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ivanov666
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Файл:Детство и юность Людвига ван Бетховена. Учебное пособие – книга для чтения на немецком языке
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nahen oder fernen Zukunft einmal zu einer aus dem Innern geborenen
moralischen Freiheit aufsteigen, den nenne ich einen Schwärmer
. Gut,
dann bin ich ein Schwärmer, sagte Ludwig. Für mich sind alle Menschen
gleich.
So? entgegnete Neefe. Na, dann geb ich dir nen guten Rat, lieber
Louis. Setz mal gleich deinen Hut auf und spazier hinaus ins Kaulerviertel,
aber nimm dir nen tüchtigen Knüppel und ein Riechfläschchen mit!
Alles mußte lachen. Also so eine Bande in diesem Kaulervicrtcl! fuhr
Neefc fort, und jetzt wurde er last erbittert: dieser Mob, dieser dreckige,
zuchtlose, hundsgemeine Auswurf der Menschheit! Saufen und Prügelei
und Unzucht, damit verbringt diese Bagage ihren Tag. Und da hat ein Kerl
wie der Louis das Herz, zu sagen: Für mich sind alle Menschen gleich!
Sie sollten es dann wenigstens sein, sagte Ludwig unbeirrt. Und wenn
sie es nicht sind, so sind nur die sozialen V
erhältnisse daran schuld. Nehmen
Sie einen Säugling aus dem Kaulerviertel, setzen ihn in eine anständige Familie
hinein, so wird er auch ein anständiger Mensch werden! Na, Louis, erstens
ist das noch sehr die Frage. Aber auch wenn du damit recht hättest , die
sozialen Verhältnisse sind nun mal nicht gleich! Und so was läßt sich doch
nicht im Handumdrehen anders machen, wie es jetzt bei den Franzosen
gepredigt wird! W
enn es einmal anders und besser wird, so haben
Jahrhunderte daran gearbeitet Aber doch um Gottes willen nicht dumpfe
Sklavenseelen von heute auf morgen zu Lenkern der Staatsgeschicke
machen! Professor Eulogius Schneider war anderer Meinung. Dieser
revolutionäre Feuerkopf fühlte die heilige Verpflichtung, seinen jungen Hörern
die Ereignisse in Frankreich in seinem Sinne darzustellen, und keiner nahm
es ihm übel, wenn er von dem Thema seiner V
orlesung immer wieder mit
einem eleganten Schwung ins Politische hinübervoltigierte. Jeder hatte das
Gefühl: der Mann konnte nicht anders, und er hatte letzten Endes recht.
Wichtiger als die griechische Tragödie war es jetzt für sie alle, das
weltgeschichtliche Drama, das sich jenseits der nahen Grenzen abspielte,
mit den Augen eines hervorragenden, leidenschaftlich er
griffenen Geistes
mitzusehen. So etwas kam nur einmal im Leben; die griechische Literatur
konnte warten.
So erlebte Ludwig, wie der unterdrückte Dritte Stand in Frankreich sich
zur Nationalversammlung erklärte; wie diese den Eid im Ballspielhause
schwur, sich nicht zu trennen, bis sie dem V
aterland eine Verfassung gegeben
161

habe; wie sich die beiden andern Stände, Adel und Geistlichkeit, gegen den
Willen des König mit der Nationalversammlung zur Konstituante vereinten,
die dem V
olk nun die neue Verfassung gab. Das war die Revolution!
Dann traf die Nachricht von der Erstürmung der Bastille ein. Atemlose
Spannung empfing Schneider
V
orlesungssaal betrat; alles hing an seinen Lippen, als er ohne ein W
, als er danach zum erstenmal den
ort der
Vorbereitung, mit wildem Pathos, mehr schrie als sprach:
Gefallen ist des Despotismus Kette,
Beglücktes Volk, von deiner Hand!
Des Fürsten Thron war
Das Königreich zum V
d dir zur Freiheitsstätte,
aterland.
Kein Federzug, kein: Dies ist unser Wille,
Entscheidet mehr des Bürgers Los.
Dort lieget sie in Schutte, die Bastille!
Ein fr
eier Mann ist der Franzos!
Und dann kam jener denkwürdige Augusttag, der dem französischen
Volke mit e i n e m Schlage mehr gab, als es je zu hoffen gewagt hatte;
der Tag, an dem die bisher Privilegierten sofern sie nicht geflohen waren
oder sich verborgen hielten darin wetteiferten, sich ihrer tausendjährigen
Vorrechte zugunsten des Volkes zu begeben. Ein Ereignis von welthistorischer Bedeutung war geschehen. W
as in Frankreich möglich
geworden, sollte das nicht auch in Deutschland möglich werden können?
Sollte nicht auch in Deutschland das Volk von all den vielen materiellen
und moralischen Fesseln befreit, sollte nicht auch der Deutsche, und mochte
er noch so niedrig geboren sein, das werden können, was nun, so schien
es, der Franzose war , ein freier Mann, dem keine mittelalterlichen
Hemmnisse mehr den Aufstieg zu einem menschenwürdigen Leben
verschlossen? Jetzt könnten die Franzosen eigentlich zufrieden sein,
meinte Neefe, und wenn sie es sind, dann allen Respekt! Aber paß auf,
Louis, es kommt anders. Die Ereignisse vom fünften Oktober sollten
ihm recht geben. Der Pariser Pöbel zog nach Versailles, stürmte das Schloß,
machte die Leibgarde nieder und zwang den König, unter seinem
schmachvollen Geleit nach Paris überzusiedeln; die Nationalversammlung
mußte nachfolgen. Siehst du, Louis, sagte Neefe, da hast du nun deine
Freiheit und Gleichheit! Jetzt gnade Gott dem armen König, und vor allem
162

der Schwester unseres Herrn! Diese Entwicklung der Dinge gab Ludwig
allerdings zu denken. Das Semester war längst zu Ende. Schneiders
faszinierende Stimme drang nicht mehr an sein Ohr
, die Ereignisse allein
hatten das Wort. Und allmählich begann der kaum dem Knabenalter
Entwachsene an der Richtigkeit seiner politischen Ideen zu zweifeln. Sein
Glaube an den eingeborenen Adel der menschlichen Natur prallte
schmerzlich fühlbar zusammen mit den niedrigen Instinkten, mit der
ungezügelten Leidenschaftlichkeit und Haltlosigkeit der Masse. Zur Selbstregierung war das V
olk of
fenbar noch nicht reif; es ermangelte der
Selbstzucht, der Selbstbeherrschung, ohne die niemand auf die Dauer
andere beherrschen kann. W
o war nun Wahrheit, wo Irrtum?
Er blätterte in einer Zeitschrift, die Frau von Breuning ihm mit nach
9
Hause gegeben hatte. Da stand ein Gedicht seines Lieblings Schiller:
,An
die Freude. Er las es, las es wieder, und las es zum dritten Male. Da hatte
er ja die Lösung des Rätsels!
Deine Zauber binden wieder,
Was die Mode frech geteilt;
Alle Menschen werden Brüder,
Wo dein sanfter Flügel weilt.
Freude, Freude hatte diesen armen Menschen gefehlt, die aus einem
dumpfen Zustand von Elend und Unwissenheit plötzlich zur Macht gelangt,
sie nun nicht anzuwenden wußten. Das war die Lösung des ganzen sozialen
Problems: die Armen teilnehmen lassen an der Schönheit dieser Welt; sie
nicht in dumpfe W
ohnungen und Arbeitsstätten zwängen, wo sie ein Leben
führten, kaum besser als Tiere; ihren Geist bilden, ihre Augen sehend machen
für alles Schöne ihnen Freude geben! Dann würde es wahr werden: alle
Menschen werden Brüder!
Und wie traf das Gedicht ihn selber! Freudlos war seine Kindheit
dahingegangen. Eingeschnürt in nahe Pflichten des Alltags, den Blick
krampfhaft auf seine handwerksmäßige Ausbildung gerichtet, war er
dahingetappt, unwissend und dumpf. Bis Neefe gekommen war, und nach
ihm die Breunings. Die hatten ihm die Augen geöffnet, seinen Geist geweitet, ihn die Freude kennen gelehrt! Nun las er das Gedicht noch einmal,
und sein Rhythmus begann musikalisch in ihm zu schwingen. ,Seid
10
umschlungen,
Millionen! Das mußte das Ziel der strebenden Menschheit
163

sein! Vergessen, versunken aller Haß, der geboren war aus dem Gegensatz
von Unterdrückern und Unterdrückten; W
eltverbrüderung, Einigung der
ganzen Menschheit, aller Kinder Gottes zu einer einzigen, frohen, einigen
Familie, in der es keinen Streit und Zwist mehr gab, sondern nur noch Liebe,
Hingebung aller an alle! Die Tränen stürzten ihm aus den Augen. Er, das
fühlte er
Sprache, Musik, die W
, er war berufen, an dieser erhabenen Aufgabe mitzuarbeiten. Seine
eltsprache, sie war wie keine andere befähigt, ein
Band um die ganze Menschheit zu schlingen. ,Diesen Kuß der ganzen Welt!
Hingabe an die Menschen, Liebe zu dem Edelsten in ihnen allen, das sollte
fortan seines Herzens Inhalt sein; Kampf gegen alles, was den Menschen
niederzieht, ihn in Fesseln schlägt, ihn von Gott fernhält, das fühlte er als
seine Bestimmung.
Froh, wie seine Sonnen fliegen
Durch des Himmels prächtgen Plan,
Laufet, Brüder, eure Bahn,
Freudig wie ein Held zum Siegen !
Texterläuterungen
1
... konnte keine Rede sein
2
heiter und gütig
3
die Besoldung
4
sein mächtiger Bildungstrieb
веселый и добрый;
жалованье , оклад;
образованию;
5
als zerrisse ein Schleier vor seinen Augen
ñ åãî ãëàç;
6
von frühesten Jugend an
7
...auf den Index setzen lassen
8
...wenn es (das V
9
Friedrich Schiller (17591805) lehrte Philosophie und Geschichte
olk) mündig ware!
an der Universität Jena , schrieb Gedichte, Erzählungen, klassische
Dramen. Freundschaft mit Goethe seit 1794.
10
seid umschlungen !
íå ìîã
ëî áûòü ðå÷è;
его огромное стремление к
с ранних лет;
запретить;
если бы народ созрел;
Объединяйтесь!
= êàê áó
дто пелена упа
ëà
164

Aufgaben
1. Bilden Sie die W
ortfamilie mit dem Bestimmungswort Musik. Erklären
Sie die Bedeutung dieser Komposita.
2. Finden Sie im Text die vom Adjektiv gebildeten Nomen und übersetzen
Sie diese ins Russische.
3.Wie verstehen Sie diese Redensarten:
den Pegasus satteln;
er war wieder in seinem Element;
aufs gründlichste studieren;
bilde den ganzen Menschen aus!
im Handumdrehen.
4. Begründen Sie die Notwendigkeit der Weiterbildung von Ludwig.
5. An welche Hochschule liess sich Ludwig 1789 einschreiben? W
as
studierte er noch an der Universität zu Bonn?
6. Welche Ereignisse spielten sich in Frankreich ab? Welchen Einfluss übten
sie auf Ludwigs Schaffen?
7. Ludwigs Lieblingsdichter war Friedrich Schiller
. Welche Gefühle rief in
Ludwig das Gedicht von Schiller An die Freude hervor?
ACHTZEHNTES
K
APITEL
Eine Zeitlang hatte Johann van Beethoven wirklich, wie er es
versprochen, sein Gehalt an Ludwig abgeliefert; aber von Mal zu Mal war
es unlustiger geschehen, unter Murren, Protest und Schimpfen. Schließlich
hatte er sogar wieder angefangen, einen Teil des Geldes für sich zu behalten,
um heimlich gemachte W
Verlegenheit geriet
Wieder war ein Zahltag gekommen. V
irtshausschulden zu bezahlen, so daß Ludwig in
1
wie er den Unterhalt seiner Brüder bestreiten solle.
ater Beethoven hatte sich den
ganzen Tag nicht zu Hause sehen lassen. Gegen Abend hörte Ludwig ein
wüstes Lärmen und Schimpfen auf der Straße. Er warf einen Blick zum
Fenster hinaus: sein V
ein paar Sätzen war Ludwig auf der Straße. Lassen Sie meinen V
ater, schwerbetrunken, rang mit einem Polizisten. Mit
ater
los! rief er, ich will dafür sorgen, daß er hinaufgeht und sich ruhig verhält.
165

Nä, Herr van Beethoven, entgegnete der Hüter der Ordnung, alles, wat
rech is! Ihre Vatte mach sich in Jottes Name bedrinke, abe ha hat mich
2
beleidich un jeprüjelt! Ha muß mit auf de W
ach.
Sie sehen doch, er weiß nicht, was er tut! Ha soll et endlich emal
lerne, der alte Sauf sack! Mir habe of jenuch e Auch zujedrückt.
3
Lasse
Se mich los, Herr! setzte er wütend hinzu, als Ludwig ihn am Arm packte,
lasse Se mich los, oder ich nehme Se auch mit! Das sollen Sie versuchen!
rief Ludwig. Lassen Sie meinen V
Nehme Se sich in Ach! rief der Beamte, dat is W
Staatsjewalt!
4
ater los! sofort!
iderstand jeje de
Statt aller Antwort versetzte Ludwig ihm einen Stoß vor die Brust, daß
er zurücktaumelte, zerrte seinen Vater ins Haus hinein, verriegelte die Tür,
brachte ihn die T
Schlummer sank. Am nächsten Mor
reppe hinauf und legte ihn aufs Bett, wo er sofort in süßen
gen ging er auf die Wache und zahlte
eine für seinen Geldbeutel sehr beträchtliche Buße. Dann suchte er Wegeler
auf, der vor kurzem als Doktor der Medizin von Wien zurückgekehrt war,
erzählte ihm, wie sein Vater es wieder treibe, und fragte, ob vielleicht von
der medizinischen W
issenschaft noch auf Hilfe zu hof
fen sei. Wegeler mußte
die Frage verneinen; der Vater sei ein verlorener Mann. Da schrieb Ludwig
ein Gesuch an den Kurfürsten: sein Vater sei durch fortgesetzte Krankheit
zur Erziehung seiner Kinder nicht mehr befähigt; er wage deshalb die
untertänige Bitte, daß dem Vater in Zukunft nur die Hälfte seines Gehaltes,
die andere Hälfte aber ihm, dem ältesten Sohne, ausbezahlt werde; nur so
sei es ihm möglich, für Nahrung, Kleidung und Ausbildung seiner Brüder zu
sorgen. Das Gesuch wurde genehmigt und V
ater Beethoven gänzlich seines
Dienstes enthoben. Als er erfuhr, was ihm sein Sohn angetan, gab es
einen furchtbaren W
utausbruch; aber Ludwig blieb ungerührt. So war er
nun mit noch nicht neunzehn Jahren das anerkannte Haupt der Familie.
*
Die neue Theatersaison wurde im Spätjahr 1789 mit dem ,Don Giovanni
eröf
fnet. Dem Textbuch war die Übertragung aus dem Italienischen in
Neefes ziemlich klapprige V
begriff nicht, wie Mozarts Genius sich an einem solchen Text hatte entzünden können. Aber die Musik! Er hatte sich mit der Partitur natürlich längst
vertraut gemacht und war auf Großes vorbereitet. Aber seine Erwartungen
166
erse nicht gerade gut bekommen, und Ludwig

wurden weit übertrof
fen. Alles, alles war in ihr enthalten: bewegte Fülle
dramatischen Lebens; eine Kunst der Charakterisierung, der gegenüber die
Worte der Dichtung ins Schemenhafte versanken; quellende, drängende
Kräfte der Natur; überströmende Schönheit und Anmut der Melodien ,
und Töne, die schon von jenseits der Schranken alles Irdischen zu kommen
schienen, Ein Schauer überlief ihn, wenn er daran dachte, daß er dem
Schöpfer all dieser Herrlichkeit nah gewesen war gerade in der Zeit ihrer
Entstehung. Er dachte daran, wie Mozart oft während des Unterrichtes den
Faden verloren hatte, wie seine Augen nichts mehr sahen, seine leiblichen
Ohren nichts mehr hörten. Das war die Zeit gewesen, wo sein Geist den
5
Körper verließ, sich hinüberschwang in Gefilde,
die außer ihm keiner gesehen; aus denen er Kunde zurückbrachte, verdichtet in Tönen, wie sie
nie zuvor gehört, nie zuvor geahnt waren. Und Ludwig saß im Orchester,
spielte seine Bratsche, halb mechanisch, mit seinem Bewußtsein dem Ganzen
hingegeben. Um ihn her saßen die Musiker und strichen ihre Geigen und
Celli, bliesen ihre Oboen, Flöten, Hörner , und Herr Reicha dirigierte ;
hinter ihm, oben auf der Bühne, unsichtbar für ihn, nahm das Drama seinen
Lauf; vor ihm dehnte sich der Zuschauerraum, voll von Menschen, die
zuhörten, sich gut unterhielten und Beifall klatschten, wie bei irgendeiner
andern Oper
großen W
. Und viele, viele Meilen von hier, nach Südosten zu, in dem
ien, saß Er an seinem kleinen Schreibtisch vielleicht, beim
Schaffen eines neuen Wunderwerkes , oder vielleicht jagte er gerade mit
seinem kleinen Hund durch das Zimmer
, bis ihm die Luft ausging und er
halb erstickte vor Lachen und Husten. Wie seltsam war das alles!
Neefe notierte in sein Tagebuch: Die Musik gefiel den Kennern sehr.
Die Handlung mißfiel.
,Figaros Hochzeit! Eine andere Welt, sinnliche Gegenwart und
Wirklichkeit. Der T
ext ein tolles Intrigenstück vom Geist des
vorrevolutionären Frankreich , und das Ganze doch, gleich dem ,Don
Giovanni, durch Mozarts Schöpfergeist geadelt, emporgehoben in die Sphäre
echtesten Menschentums.
Na, Louis, sagte Neefe, was meinst du zum ,Figaro? s ist doch
etwas Fabelhaftes! Diese Frische, diese wirbelnde Lebendigkeit! Ein Stück
elementarer Natur
, möcht ich sagen!
Ich könnt einen solchen Text nicht komponieren, Herr Neefe. Aber
Mozart konnte es, weil er alles kann. Das heißt, jetzt könnt ers
167

wahrscheinlich auch nicht mehr
. Na, warum denn nicht? Ich kann es
nicht sagen, aber ich weiß es. Neefe schüttelte den Kopf. Sein guter Louis
war doch manchmal recht verstiegen.
*
Im Februar 1790 fanden die V
orstellungen einen unerwartet frühen
Abschluß durch den Tod Kaiser Josephs des Zweiten. Die Nachricht löste
in Bonn herzliche Trauer aus; sie galt weniger dem deutschen Kaiser der
war kaum mehr als ein Schatten , sie galt dem Bruder des verehrten eigenen
Landesherren und dem Monarchen, der weithin wirkend den Geist der
Aufklärung, der Humanität verkörpert hatte. Die Bonner Lesegesellschaft,
als geistiger Mittelpunkt der Residenz, beschloß eine Trauerfeier; etwas
Musikalisches sollte aufgeführt werden. Ein junger Geistlicher schrieb rasch
den Text zu einer Kantate auf den V
erewigten. Es war das übliche
Verherrlichungsgestammel eines Gelegenheitsdichters. Die Vertonung wurde
zunächst Neefe angetragen, der selber Mitglied der Lesegesellschaft war.
Aber nachdem er ein paar Stunden über dem Opus gebrütet, begann es ihm
zu grausen. Er, der selber
Verse verbrach, hatte fremden W
, ohne mit der W
erken gegenüber ein sehr feines Gefühl
imper zu zucken, scheußliche
für Gut und Schlecht. Zu diesem Text würde er keine Zeile Noten zustande
bringen. Er schob ihn in die Tasche und machte sich zu Ludwig auf den
Weg. Nun sag mal, Louis, begann er nach einigen einleitenden W
mit möglichst harmloser Miene, wie steht
s denn eigentlich bei dir mit dem
Komponieren? Ich sollte meinen, du hättest nun genug fremde V
orten
orbilder in
dich hineingeschluckt: deutsche, französische, italienische Opern, Symphonien, Kammermusik, Klavierkonzerte, Sonaten, Choräle, Messen,
Motetten und Gott weiß was sonst noch. Jetzt sind es nun glücklich über
vier Jahre, daß du selber eigentlich nichts mehr gemacht hast, denn die paar
Präludien und die zwei oder drei Lieder wollen wir doch nicht rechnen, das
waren eigentlich nur Übungen fürs Handgelenk. Wenn einer der Muse gar
zu lange den Zutritt verweigert, dann kanns ihm passieren, daß die schließlich
auch von ihm nichts mehr wissen will. So sind nämlich die Mädchens, mein
lieber Freund! Na, also kurz und gut, da hab ich dir was mitgebracht. Den
Text will die Lese in Musik setzen lassen; es wurde viel hin und herdisputiert,
wer der geeignete Mann sei; schließlich blieb man an mir hängen. Dein
Name wurde gar nicht erwähnt; es scheint, die guten Bonner haben ganz
168

vergessen, daß du auch mal was komponiert hast. Ich meine, du solltest
dich ihnen doch mal wieder in Erinnerung bringen!
6
Um was handelt es sich denn?
Um eine Kantate auf Kaiser Joseph. Übrigens, wenn was ordentliches
daraus wird, so würde der Kurfürst dir das sicher sehr hoch anrechnen.
Schon aus dem Grunde hab ich an dich gedacht.
Und deswegen wollen Sie nicht selber drangehen? Neefe zog seine
Stirn in dicke Falten, als ob sein Schüler ihm da ein höchst schwieriges
Problem aufgegeben habe, legte den Finger an die Nase und verharrte eine
Weile in dieser Denkerstellung.
Aufrichtig gesagt, Louis: nein, nicht deswegen. Sondern weil ich das
Gefühl habe, den T
ext kann ich nicht komponieren. Er ist nämlich
scheußlich. Ludwig brach in helles Lachen aus. Nun verstehst du
mich wieder falsch, sagte Neefe ärgerlich. Natürlich will ich nicht sagen,
was für mich zu schlecht ist, ist für den Louis noch gut genug. Sondern , na
ja, ich kanns eben nicht.
Na, dann lassen Sie mal sehen, Herr Neefe. W
Der Kanonikus A
zu lesen: T
ot! stöhnt es durch die öde Nacht. Felsen, weinet es wieder, und
verdonc. Da hast du den Schmarren. Ludwig begann
er ist denn der V
ersifex?
ihr, Wogen des Meeres, heulet es durch eure Tiefen: Joseph der Große, der
Vater unsterblicher Taten, ist tot! Ein Ungeheuer
, sein Name Fanatismus,
stieg einst aus der Tiefe der Hölle, breitete sich aus zwischen Erde und
Sonne, so daß Nacht ward. Da kam Joseph mit Gottes Stärke, riß das tobende
Ungeheuer weg zwischen Erd und Himmel und trat ihm aufs Haupt. Da
stiegen die Menschen ans Licht, da drehte sich glücklicher die Erd um die
Sonne, und die Sonne wärmte mit Strahlen der Gottheit. Nun schlummert
seinen stillen Frieden der große Dulder, entgegen dem Tag der V
ergeltung,
wo du, glückliches Grab, ihn zu ewigen Kronen gebierst; er, der hienieden
kein Röschen ohne Wunde brach, der unter seinem vollen Herzen das W
ohl
der Menschheit unter Schmerzen bis an sein Lebensende trug.
Donnerwetter, setzte er hinzu, das ist ja fabelhaft! Na, ich meine, Kaiser
Joseph hätte schon was Beßres verdient. Louis, willst du, oder willst du
nicht? Ich will es versuchen. So schlecht der Text ist , Anregungen kann
er einem geben. Das Ungeheuer
dem V
ieh ließe sich schon was anstellen. Und wie die Menschen ans Licht
, das aus der Tiefe emporkrabbelt , mit
steigen, auch das könnte schön werden.
7
169

Viel Zeit hast du aber nicht! Am neunzehnten März soll die Auf
führung
sein.
Das ist freilich sehr knapp. Und wenn dann etwa gar noch das Mädchen
Schwierigkeiten macht? W
Louis, ich glaube, du brauchst nur mit dem Finger zu winken,
elches Mädchen? Na, die Muse!
8
dann
kommt sie gesprungen.
Ludwig hatte Kaiser Joseph in Wien einmal flüchtig gesehen, und dieser
kurze Eindruck hatte in seiner Erinnerung das Bild eines großen edlen
Menschen zurückgelassen. Die folgenden Jahre hatten diese Vorstellung
nur noch weiter vertieft. Des Kaisers Toleranzedikt, die Aufhebung der
Leibeigenschaft, sein Kampf gegen Aberglauben, für Bildung und
Besserung der Menschheit hatten ihn Ludwig tief verehrungswürdig
gemacht Und wenn Joseph der Zweite auf seinem Wege nicht noch weiter
gekommen war
, so hatte das weniger an ihm selber gelegen, als an all den
tausend Hemmungen, die ihm Dummheit und Fanatismus bereitet. Sein
früher Tod war ein Unglück für die ganze Welt; ein Kämpfer für Freiheit
und Menschenwürde war dahingegangen. So war die Aufgabe ganz
nach Ludwigs Herzen, und mit Begeisterung ging er ans W
erk. Vier lange
Jahre hindurch hatte er sich des eigenen Schaffens fast völlig enthalten,
hatte freiwillig entbehrt, was ihm das höchte Glück bedeutete. Nun stürzte
er sich hinein, wie der Schwimmer in die kühle Flut, nach der er sich einen
ganzen heißen Sommer über gesehnt; prüfte seine Kräfte, ob sie noch
zum Schwimmen taugen wollten, und fand sich stärker
geahnt. Bald fühlte er sich völlig entrückt. Grandiose Bilder
, als er es selber
, empfangen
aus Todesschauer, Schmerz, Verzweiflung, Aufbäumen gegen das Schicksal, wurden zu Tönen; vergessen waren alle Regeln der Satzkunst. So
entstand der Eingangschor
. Als Ludwig ihn am andern T
Blute überlas, erschrak er vor sich selber
. Echt und großartig war alles,
age mit kaltem
aber es war die Revolution der Musik. Dessen war er also fähig! Ein
unbändiges Machtgefühl stieg in ihm auf. Eine neue Kunst konnte er
schaf
fen, brechen mit aller T
radition, brechen mit dem Gesetz. W
ollte er
das? Eine Art Traumzustand kam über ihn. Er sah einen Marktplatz, erfüllt
von einer tobenden fanatisierten V
olksmenge; in der Mitte war ein Schafott
errichtet, auf das man einen König hinaufzerrte. Das Gebrüll des Pöbels
ward zum Chor
, zu seinem entsetzlich verzerrten Chor
. T
ot! tot! heulte
und schrie es durcheinander in grauenhaften wüsten Dissonanzen. Ein
170
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