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ivanov666
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Файл:Детство и юность Людвига ван Бетховена. Учебное пособие – книга для чтения на немецком языке
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Lene, misch dich bitte nicht in Sachen, die du nicht verstehst. W
enn
aus dem Jungen was werden soll, dann heißt es früh beginnen. Ich will
nicht, daß sich bei ihm wiederholt, was an mir gesündigt worden ist. Aus mir
hätte ganz etwas anderes werden können, wenn ich in die richtigen Hände
gekommen wäre. Mein V
ater war zum Lehrer viel zu gut und nachsichtig.
Eiserne Energie und Konsequenz muß man zeigen, und erst recht bei einem
so dickköpfigen störrischen Burschen wie Louis.
Mit Härte wirst du bei ihm gar nichts erreichen! Sei streng, Jean, aber sei
nicht hart mit dem Kinde! Schlag es wenigstens nicht! Tu es mir zuliebe, Jean!
Ich werde immer das tun, was ich für meine Pflicht und Schuldigkeit
halte, als Vater wie als Lehrer. Dir zuliebe will ich mor
gen etwas weniger
streng sein, aber paß auf, es wird nichts helfen. Dem Bürschchen ist nur
mit Schlägen beizukommen.
Mit Grauen kletterte der Kleine am nächsten Tage wieder auf seine
Marterbank, merkte aber bald seines V
aters veränderte Art. So legte sich
seine Angst, er zwang sich zur Aufmerksamkeit, und die Stunde verlief
ganz erträglich.
10
Abgesehen von seiner schönen Stimme
sehr begabt. W
as er selber als Kind nur mit großen Schwierigkeiten begrif
war Johann musikalisch nicht
fen
hatte, das stellte er seinem kleinen Sohne nun als äußerst komplizierte, ja
rätselhafte Dinge dar
, die man eben nur durch größten Fleiß und
unausgesetztes Wiederholen erlernen könne. Aber der Kleine nahm alles
Neue so leicht in sich auf, als habe er es längst gewußt, bewältigte alles
gleichsam im Spiel. Das nahm der V
dem richtigen W
ege sei, und so glaubte er
ater als Beweis, daß er mit ihm auf
, seine Anforderungen noch steigern
zu sollen. Seine Frau schüttelte freilich oft den Kopf, wenn sie sah, wie
Ludwig auf diese W
eise um die schönste Zeit seiner Kindheit betrogen
wurde; aber sie wagte nichts mehr zu sagen; ihr Mann hätte sie doch nur
kurz abgefertigt.
So ging ein Jahr dahin. Im Oktober 1776 schenkte Frau Magdalene
einem dritten Sohne das Leben; er wurde auf den Namen seines V
aters
getauft Ludwig war glücklich über das neue Brüderchen und hätte es
gern den ganzen Tag auf den Armen herumgeschleppt; aber für ihn hieß es
üben, und weiter nichts als üben.
Hör mal, Jean, sagte Meister Fischer eines Tages, ich hab ja jar nichts
dajeje, abe alles, wat rech is; mit dem ewijen Jesinge un Klavierjeklimpere
21

wird et mer nächstens zu bunt.11 Wenn ich des Nachts back, dann will ich
doch wenigstens e paar Stunde am T
Mensch doch, dat mußte doch zujebe.
Leg dich doch einfach in et Hinterzimmer
keine T
on.
ag mein Ruh habe, denn schlafe muß de
12
, Theodor, da horste sicher
Dat hab ich all schon ausprobiert, et schallt durch et janze Haus. Du
has eben en scharfe Stimm, die dringt durch de dickste Wand.
13
Ich, en scharfe Stimm? Du bist wohl jeck
, Theodor!
Ich bin noch lange net jeck! Du has en scharfe Stimm, Jean!
En laute, meinste vielleich.
Nee, en scharfe.
Thedor, du bis ene Ochs, du has kein Kunstverständnis.
Jean, dat muß ich mer verbitte, dat du mich ne Ochs Schimpfs. Nimm
dat zurück!
Nimm du mal erst de scharfe Stimm zurück!
Fällt mer jar net ein! Ich weiß überhaupt net, wat mer da für ene
Jenuß dran finde kann un noch Jeld dafür bezahlt.
Ich sag et der nochmal, Thedor
, du bis dat jrößte Rindvieh in janz Bonn.
Dunnerschlag noch emal! Ers nimmste einem de Schlaf, un dann soll
mer sich auch noch von dir beschimpfe lasse? Jetz bin ich et abe leid! Such
der en ander Quartier!
Dat kann mer nur rech sein, Thedor! De Mehlstaub in deiner alten
Bud hat mer schon längs net mehr jepaß.
Beim Hofmusikus Brandt in der Neugasse nahe dem Schloß wurde
gerade eine Wohnung frei, die nun die Familie Beethoven aufnahm.
Kurz vor seinem sechsten Geburtstag, zu Allerheiligen 1776, kam Ludwig
zur Schule. Religion und Choralgesang, Lesen, Schreiben und Rechnen, später
auch die ersten Anfangsgründe im Latein waren die Unterrichtsfächer
. Sein
Vater sah den ganzen Schulbesuch allerdings nur als ein notwendiges Übel
an. Er hatte selber in der Schule nicht allzuviel gelernt und war doch ein
tüchtiger Musikus geworden; und so würde es wohl mit seinem Louis nicht
anders werden. So sehr er seinen kleinen Sohn auch zum Klavierüben anhielt,
um seine Schularbeiten kümmerte er sich desto weniger
. In der Schule gab es
deshalb häufig Prügel, die das Haupterziehungsmittel des gestrengen Magisters
Krengel bildeten, besonders wenn er sein Podagra hatte und schlechter Laune
war
. Kam er zu solchen Zeiten mit niedergetretenen Filzschuhen und statt der
22

Perücke mit einer braunen W
ollmütze auf dem Kopf ins Klassenzimmer
, so
verbreitete sich ein panischer Schreck in seiner ganzen Herde; das kleinste
Versehen
14
wurde dann mit harten Körperstrafen geahndet.
15
Texterläuterungen
1
Verdruss geben
2
Vorschuss geben
3
Wenn auch!
4
an dem V
5
ein Gesuch einreichen
6
Widerspruch erheben
7
Segel setzen
8
ohne Aufsicht sich herumtreiben
9
guter Laune sein
10
abgesehen von seiner schönen Stimme
erlust tragen пережить чью-либо потерю;
голос;
11
ich hab ja jar nichts dajeje, abe alles, wat rech is, mit dem ewijen
Jesinge un Klavierjekklempere wird et mer nächsten zu bunt (Dialekt)
Ich habe ja gar nichts dagegen, aber alles, was recht ist, mit dem
ewigen Gesinge und Klaviergeklimpere wird das mir nächsten zu
bunt. ß æ
пение и бренчание на ро
12
dat musste doch zujeben das musste man doch zugeben
следовало понять;
13
du bist wohl geck
14
das kleine Versehen
15
wurde geahndet wurde geendet
огорчать к
дать задат
îãî-ëèáî;
îê;
Что из этого!
подать прошение
èñêà
ть противоречие;
поднимать паруса;
быть в хорошем наст
е ничего не имею про
яле это уж слишко
ты, вероятно, франт;
малейшая провинно
;
болтаться бе
з присмотра;
роении;
несмотря на свой красивый
тив того, что хорошо, но ве
ì!
ýòî áû
ñòü;
заканчивалась.
÷íîå
Aufgaben
Geben Sie den Juhalt des 3. Kapitels wieder.
1. Johannes Verlust des V
2. Geburt von Kaspar Anton Karl.
3. Beethovens ziehen in die Rheingasse um.
4. Erster Musikleher von Louis und seine Eindrücke über die ersten
Musikstunden.
aters.
23

VIERTES
K
APITEL
Ludwig saß am Klavier und übte. Die Mutter war ausgegangen und
hatte die beiden Kleinen in seiner Obhut zurückgelassen. Das Jüngste bekam
Hunger und fing an, mörderisch zu schreien. Ludwig unterbrach sein Spiel
für einen Augenblick, rückte die Wiege nah zu sich heran und versetzte ihr
nun im Weiterspielen ab und zu mit dem Fuß einen Stoß, um sie ins Schaukeln
zu bringen.
1
Der kleine Karl hatte auf dem Fußboden gespielt, war dessen
überdrüssig geworden und wußte nun nicht, was er anfangen sollte. Er
drängte sich immer wieder an den älteren Bruder
, daß er sich mit ihm abgeben
möchte. Aber Ludwig hatte keine Zeit. Er hatte einen schwierigen
Allegrosatz vor
er das Geschrei des Kleinsten nicht zu hören, die Püffe des Größeren
, den er bis zum andern Tage beherrschen sollte; so versuchte
2
nicht
zu bemerken und jagte immer von neuem einen brillanten Lauf, der ihm
noch nicht gelingen wollte, über die T
asten.
Es klopfte. Der Konzertdirektor Mattioli trat ein. Ludwig bemerkte ihn
nicht. Der Italiener blieb eine W
eile kopfschüttelnd stehen, dann setzte er
sich. So! Jetzt endlich ging der Lauf. Nun begann Ludwig den Satz von
vorn und spielte das schwierige Stück von Anfang bis zu Ende ohne den
geringsten Fehler. Bravo! Bravissimo! rief Mattioli und applaudierte.
Ludwig fuhr zusammen, drehte sich um und sagte Guten T
Augenblick trat der V
ater ins Zimmer.
ag. In diesem
Beethoven! fuhr der Italiener auf ihn los, was haben Sie da für Sohn!
Ein Wunderkind! Ein Musiker bis in die Spitzen von die Finger! Ah, mein
Engel! Du wirst berühmter Maestro! Und Sie, amico, Sie haben ein solches
Schatz in Haus, und kein Mensch weiß! Mein Engel, willst du nicht werden
Geiger? Das Klavier ist ein instrumento miserabile! Ich würde dich
unterrichten, ich würde dich machen groß und berühmt! Und er umarmte
den erschrockenen Kleinen und küßte ihn trotz seinem W
Ludwig gelang, sich loszumachen.
3
iderstreben, bis es
Ja, sagte Johann geschmeichelt, er hat eine ganz nette Begabung;
aber ich gebe mir auch Mühe mit ihm.
4
Mattioli hatte Johanns Bemerkung überhört. Aufgeregt lief er im Zimmer
umher
, blieb vor Ludwig stehen, musterte ihn von oben bis unten und rannte
dann wieder auf und ab. Spielt er Klavierkonzerte? fragte er unvermittelt.
Johann nannte drei Konzerte, die der Kleine geübt hatte.
24

Amico, ich habe Idee! rief Mattioli plötzlich. Haben Sie Zeit für trinken
Wein mit mir? Dann werde ich dir sagen meine Idee.
Bald darauf saßen die beiden im Wirtshaus hinter einer Flasche W
ein,
und nun rückte der Konzertdirigent mit seiner Idee heraus: Beethoven! Ihr
Sohn muß Hofkonzert! Wird glänzendes Erfolg! Der Kurfürst wird entzückt
5
Versteht nichts von Musik, aber wird entzückt sein! Alle werden
sein!
entzückt sein! Es wird glänzend! Schönster Tag von mein Leben! Lassen
Sie ihn Rosetti spielen! Sehr brillant, muß gefallen! Einverstanden? Gut!
Natürlich muß tüchtig üben, braver Junge! In zwei Monat! Wird er können
in zwei Monat?
In einem, wenn Sie wollen, entgegnete Johann.
Ist zu früh. Programm schon akzeptiert. In zwei Monat, kurz vor
Weihnacht. Aber sagen Sie, wer ist Lehrer?
Ich! sagte Johann stolz.
Sie? Sie sind doch Sänger!
Ich habe auch Klavier gelernt
Mattioli glaubte, nicht recht gehört zu haben. Ihr Sohn kein andres
Lehrer als dich? Johann schüttelte stolz lächelnd den Kopf. Ja, aber
Beethoven das ist ja das ist ja fabuloso! Wie lange Lektionen?
Zwei Jahre.
Mattioli warf den Kopf in den Nacken und machte seinem Erstaunen in
seiner Muttersprache Luft. Aber nun, amico, nun bald richtiges
Klavierlehrer!
Warum denn? entgegnete Johann, ich trau es mir zu, meinen Sohn
allein auszubilden.
Mattioli warf ihm einen humoristischen Blick zu. Beethoven! Wollen
Sie, Sohn wird wie Großpapa? Sie verstehen nicht? Teures Freund, Ihr
Vater war unendlich musikalisch, der musikalischste Mensch, ich habe
gesehen. Und was war er? Schlechtes Kapellmeister! W
erden Sie nicht
böse! Ich weiß, er war ursprünglich Sänger. Leider ich hatte nicht mehr das
Glück, ihn zu hören. Ich bin überzeugt, er sang süperb. Aber bei seine
unendlichen Anlagen hätt er nicht können mehr sein? Aber ungenügendes
Ausbildung. Er wurde Kapellmeister der arme Mann! Ich habe ihn oft
bedauert. Und nun Ihr Sohn! Kleines Genie! W
enn er kommt in richtige
Hände, er wird zweites Mozart! Kennen Sie Mozart? O, prodigioso! Ich
gehört in Italia. Ihr Sohn zweites Mozart! Aber allerbestes Lehrer, und
25

bald! Nach Konzert in Gottes Name! Ich gönne dir T
riumph, Vater, Lehrer!
Aber wenn Konzert ist vorbei, dann andres Lehrer, Klavierspieler! Das Sie
sind schuldig!
Johann kam an jenem Abend spät nach Hause. Er legte sich zu Bett,
aber an Schlafen war nicht zu denken. Sein Sohn ein Wunderkind! Ein
zweiter Mozart! Er sah eine herrliche Zukunft vor sich. War das Hofkonzert
vorbei, dann würde er mit seinem Sohn auf Reisen gehen und die jammervoll
6
bezahlte Singerei an den Nagel hängen.
Durchlaucht,7 würde er zum
Kurfürsten sagen. Durchlaucht, ich bitte, mich aus Hochdero Diensten zu
entlassen; ich brauche Hochdero Brot nicht mehr! Und dann würde er mit
seinem Sohne in die W
elt hinausziehen, ihn vor Königen und Kaisern spielen
lassen, Ehre und Ruhm einheimsen, und Geld, sehr viel Geld! In Glanz und
Reichtum würde er mit den Seinen leben; natürlich nicht in dem elenden
kleinen Bonn, sondern in ir
vielleicht. Magdalene freilich, die paßte nicht recht in die große W
gendeiner großen Hauptstadt, in Wien oder Paris
elt. Aber
lieber Gott, er würde sie schon zurechtstutzen, das sollte seine kleinste Sorge
sein; er wußte ja, was Lebensart war. Alles andere, was der Italiener ihm
vorgepredigt hatte, war dummes Zeug. Er kein Klavierlehrer? Der Kerl
hatte ihn ja noch nie spielen hören, redete über Dinge, die er gar nicht
beurteilen konnte. Mozarts Vater war ja auch eigentlich kein Klavierspieler
gewesen, sondern ein Geiger. Also, was Vater Mozart fertiggebracht hatte,
das würde V
ater Beethoven auch noch fertigbringen! Am andern T
age
suchte Johann das Rosettische Konzert heraus, das er Mattioli genannt hatte.
Seinem Studium wurden nun die nächsten W
ochen gewidmet. Am V
orabend
von Ludwigs siebentem Geburtstag kam sein Vater in bester Laune nach
Hause. Hör mit Üben auf, Louis, es ist genug für heute. Spiel ein wenig
im Hof, sagte er zu dem froh überraschten Kleinen; der ließ sich das nicht
zweimal sagen. Frau Magdalene sah ihren Mann erstaunt und erwartungsvoll
8
an. Johann weidete sich einen Augenblick an ihrer Spannung.
Paß auf,
Lene, sagte er endlich, ich hab eine glänzende Idee. Louis wird morgen
sechs Jahre alt
Seine Frau begriff nicht sogleich. Sechs? Sieben wird er doch!
Sechs wird er
, Lene. Noch lieber wären mir fünf: aber das würde uns
niemand glauben.
Frau Magdalene hatte endlich verstanden: Du willst das Kind für ein
Jahr jünger ausgeben? Jean, das ist doch unrecht!
26

Wem schaden wir denn damit? Doch keinem Menschen! Mozart ist
auch schon mit sechs Jahren öffentlich aufgetreten.
9
Seine Frau versuchte noch Einwände zu machen,
auf seinem Willen, und so erfuhr Ludwig am nächsten T
aber Johann bestand
age, daß er heute
erst sechs Jahre alt geworden sei. Seine Zweifel wurden ihm ausgeredet,
und so nahm er die Sache schließlich auf Treu und Glauben hin.
10
Die letzten Tage vor dem Hofkonzert vergingen unter fieberhaftem Üben.
Nun war der große Abend da. Obwohl Vater Johann seiner Sache sicher
war, befand er sich doch in nicht geringer Aufregung und ging, während die
Mutter Ludwig ankleidete, unruhig im Zimmer auf und ab. Er war in der
Galatracht der Hofmusiker: seegrüner Frackanzug zu weißseidener W
este
und weißseidenen Strümpfen; sein lockig frisiertes Haar endete in einem
kleinen Zopf. An der Seite trug er den Degen mit silbernem Portepee.
Seine schlanke Gestalt nahm sich in solcher Gewandung sehr vorteilhaft
aus, und so versäumte er denn auch nicht, jedesmal wenn er am Spiegel
vorbeikam, einen mehr als zufriedenen Blick hineinzuwerfen. Daß sein Sohn
auch gar so sehr von ihm abstechen mußte! Aber selbst der vornehmste
Pariser Schneider hätte sich vergebens bemüht, dem Kinde etwas von der
Eleganz seines Vaters zu geben. Auf dem kräftigen, ein wenig plumpen
Körper saß, von einem kurzen Hals getragen, ein etwas zu großer Kopf.
Aus dem braunen, von Blatternnarben zerrissenen Gesicht blickten ein Paar
graue Augen, die heute infolge der Überanstrengung der letzten Tage nicht
in ihrem alten Glänze leuchteten. Das tief schwarze Haar war zu zierlichen
Löckchen gebrannt, die zu diesem Gesicht schlecht paßten. Seiner Mutter
fleißige Hände hatten dem Kinde einen schwarzen Sammetanzug gefertigt;
das war ihr und der Frau Fischer
, die sie zu Rate gezogen, noch als das
Vorteilhafteste erschienen.
Endlich war man fertig. Johann benutzte die Zeit, die sie auf das
Vorfahren des Wagens zu warten hatten, dem Kleinen nochmals
einzuschärfen, daß er auf Befragen nicht etwa ein falsches Alter angäbe,
und wie er den Kurfürsten anzureden habe; ließ sich noch einmal die bis zur
Erschöpfung geübte Verbeugung vormachen. Da fuhr die Hofequipage vor.
Unter den Segenswünschen der Mutter
, dem Jubel der Fischerskinder und
dem Staunen der Nachbarn kletterten Vater und Sohn an den
pechfackeltragenden Lakaien vorbei in den W
agen, und fort ging es, dem
Schlosse zu.
11
27

Ludwig war todmüde, und Johann machte sich beinah Vorwürfe, daß er
das Kind nicht lieber hatte ein paar Stunden schlafen lassen, statt es mit
einer allerletzten Probe zu quälen. Der Wagen hielt vor dem Schloßportal.
Durch eine hohe Flügeltür schritten sie die mit dicken Teppichen belegte
Treppe hinauf und gelangten in den für die Künstler bestimmten W
arteraum.
Die etwa zwei Dutzend Mitglieder des Hoforchesters waren schon
versammelt und stimmten ihre Instrumente. Johann drückte sein Söhnchen
auf einen Stuhl in einer Ecke und mischte sich unter die Musiker. Er fühlte
sich als die Hauptperson des Abends; denn er war doch schließlich der
Vater
, dem das Kind nicht nur sein Dasein, sondern auch sein musikalisches
Können verdankte. Außerdem sollte er selber mit einem Solo aufwarten
und hatte sich dazu eine italienische Arie gewählt, in der er seine schöne
Stimme und seine T
echnik ins hellste Licht stellen konnte.
Ludwig hatte die müden Augen vor dem Glanz der vielen Lichter
geschlossen. Dies Durcheinander der verschiedenen Instrumente tat ihm
unendlich wohl. Das Schwirren der Violinen, die tiefen sammetweichen
Töne eines Hornes, der prächtig glitzernde Lauf einer Flötenpassage
mischten sich zu einem Ganzen, das von allen Seiten in seine Haut
einzudringen schien und seine Nerven wie mit lauen Fluten überrieselte.
Die Musiker kamen auf ihn zu, streichelten ihm vorsichtig den kunstvoll
frisierten Kopf und sprachen ihm Mut zu. Als aber die einleitende Symphonie
beginnen sollte, und V
ater und Sohn im Künstlerzimmer allein waren, sank
das Kind in festen Schlaf.
In dem prunkvollen, von zwölf hundertkerzigen Kronleuchtern erhellten
Konzertsaal hatte sich inzwischen eine glänzende Zuhörerschaft versammelt:
der ganze Hofstaat des Kurfürsten, fast alle geistlichen und weltlichen
Würdenträger
Orchester einen T
, die gesamte Bonner Aristokratie. Jetzt intonierte das
usch, und der Kurfürst erschien in der Hofloge, am Arm
seine Nichte, die Gräfin Hatzfeld; hinter ihm der Baron von Belderbusch,
der eine zweite Nichte des Kurfürsten, die Gräfin Taxis, führte. Als die
Herrschaften Platz genommen, setzte sogleich das Orchester mit einer frühen
Haydnschen Symphonie ein. Der Kurfürst, der sich nicht viel aus Musik
machte, unterhielt sich dabei recht ungeniert mit Belderbusch, zu dessen
großem Leidwesen, denn er liebte Musik über alles. Auf die Symphonie
folgte Johanns Arie, die lebhaft beklatscht wurde. Und nun trat eine neugierige
Stille ein.
28

Johann, mit den Gesten eines Löwenbändigers, führte seinen kleinen
Sohn herein, der inzwischen durch den Schlaf erfrischt war und unbekümmert
in die tausend Lichter und Augen blickte. Halt! flüsterte sein V
ater,
jetzt! Und der Kleine machte erst vor der kurfürstlichen Loge, dann vor
dem übrigen Publikum eine unbehilfliche Verbeugimg, die auf allen Gesichtern
ein gerührtes Lächeln hervorrief. Der Kurfürst klopfte in die Hände und
gab damit das Zeichen zu einer herzlichen Begrüßung. Darauf war das
Kind nicht vorbereitet. W
nicht gespielt! Ratsuchend sah er sich nach seinem V
as wollten die Leute von ihm? Er hatte ja noch gar
ater um; aber der war
verschwunden. So stand der Kleine, unschlüssig, was er tun solle. Das reizte
einen T
eil des Publikums zur Heiterkeit.
Ludwig wurde rot, T
ränen traten
12
ihm in die Augen. Er flüchtete zu seinem Platz am Flügel, dicht neben dem
Kapellmeister Mattioli. Der neigte sich zu ihm herunter und flüsterte ihm ins
Ohr: Tapfer
, Louis! Denk: ich weg Großpapa hier!
Das Orchester setzte ein, und im Nu hatte das Kind seine Umgebung
vergessen. Belderbusch hörte wie gebannt hin. Die T
echnik war mangelhaft,
das merkte er nach den ersten Takten, aber die Auffassung war die eines
Künstlers. Ein W
under! Ein Wunder!
Ein lieber kleiner Bursche! klang des Kurfürsten Stimme an sein Ohr.
Erinnerst du dich noch, Kaspar, wie wir ihm einmal vor ein paar Jahren mit
seinem Großvater begegnet sind? Belderbusch war diese Störung
entsetzlich. Aber es half nichts, er mußte wohl etwas entgegnen. Doch der
Knabe enthob ihn der Antwort. Auch an sein scharfes Ohr war die Stimme
seines allergnädigsten Herrn gedrungen, und ohne sein Spiel zu unterbrechen,
heftete er einen langen ernsten Blick auf den Kurfürsten, daß der alte Herr
über und über rot wurde; denn keinem im Saal war der kleine Zwischenfall
entgangen. Die Gräfin Hatzfeld, eine vorzügliche Klavierspielerin, schüttelte
sich vor unterdrücktem Lachen; und das wirkte ansteckend; für eine Minute
herrschte lautlose Heiterkeit im Saale. Dann entrückte der Genius des Kindes
wieder alle in eine andere Welt.
Als Ludwig geendet hatte, brach ein Sturm des Beifalls los. Immer und
immer wieder mußte der Kleine sich verbeugen und dachte jedesmal: Ob
ichs wohl recht mache? W
as wird der Papa dazu sagen? Die Musiker
waren außer sich, vergaßen alle Etikette und klopften mit den Bögen auf
13
ihren Instrumenten. Mattioli applaudierte wie ein Wahnsinniger.
Ein Lakai
erschien und rief Johann mit seinem Sohn in die Hofloge. Der Kurfürst
29

erhob sich und trat auf Ludwig zu; doch die Gräfin Hatzfeld kam ihm zuvor.
Sie packte den Kleinen an den Schultern und küßte ihn auf Stirn, W
angen
und Mund. Mein Haar! sagte Ludwig. Ach was, dein Haar! Du
Teufelskerl du! Komm, gib mir auch einen Kuß! Ludwig tat es vorsichtig.
Der Kurfürst streichelte ihm die Backen und sagte ihm viel Schönes
über sein Spiel. Und da er gutmütig war und Sinn für Humor hatte, so fragte
er den Kleinen, warum er ihn denn vorhin so angesehen habe.
Weil Euer Durchlaucht gesprochen haben. Das darf man doch nicht,
wenn Musik gemacht wird.
Der Kurfürst tat das Klügste, was er tun konnte: er lachte herzlich.
14
Dann wandte er sich an den V
ater, der, zitternd vor Verlegenheit
nicht
wußte, wohin er blicken sollte. Ich bin sehr zufrieden mit Ihm, Beethoven!
Fahr es so fort! Man wird Ihm eine kleine Douceur für den heutigen
Kunstgenuß überweisen. Dann reichte er ihm die Hand zum Kuß; V
ater
und Sohn waren entlassen.
Nach dem Konzert ging es in der Kneipe der Hofmusiker hoch her.
Johann wurde gebührend gefeiert. Nach allen Seiten mußte er seinen
glückwünschenden Kollegen zutrinken. Endlich klopfte er an sein Glas, stand
auf und begann:
Meine verehrten Freunde! Daß doch die Freude so selten rein und
ungetrübt kommt! Daß doch in den edelsten Wein immer ein T
ropfen Wermut
gemischt sein muß! Der heutige Abend, der der glücklichste meines Lebens
sein könnte, er ist getrübt durch den Gedanken, daß es nun bald ans
Abschiednehmen geht!
Abschiednehmen? rief es erstaunt von allen Seiten.
Ja, denn ich denke nun bald mit meinem Louis zu reisen.
Zu reisen?
So wie Mozarts V
ater mit seinem Sohn gereist ist, so gedenke auch ich
Ein Sturm der Heiterkeit unterbrach ihn. Jean, bist du verrückt? Er
ist besoffen! so tönte es durcheinander. Johann sah sich entgeistert nach
allen Seiten um. Ja, glaubst, du denn Herrgott nochmal, der Kerl hat
den Größenwahn!
15
Glaubst du denn, dem Louis ist fertig ausgebildet? Reif
für die große Welt?
Johann setzte sich. Giftig starrte er vor sich hin. Kapellmeister Lucchesi
klopfte an sein Glas, und es trat Stille ein. Mein lieber Beethoven, Ihr Sohn ist
ein großes T
alent, wahrscheinlich das größte unter uns allen. Aber fertig ist er
30
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