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ivanov666
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Файл:Der Zauberberg. Vol. 1
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DER ZAUBERBERG
"Ich nehme dieses", sagte er, ohne dem anderen nur
Beach-tung zu schenken. "Das hier zu fünf. Darf ich Ihnen
sofort..."
"Abgemacht!" quäkte die Oberin. "Nur nicht knausern bei
wichtigen Anschaffungen! Eilt nicht, es kommt auf die
Rech-nung. Geben Sie her, wir wollen es erst noch recht
klein machen, ganz hinunterjagen – so." Und sie nahm ihm
das Thermometer aus der Hand, stieß es wiederholt in die
Luft und trieb so das Quecksilber noch tiefer, bis unter 3 5
hinab. "Wird schon steigen, wird schon emporwandern, der
Merkurius!" sagte sie. "Hier haben Sie Ihre Erwerbung! Sie
wissen doch wohl, wie es gemacht wird bei uns? Unter die
werte Zunge damit, auf sieben Minuten, viermal am Tag, und
gut die geschätzten Lippen drum schließen. Adieu, Menschenskind! Wünsche gute Ergebnisse!" Und sie war aus dem
Zimmer.
Hans Castorp, der sich verbeugt hatte, stand am Tische
und sah auf die Tür, durch die sie verschwunden war, und auf
das Instrument, das sie zurückgelassen. "Das war nun die
Oberin von Mylendonk", dachte er. "Settembrini mag sie
nicht, und wahr ist es, sie hat ihre Unannehmlichkeiten. Das
Gerstenkorn ist nicht schön, übrigens hat sie es ja wohl nicht
immer. Aber warum nennt sie mich immer 'Menschenskind',
noch dazu mit einem s in der Mitte? Es ist burschikos und
sonderbar. Und da hat sie mir nun ein Thermometer verkauft,
sie hat immer ein paar in der Tasche. Es soll ja hier überall
welche geben, in allen Läden, auch da, wo man es gar nicht
erwarten sollte, Joachim sagte es. Aber ich habe mich nicht zu
bemühen brauchen, es ist mir von selbst in den Schoß gefal-
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THOMAS MANN
len." Er nahm das zierliche Gerät aus dem Futteral, betrachtete es und ging dann mehrmals in Unruhe damit durch das
Zimmer. Sein Herz klopfte rasch und stark. Er sah sich nach
der offenen Balkontür um und machte eine Bewegung gegen
die Zimmertür, aus dem Antrie-be, Joachim aufzusuchen, unterließ es aber dann und blieb wie-der am Tische stehen, indem er sich räusperte, um die Dumpf-heit seiner Stimme zu
prüfen. Hierauf hustete er. "Ja, ich muß nun sehn, ob ich
Schnupfenfieber habe", sagte er und führte rasch das Thermometer in den Mund, die Quecksilberspitze unter die Zunge, so daß das Instrument ihm schräg aufwärts zwi-schen den
Lippen hervorragte, die er fest darum schloß, um kei-ne Außenluft zuzulassen. Dann sah er nach seiner Armbanduhr: es
war sechs Minuten nach halb zehn. Und er begann, auf den
Ablauf von sieben Minuten zu warten.
"Keine überflüssige Sekunde", dachte er, "und keine zu
we-nig. Auf mich ist Verlaß, nach oben wie nach unten. Man
braucht es mir nicht mit einer Stummen Schwester zu vertau-schen, wie der Person, von der Settembrini erzählte, Ottilie Kneifer." Und er ging im Zimmer umher, das Instrument
mit der Zunge niederdrückend.
Die Zeit schlich, die Frist schien endlos. Erst zweiundeine-halbe Minute waren verstrichen, als er nach den Zeigern
sah, schon besorgt, er könnte den Augenblick verpassen. Er
tat tau-send Dinge, nahm Gegenstände auf und setzte sie nieder, trat auf den Balkon hinaus, ohne sich seinem Vetter bemerklich zu machen, überblickte die Landschaft, dies Hochtal, seinem Sinn schon urvertraut in allen Gestaltungen: mit
seinen Hörnern, Kammlinien und Wänden, mit der links
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vorgelagerten Kulisse des "Brembühl", dessen Rücken schräg
gegen den Ort abfiel und dessen Flanke der rauhe Mattenwald bedeckte, mit den Bergformationen zur Rechten, deren
Namen ihm ebenfalls ge-läufig geworden waren, und der Alteinwand, die das Tal, von hier aus gesehen, im Süden zu
schließen schien, – sah hinab auf die Wege und Beete der
Gartenplattform, die Felsengrotte, die Edeltanne, lauschte auf
ein Flüstern, das aus der Liegehalle drang, wo Kur gemacht
wurde, und wandte sich ins Zimmer zurück, wobei er die Lage
des Instrumentes im Munde zu verbessern suchte, um dann
wieder durch Vorrecken des Armes den Ärmel vom Handgelenk zu ziehen und den Unter-arm vor das Gesicht zu biegen.
Mit Mühe und Anstrengung, unter Schieben, Stoßen und
Fußtritten gleichsam, waren sechs Minuten vertrieben. Da er
nun aber, mitten im Zimmer ste-hend, ins Träumen verfiel
und seine Gedanken wandern ließ, so verhuschte die letzte
noch übrige ihm unvermerkt auf Katzenpfötchen, eine neue
Armbewegung offenbarte ihm ihr heimliches Entkommen,
und es war ein wenig spät, die achte lag schon zu einem Dritteile im Vergangenen, als er mit dem Gedanken, daß das
nichts schade, für das Ergebnis nichts ausmache und zu bedeuten habe, das Thermometer aus dem Munde riß und mit
verwirrten Augen darauf nie-derstarrte.
Er ward nicht unmittelbar klug aus seiner Angabe, der
Glanz des Quecksilbers fiel mit dem Lichtreflex des flachrunden Glas-mantels zusammen, die Säule schien bald ganz hoch
oben zu stehen, bald überhaupt nicht vorhanden zu sein, er
führte das Instrument nahe vor die Augen, drehte es hin und
her und er-kannte nichts. Endlich, nach einer glücklichen
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Wendung, wurde das Bild ihm deutlich, er hielt es fest und
bearbeitete es hastig mit dem Verstande. In der Tat, Merkurius hatte sich ausgedehnt, er hatte sich stark ausgedehnt, die
Säule war ziemlich hoch gestiegen, sie stand mehrere Zehntelstriche über der Grenze nor-maler Blutwärme, Hans Castorp hatte 37,6.
Am hellen Vormittag zwischen zehn und halb elf Uhr
37,6 – das war zuviel, es war "Temperatur", Fieber als Folge
einer In-fektion, für die er aufnahmelustig gewesen, und es
fragte sich nur, was für eine Art Infektion das war. 3 7,6 –
mehr hatte auch Joachim nicht, mehr hatte hier niemand, der
nicht als schwer-krank oder moribund das Bett hütete, weder
die Kleefeld mit dem Pneumothorax noch ... noch auch Madame Chauchat. Es war natürlich in seinem Falle wohl nicht
ganz das Rechte, – blo-ßes Schnupfenfieber, wie man es unten nannte. Aber genau zu unterscheiden und auseinanderzuhalten war das nicht, Hans Castorp bezweifelte, daß er diese Temperatur erst bekommen, seit er sich erkältet hatte, und
er mußte bedauern, Merkurius nicht schon früher befragt zu
haben, gleich anfangs, wie der Hofrat es ihm nahegelegt hatte.
Ganz vernünftig war dieser Ratschlag gewesen, das zeigte sich
nun, und Settembrini hatte völlig unrecht getan, so höhnisch
darüber in die Lüfte zu lachen, Settembrini mit der Republik
und dem schönen Stil. Hans Castorp verachte-te die Republik
und den schönen Stil, während er immer wie-der die Aussage
des Thermometers prüfte, die ihm mehrmals durch die Blendung verlorenging und die er dann durch eifriges Drehen
und Wenden des Instruments wieder herstellte: sie lau-tete
auf 37,6, und das am frühesten Vormittag!
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Seine Bewegung war mächtig. Er ging ein paarmal durch
das Zimmer, das Thermometer in der Hand, wobei er es jedoch waagerecht hielt, um nicht durch senkrechte Erschütterung eine Störung hervorzurufen, legte es dann mit aller Bewahrsamkeit auf die Waschtischplatte nieder und ging vorerst
einmal mit Paletot und Decken in die Liegekur. Sitzend warf
er die Decken um sich, wie er es gelernt hatte, von den Seiten
und von unten, eine nach der anderen, mit schon geübter
Hand, und lag dann still, die Stunde des zweiten Frühstücks
und Joachims Eintritt erwartend. Zuweilen lächelte er, und es
war, als lächle er jeman-dem zu. Zuweilen hob sich seine
Brust mit einem beklomme-nen Beben, und dann mußte er
husten, aus seiner katarrhali-schen Brust.
Joachim fand ihn noch liegend, als er um elf Uhr, nach
dem Tönen des Gongs, zu ihm herüberkam, um ihn zum
Frühstück abzuholen.
«Nun?» fragte er verwundert, indem er neben den Stuhl
trat ...
Hans Castorp schwieg noch eine Weile und sah vor sich
hin. Dann gab er zur Antwort:
"Ja, das Neueste ist also, daß ich etwas Temperatur habe."
"Was soll das heißen?" fragte Joachim. "Fühlst du dich
fieb-rig?"
Hans Castorp ließ wieder ein wenig auf die Antwort warten und gab hierauf mit einer gewissen Trägheit die folgende:
"Fiebrig, mein Lieber, fühle ich mich schon längst, schon
die ganze Zeit. Aber jetzt handelt es sich nicht um subjektive
Emp-findungen, sondern um eine exakte Feststellung. Ich habe mich gemessen."
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"Du hast dich gemessen?! Womit?!" rief Joachim erschrok-ken.
"Selbstverständlich mit einem Thermometer", antwortete
Hans Castorp nicht ohne Spott und Strenge. "Die Oberin hat
mir eines verkauft. Warum sie einen immer 'Menschenskind'
anredet, das weiß ich nicht; korrekt ist es nicht. Aber ein sehr
gutes Thermometer hat sie mir in aller Eile verkauft, und
wenn du dich überzeugen willst, wieviel es zeigt, so liegt es da
drin-nen auf dem Waschtisch. Es ist eine minimale Erhöhung."
Joachim machte kurz kehrt und ging ins Zimmer. Als er
zu-rückkehrte, sagte er zögernd:
"Ja, das sind 37 Komma 5½."
"Dann ist es etwas zurückgegangen!" versetzte Hans Castorp rasch. "Es waren sechs."
"Keinesfalls kann man das minimal nennen für den Vormit-tag", sagte Joachim. "Eine schöne Bescherung", sagte er
und stand an seines Vetters Lager, wie man eben vor einer
"schönen Bescherung" steht, die Arme in die Seiten gestemmt
und mit gesenktem Kopfe. "Du wirst ins Bett müssen."
Hans Castorp hatte darauf seine Antwort bereit.
"Ich sehe nicht ein", sagte er, "warum ich mich mit 37,6
ins Bett legen soll, wo doch du und so viele andere, die auch
nicht weniger haben, – wo ihr alle hier frei herumlauft."
"Das ist aber doch etwas anderes", sagte Joachim. "Bei dir
ist es akut und harmlos. Du hast Schnupfenfieber."
"Erstens", erwiderte Hans Castorp und teilte seine Rede
nun sogar in erstens und zweitens ein, "verstehe ich nicht,
warum man mit harmlosem Fieber – ich will einmal anneh-
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men, daß es so etwas gibt – , mit harmlosem Fieber das Bett
hüten muß, mit anderem aber nicht. Und zweitens sage ich
dir ja, daß der Schnupfen mich nicht heißer gemacht hat, als
ich schon vorher war. Ich stehe auf dem Standpunkt", schloß
er, "daß 37,6 gleich 37,6 ist. Könnt ihr damit herumlaufen,
kann ich es auch."
"Ich habe aber vier Wochen liegen müssen, als ich ankam", wandte Joachim ein; "und erst als sich zeigte, daß die
Tempera-tur durch Bettruhe nicht verschwand, durfte ich
aufstehen."
Hans Castorp lächelte.
"Nun und?" fragte er. "Ich denke, bei dir war es etwas ande-res? Mir scheint, du verwickelst dich in Widersprüche. Erst
un-terscheidest du, und dann stellst du gleich. Das ist doch
Schnickschnack ..."
Joachim drehte sich auf dem Absatz um, und als er sich
sei-nem Vetter wieder zukehrte, sah man, daß sein gebräuntes Ge-sicht noch eine Schattierung dunkler geworden war.
"Nein", sagte er, "ich stelle nicht gleich, du bist ein Konfu-sionsrat. Ich meine nur, du bist elend erkältet, man hört es
ja an deiner Stimme, und du solltest dich legen, um den Prozeß ab-zukürzen, da du nächste Woche nach Hause willst.
Wenn du aber nicht willst, – ich meine: wenn du dich nicht
legen willst, so kannst du es ja lassen. Ich mache dir keine
Vorschriften. Je-denfalls müssen wir jetzt zum Frühstück.
Mach, es ist über die Zeit!"
"Richtig. Los!" sagte Hans Castorp und warf die Decken
von sich. Er ging ins Zimmer, um sich mit der Bürste übers
Haar zu fahren, und während er es tat, sah Joachim noch ein-
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mal nach dem Thermometer auf dem Waschtisch, wobei Hans
Castorp ihn von weitem beobachtete. Dann gingen sie,
schweigend, und saßen wieder einmal an ihren Plätzen im
Speisesaal, wo es, wie immer um diese Stunde, weiß schimmerte vor lauter Milch.
Als die Zwergin das Kulmbacher Bier für Hans Castorp
brachte, lehnte er es mit ernstem Verzichte ab. Er trinke heute lieber kein Bier, trinke überhaupt nichts, nein danke sehr,
höch-stens einen Schluck Wasser. Das erregte Aufsehen. Wieso? Was für Neuerungen! Warum kein Bier? – Er habe ein
bißchen Temperatur, warf Hans Castorp hin. 37,6. Minimal.
Da drohten sie ihm mit den Zeigefingern, – es war sehr
son-derbar. Sie wurden schelmisch, legten den Kopf auf die
Seite, kniffen ein Auge zu und rührten die Zeigefinger in Höhe des Ohres, als kämen kecke, pikante Dinge an den Tag von
einem, der den Unschuldigen gespielt hatte. "Na, na, Sie", sagte die Lehrerin, und der Flaum ihrer Wangen rötete sich, indes sie lä-chelnd drohte. "Saubere Geschichten hört man, ausgelassene. Wart', wart', wart'." –"Ei, ei, ei", machte auch Frau
Stöhr und drohte mit ihrem kurzen und roten Stummel, indem sie ihn ne-ben die Nase hielt. "Tempus hat er, der Herr
Besuch. Sie sind mir einer, – der Rechte sind Sie mir, ein Bruder Lustig!" – Selbst die Großtante am oberen Tischende
drohte ihm scherz-haft und verschlagen zu, als die Nachricht
zu ihr drang; die hübsche Marusja, die ihm bisher kaum je Beachtung geschenkt, beugte sich gegen ihn vor und sah ihn,
das Apfelsinentüchlein gegen die Lippen gepreßt, mit ihren
kugelrunden braunen Au-– n an, indes sie drohte; auch Dr.
Blumenkohl, dem Frau Stöhr die Sache erzählte, konnte nicht
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umhin, sich der allgemeinen Gebärde anzuschließen, ohne
freilich Hans Castorp dabei anzu-sehen, und nur Miß Robinson zeigte sich teilnahmslos und ver-schlossenen Sinnes wie
immer. Joachim hielt mit anständiger Miene die Augen gesenkt.
Hans Castorp, geschmeichelt von so viel Neckerei, glaubte
hescheiden ablehnen zu müssen. "Nein, nein", sagte er, "Sie
ir-ren sich; mein Fall ist der denkbar harmloseste, ich habe
Schnupfen, Sie sehen: die Augen gehen mir über, meine Brust
ist verstockt, ich huste die halbe Nacht, es ist unangenehm
ge-nug ..." Aber sie nahmen seine Entschuldigungen nicht an,
sie lachten und winkten ihm mit den Händen ab, rufend: "Ja,
ja, ja, Flausen, Ausreden, Schnupfenfieber, kennen wir, kennen wir!" Uud dann forderten sie alle auf einmal, daß Hans
Castorp sich unverzüglich zur Untersuchung melde. Sie waren belebt von der Nachricht; unter den sieben Tischen war
an diesem während des Frühstücks die Unterhaltung am
muntersten. Frau Stöhr insbesondere, hochroten, störrischen
Gesichts über ihrer Halsrüsche und kleine Sprünge in der
Wangenhaut, legte eine fast wilde Gesprächigkeit an den Tag
und erging sich über die Vergnüglichkeit des Hustens, – ja, es
habe unbedingt eine un-terhaltliche und genußreiche Bewandtnis damit, wenn in den Gründen der Brust der Kitzel
sich mehre und wachse und man mit Krampf und Pressung so
recht tief hinunterlange, um dem Reiz zu genügen: ein ähnlicher Spaß sei das wie das Niesen, wenn die Luft dazu gewaltig
anschwelle und unwiderstehlich werde und man mit berauschter Miene ein paarmal stürmisch aus – und einatme,
sich wonnig ergäbe und über den gesegneten Ausbruch die
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ganze Welt vergäße. Und manchmal komme es zwei-, dreimal
hintereinander. Das seien kostenfreie Genüsse des Lebens,
wie beispielsweise auch noch, sich im Frühling die Frostbeulen zu kratzen, wenn sie so süßlich juckten, – sich so recht
innig und grausam zu kratzen bis aufs Blut in Wut und Vergnügen, und wenn man zufällig in den Spiegel sähe dabei,
dann sähe man eine Teufelsfratze.
So schauderhaft eingehend redete die ungebildete Stöhr,
bis die kurze, wenn auch reichhaltige Zwischenmahlzeit beendigt war und die Vettern ihren zweiten Vormittagsgang
antraten, den Gang hinunter nach Platz Davos. Joachim war
in sich ge-kehrt unterwegs, und Hans Castorp ächzte vor
Schnupfen und räusperte sich aus rostiger Brust. Auf dem
Heimwege sagte Joachim:
"Ich mache dir einen Vorschlag. Heute ist Freitag, – morgen nach Tische habe ich Monatsuntersuchung. Es ist keine
General-untersuchung, aber Behrens klopft mich ein bißchen
ab und läßt Krokowski ein paar Notizen machen. Da könntest du mitkom-men und bitten, dich auch bei der Gelegenheit rasch zu behor-chen. Es ist ja lächerlich, – wenn du zu
Hause wärst, du ließest Heidekind kommen. Und hier, wo
zwei Spezialisten im Hause sind, läufst du herum und weißt
nicht, woran du bist, und wie tief es sitzt bei dir, und ob du
nicht besser tätest, dich hinzule-gen."
"Schön", sagte Hans Castorp. "Wie du meinst. Natürlich,
so kann ich es machen. Und es ist ja auch interessant für mich,
mal einer Untersuchung beizuwohnen."
So kamen sie überein; und als sie hinauf vor das Sanatorium gelangten, wollte es der Zufall, daß sie mit Hofrat Beh-
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