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ivanov666
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Файл:Der Zauberberg. Vol. 1
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DER ZAUBERBERG
es an Raum dazu, und so nahm auch sie ein illustriertes Heft
vom Tische und kehrte damit in den Sessel mit den rudimentären Armlehnen zurück. Hans Castorp saß und sah sie an,
indem er die Kinnstüt-ze seines Großvaters nachahmte und
so dem Alten wirklich lä-cherlich ähnlich sah. Da Frau
Chauchat wieder ein Bein über das andere gelegt hatte, zeichnete sich ihr Knie, ja, die ganze schlan-ke Linie ihres Beines
unter dem blauen Tuchrock ab. Sie war nur von mittlerer
Größe, einer in Hans Castorps Augen höchst angenehmen
und richtigen Größe, aber verhältnismäßig, hoch-beinig und
nicht breit in den Hüften. Sie saß nicht zurückge-lehnt, sondern vorgebeugt, die gekreuzten Unterarme auf den Oberschenkel des übergeschlagenen Beines gestützt, mit gerun-detem Rücken und vorfallenden Schultern, so daß die
Nacken-wirbel hervortraten, ja, unter dem anliegenden Sweater beinahe das Rückgrat zu erkennen war und ihre Brust, die
nicht so hoch und üppig entwickelt wie bei Marusja, sondern
klein und mäd-chenhaft war, von beiden Seiten zusammengepreßt wurde. Plötzlich erinnerte sich Hans Castorp, daß
auch sie hier in Er-wartung saß, durchleuchtet zu werden.
Der Hofrat malte sie; er gab ihre äußere Erscheinung mit Öl
und Farbstoffen auf der Leinwand wieder. Jetzt aber würde er
im Halbdunkel Licht-strahlen auf sie lenken, die ihm das Innere ihres Körpers bloß-legten. Und indem Hans Castorp
dies dachte, wandte er mit einer ehrbaren Verfinsterung seiner Miene den Kopf beiseite, einem Ausdruck von Diskretion
und Sittsamkeit, den vor sich selber anzunehmen ihm bei dieser Vorstellung angemessen schien. Das Beisammensein zu
dritt in dem Wartezimmerchen währ-te nicht lange. Man hat-
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te drinnen mit Sascha und seiner Mutter wohl nicht viel Federlesens gemacht, man sputete sich, die Ver-spätung wieder
einzuholen. Neuerdings öffnete der Techniker im weißen
Kittel die Tür, Joachim warf aufstehend sein Zei-tungsblatt
auf den Tisch zurück, und Hans Castorp folgte ihm, wenn
auch nicht ohne inneres Zögern, zur Tür. Ritterliche Be-denken regten sich in ihm zusammen mit der Versuchung,
den-noch auf gesittete Art zu Frau Chauchat zu sprechen und
ihr den Vortritt anzubieten, vielleicht sogar auf Französisch,
wenn es sich machen ließ, und hastig suchte er bei sich nach
den Voka-beln, der Satzbildung. Aber er wußte nicht, ob solche Höflich-keiten hier ortsüblich waren, ob nicht die angesetzte Reihenfol-ge hoch über Ritterlichkeiten erhaben war.
Joachim mußte es wissen, und da er nicht Miene machte, vor
der anwesenden Dame zurückzustehen, obgleich Hans Castorp ihn bewegt und dringlich anblickte, so folgte dieser ihm
denn an Frau Chauchat vorbei, die nur flüchtig aus ihrer gebückten Haltung aufschaute, und durch die Tür ins Laboratorium.
Er war zu benommen von dem, was er hinter sich ließ, von
den Abenteuern der letzten zehn Minuten, als daß mit dem
Übertritt in den Durchleuchtungsraum auch seine innere
Ge-genwart sich sogleich hätte umstellen können. Er sah
nichts oder nur sehr Allgemeines im künstlichen Halblicht.
Er hörte Frau Chauchats angenehm verschleierte Stimme, mit
der sie gesagt hatte: "Was gibt es denn ... Es sind Personen eben
noch eingetreten ... Das ist unangenehm ...", und dieser
Stimm-klang schauerte ihm als ein süßer Reiz den Rücken
hinunter. Er sah ihr Knie unter dem Tuchrock sich abbilden,
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sah an ihrem gebeugten Nacken, unter dem kurzen rötlichblonden Haar, das dort lose hing, ohne in die Zopffrisur aufgenommen worden zu sein, die Halswirbel hervortreten, und
abermals überlief ihn der Schauder. Er sah Hofrat Behrens,
abgewandt von den Eintreten-den, vor einem Schrank oder
regalförmigen Einbau stehen und eine schwärzliche Platte
betrachten, die er mit ausgestrecktem Arm gegen das matte
Deckenlicht hielt. An ihm vorbei gingen sie tiefer in den
Raum hinein, überholt von dem Gehilfen, der Vorbereitungen zu ihrer Behandlung und Abfertigung traf. Es roch eigentümlich hier. Eine Art von abgestandenem Ozon er-füllte die
Atmosphäre. Zwischen den schwarzverhängten Fen-stern
vorspringend, teilte der Einbau das Laboratorium in zwei ungleiche Hälften. Man unterschied physikalische Apparate,
Hohlgläser, Schaltbretter, aufrecht ragende Meßinstrumente,
aber auch einen kameraartigen Kasten auf rollbarem Gestell,
gläserne Diapositive, die reihenweise in die Wand eingelassen waren, – man wußte nicht, war man in dem Atelier eines
Pho-tographen, einer Dunkelkammer oder einer Erfinderwerkstatt und technischen Hexenoffizin.
Joachim hatte ohne weiteres begonnen, seinen Oberkörper freizumachen. Der Gehilfe, ein jüngerer, gedrungener
und rot-bäckiger Eingeborener in weißem Kittel, wies Hans
Castorp an, ein gleiches zu tun. Es gehe schnell, er sei sofort
an der Rei-he ... Während Hans Castorp die Weste auszog,
kam Behrens aus dem kleinen Abteil, wo er gestanden, in den
geräumigeren herüber.
"Hallo!" sagte er. "Das sind ja unsere Dioskuren! Castorp
und Pollux ... Bitte, Wehelaute zu unterdrücken! Warten Sie
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nur, gleich werden wir Sie alle beide durchschaut haben. Ich
glaube, Sie haben Angst, Castorp, uns Ihr Inneres zu eröffnen? Seien Sie ruhig, es geht ganz ästhetisch zu. Hier, haben
Sie mei-ne Privatgalerie schon gesehen?" Und er zog Hans
Castorp am Arm vor die Reihen der dunklen Gläser, hinter
denen er knip-send Licht einschaltete. Da erhellten sie sich,
zeigten ihre Bilder. Hans Castorp sah Gliedmaßen: Hände,
Füße, Kniescheiben, Ober – und Unterschenkel, Arme und
Beckenteile. Aber die rundliche Lebensform dieser Bruchstücke des Menschenleibes war schemenhaft und dunstig von
Kontur; wie ein Nebel und bleicher Schein umgab sie ungewiß ihren klar, minutiös und entschieden hervortretenden
Kern, das Skelett.
"Sehr interessant", sagte Hans Castorp.
"Das ist allerdings interessant!" erwiderte der Hofrat.
"Nütz-licher Anschauungsunterricht für junge Leute.
Lichtanatomie, verstehen Sie, Triumph der Neuzeit. Das ist
ein Frauenarm, Sie ersehen es aus seiner Niedlichkeit. Damit
umfangen sie einen beim Schäferstündchen, verstehen Sie."
Und er lachte, wobei seine Oberlippe mit dem gestutzten
Schnurrbärtchen sich ein-seitig höher schürzte. Hans Castorp
wandte sich zur Seite, dort-hin, wo Joachims Innenaufnahme
sich vorbereitete.
Es geschah vor jenem Einbau, an dessen anderer Seite der
Hofrat anfangs gestanden. Joachim hatte auf einer Art von
Schu-stersessel vor einem Brett Platz genommen, gegen das er
die Brust preßte, wobei er es außerdem mit den Armen umschlang, und mit knetenden Bewegungen verbesserte der Gehilfe seine Stellung, indem er Joachims Schulter weiter nach
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vorn drückte, seinen Rücken massierte. Hierauf begab er sich
hinter die Ka-mera, um, wie irgendein Photograph, gebückt,
breitbeinig, die Ansicht zu prüfen, drückte seine Zufriedenheit aus und mahnte Joachim, beiseite gehend, tief einzuatmen und, bis alles vor-über, die Luft anzuhalten. Joachims gerundeter Rücken dehnte sich und blieb stehen. In diesem
Augenblick hatte der Gehilfe am Schaltbrett den nötigen
Handgriff getan. Zwei Sekunden lang spielten fürchterliche
Kräfte, deren Aufwand erforderlich war, um die Materie zu
durchdringen, Ströme von Tausenden von Volt, von hunderttausend, Hans Castorp glaubte sich zu erinnern. Kaum zum
Zwecke gebändigt, suchten die Gewalten auf Nebenwegen
sich Luft zu machen. Entladungen knallten wie Schüsse. Es
knatterte blau am Meßapparat. Lange Blitze fuh-ren knisternd die Wand entlang. Irgendwo blickte ein rotes Licht, einem Auge gleich, still und drohend in den Raum, und eine
Phiole in Joachims Rücken füllte sich grün. Dann beruhig-te
sich alles; die Lichterscheinungen verschwanden, und Joachim ließ seufzend den Atem aus. Es war geschehen.
"Nächster Delinquent!" sagte Behrens und stieß Hans
Ca-slorp mit dem Ellenbogen. "Nur keine Müdigkeit vorschützen! Sie kriegen ein Freiexemplar, Castorp. Dann können Sie noch Kindern und Enkeln die Geheimnisse Ihres Busens an die Wand projizieren!"
Joachim war abgetreten; der Techniker wechselte die Platte. Hofrat Behrens unterwies den Neuling persönlich, wie er
sich zu setzen, zu halten habe. "Umarmen!" sagte er. "Das
Brett um-armen! Stellen Sie sich meinetwegen was darunter
vor! Und gut die Brust andrücken, als ob Glücksempfindun-
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gen damit verbun-den wären! Recht so. Einatmen! Stillgehalten!" kommandierteer. "Bitte, recht freundlich!" Hans Castorp
wartete blinzelnd, die Lunge voller Luft. Hinter ihm brach
das Gewitter los, knisterte, knatterte, knallte und beruhigte
sich. Das Objektiv hatte in sein Inneres geblickt.
Er stieg ab, verwirrt und betäubt von dem, was mit ihm
ge-schehen, obgleich ja die Durchdringung ihm nicht im gering-sten empfindlich geworden war. "Brav", sagte der Hofrat. "Nun werden wir selbst sehen." Und schon hatte Joachim, bewandert wie er war, sich weiter hinbegeben, näher
der Ausgangstür an einem Stativ Aufstellung genommen, im
Rücken den weitläufig sich aufbauenden Apparat, auf dessen
Rückenhöhe man eine halb mit Wasser gefüllte Glasblase
mit Verdunstungsröhre ge-wahrte, vor sich, in Brusthöhe, einen gerahmten Schirm, der an Rollzügen schwebte. Zu seiner Linken, inmitten eines Schalt-bretts und Instrumentariums, erhob sich eine rote Lampenglok-ke. Der Hofrat, vor
dem hängenden Schirm auf einem Schemel reitend, entzündete sie. Das Deckenlicht erlosch, nur das Rubin-licht noch
erhellte die Szene. Dann hob der Meister auch dieses mit
kurzem Handgriff auf, und dichteste Finsternis hüllte die Laboranten ein.
"Erst müssen die Augen sich gewöhnen", hörte man den
Hofrat im Dunkel sagen. "Ganz große Pupillen müssen wir
erst kriegen, wie die Katzen, um zu sehen, was wir sehen wollen. Das verstehen Sie ja wohl, daß wir es so ohne weiteres mit
un-seren gewöhnlichen Tagaugen nicht ordentlich sehen
könnten. Den hellen Tag mit seinen fidelen Bildern müssen
wir uns erst mal aus dem Sinn schlagen zu dem Behuf."
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"Selbstredend", sagte Hans Castorp, der hinter des Hofrats
Schulter stand, und schloß die Augen, da es ganz gleichgültig
war, ob man sie offen hielt oder nicht, so schwarz war die
Nacht. "Erst müssen wir uns mal die Augen mit Finsternis
wa-schen, um so was zu sehen, das ist doch klar. Ich finde es
sogar gut und richtig, daß wir uns vorher ein bißchen sammeln, sozu-sagen in stillem Gebet. Ich stehe hier und habe die
Augen ge-schlossen, es ist mir angenehm schläfrig zu Sinn.
Aber wonach riecht es hier nur?"
"Sauerstoff", sagte der Hofrat. "Das ist Oxygen, was Sie in
den Lüften spüren. Atmosphärisches Produkt des Stubengewit-ters, verstehen Sie mich ... Augen auf!" sagte er. "Jetzt fängt
die Beschwörung an." Hans Castorp gehorchte eilig.
Man hörte das Umlegen eines Hebels. Ein Motor sprang
auf und sang wütend in die Höhe, wurde aber durch einen
neuen Handgriff zur Stetigkeit gebändigt. Der Fußboden bebte gleich-mäßig. Das rote Lichtlein, länglich und senkrecht,
blickte mit stillem Drohen herüber. Irgendwo knisterte ein
Blitz. Und langsam, mit milchigem Schein, ein sich erhellendes Fenster, trat aus dem Dunkel das bleiche Viereck des
Leuchtschirms her-vor, vor welchem Hofrat Behrens auf seinem Schusterschemel ritt, die Schenkel gespreizt, die Fäuste
daraufgestemmt, die Stumpfnase dicht an der Scheibe, die
Einblick in eines Men-schen organisches Inneres gewährte.
"Sehen Sie, Jüngling?" fragte er ... Hans Castorp beugte
sich über seine Schulter, hob aber noch einmal den Kopf,
dorthin, wo im Dunkel Joachims Augen zu vermuten waren,
die sanft und traurig blicken mochten, wie damals bei der
Untersuchung, und fragte:
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"Du erlaubst doch?"
"Bitte, bitte", antwortete Joachim liberal aus seiner Finsternis. Und beim Schüttern des Erdbodens, im Knistern und
Ru-moren der spielenden Kräfte spähte Hans Castorp gebückt durch das bleiche Fenster, spähte durch Joachims leeres
Gebein. Der Brustknochen fiel mit dem Rückgrat zur dunklen, knorpeligen Säule zusammen. Das vordere Rippengerüst
wurde von dem des Kückens überschnitten, das blasser erschien. Geschwungen zweigten oben die Schlüsselbeine nach
beiden Seiten ab, und in der weichen Lichthülle der Fleischesform zeigten sich dürr und scharf das Schulterskelett,
der Ansatz von Joachims Oberarm-knochen. Es war hell im
Brustraum, aber man unterschied ein Geäder, dunkle Flecke,
ein schwärzliches Gekräusel.
"Klares Bild", sagte der Hofrat. "Das ist die anständige
Ma-gerkeit, die militärische Jugend. Ich habe hier Wänste gehabt, – undurchdringlich, beinahe nichts zu erkennen. Die
Strahlen müßte man erst mal entdecken, die durch so eine
Fettschicht ge-hen ... Dies hier ist saubere Arbeit. Sehen Sie
das Zwerchfell?" sagte er und wies mit dem Finger auf den
dunklen Bogen, der sich unten im Fenster hob und senkte ...
"Sehen Sie die Buckel hier linkerseits, die Erhöhungen? Das
ist die Rippenfellentzün-dung, die er mit fünfzehn Jahren
hatte. Tief atmen!" komman-dierte er. "Tiefer! Ich sage rief!"
Und Joachims Zwerchfell hob sich zitternd, so hoch es konnte, Aufhellung war in den oberen Lungenteilen zu bemerken,
aber der Hofrat war nicht befriedigt. "Ungenügend!" sagte er.
"Sehen Sie die Hilusdrüsen? Sehen Sie die Verwachsungen?
Sehen Sie die Kavernen hier? Da kommen die Gifte her, die
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ihn beschwipsen." Aber Hans Castorps Auf-merksamkeit war
in Anspruch genommen von etwas Sackarti-gem, ungestalt
Tierischem, dunkel hinter dem Mittelstamme Sichtbarem,
und zwar größtenteils zur Rechten, vom Beschauer aus gesehen, – das sich gleichmäßig ausdehnte und wieder zu-sammenzog, ein wenig nach Art einer rudernden Qualle.
"Sehen Sie sein Herz?" fragte der Hofrat, indem er abermals die riesige Hand vom Schenkel löste und mit dem Zeigefinger auf das pulsierende Gehänge wies ... Großer Gott,
das war das Herz, Joachims ehrliebendes Herz, was Hans
Castorp sah!
"Ich sehe dein Herz!" sagte er mit gepreßter Stimme.
"Bitte, bitte", antwortete Joachim wieder, und wahrschein-lich lächelte er ergeben dort oben im Dunkeln. Aber
der Hofrat gebot ihnen, zu schweigen und keine Empfindsamkeiten zu tauschen. Er studierte die Flecke und Linien, das
schwarze Ge-kräusel im inneren Brustraum, während auch
sein Mitspäher nicht müde wurde, Joachims Grabesgestalt
und Totenbein zu betrachten, dies kahle Gerüst und spindeldürre Memento. An-dacht und Schrecken erfüllten ihn. "Jawohl, jawohl, ich sehe", sagte er mehrmals. "Mein Gott, ich
sehe!" Er hatte von einer Frau gehört, einer längst verstorbenen Verwandten von Tienap-pelscher Seite, – sie sollte mit
einer schweren Gabe ausgestattet oder geschlagen gewesen
sein, die sie in Demut getragen, und die darin bestanden hatte, daß Leute, die baldigst sterben soll-ten, ihren Augen als
Gerippe erschienen waren. So sah nun Hans Castorp den guten Joachim, wenn auch mit Hilfe und auf Veranstaltung der
physikalisch-optischen Wissenschaft, so daß es nichts zu be-
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deuten hatte und alles mit rechten Dingen zuging, zumal er
Joachims Zustimmung ausdrücklich eingezogen. Den-noch
wandelte Verständnis ihn an für die Melancholie im Schicksal jener seherischen Tante. Heftig bewegt von dem, was er
sah, oder eigentlich davon, daß er es sah, fühlte er sein Ge-müt
von geheimen Zweifeln gestachelt, ob es rechte Dinge seien,
mit denen dies zugehe, Zweifeln an der Erlaubtheit seines
Schauens im schütternden, knisternden Dunkel; und die zerren-de Lust der Indiskretion mischte sich in seiner Brust mit
Gefüh-len der Rührung und Frömmigkeit.
Aber wenige Minuten später stand er selbst im Gewitter
am Pranger, während Joachim, wieder geschlossenen Leibes,
sich ankleidete. Abermals spähte der Hofrat durch die milchige Scheibe, diesmal in Hans Castorps Inneres, und aus
seinen halb-lauten Äußerungen, abgerissenen Schimpfereien und Redensar-ten schien hervorzugehen, daß der Befund
seinen Erwartungen entsprach. Er war dann noch so freundlich, zu erlauben, daß der Patient seine eigene Hand durch
den Leuchtschirm betrachte, da er dringend darum gebeten
hatte. Und Hans Castorp sah, was zu sehen er hatte erwarten
müssen, was aber eigentlich dem Men-schen zu sehen nicht
bestimmt ist, und wovon auch er niemals gedacht hatte, daß
ihm bestimmt sein könne, es zu sehen: er sah in sein eigenes
Grab. Das spätere Geschäft der Verwesung sah er vorweggenommen durch die Kraft des Lichtes, das Fleisch, wor-in er
wandelte, zersetzt, vertilgt, zu nichtigem Nebel gelöst, und
tiarin das kleinlich gedrechselte Skelett seiner rechten
Hand, um deren oberes Ringfingerglied sein Siegelring, vom
Großvater her ihm vermacht, schwarz und lose schwebte:
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