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DER ZAUBERBERG
dreißig? Allerschlimmstenfalls sei sie achtundzwanzig. Und
was das Profil betraf, so verbot sie ihrem Tischnachbar, so etwas zu sagen. Clawdias Profil sei von der weichsten Jugendlichkeit und Süße, wenn es natürlich auch ein interessantes
Profil sei und nicht das irgendeiner gesunden Gans. Und zur
Strafe fügte Fräulein Engelhart ohne Pause hinzu, sie wisse,
daß Frau Chauhat öfters Herrenbesuch empfange, den Besuch eines in "Platz" wohnenden Landsmannes: sie empfange
ihn nachmittags auf ihrem Zimmer.
Das war gut gezielt. Hans Castorps Gesicht verzerrte sich
ge-gen alle Bemühung, und auch die auf "Was nicht gar"
und "Se-ile einer an" gestimmten Redensarten, mit denen er
die Eröff-nung zu behandeln versuchte, waren verzerrt. Unfähig, das Vor-handensein dieses Landsmannes auf die leichte Achsel zu neh-men, wie er sich anfangs den Anschein hatte geben wollen, kam er mit zuckenden Lippen beständig auf
ihn zurück. Ein jüngerer Mann? – Jung und ansehnlich,
nach allem, was sie höre, erwi-derte die Lehrerin; denn nach
eigenem Augenschein konnte sie nicht urteilen. – Krank? –
Höchstens leichtkrank! Er wolle hof-fen, sagte Hans Castorp
höhnisch, daß mehr Wasche an ihm zu sehen sei als bei den
Landsleuten am Schlechten Russentisch, – wofür die Engelhart, noch immer zur Strafe, einstehen zu wol-len erklärte.
Da gab er zu, es sei eine Angelegenheit, um die man sich
kümmern müsse, und beauftragte sie ernstlich, in Er-fahrung zu bringen, was es mit diesem aus – und eingehenden
Landsmann auf sich habe. Statt ihm aber Nachrichten hierüber zu bringen, wußte sie einige Tage später etwas völlig
Neues.
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Sie wußte, daß Clawdia Chauchat gemalt werde, porträtiert – und fragte Hans Castorp, ob er es auch wisse. Wenn
nicht, so könne er trotzdem überzeugt davon sein, sie habe es
aus sicher-ster Quelle. Seit längerem sitze sie hier im Hause
jemandem Modell zu ihrem Bildnis – und zwar wem? Dem
Hofrat! Herrn Hofrat Behrens, der sie zu diesem Zweck beinahe täglich in seiner Privatwohnung bei sich sehe.
Diese Kunde ergriff Castorp noch mehr als die vorige. Er
machte fortan viele verzerrte Späße darüber. Nun, gewiß, es
sei ja bekannt, daß der Hofrat in Öl male, – was die Lehrerin
denn wolle, das sei nicht verboten, und so stehe es jedermann
frei. In des Hofrats Witwerheim also? Hoffentlich sei wenigstens Fräu-lein von Mylendonk bei den Sitzungen anwesend. – Die habe wohl keine Zeit. –"Mehr Zeit als die Oberin
sollte auch Behrens nicht haben", sagte Hans Castorp streng.
Aber obgleich da-mit etwas Endgültiges über die Sache gesagt
schien, war er weit entfernt, sie fallen zu lassen, sondern erschöpfte sich in Fragen nach Näherem und Weiterem: über
das Bild, sein Format und ob es Kopf – oder Kniestück sei;
auch über die Stunde der Sitzungen, – während doch Fräulein Engelhart mit Einzelheiten auch hier nicht dienen konnte und ihn auf die Ergebnisse wei-terer Nachforschungen vertrösten mußte.
Hans Castorp maß 3 7,7 nach dem Empfang dieser Nachricht. Weit mehr noch, als die Besuche, die Frau Chauchat
empfing, schmerzten und beunruhigten ihn diejenigen, die sie
machte. Frau Chauchats Privat – und Eigenleben als solches
an und für sich und schon unabhängig von seinem Inhalt hatte angefangen, ihm Schmerz und Unruhe zu bereiten, und wie
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sehr mußte sich beides erst verschärfen, da ihm Mehrdeutigkeiten über diesen Inhalt zu Ohren kamen! Zwar schien es allgemein möglich, daß die Beziehungen des russischen Besuchers zu seiner Landsmän-nin nüchterner und harmloser
Natur waren; aber Hans Castorp war seit einiger Zeit geneigt,
Nüchternheit und Harmlosigkeit für Schnickschnack zu halten, – wie er sich denn auch nicht überwinden oder bereden
konnte, die Ölmalerei als Beziehung zwischen einem forsch
redenden Witwer und einer schmal-äugig-leisetreterischen
jungen Frau für etwas anderes anzuse-hen. Der Geschmack,
den der Hofrat mit der Wahl seines Mo-dells bekundete, entsprach zu sehr seinem eigenen, als daß er hier an Nüchternheit hätte glauben können, worin ihn die Vor-stellung von
des Hofrats blauen Backen und seinen rot geäder-ten Quellaugen denn auch nur wenig unterstützte.
Eine Wahrnehmung, die er in diesen Tagen auf eigene
Hand und zufällig machte, wirkte in anderer Weise auf ihn
ein, obgleich es sich abermals um eine Bestätigung seines Geschmackes handelte. Es war da am querstehenden Tische der
Frau Salomon und des gefräßigen Schülers mit der Brille,
links von dem der Vettern, nächst der seitlichen Glastür, ein
Kranker, Mannheimer seiner Herkunft nach, wie Hans Castorp gehört hatte, etwa dreißigjährig, mit gelichtetem Haupthaar, kariösen Zähnen und einer zaghaften Redeweise, – derselbe, der zuweilen während der Abendgeselligkeit auf dem
Piano spielte, und zwar meistens den Hochzeitsmarsch aus
dem "Sommernachtstraum". Er sollte sehr fromm sein, wie es
begreiflicherweise nicht selten unter Denen hier oben der
Fall sei, so hatte Hans Castorp sagen hö-ren. Allsonntäglich
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sollte er den Gottesdienst drunten in "Platz" besuchen und in
der Liegekur andächtige Bücher lesen, Bücher mit einem
Kelch oder Palmzweig auf dem Vorderdeckel. Dieser nun, so
bemerkte Hans Castorp eines Tages, hatte seine Blicke ebendort, wo er selbst sie hatte, – hing mit ihnen an Madame
Chauchats schmiegsamer Person, und zwar auf eine Art, die
scheu und zudringlich bis zum Hündischen war. Nachdem
Hans Castorp es einmal beobachtet, konnte er nicht umhin,
es wieder Und wieder festzustellen. Er sah ihn abends im
Spielzimmer in-mitten der Gäste stehen, trübe verloren in
den Anblick der lieb-– hen, wenn auch schadhaften Frau, die
drüben im kleinen Sa-– n auf dem Sofa saß und mit der wollhaarigen Tamara (so hieß das humoristische Mädchen), mit
Dr. Blumenkohl und den konkaven und hängeschultrigen
Herren ihres Tisches plauderte; sah ihn sich abwenden, sich
herumdrücken und wieder langsam, mit seitlich gedrehten
Augäpfeln und kläglich geschürzter Oberlippe den Kopf über
die Schulter dorthin wenden. Er sah ihn sich verfärben und
nicht aufblicken, dann aber dennoch auf-blicken und gierig
schauen, wenn die Glastür fiel und Frau Chauchat zu ihrem
Platze glitt. Und mehrmals sah er, wie der Arme sich nach Tische zwischen Ausgang und Gutem Russen-tisch aufstellte,
um Frau Chauchat an sich vorübergehen zu las-sen und sie,
die seiner nicht achtete, aus unmittelbarer Nähe mit Augen
zu verschlingen, die bis zum Grunde mit Traurigkeit an-gefüllt waren.
Auch diese Entdeckung also setzte dem jungen Hans Castorp nicht wenig zu, obgleich die klägliche Schaubegier des
Mann-heimers ihn nicht in dem Sinne beunruhigen konnte,
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wie der Privatverkehr Clawdia Chauchats mit Hofrat Behrens, einem ihm an Alter, Person und Lebensstellung so übergeordneten Mann. Clawdia kümmerte sich gar nicht um den
Mannheimer, – es wäre Hans Castorps innerer Geschärftheit
nicht entgangen, wenn es der Fall gewesen wäre, und nicht
der widrige Stachel der Eifersucht war es also in diesem Falle,
den er in der Seele spürte. Aber er erprobte alle Empfindungen, die Rausch und Leidenschaft eben erproben, wenn sie in
der Außenwelt ihrer selbst ansichtig werden, und die das sonderbarste Gemisch aus Ekel – und Gemeinschaftsgefühlen
bilden. Unmöglich, alles zu ergründen und auseinanderzulegen, wenn wir von der Stelle kommen wollen. Auf jeden Fall
war es viel auf einmal für seine Verhältnisse, was auch die Beobachtung des Mannheimers dem armen Hans Castorp zu
durchkosten gab.
So vergingen die acht Tage bis zu Hans Castorps
Durch-leuchtung. Er hatte nicht gewußt, daß sie bis dahin
vergehen würden, aber als er eines Morgens beim Frühstück
durch die Oberin (sie hatte schon wieder ein Gerstenkorn, es
konnte nicht mehr dasselbe sein, offenbar war dies harmlose,
aber entstellen-de Leiden in ihrer Verfassung gelegen) den
Befehl erhielt, sich nachmittags im Laboratorium einzufinden, da waren sie eben vergangen. Zusammen mit seinem
Vetter sollte Hans Castorp sich stellen, eine halbe Stunde vor
dem Tee, denn auch von Joachim sollte bei dieser Gelegenheit wieder eine Innenansicht aufgenommen werden, – die
letzte mußte schon für veraltet gelten.
So hatten sie heute die große Nachmittagsliegekur um
drei-ßig Minuten abgekürzt, waren mit dem Schlage halb vier
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die steinerne Treppe in das falsche Kellergeschoß "hinab"-gestiegen und saßen zusammen in dem kleinen Warteraum, der
das Ordi-nationszimmer vom Durchleuchtungslaboratorium
trennte, – Joachim, dem nichts Neues bevorstand, in guter
Ruhe, Hans Castorp etwas fiebrig erwartungsvoll, da man bisher noch nie-mals Einblick in sein organisches Innenleben
genommen. Sie waren nicht allein: mehrere Gäste hatten, zerrissene illustrierte Zeitschriften auf den Knien, schon im
Zimmer gesessen, als sie eingetreten waren, und warteten mit
ihnen: ein reckenhafter junger Schwede, der im Speisesaal an
Settembrinis Tische saß, und von dem man sagte, er sei bei
seiner Ankunft im April so krank gewesen, daß man ihn
kaum habe aufnehmen wollen, nun aber habe er achtzig
Pfund zugenommen und sei im Be-griffe, als völlig geheilt
entlassen zu werden; ferner eine Frau vom Schlechten Russentisch, eine Mutter, selbst kümmerlich, mit ihrem noch
kümmerlicheren, langnäsigen und häßlichen Knaben namens Sascha. Diese Personen also warteten schon länger als
die Vettern; offenbar hatten sie in der Reihenfolge der Bestellungen den Vorrang vor ihnen, Verspätung schien ein-gerissen nebenan im Durchleuchtungsraum, und so stand kalter
Tee in Aussicht.
Im Laboratorium war man beschäftigt. Die Stimme des
Hof-rats war zu hören, der Anweisungen gab. Es war halb vier
Uhr oder etwas darüber, als die Tür sich öffnete, – ein technischer Assistent, der hier unten tätig war, öffnete sie – und
nur erst der schwedische Recke und Glückspilz eingelassen
wurde: offenbar hatte man seinen Vorgänger durch einen anderen Ausgang entlassen. Die Geschäfte wickelten sich nun
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schneller ab. Nach zehn Minuten schon hörte man den völlig
genesenen Skandina-vier, diese wandelnde Empfehlung des
Ortes und der Heilan-stalt, sich starken Schrittes über den
Korridor entfernen, und die russische Mutter nebst Sascha
wurde empfangen. Wiederum, wie schon beim Eintritt des
Schweden, bemerkte Hans Castorp, daß im Durchleuchtungsraum Halbdunkel, das heißt künstliches Halblicht herrschte, – gerade wie andererseits in Dr. Krokow-ikis analytischem
Kabinett. Die Fenster waren verhüllt, das Ta-geslicht abgesperrt, und ein paar elektrische Lampen brannten. Während
man aber Sascha und seine Mutter einließ und Hans Castorp
ihnen nachblickte, – gleichzeitig also hiermit ging die Korridortür auf, und der nächstbestellte Patient betrat den War-teraum, verfrüht, da Verspätung obwaltete, es war Madame
Chauchat.
Es war Clawdia Chauchat, die sich plötzlich im Zimmerchen befand; Hans Castorp erkannte sie mit aufgerissenen
Augen, in-dem er deutlich fühlte, wie das Blut ihm aus dem
Gesichte wich und sein Unterkiefer erschlaffte, so daß sein
Mund im Begriffe war, sich zu öffnen. Clawdias Eintritt hatte
sich so nebenbei, so unversehens vollzogen, – auf einmal teilte sie den engen Auf-enthalt mit den Vettern, nachdem sie
eben noch keineswegs da-gewesen. Joachim blickte rasch auf
Hans Castorp und schlug dann nicht nur die Augen nieder,
sondern nahm das illustrierte Blatt, das er schon fortgelegt
hatte, wieder vom Tisch und ver-barg sein Gesicht dahinter.
Hans Castorp fand nicht die Ent-schlußkraft, ein gleiches zu
tun. Nach dem Erblassen war er sehr rot geworden, und sein
Herz hämmerte.
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Frau Chauchat nahm bei der Tür zum Laboratorium in einem rundlichen kleinen Sessel mit stummelhaften, gleichsam
rudi-mentären Armlehnen Platz, schlug, zurückgelehnt,
leicht ein Bein über das andere und blickte ins Leere, wobei
ihre Pribis-lav-Augen, die durch das Bewußtsein, daß man sie
beobachtete, aus ihrer Blickrichtung nervös abgelenkt wurden, etwas schiel-ten. Sie trug einen weißen Sweater und einen blauen Rock und hielt ein Buch auf dem Schoß, einen
Leihbibliotheksband, wie es schien, während sie mit der Sohle
des am Boden stehenden Fußes leise aufpochte.
Schon nach anderthalb Minuten änderte sie ihre Haltung,
blickte um sich, stand auf mit einer Miene, als wisse sie nicht,
woran sie sei und wohin sie sich zu wenden habe – und begann zu sprechen. Sie fragte etwas, richtete eine Frage an Joachim, obgleich dieser in seine illustrierte Zeitung vertieft
schien, während Hans Castorp unbeschäftigt dasaß, – bildete
Worte mit ih-rem Munde und gab Stimme dazu aus ihrer weißen Kehle: es war die nicht tiefe, aber eine kleine Schärfe enthaltende, ange-nehm belegte Stimme, die Hans Castorp kannte – von langer Hand her kannte und einmal sogar aus
unmittelbarer Nähe ver-nommen hatte: damals, als mit dieser
Stimme für ihn selbst ge-sagt worden war: "Gern. Du mußt
ihn mir nach der Stunde aber bestimmt zurückgeben." Das
war jedoch fließender und bestimmter hingesprochen worden; jetzt kamen die Worte etwas schleppend und gebrochen,
die Sprechende hatte kein natürli-ches Anrecht darauf, sie
lieh sie nur, wie Hans Castorp sie schon ein paarmal hatte tun
hören, mit einer Art von Überlegenheits-gefühl, das aber von
demütigem Entzücken umwogt war. Eine Hand in der Tasche
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ihrer Wolljacke und die andere am Hinter-kopf, fragte Frau
Chauchat:
"Ich bitte, auf wieviel Uhr sind Sie bestellt?"
Und Joachim, der einen schnellen Blick auf seinen Vetter
ge-worfen hatte, antwortete, indem er sitzend die Absätze zusam-menzog:
"Auf halb vier Uhr."
Sie sprach wieder:
"Ich auf dreiviertel. Was gibt es denn? Es ist gleich vier. Es
sind Personen eben noch eingetreten, nicht wahr?"
"Ja, zwei Personen", antwortete Joachim. "Sie waren vor
uns an der Reihe. Der Dienst hat Verspätung. Es scheint, das
Ganze hat sich um eine halbe Stunde verschoben."
"Das ist unangenehm!" sagte sie und betastete nervös ihr
Haar.
"Eher", erwiderte Joachim. "Wir warten auch schon fast eine halbe Stunde."
So sprachen sie miteinander, und wie im Traum hörte
Hans Castorp zu. Daß Joachim mit Frau Chauchat sprach, war
beinahe dasselbe, wie wenn er selbst mit ihr gesprochen hätte, – wenn freilich auch wieder etwas ganz und gar anderes.
Das "Eher" hatte Hans Castorp beleidigt, es kam ihm frech
und mindestens befremdend gleichmütig vor in Anbetracht
der Umstände. Aber Joachim konnte am Ende so sprechen, –
er konnte überhaupt mit ihr sprechen und tat sich vielleicht
vor ihm noch etwas zugute darauf mit seinem kecken
"Eher", – ungefähr wie er selbst vor oachim und Settembrini
sich aufgespielt hatte, als man ihn ge-lragt, wie lange er zu
bleiben gedenke und er "drei Wochen" geantwortet hatte. An
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Joachim, obgleich er die Zeitung vor das Gesicht gehalten,
hatte sie sich gewandt mit ihrer Anrede, – ge-wiß weil er der
älter Eingesessene, ihr länger von Ansehen Be-kannte war;
aber doch auch aus jenem anderen Grunde, weil ein Verkehr
auf gesittetem Fuße, ein artikulierter Austausch in ih-rem
Falle am Platze war und nichts Wildes, Tiefes, Schreckliches
Und Geheimnisvolles zwischen ihnen waltete. Hätte jemand
Braunäugiges mit Rubinring und Orangenparfüm hier mit
ih-nen gewartet, so wäre es an ihm, Hans Castorp, gewesen,
das Wort zu führen und "Eher" zu sagen, – unabhängig und
rein, wie er ihr gegenüberstand. "Gewiß, eher unangenehm,
wertes Fräulein!" hätte er gesagt und vielleicht sein Taschentuch mit ei-nem Schwung aus der Brusttasche gezogen, um
sich zu schneu-zen. "Bitte, Geduld zu üben. Wir sind in keiner besseren Lage." Und Joachim hätte gestaunt über seine
Leichtlebigkeit, – wahr-scheinlich aber, ohne sich ernstlich
an seine Stelle zu wünschen. Nein, auch Hans Castorp war
nicht eifersüchtig auf Joachim, wie die Dinge lagen, obgleich
dieser es war, der mit Frau Chau-chat sprechen durfte. Er war
einverstanden damit, daß sie sich an ihn gewandt hatte; sie
hatte den Umständen Rechnung getra-gen, indem sie es tat,
und so zu erkennen gegeben, daß sie sich dieser Umstände
bewußt war ... Sein Herz hämmerte.
Nach der gelassenen Behandlung, die Frau Chauchat
durch Joachim erfahren, und in der Hans Castorp sogar etwas
wie eine leise Feindseligkeit auf Seiten des guten Joachim gegen die Mit-patientin gespürt hatte, eine Feindseligkeit, über
die er bei aller Erschütterung lächeln mußte, – versuchte
"Clawdia" einen Gang durch das Zimmer zu tun, doch fehlte
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