Добавил:
ivanov666
Опубликованный материал нарушает ваши авторские права? Сообщите нам.
Вуз:
Предмет:
Файл:Детство и юность Людвига ван Бетховена. Учебное пособие – книга для чтения на немецком языке
.pdf
Ich glaube, ja! Es geht ihm in Wien nicht zum besten. Der Hof schwärmt
für die welsche Richtung
und tut gar nichts für ihn. W
enn unser Herr ihm
8
ein anständiges Gehalt auswirft, dann kommt er! In ein paar Tagen reist der
Kurfürst nach Wien, in politicis; da muß er die Geschichte perfekt machen.
Herrgott, das soll ein Leben hier werden I dann bringen mich keine zehn
Pferde mehr von Bonn fort! Er schwieg einen Augenblick, dann faßte er
Neefes Hand: Mein lieber Meister
, Sie verstehen mich doch recht! Sie
wissen ja, wie hoch ich Sie schätze!
Neefe sah ihn an. Es war ein unbeschreiblicher Bück: still, überlegen
und demütig, heiter und traurig zugleich. Herr Graf, sagte er
, reden Sie
doch nicht! Mozart und ich! Drücken Sie mir nur meine Hand nicht kaputt!
Waldstein erhob sich. Also gleich zum Kurfürsten! rief er
. Er muß!
und er wird!
So war das landesväterliche Interesse damals wesentlich auf andere
als musikalische Dinge gerichtet. Gleichwohl versprach der Kurfürst, sein
Möglichstes bei Mozart zu tun. Aber als er nach vier Monaten zurückkehrte,
da war Mozart nicht in seinem Gefolge. Er hoffte, Nachfolger des alten
Hofkapellmeisters Bonno zu werden, dessen Verabschiedung über kurz oder
lang zu erwarten war; dann wollte er in Wien zur Stelle sein und nicht weit
weg da unten am Niederrhein sitzen.
*
Für Ludwig ging das Jahr 1786 in stiller Arbeit dahin. Die Mutter
hatte sich unter Wegelers Behandlung recht erholt, hatte sogar im Mai die
Geburt eines Töchterchens merkwürdig gut überstanden. Der V
ater war
über diesen letzten Familienzuwachs im stillen höchst entrüstet, hielt es aber
für besser, seine Meinung für sich zu behalten. Louis, dieser Bursche, schlug
in der letzten Zeit öfters einen T
on gegen ihn an
aber was sollte er sich mit dem Bengel herumär
9
der einfach ungehörig war;
gern! Mit dem W
underkind
war es nichts geworden , na ja, hin ist hin! Er hatte eben zuviel in seinem
Sohn gesehen; es war eine Enttäuschung, eine bittere Enttäuschung sogar.
Aber man war eben auch nur ein Mensch, und Irren ist menschlich. Errare
humanum est. Jawohl, er kannte seinen Cicero noch ganz genau, während
Louis nicht einmal die Nase hineingesteckt hatte. Der Kerl war ja schon mit
elf Jahren von der Schule abgegangen! Ach so! das hatte er allerdings selber
veranlaßt! Na ja, er hatte es eben vorher gewußt, daß der Bengel keine
111

klassische Begabung hatte. Aber wenigstens verdiente er sein Brot, und
das war in diesem Jammertal schließlich doch die Hauptsache. Pröstchen,
Jean!
*
Siebzehnhundertsiebenundachtzig. Der Frühling war gekommen. Es war
ein Sonntagnachmittag. Ludwig lag in Breunings Garten auf dem Rasen
und ließ es sich wohl sein. Es ging schon gegen Abend, aber die Luft war
noch warm. Es war dem Knaben, als hätten die Blumen noch nie so schön
geblüht, als sei der Himmel noch nie so blau und die Luft noch nie so süß zu
atmen gewesen. V
Waldstein sein, er erkannte seinen Anschlag.
war ja gar nicht schlecht! Nein, wunderhübsch sogar! Eine schlichte, zarte,
frühlinghafte Melodie. Es konnte wohl ein Lied sein. Nun hörte es schon
auf? Schade! Er hätte nun erst richtig angefangen.
Und unwillkürlich spann er die Melodie weiter. Frau von Breuning
rief ihn zum Abendbrot Richtig, da stand Waldstein.
Was haben Sie vorhin gespielt, Herr Graf? erkundigte sich Ludwig.
Hat es dir gefallen? Ja, recht gut Es klang nach Mozart. Waldstein
errötete vor Freude. Es war von mir, sagte er stolz.
Aber Sie haben wohl nicht zu Ende gespielt? Der Graf seufzte. Findest
du, Louis? Mir ist halt nix mehr eingefallen.
Nach T
isch setzte man sich hinaus auf die Veranda. Der Mond schien
hell; die alten Bäume standen groß und voll gegen den Abendhimmel. Jetzt
sollten Nachtigallen singen, sagte Eleonore. Wart, Lorchen, flüsterte ihr
Ludwig ins Ohr
Graf Waldstein zuckte zusammen. Da erklang ja seine Melodie!
Verklärt schloß er die Augen und lauschte. Freilich doch nicht ganz die
seine, denn dies war edler, und dazu reicher harmonisiert Und nun würde
gleich die Stelle kommen, wo ihr lieblicher Fluß sich im Sande verlief.
Doch es kam anders. Der Fluß zerteilte sich nicht, sondern nahm ruhig und
gelassen seinen Lauf weiter, klar und rein bis zum friedevollen Abschluß.
Schon wollte W
das? Ludwig hatte das Thema wieder aufgenommen und begann es zu
variieren. W
Immer neue Gedanken zauberte der Knabe aus seiner Melodie hervor, ein
om Hause her hörte er Klavierspiel. Das mußte Graf
10
Was spielte er denn da? Das
, ich will sie singen machen. Dann ging er leise hinein.
aldstein aufspringen und hineineilen; aber da was war
aldstein glaubte, noch nie etwas so Schönes gehört zu haben.
112

Strom unendlichen W
ohllautes flutete in die stille Nacht. Es war, als habe
die träumende Natur ihre Stimme erhoben und sänge ein leises Lied vom
Zauber der Frühlingsnacht, von Mondesglanz und Sternenschein. Waldstein
lag diese Nacht noch lange wach. Es war ihm heute zur Gewißheit geworden,
daß Ludwig über seinen Lehrer weit hinausgewachsen war
. Er mußte in
die Hände eines größeren Meisters; er mußte nach Wien, zu Mozart.
W
aldstein hatte dort viele Verwandte; jeder würde sich freuen, den genialen
Jungen bei sich aufzunehmen; man konnte ihn ruhig allein ziehen lassen.
Und die Kosten? die mußte der Kurfürst tragen; wozu war er denn
Landesvater! Am andern Morgen holte W
aldstein sich die Zustimmung
seines Herrn. Dann ging er zu Neefe und bat um sein Einverständnis.
Neefe war selig. Ich bitte Sie nur um eines, Herr Graf: ich möcht es ihm
zuerst sagen! Fünf Minuten später stürmte Neefe zu Ludwig ins Zimmer
und teilte ihm die frohe Botschaft mit. Der wurde ganz blaß.
Herr Neefe, sagte er erschüttert, das dank ich mal wieder Ihnen!
Lieber gar
, Louis! nu grade nich! Beim Grafen W
aldstein mußt du dich
bedanken! Im Nebenzimmer erhob sich ein Zankgeschrei, dazwischen
die scheltende Stimme des Vaters. Kommen Sie, Herr Neefe, sagte Ludwig,
wir wollen ins Freie, an den Rhein. Er zog seinen Lehrer mit sich fort, im
Sturmschritt marschierten sie durch die Straßen, dem Strome zu; Ludwig
stumm, Neefe ununterbrochen redend, von W
ien, von Mozart, von des
Knaben Zukunft So kamen sie zum Rheinufer. Es war ein schöner
Frühlingstag. Eine sanfte Brise kräuselte das W
asser, so daß Tausende von
Lichtern aufblitzten. Ein weißes Segel arbeitete sich den Strom hinauf. Die
beiden nahmen auf einer Bank nah am W
endlich ausgeredet Nun, Louis? du sagst keinen T
asser Platz. Neefe hatte sich
on?
Was soll ich sagen, Herr Neefe! Ich kann immer nur denken: Mozart
Ich soll ihn sehen , nicht nur sehen; ich soll ihn hören, er soll mich
unterrichten ; wie kann ich mir das vorstellen? Daß er überhaupt ein
Mensch ist von Fleisch und Blut wie wir , sehen Sie, das muß ich mir
erst ganz allmählich zurechtlegen.
11
Na, weißt du, Louis, nun sei mal nicht gleich so verstiegen!
Ein Mensch
von Fleisch und Blut ist er, das kann ich dir schwarz auf weiß geben, und ein
sehr menschlicher Mensch sogar
. Denk nur nicht, der sitzt in Wien auf
nem Götterthron und läßt sich anbeten. Der muß sich grade so mit Stundengeben plagen, daß er nicht verhungert, wie unsereins auch. Sei nur nicht
113

schüchtern, wenn du hinkommst! immer frisch drauf! Zeig, was du kannst!
Du brauchst dich weiß Gott nicht zu schämen!
Ja, aber vor Mozart! W
enn ich denke, was ich bis jetzt komponiert
habe, und was Mozart in meinem Alter schon geschaffen hat
12
Darauf kommt es nicht an.
Was schließlich wird, nicht, wie rasch
etwas wird, das ist die Hauptsache. Und weißt du, Louis ich will dich ja
nicht eitel machen; aber deine Klavierquartette , na, im ganzen ja noch
nicht, aber es sind Stellen drin, die würden auch dem Mozart von heute
keine Schande machen. Das sollt ich eigentlich nicht sagen, aber ich muß
dir doch ein bissel Mut machen! Und nun leb wohl, Louis, ich muß heim.
Ludwig war noch nicht imstande, nach Hause zu gehen. Sich jetzt
hinsetzen zwischen Vater und Brüder
, mit dem Gedanken an Mozart im
Herzen! Da fiel ihm die Mutter ein, die seit ein paar Tagen wieder krank zu
Bett lag. Konnte er denn jetzt überhaupt an Reisen denken? W
er sollte
denn die Mutter pflegen, auf die Kleinen achtgeben, für den Haushalt sorgen? Sollte aber daran seine ganze weitere Entwicklung zerschellen?
Diese Frage hatte er sich früher
, wenn er an seine Zukunft dachte, oft
genug vorgelegt und sie festen Herzens bejaht, in dem unbeugsamen Gefühl
seiner Pflicht Aber jetzt, wo das nie Gehof
fte W
irklichkeit werden sollte,
jetzt ward er unsicher.
Er ging zu Frau von Breuning und erzählte ihr alles. Sie überlegte eine
Weile.
Nein, Louis. Du mußt zu Mozart. Das ist etwas so Großes, dagegen
muß alles andere zurücktreten! Es wäre eine Sünde, wenn du hierbliebest!
Du hast auch Pflichten gegen dich selber! Und je vollkommener deine
Ausbildung ist, desto besser wirst du später auch für deine Familie sorgen
können. Deine Mutter läßt du ja nicht ohne Hilfe zurück; ich werde nach
ihr sehen, wenn sie mich haben mag, und ihr habt ja gute Nachbarn und
Freunde; die werden schon achtgeben, daß alles seinen Gang geht. Deine
Mutter hat schon öfters gelegen, das bringt die Art ihrer Krankheit mit sich.
Die Frühlingsluft greift an. Laß erst ein paar Wochen vergangen sein, dann
steht sie auch wieder auf. Oh Louis, wie ich mich für dich freue! Unschlüssig
ging Ludwig nach Hause. Er trat bei seiner Mutter ein, setzte sich an ihr
Bett und nahm ihre Hand. Voll Sor
Gesicht mit den fieberhaften W
ge betrachtete er ihr eingefallenes, blasses
angen, ihre krankhaft glänzenden Augen.
Und er beschloß, die Entscheidung in ihre Hand zu legen. Mutter, denk dir,
114

ich hab eine große Neuigkeit! Der Kurfürst will mich zu meiner weiteren
Ausbildung nach W
Frau Magdalene war eine W
ien schicken zu Mozart!
eile ganz stumm vor Freude. Mein Junge!
mein geliebter Junge! oh, wie schön ist das! wie freu ich mich! Endlich,
endlich fort aus diesem Elend! Jetzt weiß ichs, ich weiß es genau, jetzt
wird etwas Großes aus dir werden!
Ja, aber Mutter
, du bist doch krank! wer soll denn für dich sor
gen?
Dummer Ker!, entgegnete sie. Der liebe Gott wird schon für mich
sorgen, und unsere Nachbarn und Freunde auch. Das ist aber doch nicht
dasselbe, wie wenn ich bei dir wäre!
Nein, Louis, das ist es nicht; denn du bist mein Stolz und mein ganzes
Glück. Aber denkst du denn, ich hätte noch eine frohe Stunde, wenn du dir
um meinetwillen deine ganze Zukunft verdürbest?
13
Mutter! werde wieder gesund! du arme, arme Mutter! Du mußt gesund
werden! Du sollst es noch gut haben! Du sollst einmal bei mir wohnen! Ich
werde Geld verdienen, wir leben zusammen in einem schönen Haus, wir beiden
ganz allein! Alles, was du brauchst, sollst du haben, kräftiges Essen,
stärkenden W
ein, Ruhe, keine Sor
gen! Du sollst alt werden, und sehr
, sehr
glücklich!
Die Mutter strich ihm sanft über das Haar. Jetzt bin ich glücklich, Louis,
sagte sie leise. Und damit einmal alles so wird, wie du es mir so schön
ausmalst, darum mußt du jetzt nach W
ien. Und damit ist die Sache
abgemacht. Erschöpft sank sie zurück und schloß die Augen. Ludwig blieb
noch eine W
eile an ihrem Bett sitzen, bis er meinte, sie schliefe. Dann löste
er vorsichtig seine Hand aus der ihren und verließ leise das Zimmer. Seine
Mutter aber lag noch wach. Mozart! du wirst meinem Sohne den W
eg
ebnen, daß er groß wird , nicht so groß wie du, das wäre vermessene
Hoffnung! aber doch ein echter Meister! Nimmt er es nicht jetzt schon
14
mit den Besten auf?
der liebe Junge! Und ein seliges Lächeln auf den
Lippen, schlief sie ein.
Texterläuterungen
1
dann ging er an die V
сонаты для скрипки;
2
...suchte er einzudringen
3
Er dreht den Spieß um
iolinsonaten
потом он принялся за со
он пытался проникнуть;
он меняет тактику;
чинение
115

4
...unter den T
5
Wenn Mozart solche
isch fallen lassen
Leidenschaftsausbrüche
положить под с
vom
óêíî;
Stapel läßt... Åñëè
Моцарт позволяет себе такие страсти;
6
...jetzt springt er einem Gleich an die Kehle
теперь он схватит
кого-то за горло;
7
er wird uns noch m
еще трудную зада
8
Der Hof schwärmt für die welsche Richtung
anche Nuß zu knack
÷ó;
en geben
.
Двор восторгается
он задаст нам
иностранцами;
9
...schlug in der letzten Zeit öfters einen T
on gegen ihn an
в последнее
время все чаще говорил с ним другим тоном;
10
...er erkannte seinen Anschlag
11
...nun sei mal nicht gleich so verstiegen!
12
Darauf kommt es nicht an.
13
...wenn du dir um meinetwillen deine ganze Zukunft verdürberst?
Если бы ты изза меня испор
14
Nimmt er es nicht jetzt schon mit den Besten auf?
он узнал его м
анеру игры;
не волнуйся ты так сильно;
Îá ýòîì ðå÷ü íå èäåò;
тил свое будущее?
Не стремится
ли он уже сейчас померяться силами с лучшими;
15
ein bissel (dialekt) ein bißchen.
Aufgaben
1. Lesen Sie das 12. Kapitel und suchen Sie im Text folgende Redewen-dungen:
schwarz auf weiß geben;
ein Mensch von Fleisch und Blut;
darauf kommt es nicht an;
imstande sein;
Hand aufs Herz;
kommt der Berg nicht zum Propheten, dann geht der Prophet zum Berg;
Wie verstehen Sie diese?
2. Geben Sie den Inhalt des Kapitels nach folgender Gliederung wieder:
a) Louis in der Welt der Mozartschen Musik;
b) Waldsteins Vorschlag, Louis zu Mozart zu schicken.
c) Louis Verzweifelungen über den Vorschlag, zu Mozart nach W
d) Frau von Breuning unterstützt die Meinung des Grafen W
ien zu fahren.
aldstein.
e) Louis Gespräch mit der Mutter über die Möglichtkeit, beim Mozart
zu lernen.
116

DREIZEHNTES
K
APITEL
Graf Waldstein hatte bei seinen W
Ludwig van Beethoven eine Zeitlang bei sich aufnehmen wollten; alsbald
war die Antwort eingelaufen, er sei willkommen und man freue sich auf ihn.
So stand der Abreise nichts mehr im Wege. Vom Kurfürsten nahm Ludwig
ein Handschreiben an Mozart mit, und nach einem bitterschweren Abschied
von der Mutter setzte er sich in den Postwagen. In Augsburg unterbrach er
die Fahrt, um den berühmten Klavierbauer Stein aufzusuchen, den Erfinder
der deutschen Auslösungsmechanik. W
arbeitete Stein mit eigener Hand an seinen Instrumenten, deren Vollkommenheit schon vor zehn Jahren Mozart bei seinem Aufenthalt in Augsburg
entzückt hatte. Ludwig fuhr weiter mit dem sehnlichen Wunsch, später einmal
ein Steinsches Hammerklavier zu besitzen.
Der letzte Reisetag war gekommen; der W
eines Gebirgspasses erreicht, da wandte sich der Postillion zurück und sagte:
Da liegt Wien. In der Ferne reckte sich ein T
Horizont beherrschend. Ludwig klopfte das Herz. Dort lag W
wohnte Er, der Eine, Große, nach dem er sich bangend sehnte! Und während
der W
agen nun rascher zu T
Turmriesen, dessen himmelanstrebende Form ihm ein Sinnbild deuchte des
lichten Genius in seinem Bannkreis.
Durch liebliche Dörfer ging es, die in Weingärten und blütenüberschüttete
Obstbäume eingebettet waren; durch die Vorstädte mit ihren schönen Kirchen,
ihren Palästen inmitten großer alter Gärten. Und nun hoben sich aus einem
Kranz grüner Wiesen mächtige baumüberschattete Festungswälle empor,
die ein Meer von Häusern und Türmen einschlössen. Im Hintergrunde
dehnten sich sanfte waldbekrönte Höhenzüge. Schon fuhr der W
eine Wiesenfläche, das Glacis der Festung, auf ein düsteres Stadttor zu, und
jetzt machte er vor ihm halt. Ein Militärposten trat an den Schlag und prüfte
die Pässe. Dann donnerte das T
öffnete sich wieder, und Ludwig war in Wien.
Durch menschenwimmelnde Straßen ging die Fahrt, bis der Wagen vor
der Hauptpost anhielt. Ludwig verfügte sich mit seinem schmächtigen Gepäck
in ein nah gelegenes Einkehrwirtshaus, ließ sich ein Zimmcrchen geben,
vertauschte die staubige Reisekleidung mit seinem Sonntagsanzug und ging in
al rollte, hingen Ludwigs Augen an dem grauen
iener Verwandten angefragt, ob sie
ie ein mittelalterlicher Meister
agen hatte eben die Höhe
urm empor
orgewölbe von den Hufen der Pf erde; es
, mächtig den
ien! dort
agen über
117

die Gaststube hinunter
, um den W
irt nach dem Wege zu Mozarts W
ohnung in
der Landstraße zu befragen. Oder soll ich lieber erst die Lichnowskis
aufsuchen? V
ielleicht muß ich sonst hier übernachten. Aber wer weiß, ob ich
dann heute noch zu Mozart komme. Nein, nein! ich muß zu Mozart. Auf d
Landstraßen wollen Euer Gnaden? Zu wem denn, wenn ich fragen darf?
Zu Mozart , zu Herrn Mozart, entgegnete Ludwig und wurde rot vor
Stolz und Scham, daß er genötigt war
, diesem Fremden sein Glück zu
verkünden. Herr Mozart? Kenn i net. Ja, wollen Euer Gnaden da net lieber
an Fiaker nehmen? Der W
rauskommen, haben S an sakrischen Durscht, und a anständige W
eg ist weit, und bis Sie in dera Hitz wie heut da
irtschaft
werden S kaum finden da draußt in der gottverlassenen Gegend. Nehmen
S halt an Fiaker, der kost Ihna an Gulden und a V
iertel Wein als Trinkgeld.
Nein, danke, sagte Ludwig möglichst gleichgültig, ich gehe lieber zu Fuß,
man sieht mehr von der Stadt. Na, da wünsch ich Ihna viel V
meinte der W
irt, und gab ihm eine Beschreibung seines Weges, die er natürlich
ergnügen,
bei der ersten Straßenkreuzung schon vergessen hatte. Der Lärm der engen
Gassen verwirrte ihn. Immer wieder mußte er nach dem W
ege fragen,
immer wieder verstand er falsch, schlug er eine verkehrte Richtung ein. So
war es bald Mittag, als er endlich die stillere Vorstadt erreichte und vor
einer Gartentür anhielt, die mit der gesuchten Hausnummer bezeichnet war.
Mitten im Grünen ein kleines Haus , Mozarts Haus! Und in dieses Heiligtum
sollte er eindringen? Er begann zu zittern; seine Hände wurden kalt. Schon
überlegte er, ob er nicht lieber umkehren solle. Da kam ein Dienstmädchen
mit einem Marktkorb am Arm daher und fragte, zu wem er wolle. Es war
ihm wie eine Entweihung, daß er diesem W
esen sagen mußte, er wolle zu
Herrn Mozart. Aber das Mädchen schien von der Verwegenheit seines
Unterfangens gar nicht berührt; es erklärte in familiärem Ton, Herr Mozart
sei zu Hause, er solle nur mitkommen. Ober er denn auch nicht störe?
1
Er solle nur nicht soviel Umstände machen,
durchschritt er den V
Messingschild befestigt war; W
orgarten, trat durch die Tür, an der ein kleines
. A. Mozart war darauf zu lesen. Er blieb
sie würde halt fragen. So
stehen, seine Knie wankten. Hier die Stiegen nauf! sagte das Mädchen,
als ob sich das von selbst verstände. Er tastete sich am Geländer aufwärts.
So, jetzt warten S halt an Moment. Mit wem hab ich die Ehr?
Ludwig holte sein Empfehlungsschreiben hervor und händigte es dem
Mädchen ein, das das große kurfürstliche Siegel mit Interesse in Augenschein
118

nahm und dann verschwand. Er hätte viel darum gegeben, wenn er jetzt
hätte umkehren können; aber da kam sie schon zurück und sagte, der Herr
Mozart lasse bitten. Gleich darauf stand Ludwig in einem kleinen einfach
möblierten Empfangszimmer
, und die Tür schloß sich hinter ihm.
Aus dem Nebenzimmer klang das Gespräch zweier Männer gedämpft
herüber
jedes Wort verstehen mußte, T
wenden, wenn nicht an Sie! T
. Jetzt erhob sich die hellere der beiden Stimmen, so laut, daß Ludwig
eurer Freund, an wen soll ich mich sonst
un Sie mir halt den Gefallen! ich will ja gern
die Interessen zahlen.
Der andere antwortete etwas Unverständliches. Nun wieder die hellere
Stimme: Dann bitt ich Sie wenigstens um eine augenblickliche
Unterstützung! daß ich nur wieder etwas Luft schnappen kann! das W
asser
geht mir ja bis zum Mund! Da wollte gewiß jemand Geld von Mozart
leihen, und der könnt es ihm nicht geben. Ludwig mochte nicht weiter hören,
er hielt sich die Ohren zu. So saß er eine Zeitlang. Dann horchte er wieder:
ja, jetzt verstand man kein W
Ob Mozart denn kein reicher Mann war
ort mehr.
, daß er einem Freunde nicht
aushelfen konnte? der berühmte, gefeierte Mozart? Wieder verging eine Weile;
dann wurden nebenan Stühle gerückt. Jetzt! dachte Ludwig, und sein Herz
begann stürmisch zu klopfen. Da! Schritte näherten sich. Jetzt kam er! Die
Tür wurde geöffnet, ein kleiner unscheinbarer Herr trat ein und sah Ludwig
aus kurzsichtigen blauen Augen überrascht an. Das war gewiß der Freund.
Nun? sagte der Herr
, wo ist denn der Besuch? bist du hier allein gesessen?
Ich komme aus Bonn, sagte Ludwig, ich möchte mit Herrn Mozart
sprechen.
Der bin ich. Ja, bist du etwa der Kurfürstlich Kölnische Hoforganist?
Ja? Ei da schau her! wie alt bist du denn? Fünfzehn Jahr, antwortete
Ludwig, und das Blut schoß ihm ins Gesicht.
Fünfzehn Jahr erst? Na, dafür bist du aber schon ein strammer Bursch!
Und schon Hoforganist? Nun, komm nur herein.
Im Musikzimmer wurde Ludwig einem Herrn von mittleren Jahren
vorgestellt, dessen Namen er nicht verstand. Setz dich ein bissel, sagte
Mozart, gleich bin ich zu deiner Disposition. Und er zog den Herrn auf die
Seite und sprach in gedämpftem T
one auf ihn ein.
Trotz Neefes Beschreibung hatte Ludwig sich unter Mozart eine Art
Halbgott vorgestellt und war nun etwas enttäuscht. Das blasse, gutmütige
119

Gesicht wirkte keineswegs bedeutend. Die starken blonden Haare waren
in einem gepuderten Zopf zusammengefaßt. Der Kopf schien für die
schmächtige Figur etwas zu groß geraten. Ein brauner Überrock nebst einer
Weste von etwas verschossenem Blau umhüllte den Oberkörper. Peinlich
weiße Spitzenmanschetten ließen die weißen, weiblich kleinen und sorgfältig
gepflegten Hände frei. Endlich brach Mozart die Unterredung ab und
wandte sich Ludwig zu: Also Lektionen möchtest du von mir haben? Nun,
wollen sehen, was du kannst. Nach allem, was dein Herr schreibt, hast du
ja das Zeug, was Rechtes zu werden. Hast es freilich schlecht bei mir
getrof
fen; stecke recht drin in der Arbeit, hab eine neue Oper vor
. Er
blickte wieder in den Brief des Kurfürsten. Also der Neefe war bisher
dein Meister? Er sann einen Augenblick. Ah, jetzt besinn ich mich.
Damals in Mannheim, bei der Seylerschen T
ruppe, da war er Musikdirektor.
Sophonisbe! Ein leiser Hauch gutmütiger Ironie zog für einen Augenblick
über sein Gesicht. Ein tüchtiger Musikus. Immer noch so ein schmächtiges
Manndl? Er sank etwas in sich zusammen, sein Gesicht nahm einen
melancholisch-hypochondrischen Ausdruck an, den Ludwig so gut an seinem
Lehrer kannte. Der Neefc, der Neefe, fuhr Mozart in Gedanken fort.
Irgendeine komische Erinnerung mochte ihm in den Sinn kommen, er lächelte
kurz. Spielt er meine Sachen? Herr Neefe ist Ihr glühendster V
sagte Ludwig stolz. W
ir haben alles von Ihnen gespielt, was in Bonn
erehrer!
erreichbar war. Wir haben auch die Entführung aus dem Serail aufgeführt,
als wir noch ein Theater hatten. Als ihr noch ein Theater hattet?
Ja, unter dem vorigen Kurfürsten. Und durch die Frage ermutigt,
begann er vom Bonner Theater zu sprechen, verstummte aber
, als er
bemerkte, daß Mozart ihm offenbar gar nicht mehr zuhörte. Dessen Augen
blickten abwesend ins Leere, seine Finger spielten auf der Stuhllehne
irgendeine Melodie. Eine Pause trat ein. Ludwig war in peinlicher
Verlegenheit. Der Freund räusperte sich, Mozart fuhr in die Höhe.
2
Ja, der Neefe! Ein tüchtiger Meister; kann dich freilich nicht alles lehren,
was du brauchst; hast sicher noch manches zu lernen. Na, wir werden
schauen. Er blickte auf die Uhr. Setz dich her er deutete aufs
Klavier und zeig, was du kannst. Wollen Sie zuhören, Puchber
g? Der
Freund nickte. Ludwig ließ sich auf dem Klavierstuhl nieder. Nun, sagte
Mozart, was willst du spielen? W
as kannst du? Aber bitte, nichts von mir,
wenns nicht sein muß. Gerade darauf hatte Ludwig sich vorbereitet. Nun
120
Соседние файлы в предмете [НЕСОРТИРОВАННОЕ]
