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Der Zauberberg. Vol. 1

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DER ZAUBERBERG
mit den Augen, und zwar recht rücksichtslos und ohne Ver­schämtheit, von oben bis unten, wandte aber, herangekom­men, gleichgültig das Gesicht ab und ging so vorüber, so daß das Ergebnis dieses Zusammentreffens nicht hoch zu veran­schlagen war. Beim 1 zweitenmal aber sah sie ihn an, und nicht nur von weitem, – die ganze Zeit sah sie ihn an, 'wäh­rend des ganzen Vorganges, blick-te ihm fest und sogar etwas finster in das Gesicht und drehte im Vorübergehen sogar noch den Kopf nach ihm, – es ging dem ar-men Hans Castorp durch Mark und Bein. Übrigens sollte man ihn nicht bedau­ern, da er es nicht anders gewollt und alles selbst in die Wege geleitet hatte. Aber die Begegnung ergriff ihn ge-waltig, so­wohl während sie sich abspielte wie namentlich noch nach­träglich; denn erst als alles vorüber war, sah er recht deut-lich, wie es gewesen. Noch niemals hatte er Frau Chauchats Ge­sicht so nahe, so in allen Einzelheiten klar erkennbar vor sich gehabt: er hatte die kurzen Härchen unterscheiden können, die sich aus dem Geflecht ihres blonden, ein wenig ins Metal­lisch-Rötliche spielenden und einfach um den Kopf geschlun­genen Zopfes lösten, und nur ein paar Handbreit Raum war gewesen zwischen seinem Gesicht und dem ihren in seiner wundersa-men, ihm aber von langer Hand her vertrauten Bil­dung, die ihm zusagte wie nichts in der Welt: einer Bildung, fremdartig und charaktervoll (denn nur das Fremde scheint uns Charakter zu haben), von nördlicher Exotik und geheim­nisreich, zur Er-gründung auffordernd, insofern ihre Merk­male und Verhältnis-se nicht leicht zu bestimmen waren. Das Entscheidende war wohl die Betontheit der hochsitzenden Wangenknochenpartie: sie bedrängte die ungewohnt flach,
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ungewohnt weit voneinan-der liegenden Augen und trieb sie ein wenig ins Schiefe, während sie zugleich die Ursache ab­gab für das weiche Konkav der Wangen, das wiederum, von seiner Seite und mittelbar, die leicht aufgeworfene Üppigkeit der Lippen bewirkte. Dann aber waren da namentlich die Au­gen selbst gewesen, diese schmal und (so fand Hans Castorp) schlechthin zauberhaft geschnitte-nen Kirgisenaugen, deren Farbe das Graublau oder Blaugrau fer-ner Berge war, und die sich zuweilen, bei einem gewissen Sei-tenblick, der nicht zum Sehen diente, auf eine schmelzende Weise völlig ins Schleie­rig-Nächtige verdunkeln konnten, – Clawdias Augen, die ihn rücksichtslos und etwas finster aus nächster Nähe betrachtet hatten und nach Stellung, Farbe, Aus-druck denen Pribislav Hippes so auffallend und erschreckend ähnlich waren! "Ähn­lich" war gar nicht das richtige Wort, – es waren dieselben Augen; und auch die Breite der oberen Ge-sichtshälfte, die eingedrückte Nase, alles, bis auf die gerötete Weiße der Haut, die gesunde Farbe der Wangen, die bei Frau Chauchat ja aber Gesundheit nur vortäuschte und, wie bei allen liier oben, nichts als ein oberflächliches Erzeugnis der Liegekur im Frei­en war, – alles war ganz wie bei Pribislav, und nicht anders hatte dieser ihn angesehen, wenn sie auf dem Schulhof an-ei­nander vorübergingen.
Das war erschütternd in jedem Sinn; Hans Castorp war be-geistert von der Begegnung, und zugleich spürte er etwas wie aufsteigende Angst, eine Beklemmung derselben Art, wie das Eingesperrtsein mit dem günstigen Ungefähr auf engem Raum ihm verursachte: auch dies, daß der längst vergessene Pribislav ihm hier oben als Frau Chauchat wieder begegnete
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und ihn mit Kirgisenaugen ansah, war wie ein Eingesperrt­sein mit Unum-gänglichem oder Unentrinnbarem, – in be­glückendem und ängstlichem Sinn Unentrinnbarem. Es war hoffnungsreich und zugleich auch unheimlich, ja bedrohlich, und ein Gefühl der Hilfsbedürftigkeit kam den jungen Hans Castorp an, – in seinem Inneren vollzogen sich unbestimmte und instinktmäßige Bewegungen, die man als ein Sichumse­hen, als ein Tasten und Suchen nach Hilfe, nach Rat und Stütze hätte ansprechen mö-gen; er dachte nacheinander an verschiedene Personen, an die ZU denken etwa zuträglich sein mochte.
Da war Joachim, der gute, ehrenfeste Joachim an seiner Sei –, dessen Augen in diesen Monaten einen so traurigen Aus-druck angenommen, und der zuweilen so wegwer­fend-heftig mit den Achseln zuckte, wie er es früher nie und nimmer getan, Joachim mit dem "Blauen Heinrich" in der Ta­sche, wie Frau Stöhr dies Gerät zu bezeichnen pflegte: mit ei­nem so störrisch schamlosen Gesicht, daß es Hans Castorp je­desmal in der Seele entsetzte ... Der redliche Joachim also war da, der Hofrat Beh-rens tirrte und plagte, um fortzukommen und in der "Ebene" oder im "Flachlande", wie man hier die Welt der Gesunden mit einem leisen, aber deutlichen Akzent von Geringschätzung nannte, seinen ersehnten Dienst tun zu können. Damit er schneller dazu gelange und Zeit spare, mit der man hier so ver-schwenderisch umging, hielt er denn vorerst einmal mit aller Gewissenhaftigkeit den Kurdienst ein, – tat es um seiner baldi-gen Genesung willen, ohne Fra­ge, aber, wie Hans Castorp manchmal zu spüren glaubte, ein wenig doch auch um des Kur-dienstes willen, der am Ende ein
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Dienst war wie ein anderer, und Pflichterfüllung war Pflicht­erfüllung. So drängte denn Joachim abends schon nach einer Viertelstunde aus der Geselligkeit fort in die Liegekur, und das war gut, denn seine militärische Genauigkeit kam dem zi­vilen Sinn Hans Castorps gewisserma-ßen zu Hilfe, der sich sonst wohl, sinn – und aussichtsloserweise, gern noch des längeren an der Geselligkeit beteiligt hätte, mit Aussicht auf den kleinen Russensalon. Daß aber Joachim so dringlich dar­auf bedacht war, die Abendgeselligkeit abzukürzen, das hatte noch einen anderen, verschwiegenen Grund, auf den sich Hans Castorp genau verstand, seit er Joachims fleckiges Er-blassen und jene eigentümlich klägliche Art, in der sein Mund sich in gewissen Augenblicken verzerrte, so genau ver­stehen ge-lernt hatte. Denn auch Marusja, die ewig lachlusti­ge Marusja mit dem kleinen Rubin an ihrem schönen Finger, dem Apfelsi-nenparfüm und der hohen, wurmstichigen Brust war ja bei der Geselligkeit meistens zugegen, und Hans Cas­torp begriff, daß dieser Umstand Joachim forttrieb, weil er ihn allzusehr, auf ei-ne schreckliche Weise anzog. War auch Joachim "eingesperrt", – noch enger und beklemmender so­gar als er selbst, da ja Marusja mit ihrem Apfelsinentüchlein zu allem Überfluß auch noch fünfmal am Tage mit ihnen zu­sammen an demselben Eßtisch saß? Jedenfalls hatte Joachim viel zuviel mit sich selbst zu tun, als daß sein Dasein eigent­lich innerlich hilfreich für Hans Castorp hätte sein können. Seine tägliche Flucht aus der Geselligkeit wirkte zwar ehren­haft, aber nichts weniger als beruhigend auf diesen, und dann kam es ihm augenblicksweise auch vor, als ob Joachims gutes Beispiel in bezug auf die Pflichttreue im Kurdienst, die kundi-
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ge Anleitung dazu, die er ihm zuteil wer-den ließ, ihr Bedenk­liches hätten.
Hans Castorp war noch nicht zwei Wochen an Ort und Stel-le, aber es schien ihm länger, und die Tagesordnung De­rer hier oben, die Joachim an seiner Seite so dienstfromm be­obachtete, hatte angefangen, in seinen Augen das Gepräge einer heilig-selbstverständlichen Unverbrüchlichkeit anzu­nehmen, so daß ihm das Leben im Flachlande drunten, von hier gesehen, fast sonderbar und verkehrt erschien. Schon hatte er in der Handha-bung der beiden Decken, mit denen man bei kalter Witterung in der Liegekur ein ebenmäßig Pa­ket, eine richtige Mumie aus sich machte, schöne Gewandt­heit gewonnen; es fehlte nicht viel, so tat er es Joachim gleich in der sicheren Fertigkeit und Kunst, sie vorschriftsmäßig um sich zu schlagen, und fast mußte er sich wundern bei dem Gedanken, daß in der Ebene drunten niemand etwas von dieser Kunst und Vorschrift wußte. Ja, das war wunder­lich; – aber zugleich wunderte sich Hans Castorp darüber, daß er es wunderlich fand, und jene Unruhe, die ihn inner­lich nach Rat und Stütze sich umsehen ließ, stieg neu­er-dings in ihm auf.
Er mußte an Hofrat Behrens denken und an seinen sine pe-cunia erteilten Rat, ganz so zu leben wie die Patienten­schaft und sich sogar auch zu messen, – und an Settembrini, der über diesen Rat so laut in die Luft hinein gelacht und dann etwas aus der "Zauberflöte" zitiert hatte. Ja, auch an diese beiden dachte er probeweise, um zu sehen, ob es ihm gut täte. Hofrat Behrens war ja ein weißhaariger Mann, er hätte Hans Castorps Vater sein können. Dazu war er Vorste-
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her der Anstalt, die höchste Autori-tät, – und väterliche Au­torität war es, wonach der junge Hans Castorp ein unruhiges Herzensbedürfnis empfand. Und doch wollte es ihm nicht gelingen, wenn er es versuchte, des Hofrats mit kindlichem Vertrauen zu gedenken. Er hatte hier seine Frau begraben, ein Kummer, von dem er vorübergehend etwas wunderlich geworden war, und dann war er am Orte geblieben, weil das Grab ihn band, und außerdem weil er selbst etwas ab-bekom­men hatte. War es nun vorbei damit? War er gesund und un­zweideutig gesonnen, die Leute gesund zu machen, damit sie recht bald ins Flachland zurückkehren und Dienst tun könnten? Seine Backen waren beständig blau, und eigentlich sah er aus, als hätte er Übertemperatur. Aber das mochte auf Täuschung be-ruhen und nur die Luft schuld sein an dieser Gesichtsfarbe: I [ans Castorp selber spürte hier j a tagein, taugaus eine trockene Hitze, ohne Fieber zu haben, soweit er es ohne Thermometer beurteilen konnte. Zwar, wenn man den Hofrat reden hörte, konnte man wieder zuweilen an Übertemperatur glauben; es war nicht ganz richtig mit sei­ner Redeweise: sie klang so forsch und fidel und gemütlich, aber es war etwas Sonderbares darin, etwas Exaltiertes, be­sonders wenn man die blauen Backen mit in Betracht zog, so­wie die tränenden Augen, die aussahen, als weine er immer noch über seine Frau. Hans Castorp erinnerte sich dessen, was Settembrini über des Hofrats "Schwermut" und "Laster­haftigkeit" ausgesagt, und daß er ihn eine "verworrene Seele" genannt hatte. Das mochte Bosheit sein und Windbeute-lei; aber er fand trotzdem, daß es nicht sonderlich stärkend sei, an Hofrat Behrens zu denken.
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Aber da war denn freilich noch dieser Settembrini selbst, der Oppositionsmann, Windbeutel und "homo humanus", wie er sich selber nannte, der es ihm mit vielen prallen Wor­ten ver-wiesen hatte, Krankheit und Dummheit zusammen einen Wi-derspruch und ein Dilemma für das menschliche Gefühl zu nennen. Wie stand es mit ihm? Und war es zuträg­lich, an ihn zu denken? Hans Castorp erinnerte sich wohl, wie er in mehreren der übermäßig lebhaften Träume, die hier oben seine Nächte erfüllten, Ärgernis genommen an dem fei­nen, trockenen Lä-cheln des Italieners, das sich unter der schönen Rundung seines Schnurrbartes kräuselte, wie er ihn einen Drehorgelmann ge-scholten und ihn wegzudrängen versucht hatte, weil er hier störe. Aber das war im Traum ge­wesen, und der wachende Hans Castorp war ein anderer, we­niger ungehemmt als der des Trau-mes. Im Wachen mochte es etwas anderes sein, – vielleicht tat er gut daran, es inner­lich mit Settembrinis neuartigem Wesen zu versuchen, – mit seiner Aufsässigkeit und Kritik, obgleich sie larmoyant und geschwätzig war. Er selbst hatte sich ja einen Pädagogen ge­nannt; offenbar wünschte er Einfluß zu nehmen; und den jungen Hans Castorp verlangte es herzlich, beeinflußt zu werden, – was ja freilich so weit nicht zu gehen brauchte, daß er sich von Settembrini bestimmen ließ, seinen Koffer zu pa­cken und vor der Zeit abzureisen, wie jener es neulich allen Ernstes in Vorschlag gebracht hatte.
Placet experiri, dachte er bei sich lächelnd, denn so viel La-tein verstand er auch noch, ohne sich einen homo huma­nus nennen zu dürfen. Und so hatte er denn ein Auge auf Settembrini und hörte bereitwillig und nicht ohne prüfende
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Aufmerk-samkeit auf das, was er alles zum besten gab bei Be­gegnungen, wie sie bei den gemessenen Kurpromenaden zur Bank an der Bergwand oder nach "Platz" hinab sich beiläufig ereigneten, oder bei anderer Gelegenheit, zum Beispiel, wenn Settembrini nach beendeter Mahlzeit sich als erster erhob und in seinen ka-rierten Beinkleidern, einen Zahnstocher zwischen den Lippen, durch den Saal mit den sieben Tischen schlenderte, um gegen alle Vorschrift und Übung ein wenig am Tische der Vettern zu hospitieren. Er tat es, indem er in anmutiger Haltung, mit ge-kreuzten Füßen, Aufstellung nahm und mit dem Zahnstocher gestikulierend plauderte. Oder er zog auch einen Stuhl heran, nahm Platz an einer Ecke zwischen Hans Castorp und der Leh-rerin einerseits oder zwischen Hans Castorp und Miß Robinson andererseits und sah zu, wie die neun lischgenossen ihren Nachtisch verzehr­ten, auf den er verzichtet zu haben schien.
"Ich bitte um Zutritt in diesen edlen Kreis", sagte er, in­dem er den Vettern die Hand schüttelte und die übrigen Per­sonen mit einer Verbeugung umfaßte. "Dieser Bierbrauer dort drü-ben ... von dem verzweiflungsvollen Anblick der Bierbrauerin zu schweigen. Aber dieser Herr Magnus, – so­eben hat er einen völkerpsychologischen Vortrag gehalten. Wollen Sie hören? 'Unser liebes Deutschland ist eine große Kaserne, gewiß. Aber es steckt viel Tüchtigkeit dahinter, und ich tausche unsere Ge-– egenheit für die Höflichkeit der an­dern nicht ein. Was hilft mir alle Höflichkeit, wenn ich vorn und hinten betrogen werde in diesem Stile. Ich bin am Rand meiner Kräfte. Dann sitzt da mir gegenüber ein armes Wesen mit Friedhofsrosen auf den Hacken, eine alte Jungfer aus Sie-
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benbürgen, die ohne Unterbre-chung von ihrem 'Schwager' spricht, einem Menschen, von dem niemand etwas weiß, noch wissen will. Kurzum, ich kann nicht mehr, ich habe mich aus dem Staub gemacht."
"Fluchtartig haben Sie das Panier ergriffen", sagte Frau Stöhr, "das kann ich mir denken."
"Exakt!" rief Settembrini. "Das Panier! Ich sehe, hier weht ein anderer Wind, – kein Zweifel, ich bin vor die rechte Schmiede gekommen. Fluchtartig also ergriff ich es ... Wer so seine Worte zu setzen wüßte! – Darf ich mich nach den Fort-schritten Ihrer Gesundheit erkundigen, Frau Stöhr?"
Es war entsetzlich, wie Frau Stöhr sich zierte. "Großer Gott", sagte sie, "es ist immer dasselbe, der Herr wissen ja selbst. Man tut zwei Schritte vorwärts und drei zurück, – hat man fünf Mo-nate abgesessen, so kommt der Alte und legt ei­nem ein halbes Jahr zu. Ach, es sind Tantalusqualen. Man schiebt und schiebt, und glaubt man, oben zu sein ..."
"Oh, das ist schön von Ihnen! Sie gönnen dem armen Tan­talus endlich einige Abwechslung! Sie lassen ihn austausch­weise einmal den berühmten Marmor wälzen! Das nenne ich wahre Herzensgüte. Aber wie ist es, Madame, es gehen ge­heimnisvolle Dinge mit Ihnen vor. Man hat Geschichten von Doppelgänge-rei, Astralleibern ... Ich habe daran nicht ge­glaubt bisher, aber was sich mit Ihnen zuträgt, macht mich irre ..."
"Es scheint, der Herr will seine Ergötzlichkeit mit mir trei-ben." "Durchaus nicht! Ich denke nicht daran! Beruhigen Sie mich zuerst über gewisse dunkle Seiten Ihrer Existenz und wir werden von Ergötzlichkeit reden können! Ich mache
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mir ge-stern abend zwischen halb zehn und zehn Uhr ein wenig Bewe-gung im Garten, – ich blicke dabei die Balkons entlang – , das elektrische Lämpchen auf dem Ihren glüht durch das Dunkel. Sie befanden sich folglich in der Liegekur, nach Pflicht, Ver-nunft und Vorschrift. 'Da liegt unsere schö­ne Kranke', sage ich zu mir selbst, 'und beobachtet treulich die Verordnung, um bal-digst heimkehren zu können in die Arme des Herrn Stöhr.' Und vor wenigen Minuten, was höre ich? Daß Sie zu derselben Stunde im cinematógrafo (Herr Settembrini sprach das Wort italienisch aus, mit dem Akzent auf der vierten Silbe) – im cinematógrafo der Kurhausarka­den gesehen worden sind und her-nach noch in der Kondito­rei bei Süßwein und irgendwelchen Baisers, und zwar ..."
Die Stöhr wand sich in den Schultern, kicherte in ihre Serviette, stieß Joachim Ziemßen und den stillen Dr. Blumen­kohl mit den Ellenbogen in die Seiten, zwinkerte listig-ver­traulich und gab auf alle Weise eine stockdumme Selbstgefäl­ligkeit zu erkennen. Sie pflegte abends zur Täuschung der Aufsicht ihr brennendes Tischlämpchen auf den Balkon hin­auszustellen, sich heimlich davonzumachen und drunten im Englischen Viertel ihrer Zerstreuung nachzugehen. Ihr Mann wartete in Cannstatt auf sie. Übrigens war sie nicht der einzige Patient, der diese Praktik übte.
" ... und zwar", fuhr Settembrini fort, "hätten Sie diese Bai­sers – in wessen Gesellschaft gekostet? In der Gesellschaft des Hauptmanns Miklosich aus Bukarest! Man versichert mir, er tra-ge ein Korsett, aber mein Gott, wie wenig fällt das hier ins Ge-wicht! Ich beschwöre Sie, Madame, wo waren Sie? Sie sind doppelt! Jedenfalls waren Sie eingeschlafen, und wäh-
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