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ivanov666
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Файл:Детство и юность Людвига ван Бетховена. Учебное пособие – книга для чтения на немецком языке
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Solchen Kaf
Mozart, während sie Ludwigs T
dem gepriesenen Trank.
fee gibts auf der ganzen Welt nur in Wien! lobte Frau
asse füllte, und mit Andacht kostete er von
4
Mozart war bald mit seinem Frühstück fertig, sah
nach der Uhr und stand auf: So, jetzt gehts an den Ohrenschmaus. Louis,
gib fein acht, daß du mir nachher deine Meinung sagen kannst. Und er
arbeitete sich durch das Gedränge dem Saaleingang zu. Ah, grüß Sie Gott,
Madam Mozart! Eine aristokratisch aussehende Dame trat mit zwei
Herren an den T
isdb heran. Haben Sie noch etwas Platz für uns?
Ludwig sprang errötend auf und schleppte ein paar Stühle herbei. Und Frau
Mozart stellte scherzhaft-feierlich vor: Herr van Beethoven, KurfürstlichKölnischer Hoforganist und Schüler meines Mannes. Ihre Durchlaucht die
Fürstin und Fürst Kinsky. Seine Exzellenz Herr Baron van Swieten.
Hör ich recht? sagte der Letztgenannte, van Beethoven? ein
Holländer?
Mein Großvater stammte aus Antwerpen, entgegnete Ludwig. Dann
hielt er sich bescheiden zurück und wurde auch kaum weiter beachtet.
Man sprach von der fortschreitenden Arbeit am Don Giovanni, und
Ludwig tat es fast weh, daß dieser geheiligte Name hier, unter all dem
fröhlich schwatzenden V
olk, so ausgesprochen wurde wie ir
gendein
anderer Operntitel. Ein Tusch schmetterte aus dem Saal hinaus ins Freie,
und die eben noch lustig plaudernde und lachende Menge wurde still.
Was dirigiert der Meister? flüsterte die Fürstin Kinsky zu Frau Mozart
hinüber. Seine letzte Symphonie. Und Mozarts Melodien klangen
hinaus in die Frühlingsluft, in all das Blühen und Duften, quellend und rein
und jugendfrisch wie die Natur selber. Es folgte ein neues Klavierrondo in
A-Moll, von dem Komponisten selbst gespielt, das Ludwig hoch aufhorchen
machte, so ganz anders war es, als was er von Mozarts Klaviermusik
bisher kennengelernt hatte; ein seltsam drängendes, chromatisches, tief
melancholisches Stück. Im Gegensatz zu der Symphonie, die einen
Beifallssturm entfesselt hatte, folgte ihm nur schwacher Applaus, und Baron
van Swieten wechselte mit dem Fürsten Kinsky einen bedenklichen Blick.
Aber beider Mienen erhellten sich wieder, als das nächste Stück begann,
eine kleine Nachtmusik für Streichorchester. Man merkte es ihnen an,
wie froh sie waren, ihren Liebling wieder auf den ihnen vertrauten W
egen
reinen Wohllautes wandeln zu sehen. Der alte Swieten konnte sich nicht
versagen, seiner Begeisterung ab und zu durch ein geflüstertes Göttlich
131

oder Süperb Luft zu machen. Das Kinskysche Paar saß still verklärt
und sagte kein Wort.
Die Schlußnummer folgte. Ja, was war denn das? Ludwig fuhr entsetzt
zusammen. Das Orchester begann mit einem furchtbar banalen Thema,
aber schon nach den ersten paar Takten war der Faden zu Ende. Allmählich
kam etwas zustande
5
das sich wie ein Seitenthema anhörte; aber da blieb
plötzlich die Primgeige aus, man hörte nur Begleitfiguren. Jetzt hatte Ludwig
begriffen. Das Ganze war offenbar ein Spaß, eine Parodie auf sogenannte
Komponisten, die etwas schreiben wollen, ohne daß ihnen auch nur das
6
geringste einfällt.
T
ischgesellschaft; merkwürdig betretene Gesichter sah er
lächelte etwas befangen. Es war klar
Er warf einen verstohlenen Blick auf die feudale
. Frau Mozart
, sie war selber überrascht und wußte
nicht, was das Ganze bedeuten sollte. Drinnen ging der Spaß weiter.
7
Mit einem heldenhaften Unisono kam die Sache wieder in Schwungr
und
zum Schluß des Satzes belobte sich der Komponist für seine gelungene
Leistung mit einem solennen Tusch. Ein heroisches Menuett folgte; dann
ein langsamer Satz, in dem der Primgeiger in gefühlvollen V
8
schwelgte.
Und dann kam das Letzte: ein toll gewordener Philister hatte
erzierungen
eine Fuge fabriziert, die in einen lärmenden Tusch ausartete; alles verlor
schließlich den Kopf, jeder schloß in einer anderen Tonart. Das Publikum
hatte mittlerweile aber doch begriffen, wie die Sache gemeint war, und
als das Höllenkonzert zu Ende war
strahlend über das ganze Gesicht, steuerte auf seinen T
die Freunde. Seine Augen blitzten vor V
, erhob sich tobender Beifall. Mozart,
isch zu und begrüßte
ergnügen, als er den alten van
Swieten fragte, wie ihm das letzte Stück gefallen habe, und ein feiner
9
Beobachter hätte fast etwas wie leisen Hohn herausgehört,
als er erklärte,
wenn er wieder einmal dirigiere, dann wolle er eine van Swietensche
Symphonie aufführen.
Ganz himmlisch war die Nachtmusik! sagte die Fürstin schwärmerisch.
Und das Klavierrondo?
Äußerst interessant! entgegnete der Fürst eilfertig, wenn auch
nun ja manches darin etwas ungewohnt, überraschend , jedoch höchst
interessant, höchst interessant. Aber sagen Sie, Mozart, wann haben Sie
all das Neue denn eigentlich geschrieben?
Zwischen dem ,Don Giovanni; den musikalischen Spaß in die
Kirchhofszene hinein.
132

Der alte Swieten schüttelte leise mißbilligend den Kopf. Der Fürst sah
gedankenvoll auf den Meister
. Das verstehe, wer kann! murmelte er vor
sich hin.
Nun, Louis, meinte Mozart unvermittelt, jetzt hast du mich auch mal
Klavier spielen hören. Wie spiel ich eigentlich? Auf dessen Urteil, meine
10
Verehrtesten, geb ich nämlich, mit Respekt zu vermelden,
das allermeiste.
Alles machte erstaunte Gesichter. Ja, man siehts ihm nicht an, was in
ihm steckt, lachte Mozart. Aber schauts mich an; was ist denn an mir?
Ein rasiertes Schweinsrüsselchen, hat mal eine schöne Primadonna von mir
gesagt, allerdings auf Toskanisch; aber ins Deutsche übersetzt lautet es halt
um keinen Deut anders. Und vom Louis kann man das nicht mal sagen;
rasiert ist er schon gar nicht, wenns auch allmählich Zeit wird, trotz seinen
fünfzehn Jahren, und nach einem Schweinsrüssel sieht er erst recht nicht
aus. Er kann was und wird bald noch viel mehr können. So Gott will, hoff
ich ihn noch in diesem Sommer einem verehrlichen Publiko hier im Augarten
zu präsentieren. Ludwig wurde blutrot. Ist das Ihr Ernst? sagte er.
Freilich ists mein Ernst! und ich will nicht Mozart heißen, wenn ich dächte,
ich sollt mich mit dir blamieren!
11
*
Ein paar T
Mein V
age darauf traf Ludwig den Meister in Tränen aufgelöst.
ater ist gestorben, in Salzbur
g, weit weg von mir, und ich könnt
nicht bei ihm sein, ihm nicht die Augen zudrücken! Was ich bin und kann,
verdank ich nur ihm. Mein Talent hat er wie einen heiligen Schatz betrachtet,
den ihm der liebe Gott in die Hand gelegt; aufs sorgsamste, aufs vorsichtigste
hat er mich gebildet, damit nicht ein Brillantfeuerwerk aus mir würde, das
nur in die Höhe prasselt und gleich wieder verlischt. Hast du noch deinen
Vater
, Louis? Der Knabe bejahte errötend. Dann darfst du deinem
Herrgott täglich auf den Knien dafür danken. Ich tat meinen ganzen Ruhm
hergeben, könnt ich meinen V
ater damit wieder zum Leben erwecken.
Er schwieg und starrte traurig zu Boden. Freilich, man soll nicht klagen,
wenn ein geliebter Mensch stirbt; eher ihn beneiden, daß er all den Kampf,
den man Leben heißt, überstanden hat.
In den nächsten T
Unterricht zu erteilen
er an ihm verloren; immer wieder tauchten T
agen war Mozart weder imstande zu arbeiten noch
12
Immer wieder sprach er von seinem V
ater, und was
odesgedanken vor seiner Seele
133

auf: Ich bin noch jung, und doch denk ich manchmal, meine Zeit ist bald
um. Ich verbrenn halt doch zu schnell. Es strömt nur so weg, die Musik, die
ich in mir hab. Lang kann das doch gar nicht so weitergehen; wo soll
s denn
sonst hinaus! Soviel Notenpapier gibts doch gar nicht, um all die Musik
aufzuschreiben, wenn ich etwa sollt sechzig oder siebzig Jahr werden; vor
solch einem Notenber
g tat mir ja selber grausen. Nun, sollt
s mal so
kommen, so kann ich ja ruhig sein. Ich weiß jetzt, ich hab einen Nachfolger.
Jetzt möcht ich freilich nicht sterben, jetzt um keinen Preis! Den ,Don
Giovanni! unvollendet zurücklassen? Ob ich auch Ruh im Grab fände? wenn
13
dann hernach ein anderer, vielleicht gar so ein W
elscher,
die Oper zu
vollenden bekäme! Um Gottes willen! nein, nicht dran denken!
*
Ludwig saß in seinem Zimmer und dachte über seine Lage nach. Die
Unterrichtsstunden waren immer seltener geworden. Sein Aufenthalt in W
hatte eigentlich keinen rechten Sinn. War es nicht vernünftiger
und im W
inter wiederzukommen, wenn der Don Giovanni vollendet war,
, abzureisen
wenn Mozart wieder Zeit für ihn haben würde? Der Diener trat ein und
brachte ihm einen Brief; er war von seinem V
Schreiben, und sein Herz begann zu klopfen. W
ater. Ludwig öffnete das
as er las, war verworren
genug; aber soviel sah er doch, daß es schlecht um seine Mutter stand.
Ob der Vater wohl für die nötige Pflege sorgte? Ludwig kannte ihn gut
genug, um es zu bezweifeln. Und wenn die Mutter starb, und er saß hier in
Wien, weit, weit fort von ihr? Nein, er mußte heim, mußte sofort abreisen.
Und es war ihm wie eine Erlösung, als er sich zu diesem Entschluß durchgerungen hatte.
Mein armer Louis, sagte Mozart, es ist hart für dich. V
doch noch Rettung für deine Mutter
. Wenn aber nicht, dann sag dir nur, sie
ielleicht ist
hat es droben im Himmel viel besser als auf dieser elendigen Erde. Und
du, mein armer Kerl? Ich habe dich enttäuscht, das weiß ich am besten. Du
bist halt zu keiner günstigen Zeit gekommen. Der ,Don Giovanni nimmt
mich ganz hin; ich kann nicht dawider, und darfs auch gar nicht. Du mußt
im W
inter wieder herkommen! Aus dir wird zwar auch ohne den Mozart
was werden, dafür leg ich meine Hand ins Feuer
freuen, wenn ich dir dazu helfen könnt, mehr
war. W
enns soweit ist, will ich deinem Herrn schreiben, er möchte dich
14
Aber es tat mich doch
, als es mir diesmal möglich
ien
134

wieder zu mir schicken; wie ich ihn kenne, wird er mirs gewiß nicht
abschlagen. Leb wohl, mein guter Louis! auf ein schönes W
Ludwig war so bewegt, daß er nur ein paar W
orte des Dankes stammeln
iedersehen!
konnte.
Sprich nicht von Danken, Louis! ich bin in d e i n e r Schuld, das weiß
ich am besten. Und nun laß mich dir noch eines sagen, für den Fall, daß
ich dich nimmer wiedersehen sollte, was Gott verhüten möge. Es geht mich
an, und ich sag dir
s, damit du dir ein warnendes Exempel daran nimmst.
Ich hab mich in meiner ersten Zeit zersplittert, hab das Meine verschwendet
nach allen Seiten, weil die Gesellschaft es so haben wollte, der Adel, die
Reichen, deren Brot ich aß. Das ist jetzt vorbei. Jetzt schreib ich nur noch,
wie mirs ums Herz ist, schaue nicht mehr nach rechts und links; und ich
weiß erst jetzt, was Komponieren heißt. Komponieren soll Gottesdienst sein,
und was ich früher getan hab, das war Dienst an den Menschen. Laß deine
Musik immer Gottesdienst sein, Louis! Mag dich die Mitwelt nicht verstehen,
dich dunkel und unverständlich schelten: laß sie! Deine Zeit wird kommen,
so gut wie die meine einmal kommen wird. Ob wir
s erleben was liegt
daran! Und weißt du, wer mir zu dieser Erkenntnis verhelfen hat? Sebastian
Bach. Dir hat er schon früh ans Herz gegriffen, mir grad noch zur rechten
Zeit. Der hat auch nicht nach rechts und links geschaut, hat nur an seinen
Gott gedacht und nicht an die Menschen. Darum hat ihn seine Mitwelt nicht
begriffen und ihn bald ver
aus der V
ergessenheit auftauchen und wird die Jahrhunderte überdauern
gessen. Aber er lebt weiter, und einmal wird er
als der größte Genius aller Zeiten.
Auch Sie, Herr Mozart! auch Sie!
Mozart zog den Knaben an sich und küßte ihn auf die Stirn.
Du bist fast noch ein Kind, Louis; aber dein Glaube tröstet mich darüber,
daß mich hier keiner versteht. Denk an mich, wenn du später den ,Don
Giovanni hörst. Das wird der wahre, der allein wahre Mozart sein, der
dann zu dir spricht.
Leb wohl, mein lieber Bub! Grüß mir deine gute Mutter! ich laß ihr
von Herzen Besserung wünschen.
15
Und sag ihr
, sie darf stolz sein auf ihren
Sohn!
135

Texterläuterungen
1
Er war aufgefordert worden, in einem der Augartenkonzerte zu
dirigieren und Klavier zu spielen.
и играть на рояле в о
2
Was liegt mir jetzt an Virtuosen und Dirigentenruhm!
дном из концерт
теперь слава виртуоза и дирижера!
3
Na, Louis, gefâllt es dir hier! ... Nun greif aber zu und lass dir es
schmecken! Stanzerl, schenk ein!
А теперь приступай к еде. И приятного тебе аппетита! Stanzerl!
(так называл Моцар
4
und mit Andacht kostete er von dem gepriesenen Trank.
т свою жену Конст
благоговением он пригубил хваленый напиток;
5
Allmählich kam etwas zustande,
получаться;
6
, ohne dass sich ihnen auch nur das geringste einfâllt
незначительное не приходит им на у
7
in Schwung kommen
8
dann ein langsamer Satz, in dem der Primgeiger in gefühlvollen
сдвинуться с места , пойти на лад;
Verzierungen schwelgte ...
в которой перв
9
, und ein feiner Beobachter hâtte fast etwas wie leisen Hohn
herausgehört ... è ò
ая скрипка наслажда
онкий наблюда
легкую иронию;
10
, mit Respekt zu vermelden,
(ê Ëóè);
11
, ich sollt mich mit dir blamieren!
12
In den nächsten Tagen war Mozart weder imstande zu arbeiten noch
Unterricht zu erteilen
В последующие дни Моцарт был не в
состоянии ни работать, ни давать уроки;
13
ein Welscher
14
..., dafür leg ich meine Hand ins Feuer
иностранец;
на отсечение;
15
, ich lass ihr von Herzen Besserung wünschen
выздоровления от всего сердца.
Îí áûë ïðèã
ов, проводимых в парк
Íó
Постепенно чт
ì;
потом прозв
лась звуками музыки;
тель заметил бы в ег
сообщить с полным уважением
я из-за тебя опозорюсь!
лашен дирижирова
е Аугартен.
×òî ìíå
, Луи, тебе нравит
анцию) Налив
ся здесь?
àé!
о-то стало
÷òî äàæå è
учала медленная мело
â ýòîì ÿ òåá
е даю голову
я желаю ей
è ñ
о словах
òü
äèÿ,
136

Aufgaben
1. Erklären Sie die Bedeutung folgender Komposita:
der Frühaufsteher;
der Morgenspaziergang;
die Notenbände;
das Ehepaar;
der Konzertsaal
In welchem Kontext sind diese Komposita im Text erwähnt?
2. Antworten Sie auf die Fragen zum Kapitel 14:
Wie schätzten das Ehepaar Kinsky das Augartenkonzert von Mozart?
Wem gehören die W
Wie schätzen Sie den Beschluss von Ludwig, heim zu fahren. Aus
welchem Grund musste er abfahren?
Über wen sagte Mozart: sie darf stolz sein auf ihren Sohn?
Wem verdankte Mozart sein Schaf
Wie erlebte Mozart den T
orte: Meine Zeit ist bald um!
fen?
od seines Vaters?
FÜNFZEHNTES
Wie anders war die Abreise von Wien, als die Ankunft! Mit schwerem
Herzen stieg Ludwig in den Postwagen. Die todkranke Mutter stand ihm
vor der Seele, und Angst packte ihn bei dem Gedanken, er könnte vielleicht
schon zu spät kommen. Wieder erklomm der W
Ludwig zum ersten Male Wien erblickt hatte. Heute war der Himmel grau,
die Stadt von Nebel wie mit einem Leichentuch zugedeckt. Nur der riesige
Stephansturm war sichtbar; in düsterm Schweigen wies er den Himmel.
Und plötzlich wußte Ludwig, er würde Mozart nie wiedersehen. Da
überwältigte ihn der Schmerz.
Je näher er der Heimat kam, desto mehr drängten die Briefe seines
Vaters, die ihn unterwegs erwarteten, seine Reise zu beschleunigen, denn
mit der Mutter gehe es zu Ende. Endlich rasselte der Wagen durch das
Koblenzer Tor
begegnete ihm, die W
. In fliegender Hast eilte Ludwig nach Hause. Kein Mensch
ohnzimmer waren leer
K
APITEL
agen die Höhe, von der aus
. Leise öffnete er die Tür zu
137

seiner Mutter Schlafzimmer
. Er erschrak aufs tiefste, als er sie erblickte.
Das Gesicht war gelblichweiß, die Züge verfallen; keuchend hob und senkte
sich die Brust, glasig starrten die Augen an die Decke. Erschüttert sank er
an ihrem Bett in die Knie und bedeckte ihre fieberheiße Hand mit Küssen.
Die Mutter sah ihn nicht. Nach einer Weile bewegten sich ihre trockenen
Lippen. Ludwig grif
f rasch nach einem Glase Wasser
, schob seine Linke
unter ihren Kopf und gab ihr behutsam zu trinken. Aus gequälten Augen
traf ihn ein dankbarer Blick. Und dieser Blick haftete auf ihm, tastete über
Stirn, Nase, Mund, bohrte sich immer tiefer in seine Augen. Und wie die
Sonne durch Morgennebel, so brach aus den umdämmerten Augen ein Strahl
tiefer Freude. Nun war es mit Ludwigs Selbstbeherrschung zu Ende;
fassungsloses Schluchzen durchbebte ihn. Das Gefühl, die Todkranke nicht
1
aufregen zu dürfen
gab ihm endlich die Gewalt über sich zurück. Er nahm
einen Stuhl und setzte sich an das Bett; der Mutter Hand hielt die seine fest
umklammert; er fühlte das Jagen ihres Pulses. Ihr Blick ließ seine Augen
nicht mehr los. So saß er lange, schweigend, und gab ihr das letzte Glück
ihres armen Lebens.
Der wohlbekannte laute Tritt des Vaters ward nebenan hörbar; Ludwig
erhob sich und ging zu ihm hinaus. Johann van Beethoven, der stark nach
Wein duftete, brach in Tränen aus, als er seinen Ältesten wiedersah, und
begann laut über den bevorstehenden T
guten Eigenschaften zu preisen. Ludwig schnitt ihm das W
jetzt mit der Mutter allein sein; bitte sor
od der Mutter zu jammern und ihre
ort ab. Ich muß
g dafür, daß niemand kommt und
stört.
Er kehrte zu der Sterbenden zurück. Ihre Augen waren auf die Tür
geheftet, mit einem verzweifelten Ausdruck der Angst. Doch alles löste
sich, als sie den Sohn erblickte. Nach einer Weile versuchte sie zu sprechen;
aus ihrem abgerissenen Flüstern glaubte er den Namen Mozart
herauszuhören. Mozart grüßt dich und wünscht dir Genesung, Mutter!
Ungläubig sah sie ihn an. Dann glitt ein Erröten über ihr wachsbleiches
Gesicht, und sie lächelte , ein beschämtes, mädchenhaftes, unsagbar zartes
Lächeln. Er glaubt an meine Zukunft, Mutter! an mir würde er einmal
einen Nachfolger haben. Himmlisches Glück malte sich in den Zügen der
Sterbenden. Sie hob den Kopf. Ich wußte es! flüsterte sie. Dann sank
sie zurück. Der Todeskampf begann. Ludwig kniete an ihrem Bett nieder
und umklammerte ihre Hand. Noch einmal öffnete sie die brechenden Augen;
138

sie schien noch etwas sagen zu wollen. Er beugte das Ohr dicht zu ihren
Lippen. Geschwister! flüsterte sie. Ludwig konnte nicht mehr sprechen.
Er drückte ihre Hand und nickte. Dann kam das Ende.
*
Da Johann van Beethoven gänzlich mittellos war, mußte Ludwig von
dem Hofmusikus Ries ein Darlehen erbitten
Begräbnis zu bereiten. Viele Menschen folgten ihrem Sar
2
um seiner Mutter ein würdiges
ge; die gute, stille
Frau hatte überall Liebe und Achtung genossen.
Ein paar T
age danach kam Ludwig auf dem Marktplatz an dem Stand
eines Trödlers vorbei. Sein Blick blieb auf einem schwarzseidenen Kleide
hängen, das er zu kennen glaubte. Bei Gott, es war das Staatskleid seiner
Mutter! Bebend vor Scham und Empörung eilte er nach Hause, durchwühlte
seine Sachen nach ir
gendeinem W
ertgegenstand. Mit einem Tauftaler
, dem
Geschenk seiner Patin, löste er das Kleid ein. Als er wieder heimkam, fand er
seinen Vater stieren Blickes in einer Sofaecke sitzen; er war betrunken.
Verachtung, Verzweiflung im Herzen, schloß Ludwig das Kleid in den Schrank
und warf sich auf sein Bett. Großer Gott! dieser Vater! Und dann diese Brüder!
Tief wesensfremd waren sie ihm; nichts, aber auch gar nichts hatte er mit
ihnen gemein. Und doch es waren die Kinder seiner Mutter! Daß Gott ihn
selber so reich begabt hatte, vielleicht auf Kosten der Brüder verpflichtete
ihn das nicht, ihnen zu helfen, ihnen Vater und Mutter nach Kräften zu ersetzen?
Ja, Mutter
, ich will es versuchen. Aber schwer wird es sein! Er
hatte die Brüder bei seiner Rückkehr völlig verwahrlos vorgefunden; sie
waren faul, widerspenstig, verlogen, trieben sich den ganzen Tag planlos
im Hause und auf der Gasse umher
beschäftigen. Karl, der jetzt fünfzehn Jahre alt war
musikalisches T
alent und spielte schon recht gut Klavier
. Es galt also vor allem, sie nützlich zu
, hatte eine schönes
. Auf dem Wege
mußte weitergegangen werden, und wenn er selber sich erst eine Stellung
in der W
elt errungen hatte, dann würde er den Bruder schon irgendwo
versorgen. Der zwölfjährige Johann eignete sich vielleicht zu irgendeinem
praktischen Beruf; es gelang Ludwig, ihn als Lehrling in der Hofapotheke
unterzubringen, wo er wenigstens freie V
erköstigung hatte. Die kleine,
erst einjährige Schwester bedurfte weiblicher Pflege. Für sie, und zur
Führung des Haushaltes, mußte eine ältere zuverlässige Frau angenommen
werden; alles unter der Voraussetzung, daß der V
ater ihm wieder
, wie
139

früher, an jedem Quartalsersten sein Gehalt abliefere. V
ater Beethoven,
der seinem Ältesten nicht mehr in die Augen zu sehen wagte, war mit
allem einverstanden.
Durch die Sorge um die Seinen war Ludwig eine Zeitlang so
hingenommen, daß er nicht dazukam, an sich selber zu denken. Als aber
alles geregelt war, da versagten ihm die Nerven. Mit neuer Gewalt packte
ihn der Schmerz um den Verlust der Mutter
. Seine geliebte Mutter, die einzige
in der Familie, die er als zu sich gehörig empfunden, die einzige, die ihn lieb
gehabt was hatte ihr das Leben gebracht? Sorgen und Enttäuschungen,
Krankheit und Schmerzen! Und was ihm immer als schönste Hoffnung
vorgeschwebt hatte: sie später einmal zu entschädigen für alles, was sie
entbehrt wenn er groß und berühmt geworden, sie zu sich zu nehmen, sie
zu hegen und zu pflegen und zu verwöhnen auch diesen T
rost hatte ihm
das Schicksal nun genommen! Er hatte sich auf der Rückreise erkältet
und litt seitdem an einem hartnäckigen Husten. Plötzlich war es ihm klar:
das konnte nur die Schwindsucht sein, die er von der Mutter geerbt. Immer
fester grub sich dieser Gedanke bei ihm ein. Die Pflicht hielt ihn noch einige
Zeit aufrecht; aber eines Morgens war er am Ende seiner Kräfte. Er konnte
nicht aufstehen, kaum noch denken. Eine Art Erstarrung kam über ihn. Er
hatte das Gefühl, wie wenn ein Gegner ihn nach hartem Kampf
niedergeworfen habe und ihn nun festhielte an Händen und Füßen. Er suchte
sich aufzurichten; umsonst. Eine Kraft hielt ihn nieder, die stärker war als
er. Mein Schicksal hat mich gepackt. V
on diesem Gedanken kam er
nicht los. Mein Schicksal hat mich gepackt. Dagegen gibt es kein
3
Sichwehren;
das Schicksal ist mächtiger als wir
So lag er viele Stunden, ohne sich zu bewegen. Nachmittags kam W
.
egel
er,
den die erschrockene Haushälterin herbeigerufen hatte. Soeben erst mit
Breunings von ihrem Landgut zurückgekehrt, hatte er Ludwig nach W
ien
noch nicht wiedergesehen. Es bedurfte seiner ganzen Überredungskunst, um
den Freund von der Schwindsuchtsidee zu befreien. Am andern T
age stand
Ludwig wieder auf, aber er hatte das Gefühl, statt seiner wandle ein Leichnam
umher. Er schluckte sein Frühstück hinunter und ging aus, um ir
gendwo eine
Lektion zu geben. Aber plötzlich fand er sich vor dem Hause am Münsterplatz,
und schellte, und trat ein, und stand vor Frau von Breuning.
Mein lieber
, lieber Junge, begrüßte ihn die dunkle Stimme, die er so
liebte, was hast du alles durchgemacht! Und ich war fort, ahnte nichts! Als
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