Добавил:
Опубликованный материал нарушает ваши авторские права? Сообщите нам.
Вуз: Предмет: Файл:

Детство и юность Людвига ван Бетховена. Учебное пособие – книга для чтения на немецком языке

.pdf
Скачиваний:
0
Добавлен:
07.09.2026
Размер:
2 Мб
Скачать
wir abreisten, fühlte sie sich ganz wohl! war so glücklich über deine Briefe aus Wien!  Still, Louis, weine nicht! Glaube mir keine Hof
fnung mehr
.  Weine nicht, Kind! Ihr ist wohl. Louis, setzte sie
schüchtern und stockend hinzu, laß mich von jetzt an
, es ist das beste so! Es gab ja
4
deine Mutter sein!
Sie sind es ja schon längst, stammelte er unter Tränen. Lange saßen sie noch, ohne viel zu sprechen. Und langsam kehrte der Friede in sein zerquältes Herz zurück.
*
Es dauerte nicht lange, und Ludwig hatte seinen alten Mut, seine alte Spannkraft wiedergewonnen. Nicht mehr fühlte er sich wehrlos dem Schicksal ausgeliefert; als ein ebenbürtiger Gegner stand er ihm gegenüber den Kampf aufzunehmen, entschlossen, ihn zu gewinnen. Neidlos sagte er Wegeler Lebewohl, als der zur V
ollendung seiner ärztlichen Ausbildung nach Wien abreiste; bald, in wenigen Monaten, würde er ihm ja folgen, wennMozart ihn wieder zu sich rief. Inzwischen ging er völlig in seinen alten und neuen Pflichten auf. Seinen Bruder Karl im Klavierspiel zu unterrichten, machte ihm anfangs viel Freude. Aber leider fehlte es jenem durchaus an Fleiß beim Üben, und mit Sorge dachte Ludwig daran, wie es wohl gehen würde, wenn er den Bruder nicht mehr beaufsichtigen könne. Ob und was der kleine Johann in seiner Apotheke eigentlich lernte, darüber kam Ludwig nicht recht ins klare. So oft er sich nach ihm erkundigte, hieß es, ja, er sei geweckt und fasse gut auf; der rechte Ernst werde sich hoffentlich mit der Zeit noch einstellen. Ja, der rechte Ernst! Daran fehlte es beiden; hätte er ihnen den nur beibringen können! Er versuchte es mit Güte, mit Strenge, mit Belohnungen, mit Strafen. Aber zum Erzieher hatte er kein T
alent; er ließ sich oft zu Zornesausbrüchen hinreißen, wo Ruhe am Platz gewesen wäre. So wurde er den Brüdern bald lästig. Sie begannen, ihm einen stummen W was das Schlimmste war, der V
ater bestärkte sie darin. Der konnte nicht
iderstand entgegenzusetzen; und,
darüber hinwegkommen, von seinem Ältesten gewissermaßen abgesetzt zu sein. So verlegte er sich nun darauf, die beiden Knaben gegen den älteren Bruder aufzuhetzen, alles, was er sagte und tat, gemeinsam mit ihnen zu kritisieren und schlecht zu machen. W
enn Ludwig davon auch nichts sah und hörte,  er fühlte es deutlich genug. Kam er einmal unvermutet ins Zimmer, so herrschte ein merkwürdiges Schweigen; Blicke wurden gewechselt, der Vater setzte seine Duldermiene auf, und in den Augen der Brüder war T
, entschlossen,
rotz
141
und leiser Hohn5. Ludwig war manchmal ganz verzweifelt. Und doch  es waren nun einmal seine Brüder!
Wieder griff der Tod in die Familie ein; die kleine Schwester starb, von der Ludwig gehofft hatte, sie würde ihm später einmal als verjüngtes Abbild seiner Mutter deren V
erlust tragen helfen. Nun fühlte er sich zu Hause ganz einsam. So kam der November und mit ihm die Nachricht von dem ungeheuren Erfolg des ,Don Giovanni in Prag, unter des Meisters eigener Leitung. Ein paar W
ochen darauf hielt Ludwig einen Brief Mozarts in der
Hand: er sei wieder in Wien und für ihn bereit.
Ein Widerstreit der Gefühle: endlich, endlich sollte er sich zu dem
entwickeln, wozu er berufen war, sollte aus dem Lehrling ein Meister werden,
6
von dem größten lebenden Musiker die W
eihen empfangen!
Herauskommen aus diesem Zustande des Stockens, wo alles in ihm nach Fortentwicklung lechzte; heraus auch aus den kaum noch ertragbaren häuslichen Verhält­nissen, die ihn allmählich beinah zu lahmen drohten. Doch was sollte aus den Brüdern werden, wenn er fortging? Sie würden verkommen und verlumpen, das erschien ihm unabwendbar
. Er sah die brechenden Augen seiner Mutter, er hörte ihr letztes geflüstertes Wort: Geschwister, er fühlte ihre Hand zum letztenmal in der seinen.  Nein! So schwer es ihm auch wurde, er durfte jetzt nicht gehen, er mußte bleiben.
Es klopfte, Neefe trat ein, über das ganze Gesicht strahlend: Louis! Was hat mir denn der Kurfürst erzählt! Mozart will dich wieder haben! Und du darfst reisen! Morgen schon, wenn du willst!
Ludwig nickte traurig vor sich hin.
Ja, Herr Neefe, aber ich kann nicht. Ich muß bei meinen Brüdern bleiben.
Sein Lehrer geriet in ehrliche Wut: Louis! Bist du denn ganz von Gott verlassen? Das darfst du nicht! Das kannst du nicht verantworten! Du mußt doch vorwärtskommen in deiner Kunst, und hier kann dich niemand mehr was lehren, das weißt du doch selber ganz genau! Jetzt sei mal vernünftig, stoß dein Glück nicht von dir dann verkommen meine Brüder! W
, und pack deinen Kof
arum denn, um Gottes willen? Ihr
fer! Wenn ich fortgehe,
habt doch ne ganz tüchtige Haushälterin!
Sie brauchen aber eine feste Hand über sich! Louis! Jetzt hör mal zu. Überleg mal, was deine Brüder sind, was in ihnen steckt, und vergleich
7
sie mal mit dir
, und was in dir steckt. Auf wen kommt es mehr auf
: auf
deine Brüder oder auf dich?
142
Herr Neefe, als meine Mutter starb, da hat sie mir die Geschwister ans Herz gelegt. Ich hab ihr versprochen, für sie zu sorgen, und ich werde mein Versprechen halten. Sie brauchen nicht weiter davon zu reden.
Neefe setzte sich und legte die Hand vor die Augen. Ach Gott nee, ach Gott nee! jammerte er. Herr Neefe, was hat denn Gellert Sie gelehrt? Und was haben Sie mich gelehrt? ,Bemühe dich, eine deutliche Erkenntnis deiner Pflicht zu erlangen! Gut! Meine Pflicht ist, zu halten, was ich meiner Mutter versprochen habe. Neefe stand auf und umarmte Ludwig fest und herzlich: Du hast recht, Ludwig! Und ich bin nun doppelt stolz auf dich! Mein lieber
, braver, tüchtiger Kerl! Und nun laß mal den Kopf nicht hängen! Aufgeschoben ist nicht aufgehoben, und Mozart läuft dir nicht davon. Wenn ich mir
s recht überlege vielleicht ist das Unglück gar nicht so groß! Du bist ja noch so jung! In ein paar Jahren wirst du vielleicht mehr von Mozart haben als jetzt, wo du ihm geistig noch nicht so gewachsen bist. Versteh mich nicht falsch! Ich weiß genau, was in dir steckt. T
rotzdem: überlegen, wie er dir jetzt noch ist, würde er dich am Ende gar erdrücken, würde einen zweiten Mozart aus dir machen; und, Gott verzeih mir die Sünde, dazu bist du mir zu schade! Du sollst kein zweiter Mozart werden, du sollst ein Beethoven werden!  Und mit dem Kontrapunkt hat es in ein, zwei Jahren auch noch Zeit! Der Musiker besteht nicht nur aus Kontrapunkt! Es gibt Dinge, die sind noch viel, viel wichtiger! Bilde deinen ganzen Menschen aus! Deinen Geist und dein Herz! Drille dich nicht auf Musik allein, das hab ich dir schon immer gesagt. Werde ein ganzer Mensch! Wenn Einer das Zeug dazu hat, dann bist du es!  Und dann, Louis: du bist jetzt der Rückhalt deiner Familie! Das ist etwas Großes! Du hältst deine Brüder über W ein Vorbild dafür
, was es heißt, seine Pflicht zu erfüllen; sie haben solch
asser, bis sie schwimmen können. Du bist ihnen
ein Beispiel bitter nötig.
Glaub mir
, Louis: wenn du auch ein paar Jahre so dahinleben solltest, ohne technisch viel Fortschritte zu machen  die Zeit wird nicht verloren sein. Sie wird dem Menschen in dir zugute kommen, und deshalb auch dem Künstler. Nur ein ganzer, echter Mensch kann ein rechter Künstler werden. Je mehr du jetzt Schweres durchmachst, desto mehr wirst du gewinnen. Denn was du einst der Menschheit zu sagen haben wirst, das wird nicht sein: Tonspiel um des T
onspieles willen. Das wird sein: Leben der Seele aus
143
tiefstem Grunde! höchste Freude und tiefstes Leid, und Überwinden des Leides durch die Kraft deines Charakters.
Er schwieg eine W
eile. Und in ein paar Jährchen, fuhr er heiter fort, da sind deine Brüder inzwischen älter geworden und hoffentlich auf dem rechten W
ege; und dann geht mein Louis noch einmal zu Mozart! Bis dahin: arbeite! Spiel die großen Meister! Bring mir, was du komponiert hast Lies jeden Tag eine Stunde lang in einem guten Buch. Sor
g daneben auch für deine Gesundheit Und paß auf, Louis, du wirst sehen, man kann auch in Bonn leben und vorwärts kommen.
Nun mußte Ludwig doch lachen. W
ieviel Stunden müßte der Tag wohl haben, wenn ich das alles tun soll? Na, wenigstens fällt das Komponieren weg, damit ist es vorläufig aus. Neefe glaubte, nicht recht gehört zu haben. Was? Mit dem Komponieren ist es vorläufig aus?
Ja. Und daran ist Mozart schuld. Ich weiß jetzt, was es bedeutet,
Komponist zu sein. W
enn ich dran denke, was ich bisher gemacht habe,
dann möcht ich den ganzen Kram am liebsten in den Ofen stecken.
Du bist wohl verrückt! schrie Neefe. Die Klavierquartette wohl am Ende auch? Gerade wollt ich dir noch sagen, du sollst sie stechen lassen; die Verleger werden sich drum reißen.
Ich denke gar nicht daran. Nein, Herr Neefe, jetzt will ich erst einmal tüchtig arbeiten; und wenn ich ein paar Jahre älter geworden bin, dann geht es vielleicht wieder mal ans Komponieren.
Du wirst das Komponieren gar nicht lassen können, und wenn du allen Teufeln verschwörst. Wir werden
s ja sehen, Herr Neefe.
s bei
Texterläuterungen
1
 die Todkranke nicht aufregen zu dürfen
больную;
2
... ein Darlehen erbitten
3
Dagegen gibt es kein Sichwehren
4
Von jetzt an
5
Trotz und leiser Hohn
6
die Weihen empfangen
7
Auf wen kommt es mehr an?
144
с сегодняшнег
попро
упрямств
получить б
От кого можно о
не волнова
сить ссуду;
От этого нет спасения;
î äíÿ;
о и скрытая насмешк
лагословение;
жидать большег
ть смертельно
à;
î?
Aufgaben
1. Beschreiben Sie W
2. Sagen Sie, welches Versprechen Ludwig der Mutter vor ihrem T gab.
3. Versuchen Sie zu begründen, warum Ludwig von Mozarts Einladung absagen musste.
4. W
ie verstehen Sie das Sprichwort:
 Aufgeschoben ist nicht aufgehoben?
5. Finden Sie im T Warum war sein Lehrer doppelt stolz auf seinen Schüler?
6. W
elche Charakterzüge von Ludwig kamen nach dem Tode seiner Mutter
zum Vorschein?
Als Ludwig einmal vom Stundengeben nach Hause kam und sein Zimmer betrat, wollte er seinen Augen nicht trauen. Sein altes Klavichord war verschwunden; statt dessen stand da ein großer Flügel, ein ganz neues Hammerklavier von Stein in Augsbur Ton war herrlich, stark und doch weich. Er spielte eine chromatische T leiter über die ganze Klaviatur; ein Ton kam wie der andere; da gab es kein Scheppern, kein Ausbleiben einer T sich hin und begann ein Mozartsches Konzert. Er war so vertieft, daß er nicht bemerkte, wie sich die Tür leise öffnete, sein Vater auf der Bildfläche erschien und andächtig zuhörte. Endlich gewahrte er ihn und sprang auf.
Ja, Vater Johann lächelte geheimnisvoll.  Geschenkt? Mir geschenkt? Aber von wem?  Er fängt mit einem W an. W
Im Nu war Ludwig aus dem Zimmer und lief zum Grafen. Für mich? Wirklich für mich?  Mehr brachte er nicht heraus.
Purer Egoismus, lieber Louis. W vorspielten, hab ich schon längst gedacht: wie muß das erst auf einem Flügel klingen! Sollt ich mir den Genuß nicht gönnen? Also bitte! Nix zu danken! Ich bin der Empfangende.
, wo kommt denn der Flügel her? Soll der mir gehören? 
ien und seine Vororte, als Ludwig die Stadt verliess.
ode
ext das Gespräch zwischen Ludwig und Herrn Neefe.
SECHZEHNTES
K
APITEL
g. Er schlug ein paar Akkorde an; der
on-
aste, kein Nachklingen. Nun setzte er
aldstein?  Sein Vater nickte.
enn Sie mir auf Ihrem alten Kasten
145
*
Ludwigs V
erhältnis zur Breuningschen Familie hatte sich seit dem T seiner Mutter noch inniger gestaltet. Frau von Breuning war ihm wirklich eine zweite Mutter geworden. Mit dem um vier Jahre jüngeren Steffen, der sich zu einem tüchtigen Geiger entwickelte, musizierte er gern; für ihn und für seinen kleinen Schüler Lenz empfand er eine gradezu zärtliche Liebe; und Christoph, unter den drei Söhnen ihm dem Alter nach am nächsten, war ihm ein guter Kamerad, wenn auch bei ihm das musikalische Band fehlte.
Eleonore war zu einem feinen schlanken Mädchen von siebzehn Jahren herangewrchsen. Man konnte sie nicht eigentlich schön nennen, aber An­mut und Grazie machten sie anziehender als manche anerkannte Schönheit; ihre reinen Züge spiegelten Adel der Gesinnung, Klugheit und Güte wider. Nach seiner Rückkehr von Wien hatte Ludwig es nun an der Zeit gefunden, das trauliche Du durch das formellere Sie zu ersetzen ; aber die geschwisterliche Herzlichkeit zwischen ihnen war geblieben, und seit Wegelers Abreise hatte Eleonore sich noch enger an Ludwig angeschlossen. Sie hatte in der letzten Zeit etwas in Wegelers Augen gelesen, das sie unruhig machte, sie wußte nicht, warum. Sollte er verliebt sein? Ach, das wäre entsetzlich! Sie hatte sich doch vorgenommen, niemals zu heiraten, sich nie von ihrer Mutter zu trennen. Bei Ludwig brauchte sie nach ihrer Meinung solche Gefühle nicht zu befürchten; der würde immer andre Dinge im Kopf haben: seine Kunst, die Sorge um seine Familie; auf den konnte sie sich verlassen wie auf einen Bruder.
Ganz so unbefangen, wie sie meinte, vermochte sich der nun Siebzehnjährige freilich nicht mehr zu ihr zu stellen. Er sah wohl, wie harmlos schwesterlich sie sich gab, nur den treuen guten Freund in ihm erblickte, den fördernden Lehrer, den Künstler, dessen Spiel sie bewunderte. Aber es überlief ihn doch ein seltsames Gefühl, wenn sie sich einmal in selbstver­ständlicher Vertraulichkeit an ihn lehnte, oder ihm mit ihren schlanken Fingern durch das Haar fuhr, wenn es gar zu widerspenstig von ihm wegstrebte; wie sie einmal bei Tisch versehentlich aus seinem Glase trank, und als sie die Verwechslung bemerkte, es ihm mit einer ruhigen Entschuldigung zu­schob. Er schalt sich dann im stillen selber aus wegen seiner Unmännlichkeit, wie er das Gefühl nannte, das ihm bei solchen Anlässen das Herz rascher schlagen machte. Nein, Lorchen sollte ihm die schwesterliche Freundin sein und bleiben. Seine Beziehungen zu den Breunings und der Unterricht in
ode
146
einigen vornehmen Familien brachten es mit sich, daß Ludwig auch zu gesellschaftlichem V
erkehr in diesen Kreisen aufgefordert wurde. Er sträubte sich lange dagegen. Erst auf Frau von Breunings dringendes Zureden gab er nach. Sie fand es einfach notwendig für seine Erziehung, daß ihm der Ton und die Formen der großen Welt geläufig würden; auch wollten ihr solche gesellschaftlichen V
erbindungen für sein Fortkommen als Künstler unentbehrlich erscheinen. So tat Ludwig ihr endlich den Willen; aber wohl fühlte er sich nicht dabei. Er hatte immer das bestimmte Gefühl, daß diese vornehmen Leute ihn nur deshalb in ihre Kreise zögen, damit er durch sein Klavierspiel ihre Geselligkeit verschönere, daß er ihnen aber als Mensch vollkommen gleichgültig sei. Frau von Breuning selber hatte sich seit dem Tode ihres Mannes vom gesellschaftlichen Leben zurückgezogen und war ganz in der Erziehung ihrer Kinder aufgegangen. Als nun Eleonore ihr siebzehntes Jahr vollendet hatte, hielt ihre Mutter sich doch für verpflichtet, einigen Verkehr wieder aufzunehmen. Zu ihrer ersten großen Gesellschaft war selbstverständlich auch Ludwig geladen.  Er hatte eine Ahnung, als ob dieser Abend ihm etwas Schönes zerstören würde. Die fast religiöse Verehrung, die er für seine Mutter gehegt, war nach deren Tode auf Frau von Breuning übergegangen; wie zu einer Heiligen sah er zu ihr auf. Sie sich in Gesellschaftstoilette vorzustellen, war ihm fast unmöglich. Zu denken, daß sie sich zwischen ihren Gästen wie unter ihresgleichen bewegen sollte, kam ihm wie eine Entweihung vor
. Und Lorchen, dieses liebe, reine Geschöpf  er mochte den Gedanken nicht zu Ende denken, wenn er sich der jungen Damen aus der Bonner Aristokratie mit ihren dekolletierten Busen, ihren koketten Blicken, ihrer nichtigen V
ergnügtheit erinnerte. Doch er wußte
keinen Vorwand, die Einladung auszuschlagen. So kam der Abend heran.
Als Ludwig das ihm so vertraute Musikzimmer betrat, erkannte er es
kaum wieder
. Die meisten Möbel waren entfernt, Stuhlreihen aufgestellt; überall brannten Kerzen. Frau von Breuning und Lorchen mit kunstvoll aufgetürmten Frisuren, in ausgeschnittenen Kleidern, blitzendes Geschmeide an Hals und Armen, kamen ihm ganz fremd vor. Eine Menge vornehmer Damen und Herren war versammelt; alles schimmerte von Seide und Juwelen; Plaudern und Lachen erfüllte die Luft.  Frau von Breuning stellte ihn ihren Gästen vor. Er verbeugte sich einmal um das andere, traf auf gleichgültige oder erstaunte, ja ablehnende Blicke und fühlte sich so un­behaglich wie möglich. Lorchen war bald von einem Kreis junger Herren
147
umringt, die ihr Komplimente sagten, und es verstimmte Ludwig, daß sie sich ganz wohl dabei zu fühlen schien. Schließlich stand er einsam in einer Ecke und hörte dem Geplauder einiger Herren in seiner Nähe zu. Man sprach vom Wetter
, von Pferden, machte Bemerkungen über die Toiletten der Damen, kritisierte ein zu tiefes Dekolleté. Er wechselte seinen Platz und näherte sich einer andern Gruppe. Überall dasselbe: flache, banale Unterhaltung, W
ortwitze ohne Geist, Klatsch über den lieben Nächsten, das war die Unterhaltung dieser Oberschicht der Gesellschaft. Und all das in seinem Musikzimmer
, wo er die schönsten Stunden seines jungen Lebens verbracht hatte! Plötzlich hörte er sich angerufen: Eleonore stand vor ihm. Warum halten Sie sich so abseits, Louis! Ach, Lorchen, es ist alles so entsetzlich! Sie lachte ein paar leise Töne.  Da machen Sie uns ja ein schönes Kompliment, Louis! Hoffentlich denken nicht alle so wie Sie! Hab ich denn nicht recht, Lorchen?
Sie sah ihn eine Weile ernsthaft an.  Vielleicht haben Sie recht, Louis. Na, Gott sei Dank! Es schien mir vorhin, als fühlten Sie sich recht wohl
in dieser Gesellschaft.
1
Ich will nicht einmal behaupten, daß es nicht der Fall ist,
entgegnete
sie. Sie müssen die Leute erst näher kennenlernen.
Ach, ich hab wirklich kein Verlangen danach. Nehmen Sie es mir übel, wenn ich bald verschwinde? Allerdings! Sie müssen uns nachher etwas spielen! Vor dem Publikum?
Louis, tun Sies mir zuliebe! Aber jetzt kommen Sie einmal her, leisten Sie mir ein wenig Gesellschaft!  Sie schob ihren Arm in den seinen und führte ihn zu dem Kreis junger Kavaliere, den sie soeben verlassen hatte.
Hier bringe ich Ihnen Herrn van Beethoven als Zeugen für das, was ich vorhin sagte. Nicht wahr, Louis, die Wiener Aristokratie ist nicht so exklusiv wie die Bonner, die nur mit ihresgleichen verkehren mag?
Allerdings nicht, entgegnete er
. Wer etwas ist und etwas kann, wird dort mit offenen Armen aufgenommen. Darf ich fragen, meinte einer der Herren ziemlich von oben herab, wie Sie Gelegenheit hatten, das festzustellen? Ich habe monatelang beim Fürsten Lichnowski in Wien gewohnt, Herr 
Graf Gönnersdorf, sagte Eleonore, da der andere es nicht für nötig hielt, seinen Namen zu nennen. Beim Fürsten Lichnowski haben Sie gewohnt? fragte der Graf mit einem etwas spöttischen Lächeln. Als  was, wenn ich fragen darf? Als Gast?
148
`
Merkwürdig! meinte der andere. Nun, wenn Ihre Feststellung richtig sein sollte, so wäre das eben nur ein trauriges Zeichen der Décadence, und woher das in Wien dann käme, läßt sich ja leicht denken. Natürlich nur von diesem freigeistigen Kaiser
. Der hohe Herr ist offenbar blind und taub für die warnenden Symptome, die von Frankreich her doch wirklich zahlreich genug vorliegen. Dort sitzt ein unfähiger König auf dem Throne Ludwigs des Vierzehnten und sieht zu, wie das V
olk immer prätentiöser und insolenter
wird.
Wir leben aber doch nicht in Frankreich, Herr Graf! rief Eleonore.
Wir Deutsche sollten uns aber an Frankreich ein warnendes Beispiel nehmen! Hebt die Canaille den Nacken, nur immer fester den Fuß darauf gesetzt! Freisinn? Gleichberechtigung des Volkes? Einfach lächerlich! Und wenn Joseph der Zweite da versagt, dann sollte der Adel in die Bresche springen und nur desto fester zusammenhalten!
Mein lieber Graf, sagte W herangetreten war
, wollen Sie etwa behaupten, die sozialen Zustände in
aldstein, der jetzt an den kleinen Kreis
Frankreich, aber auch bei uns in Deutschland, wären ideal?
Ich habe mich bisher in meiner Haut noch recht wohlgefühlt, meinte Graf Gönnersdorf.
Ja, Sie vielleicht. Aber fragen Sie mal die Bauern, die Bür
ger, was die
dazu sagen.
Daran habe ich wirklich kein Interesse, mein verehrter Graf W
aldstein.
Und daß Sie sich zum Anwalt der Bauern und Bürger aufwerfen,  nun,
2
jeder nach seinem Gusto
Wien mag das Mode sein; bei uns am Rhein ist es Gott sei Dank noch nicht Mode, wenigstens nicht in unseren Kreisen. Und doch wird es eines Tages notwendig sein, Graf Gönnersdorf! W
enns im Keller brennt, stopft man dann Tür und Fenster zu? Nein, man löscht, entzieht dem Feuer seine Nahrung, sonst steht plötzlich das ganze Haus in Flammen! Und wie verstehen Sie das Löschen?
Dem Volk den Grund zur Unzufriedenheit nehmen, ihm
menschenwürdige V
erhältnisse schaf
fen, in denen es leben kann und nicht
nur vegetieren!
Ich glaube, wir lassen dieses Thema fallen, meinte Graf Gönnersdorf. Wie ist es denn, mein gnädigstes Fräulein, wandte er sich an Eleonore, Sie haben uns doch vorhin Hoffnung auf einen musikalischen Genuß gemacht, den uns Ihre schönen Finger bereiten sollten. Wäre es
149
unbescheiden, wenn ich Sie bäte, Ihre V
erheißung wahr zu machen? W
enn der Meister anwesend ist, kommt mir das nicht zu, lächelte Eleonore. Herr van Beethoven ist vielleicht so freundlich?
Ludwig fühlte, daß er nicht Nein sagen durfte. Wenn Sie es wünschen! Ich fürchte freilich, die Gesellschaft zu langweilen.  Man beteuerte das Gegenteil. Lorchen wechselte rasch ein paar W
orte mit ihrer Mutter
. Meine Herrschaften, rief Frau von Breuning, Herr van Beethoven will die Güte haben, uns zu spielen. W
as soll es sein, Louis?
Ludwig dachte einen Augenblick nach. Graf Gönnersdorf lächelte ironisch: der hat sich natürlich längst vorbereitet. Bestimmen Sie, Lorchen! sagte Ludwig. V
ielleicht die C-Moll-Phantasie von Mozart? Er warf ihr einen etwas schmerzlichen Blick zti. Schade für das herrliche Werk, vor diesen Ohren zu erklingen. Aber er mochte sich nicht weigern.  So setzte er sich ans Klavier, und auch die Gesellschaft nahm Platz. Aber das Schwatzen hörte noch nicht auf. Ludwig ließ die schon erhobenen Hände wieder sinken und wartete er
geben, bis Stille eingetreten war. Dann begann er.  Die C-Moll-Phantasie war sein Lieblingsstück, und er spielte sie herrlich; die Einleitung mit wahrhafter Größe, den himmlisch schönen D-Dur-Satz mit süßer Anmut.
Plötzlich glaubte er leises Sprechen zu vernehmen. Er blickte auf , richtig, sein Gegenüber von vorhin schwatzte mit einer jungen Dame. Ludwig schoß das Blut ins Gesicht; eine drohende Falte bildete sich auf seiner Stirn. Er hemmte plötzlich das T
empo, in der naiven Hof
fnung, dem Störer damit gewissermaßen einen musikalischen Rippenstoß versetzen zu können. Es war umsonst. Da faßte ihn eine rasende Wut. Mit einem grellen Akkord hörte er mitten im Satz auf, erhob sich und sagte:
Wenn Herr Graf Gönnersdorf seine Unterhaltung beendet haben wird, dann werde ich weiterspielen. Der Graf stand auf und trat ein paar Schritte auf Ludwig zu. Das ist ein Affront, junger Mann, und wenn ich einem Kavalier gegenüberstände, so wüßte ich, was ich jetzt zu sagen hätte. Mit Ihresgleichen fehlt mir aber leider jegliche Erfahrung.
Dann ist es wohl das beste, entgegnete Ludwig mit bebenden Lippen, daß ich Sie von meiner Gegenwart befreie. Und ohne Gruß verließ er das Zimmer. Ein peinliches Schweigen folgte. Frau von Breuning stand auf und ging Ludwig nach. Waldstein trat auf den Grafen Gönnersdorf zu und nötigte ihn in eine Ecke.
150
Соседние файлы в предмете [НЕСОРТИРОВАННОЕ]