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ivanov666
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Файл:Детство и юность Людвига ван Бетховена. Учебное пособие – книга для чтения на немецком языке
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edles Haupt sank unter des Henkers Streich zu Boden. Ein Schleier
senkte sich über das Bild. Er befand sich im Innern einer Kirche. Auf der
Orgelbühne stand Sebastian Bach. Er hob die Hand, ließ seinen festen
ruhigen Blick über die Sänger gleiten; dann setzte der Chor ein. T
ot!
tot! Wieder sein Chor; von tiefer schmerzlicher Leidenschaft
durchschauert, aber ruhig, ernst, großartig, streng gefügt nach den Gesetzen
des musikalischen Aufbaues. Sebastian Bach blickte ihm ins Auge.
Das Bild zerfloß, und Ludwig sah sich wieder an seinem Schreibtisch.
Er nahm sein Notenblatt und riß es in Fetzen. Ich will kein Revolutionär
sein! Keiner, der bloß verneint und niederreißt! Ich will das Gesetz achten!
Ich werde weiterschreiten, werde der Kunst neue Gesetze geben, das weiß
ich. Aber von innen heraus soll wachsen, was ich schaffe; or
ganisch soll
sich alles entwickeln.
Ganz von neuem schuf er nun einen Chor; noch einmal überließ er sich
den Gefühlen, die ihn bei der ersten Niederschrift durchschüttert hatten;
aber diesmal stand neben ihm ein ernster strenger Wächter, vor dem keine
Willkür aufkommen konnte. So ward aus Erleben und Gesetz eine herrliche,
durchgeformte Einheit.
Nicht ganz dem Eingangschor ebenbürtig, doch seiner nicht unwürdig
wuchs der folgende Satz heran. Aber nun die Sopranarie: Da stiegen die
Menschen ans Licht. Ludwig leitete sie mit einem Orchestersatz ein, dessen
wunderbar milde, weitgeschwungene, von metaphysischer Wärme innerlich durchglühte Melodie die ganze Menschheit liebreich zu umfassen schien.
Die Solostimme fiel ein, zog den Chor
, als den V
ertreter der Menschheit, an
sich und führte ihn hinauf zu den Höhen echten freien Menschentumes.
So schuf Ludwig statt eines höfischen Gelegenheitsstückes ein erschütterndes Seelengemälde, ein großes starkes Bekenntnis seines Herzens zu
Menschenadel und Hochzielen des Geistes. Die Lesegesellschaft hätte
freilich ihre Absicht besser erreicht, wenn sie einen andern mit der Komposition
betraut hätte. Ludwig ward nicht rechtzeitig fertig, und die Kantate mußte
ausfallen.
Herrgott nochmal, rief Neefe, so ein Jammer! Da hast du nun das
Schönste geschrieben, was du überhaupt bis jetet gemacht hast, was kein
anderer so hätte machen können, und wer weiß nun, wann wir es jemals zu
hören kriegen! Jetzt will ich unserm Herrn aber wenigstens die Partitur
zeigen, daß er sieht, was du kannst.
171

Das Werk hätte seinen Eindruck auf den Kurfürsten wohl auch dann
nicht verfehlt, wenn es nicht der Verherrlichung seines angebeteten Bruders
gegolten hätte. So er
griff es ihn desto tiefer
. Eine nachträgliche Aufführung
wurde angeordnet, scheiterte aber an den Schwierigkeiten für die Sänger.
Inzwischen hatte Averdonc sich berufen gefühlt, zu seinem Text ein
Gegenstück anzufertigen, eine Kantate auf die Krönung von Josephs Bruder
Leopold zum Deutschen Kaiser
selber
, der Ludwig mit der V
, und jetzt war es der kurfürstliche Bruder
ertonung beauftragte. Das war nun freilich
eine saure Arbeit!
,Fließe, Wonnezähre, fließe!
Hörst du nicht der Engel Grüße
Über dir, Germania!
Hörst du nicht der Engel Grüße
Süß wie Harfenlispel tönen,
Weil, mit Segen dich zu krönen,
Vom Olymp Jehovah sah.
Auf dieser Höhe stand die ganze Dichtung. Aber was das Schlimmste
war: Ludwig konnte sich für die Aufgabe nicht erwärmen. Kaiser Joseph
hatte ihm etwas bedeutet; aber was war ihm Leopold ! So kam nur eine gut
gemachte Zweckmusik zustande. Doch von jetzt an wars mit seiner
freiwilligen Enthaltung vom Komponieren vorbei. Gleich nach den Kantaten
warf er ein Klavierstück hin, vierundzwanzig V
Ariette V
elegantes W
und von den a
nicht mehr darüber wie früher
enni Amore des Mainzer Hofkapellmeisters Righini; ein glänzendes,
erk, in dem er auch zeigen wollte, was er als Klavierspieler konnte
ndern verlangte. Neefe war es zu schwer; aber er brummte
, sondern lächelte still zufrieden.
ariationen über eine italienische
Texterläuterungen
1
in Verlegenheit geraten
2
Wat rechis! Ihre Vatte mach sich in Jottes Name bedrinke, abe hä
hat mich beleidich un jeprüjelt! Hä mup mit auf de W
Was recht ist! Ihr Vater macht sich in Gottes Namen betrinken, aber
er hat mich beleidigt und geprügelt! Er muß mit auf der W
3
Hä soll et, endlich emal lerne, ... Mir habe of jenuch e Auch zujedrückt...
Er soll endlich einmal lernen. Mir hat oft genug er auch zugedrückt.
172
попасть в затру
днительно
е положение;
ach Dialekt
acht.

4
Nehme Sie sich in Ach! dat is W
iderstand jeje de Staatsjewalt!
Nehmen Sie, sich in Acht Das ist Widerstand gegen die Staatsgewalt!
Примите во вним
5
sich hinüberschwang in Gefilde
6
dich in Erinnerung bringen
7
der Versifex
8
mit dem Finger winken
ание! Это сопро
автор текста;
пошевелить пальцем.
тивление государственной в
перелетел на места
напомнить о себе;
ласти.
Aufgaben
1. Sie haben das 18. Kapitel gelesen. Bestimmen Sie das Hauptthema dieses
Kapitels. Gibt es hier vielleicht mehrere?
2. Nennen Sie den Charakterzug von Ludwig, als er ein Gesuch an den
Kürfürsten, mit der Bitte, seinem V
auszubezahlen, schrieb. W
elche Umstände haben Ludwig dazu
gezwungen?
3. Versuchen Sie zu formulieren, welches Werk Ludwig nach dem Gespräch
mit seinem Musiklehrer Herrn Neefe schuf und aus welchem Anlaß?
4. Übersetzen Sie ins Deutsche die Redewendungen;
оставьте моег
признанный г
о отца в покое!
лава семьи;
аплодировать;
коро
че говоря;
о чем же идет речь?
Тебе стоит лишь пошевелить па
борец за свобо
ду и человеческо
писать прошение.
ater nur die Hälfte des Gehaltes
льцем, как она придет;
е достоинство;
Es war am ersten W
NEUNZEHNTES
eihnachtstage des Jahres 1790. Ludwig hatte dem
K
APITEL
Vater und den Brüdern eine kleine Bescherung bereitet; übellaunig, kaum
mit einem Wort des Dankes, hatten sie ihre Gaben in Empfang genommen
und waren nachmittags verschwunden. Jetzt saß er allein am Fenster und
173

sah den Schneeflocken zu, die der W
ind gegen die Scheiben trieb. Es ward
dunkel; er stand auf und zündete die Lampe an. Sein Blick fiel auf das Bild
des Großvaters; gestern, an seinem siebzehnten Todestage, hatte er es mit
frischem Tannenreisig geschmückt. Ernst und gehalten, und dabei doch gütig,
blickte es auf ihn herab.
Ach, Großvater! seufzte er
, hättest du länger gelebt! dann wäre alles
anders!
Die Haustür wurde aufgerissen, hastige Schritte stürmten die T
reppe
hinauf, es klopfte, und ehe Ludwig noch Herein! rufen konnte, stand Neefe
im Zimmer
große Neuigkeit! W
, völlig außer Atem. Louis! rief er, nach Luft schnappend, eine
eißt du, wer in Bonn angekommen ist? Haydn! Ist das
nicht ne herrliche Weihnachtsbescherung? Und wenn das Christkind in
eigener Person na, ich will mich nicht versündigen. Also jetzt paß mal auf,
Louis! Was machen wir denn nun mit ihm? Mor
hier, übermor
gen gehts dann weiter nach London. Jetzt gib mir mal nen
guten Rat! Irgendwie müssen wir ihn doch feiern! W
gen bleibt er nämlich noch
ir sollten etwas von
ihm aufführen, entgegnete Ludwig, eine Messe vielleicht!
Ach Gott nee! jammerte Neefe, daß der Unglücksmensch, der
Lucchesi, auch grade in Urlaub ist! Da müßte also ich meinen Kopf hinhalten!
Und so ganz unvorbereitet! Ich will mich doch um alles in der Welt vor Haydn
nicht blamieren! W
issen Sie was, Herr Neefe? Wir trommeln rasch Chor
und Orchester zusammen und halten Probe! Heute am heiligen Christfest?
Die werden schöne Gesichter machen, wenn man sie von ihrem Gänsebraten
wegholt! Ach, was! W
enn sie hören, daß sie morgen vor Haydn singen
sollen, dann essen sie ihren Braten ganz gern mal kalt. So geschah es nach
Ludwigs Vorschlag. Man sah keine mißver
gnügte Miene, alles ging aufs beste,
und nach einer Stunde konnte Neefe die Partitur zuklappen und erklären:
W
enns ihm so nicht recht ist, dann kann er
s ja selber besser machen. Am
andern Morgen war das Münster von einer andächtigen Menge gefüllt. Kurz
vor Beginn der Messe trat Haydn ein mit seinem Reisebegleiter
, dem Geiger
Salomon aus London. Kaum erklangen die ersten Töne, so ging ein leises
Leuchten über sein stilles gütiges Gesicht. Die Musiker, von des Komponisten
Gegenwart angespornt, gaben ihr Bestes, und als die letzten Töne ausgeklungen
waren, nickte Neefe befriedigt vor sich hin. Ein Kammerherr drängte sich
durch die Menge und lud Haydn ein, ihm in das Oratorium zu folgen. Dort
stand der Kurfürst in eigener Person und begrüßte ihn auf das herzlichste.
174

Dann wandte er sich an die Musiker: Da mache ich Sie mit Ihrem so hoch
geschätzten Haydn bekannt! Alles umdrängte den Meister und war glücklich
über ein freundliches Wort. Denn stand er damals auch noch nicht auf der
Höhe seine Ruhmes, so galt er doch schon für einen der ersten unter den
lebenden Komponisten. Ludwig hielt sich im Hintergrunde und betrachtete
Haydn in aller Ruhe. Wie gut blickten diese sanften braunen Augen aus dem
keineswegs schönen, ja nicht einmal bedeutenden Gesicht! Frömmigkeit und
große Menschenliebe spiegelten diese Züge wider.
In seinem Gasthof fand Haydn eine festlich gedeckte Tafel vor, an der
zehn der besten Musiker auf ihn warteten; das hatte der Kurfürst veranstaltet.
In bester Stimmung ging man zu T
isch. Neefe, der die Ehre hatte, neben
dem berühmfen Gast zu sitzen, konnte es sich natürlich nicht versagen, ihn
auf Ludwig aufmerksam zu machen, den er mit Stolz seinen Schüler nenne.
Haydn sah interessiert zu dem dunkelhaarigen jungen Menschen hinüber
und bat ihn nach beendetem Mahle, sich ein wenig zu ihm zu setzen. Herr
van Beethoven, begann er, Ihr Lehrer hat mir viel Gutes von Ihnen gesagt;
wär es unbescheiden, wenn ich Sie bäte, mir eine Ihrer Kompositionen zu
zeigen? Herr Kapellmeister
, ich habe noch nichts gemacht, das ich Ihnen
vorlegen könnte.
Na, da soll doch aber gleich ! rief Neefe. Alles, was recht ist,
Louis; aber zuviel Bescheidenheit ist auch wieder nichts! Jetzt tu mir mal
den Gefallen, geh nach Haus und hol die Kantate (Neef sagte, ,Gandade)
die T
rauerkantate meine ich natürlich. In ner Viertelstunde kannst du
wieder hier sein.
Ludwig blickte unschlüssig auf Haydn. W
irklich, Sie machen mir eine
Freude! sagte der; ich täts nicht behaupten, wenns nicht so wär. So
eilte Ludwig nach Hause und war bald wieder mit seinem Werk zurück.
Haydn nahm es und las den T
itel. Auf den T
od Josephs des Zweiten,
sagte er beinahe andächtig. Der war es freilich wert, und das nimmt mich
gleich für Sie ein.
Dann sah er das Werk aufmerksam von Anfang bis zu Ende durch.
Sie haben sehr viel T
alent, begann er darauf. Der T
doch von keinem der Anwesenden? Joseph der Große, der V
unsterblicher T
sich ja im Grabe umdrehen
aten! Wenn mein guter schlichter Kaiser das hörte, er tät
1
. Aber Ihre Musik, Herr van Beethoven, ist alles
ext ist
ater
andere als schwülstig; sie ist so schlicht und edel wie der war, dem sie gilt.
175

Einfach, und doch groß! Das lieb ich, und das muß jeder echte Künstler
lieben. Ihnen fallen Melodien in Fülle ein, und das ist das erste Kennzeichen
des geborenen Musikers. Ihre Instrumentierung ist oft von großem Zauber.
Sie kennen das Orchester vollkommen und wissen auch im allgemeinen,
was Sie den Sängern zumuten dürfen. W
enn ich auch tadeln soll, so könnte
an manchen Stellen die Melodieführung fließender sein, die Modulation
korrekter
. Bei den Singstimmen will mirs manchmal scheinen, als seien sie
eigentlich instrumental gedacht und der Text ihnen erst nachträglich untergelegt. Darunter leidet natürlich die Richtigkeit der Deklamation, und solche
Stellen sind auch schwer zu singen. Aber gerade diese Fehler zeigen mir,
daß Sie ganz aus sich selber schaffen. Sie wollen nicht mehr scheinen, als
Sie sind, und das ist bei Gott nicht wenig.
Nun konnte sich aber Neefe nicht länger halten. Herr Kapellmeister,
sprudelte er hervor
, beim wahrhaftigen Gott, jedes W
ort könnt ich
unterschreiben! Entschuldigen Sie gütigst, ich will damit nicht etwa mein
Urteil neben das Ihre stellen, aber ich bin eben zu glücklich, daß Sie den
Louis so anerkennen. Ich habs immer gesagt, es wird mal was Besonderes
aus ihm, und daß ich sein Lehrer bin, das ist mein größter Stolz!
Er hat keinen schlechten Lehrer gehabt, sagte Haydn lächelnd. Der
Name Neefe ist geachtet überall, wo Musik gemacht wird.
Ach, Herr Kapellmeister, sagte Neefe verschämt, da tun Sie mir
2
wirklich zuviel Ehre an
und daß ich den Louis eigentlich nichts mehr lehren
kann, das weiß niemand besser als ich. Er war deshalb auch schon bei
Mozart in Wien, aber leider nur auf ganz kurze Zeit.
Sie waren bei Mozart? sagte Haydn überrascht. Wann war das?
Vor drei Jahren. W
ie alt waren Sie damals? Fünfzehn Jahre.
Haydn lächelte. Dann waren Sie für ihn noch etwas zu jung. Mozart
ist der größte Komponist, den die Welt jetzt besitzt. Ich bin vierundzwanzig
Jahre älter
unvergleichlicher Lehrer. Aber nur in diesem Sinne! W
, ohne davon zu lernen. In diesem Sinne ist er ein
as Ihnen vor allem
nottut eine methodische Ausbildung im Kontrapunkt das können Sie
von Mozart nicht haben, dafür ist er einfach zu genial. Es war niemals
Sache des Genies, Schüler in den trockenen handwerkmäßigen Regeln
einer Kunst zu unterweisen. Mozart strömen die Melodien ununterbrochen
zu. W
enn er ißt und trinkt, komponiert er; er komponiert, wenn er Billard
spielt oder die Zeitung liest, und wenn er unterrichtet, dann komponiert er
176

halt auch. Haben Sies nicht selber bemerkt? Ja, sagte Ludwig, seine
Gedanken waren oft ganz wo anders.
Wenn Sie aber etwas älter sein werden, fuhr Haydn fort, können Sie
deswegen doch aus dem Umgang mit ihm, von der Reibung an seinem
Genius unendlichen Nutzen haben. Aber fürs Theoretische brauchen Sie
einen andern Meister. Albrechtsberger in Wien möcht ich Ihnen empfehlen,
der ist ein grundgelehrter Theoretiker, von dem können Sie alles haben, was
Ihnen noch fehlt. Schade, daß ich selber jetzt nach England geh und Gott
weiß, wann wieder heimkomm. Sonst würd ich sagen: Kommen Sie zu
mir! Es würd mir eine Freude sein, Sie weiterzubringen. Lassen Sie uns auf
Ihre Zukunft trinken!
Es lebe unser allverehrter Kapellmeister Haydn! rief Neefe begeistert.
Die Gläser klangen zusammen. Alles drängte heran, um mit dem Meister
anzustoßen, dankbar für die Anerkennung, die er einem aus ihrer Mitte
gezollt; einem, von dem sie alle Großes erwarteten. Haydn drückte beim
Abschied Ludwig noch einmal herzlich die Hand. Also, Herr van Beethoven,
so Gott will, auf W
iedersehen in Wien!
Texterläuterungen
1
er tät sich ja im Grabe umdrehen!
2
das tun Sie mir wirklich zuviel Ehre an...
оказываете мне много чести.
Он переверну
Вы действительно
ëñÿ áû â ãðîá
ó!
Aufgaben
1. Suchen Sie im Text die W
Weihnacht-Erklären Sie die Bedeutung dieser Wörter.
2. Wie haben Sie diese Sätze verstanden?...
Ihnen fallen Melodien in Fülle ein.
Es würd mir eine Freude sein, Sie weiterzubringen.
Ihre Musik Herr van Beethoven, ist alles andere als schwülstig und
edel wie der war
, dem Sie gilt.
3. Sagen Sie, welche Gefühle Herr Neefe hatte, als er Haydn über Ludwig
van Beethoven sprach und sich ihn dem großen Musiker vorstellte.
4. W
em gehörten solche W
geht es hier?
ortfamilie mit dem Bestimmungswort
orte: dafür ist er einfach zu genial. Um wen
177

ZWANZIGSTES
K
APITEL
Ludwigs erste Liebe hieß Jeannette. Sie war eine Freundin Eleonorens,
wohnte in Köln und kam öfters für einige W
ochen zu Breunings auf Besuch.
Sie hatte blondes Haar, eine weiße Haut und rote Backen, war immer lustig
1
und zu Neckereien aufgelegt
kurz, sie war eine echte Kölnerin. Jeannette
fand eigentlich den pockennarbigen, dunkelhäutigen Freund ihrer Freundin
recht wenig anziehend, aber das hinderte sie nicht, die Macht ihrer
feuchtschimmernden blauen Augen auch an ihm zu erproben; und Ludwig
fing sofort Feuer. Leider ging es Freund Stef
fen genau so. Und da jeder von
den beiden glaubte, e r sei Jeannettens Auserwählter, so hielt er den andern
für einen recht eingebildeten Esel. Sie hatte eine hübsche Stimme und ließ
sich von Ludwig gern auf dem Flügel begleiten. Steffen mit seiner Geige
2
Aber als Ludwig nun gar eines
geriet dann einigermaßen ins Hintertref
schönen T
ages mit einem eigens für Jeannette komponierten Lied anrückte,
und sie es sang und den Autor höchlichst belobte, da war es mit Stef
Geduld zu Ende. W
eißte, Louis, sagte er zu seinem Freunde, als sie allein
waren, ich find dareijentlich jemein von dir, dat du mit solche W
fen.
fens
affe jeje
mich kämpfst, wo du jenau weißt, dat ich da mit dir net konkurriere kann.
Ich an deiner Stell tat mich schäme, wo du noch dazu siehst, dat sie mich
eijentlich viel lieber hat als dich.
Na, Stefren, wenn sie dich wirklich soviel lieber hat, dann reg dich
doch net auf! Dann wird mer so e Liedche auch net viel helfe.
Wird et auch net! entgegnete Stef
kannste mache, wat de wills. W
ofür kommste mir denn überhaupt in de
fen giftig, die find
t nix an dir, da
Quer? Wenn ich se nu aber auch jern hab? Steffen wurde kreidebleich
3
vor W
aber er nahm sich zusammen.
ut
Louis! W
eißte, dat et mir bitter ernst is mit dem Jannettche? Mir
auch!
Weißte, dat ich se heirate will? Du Knirps du! Mach dich bloß net
lächerlich! Sie is ja drei Jahr älter als du! Denkste, die wart auf dich, bis du
emal eso weit bist?
Warum denn net?
Wenn ich mir aber nu datselbe vorjenomme hab?
Na wart! schrie Steflfen, dat sag ich dem Lorchel Und er rannte
hinaus.
178

Dat kannste ihr ruhig sage! rief Ludwig ihm nach.
Steffen paßte die erste Gelegenheit ab, daß er Schwester und Mutter
allein sprechen konnte, und verkündete zitternd vor Erregung, was Ludwig
ihm gesagt hatte. Lorchen erblaßte ein wenig, aber Frau von Breuning lachte
und sagte: Ihr seid beide nicht recht gescheit! Abends nach dem Essen
wurde musiziert. Jeannette war ausgelassener denn je. Sie sang ein Lied
nach dem andern, zuletzt eines, das so anfing:
,Mich heute noch von dir zu tr
ennen,
Und dieses nicht verhindern können,
Ist zu empfindlich für mein Herz!
Und dabei warf sie bald Ludwig, bald Steffen so kokette Blicke zu, daß
es den armen Jungen bald heiß, bald kalt wurde, und als sie zu Bett gegangen
waren, sie ein paar Stunden brauchten, bis sie einschliefen.
Am nächsten T
age, um die Mittagszeit, erschien ein junger
österreichischer Offizier, angetan mit einer wahrhaft herrlichen Uniform,
die alles, was man in Bonn bis dahin gesehen, weit in Schatten stellte. Und
dieser glänzende junge Herr entpuppte sich als Jeannettens Bräutigam.
Nach Tisch fanden Ludwig und Stef
fen sich allein zusammen. Eine Weile
herrschte düsteres Schweigen. Na, Steffen? sagte endlich Ludwig, wie
ist et nu? Der leidenschaftliche Steffen stürzte seinem Freunde an die
Brust und brach in T
ränen aus. Steffen! Laß dat Heule! sagte Ludwig.
Dat is dat Jeannettche nit wert!
Du hast rech, Louis, entgegnete Steffen und putzte sich die Nase.
Ich kann nur eins sagen: Schwachheit, dein Name ist Weib! Solch ner
Kokett wegen hätt mer uns beinah verfeindt! Nie wieder soll ein Weib den
Tempel unserer Freundschaft na! wie sagt man da gleich? Ins W
5
bringen
schlug Ludwig vor. Stef
fen nickte beistimmend. Das war eine
anken
Jugendeselei gewesen. Aber bald danach wurde Ludwig zum ersten Male
von der Gewalt einer wirklichen Leidenschaft erschüttert.
Maria war die T
ochter des kurfürstlichen Obriststallmeisters Grafen
Westerholt. Die ganze Familie war musikalisch; der Graf Meister auf dem
Fagott, einer seiner Söhne ein trefflicher Flötist, Maria eine gute
Klavierspielerin. Aus seinen Bedienten hatte der Graf sich eine artige kleine
Hauskapelle gebildet; bei ihren Aufführungen hatte Ludwig schon des öfteren
mitgewirkt und sich noch die besondere Gunst des Grafen durch ein T
rio
179

errungen, das er für die seltene V
geschrieben hatte; ein reizendes, von Mozartschem Geist erfülltes W
ereinigung von Klavier, Flöte und Fagott
erk,
das übrigens an die Technik der Spieler beträchtliche Anforderungen stellte
6
und das Paradepferd der Familie wurde
. Trotzdem war er Komteß Maria
noch nicht eigentlich nah gekommen. Nun bat der Graf ihn eines Tages,
seiner Tochter Klavierunterricht zu erteilen.
Ludwig hatte Maria lange nicht mehr gesehen. Als er ihr nun wieder
gegenüberstand, erschrak er vor ihrer Schönheit, und es überlief ihn
seltsam, als sie ihre kühle schlanke Hand auf einen Augenblick in die
seine legte. Mariens Mutter trat ein, und er mußte sich zusammennehmen,
um vor dieser stolzen Aristokratin nicht befangen zu erscheinen. Gott, ist
er häßlich! sagte die Gräfin, als Ludwig gegangen war. Maria sah sie
groß an.
Was ihr schön nennt, das ist er freilich nicht Aber keiner in Bonn hat
solche Augen.
Was ihr schön nennt! Maria, wie kannst du so reden! Woher hast du
nur diesen Hang zum Extravaganten! Von mir sicher nicht!
Maria lächelte. Laß es gut sein, Mutter
. Schön oder häßlich,
wenn ich nur ordentlich lerne. Für Ludwig begann nun eine glückliche
Zeit. Die beiden Stunden, die er jede Woche an Marias Seite zubringen
durfte, erleuchteten und erwärmten sein ganzes übriges Dasein, ließen all
die vielen Pflichten, die auf ihm lasteten, wie ein Spiel erscheinen. Gegen
Vater und Brüder ward er von einer ganz ungewohnten Sanftmut und
Nachsicht. In seinen eigenen Studien überbot er sich an Fleiß und strengster
Selbstzucht. Denn ein herrliches Ziel war ihm aufgegangen: Maria zu gewinnen.
Frau von Breuning bemerkte natürlich diese Veränderung an Ludwig,
obwohl seine Besuche in ihrem Hause seltener wurden, und ihr Instinkt
erriet auch die Ursache. Wer freilich der Gegenstand seiner Leidenschaft
sei, ahnte sie nicht; sonst hätte sie sich schützend ins Mittel gelegt, um
seinem heißen jungen Herzen eine W
unde zu ersparen. Ludwig dachte
hierüber anders. Anfangs freilich hätte er nie und nimmer gewagt, die Augen
zu Maria zu erheben. Aber je näher er sie kennenlernte, je mehr er begrif
f,
wie völlig frei von adligen Vorurteilen sie war, wie hoch sie ihn als Menschen
und Künstler schätzte, desto mehr schwand sein anfängliches Gefühl eines
unüberbrückbaren Abstandes.
180
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