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ivanov666
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Файл:Детство и юность Людвига ван Бетховена. Учебное пособие – книга для чтения на немецком языке
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Über eines allerdings, und das war gerade die Hauptsache, blieb er sich
im unklaren: ob nämlich Maria irgend andere als freundschaftliche Gefühle
für ihn empfände. Sie bezeigte ihm eine immer gleichbleibende Freundlichkeit,
war stets die ergebene und dankbare Schülerin, die nichts anderes zu wünschen schien, als ihren jungen Lehrer durch Fortschritte in ihrer Kunst zu
erfreuen.
Eines Tages saß Ludwig wieder neben Maria am Klavier. Die Gräfin
hütete wegen einer Erkältung das Bett, und er kostete das ungewohnte
Glück des Alleinseins mit der Geliebten, wie der Dürstende den Duft und
Saft edler Früchte. Die Stunde war zu Ende, aber er dachte nicht an
Aufbrechen. Der Gedanke war ihm gekommen, diesen vielleicht nie wiederkehrenden Augenblick zu nutzen, zu erfahren, wie Maria für ihn fühle.
Komteß, sagte er nach einer kleinen Pause, ich fürchte, ich kann Sie
bald nichts mehr lehren. Das ist nicht Ihr Ernst, Herr van Beethoven!
Doch, Komteß. Ich bin ja selber noch Schüler, noch lange kein Meister.
Deshalb möchte ich auch noch einmal nach Wien gehen.
Maria erblaßte ein wenig. Ich werde Sie sehr vermissen.
7
Nun, vorläufig ist ja noch nicht daran zu denken; ich kann jetzt noch
nicht fort. Aber Sie, Komteß, haben Sie niemals an Wien gedacht? Maria
schwieg einen Augenblick. Dann sagte sie entschlossen: Solange Sie hier
sind, gehe ich nicht von Bonn fort Ludwig jubelte innerlich. Er schaute sie
fest an; ihr Blick war nicht von der stillen Ruhe wie sonst.
Komteß, entgegnete er
, solange Sie hier sind, gehe ich auch nicht von
Bonn fort.
Herr van Beethoven, ich verspreche Ihnen schon jetzt, daß ich Sie
niemals beim W
ort nehmen will. Ich weiß, Sie werden über kurz oder lang
Bonn verlassen; um hier der erste Klavierspieler zu sein, dazu sind Sie zu
schade. Aber da wir gerade von Reisen sprechen: ich gehe in einigen T
mit Mama nach Münster
. Auf lange? rief er erschrocken. Auf zwei
agen
Monate.
Er fand nicht gleich eine Antwort. Grau und öde stand diese Zeit der
Trennung schon vor seiner Einbildung. Muß denn das sein? fragte er
gepreßt. W
ir haben in Münster ein Haus und pflegen in jedem Frühling
einige Zeit dort zuzubringen.
Das wird Sie aber im Klavierspiel wieder sehr zurückwerfen! W
enn
Sie nun hier bei Ihrem Vater blieben? Ich kann Mama nicht allein gehen
181

lassen. Aber wissen Sie was? Wenn Sie uns einmal besuchten, um bei mir
nach dem Rechten zu sehen? Es ist ja nicht so furchtbar weit hinüber.
Und sie begann zu erzählen von der alten Stadt Münster, von ihrem Palais in
dem großen schönen Park. Ludwig hörte hingerissen zu. Ganz klar stand
alles vor seinen Augen. Er sah sich ankommen, sah Maria ihn an der Tür
begrüßen, sah sich mit ihr wandeln unter alten Bäumen, zwischen blühenden
Blumen. Dort würde das Glück kommen! Heute hielt er nun ihre Einladung
in der Hand. Immer und immer wieder überlas er das zierliche Billett, preßte
es gegen sein Gesicht, sog fast vergehend den zarten Duft ein, der ihm
entströmte. Das Glück sollte kommen, das Glück! Sie sind jederzeit
willkommen! Geliebte Hand, die das geschrieben! Ja, er mußte sogleich
reisen, gerade jetzt hatte er Urlaub. Also morgen! Nein, das ging nicht.
Eine angemessene Frist mußte er verstreichen lassen. Und seine Garderobe? War die im Stande? Als Gast der gräflichen Familie durfte er nur
völlig tadelfrei erscheinen. Er unterzog seinen Gesellschaftsanzug sowie
dessen einzigen Genossen, einen dunklen Straßenanzug, einer peinlichen
Musterung. Geflickt waren alle beide, aber wenn er sie am Leibe hatte,
würde man es nicht bemerken.
So entstieg denn Ludwig eines T
ages dem Postwagen auf dem Markt
zu Münster und stand bald danach vor dem Westerholtschen Palais.
Klopfenden Herzens ließ er die Glocke ertönen; ein livreegeschmückter
Diener öffnete und nahm das Gepäck des Ankömmlings in Empfang; Ludwig
entlohnte den T
räger mit einem viel zu hohen T
rinkgeld. Dann schritt er
langsam, nach Luft ringend, die flachen, teppichbelegten Stufen empor bis
zu einer saalartigen V
orhalle. Eine Seitentür öffnete sich. Maria stand vor
ihm. Herr van Beethoven! rief sie lebhaft. Wie schön, daß Sie kommen!
Ludwig versuchte, sich der Worte zu entsinnen, die er sich vorher oft
und oft zurechtgelegt hatte; aber es war umsonst. Es war ja
selbstverständlich, stammelte er; wenn Sie es wünschten . W
eiter kam
er nicht; hilflos blickte er in Marias reizendes Antlitz. Die schien seine
Verwirrung nicht zu bemerken und beauftragte den Diener
, dem Gast die
ihm bestimmten Räume zu zeigen.
Als Ludwig allein war
Glück. Dann sah er sich um. Am Fenster stand ein Klavier; es war geöf
, stand er eine W
eile unbeweglich, gelähmt vor
fnet,
auf dem Notenhalter lagen seine Righini-Variationen. Er kniete nieder und
182

lehnte die Stirn auf die kühlen Tasten. Marias Hände hatten sie berührt;
durch seine eigenen Töne hatte sie mit dem Abwesenden gesprochen! Neben
den Noten stand eine Vase mit purpurleuchtenden Rosen. Tief sog er ihren
Duft ein; ein nie gekanntes Gefühl, aus Lust und Schmerz gemischt, rann
ihm durch die Adern. Maria einen Augenblick in seinen Armen halten, den
Duft ihres Haares einsaugen, wie jetzt den Duft ihrer Rosen, und dann
sterben! War das nicht wert, gelebt zu haben? Mit Gewalt riß er sich aus
dem Rausch, der ihn überkommen. Sie wartete ja auf ihn! Geschwind reinigte
er sich von den Spuren der Reise. Dann trat er vor den Spiegel, prüfte den
Ausdruck seines Gesichtes, entschlossen, heute noch nichts zu verraten
von dem Aufruhr
Zum Abendessen waren Gäste geladen. Ludwig durfte Maria zur T
, der in ihm tobte.
afel
führen und entledigte sich dieser Aufgabe mit nachtwandlerischer
Sicherheit. Selig saß er an ihrer Seite, zufrieden, daß er von der vornehmen
Tafelrunde so ziemlich übersehen und nur selten in das Gespräch gezogen
wurde. Ohne seine Nachbarin kaum je anzusehen, beobachtete er sie
trotzdem unausgesetzt, nahm mit Entzücken den Klang ihrer Stimme in
sich auf; und als ihre Hand einmal zufällig die seine berührte, war es ihm,
als zöge seine ganze körperliche und seelische Existenz sich in die winzig
kleine Hautfläche zusammen, mit der er die Geliebte gestreift. Nach
aufgehobener T
afel ward er zum Spielen aufgefordert; aber er schützte
eine leichte Verstauchung der Hand vor und bat seine Schülerin, zu zeigen,
was sie gelernt habe. Sie legte seine V
ariationen auf, und Ludwig nahm
zum Umwenden neben ihr Platz. Ein Gefühl wunschloser Seligkeit erfüllte
ihn, wie er so neben der Geliebten saß. Mit Entzücken beobachtete er die
Bewegungen ihrer zarten Finger, das Muskelspiel ihrer Arme, das leise
Heben und Senken der Knie, das sich kaum merklich unter dem seidenen
Stoff ihres Kleides abzeichnete. Und mit Seligkeit erfüllte ihn der Gedanke:
ich bin es, der diesem schönen Körper seine Bewegungen vorschreibt;
mein ist in diesem Augenblick ihr Leib, mein ihre Seele! Und das erste
Ahnen einer noch vollkommeneren Vereinigung ward plötzlich
hineingeschleudert in sein junges unschuldiges Herz, ein heißes purpurnes
Sehnen stieg in ihm auf, daß er die Augen schloß und die Zähne
zusammenbiß, um nicht laut aufzuschreien. Ein leiser Zuruf Marias rief
ihn aus seiner halben Betäubung in die Wirklichkeit zurück; er hatte das
Umblättern verpaßt und sie zu einer kleinen Pause genötigt.
183

Als die Gäste sich verabschiedet hatten, küßte Ludwig den Damen die
Hand und zog sich auf sein Zimmer zurück. Er legte sich sogleich nieder
und löschte das Licht. Aber an Schlaf war nicht zu denken. Ein Fieber
schüttelte seinen Körper. Er stopfte sich das Kissen zwischen die Zähne,
daß man sein Schluchzen nicht höre und den geliebten Namen, den er immer
und immer wieder vor sich hinstöhnte. Er malte sich aus, wie auch sie jetzt
in ihrem Bett läge, schlaflos und voller Sehnsucht. Wie sie zu ihm hereinträte,
wie er sie an sich risse, zu sich herabzöge auf seine Brust und ihren Mund
mit seinen Küssen bedeckte. Ganz mein! Ganz dein! Endlich beruhigte
sich der Sturm in seiner Brust; er stand auf, kühlte seine heißen, tränennassen
Augen und versuchte sich klar zu machen, wie die Dinge denn eigentlich
lägen. Daß er ohne Maria nicht weiter leben, oder wenn er leben sollte,
nicht weiter schaffen könne, war ihm Gewißheit. Aber sie liebte sie ihn?
Er hatte es gehofft und geglaubt, sonst wäre er nicht hierhergekommen.
Aber war er denn auch zu diesem Glauben berechtigt? Ihr Blick! Ja, sie
hatte ihn oft angesehen, so ganz anders als Eleonore, in deren reinen treuen
Augen man den Grund ihrer Seele zu erblicken glaubte. Aber war das
Liebe? W
as wußte denn er davon? War es vielleicht nur sein Künstlertum,
das Maria zu ihm hinzog? Und heute abend, nach der Musik, als er ganz
erfüllt von ihrem W
esen sich ihr zugewandt, hatte er bei ihr auch nur eine
Spur ähnlichen Empfindens bemerkt? Oder vermochte sie sich so völlig zu
beherrschen? Mit weit of
fenen Augen starrte er ins Dunkel, als ob er das
Rätsel eines weiblichen Herzens durch seinen Blick zwingen wolle, sich
ihm zu entschleiern. Dann aber reckte er sich kräftig auf. So durfte es nicht
weitergehen, Ungewißheit konnte er nicht ertragen. Morgen mußte er sich
Maria eröf
fnen, eine Erklärung von ihr fordern. War sie imstande, ihn
zurückzustoßen, ihn und sein Künstlertum zu zerbrechen, nun gut, so mochte
sie es tun. Aber sie wird es nicht tun! flüsterte eine heimliche Stimme in
ihm, und sie wird es nicht tun! flüsterte er leise nach und wiederholte in
Gedanken die W
orte noch oft und oft, bis der Schlaf sich auf sein junges
wildes Herz hinabsenkte.
*
Strahlende Sonne weckte ihn in aller Frühe. W
seinem Bett; da fiel sein Blick auf die fremde Umgebung, und der Gedanke
an Maria, an die Entscheidung, die dieser Tag bringen sollte, krampfte ihm
184
ohlig dehnte er sich in

einen Augenblick das Herz zusammen. Noch einmal ließ er den gestrigen
Abend an seinem Geiste vorbeiziehen. Er sah wieder Marias Augen, ihre
schönen dunklen Augen. Eine Melodie, süß, wie der ersterbende Gesang
der Nachtigall, wenn der Morgen dämmert, schwebte an ihm vorüber
. Was
war das? Alter Besitz? Fremdes Gut, das er irgendwann gehört? Nein, ein
neues Geschenk der Gottheit Still sank er zurück, hingegeben seinem Genius.
Und als er ganz erfaßt, sich ganz zu eigen gemacht, was in ihm klang, griff
er nach seinem Skizzenbuch und begann zu schreiben. Nach einer Stunde
stand der Satz da, schön und rein wie eine Rosenknospe. Er traf Maria
allein beim Frühstück; die Mutter sei noch müde von gestern und bäte Herrn
van Beethoven, sie zu entschuldigen. Das sagte Maria mit einem so reizend
schelmischen Ausdruck, daß Ludwig wieder ganz wirr und benommen zu
Sinn ward.
ohne Gürtel niederwallendes Gewand umhüllte ihren schlanken Körper
8
Er hatte sie noch nie in einem Morgenkleid gesehen. Ein weißes,
. Das
schwarze Haar war zu einem glatten griechischen Knoten aufgesteckt. Als
einzigen Schmuck trug sie eine dunkle Rose an der Brust. Ludwig kam sich
wie verzaubert vor, als er sich von diesem wunderschönen Menschenkinde
bedient sah; er ließ sich einschenken, aß und trank, ohne sich dessen bewußt
zu werden, sah nur Maria an, hörte auf den Klang ihrer Stimme, war
wunschlos selig.
Das Frühstück war beendet, Ludwig lehnte sich in seinen Stuhl zurück.
Heute hab ich schon an Sie gedacht, Komteß! sagte er und erstaunte
über seine Kühnheit. Ich hab etwas für Sie komponiert.
Ist es ein Lied? Nein, ein Klaviersatz.
Sie müssen mir ihn nachher spielen. Vielleicht machen wir aber erst
einmal einen Gang durch meinen lieben Park, wenn es Ihnen recht ist?
Gern, Komteß! Darauf hab ich mich schon lange gefreut. An der
Seite des schönen Mädchens schritt Ludwig die breite Freitreppe hinab
und über weißen Kies, zwischen grünen Rasenflächen, dunklen
Baumgruppen, blühenden Blumenbeeten dahin. An allen Gräsern und
Blättern funkelten noch Tautropfen. Von einem in voller Blüte stehenden
rosa schimmernden Apfelbaum trug ein W
indhauch süßen Duft herüber.
Gleich einem leisen Orgelton dröhnte aus den Kronen der Obstbäume
das Summen unzähliger Bienen. Auf einer Bank unter einer alten Linde
ließen die beiden sich nieder
. Ludwig getraute sich kaum, Maria
anzusehen, aus Angst, sich zu verraten; und doch konnte er den Blick
185

kaum von ihr wenden. Sie erschien ihm schöner und reizender denn je.
Ihr schwarzes Haar schimmerte bläulich, wenn ein Sonnenstrahl durch
die Baumkrone drang. Ihre dunklen Augen blickten träumerisch in die
Ferne. Ein schöner Schmetterling gaukelte heran und ließ sich auf der
Rose nieder, die sie an der Brust trug, und Rose und Schmetterling hoben
und senkten sich still und gleichmäßig mit ihren Atemzügen. Ludwig
wagte nicht zu sprechen. Maria aber mochte das lange Schweigen etwas
peinlich werden.
Woran denken Sie, Herr van Beethoven? Ich denke nichts, als daß
ich glücklich bin. Nichts als das! entgegnete sie. Komteß, sind Sie nicht
gücklich?
Ein Blick sanfter W
ehmut traf ihn, der seinen Herzschlag stocken ließ.
Sie sind nicht glücklich, Komteß? Kann ich Ihnen helfen? Maria
sah ihn voll an. Wie liebte sie diese Augen, die leuchteten, wie sie noch
kein Auge hatte leuchten sehen! Wie liebte sie diese herrlich gewölbte
Stirn, auf die Gott das Siegel seiner Schöpfung gedrückt hatte! Wie liebte
sie diesen herben Mund, der so strenge verschloß, was ihr die Augen so
klar sagten! Eine furchtbare Angst packte sie plötzlich vor dem, was der
nächste Augenblick bringen konnte. Wahnsinn schien es ihr nun, daß sie
Ludwig zu sich gerufen; ein freventliches Spiel mit dem Feuer
, das sie
vielleicht schon nicht mehr löschen konnte. Wahnsinn, völliger Wahnsinn!
Es konnte ja nicht sein, daß die Komteß Westerholt dem Sohne eines
kleinen kurfürstlichen Beamten angehören sollte. Und mit aller Kraft ihrer
Seele entrang sie sich den Entschluß, das Feuer zu löschen, koste es, was
es wolle. Ihr Blick wurde kälter, sie wandte sich von ihm ab und starrte
wieder in die Ferne. Er begriff diesen Wechsel nicht: Haben Sie kein
Vertrauen zu mir, Komteß?
Ich habe Vertrauen zu Ihnen, Herr van Beethoven, aber was können
Sie mir helfen? Ich bin nun einmal die Tochter meiner Eltern. Ludwig war
wie erstarrt. W
as wollen Sie damit sagen, Komteß? Daß Sie die Komteß
Wcsterholt sind, und ich der Musikus Beethoven? Ist das wirklich Ihr Ernst?
Immer leidenschaftlicher wurden seine Worte. Ja, Sie stehen über mir!
Ich verehre Sie, wie ich niemand sonst verehre. Aber nicht, weil Sie von
Adel sind! Auch ich bin von Adel! Mein Adel sitzt hier, und hier! Und
er schlug sich auf Herz und Stirn. Oh, Maria, ich liebe Sie! Und er
stürzte vor ihr auf die Knie. Maria legte leise ihre Hand auf seine Schulter.
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Mein armer Freund! sagte sie sanft. Minuten vergingen. Tränen lösten
sich langsam von ihren schönen Augen; sie mochte ihnen nicht wehren.
Beruhigend strich ihre Hand über sein Haar.
Stehen Sie auf, Herr van Beethoven, sagte sie endlich. Er erhob sich;
Maria ergrif
Sehen Sie, wie schön die W
f seine Hand und zog ihn neben sich nieder.
elt ist! Das ist kein T
ag zum Traurigsein!
Ich kann nicht von Ihnen lassen, Komteß! Sie müssen es, und Sie
können es! Sie sind noch jung! Und Sie werden ein großer berühmter Künstler
werden; die W
elt wird Ihnen zu Füßen liegen, und eines Tages werden Sie
nur mit Lächeln an die unbedeutende kleine Komteß zurückdenken.
Aber sofort ward ihr klar, daß sie zuviel gesagt, daß eine Entgegnung
kommen mußte, auf die sie keine Antwort hatte.
W
enn Sie das wirklich glauben, Komteß, haben Sie dann nicht den
Mut, Ihr Schicksal mit dem meinen zu verbinden? Maria schwindelte
es. Sie mußte antworten; Schweigen, auch nur Zaudern, wäre Bejahung
gewesen. So nahm sie die Zuflucht zur Lüge: V
ielleicht hätte ich den
Mut, sagte sie mit bebender Stimme, aber Sie irren sich, Herr van
Beethoven, ich liebe Sie nicht, ich liebe einen andern. Ludwig ließ ihre
Hand los. Es ward ihm dunkel vor den Augen. Er lehnte sich zurück.
Seine Brust atmete schwer. Maria saß mit versteinertem Gesicht, den
Blick starr in die Ferne gerichtet. Endlich brach Ludwig das Schweigen.
Ja, Komteß, sagte er mit eiskalter Stimme und höflichem Lächeln,
dann ist das freilich etwas anderes. Ich darf mich dann wohl
verabschieden.
Er stand auf, sie folgte ihm. Schweigend schritten sie nebeneinander
durch den Park zurück, durch Sonnenlicht und Blütenduft, über weißen Kies,
zwischen grünem Rasen und blühenden Blumen.
Darf ich Sie bitten, Komteß, mich bei Ihrer Frau Mutter zu
entschuldigen? Ein dringender Brief ruft mich nach Bonn zurück; meinem
Vater geht es nicht gut. Er verneigte sich und begab sich auf sein Zimmer.
Sein Blick fiel auf die Komposition von heute morgen. Ein paar Stunden
erst waren vergangen, aber Himmel und Hölle hatte er darin durchschritten.
Er nahm das Blatt und schrieb mit fester Hand darüber: Komteß Maria
Westerholt gewidmet von Ludwig van Beethoven. Von niemand bemerkt,
verließ er das Haus.
9
187

Texterläuterungen
1
zu Neckereien aufgelegt
2
... geriet dann einigermassen ins Hintertref
склонный к насмешкам
fen
тогда оставался
несколько в тени;
3
dat dass; jeje gegen (dialekt);
4
kreidebleich vor W
5
ins Wanken bringen
6
und das Paradepferd der Familie wurde
ut позеленел о
пошатнуться;
т злости;
и что стало визитной
карточкой семьи;
7
Ich werde Sie sehr vermissen
8
dass Ludwig wieder ganz wirr und benommen zu Sinn ward
Людвигу опять ста
9
... aber Himmel und Hölle hatte er darin durchschritten
ëî íå ïî ñåáå;
Мне Вас будет о
чень не хватать;
÷òî
но он здесь
испытал блаженство и ад.
Aufgaben
1. Der Inhalt des Kapitels ist Ihnen schon bekannt. Können Sie sagen, dass
sein Thema Ludwigs Liebe war?
2. Wie fand Jeanette Ludwigs Ä
3. Warum waren die Beziehungen zwischen Jeanette und Ludwig unernst?
4. Finden Sie den Absatz des Textes, wo es sich um die Familie von Maria
handelt. Erzählen Sie über ihre Familie.
5.Versuchen Sie zu formulieren, welche Charakterzüge von Maria Ludwig
an sie herangezogen haben.
6. Arbeiten Sie im Paar
. Spielen Sie den Dialog zwischen Maria und Ludwig,
als sie im Park des Sommerpalastes waren.
7. Was für ein Musikwerk widmete Ludwig Maria W
ussere?
esterholt?
188

EINUNDZW
ANZIGSTES K
APITEL
Die Rückfahrt nach Bonn war eine Qual. Zwischen eine Anzahl
Mitreisende eingekeilt, vor deren Geschwätz er sein Ohr nicht verschließen
konnte, ließ Ludwig seine Gedanken immer wieder zu Maria zurückkehren,
und je länger er nachdachte, desto rätselvoller ward sie ihm. Liebte sie ihn
wirklich nicht, wie sie behauptete, welchen Beweggrund hatte dann diese
ganze Einladung gehabt? W
ar Maria etwa nur eine Kokette, die sich den
Triumph hatte bereiten wollen, ihn vor sich auf den Knien zu sehen? Er
wies den Gedanken als unsinnig zurück. W
dem sie als dankbare Schülerin ein paar angenehme T
ar er ihr nur ein guter Freund,
age hatte bereiten
wollen? Das war ja möglich. Aber ihre Augen! Er suchte sie sich wieder
vorzustellen, diese süßen dunklen schwermütigen Augen, aber es gelang
ihm nicht. Ihre Mutter
, die Gäste, sogar der Diener
, der ihn empfangen
hatte, alles stand mit größter Klarheit vor ihm; aber Marias Antlitz war wie
mit einem Schleier bedeckt, den er nicht zu durchdringen vermochte. Da
plötzlich fielen ihm ihre W
orte ein: ich bin nun einmal dieT
ochter meiner
Eltern. Das war es! Zum Greifen deutlich sah er sie nun wieder vor sich,
sah wieder ihre Augen, die ihm gestanden, was ihr Mund verleugnete. Sie
liebte ihn, das war ihm jetzt Gewißheit. Doch sie durfte ihn nicht lieben, sie
war das Opfer ihres Standes, ihrer Erziehung. Ein wilder Haß stieg in ihm
auf, gegen die stolze Mutter, den herablassend freundlichen V
ater. Aus dem
Wagen springen, zurückrennen, die Gräfin zur Rede stellen, Maria von ihr
fordern, und von der Dienerschaft hinausgeworfen werden! Er biß die
Zähne aufeinander, um nicht zu schreien vor Wut und Empörung. O diese
adelsstolze Bande, diese Grafen und Barone , stolz auf was denn eigentlich?
Daß irgendein V
orfahre einmal ein besonders scharfes Schwert geführt
und seinen Nachbarn abgejagt hatte, was sie besaßen! Mozart fiel ihm
ein, von dem man ihm erzählt hatte, der Erzbischof, dem er als junger Mensch
gedient, habe ihn mit Schlägen und Fußtritten behandelt. Er dachte an seinen
eigenen Vater
, der, wenn er eine Eingabe an den Kurfürsten gerichtet, sich
immer als seinen untertänigsten Knecht bezeichnet hatte. Pfeiffers Bild
tauchte vor ihm auf, dem sein Freiheitssinn die Anstellung gekostet; jetzt
sollte er sich ir
gendwo herumtreiben, ohne Verdienst, bettelarm. Stand ihm
selber später nicht das gleiche Schicksal bevor, wenn er sich nicht beugte,
wie sein V
ater und alle die andern sich gebeugt hatten, die schließlich doch
189

nichts waren als fürstliche Bediente? Ein trotziges Lächeln flog über sein
Gesicht. Vor den Vornehmen und Reichen katzbuckeln und den Devoten
1
spielen?
Niemals! Mochte kommen, was wollte.
Nach Bonn zurückgekehrt, erschien er gleich am nächsten T
age zum
Unterricht bei Breunings. Er traf Eleonore im Musikzimmer allein an. Sie
wurde über und über rot, als sie ihn so unvermutet vor sich stehen sah.
Louis! rief sie, auf Sie war ich jetzt nicht gefaßt! Es ist doch nichts
geschehen? setzte sie besorgt hinzu, als sie sein blasses abgespanntes
Gesicht sah. Er schüttelte den Kopf. Es geschieht immer etwas, Lorchen,
sonst wäre das Leben auch herzlich langweilig. Gehts gut? Was macht die
Mutter? Habt ihr brav geübt? W
o steckt Lenz? Er trat an den Flügel und
schlug ein paar disharmonische Akkorde an. Gefällts Ihnen, Lorchen?
Schön, nicht wahr? So fängt meine neue Sonate an. Frau von Breuning
blickte zur Tür herein.
Also d u machst diese Katzenmusik? Ich dachte schon, Lorchen wäre
übergeschnappt. Ja, wo kommst du denn überhaupt her?
Von zu Haus, entgegnete Ludwig kaltblütig. Aber jetzt vorwärts, ans
Klavier! W
Er ist nicht daheim, sagte Frau von Breuning. W
willst, so nimm Lorchen allein vor
o steckt Lenz, frag ich noch einmal!
enn du unterrichten
. Damit ging sie wieder hinaus. Die
beiden setzten sich ans Klavier. Lorchen begann zu spielen. Es ging so
schlecht wie vielleicht noch nie. Sie warf einen scheuen Seitenblick auf den
Freund; der dachte wohl an ganz etwas anderes. Mitten im Satz hörte sie
auf.
Recht brav, sagte Ludwig. Du bist überhaupt ein braves Mädchen.
Ach, entschuldigen Sie, gnädigstes Fräulein von Breuning, wir nennen uns
ja Sie!
Louis, sagte Eleonore und kämpfte mit den Tränen, was soll dieser
T
on?
Sie haben ganz recht. V
Ich litt an Zerstreuung,
erzeihen Sie mir
2
an Abwesenheit des Geistes so weit ein Mensch
, mein hochgeborenes Fräulein!
wie ich überhaupt das Recht hat, von Geist zu sprechen und eben sich
damit zu meinen. Unfähig, dies weiter zu ertragen, unfähig, ihm zu antworten,
erhob sie sich und verließ das Zimmer
. Ludwig sah ihr lachend nach. Da
fiel sein Blick auf sein Abbild im Spiegel. Er erschrak und kam zur Besinnung.
Er stürzte hinter Eleonore her in ihr Zimmer. Da saß sie und weinte.
190
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