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ivanov666
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Файл:Детство и юность Людвига ван Бетховена. Учебное пособие – книга для чтения на немецком языке
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nun freilich alles, was er bisher auf der Bühne gesehen. Eine erhabene
Handlung, in wenigen erschütternden Bildern rein dargestellt; eine einfache,
schlichte, tief empfundene Musik, die nie um ihrer selbst willen da zu sein
schien, sondern nur um die Gefühle der handelnden Personen durch die ihr
innewohnende geheimnisvolle Macht weit unmittelbarer, stärker und reiner
auszudrücken, als es das Wort allein vermocht hätte. Orpheus Totenklage
am Grabmal der Eurydice mit ihren erschütternden Dur-Klängen , die
gewaltige Szene, als er die Geister der Unterwelt beschwört und durch
seinen Gesang erweicht, daß sie ihm die geliebte Frau zurückgeben , der
Reigen der seligen Geister mit ihrem überirdisch schönen Gesang das
waren unverlierbare Erlebnisse, die dem jungen Komponisten den ersten
Begriff davon gaben, daß eine Oper etwas Großes und Heiliges sein könne.
Was dem Knaben ein einziges tiefes Erlebnis war, das zerlegte sich bei
Neefe, dem Kenner und Feinschmecker
, in eine lange Kette von kritisch
beobachteten Einzeleindrücken. Es zuckte ihm oft in dem Ellenbogen, daß
er seinem Nachbar gern einen Rippenstoß versetzt hätte, um ihn auf dies
oder jenes T
echnische aufmerksam zu machen: auf die malende
Orchesterbegleitung des Rezitativs, die Gluck statt der bisher üblichen
Cembalobegleitung eingeführt hatte; auf die ganz neue Art, wie er die Chöre
verwandte, und was der
gleichen mehr war
. Aber er fühlte, daß er den Knaben
nicht stören dürfe, und sparte sich seine Bemerkungen für später auf.
Und nun die Alceste! Ihr Eindruck war vielleicht noch erschütternder.
Das V
olk in seiner Not ist im T
empel des Apoll zusammengeströmt, um von
dem Gott das Schicksal des todkranken Königs zu erfahren. Da ertönt die
W
eissagung, machtvoll, feierlich, in einem und demselben ehernen Ton: der
König wird das Leben behalten, wenn ein anderer für ihn in den Tod geht.
Entsetzen bemächtigt sich der Menge, sie entflieht; Alceste, die Königin,
bleibt zurück und bereitet sich, in ergreifender Selbstverständlichkeit, für
den Gemahl zu sterben.
Ludwigs Blick fiel auf die Loge gegenüber. Dort saß Frau von Breuning,
neben ihr Eleonore. Beide schauten gebannt auf die Bühne. Ludwig vergaß
für einen Augenblick das Drama. W
ie ähnlich sahen sich Mutter und T
ochter!
Die Erinnerung an den Schloßbrand schoß ihm blitzartig durch den Kopf.
Als man damals den sterbenden V
ater nach Hause brachte hätte da Gottes
Stimme zu der Gattin gesprochen: Stirb du und er wird leben bleiben!
oh, sie hätte ihr Leben gegeben! Ganz gewiß hätte sie es gegeben!
101

Der Vorhang war gefallen. Schweigend verließen die drei das Theater
und sahen sich draußen plötzlich von dem Gelärm des rheinischen Karnevals
umtost. Einige Burschen in unflätigen Masken umtanzten grölend ein paar
Mädchen, die sich unter kreischendem Gelächter ihrer zu
Pfui Teufel! sagte Neefe. W
ir haben es seit dem König Admet doch
erwehren suchten.
herrlich weit gebracht.
Herr Neefe, meinte Ludwig, Frau von Breuning und Lorchen waren
im Theater
. Wollen wir sie nicht nach Hause begleiten?
Ja natürlich! rief Neefe. Da kommen sie schon!
Man begrüßte sich, die Begleitung war dankend angenommen, und als
man vor Breunings Hause stand, war es fast selbstverständlich, daß man
der Einladung, noch etwas mit hineinzukommen, folgte. Bald darauf saß
man um den gemütlichen runden Eßtisch zu einem Imbiß versammelt.
Merkwürdig! verkündigte Neefe, wenn mich was recht erschüttert
hat, dann bekomm ich immer einen gräßlichen Hunger
. Gott sei Dank, daß
ich kein Gluck bin, Suse, sonst hätt ich uns vor lauter Erschütterung schon
längst bankrott gegessen.
Gluck soll aber keineswegs arm sein, Gottlob.
Nee, im Gegenteil! Reich ist er geworden. Aber nicht in Deutschland!
W
ar er nicht nach Paris gegangen in Wien hätt er wahrscheinlich
verhungern können. In Deutschland feiert man das Genie erst vom
fünfundzwanzigsten Todestage an. Merk dirs, Louis, werd um Gottes willen
kein Genie! Jetzt sitzt in W
ien wieder so ein Genie, aber das will nicht aus
Deutschland raus, drum wird es auch eines schönen Tages an Entkräftung
sterben so wie ich, wenn ich noch lange so weiterschwatze. Und er
vertiefte sich in die Anatomie eines kalten Hähnchens.
Wen meinen Sie, Herr Musikdirektor? fragte Frau von Breuning.
Mozart natürlich.
Ist Mozart wirklich solch ein Genie wie Gluck?
Musikalisch wohl noch ein größeres. Ob dramatisch, das muß sich
erst noch zeigen. Die ,Entführung
4
Bühnenwerk.
Die möchte ich allerdings mit Gluck nicht in einem Atem nennen,
entgegnete Frau von Breuning.
Ich auch nicht! warf Ludwig ein und wurde ganz verlegen, weil alle
ihn ansahen.
102

So! Du auch nicht! sagte Ncefc. Na, Louis, dann schieß mal los mit
deiner W
eisheit.
Ich meine, stotterte Ludwig und rang nach Worten, Gluck ist Gluck.
Gluck ist Gluck, und Mozart ist Mozart! schrie Neefe.
Sehr richtig! Ausgezeichnet! Aber nun weiter!
Gluck ist viel größer, fuhr Ludwig unbeirrt fort. Der ,Orpheus und
die ,Alceste, das war das war etwas Heiliges. Und die Entführung ja,
das war alles sehr schön; wunderhübsche Melodien, alles sehr geistreich
gemacht aber schließlich
Aber schließlich? drängte Neefe.
aber schließlich doch nur Amüsement.
Louis! brüllte Neefe. Herr
gott von Sachsen! W
5
eißt du, daß das
Gotteslästerung ist, was du Hansguckindiewelt da verkündest?
Und wenn ich mal später eine Oper komponiere, dann suche ich mir
ein Textbuch, das ist nicht so wie die ,Entführung, sondern in der Art von
Glucks Texten.
Neefe brach in ein ironisches Gelächter aus.
Gottlob! Nicht so frei! mahnte leise seine Frau.
Also, mein lieber Freund, rief Neefe, das kommt davon, wenn man
immer vergleichen will. Tragödie Komödie beides ist gut. Man kann
nicht sagen, eins ist besser als das andere. W
ir sollen im Theater lachen und
wollen auch gerührt werden. Natürlich ist Gluck großartiger. Aber ich bin
Musiker
sagte: rein musikalisch reicht ihm Gluck doch das Wasser nicht.
, und da halt ich
s doch mit meinem Mozart. Denn wie ich schon
6
Hast du
was von Kontrapunkt bei ihm bemerkt? Ich nicht! Seine Melodien sind immer
edel, das geb ich zu, aber doch nicht so warm hingesungen wie die
Mozartschen. Und wenn er einen Ausbruch wirklicher Leidenschaft
darstellen will, dann versagt er doch des öfteren. Denk mal an die Stelle im
,Orpheus, wo Eurydice zum zweiten Male stirbt. Der Lump von Mann ist
schuld dran mit seiner verfluchten Neugier. Ja, da erwarten wir doch na,
Süse, was hast du von mir erwarten, wenn ich dich so quasi abgemurkst
7
hätte?
dem Kopf ein paar mal gegen die W
Ich würde doch na, zum mindesten mal aus der Haut fahren,8 mit
and rennen! Das glaubst du nicht?
Na, warts nur ab! Den Mozart kennen wir hier in Bonn noch gar nicht;
mir selber ist er erst vor kurzem richtig aufgegangen, und alle T
age wächst
mein Respekt vor diesem unvergleichlichen Manne. Der Kurfürst hat Sonaten
103

und Kammermusik von ihm mitgebracht; ich hab in dies und jenes
hineingeschaut; Louis, mein lieber Freund, wenn du da deine Nase erst
mal gründlich hineinsteckst, wirst du anders über Mozart reden!
Jetzt reden wir aber nicht von Sonaten und Kammermusik, lieber
Herr Musikdirektor, sagte nun Frau von Breuning, sondern von der Oper.
W
as uns Mozart da noch bescheren wird, das wissen wir nicht. Aber was
uns Gluck beschert hat, das haben wir erlebt; und er soll ja nach der
,Alceste noch viel Großartigeres geschrieben haben, die beiden
Iphigenien vor allem. Nein, da möchte ich doch Louis recht geben. Bei
aller Bewunderung für die Entführung und übrigens auch für Ihre eignen
Sachen, Herr Kapellmeister
Aber bitte, Frau Hofrätin
auch ich möchte ein Singspiel und eine Glucksche Oper nicht in
einem Atem nennen. Die Richtung auf das Große, die Gluck immer hat, die
ist mir denn doch wertvoller als alles andere. W
arum? W
eil ich fühle, daß
ich selber besser dadurch werde.
Das haben Sie nicht nötig, sagte Ludwig leise vor sich hin.
Die Verherrlichung der Gattenliebe, fuhr Frau von Breuning fort, im
Orpheus, und noch edler und stärker in der ,Alceste, das isteben doch
ein Stoff, der mich packt, mich erhebt und ja, ich sagt es schon, mich
besser macht. Und da kann ich Louis nicht unrecht geben, wenn er solch
einen Stoff der Entführung vorzieht. Aber es ist ja wahr, man soll nicht
immer vergleichen, besonders dann nicht, wenn es sich um zwei ganz
entgegengesetzte Prinzipien handelt, und das ist doch hier der Fall. Bei Mozart
und überhaupt im Singspiel steht das Wort im Dienste der Musik; bei Gluck
steht die Musik im Dienste des Dramas. Und das soll ja das Entscheidende
in seiner ganzen Reform sein.
Ganz richtig, entgegnete Neefe. Gluck hat gesagt: W
enn ich an eine
Komposition gehe, dann suche ich vor allem einmal zu vergessen, daß ich
Musiker bin. Ja, Herrgott nochmal, das ist ein merkwürdiger Standpunkt
für einen Komponisten! Ich sage umgekehrt: für mich hat das W
ort nur
insofern Bedeutung, als es mir die Handlung, die Situation herstellt, aus der
sich Gefühle entwickeln, die ich als Komponist brauchen kann, um sie dann
in Melodien zu kleiden.
Das sind also zwei Gegensätze, meinte Frau von Breuning, und wer
recht hat, darüber muß die weitere Entwicklung der Oper entscheiden.
104

Gottlob! rief jetzt Frau Neefe, wenn dich einer so reden hört, dann
könnt er denken, du machst dir gar nichts aus Gluck! Und dabei hat der
Mann seit zwei W
ochen von nichts als von Gluck gesprochen, hat nichts
weiter gespielt als Gluck; hat sich selber verhöhnt und ausgelacht, daß er
dieselben Klopstockschen Oden in Musik gesetzt hat wie Gluck! Stimmt
das, Gottlob?
Nu allemal, sagte Neefe trocken. Aber ich muß auch sagen: die
9
Oden gehen mir fast noch über die Opern! Klopstock
und Gluck da
waren eben die beiden Richtigen zusammengetroffen. Grandios! Erhaben!
Maestoso!
Des-Dur, bemerkte Ludwig.
Richtig! rief Neefe lachend. Der Louis macht seinen Mund selten
auf, aber wenn er ihn mal aufmacht, dann kommt manchmal was ganz
Gescheites heraus.
Frau Neefe mahnte zum Aufbruch.
War es unbescheiden, liebe Frau Musikdirektor, sagte Frau von
Breuning, wenn ich Sie bäte, diesem schönen Abend einen recht schönen
Abschluß zu geben? W
ollen Sie uns eine der Klopstock-Oden singen?
Aber bitte keine von mir! rief Neefe. Besitzen Sie die Gluckschen?
Frau von Breuning bejahte, und man begab sich ins Musikzimmer.
Louis, du kannst begleiten, sagte Neefe und ließ sich genießerisch in
einem bequemen Polsterstuhl nieder
leise W
orte mit Frau Neefe; dann entnahm sie dem Notenschrank ein
. Frau von Breuning wechselte ein paar
schmales Heft und stellte es vor Ludwig auf, der schon am Flügel Platz
genommen hatte. Es waren die Neefeschen Oden!
Texterläuterungen
1
sich (Dat.)
2
die Rache an den Freiern
3
Gluck Christoph Willibald (17141787) der deutsche Komponist;
4
Die Entführung aus dem Serail (1782) die Oper von Mozart;
5
... aber schliesslich doch nur Amüsement
развлечение;
6
... reicht ihm Gluck das W
годится;
7
... wenn ich dich quasi abgemurkt hätte
Mühe geben приложить усилия;
месть женихам;
íî â ê
asser nicht Ã
ëþê åìó â ïî
åñëè áû ÿ òåáÿ ÷óòü íå óáèë;
онце концов только
дметки не
105

8
aus der Haut fahren
9
Klopstock Friedrich Gottlieb (17241803) Dichter der Aufklärung,
выйти из себя;
Vertreter der deutschen Klassik der Literatur. Er schrieb Oden, religiöse
Dichtung Messias.
Aufgaben
l. Sie haben das 1
1.Kapitel gelesen. Bestimmen Sie das Thema dieses
Kapitels.
Gibt es hier vielleicht mehrere?
2. Versuchen Sie Louis Benehmen beim Kinderspiel zu erklären.
3.Wie entwickelte sich Louis Charakter unter dem Einfluss der Frau von
Breuning?
4. Welche Eindrücke machte Glucks Oper auf Louis?
5.Wie schätzte Herr Neefe das Schaffen von Gluck und Mozart? W
as
meinte Ludwig dazu?
6. Übersetzen Sie ins Deutsche folgende Sätze:
ïðèã
лашение было принят
это его после
днее сценическое произве
о с благодарностью;
дение;
с каждым днем растет мое уважение к этому несравненному
человеку;
êîã
äà ðå÷ü èäåò î äâóõ ïðî
тивоположных принципах.
Vergleichen
Sie Ihre Übersetzungen mit dem Original im Text.
ZWÖLFTES
K
APITEL
Mit dem neuen Kurfürsten war in Bonn auch die Kunst des von ihm
begeistert verehrten Mozart eingezogen. W
enn auch die Landestrauer
Hofkonzerte noch verbot, so ward um so öfter eine Kammermusik in den
kurfürstlichen Privatgemächern gegeben, wobei Mozarts W
erke den Hauptteil
des Pro-grammes bildeten. Sie eröffneten Neefe eine neue Welt. Und diese
Welt auch seinem Schüler zu erschließen, das war nun sein hohes Glück.
So legte er Ludwig einige Mozartsche Klaviersonaten vor. Der Eindruck
auf den Knaben war ungeheuer. Neefe sah es an seinem gespannten
106

Gesichtsausdruck, hörte es an seinem Spiel: wie er den unbeschreiblich
zarten Hauch der W
ehmut zum Ausdruck brachte, der so oft über Mozarts
süßen Melodien liegt; wie er die dämonische Sturmwelt hervorzuzaubern
wußte, die mit der reinsten Schönheit in Mozarts Musik oft einen so
überirdisch herrlichen Bund eingegangen ist.
Ja, Louis, meinte Neefe, Melodien können wir auch machen aber
solche Melodien? W
ollen wir nun einpacken, mein braver Kerl? Nee, nun
grade nicht! Jetzt geh ich dir einen Rat: tauch in Mozart unter bis auf den
Grund , ersaufen wirst du nicht, wirst schon wieder an die Oberfläche
kommen. Genieß ihn nicht nur, sondern pack ihn auch von der technischen
Seite an; vertief dich in seine Formensprache! Er ist unerhört reich an Neuem
und Großem, in der Beziehung nur mit Sebastian Bach zu vergleichen. Und
wenn du dich ein halbes Jahr mit ihm abgegeben hast, dann wirst du einen
Riesenschritt vorwärts getan haben in unserer göttlichen Kunst. Dann setz
dich hin und komponier was, und ich sag es dir voraus: das wird dann was
Besseres sein als dein Klavierkonzert; das kann ich nun mal nicht leiden; es
ist auch zu schwer
.
Ludwig folgte seines Lehrers Rat, tauchte unter in den Strömen und
wurde heimisch in den Gärten der Mozartschen W
konnte er bald auswendig; dann ging es an die Violinsonaten.
elt. Die Klaviersonaten
1
Die
Geigenstimme ließ er sich von dem Hofmusikus Ries spielen, der ihm eine
Zeitlang V
iolinunterricht gegeben hatte. Gewöhnlich spielte elf aber nur die
Klavierstimme und dachte sich den Geigenpart hinzu, und dann klangen
diese Sonaten vor seinem inneren Ohr fast noch schöner. Da war besonders
eine Sonate in G-Dur
, die hatte es ihm angetan mit ihrem majestätischen
Eingang, dem anschließenden dämonisch-wilden G-Moll-Allegro und dem
Schlußsatz, den lieblichen und dabei weitgespannten Variationen. Tagelang
brütete er über den Mozartschen Formen, legte sich jeden Takt zurecht, sah
sich die Themen auf ihre Melodik, ihr Gewicht an, verglich eines mit dem
ändern, grübelte über der Durchführung. In alle Geheimnisse der
Mozartschen T
echnik suchte er einzudringen.
2
Und wenn er dann viele
Stunden hart gearbeitet hatte, dann ließ er das ganze Kunstwerk an sich
vorüberziehen, ohne sich von den Einzelheiten Rechenschaft zu geben, rein
als Genießender. Er fühlte sich dann eingehüllt in eine Welt durchgeformter
Schönheit und lebenswarmer Reinheit. Das schützte ihn gegen alles T
raurige
und Häßliche seines Alltages. Er hatte solchen Schutz bitter nötig. Mit seinem
107

Vater ging es immer mehr ber
gab; sein Gehalt floß wieder fast restlos in die
Tasche des Schenkwirtes. Die vom Großvater ererbten schönen Möbel,
das Silberzeug, die feine Wäsche waren längst zum Trödler gewandert.
Schüler hatte er nicht mehr
. Die W
ohnung in der Rheingasse ward
aufgegeben und eine billigere in der Wenzelgasse bezogen, ein düsteres,
unfreundliches Quartier in einem Hinterhause; zu Ludwigs bitterem Schmerz,
der in der Rheingasse bei Fischers den größten Teil seiner bewußten Kindheit
durchlebt hatte. Den Unterhalt der Familie zu beschaffen, war jetzt in der
Hauptsache Ludwigs Aufgabe. Nachdem er bei Breunings den Anfang mit
Klavierunterricht gemacht, verlangte der V
ater, daß er sich mehr Schüler
suche, und Ludwig nahm die vermehrte Arbeitslast als etwas
Selbstverständliches auf sich. Der Ruf seines Talentes, die Notlage der
Familie, die Empfehlungen Neefes, Frau von Breunings, des Grafen Waldstein
verschafften ihm in Kürze Schüler aus den ersten Familien. So erfüllte er,
an Jahren noch ein Kind, Pflichtenkreise eines Mannes. Was andern Kindern
die Jugend verschönt, so daß die Erinnerung daran, als an die einzige Zeit
reinen Glückes, das ganze Leben durchleuchtet, das drängte sich bei ihm in
die Abendstunden zusammen, die er bei den Breunings verbrachte. Aber
hier bot sich ihm soviel des Schönen, des Anfeuernden und Erhebenden,
des Aufheiternden und Beglückenden, daß es alles T
raurige und
Niederziehende überstrahlte. Das erfuhr auch Neefe, als Ludwig ihm nach
langer Pause wieder eine neue Komposition brachte; es waren drei Quartette für Cembalo, Geige, Bratsche und Cello. An diesem T
age war Neefe
für niemand mehr zu sprechen. Er saß in seinem Sorgenstuhl, die Partitur
auf den Knien und las und las, bis er zu Ende war
. Dann saß er
, in sich
versunken, und ließ das Gelesene in sich nachklingen. Er dreht den Spieß
3
sagte er endlich mit einem tiefen Seufzer vor sich hin. Bisher war ich
um
sein Lehrer; jetzt wird er der meine. W
as ich vor ihm voraus habe, das ist
weiter nichts als Routine. Oder nicht? Doch! Ich will ein ehrlicher Kerl
sein; es ist so, Gott verdamm mich! Hätt ich diese Quartette schreiben
können? Nein, ich hätte es nicht gekonnt. Nie im Leben fiele mir so was
Schönes ein! T
echnisch hätt ich ja manches besser gemacht. Aber
, Hand
aufs Herz! was bin ich? Ein tüchtiger Komponist! Und der, der diese
Quartette geschrieben hat? Ein Genie! Und jetzt kommt er in die Jahre, wo
das Genie bei ihm aus allen Poren hervorbricht. So ist es, und nicht anders.
Fertig!
108

Seine Frau wollte eintreten, fand aber die Tür verschlossen und ließ ein
energisches Klopfen ertönen. Gottlob, mach auf! Graf Waldstein möchte
dich sprechen! Graf W
aldstein soll eintreten. Und mißver
gnügt öf
f-
nete er die Tür.
Graf W
aldstein war ein häufiger Gast bei Neefe, denn er hatte vor
dessen Können gewaltigen Respekt und bat ihn gern um sein Urteil, wenn
ihn die Muse besucht und ein Geschenk zurückgelassen hatte. Nun, mein
lieber Meister, wie geht es? Den Meister soll der Teufel holen, Herr Graf,
antwortete Neefe grimmig. D a haben Sie den Meister! und er zeigte
auf Ludwigs Manuskript. Drei Klavierquartette auf einmal! Haben Sie
Zeit, dann spiel ich Ihnen das erste gleich mal vor, das in Es-Dur; es scheint
mir das beste. Aber lesen Sie bitte mit, ich werde wohl manches unter den
4
Tisch fallen lassen
, denn leicht ist das Zeug nicht. Ein lang ausgeführtes
Adagio leitete in ein wildbewegtes Es-Moll-Allegro über; ein schlichtes,
gemütvolles Thema mit V
ariationen beendete das W
erk.
Das ist sehr schön, sagte Waldstein nach einer Pause. Er hat Mozart
gut studiert. Das V
orbild der V
iolinsonate in G-Dur ist unverkennbar
. Und
doch kann man nicht von Nachahmung reden. Ich möcht sagen: es ist Mozart,
aber empfangen von einem ganz andern T
emperament W
as sagen Sie dazu,
lieber Meister?
Sie haben recht, entgegnete Neefe. Er hat von Mozart sehr viel
gelernt. Vor allem ist seine Melodik geschmeidiger und ausdrucksvoller
geworden. Aber nehmen Sie dieses Allegro! Schon die T
onart: Es-Moll!
das Düsterste, Leidenschaftlichste, was sich denken läßt. Gibt es das bei
Mozart? ich kann mich auf nichts der Art entsinnen.
Kennen Sie die schöne G-Moll-Symphonie, die Mozart mit siebzehn Jahren
geschrieben hat? sagte Waldstein. Da hat er ein ähnliches Sturmbild gemalt.
Ganz recht, entgegnete Neefe, ähnlich, aber doch ganz anders.,W
5
Mozart solche Leidenschaftsausbrüche vom Stapel läßt,
aann hat man doch
enn
immer das Gefühl dabei: er hat sich in der Hand, es kann nichts passieren.
Aber bei unserm jungen T
werden! Man meint, jetzt springt er einem gleich an die, Kehle!
ausendsassa kann es einem manchmal unheimlich
6
Bei
einem Burschen von vierzehn Jahren doch eigentlich etwas Anormales,
Erschreckendes!
Waldstein nickte gedankenvoll. Ja, es ist ein merkwürdiger Bub! er
7
wird uns noch manche Nuß zu knacken geben
. Aber erschreckend, lieber
109

Meister? Doch wohl nur dann, wenn er sich mit Vorliebe in dieser Domäne
des Düstern und Leidenschaftlichen bewegte. Ist das auch bei den andern
beiden Quartetten der Fall?
Nein! die sind festlich, fröhlich, humorvoll, die Rondos geradezu
übermütig. Es ist wahr: mit Gott und der W
denn doch noch nicht obgleich er
s wahrhaftig manchmal werden könnte,
elt zerfallen ist mein guter Louis
bei diesen traurigen Zuständen zu Hause.
Er hat seine Kunst, entgegnete W
aldstein, er hat die trefflichen
Breunings, und er hat Sie.
Da hat er was Rechtes! rief Neefe. Mein lieber Herr Graf, ich werde
bei Louis mit meinem Latein bald zu Ende sein. Sehen Sie, ich bin ja eigentlich
nur Autodidakt. Gewiß, ich habe Hiller viel zu verdanken; aber dem ging es
grade so wie mir: er war auch ursprünglich Jurist, ging aus Neigung zur
Musik über und hat das meiste nur von sich selber gelernt. Auf die
schwierigeren polyphonen Formen, die Fuge, den doppelten und dreifachen
Kontrapunkt hat er sich deshalb nie eingelassen, und ich auch nicht; das
war nichts für uns. Aber Louis soll mal ein Komponist aller
werden; da darf es nichts Technisches geben, das er nicht beherrscht. V
einem Jahr
, da war es noch mein schönster T
raum, daß er einmal als mein
größten Stiles
or
Schüler in die große Welt hinausträte und dann auf mich, als auf seinen
Lehrer, son ganz bescheidener Abglanz seines Ruhmes fallen sollte. Aber
jetzt sag ich mir: Gottlob, sag ich, das wäre sträfliche Eigensucht! Gib ihn zu
einem größeren Meister
, als du einer bist. Ja aber, mein bester Herr Graf,
das ist leicht gesagt. Wer käme da in Betracht? Doch eigentlich nur einer,
und das ist Mozart? Soll man den Jungen aber mit seinen vierzehn Jahren
allein in die große Welt hinausschicken? Er ist in einem gefährlichen Alter l
Und W
Nu sehen Sie! Und Louis ist ein so reiner, unverdorbener Junge! W
ien ein gefährliches Pflaster, setzte Waldstein lachend hinzu.
as
man da auf der einen Seite gewönne, verlöre man vielleicht auf der andern.
Und zuerst kommt allemal der Mensch, und dann erst der Künstler! Ein
wahres W
ort! sagte Waldstein. Plötzlich fuhr er lebhaft in die Höhe.
Herr Neefe, ich habe eine Idee! Kommt der Berg nicht zum Propheten,
dann geht der Prophet zum BerglMozart muß nach Bonn kommen! Für
unsern Herrn ist Mozart alles, Sie wissen es ja. Er soll ihn nach Bonn berufen!
Glauben Sie, Mozart käme?
110
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