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ivanov666
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Файл:Детство и юность Людвига ван Бетховена. Учебное пособие – книга для чтения на немецком языке
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Der junge Mann, der uns soeben verlassen hat, sagte er leise, ist ein
Kavalier, und hier steht ein anderer Kavalier an seiner Stelle. Ich bitte Sie
also, zu sagen, was Sie zu sagen haben.
Der andere wechselte die Farbe. Mein Herr Graf W
aldstein, wenn
Sie das Benehmen dieses jungen Mannes verteidigen wollen, so habe ich
auch Ihnen nichts zu sagen. Vielleicht besinnen Sie sich bis morgen eines
andern, entgegnete W
aldstein. Sie wissen ja, wo ich zu finden bin. Louis,
sagte Frau von Breuning, ich hätte viel mit dir zu reden. Du hattest recht
und hattest unrecht. Geh jetzt nach Hause und komm morgen wieder!
Versprichst du mir
s? Ludwig küßte ihre Hand und ging. Draußen vor
dem Hause blieb er stehen und blickte nach den erleuchteten Fenstern. Die
Kränkung, die er erlitten hatte, war ihm gleichgültig; solch kostümierter Af
fe
konnte ihn nicht beleidigen. Aber daß Frau von Breuning ihn nicht
zurückgehalten, den andern nicht hinausgewiesen hatte, das erfüllte ihn mit
einer dumpfen T
raurigkeit. Etwas war zerrissen, etwas Heiliges herab-
gezogen.
Mitternacht war längst vorüber
, die letzten Gäste hatten sich
verabschiedet, die Kerzen in den Gesellschaftsräumen waren gelöscht.
Gute Nacht, Lorchen! sagte Frau von Breuning. Steh morgen eine
Stunde später auf. Hast du dich gut unterhalten, Kindchen?
Eleonore stürzte ihrer Mutter an die Brust und brach in Tränen aus.
Lorchen! W
as ist dir denn?
Der arme Louis! Daß ihm das grade bei uns widerfahren mußte!
Beleidigt zu werden von einem Menschen, der so tief unter ihm steht! Sich
nicht wehren können, weil er noch so jung und unerfahren ist! Und er hatte
doch recht! Nein, Lorchen, er hatte nicht recht. W
ir wollen morgen wei-
ter darüber reden; ich bin sehr müde. Schlaf wohl, mein Kind!
Am nächsten T
age stand Ludwig vor Frau von Breuning. Sind Sie mir
nicht böse? fragte er, ganz erstaunt, daß er genauso herzlich wie immer
empfangen wurde. Ach, keine Spur
, Louis. Man hatte dich gereizt. Aber
du hättest dich beherrschen und weiterspielen müssen. Ich konnte aber
nicht! rief er heftig. Die C-Moll-Phantasie ist etwas Heiliges! Ich hätte
sie ja zum Unterhaltungsstück degradiert!
Lieber guter Louis, diesem Grafen Soundso ist eben Mozart und seine
Musik nichts Heiliges, und das kannst du auch gar nicht verlangen. Die
Zurechtweisung, die du ihm erteilt hast, war zu stark; so etwas erlaubt unsere
151

Gesellschaft nicht; du mußt dich ihren Gesetzen fügen, wenn du in ihr
verkehren willst.
Ich will ja gar nicht! Sie wollen es, Sie zwingen mich dazu! Ach, Frau
von Breuning, lassen Sie mich doch in Ruhe! Ich will ja gar nichts von der
Gesellschaft! Ich brauche sie nicht, ich werde mich auch ohne sie
durchsetzen! Mein guter Louis, wie wolltest du das wohl anfangen! Hast
du vor, ir
gendwo als Organist dein Leben zu verbringen? Als freier Künstler
wirst du auf die Protektion der Gesellschaft angewiesen sein. Mach dir
doch dein Leben nicht selber unnötig schwer! Und ganz so schlecht, wie
du glaubst, ist die Gesellschaft wirklich nicht!
Ein Nichts ist sie! Ein hohles, aufgeblasenes Ding! Sie erinnert mich an
irgendeine Salonkomposition, mit Figuren und Schnörkeln und Trillern überladen;
aber wenn man näher zusieht, dann bleibt nichts als ein klägliches Gestümper,
das zu spielen ich mich schämen würde! Geistreichtum ohne Geist, Achtung
vor nichts, nicht vor der Religion, nicht vor dem Recht, nicht vor der Kunst!
Alles nur spielerisch,
als ob die Welt nur zum Amüsement geschaffen wäre!
Verweichlicht alles, niemand ernst, niemand männlich! Dabei alles von einer
unerhörten Einbildung auf was eigentlich? Die Männer auf ihren Titel ,
daß sie sich als Planeten um die kurfürstliche Sonne drehen dürfen; die Frauen
auf den Titel ihrer Männer, auf ihre Toiletten, ihren Schmuck. Die jungen
Mädchen ach, ich schäme mich, darüber zu reden! Und dabei diese alberne
Verachtung alles Bür
gerlichen! Ja, ist denn das recht? Ist das nicht alles verkehrt
und ungesund? Diese ganze Gesellschaft tanzt auf einem Vulkan und lacht
und amüsiert sich, und eines Tages wird der V
3
Glut und Rauch
ersticken! Louis, manches, was du sagst, ist richtig. Unsere
ulkan ausbrechen und sie in
Gesellschaft ist nicht so, wie sie sein sollte. Aber wir beiden können nichts
daran ändern. Der Geist der Zeit spiegelt sich in ihr, und es hat keinen Zweck,
daß ein einzelner sich dagegen stemmt. Dazu braucht es andere Mächte, und
ich fürchte, drüben über der Grenze wird dein Vulkan eines T
ages zum
Ausbruch kommen. Das wird uns in Deutschland hoffentlich eine heilsame
Lehre sein. Inzwischen müssen wir die Gesellschaft nehmen, wie sie einmal
ist. Glaub mir, Louis, mir wäre auch wohler
, wenn ich, wie bisher
, weiter so
still und zurückgezogen leben könnte und mich um niemand zu kümmern
brauchte. Aber auf die Dauer geht das eben nicht; meine Kinder würden es
mir später einmal mit Recht vorwerfen. Man darf sich nicht in einen
Schmollwinkel zurückziehen und dem Leben den Rücken kehren. Ich fände
152

das nicht einmal besonders ehrenhaft; ich würde eine gewisse Feigheit darin
sehen, besonders bei einem jungen Mann wie du. Nein, Louis, stürz dich
lieber mitten hinein! Daß du alles schön und gut finden sollst, das verlang ich
ja gar nicht. Im Gegenteil, halt deine Augen of
fen und sieh dir deine
Mitmenschen kritisch an. Und dann wirst du unter dieser Gesellschaft, die du
jetzt in Bausch und Bogen verurteilst
finden. Denen such dich zu nähern; ich bin sicher, du wirst mit of
4
doch auch manchen guten Menschen
fenen Armen
aufgenommen. Hast du immer noch nicht beim Hofkammerrat von Mastiaux
Besuch gemacht? Nein? Dann tu es doch nun! Dann beim Minister von
Waldenfels, beim Obriststallmeister Graf Westerholt, bei der Gräfin Hatzfeld.
Das sind alles große Musikenthusiasten, und dabei gute, brave Leute, lieber
Louis, die dich gern bei sich sehen würden. Übrigens, fast hätt ich
s ver
gessen,
du sollst Amalie von Mastiaux unterrichten; nun geh doch endlich einmal hin!
Wird Graf Gönnersdorf weiter bei Ihnen verkehren? Ich hab ihm
geschrieben, unser hauptsächlich auf Musik gestimmtes Haus dürfte wohl
keinen besonderen Reiz für ihn haben. Na, nun lacht der Bengel wenigstens
wieder! Als Ludwig den V
orsaal durchschritt, rief ihn Eleonore zu sich in
ihr Zimmer.
Louis, sagte sie, und über ihr Gesicht zog eine leise Röte.
Sie sind in unserm Hause beleidigt worden, und ich war die
Veranlassung, denn ich habe Sie zum Spielen aufgefordert. Dafür bin ich
Ihnen Genugtuung schuldig. Ich muß es tun. Sie werden sich nichts Dummes
einbilden. Und entschlossen, in mädchenhaftem Heroismus, drückte sie
einen festen Kuß auf seine Wange.
So, jetzt ist alles ausgelöscht. Und daß Sie uns tausendmal lieber sind
als diese ganze alberne Gesellschaft, das wissen Sie.
Liebes Lorchen! sagte Ludwig, ich danke Ihnen!
Eleonore stand am Fenster und sah ihm nach, als er das Haus verließ.
Dann trat sie vor den Spiegel und betrachtete sich eine Weile. Plötzlich
brach sie in T
ränen aus.
Texterläuterungen
1
, dass es nicht der Fall ist
2
jeder nach seinem Gusto
3
in Glut und Rauch ersticken
4
... in Bausch und Bogen verurteilst
что это не тот случай;
каждый на свой вкус;
превратить в пепло;
все вместе осуждаешь.
153

Aufgaben
1. Finden Sie im T
Sie den Gebrauch des Konjunktivs.
2. Gibt es im T
Geschlecht haben sie? Schreiben Sie diese Substantive aus.
3. Verstehen Sie die Bedeutung folgender Redensarten:
Gesellschaft leisten;
mir zuliebe tun;
ich habe auch Ihnen nichts zu sagen;
in Tränen ausbrechen;
Sie werden sich nichts Dummes einbilden.
4. Begründen Sie Ludwigs Benehmen bei seinem Klavierspiel der C-MollPhantasie von Mozart. Hatte er recht?
5. Wie charakterisierte Ludwig die Gesellschaft, die das Konzert in der
Familie von Breuning besuchte. War Frau von Breuning auch dieser
Meinung?
6. W
ie entwickelten sich die Beziehungen zwischen Ludwig und Eleonore
im Laufe der Zeit?
ext die im Konjunktiv gebrauchten Verben. Begründen
ext die vom Infinitiv gebildete Substantive? W
SIEBZEHNTES
K
APITEL
elches
Der alte Hofkammerrat von Mastiaux war ein leidenschaftlicher
Musikfreund. Er besaß eine Instrumentensammlung, die aus sieben Flügeln
und fast sämtlichen Orchesterinstrumenten bestand, darunter sechs kostbaren
altitalienischen Geigen. Im W
saal allwöchentlich Konzerte, zu denen jeder Musikliebhaber
oder fremd, ein für allemal geladen war. Er war ein fanatischer Bewunderer
Joseph Haydns, von dem er über achtzig Symphonien in Partitur besaß; ihn
stellte er über alle andern Meister, Bach und Mozart nicht ausgenommen.
Ludwig empfand das als Übertreibung; doch wurde die Begeisterung des
alten Herrn ihm Anlaß, nun auch Haydn aufs gründlichste zu studieren. Freilich,
so nah wie Mozarts Kunst wollte ihm die Haydnsche nicht kommen. Bei
Mozart hatte er immer wieder die Empfindung, als wäre ihm seine Musik von
der Gottheit selber eingegeben, die sich seiner nur als eines Mittlers zwischen
154
inter veranstaltete er in seinem großen Musik-
, ob einheimisch

ihr und den Menschen bediene. Haydn gegenüber konnte von solchem Gefühl
1
keine Rede sein
Augen nur selten zu den Sternen empor
war rein und echt, heiter und gütig
Er sprühte oft von W
Der stand mit beiden Füßen auf der Erde und wandte seine
. Aber dieser menschliche Mensch
2
, dabei nicht ohne männliche Leidenschaft.
itz und Laune, und doch wurde sein Frohsinn niemals zu
oberflächlicher Lustigkeit, blieb immer der echte Ausdruck seines ausgeglichenen harnionischen; Charakters, der die wundervolle Gabe mit auf die
Wel
t bekommen hatte, Menschen und Leben mit überlegenem Humor zu
betrachten. Mit diesem glücklichen Naturell vereinigte sich nun auch in
seinen ausgelassensten Sätzen ein zäh festhaltender künstlerischer Ernst
und Formwille. Seine thematische Arbeit, voller Geist und Phantasie, wurde
doch zugleich an exakter Sauberkeit von keinem andern überboten, und Ludwig
begriff, daß er gerade hierin von Haydn unendlich viel lernen könne. Noch ein
anderer W
eg zu seiner musikalischen W
eiterbildung eröffnete sich ihm jetzt.
Nachdem Kurfürst Max Franz die Finanzen seines Landes in Ordnung gebracht
und V
erwaltung und Bildungswesen in fähige Hände gelegt hatte, glaubte er,
sich endlich seinen Herzenswunsch erfüllen zu dürfen: den Wunsch nach
einem eigenen Theater. Eine Reihe zum T
eil vorzüglicher Sänger und
Schauspieler wurden engagiert. Zum Regisseur wurde Neefe ernannt; dabei
durfte er sein Organistenamt beibehalten, so daß sein Einkommen fast wieder
die frühere Höhe erreichte. Neefe war die theateriose Zeit entsetzlich öde
vorgekommen; jetzt war er wieder in. seinem Element. Auch sattelte er wieder
seinen Pegasus, um Operntexte ins Deutsche zu übertragen, und machte sich
zunächst an den Don Giovanni, von dem es eine deutsche Übersetzung noch
nicht gab.
Hör mal, Louis, sagte Neefe eines T
ages, jetzt weiß ich, warum der
liebe Gott uns damals so nen bösen Strich durch unsere Rechnung gemacht
und dich aus W
ien sobald zurückbefördert hat. Du mußt ins Orchester! Das
hättest du in Wien nicht gehabt. In ein paar Jährchen wirst du sowieso
anfangen, Symphonien zu schreiben. Da gibts nicht Bessres, als daß du
dich mitten hineinsetzest und Geige spielst; auf diese Weise lernst du ganz
von selber fürs Orchester schreiben. Ludwig mußte lachen. Herr Neefe,
ich kratze ja ein erbärmliches Zeug zusammen!
Ä gar
, so schlimm wird
s nicht sein; kratz mir gleich mal was vor!
Und er langte seine Geige von der Wand, stimmte und reichte sie Ludwig.
Der begann zu spielen.
155

O du großer alimächtiger Gott! schrie Neefe, hör auf, Louis, hör
auf! Das ist ja grauenhaft! Ja, aber Menschens-kind, ist denn das nur möglich!
So was Gräßliches hab ich ja mein Lebtag noch nicht gehört! Ludwig
lachte, wie er seit langem nicht mehr gelacht hatte. Soll ich also Geige
spielen?
Neefe war eine Zeitlang ratlos. Aber schließlich wußte er sich, wie
immer, zu helfen: Nee, Louis, Geige spielen darfst du nicht; du würdest uns
ja das Publikum aus dem Theater geigen!Aber jetzt hab ichs: du spielst
Bratsche, Dazu langt s, du mußt nur jetzt ieden Tagen ein paar Stunden
üben. Ludwig wollte widerspechen, aber Neffe überschrie ihn: es müsse
sein, und wenn er ihm nicht den Willen tue., dann sei es mit ihrer Freundschaft
aus. Und als im Spätjahr die Proben begannen, saß Ludwig wirklich als
Bratschist im Orchester.
Ausgangs Mai 1789 erreichte die erste Theatersaison ihr Ende. Unsere
Leute haben sich brav gehalten, schrieb Neefe damals seinem alten Freunde
Großmann. Unser Musikchor hat sich sehr vermehrt und verbessert. Die
3
Besoldun-gen
und mehr gnädige T
sind erhöht worden, und der Kurfürst äußerte immer mehr
eilnehmung an Schauspiel und Tonkunst. Sie würden
sich freuen, zu sehen, wie jeder so gern, mit so heiterem Gesicht arbeitet
und nach dem Beifall seines einsichtsvollen und geliebten Fürsten strebt.
Ludwig hatte in den dreizehn Opern, die aufgeführt waren, nicht nur seine
Bratsche gespielt, sondern auch die Partituren gründlich studiert und fühlte,
wie seine Einsicht in die Behandlung des Orchesters nicht nur, sondern
auch der menschliehen Stimme allmählich wuchs und gefestigt wurde. Neefc
hatte recht gehabt: dies Orchesterspiel war eine musikalische Schule ersten
Ranges für ihn.
Aber die Musik als solche war ihm jetzt gar nicht die Hauptsache. Bilde
den ganzen Menschen aus! hatte Neefe ihm oft gesagt und damit nur auf
etwas hingewiesen, das Ludwig selber fühlte und wollte. Sein mächtiger
4
Bildungstriel
hätte die Mängel seines Schulwissens schon längst mehr als
ausgeglichen. Jeder Tag fast brachte ihm neue Anregungen, und vor allem
waren es die brennenden sozialen Fragen, die, durch Rousseaus stürmische
Bücher aufgewühlt, ihn im Innersten bewegten.
Die Menschen. von Natur gut, von Natur einander gleich, von Natur
gleichberechtigt, aber durch die Zivilisation verdorben, irregelenkt durch die
organisierte Gewalt des Staates. wie sie in Frankreich zum Zerrbilde
156

geworden alle mussten; wieder zur Natur zurückkehren, wenn die W
elt
gesunden sollte. Natur und Zivilisation, Natur und Kultur unvereinbare
Gegensätze!
War das richtig? Ludwig kam darüber nicht zur Klarheit. Der Mensch
in ihm, das Kind aus dem V
olke, war geneigt, ja zu sagen, und was er an
Abstoßendem, Frivolem, Ungesundem rings um sich erblickte, bestätigte
solches Ja. Aber eine andere Stimme in ihm, die Stimme des Künstlers, des
Auserwählten, sagte nein. Sollte nicht eine V
erschmelzung von Natur und
Kultur möglich sein, eine höhere Einung zwischen den in Kunst und Sitte
sich offenbarenden Kräften des Geistes und dem drängenden Leben?
Stammte nicht alles Lebendige aus einem göttlichen Grund? Solche Fragen
zu lösen, dazu reichte seine Denkfähigkeit noch nicht aus, er fühlte es
schmerzlich. Aber jene Fragen wollten nicht stille werden. Die Menschheit
schien an einen Wendepunkt gekommen.
Er suchte Hilfe bei der Philosophie. Kants Lehren waren gerade damals
an der Bonner Hochschule eingezogen. So ließ Ludwig sich denn zu Beginn
des Sommersemesters 1789 bei der philosophischen Fakultät als Student
einschreiben. Von dem, was er suchte, fand er wenig genug. Aber Kants
Ethik leuchtete ihm jetzt auf; in ihr fand er den Grundgehalt seiner eigenen
Persönlichkeit bestätigt.
Es ist überall nichts in der W
elt, ja überhaupt auch außer derselben zu
denken möglich, was ohne Einschränkung für gut könnte gehalten werden,
als allein ein guter Wille. So lautete der erste Satz der ,Grundlegung zur
Metaphysik der Sitten.
Ludwig las ihn mit einem etwas zagen Gefühl; er hatte über diese Dinge
noch nicht nachgedacht. Guter W
ille! Das mußte wohl der Wille zum Guten
sein! Das innerste Sein, der von Gott herstammende und auf Gott gerichtete
Kern des Menschen; die Stimme im Innern, die uns unüberhörbar sagt, daß
es noch etwas anderes, Höheres geben müsse als die wahrnehmbare W
der Sinne und die Ur
war es ihm, als zerrisse ein Schleier vor seinen Augen
gewalt der Triebe, der natürlichen Neigungen, Plötzlich
5
als breite sich längst
elt
vertrautes, heimatliches Land vor ihm aus. Er kannte sie ja längst, diese
Sprache der dem Ewigen zugewandten Menschenseele! Aus der Musik
kannte er sie, aus Sebastian Bachs Musik vornehmlich! Jenes geheimnisvolle
Etwas, das aus Bachs Tönen sprach, das sich aus keinen Gesetzen der
Akustik, der Harmonie erklären ließ und doch gerade die tiefste Wirkung
157

ausmachte , das Seelische dieser Musik, ihr Zug nach oben, ihre Gesinnung. Und auch aus seinem eigenen Schaffen kannte er dies alles! W
as
war es denn gewesen, das ihn so erschüttert, wenn er eine schlichte innige
Adagiomelodie gefunden hatte? Doch nicht: sinnlicher Reiz des Klanges!
Etwas anderes lag dahinter etwas, das ihn mit Andachit: erfüllt hatte, mit
Schauern des Unfaßbaren, Übermenschlichen, Göttlichen!
War das aber nicht vielleicht phantastische Schwärmerei, dieses
Verweben ethischer, musikalischer und religiöser Dinge? Er war noch zu
jung, um den Zweifel mit Bestimmtheit zu bannen; doch er glaubte seinem
innersten Gefühle. Hatte er denn aber auch im täglichen Leben den Willen
zum Guten bestätigt? Denn nicht als bloßer W
unsch allein mußte dieser
gute Wille, nach der Forderung Kants, sich ausweisen, sondern als die
Aufbietung aller Mittel, soweit sie in unserer Gewalt sind.
Ludwig überdachte sein bisheriges Leben, verglich es mit dem seiner
Jugendgenossen. Keiner von ihnen hatte es so schwer gehabt wie er.
Eine trübe, von seltenen Lichtstrahlen spärlich erhellte Kindheit lag hinter
6
ihm. Von frühester Jugend an
hatte er beinahe nichts gekannt als arbeiten.
Fast noch ein Kind, hatte er schon Mutter und Brüder erhalten müssen,
immer aufs neue mißhandelt von einem Vater
, den er nicht lieben konnte,
ja, den er verachtete. Er hatte wirklich pflichtgetreu gehandelt und dafür
gelitten, dies Zeugnis durfte er sich geben. Aber was war es denn gewesen,
das ihn den Mut nie auf die Dauer hatte verlieren lassen? W
as hatte ihm
Kraft und Festigkeit gegeben, eine Pflicht nach der andern auf sich zu
nehmen und unter tausend Entsagungen zu erfüllen, so gut er es
vermochte? Es war das Gefühl, etwas in sich zu tragen, das aus einer
höheren, reineren Welt herstammte. In allem Druck häuslichen Jammers,
bei freudloser Arbeit rang es mächtig nach Entwicklung, nach V
ervollkommnung; aus allen Kräften sehnte es sich danach , Gott ähnlich zu
werden.
Zwei Dinge sind es, die das menschliche Gemüt mit immer neuer und
stets zunehmender Bewunderung erfüllen, je mehr wir uns in sie vertiefen :
der bestirnte Himmel über uns, der mir meine Geringfügigkeit als eines bloßen
und dazu noch sehr vergänglichen Punktes im grenzenlosen W
eltall zum
Bewußtsein bringt; und das moralische Gesetz in mir, das die trotzdem ins
Unendliche sich erstreckende Bestimmung meines unsichtbaren Selbst,
meiner Persönlichkeit mir offenbart.
158

Der Schauer des Erhabenen überkam ihn. Glich das Sittengesetz nicht
selber einem leuchtenden Stern am Himmel , dem Polarstern, der im Wandel
der Gestirne unverrückbar steht auf demselben Punkt, seit Ewigkeit, bis in
alle Ewigkeit; der Leitstern der Schiffer auf nächtlichem Meere! Ja, ihm
sollte es einmal der Leitstern werden auf seiner Fahrt ins Leben!
*
Die junge kurkölnische Universität zu Bonn, die Lieblingsschöpfung
des Kurfürsten, stand um diese Zeit in voller Blüte. Welch überragende
Bedeutung für die Bildung seines Volkes der Kurfürst ihr beilegte, das
hatte er schon durch den Glanz bewiesen, den er bei ihrer Eröffnung im
November 1786 entfaltet hatte; das hatte er in seiner eigenen Einweihungsrede betont, die von einem freien erleuchteten Geist Zeugnis
gab. Die Professoren der Theologie hatte er aufgefordert, nicht Heuchler
heranzubilden, sondern Überzeugte; nicht Verfolger, sondern Belehrer;
nicht stolze, sondern sanftmütige, nicht trage, sondern emsige, von tätiger
Nächstenliebe beseelte Geistliche. Und den Professoren der Philosophie
hatte er zugerufen: Lehrt eure Schüler denken! Das ist das Entscheidende
im Menschen. Auf die Lehrstühle hatte er die besten Kräfte berufen,
deren er habhaft werden konnte. Und er gewährte ihnen volle Freiheit
der Lehre. Pius der Sechste hatte sehr bald die Schriften von drei Bonner
Professoren auf den Index setzen lassen,
Gedanken enthielten, ja sogar in einem persönlichen Schreiben an Max
Franz ihre Absetzung gefordert, Aber der Erzbischof war dem Papst
gegenüber fest geblieben: die Angeschuldigten hatten ihre Stellen behalten.
Ludwig hatte außer seinem philosophischen Kolleg auch noch eine
Vorlesung über griechische Literatur bei dem Professor Eulogius Schneider
belegt, der eine für einen Universitätslehrer recht ungewöhnliche Laufbahn
hinter sich hatte. Er war nämlich vordem Schauspieler gewesen, dann
Mönch, dann Hofkaplan des Herzogs Karl Eugen von Württemberg.
Schneider gab seiner Lehrtätigkeit von Anfang an eine stark politische
Färbung. Es war die Zeit unmittelbar vor dem Ausbruch der französischen
Revolution. Ganz Europa blickte mit gespannter Erwartung auf Frankreich,
mit einer Anteilnahme, die um so leidenschaftlicher war, je mehr die Zustände im eigenen Lande denen in Frankreich glichen. Auch im
Kurfürstentum Köln, wie in ganz Deutschland, genossen Adel und
7
weil sie falsche, verderbliche
159

Geistlichkeit ungeheure Vorrechte gegenüber dem Bür
ger
und
Bauernstand; auch der kölnische Kurfürst regierte im Stile eines
wohlmeinenden absoluten Herrschers. Im Breuningschen Kreise platzten
die Meinungen oft aufeinander
Ungestüm der Jugend die Partei des unterdrückten V
. Ludwig und Christoph nahmen mit dem
olkes; die beiden
geistlichen Herren vertraten das alte geheiligte Regime. Der einzige, der
bei solchen Diskussionen seine philosophische Ruhe nie verlor
, war der
kleine Neefe. Ich weiß gar nicht, was ihr eigentlich wollt, meinte er.
Wenn die Franzosen nicht zufrieden sind, gut dann sollen sie sich rühren
und Besserungen einführen. Aber laßt sie doch um Gottes willen ihren
Kram alleine machen! W
as geht das uns in Bonn an! Muß ich als Fremder
euch Bonnern sagen, wie gut ihr es unter euerem Kurfürsten habt? Herrgott
nochmal, ist er etwa ein Tyrann, vor dem alles zittert und bebt? Keine
Spur, er ist der gutmütigste Mensch von der Welt; wenn er im Quartett
mal danebenstreicht, so hat er gar nichts dagegen, wenn ich abklopfe und
sage: Königliche Hoheit, da hat was nicht gestimmt, die Stelle müssen wir
nochmal machen.
So! sagte Ludwig gereizt. Und wenn Sie ein V
erordnungsblatt
nehmen und damit ins Schloß gehen, es ihm vor die Nase halten und sagen
würden: Königliche Hoheit, da stimmt was nicht, die V
erordnung müssen
wir nochmal machen, was glauben Sie, würde er Ihnen antworten? In
die Lage würde ich nie kommen. Seine V
erordnungen sind alle ganz gut; ich
wüßte nicht, was da besser dran zu machen wäre.
Aber e r gibt sie, er ganz allein!
Keine Spur! Er berät sich doch vorher mit seinem Konsilium!
Und wenn Meinungsverschiedenheiten auftauchen, wer gibt dann den
Ausschlag?
Der Kurfürst natürlich! Dafür ist er doch der Landesherr! Das ist ja
eben das Unrecht! rief Ludwig. Das V
V
olksversammlung müßten wir haben, und die müßte Gesetze geben! Das
olk sollte gefragt werden, eine
Volk selber müßte über sein Geschick zu bestimmen haben! So wie jeder
einzelne, wenn er mündig geworden ist, sich einen V
sollte sich auch das V
Wenn es mündig wäre!
olk einen Vormund verbitten!
8
sagte Neefe. Es ist aber nicht mündig,
ormund verbittet, so
war nie mündig, und wird nie mündig sein, wird stets einen gottgewollten
Vormund nötig haben. Und wer da glaubt, die Masse würde in irgendeiner
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