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Файл:Детство и юность Людвига ван Бетховена. Учебное пособие – книга для чтения на немецком языке
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SECHSTES
K
APITEL
Das Jahr 1778 brachte dem Bonner Kunstleben ein Ereignis von höchster
Bedeutung: die Eröffnung eines Nationaltheaters. Während die Hofbühne
sich bisher ausschließlich der Pflege italienischer und französischer Opern
gewidmet hatte, sollte nun dem deutschen Schauspiel, das durch Lessing
zu neuem Leben erweckt war
, eine Pflegestätte bereitet werden, auf daß
es an der Bildung des Volkes mitarbeite. Als eine moralische Anstalt, eine
Schule der Sitten kündigte der Intendant, Baron Belderbusch, den Bonnern
das neue Unternehmen an. Mit der künstlerischen Leitung wurde Friedrich
Großmann aus Berlin betraut, einer der größten und berühmtesten
Schauspieler seiner Zeit, der zudem durch seine Beziehungen zu Lessing
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und Goethe
im Mittelpunkt des deutschen Geisteslebens stand.
Für Johann van Beethoven und die übrigen Bonner Hofsänger bedeutete
das neue Theaterunternehmen künstlerisch eine Einbuße,
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denn Großmann
brachte sein ganzes Personal mit, und die Tätigkeit der eingesessenen Sänger
beschränkte sich, nun auf Kirche und Konzertsaal; von der Bühne waren
sie verdrängt. Anfänglich mochten sie sich damit trösten, daß zunächst das
Schauspiel ganz im Vordergrund des Interesses stand und Opern nur selten
aufgeführt wurden. Aber schon im nächsten Jahre änderte sich das. Denn
auch die deutsche Oper war aus ihrem hundertjährigen Schlaf erwacht und
forderte Beachtung und Pflege.
So wurden neue Sänger von auswärts verpflichtet; als Kapellmeister
holte sich Großmann seinen Freund, den langjährigen Genossen seiner
künstlerischen W
anderfahrten, Christian Gottlob Neefe, der sich, erst
einunddreißig Jahre alt, als Opernkomponist schon einen großen Namen
gemacht hatte.
Jetzt haben wir also glücklich drei Dirigenten, meinte Johann van
Beethoven höhnisch, Lucchesi für den Kapellchor, Mattioli für die
Hofkonzerte, und diesen Herrn Neefe für die Oper
sie alle drei nicht mehr
, als mein V
ater ganz allein geleistet hat. Es wird
. Und zusammen leisten
wirklich immer schöner in Bonn!
In Johanns Nachbarschaft hatten sich einige Mitglieder von Großmanns
T
ruppe eingemieet. Als nun zu Beginn der zweiten Spielzeit, im Herbst 1779,
ein paar neue Schauspieler nach Bonn kamen, da fand er, es wäre doch
eigentlich gar nicht übel, wenn er auch jemanden in Quartier nähme. V
iel
1
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sprang ja nicht dabei heraus; aber immerhin, er war nun mal ein armer
Familienvater.
Als er seiner Frau die Sache vorstellte, erschrak sie ein wenig. Sie war
vor kurzem von einem Töchterchen entbunden worden, das aber nach
wenigen T
agen gestorben war. Das war nun schon das fünfte Wochenbett
gewesen, und sie hatte sich seitdem noch nicht recht erholt, besonders da
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die zwei Kleinen sie den ganzen Tag in Atem hielten.
auf eine kleine Erhöhung ihrer Einnahmen mochte sie nicht nein sagen.
Aber bei der Aussicht
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,Jch habe gestern einen wirklich reizenden Menschen kennengelernt,
erklärte ihr Mann, einen gewissen Pfeif
fer
. Er hat noch kein Unterkommen
finden können, und da hab ich ihm gesagt, ich würde mal mit dir reden.
Frau Magdalene gab sich zufrieden.
Nachmittags erschien Johann mit seinem neuen Freund. Es war ein
schlanker junger Mensch, Ende der Zwanzig, mit einem schönen, klugen,
aber etwas verlebten Gesicht. Frau Magdalene begrüßte ihn, wunderte sich
im stillen über seine riesigen Reitstiefel und fragte nach seinem Gepäck.
Omnia mea mecum porto. W
as ich besitze, hab ich bei mir, sagte
Pfeiffer und deutete auf ein kleines Handtäschchen und ein schwarzes
Futteral. Nun, Jean, zeig mir
Frau Magdalene erstaunte immer mehr
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Manne.
Auf dem Flur begegnete ihnen Cäcilie, die Haustochter, die zu
einem hübschen Mädchen von sechzehn Jahren herangewachsen war
, wo ich mein müdes Haupt hinlegen darf.
. Der duzte sich schon mit ihrem
. Das
ist Cäcilie, unser Musikpatrönchen, stellte Johann vor. Pfeiffer sandte ihr
einen Feuerblick zu, der sie erröten machte.
Und wo steckt denn der Louis? fragte er
. Er kannte sich schon völlig
in der Familie aus.
Ludwig hatte sich beim Eintreffen des Fremden auf dem Speicher
versteckt, in der unbestimmten Hoffnung, der Besuch möchte bald wieder
abziehen. Er hatte sich ins Fenster gelegt und sah träumend in das Land
hinaus. Da zog der Rhein dahin; aus der Ferne grüßten die Linien des
Siebengebirges. Schwärme von Mücken tanzten im Sonnenschein. Von weit
her schwebte der Ton einer Glocke an sein Ohr. Leise regte es sich im
Grunde seiner Seele. Es hob sich, senkte sich wieder und ruhte, hob sich
von neuem und schwebte endlich dahin in ruhigem, Frieden atmendem Zuge,
immer begleitet von dem vollen gleichmäßigen T
on der Glocke. Ein Käfer
schoß heran und prallte derb gegen die Stirn des Kindes. Es erwachte aus
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seinen Träumen und lauschte nun mit wachem Bewußtsein auf die Melodie,
die in ihm erklungen war.
Wie schön ist das! seufzte der Kleine leise. Das muß ich aufschreiben,
eh ich
s vergesse. Der Fremde fiel ihm wieder ein, aber der war ihm jetzt
gleichgültig. Rasch lief er die Treppe hinunter
. Da saßen die Eltern mit dem
Gast schon beim Abendessen.
Wo hast du wieder gesteckt, Louis?
rief sein Vater är
gerlich. Komm
her, gib dem Herrn die Hand!
Das Kind tat es scheu und hastig;
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dann schlüpfte es ins Nebenzimmer,
suchte sich Notenpapier und begann zu schreiben.
Komm zum Essen, Louis! rief sein V
ater
. Der Kleine hörte schon
längst nicht mehr, was um ihn her vorging. Als er endlich aufatmend den
Bleistift hinlegte, bemerkte er den Fremden, der hinter ihm stand. Erschrocken
und beschämt wollte er das Blatt verstecken.
Darf man sehen, was du geschrieben hast, Louis?
Es ist nichts, antwortete das Kind und strebte aus dem Zimmer.
Hast du das gemacht?
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Ich? Nein, es ist mir so eingefallen.
Nach ein paar Tagen waren Pfeif
Und damit war er hinaus.
fer und Ludwig die besten Freunde.
Aber über Johanns Erziehungsmethode war Pfeiffer entsetzt.
Herrgott nochmal, Jean, was hast du denn eigentlich mit dem Jungen
vor? Willst du vielleicht einen kleinen alten Mann aus ihm machen? Du bist
auf dem besten Wege dazu! W
o hast du denn nur deine Augen? Sieh dir
doch den Louis einmal an! Ist denn das überhaupt ein Kind, dieser arme,
verhärmte, verdrossene kleine Bursche? Siehst du denn nicht, daß du ihm
die Musik auf die Weise geradezu verhaßt machen mußt? Ein Kind will
doch nicht nur lernen und gedrillt werden, es will sich doch seines jungen
Lebens freuen, will mit seinen Kameraden draußen herumtoben, will seine
Hände noch zu was anderem gebrauchen als zum Klavierspielen! Jetzt tu
mir den einzigen Gefallen und laß ihm jeden Tag ein paar Stunden Freiheit!
Versprich mir das augenblicklich, sonst zieh ich wieder aus! Die Schinderei
kann ich nicht mit ansehen.
Ja, aber ohne Fleiß
Ach, hör auf mit dem Unsinn! Deine Hand her! So, abgemacht! Und
nun was anderes. Der alte van den Eeden ist sein Lehrer. Jean, mein teurer
Freund, was sind nur das für Sachen! Mit dem Klavierspiel will es ja nicht
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viel sagen aber mit der Theorie! Doch um Gottes willen einer jungen
Seele nicht die Weisheit eines abgeklärten Alters eintränken! Jugend muß
jung sein und jung fühlen, muß gären und brausen und schäumen, aber nicht
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bei jedem Schritt sich am Gängelband gehalten fühlen!
Tür zum Nebenzimmer
, wo Ludwig bei der Arbeit saß.
Er öffnete die
Louis, zeig mir
mal, was du da neulich geschrieben hast, als ich kam. Der Kleine brachte
das Blatt.
Sieh her, Louis! W
Es ist doch verboten, sagt mein Lehrer
arum hast du das hier geändert?
.
Wer verbietet es?
Die Lehrbücher
.
Und warum?
Das weiß ich nicht.
Na, ich weiß es auch nicht, und wenn du deinen Herrn Hoforganisten
fragst, so weiß er es sicher auch nicht. Es ist verboten, weil es von jeher
verboten war. Aber wenn dir nun gerade so zumute war
, wie du es hier
ursprünglich niedergeschrieben hattest, warum mußtest du es dann ändern?
Warum mußtest du deine Gefühle fälschen? Aber da kommen sie immer
mit ihrem alten abgeleierten Geschwätz, daß Schönheit das oberste Gesetz
sein müsse. Glaub ihnen nicht! Nicht Schönheit Wahrheit ist das oberste
Gesetz! Und wenn du alle Töne der Skala in einem einzigen Akkord
anhäuftest, eine furchtbare Disharmonie, ein Aufschrei der gequälten Kreatur,
und es ist empfunden, es ist wahr, dann ist es auch schön! Denk an mich,
Louis, wenn du erst größer bist! Und dann schreib, wie es dir ums Herz ist,
und rüttle und schüttle diese ganze langweilige sogenannte Musik mal tüchtig
durcheinander! Ja, sag mal, Jean, fuhr er fort, als der Kleine das Zimmer
verlassen hatte, kannst du denn von diesem alten Orgelgreis nicht
loskommen? Johann überlegte eine W
Ich kann ihn nicht vor den Kopf stoßen;
seligen V
ater. Allerdings zur Zeit ist er krank, und der Unterricht ruht
Das ist ja famos, rief Pfeif
fer, hof
eile.
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er war der beste Freund meines
fentlich ruht er noch recht lange. Hör
zu, Jean! Jetzt überlaß mal vorläufig mir den Louis! Klavierspielen kann ich
ihn lehren wie sonst einer, und auf den Generalbaß verstehe ich mich auch.
Johann stand schon derart unter dem Einfluß seines weit jüngeren
Freundes, daß er ihm alles aufs W
ort glaubte. So war er mit Pfeif
fers
Vorschlag ohne weiteres einverstanden.
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Nun hatte Ludwig mit noch nicht neun Jahren also wieder einen neuen
Lehrer es war schon der dritte! und dieser war ein Sänger und
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Schauspieler
. Aber wenigstens war er durch und durch musikalisch,
wenn Johann in seinem Sohn nur das abzurichtende W
underkind sah, so
und
ahnte Pfeiffer in dem Kleinen bald ein musikalisches Genie.
Da saß nun das seltsame Paar T
ag für Tag zusammen am Klavier oder
suchte gemeinsam in die Geheimnisse des Generalbasses einzudringen, wozu
übrigens Pfeiffer die Beihilfe erheblicher Mengen Spirituosen brauchte.
Wenigstens hatte er das Talent, seinen kleinen Schüler nie zu ermüden;
sobald er ein Nachlassen der Aufmerksamkeit verspürte, brach er ab, gab
ihm plötzlich irgendeine humoristisch-musikalische Vorstellung, ahmte eine
Katzenmusik nach, produzierte sich als Gesanglehrer
, der einen gänzlich
unmusikalischen Schüler ausbildet, und was dergleichen Schnurrpfeifereien
mehr waren, so daß der Kleine sich oft vor Lachen schüttelte.
Das ist die beste Medizin für den Jungen, sagte Pfeiffer dann zu
Ludwigs Mutter
Besseres auf der W
. Ihr Mann hat ihn viel zu ernsthaft angefaßt. Nichts
elt als Lachen! Frau Magdalene sah ihn dankbar an.
Ein andermal holte er seine Oboe herbei, auf der er Meister war. Er gab
dem Kleinen ein Thema zum V
ariieren auf und blies dann selber lustig
dazwischen hinein. Die Leute blieben auf der Straße stehen und lobten die
schöne Musik.
Mit Pfeiffer war ein neuer Geist in das Beethovensche Haus eingezogen,
und Frau Magdalene empfand die Veränderung zunächst als sehr angenehm.
Johann war in der letzten Zeit meist ziemlich mürrisch und wortkarg gewesen.
Pfeif
fer dagegen war ein vorzüglicher Gesellschafter, unerschöpflich an
witzigen, oft sehr boshaften Einfällen, mit denen er zu Frau Magdalenens
Entsetzen auch die hohen und höchsten Herrschaften nicht verschonte. Doch
hatte er auch wieder Tage, an denen er in tiefe Schwermut versunken schien.
Er war eines Predigers Sohn und hatte Theologie studiert; als er ein Amt
übernehmen sollte, war er davongelaufen und zum Theater gegangen.
Leider hatte Pfeiffer einen starken Hang zu geistigen Getränken. Er trank
gern zu Hause, aber noch lieber an der Tafelrunde, in lustiger Gesellschaft.
So konnte es nicht ausbleiben, daß auch Johann wieder in die lange gemiedenen
Wirtshauskreise geriet. Donnerwetter
Großmanns T
ruppe, was hatten die schon von der Welt gesehen! Was konnten
die alles erzählen! Da merkte man mal wieder
, war das gemütlich! Diese Leute aus
, was für ein stumpfsinniges
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Nest dieses gottverlassene Bonn doch im Grunde war
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selber, der hatte es hinter den Ohren!
Wenn der nur den Mund auftat, mußte
. Vor allem der Direktor
man schon lachen. Nur einen konnte Johann nicht leiden, das war der neue
Musikdirektor Neefe. Der sollte ein berühmter Komponist sein? So ein kleiner,
buckliger, melancholischer Bursche mit einer langen Nase und stillen, traurigen
Augen; der paßte wirklich schlecht an den Rhein! Aber Johann fühlte sich
doch geschmeichelt, als der berühmte Komponist das mußte er doch wohl
sein, wenn alle es sagten sich nach seinem Sohn erkundigte und bat, Ihn
einmal besuchen zu dürfen, damit er den Louis spielen höre. Er kam auch, sah
sich den Jungen sehr aufmerksam an und hörte sehr aufmerksam zu, blickte
sehr aufmerksam auf die kleinen Hände; dann sagte er Johann allerlei
Schmeichelhaftes, ließ aber schließlich doch durchblicken, er zweifle
einigermaßen, ob der Sänger Pfeiffer nun gerade der richtige Lehrer für den
Jungen sei. So ein arroganter Bursche! An seinem Freunde Pfeif
fer zu
zweifeln! Der angelte wohl gar selber nach Schülern! Und der sollte ein
berühmter Komponist sein? Ein ungemütlicher Kerl! Nur ein Glück, daß er
bald darauf aus der Tafelrunde verschwand. Es hatte ein schweres Zerwürfnis
mit Großmann gegeben. Neefe erklärte, er habe gar keinen Kontrakt
abgeschlossen, es böte sich ihm jetzt ein glänzendes Engagement an die
Dresdner Hofoper
, und er wolle fort. Und was tat Großmann? Er setzte die
Polizei in Bewegung und ließ die Habseligkeiten seines Freundes Neefe mit
Beschlag belegen.
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Bis das Gericht entschieden hatte, war der T
ermin zum
Antritt des Dresdner Amtes verstrichen, Neefe mußte wohl oder übel in Bonn
bleiben und Großmanns Kontrakt unterschreiben. Ein Filou, dieser
Großmann! Der hatte es wirklich hinter den Ohren, bei dem war der Neefe
an den Unrechten gekommen!
Und der kleine Musikdirektor saß nun abends, wenn er nicht dirigieren
mußte, still zu Hause, grübelte über die Schwachheit des menschlichen
Herzens und holte sich Trost bei seinem geliebten Gellert.
Mancherlei neue Bekanntschaften, die Johann jetzt ins Haus brachte,
bedeuteten auch für Frau Magdalene eine Bereicherung; Johanns neue
Freunde führten ihre Frauen bei ihr ein, und besonders zu der prächtigen
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Frau Großmann faßte sie bald eine herzliche Zuneigung.
Trotzdem hätte
sie auf dies alles gern verzichtet, wenn sie dafür ihren Mann dem Wirtshaustreiben hätte entziehen können. Ja, sie würde den Tag verwünscht haben,
an dem Pfeiffer zum ersten Mal ihr Haus betreten, hätte sie nicht bemerkt,
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wie ihr Ältester in den paar W
ochen förmlich aufgelebt war
. W
ie lange
hatte sie vordem ihren Louis nicht von Herzen lachen hören! Und wie gönnte
sie es ihm, daß er nun nicht mehr den ganzen T
Gott sei Dank, er kommt in die Flegeljahre!
ag Klavier üben mußte!
15
dachte Pfeif
fer. Er hatte
Ludwig bei einem Streich beobachtet, hütete sich aber wohl, etwas davon
verlauten zu lassen.
Es war eines Sonntags in aller Herrgottsfrühe gewesen. Pfeif
fer
, der
ebenso wie die drei Knaben nach dem Hofe zu schlief, war von einem
Geräusch aufgewacht. Und was sah er da? Ein fremder Hahn hat sich auf
Fischers Dach verflogen, saß da und krähte. Da steckte Ludwig schon den
Kopf zum Fenster heraus, gleich darauf erschien der seines Bruders Karl;
sie kicherten und flüsterten zusammen.
Sieh mal, Karl, sagte jetzt Ludwig, der Hahn, das scheint mir ein
junger fetter Reiter zu sein, der hat noch kleine Sporen. Sieh mal, sieh mal,
wie sich der Hahn uns so geneigt empfiehlt. Wenn ich den erwischen könnte,
wollte ich ihm bald den Takt schlagen.
Gleich darauf erschienen die beiden in ihren Nachtkitteln auf dem Hof,
Ludwig mit einem Stück Brot in der Hand. Nun warf er ein paar Krumen
auf den Boden und lockte den Hahn, bis der endlich der Versuchung nicht
mehr widerstehen konnte und herabgeflogen kam. Ein Sprung schon hatte
Ludwig ihn am Halse erwischt, und unter leisem Gelächter verschwanden
die beiden Buben im Haus. Nachmittags, als die Eltern spazierengegangen
waren, hatte es dann verdächtig nach Gebratenem gerochen. Und als
Pfeif
fer in die Küche kam, mußte Ludwig ihm beichten. Aber er verteidigte
sich. Was einem mor
behalten. Die Leute sollen ihr Vieh besser verwahren; durch V
gens auf den Hof geflogen kommt, das darf man
ieh können
auch große Unglücker kommen.
Ein anderer Streich kam Frau Magdalene selbst zu Ohren. Frau Fischer
hatte ihr schon öfters geklagt, daß ihre Hühner seit einiger Zeit so schlecht
legten, trotz Wärme und auserlesenem Futter, Aufgeregt erschien sie eines
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Tages bei ihr. Also, wat
Hof komm, wat meint Ihr
in der Hühnerhof jeschliche
denkt Ihr Euch wohl? Wie ich heut morje in der
, wat ich da seh? Hat sich de Louis durch dat Jitte
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und de Karl steht Schildwach.18 Auf einmal
sach ich, Louis, sach ich, wat (machste da? Hä sach: De Karl hat mir
mein Sacktuch da reinjeworfe, dat wollt ich mer wieder raushole, sach hä.
Ja, sach, dann is dat Sacktuch wohl de Jrund, dat ich e so wenig Eier
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krieje? Ja, sach hä, vielleicht habe de Hühner de Eier auch verlech, dat
tun de Hühner jern. W
enn Ihr die dann wiederfint, dann freut Ihr Euch noch
emal so viel.
Was? rief Frau Magdalene entsetzt, das hat mein Louis gesagt?
Und wißt Ihr
, wat hä dann noch sach? Et jibt doch auch Fuchs, die
de Eier hole! Ja, sach ich, du bis wohl einer davon. Wat soll aus dir noch
werde! Ja, sach här, dat mach de liebe Himmel wisse! Jetzt bin ich doch
nur erst ne Notefuchs. Un ne Eierfuchs biste auch, hab ich jesach. Da
mache se alle zwei ne Katzepuckel un lache un laufe wech. Nu weiß ich
wenigstens, wo die Füchs sin, die mer de Eier hole!
Frau Magdalene geriet durch diesen Bericht in einige Bedrängnis. Daß ihr
Louis Eier stahl und der guten Frau Fischer noch dazu Antworten gab, die man
schon als frech bezeichnen mußte! Und doch mit Bestürzung stellte sie fest,
daß sie sich über diesen Diebstahl und diese Frechheit im Grunde herzlich freute.
Sie nahm ihren Ältesten beiseite und hielt ihm seine T
at mit ernsten Worten vor;
es sei das erstemal, daß sie sich seinetwegen schämen müsse. Aber wie sie
sah, welch schrecklichen Eindruck dieses Wort auf ihn machte, wie er in
leidenschaftliches Schluchzen ausbrach und Besserung gelobte, da war es mit
aller mütterlichen Strenge vorbei, sie fühlte nichts als Liebe für ihren großen
Jungen, und Freude darüber
, daß er noch ein recht kleiner Junge war.
Um jene Zeit erhielt Ludwig den ersten Geigenunterricht; sein Lehrer
war ein junger elternloser Verwandter Frau Magdalenens, der
Hofkapellgeiger Franz Rovantini. Ludwig nahm diesen für seine Ausbildung
natürlich unentbehrlichen Unterricht wie ein notwendiges Übel hin; zu einer
besonderen Geschicklichkeit auf der Geige hat er es nie gebracht.
Johann van Beethoven stand jetzt völlig in Pfeiffers Bann. Er bewunderte
und beneidete ihn. Dem kleinen Hof beamten, der sich plagen mußte, seine
immer größer werdende Familie durchzubringen, der aufgewachsen war in
der blinden Anbetung fürstlicher Macht, imponierte Pfeif
fer mit seinem
Unabhängigkeitsgefühl, mit der Freiheit seines Geistes über alle Maßen. Der
beugte sich vor keiner noch so geheiligten Autorität! Der hatte sich nicht die
Ketten des Familienlebens angelegt, schwur auch, es niemals tun zu wollen.
Es war schließlich selbstverständlich geworden, daß die beiden Freunde
Abend für Abend beim W
Mitternacht heimkehrten; Pfeif
ein im W
irtshaus saßen und erst spät nach
fer, der sehr viel vertragen konnte, meist
völlig seiner Sinne mächtig, Johann nicht selten schwer betrunken. Der
48

stumme V
ihn. War er denn etwa weniger als Pfeif
orwurf, den er jetzt oft in den Augen seiner Frau las, erbitterte
fer? Wenn der sein Leben genoß,
warum sollte er seines nicht auch genießen?
Eines Abends im W
irtshaus führte Pfeif
fer, wie gewöhnlich, das große
Wort. Man hörte ihm gern zu, wenn er seine tollen Geschichten erzählte,
oder wenn er seinen Spott über Hof rate, Intendanten und Minister ergoß,
wobei ihn die Anwesenheit seines Direktors Großmann nicht im geringsten
störte. Besonders gern zog er über die kurfürstliche Sittenschule her.
Eine feine Sittenschule! rief er, so fein wie die andere, die sie selber
mit ihrer Mätressenwirtschaft bilden, all diese regierenden Herren, und die
geistlichen nicht zuletzt! Daß sich das Volk so was noch gefallen läßt! W
ie
kommen diese Herren denn überhaupt zum Regieren? Wer ermächtigt sie
dazu? Etwa das V
olk? Nein, ein paar Pfaf
fen! Das Volk wird gar nicht
gefragt! Betrachtet sie euch doch einmal der Reihe nach! Was sind das für
Leute? Gibt es auch nur einen Punkt, in dem sie leben, wie ihr Herr und
19
Heiland
gerichtet, wo es heißt: Ich baute mir Häuser und pflanzte W
es gewollt hat? Nach dem Prediger Salomonis haben sie sich
einberge, legte
Lust und Baumgärten an, ich sammelte mir Gold und Silber und die Schätze
der Könige und Länder; ich schaffte mir Sänger und Sängerinnen an Bei
den Worten brach alles in stürmische Heiterkeit aus.
und die Lust der Menschenkinder, und Becher und Gefäße, die da
dienen zum W
einschenken
Ein allgemeines Hört! Hört! unterbrach ihn, doch Pfeiffer ließ sich nicht
stören: Und alles, was meine Augen verlangten, versagte ich ihnen nicht,
und ich wehrte meinem Herzen nicht, alle Lust zu genießen! Er schwieg
und stürzte ein Glas Wein hinunter.
Sie werden sich noch um Ihr Brot schwatzen, Pfeiffer! ertönte da
Direktor Großmanns Stimme.
Um mein Brot! Als ob der Pfeif
bin Künstler
, aber kein Fürstendiener! Und kein Mensch soll mich hindern,
fer nicht überall sein Brot fände! Ich
meine Meinung frei herauszusagen!
Sie richten Ihre Ausfälle aber an die falsche Adresse! entgegnete
Großmann. Unser allergnädigster Herr ist darüber wahrhaftig erhaben!
Ich kann nicht dulden, daß Sie in diesem T
one weiterreden!
Pfeiffer stand auf; er war blaß geworden, düster flackerten seine Augen;
seine Finger umklammerten das leere Glas.
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Noch sind sie über uns erhaben, die hohen Herren! Aber ihre Stunde
kommt! Und so wahr ich hier stehe, der Tag ist nicht mehr fern, wo sie
herunter müssen von ihren Thronen und um Gnade winseln vor denen, auf
deren Nacken jetzt noch ihr Fuß steht Zerschmettert sollen sie werden, alle
zusammen, so wie dies Glas hier! Und er schleuderte sein Glas gegen die
Wand, daß es krachend in Scherben sprang.
Komm, Jean! Genug für heute!
Aufrecht und festen Schrittes ging er hinaus, den schwankenden Freund
mit sich ziehend. Der überbot sich unterwegs in begeisterten Ausbrüchen
über Pfeiffers Mut, und zu Hause erklärte er, die Lust zum Schlafen sei ihm
vergangen, er wolle seinen Ältesten holen, damit der mal sähe, was ein
echter Mann sei. Während er dann in das Schlafzimmer der Kinder wankte,
holte Pfeiffer eine Flasche W
in Bonn unmöglich gemacht hatte, wußte er
ein herauf. Daß er sich heute Abend vielleicht
. Aber was kümmerte das ihn!
Eine wilde Lustigkeit stieg in ihm auf, und als Johann den schlaftrunkenen
kleinen Ludwig hereinschleppte, rief er.
Komm, Louis! Ich bin Bacchus, der Gott des Weines, und der ist auch
der Gott der Musik, nicht Apoll, diese langweilige Schlafmütze. Jetzt zeig
mir mal, was du von mir gelernt hast Aber erst füll dich einmal selbst mit
meiner Götter
gabe! Und er setzte dem Kleinen ein Glas Wein an den
Mund und nötigte ihn zum Trinken. So nun spiel!
Das Kind war dem W
einen nahe. Ich kann nicht, Herr Pfeif
fer, ich
bin so müde!
Aber ich will, daß du spielst! brüllte der V
ater. Sofort fang an, du
widerspenstiger Bursche!
Ludwig begann, aber er machte Fehler auf Fehler
. Immer zorniger
schimpfte der Betrunkene, und schließlich versetzte er ihm eine Ohrfeige,
daß das Kind in lautes Weinen ausbrach.
Was! heulen willst du auch noch, du Waschlappen! Und von rechts
und links sausten die Schläge auf den armen Kleinen nieder. Da stand Frau
Magdalene auf der Schwelle. Mit einem Blick übersah sie die Szene. Außer
sich warf sie sich zwischen das Kind und seinen V
ater.
Schlag mich, wenn du schlagen mußt, aber hab Ehrfurcht vor deinem
Kind! du der du es nicht wert bist, ein solches Kind zu haben!
Johann starrte sie aus gläsernen Augen an. War das seine Frau, seine
sanfte, stille Magdalene? Er sah sich nach Pfeiffer um, doch der hatte sich
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