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Der Zauberberg. Vol. 1

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DER ZAUBERBERG
es an Raum dazu, und so nahm auch sie ein illustriertes Heft vom Tische und kehrte damit in den Sessel mit den rudimen­tären Armlehnen zurück. Hans Castorp saß und sah sie an, indem er die Kinnstüt-ze seines Großvaters nachahmte und so dem Alten wirklich lä-cherlich ähnlich sah. Da Frau Chauchat wieder ein Bein über das andere gelegt hatte, zeich­nete sich ihr Knie, ja, die ganze schlan-ke Linie ihres Beines unter dem blauen Tuchrock ab. Sie war nur von mittlerer Größe, einer in Hans Castorps Augen höchst angenehmen und richtigen Größe, aber verhältnismäßig, hoch-beinig und nicht breit in den Hüften. Sie saß nicht zurückge-lehnt, son­dern vorgebeugt, die gekreuzten Unterarme auf den Ober­schenkel des übergeschlagenen Beines gestützt, mit gerun-de­tem Rücken und vorfallenden Schultern, so daß die Nacken-wirbel hervortraten, ja, unter dem anliegenden Swea­ter beinahe das Rückgrat zu erkennen war und ihre Brust, die nicht so hoch und üppig entwickelt wie bei Marusja, sondern klein und mäd-chenhaft war, von beiden Seiten zusammen­gepreßt wurde. Plötzlich erinnerte sich Hans Castorp, daß auch sie hier in Er-wartung saß, durchleuchtet zu werden. Der Hofrat malte sie; er gab ihre äußere Erscheinung mit Öl und Farbstoffen auf der Leinwand wieder. Jetzt aber würde er im Halbdunkel Licht-strahlen auf sie lenken, die ihm das In­nere ihres Körpers bloß-legten. Und indem Hans Castorp dies dachte, wandte er mit einer ehrbaren Verfinsterung sei­ner Miene den Kopf beiseite, einem Ausdruck von Diskretion und Sittsamkeit, den vor sich selber anzunehmen ihm bei die­ser Vorstellung angemessen schien. Das Beisammensein zu dritt in dem Wartezimmerchen währ-te nicht lange. Man hat-
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te drinnen mit Sascha und seiner Mutter wohl nicht viel Fe­derlesens gemacht, man sputete sich, die Ver-spätung wieder einzuholen. Neuerdings öffnete der Techniker im weißen Kittel die Tür, Joachim warf aufstehend sein Zei-tungsblatt auf den Tisch zurück, und Hans Castorp folgte ihm, wenn auch nicht ohne inneres Zögern, zur Tür. Ritterliche Be-den­ken regten sich in ihm zusammen mit der Versuchung, den-noch auf gesittete Art zu Frau Chauchat zu sprechen und ihr den Vortritt anzubieten, vielleicht sogar auf Französisch, wenn es sich machen ließ, und hastig suchte er bei sich nach den Voka-beln, der Satzbildung. Aber er wußte nicht, ob sol­che Höflich-keiten hier ortsüblich waren, ob nicht die ange­setzte Reihenfol-ge hoch über Ritterlichkeiten erhaben war. Joachim mußte es wissen, und da er nicht Miene machte, vor der anwesenden Dame zurückzustehen, obgleich Hans Cas­torp ihn bewegt und dringlich anblickte, so folgte dieser ihm denn an Frau Chauchat vorbei, die nur flüchtig aus ihrer ge­bückten Haltung aufschaute, und durch die Tür ins Laborato­rium.
Er war zu benommen von dem, was er hinter sich ließ, von den Abenteuern der letzten zehn Minuten, als daß mit dem Übertritt in den Durchleuchtungsraum auch seine innere Ge-genwart sich sogleich hätte umstellen können. Er sah nichts oder nur sehr Allgemeines im künstlichen Halblicht. Er hörte Frau Chauchats angenehm verschleierte Stimme, mit der sie gesagt hatte: "Was gibt es denn ... Es sind Personen eben noch eingetreten ... Das ist unangenehm ...", und dieser Stimm-klang schauerte ihm als ein süßer Reiz den Rücken hinunter. Er sah ihr Knie unter dem Tuchrock sich abbilden,
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sah an ihrem gebeugten Nacken, unter dem kurzen rötlich­blonden Haar, das dort lose hing, ohne in die Zopffrisur auf­genommen worden zu sein, die Halswirbel hervortreten, und abermals überlief ihn der Schauder. Er sah Hofrat Behrens, abgewandt von den Eintreten-den, vor einem Schrank oder regalförmigen Einbau stehen und eine schwärzliche Platte betrachten, die er mit ausgestrecktem Arm gegen das matte Deckenlicht hielt. An ihm vorbei gingen sie tiefer in den Raum hinein, überholt von dem Gehilfen, der Vorbereitun­gen zu ihrer Behandlung und Abfertigung traf. Es roch eigen­tümlich hier. Eine Art von abgestandenem Ozon er-füllte die Atmosphäre. Zwischen den schwarzverhängten Fen-stern vorspringend, teilte der Einbau das Laboratorium in zwei un­gleiche Hälften. Man unterschied physikalische Apparate, Hohlgläser, Schaltbretter, aufrecht ragende Meßinstrumente, aber auch einen kameraartigen Kasten auf rollbarem Gestell, gläserne Diapositive, die reihenweise in die Wand eingelas­sen waren, – man wußte nicht, war man in dem Atelier eines Pho-tographen, einer Dunkelkammer oder einer Erfinder­werkstatt und technischen Hexenoffizin.
Joachim hatte ohne weiteres begonnen, seinen Oberkör­per freizumachen. Der Gehilfe, ein jüngerer, gedrungener und rot-bäckiger Eingeborener in weißem Kittel, wies Hans Castorp an, ein gleiches zu tun. Es gehe schnell, er sei sofort an der Rei-he ... Während Hans Castorp die Weste auszog, kam Behrens aus dem kleinen Abteil, wo er gestanden, in den geräumigeren herüber.
"Hallo!" sagte er. "Das sind ja unsere Dioskuren! Castorp und Pollux ... Bitte, Wehelaute zu unterdrücken! Warten Sie
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nur, gleich werden wir Sie alle beide durchschaut haben. Ich glaube, Sie haben Angst, Castorp, uns Ihr Inneres zu eröff­nen? Seien Sie ruhig, es geht ganz ästhetisch zu. Hier, haben Sie mei-ne Privatgalerie schon gesehen?" Und er zog Hans Castorp am Arm vor die Reihen der dunklen Gläser, hinter denen er knip-send Licht einschaltete. Da erhellten sie sich, zeigten ihre Bilder. Hans Castorp sah Gliedmaßen: Hände, Füße, Kniescheiben, Ober – und Unterschenkel, Arme und Beckenteile. Aber die rundliche Lebensform dieser Bruchstü­cke des Menschenleibes war schemenhaft und dunstig von Kontur; wie ein Nebel und bleicher Schein umgab sie unge­wiß ihren klar, minutiös und entschieden hervortretenden Kern, das Skelett.
"Sehr interessant", sagte Hans Castorp.
"Das ist allerdings interessant!" erwiderte der Hofrat. "Nütz-licher Anschauungsunterricht für junge Leute. Lichtanatomie, verstehen Sie, Triumph der Neuzeit. Das ist ein Frauenarm, Sie ersehen es aus seiner Niedlichkeit. Damit umfangen sie einen beim Schäferstündchen, verstehen Sie." Und er lachte, wobei seine Oberlippe mit dem gestutzten Schnurrbärtchen sich ein-seitig höher schürzte. Hans Castorp wandte sich zur Seite, dort-hin, wo Joachims Innenaufnahme sich vorbereitete.
Es geschah vor jenem Einbau, an dessen anderer Seite der Hofrat anfangs gestanden. Joachim hatte auf einer Art von Schu-stersessel vor einem Brett Platz genommen, gegen das er die Brust preßte, wobei er es außerdem mit den Armen um­schlang, und mit knetenden Bewegungen verbesserte der Ge­hilfe seine Stellung, indem er Joachims Schulter weiter nach
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vorn drückte, seinen Rücken massierte. Hierauf begab er sich hinter die Ka-mera, um, wie irgendein Photograph, gebückt, breitbeinig, die Ansicht zu prüfen, drückte seine Zufrieden­heit aus und mahnte Joachim, beiseite gehend, tief einzuat­men und, bis alles vor-über, die Luft anzuhalten. Joachims ge­rundeter Rücken dehnte sich und blieb stehen. In diesem Augenblick hatte der Gehilfe am Schaltbrett den nötigen Handgriff getan. Zwei Sekunden lang spielten fürchterliche Kräfte, deren Aufwand erforderlich war, um die Materie zu durchdringen, Ströme von Tausenden von Volt, von hundert­tausend, Hans Castorp glaubte sich zu erinnern. Kaum zum Zwecke gebändigt, suchten die Gewalten auf Nebenwegen sich Luft zu machen. Entladungen knallten wie Schüsse. Es knatterte blau am Meßapparat. Lange Blitze fuh-ren knis­ternd die Wand entlang. Irgendwo blickte ein rotes Licht, ei­nem Auge gleich, still und drohend in den Raum, und eine Phiole in Joachims Rücken füllte sich grün. Dann beruhig-te sich alles; die Lichterscheinungen verschwanden, und Joa­chim ließ seufzend den Atem aus. Es war geschehen.
"Nächster Delinquent!" sagte Behrens und stieß Hans Ca-slorp mit dem Ellenbogen. "Nur keine Müdigkeit vor­schützen! Sie kriegen ein Freiexemplar, Castorp. Dann kön­nen Sie noch Kindern und Enkeln die Geheimnisse Ihres Bu­sens an die Wand projizieren!"
Joachim war abgetreten; der Techniker wechselte die Plat­te. Hofrat Behrens unterwies den Neuling persönlich, wie er sich zu setzen, zu halten habe. "Umarmen!" sagte er. "Das Brett um-armen! Stellen Sie sich meinetwegen was darunter vor! Und gut die Brust andrücken, als ob Glücksempfindun-
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gen damit verbun-den wären! Recht so. Einatmen! Stillgehal­ten!" kommandierteer. "Bitte, recht freundlich!" Hans Castorp wartete blinzelnd, die Lunge voller Luft. Hinter ihm brach das Gewitter los, knisterte, knatterte, knallte und beruhigte sich. Das Objektiv hatte in sein Inneres geblickt.
Er stieg ab, verwirrt und betäubt von dem, was mit ihm ge-schehen, obgleich ja die Durchdringung ihm nicht im ge­ring-sten empfindlich geworden war. "Brav", sagte der Hof­rat. "Nun werden wir selbst sehen." Und schon hatte Joa­chim, bewandert wie er war, sich weiter hinbegeben, näher der Ausgangstür an einem Stativ Aufstellung genommen, im Rücken den weitläufig sich aufbauenden Apparat, auf dessen Rückenhöhe man eine halb mit Wasser gefüllte Glasblase mit Verdunstungsröhre ge-wahrte, vor sich, in Brusthöhe, ei­nen gerahmten Schirm, der an Rollzügen schwebte. Zu sei­ner Linken, inmitten eines Schalt-bretts und Instrumentari­ums, erhob sich eine rote Lampenglok-ke. Der Hofrat, vor dem hängenden Schirm auf einem Schemel reitend, entzün­dete sie. Das Deckenlicht erlosch, nur das Rubin-licht noch erhellte die Szene. Dann hob der Meister auch dieses mit kurzem Handgriff auf, und dichteste Finsternis hüllte die La­boranten ein.
"Erst müssen die Augen sich gewöhnen", hörte man den Hofrat im Dunkel sagen. "Ganz große Pupillen müssen wir erst kriegen, wie die Katzen, um zu sehen, was wir sehen wol­len. Das verstehen Sie ja wohl, daß wir es so ohne weiteres mit un-seren gewöhnlichen Tagaugen nicht ordentlich sehen könnten. Den hellen Tag mit seinen fidelen Bildern müssen wir uns erst mal aus dem Sinn schlagen zu dem Behuf."
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"Selbstredend", sagte Hans Castorp, der hinter des Hofrats Schulter stand, und schloß die Augen, da es ganz gleichgültig war, ob man sie offen hielt oder nicht, so schwarz war die Nacht. "Erst müssen wir uns mal die Augen mit Finsternis wa-schen, um so was zu sehen, das ist doch klar. Ich finde es sogar gut und richtig, daß wir uns vorher ein bißchen sam­meln, sozu-sagen in stillem Gebet. Ich stehe hier und habe die Augen ge-schlossen, es ist mir angenehm schläfrig zu Sinn. Aber wonach riecht es hier nur?"
"Sauerstoff", sagte der Hofrat. "Das ist Oxygen, was Sie in den Lüften spüren. Atmosphärisches Produkt des Stubenge­wit-ters, verstehen Sie mich ... Augen auf!" sagte er. "Jetzt fängt die Beschwörung an." Hans Castorp gehorchte eilig.
Man hörte das Umlegen eines Hebels. Ein Motor sprang auf und sang wütend in die Höhe, wurde aber durch einen neuen Handgriff zur Stetigkeit gebändigt. Der Fußboden beb­te gleich-mäßig. Das rote Lichtlein, länglich und senkrecht, blickte mit stillem Drohen herüber. Irgendwo knisterte ein Blitz. Und langsam, mit milchigem Schein, ein sich erhellen­des Fenster, trat aus dem Dunkel das bleiche Viereck des Leuchtschirms her-vor, vor welchem Hofrat Behrens auf sei­nem Schusterschemel ritt, die Schenkel gespreizt, die Fäuste daraufgestemmt, die Stumpfnase dicht an der Scheibe, die Einblick in eines Men-schen organisches Inneres gewährte.
"Sehen Sie, Jüngling?" fragte er ... Hans Castorp beugte sich über seine Schulter, hob aber noch einmal den Kopf, dorthin, wo im Dunkel Joachims Augen zu vermuten waren, die sanft und traurig blicken mochten, wie damals bei der Untersuchung, und fragte:
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"Du erlaubst doch?"
"Bitte, bitte", antwortete Joachim liberal aus seiner Fins­ternis. Und beim Schüttern des Erdbodens, im Knistern und Ru-moren der spielenden Kräfte spähte Hans Castorp ge­bückt durch das bleiche Fenster, spähte durch Joachims leeres Gebein. Der Brustknochen fiel mit dem Rückgrat zur dunk­len, knorpeligen Säule zusammen. Das vordere Rippengerüst wurde von dem des Kückens überschnitten, das blasser er­schien. Geschwungen zweigten oben die Schlüsselbeine nach beiden Seiten ab, und in der weichen Lichthülle der Flei­schesform zeigten sich dürr und scharf das Schulterskelett, der Ansatz von Joachims Oberarm-knochen. Es war hell im Brustraum, aber man unterschied ein Geäder, dunkle Flecke, ein schwärzliches Gekräusel.
"Klares Bild", sagte der Hofrat. "Das ist die anständige Ma-gerkeit, die militärische Jugend. Ich habe hier Wänste ge­habt, – undurchdringlich, beinahe nichts zu erkennen. Die Strahlen müßte man erst mal entdecken, die durch so eine Fettschicht ge-hen ... Dies hier ist saubere Arbeit. Sehen Sie das Zwerchfell?" sagte er und wies mit dem Finger auf den dunklen Bogen, der sich unten im Fenster hob und senkte ... "Sehen Sie die Buckel hier linkerseits, die Erhöhungen? Das ist die Rippenfellentzün-dung, die er mit fünfzehn Jahren hatte. Tief atmen!" komman-dierte er. "Tiefer! Ich sage rief!" Und Joachims Zwerchfell hob sich zitternd, so hoch es konn­te, Aufhellung war in den oberen Lungenteilen zu bemerken, aber der Hofrat war nicht befriedigt. "Ungenügend!" sagte er. "Sehen Sie die Hilusdrüsen? Sehen Sie die Verwachsungen? Sehen Sie die Kavernen hier? Da kommen die Gifte her, die
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ihn beschwipsen." Aber Hans Castorps Auf-merksamkeit war in Anspruch genommen von etwas Sackarti-gem, ungestalt Tierischem, dunkel hinter dem Mittelstamme Sichtbarem, und zwar größtenteils zur Rechten, vom Beschauer aus gese­hen, – das sich gleichmäßig ausdehnte und wieder zu-sam­menzog, ein wenig nach Art einer rudernden Qualle.
"Sehen Sie sein Herz?" fragte der Hofrat, indem er aber­mals die riesige Hand vom Schenkel löste und mit dem Zei­gefinger auf das pulsierende Gehänge wies ... Großer Gott, das war das Herz, Joachims ehrliebendes Herz, was Hans Castorp sah!
"Ich sehe dein Herz!" sagte er mit gepreßter Stimme.
"Bitte, bitte", antwortete Joachim wieder, und wahr­schein-lich lächelte er ergeben dort oben im Dunkeln. Aber der Hofrat gebot ihnen, zu schweigen und keine Empfind­samkeiten zu tauschen. Er studierte die Flecke und Linien, das schwarze Ge-kräusel im inneren Brustraum, während auch sein Mitspäher nicht müde wurde, Joachims Grabesgestalt und Totenbein zu betrachten, dies kahle Gerüst und spindel­dürre Memento. An-dacht und Schrecken erfüllten ihn. "Ja­wohl, jawohl, ich sehe", sagte er mehrmals. "Mein Gott, ich sehe!" Er hatte von einer Frau gehört, einer längst verstorbe­nen Verwandten von Tienap-pelscher Seite, – sie sollte mit einer schweren Gabe ausgestattet oder geschlagen gewesen sein, die sie in Demut getragen, und die darin bestanden hat­te, daß Leute, die baldigst sterben soll-ten, ihren Augen als Gerippe erschienen waren. So sah nun Hans Castorp den gu­ten Joachim, wenn auch mit Hilfe und auf Veranstaltung der physikalisch-optischen Wissenschaft, so daß es nichts zu be-
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deuten hatte und alles mit rechten Dingen zuging, zumal er Joachims Zustimmung ausdrücklich eingezogen. Den-noch wandelte Verständnis ihn an für die Melancholie im Schick­sal jener seherischen Tante. Heftig bewegt von dem, was er sah, oder eigentlich davon, daß er es sah, fühlte er sein Ge-müt von geheimen Zweifeln gestachelt, ob es rechte Dinge seien, mit denen dies zugehe, Zweifeln an der Erlaubtheit seines Schauens im schütternden, knisternden Dunkel; und die zer­ren-de Lust der Indiskretion mischte sich in seiner Brust mit Gefüh-len der Rührung und Frömmigkeit.
Aber wenige Minuten später stand er selbst im Gewitter am Pranger, während Joachim, wieder geschlossenen Leibes, sich ankleidete. Abermals spähte der Hofrat durch die mil­chige Scheibe, diesmal in Hans Castorps Inneres, und aus seinen halb-lauten Äußerungen, abgerissenen Schimpferei­en und Redensar-ten schien hervorzugehen, daß der Befund seinen Erwartungen entsprach. Er war dann noch so freund­lich, zu erlauben, daß der Patient seine eigene Hand durch den Leuchtschirm betrachte, da er dringend darum gebeten hatte. Und Hans Castorp sah, was zu sehen er hatte erwarten müssen, was aber eigentlich dem Men-schen zu sehen nicht bestimmt ist, und wovon auch er niemals gedacht hatte, daß ihm bestimmt sein könne, es zu sehen: er sah in sein eigenes Grab. Das spätere Geschäft der Verwesung sah er vorwegge­nommen durch die Kraft des Lichtes, das Fleisch, wor-in er wandelte, zersetzt, vertilgt, zu nichtigem Nebel gelöst, und tiarin das kleinlich gedrechselte Skelett seiner rechten Hand, um deren oberes Ringfingerglied sein Siegelring, vom Großvater her ihm vermacht, schwarz und lose schwebte:
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