da schau dich mal an, wie du aussiehst! Das
will ein Komponist sein, so ein ekliger
, heulender Lümmel?
Das wirkte. Ludwig war mit einem Schlag ruhig und putzte sich die
Nase.
Das nächste Mal erscheinst du vor allen Dingen mit einem sauberen
Sacktuch, mein lieber Freund!
Der Kleine wurde über und über rot und steckte sein Tuch schleunigst
ein.
So! Nun setz dich mal auf den Stuhl da und hör mir zu! Louis, glaubst
du, daß ich es gut mit dir meine?
Nein.
W
arum nicht?
Alle haben die Variationen schön gefunden, nur Sie nicht Wenn ich
sie nun aber nicht schön finde, soll ich dann lügen? Antworte! Weißt du,
daß es nichts Häßlicheres gibt als Lügen? Hab ich recht?
Ja.
Darf ich als dein Lehrer meine Meinung sagen?
68

Ja.
Na, warum regst du dich dann auf? Begreifst du jetzt, daß du gar
keinen Grund hattest, dich so flegelhaft aufzuführen?
Der Kleine senkte beschämt sein Gesicht und schwieg. Also,
einverstanden, sagte Neefe. Na, Louis, dann laß uns wieder Freunde
sein. Aber daß mir so was nie wieder vorkommt, sonst sind wir geschiedene
Leute! Versprichst du mirs? Dann gib mir deine Hand! Na, die hättest du
dir auch abtrocknen können. Und nun hör mal zu, mein Junge! Ich meine es
wirklich gut mit dir! Kein Mensch kann es besser mit dir meinen. Und wenn
alle deine V
ariationen schön gefunden haben, so haben sie eben nichts davon
verstanden. Louis! Es soll doch mal was Rechtes aus dir werden, nicht
wahr! Gut! Dann glaub mir: wenn du so weiter gemacht hättest wie bisher,
dann hättest du es nie zu was gebracht. Nun sei mal froh und dankbar
, daß
ich mir Mühe mit dir gebe! Also, nun hör mal zu, Louis! Jedes Kunstwerk
soll doch etwas wirklich Erlebtes ausdrücken, sonst ist es eben kein
Kunstwerk; und nur wenn man etwas dergleichen durchgemacht hat, und
es hat sich innerlich zu etwas Ganzem zusammengeschlossen, nur dann soll
man sich hinsetzen und schreiben, seien es nun Noten oder ein Gedicht oder
was du sonst willst. Aber nur komponieren, weil man Freude am Klang hat,
das ist ungefähr so, wie wenn ein Dichter ein Gedicht schreiben wollte, nur
aus Freude an schönen Worten. Verstehst du, was ich meine?
Ludwig machte ein ziemlich unglückliches Gesicht und schwieg.
Louis, paß mal auf! Du sollst Musiker werden. Hast du dir denn schon
mal klar
gemacht, was Musik eigentlich ist? Was sie auf der Welt bedeutet?
Ludwig sah ihn erstaunt an. Was sie bedeutet?
Ja! W
ozu sie eigentlich da ist! Wozu der liebe Gott sie gemacht hat!
Doch, damit wir uns daran freuen! Papa schimpft freilich manchmal
und sagt, Musik sei eigentlich ein trauriges Handwerk.
Und was sagst du dazu?
Seit ich bei Ihnen bin, finde ich, daß Musik überhaupt kein Handwerk
ist
19
So! sagte Neefe und unterdrückte ein heftiges V
einen Kuß zu geben, W
as ist sie dann?
erlangen,
dem Kinde
Das weiß ich nicht, Herr Neefe. Man macht Musik, damit die Leute
vergnügt und froh werden. Manchmal auch vielleicht, weil einem danach
leichter zumute ist, oder klarer
69

Ich will es dir etwas genauer sagen, Louis, obgleich du eigentlich noch
zu klein bist. Aber wenn du mich jetzt auch noch nicht verstehst in ein
paar Jahren wirst du wissen, was ich gemeint habe. Musik spricht aus,
was W
kümmerliches W
seinen Mitmenschen verständlich zu machen. Aber Musik
orte nicht aussprechen können; denn Worte sind nur ein armes
erkzeug, entstanden aus dem gemeinen Bedürfnis, sich
die wahre Musik,
die ich meine , die kann dich mit einem einzigen Ton erschauern machen,
daß dir die Haare zu Berge stehen; mit einer einzigen leisen
Akkordverschiebung kann sie dich erschüttern, daß du meinst, das Herz
müsse dir brechen. Für die zartesten Gefühle, für die wildeste Leidenschaft,
für jeden Grundzug des Menschenherzens und für alles, was uns mit der
Welt verbindet, hat Musik ihren Ausdruck, und nicht einen Ausdruck nur,
nein, hundert, tausend Ausdrucksmöglichkeiten. Wer diese innere Sprachkraft
in sich erlebt und es versteht, sie zu meistern, der ist gottbegnadet, ist
mächtiger als der größte Dichter; er schwingt sich über die ausgetretenen
Pfade der Sprache hoch empor. Ach, Kind, was rede ich! Du kannst das
ja noch nicht begreifen! Und doch muß ich dirs sagen, weil ich dir mehr
geben möchte als Musikunterricht. Louis, denk später an mich! Wenn Gott
dir die Macht geben sollte, in Tönen zu sprechen, so dich auszusprechen,
wie ich es meine, dann ist das das Größte, was ein Mensch haben kann!
Als Ludwig gegangen war
, kam Frau Neefe mit dem Kaf
fee und ließ
sich die Szene von vorhin erzählen.
Na, weißt du, Gottlieb, sagte sie beim Einschenken, so ganz unrecht
hat der Junge eigentlich nicht. Mir haben die Variationen gefallen. Und sag
mir nur um Gottes willen: wie soll denn so ein Kind schon seelisch etwas
Eigenes erleben!
Der? entgegnete ihr Mann. Der erlebt mehr, als die ganze
kurfürstliche Kapelle zusammengenommen. Nee, Suse, an innerem Leben
fehlt es ihm nicht. Aber eine saure Arbeit wird es trotzdem werden, die ich
mir da aufgeladen habe. Der Kerl hat gar keine Disziplin.
Willst du ihm die auch beibringen, Gottlob?
Na, wer sonst? Da
Dann nimm dich nur in acht, daß der Bursche dich nicht eines T
s sein Vater nicht getan hat, muß ich es eben tun.
ages
zusammenhaut, wenn er größer geworden ist
Das wird er schön bleiben lassen, meine liebe Susanne. Körperlich werden
wir uns kaum nochmal miteinander herumbalgen; aber auf andere W
eise desto
70
Соседние файлы в предмете [НЕСОРТИРОВАННОЕ]
