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Der Zauberberg. Vol. 1

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DER ZAUBERBERG
rens per-sönlich zusammentrafen und günstige Gelegenheit fanden, ste-henden Fußes ihr Anliegen vorzubringen.
Behrens kam aus dem Vorbau, lang und hochnackig, ei­nen steifen Hut auf dem Hinterkopf und eine Zigarre im Munde, blaubackig und quelläugig, so recht im Zuge der Tä­tigkeit, im Begriffe, seiner Privatpraxis nachzugehen, Besuche im Ort zu machen, nachdem er soeben im Operationssaal am Werke ge-wesen, wie er erklärte.
«Mahlzeit, die Herren!» sagte er. «Immer auf der Walze? War wohl fein in der großen Welt? Ich komme gerade von ei­nem ungleichen Zweikampf auf Messer und Knochensäge, – große Sache, wissen Sie, Rippenresektion. Früher blieben fünf­zig Pro-zent dabei auf dem Tisch des Hauses. Jetzt haben wir's besser raus, aber öfters muß man doch mortis causa vorzeitig einpak-ken. Na, der von heute konnte ja Spaß verstehen, blieb für den Augenblick ganz stramm bei der Stange... Doll, so ein Menschenthorax, der keiner mehr ist. Weichteil, wissen Sie, un-kleidsam, leichte Trübung der Idee, sozusagen. Na, und Sie? Was macht die werte Befindität? Ist wohl ein fidelerer Le­bens-wandel zu zweien, was, Ziemßen, alter Schlauberger? Wa­rum weinen Sie denn, Sie Vergnügungsreisender?" wandte er sich auf einmal an Hans Castorp. "Öffentliches Weinen ist hier nicht erlaubt. Hausordnungsverbot. Da könnte jeder kommen."
"Das ist mein Schnupfen, Herr Hofrat", antwortete Hans Castorp. "Ich weiß nicht, wie es möglich war, aber ich habe mir einen enormen Katarrh geholt. Husten habe ich auch, und ordent-lich auf der Brust liegt es mir."
"So?" sagte Behrens. "Dann sollten Sie mal einen verstän­di-gen Arzt zu Rate ziehen."
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Die beiden lachten, und Joachim antwortete, indem er die Absätze zusammenzog:
"Wir sind im Begriffe, Herr Hofrat. Ich habe ja morgen Untersuchung, und da wollten wir fragen, ob Sie die Güte hätten, auch meinen Vetter gleich einmal dranzunehmen. Es handelt sich darum, ob er Dienstag wird reisen können ..."
"M. w.!" sagte Behrens. "M. w. m. F.! Machen wir mit Ver­gnügen! Hätten wir längst mal machen sollen. Wenn man schon liier ist, soll man das immer mitnehmen. Aber man mag sich ja natürlich nicht aufdrängen. Also morgen um zwei, gleich wenn Sie von der Krippe kommen!"
"Denn ich habe nämlich auch etwas Fieber", merkte Hans Castorp noch an.
"Was Sie sagen!" rief Behrens. "Sie wollen mir wohl Neu­ig-keiten erzählen? Glauben Sie, ich habe keine Augen im Kopf?" Und er deutete mit dem gewaltigen Zeigefinger auf seine beiden blutunterlaufenen, blau quellenden, tränenden Augäpfel. "Wieviel ist es denn übrigens?"
Hans Castorp nannte bescheiden die Ziffer.
"Vormittags? Hm, nicht übel. Für den Anfang gar nicht so unbegabt. Na, also paarweise angetreten morgen um zwei! Soll mir eine Auszeichnung sein. Gesegnete Nahrungsauf­nahme!" Und mit krummen Knien und rudernden Händen begann er den abschüssigen Weg hinabzustapfen, indes eine Rauchfahne von seiner Zigarre rückwärts wehte.
"Das wäre also nach deinem Wunsche verabredet", sagte Hans Castorp. "Glücklicher konnte es sich ja gar nicht treffen, und nun bin ich gemeldet. Er wird ja weiter auch nicht viel tun können in der Sache, als mir vielleicht einen Lakritzensaft oder
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Brusttee verschreiben, aber angenehm ist es doch, ein bißchen ärztlichen Zuspruch zu haben, wenn man sich fühlt wie ich. Aber warum er nur immer so unmäßig forsch daherredet!" sag­te er. "Anfangs machte es mir Spaß, aber auf die Länge ist es mir unlieb. 'Gesegnete Nahrungsaufnahme'! Was für ein Kau­der-welsch. Man kann sagen: 'Gesegnete Mahlzeit'! denn 'Mahl-zeit' ist ein poetisches Wort sozusagen, wie 'tägliches Brot', und verträgt sich ganz gut mit 'gesegnet'. Aber 'Nah­rungsaufnahme' ist ja die reine Physiologie, und dazu Segen zu wünschen, das ist doch ein höhnisches Gerede. Ich sehe es auch nicht gern, wenn er raucht, es hat etwas Beängstigendes für mich, weil ich weiß, daß es ihm nicht bekommt und ihn melancholisch macht. Settembrini sagte von ihm, seine Lustig­keit sei gezwungen, und Settembrini ist ein Kritiker, ein Mann des Urteils, das muß man ihm lassen. Ich sollte vielleicht auch mehr urteilen und nicht al-les nehmen, wie es ist, er hat ganz recht. Aber manchmal fängt man mit Urteil und Tadel und ge­rechtem Ärgernis an, und dann kommt ganz anderes dazwi­schen, was mit Urteilen gar nichts zu tun hat, und dann ist es aus mit der Sittenstrenge, und die Repu-blik und der schöne Stil kommen einem auch nur noch abge-schmackt vor ..."
Er murmelte Undeutliches, schien selbst nicht ganz klar über das, was er meinte. Auch sah ihn sein Vetter denn nur von der Seite an und sagte "Auf Wiedersehn", worauf ein je­der auf sein Zimmer und in seine Balkonloge ging.
"Wieviel?" fragte Joachim nach einer Weile gedämpft, ob-gleich er nicht gesehen, daß Hans Castorp sein Thermo­meter wieder zu Rate gezogen hatte ... Und Hans Castorp ant­wortete gleichgültigen Tones: "Nichts Neues."
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Wirklich hatte er gleich bei seinem Eintritt seinen zierli­chen Erwerb von heute morgen vom Waschtisch genommen, hatte die 37,6, die nun ihre Rolle ausgespielt hatten, durch senkrechte Stöße verstört und sich ganz wie ein Alter, die glä­serne Zigarre im Munde, in die Liegekur verfügt. Aber allzu hochfliegenden Erwartungen entgegen und obgleich er das Instrument volle acht Minuten unter der Zunge behalten, hatte Merkurius sich nicht weiter ausgedehnt, als wieder nur bis 37,6 – was ja übri-gens Fieber war, wenn auch kein höhe­res, als schon am früheren Vormittage vorhanden gewesen. Nach Tische stieg das schim-mernde Säulchen auf 37,7, ver­harrte abends, als der Patient nach den Erregungen und Neu­igkeiten des Tages sehr müde war, auf 37,5 und zeigte in der nächsten Morgenfrühe gar nur auf 37, um gegen Mittag die gestrige Höhe wieder zu erreichen. Unter diesen Ergebnissen kam die Hauptmahlzeit des folgenden Tages und mit ihrer Beendigung die Stunde des Rendezvous heran.
Hans Castorp erinnerte sich später, daß Madame Chauch­at während dieser Mahlzeit einen goldgelben Sweater mit großen Knöpfen und bordierten Taschen getragen hatte, der neu, jeden-falls neu für Castorp gewesen war, und worin sie bei ihrem wie immer verspäteten Eintritt, in der Art, die Hans Castorp so wohl an ihr kannte, einen Augenblick Front gegen den Saal gemacht hatte. Dann war sie, wie täglich fünfmal, zu ihrem Tische geglit-ten, hatte sich mit weichen Bewegungen niedergelassen und plaudernd zu essen begonnen: Hans Cas­torp hatte, wie jeden lag, aber doch mit besonderer Aufmerk­samkeit, ihren Kopf sich beim Sprechen bewegen sehen und aufs neue die Rundung ih-res Nackens, die schlaffe Haltung
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ihres Rückens bemerkt, wenn er hinter dem Settembrinis vorbei, der am Ende des schräg da-zwischenstehenden Tisches saß, zum "Guten Russentisch" hin-übergeblickt hatte. Frau Chauchat ihrerseits hatte sich während des Mittagessens kein einziges Mal nach dem Saale umgeblickt. Als aber der Nach­tisch eingenommen gewesen war und die große Ketten – und Pendeluhr an der rechten Schmalseite des Saals, dort, wo der Schlechte Russentisch stand, zwei geschlagen hatte, da war es zu Hans Castorps rätselhafter Erschütterung dennoch, ge­schehen: während die Uhr zwei schlug – eins und zwei – hatte die anmutige Kranke langsam den Kopf und ein wenig auch den Oberkörper gewandt und über die Schulter deutlich und unverhohlen zu Hans Castorps Tische – und nicht nur im allgemeinen zu seinem Tische, nein, unmißverständlich und streng persönlich zu ihm herübergeblickt, ein Lächeln um die geschlossenen Lippen und in ihren schmalgeschnitte­nen Pri-bislav-Augen, als wollte sie sagen: "Nun? Es ist Zeit. Wirst du gehen?" (denn wenn nur die Augen sprechen, geht ja die Rede per Du, auch wenn der Mund noch nicht einmal "Sie" gesagt hat) – und das war ein Zwischenfall gewesen, der Hans Castorp in tiefster Seele verwirrt und entsetzt hatte, – kaum hatte er sei-nen Sinnen getraut und entgeistert zuerst in Frau Chauchats An-gesicht und dann, die Augen hebend, über ihre Stirn und ihr Haar hin ins Leere geblickt. Wußte sie denn, daß er sich auf zwei Uhr zur Untersuchung hatte be­stellen lassen? Genau so hatte es ausgesehen. Und doch war es fast ebenso unwahr-scheinlich, wie daß sie hätte wissen sollen, daß er soeben noch, in der jüngstvergangenen Minute, sich gefragt hatte, ob er nicht dem Hofrat durch Joachim sa-
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gen lassen sollte, seine Erkältung habe sich schon gebessert und er betrachte die Untersuchung als überflüssig: ein Ge­danke, dessen Vorzüge unter jenem fragen-den Lächeln frei­lich dahingewelkt waren und sich in lauter ab-stoßende Langweiligkeit verwandelt hatten. In der nächsten Se-kunde hatte denn Joachim auch schon seine gerollte Serviette auf den Tisch gelegt, hatte ihm mit erhobenen Brauen zu­ge-winkt, sich gegen die Umsitzenden verneigt und den Tisch ver-lassen, – worauf Hans Castorp innerlich taumelnd, wenn auch äußerlich festen Schrittes, und mit dem Gefühl, daß je­nes Blik-ken und Lächeln immer noch auf ihm läge, dem Vet­ter zum Saal hinaus folgte.
Sie hatten seit gestern vormittag nicht mehr über ihr heu­tiges Vorhaben gesprochen, und auch jetzt gingen sie in schweigen-dem Einverständnis. Joachim beeilte sich: es war schon über die vereinbarte Stunde, und Hofrat Behrens be­stand auf Pünktlich-keit. Es ging vom Speisesaal den ebener­digen Korridor entlang, an der "Verwaltung" vorbei und die reinliche, mit gehohntem Linoleum belegte Treppe zum Kel­lergeschoß "hinab". Joachim klopfte an die Tür, die sich, der Treppe gleich gegenüber, durch ein Porzellanschild als Ein­gang zum Ordinationszimmer zu er-kennen gab.
"Herein!" rief Behrens, indem er die erste Silbe stark beton­te. Er stand inmitten des Raumes, im Kittel, in der Rechten das schwarze Hörrohr, mit dem er sich gegen den Schenkel klopfte.
"Tempo, Tempo", sagte er und richtete seine quellenden Augen auf die Wanduhr. "Un poco più presto, Signori! Wir sind nicht ganz ausschließlich für Eure Hochwohlgeboren vorhan-den."
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Am doppelten Schreibtisch vorm Fenster saß Dr. Krokow­ski, bleich gegen sein schwarzes Lüsterhemd, die Ellenbogen auf der Platte, in der einen Hand die Feder, die andere im Bart, vor sich Papiere, wahrscheinlich den Krankenakt, und blickte den Eintre-tenden mit dem stumpfen Ausdruck einer Persönlichkeit, die nur assistierenderweise anwesend ist, ent­gegen.
"Na, her mit der Konduite!" antwortete der Hofrat auf Jo­achims Entschuldigungen und nahm ihm die Fieberkurve aus der Hand, um sie durchzusehen, während der Patient sich beeilte, seinen Oberkörper freizumachen und die abge­legten Klei-dungsstücke an den neben der Tür stehenden Garderobeständer zu hängen. Um Hans Castorp kümmerte man sich nicht. Er stand eine Weile zuschauend und ließ sich später auf einem altmodi-schen Fauteuil mit Troddeln an den Armlehnen zur Seite eines Tischchens mit Wasserkaraf­fe nieder. Bücherschränke mit breit-rückigen medizinischen Werken und Aktenfaszikeln standen an den Wänden. An Möbeln war sonst nur noch eine mit weißem Wachstuch überzogene, höher und niedriger zu kurbelnde Chaiselongue vorhanden, über deren Kopfpolster eine Papier-serviette ge­breitet war.
"Komma 7, Komma 9, Komma 8", sagte Behrens, die Wo-chenkarten durchblätternd, in die Joachim die Ergebnis­se seiner täglich fünfmaligen Messungen treulich eingetra­gen. "Immer noch ein bißchen illuminiert, lieber Ziemßen, können nicht ge-rade behaupten, daß Sie seit neulich solider geworden sind. (" Neulich", das war vor vier Wochen gewe­sen.) Nicht entgiftet, nicht entgiftet", sagte er. "Na, das geht
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natürlich nicht so von heute auf morgen, hexen können wir auch nicht."
Joachim nickte und zuckte mit seinen bloßen Schultern, ob-gleich er hätte einwenden können, daß er ja keineswegs erst seit gestern hier oben sei.
"Wie steht es denn mit den Stichen am rechten Hilus, wo es immer verschärft klang? Besser? Na, kommen Sie her! Wol­len mal höflich bei Ihnen anklopfen." Und die Auskultation be-gann.
Hofrat Behrens, breitbeinig und rückwärts geneigt, den Hörer unter dem Arme, klopfte zuerst ganz oben an Joachims rechter Schulter, klopfte aus dem Handgelenk, indem er sich des ge-waltigen Mittelfingers seiner Rechten als Hammer be­diente und die Linke zur Stütze gebrauchte. Dann ging er un­ter das Schulterblatt hinab und klopfte seitlich am mittleren und unte-ren Rücken, worauf Joachim, der wohlabgerichtet war, den Arm hob, um auch unter der Achsel klopfen zu las­sen. Hierauf wie-derholte das Ganze sich linkerseits, und da­mit fertig, komman-dierte der Hofrat "Kehrt!" zur Beklopfung der Brustseite. Er klopfte gleich unter dem Halse beim Schlüs­selbein, klopfte über und unter der Brust, zuerst rechts und dann links. Als er aber sattsam geklopft hatte, ging er zum Horchen über, indem, er sein Hörrohr, das Ohr an der Mu­schel, auf Joachims Brust und Rük-ken setzte, überallhin, wo er vorhin geklopft hatte. Dabei mußte Joachim abwechselnd stark atmen und künstlich husten, was ihn sehr anzustrengen schien, denn er geriet außer Atem, und in die Augen traten ihm Tränen. Hofrat Behrens aber meldete alles, was er dort in­nen hörte, dem Assistenten in kurzen, feststehen-den Worten
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zum Schreibtisch hinüber, derart, daß Hans Castorp nicht umhin konnte, an den Vorgang beim Schneider zu den-ken, wenn der wohlgekleidete Herr einem zu einem Anzuge das Maß nimmt, in herkömmlicher Reihenfolge dem Besteller das Meterband da und dort um den Rumpf und an die Glieder legt und dem gebückt sitzenden Gehilfen die gewonnenen Zif-fern in die Feder diktiert. "Kurz", "verkürzt", diktierte Hofrat Behrens. "Vesikulär", sagte er, und abermals: "Vesiku­lär" (das war gut, offenbar). "Rauh", sagte er und schnitt ein Gesicht. "Sehr rauh." "Geräusch." Und Dr. Krokowski trug al­les ein, wie der Angestellte die Ziffern des Zuschneiders.
Hans Castorp folgte den Vorgängen seitwärts geneigten Kop-fes, nachdenklich versunken in die Betrachtung von Joa­chims Oberkörper, dessen Rippen (gottlob war er im Besitz seiner Rippen) sich beim Schnaufen unter der gespannten Haut hoch über den zurückfallenden Magen hoben, – die­sem schlanken, gelblich-brünetten Jünglingsoberkörper mit den schwarzen Haaren am Brustknochen und an den übri­gens kräftigen Armen, deren einer ein goldenes Kettenarm­band um das Handgelenk trug. Turnerarme sind das, dachte Hans Castorp; er hat immer gern geturnt, während ich mir nichts daraus machte, und das hing mit seiner Lust zum Sol­datenstande zusammen. Immer war er gut körperlich gesinnt, viel mehr als ich, oder doch auf ande-re Weise; denn ich war immer ein Zivilist, und es war mir mehr um warm baden und gut essen und trinken zu tun, ihm aber um männliche Anfor­derungen und Leistungen. Und nun ist auf so ganz andere Weise sein Körper in den Vordergrund getreten und hat sich selbständig und wichtig gemacht, nämlich durch Krankheit.
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Illuminiert ist er und will sich nicht entgiften und solide wer­den, so gern der arme Joachim auch Soldat sein möchte im Flachland. Sieh an, er ist gewachsen, wie es im Bu-che steht, der reine Apollo von Belvedere, bis auf die Haare. Aber inner­lich ist er krank und außen zu warm vor Krankheit; denn Krankheit macht den Menschen viel körperlicher, sie macht ihn gänzlich zum Körper ... Und wie er dies dachte, er-schrak er und blickte rasch und forschend von Joachims bloßem Oberleib zu seinen Augen hinauf, seinen großen, schwarzen und sanften Augen, die vom künstlichen Atmen und Husten in Tränen standen und bei der Untersuchung mit traurigem Aus-druck über den Zuschauer hin ins Leere sahen.
Unterdessen aber war Hofrat Behrens zu Ende gekommen.
"Na, is gut, Ziemßen", sagte er. "Alles in Ordnung, so weit es möglich ist. Nächstes Mal" (das war in vier Wochen), "wird es gewiß überall wieder ein bißchen besser sein."
"Wie lange meinen Herr Hofrat, daß –"
"Wollen Sie schon wieder drängeln? Sie können Ihre Kerls doch nicht in angeheitertem Zustand kujonieren! Ein halbes Jährchen habe ich neulich gesagt, – rechnen Sie mei­netwegen von neulich an, aber betrachten Sie es als Mini­mum. Schließlich läßt sich ja leben hier, Sie müssen auch höf­lich sein. Wir sind ja doch kein Bagno und kein ... sibirisches Bergwerk! Oder wol-len Sie sagen, daß wir mit so was Ähn­lichkeit haben? Is gut, Ziemßen! Wegtreten! Weiter, wer da noch Lust hat!" rief er und sah in die Luft. Mit ausgestrecktem Arm reichte er dabei sein Hörrohr zu Dr. Krokowski hinüber, der aufstand und es ergriff, um eine kleine Assistenten-Nach­prüfung bei Joachim vorzu-nehmen.
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