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ivanov666
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Файл:Der Zauberberg. Vol. 1
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DER ZAUBERBERG
rend der irdische Teil Ihres Wesens einsam Liegekur machte,
erlustierte sich der spirituelle in der Gesellschaft des Hauptmanns Miklosich und an seinen Baisers ..."
Frau Stöhr wand und sträubte sich, wie jemand, den man
kit-zelt.
"Man weiß nicht, ob man das Umgekehrte wünschen
soll", sagte Settembrini. "Daß Sie die Baisers allein genossen
und die Liegekur mit dem Hauptmann Miklosich ausgeübt
hätten ..."
"Hi, hi, hi ..."
"Kennen die Herrschaften die vorgestrige Geschichte?"
fragte der Italiener unvermittelt. "Jemand ist abgeholt worden, – vom Teufel geholt, oder eigentlich von seiner Frau
Mutter, einer tat-kräftigen Dame, sie hat mir gefallen. Es ist
der junge Schneer-mann, Anton Schneermann, der dort vorn
am Tische von Mademoiselle Kleefeld saß, – Sie sehen, sein
Platz ist leer. Er wird bald genug wieder besetzt sein, ich mache mir keine Sorge, aber Anton ist fort auf Sturmesschwingen, im Hui und eh er's ge-dacht. Anderthalb Jahre war er
hier – mit seinen sechzehn; es waren ihm eben noch sechs
Monate zugelegt worden. Und was geschieht? Ich weiß nicht,
wer Madame Schneermann ein Wort hatte zufließen lassen,
auf jeden Fall hatte sie Wind bekommen von dem Wandel ihres Söhnchens in Baccho et ceteris. Unange-meldet erscheint
sie auf dem Plan, eine Matrone – drei Köpfe größer als ich,
weißhaarig und zornmütig, zieht Herrn Anton, ohne zu reden, ein paar Ohrfeigen herunter, nimmt ihn beim Kragen
und setzt ihn auf die Bahn. 'Soll er zugrund gehen', sagt sie,
'so kann er's auch unten.' Und fort geht's nach Hause."
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THOMAS MANN
Man lachte, soweit man in Hörweite saß, denn Herr
Settembrini erzählte drollig. Er zeigte sich auf dem laufenden
über die letzten Neuigkeiten, obgleich er sich doch gegen das
Gemein-schaftsleben Derer hier oben so kritisch-spöttisch
verhielt. Er wußte alles. Er kannte die Namen und ungefähr
auch die Le-bensumstände Neuangekommener; er berichtete,
daß gestern bei dem und dem oder der und der eine Rippenresektion vor-genommen worden und hatte es aus bester
Quelle, daß vom Herbst an Kranke über 38,5 Grad nicht
mehr aufgenommen werden würden. In der letzten Nacht
hatte sich, seiner Erzäh-lung nach, das Hündchen der Madame Kapatsoulias aus Mytile-ne auf den Knopf des elektrischen Lichtsignals auf dem Nacht-tisch seiner Herrin gesetzt,
woraus viel Rennerei und Tumult entstanden war, besonders,
da man Madame Kapatsoulias nicht allein, sondern in Gesellschaft des Assessors Düstmund aus Friedrichshagen gefunden
habe. Selbst Dr. Blumenkohl mußte lächeln über diese Geschichte, die hübsche Marusja wollte in ihrem Orangentüchlein fast ersticken, und Frau Stöhr schrie gel-lend, indem sie
die linke Brust mit beiden Händen preßte.
Aber mit den Vettern sprach Lodovico Settembrini auch
von sich selbst und seiner Herkunft, sei es auf den Spaziergängen, gelegentlich der Abendgeselligkeit oder nach beendetem Mit-tagstisch, wenn die große Mehrzahl der Patienten
den Saal schon verlassen hatte und die drei Herren noch eine
Weile an ihrem Tafelende sitzenblieben, während die Saaltöchter ab-räumten und Hans Castorp seine Maria Mancini
rauchte, deren Würze er in der dritten Woche wieder ein wenig zu schmecken begann. Aufmerksam prüfend, befremdet,
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aber willig, sich be-einflussen zu lassen, hörte er den Erzählungen des Italieners zu, die ihm eine sonderbare, durchaus
neuartige Welt eröffneten.
Settembrini sprach von seinem Großvater, der zu Mailand
Advokat, hauptsächlich aber ein großer Patriot gewesen und
et-was wie einen politischen Agitator, Redner und Zeitschriften-Mitarbeiter vorgestellt hatte, – auch er ein Oppositionsmann, gleich dem Enkel, doch hatte er das Ding in größerem,
kühne-rem Stile betrieben. Denn während Lodovico, wie er
selber mit Bitterkeit bemerkte, sich darauf angewiesen fand,
das Leben und Treiben im Internationalen Sanatorium Berghof zu hecheln, höhnische Kritik daran zu üben und im Namen einer schönen und tatfrohen Menschlichkeit Verwahrung dagegen einzulegen, hatte jener den Regierungen zu
schaffen gemacht, gegen Öster-reich und die Heilige Allianz
konspiriert, die damals sein zer-stückeltes Vaterland im Banne dumpfer Knechtschaft gehalten hatte, und war eifriges
Mitglied gewisser, über Italien verbreite-ter geheimer Gesellschaften gewesen, – ein Carbonaro, wie Settembrini mit
plötzlich gesenkter Stimme erklärte, als sei es auch jetzt noch
gefährlich, davon zu sprechen. Kurz, dieser Giuseppe Settembrini stellte sich, nach den Erzählungen des Enkels, den beiden Zuhörern als eine dunkle, leidenschaftliche und wühle-rische Existenz, als ein Rädelsführer und Verschwörer dar,
und bei aller Achtung, deren sie sich höflicherweise befleißigten, ge-lang es ihnen nicht ganz, einen Ausdruck mißtrauischer Abnei-gung, ja des Widerwillens aus ihren Zügen zu
verbannen. Frei-lich lagen die Dinge besonders: was sie hörten, war lange her, last hundert Jahre, es war Geschichte, und
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aus der Geschichte, namentlich der alten, war ihnen das Wesen, von dem sie hier vernahmen, die Erscheinung verzweifelten Freiheitsmutes und unbeugsamen Tyrannenhasses theoretisch vertraut, obwohl sie nie gedacht hatten, so menschlich
unmittelbar mit ihm in Be-rührung zu kommen. Auch hatte
sich mit dem Aufrührer – und Konspirantentum dieses
Großvaters, wie sie hörten, eine große Liebe zu seinem Vaterlande verbunden, das er einig und frei wissen wollte, – ja, sein
umstürzlerisches Betreiben war Frucht und Ausfluß dieser
achtbaren Verbundenheit gewesen, und wie sonderbar die
Mischung von Aufrührerei und Patriotismus die Vettern, einen wie den andern, auch anmutete – denn sie waren gewohnt, vaterländische Gesinnung mit einem erhaltenden
Ordnungssinn gleichzusetzen – , so mußten sie bei sich selber doch zugeben, daß, wie dort und damals alles sich verhalten hatte, Rebellion mit Bürgertugend und loyale Gesetztheit
mit träger Gleichgültigkeit gegen das öffentliche Wesen
mochte gleichbedeutend gewesen sein.
Aber nicht nur ein italienischer Patriot war Großvater
Set-lembrini gewesen, sondern Mitbürger und Mitstreiter aller nach Freiheit dürstenden Völker, denn nach dem Scheitern eines ge-wissen Hand – und Staatsstreichversuches, den
man in Turin un-ternommen, und an dem er mit Wort und
Tat beteiligt gewesen, nur mit genauer Not den Häschern des
Fürsten Metternich ent-kommen, hatte er die Zeit seiner Verbannung dazu benutzt, in Spanien für die Konstitution und
in Griechenland für die Un-abhängigkeit des hellenischen
Volkes zu kämpfen und zu blu-ten. Hier war Settembrinis
Vater zur Welt gekommen, – wes-halb er denn wohl auch
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ein so großer Humanist und Liebhaber des klassischen Altertums geworden war, – geboren übrigens von einer Mutter
deutschen Blutes, denn Giuseppe hatte das Mädchen in der
Schweiz geheiratet und bei seinen weiteren Abenteuern mit
sich geführt. Später, nach zehnjähriger Land-flüchtigkeit, hatte er in die Heimat zurückkehren können und zu Mailand als
Advokat gewirkt, keineswegs aber darauf ver-zichtet, die Nation durch das gesprochene und geschriebene Wort, in Vers
und Prosa zur Freiheit und zur Herstellung der einheitlichen
Republik aufzurufen, staatsumwälzende Programme mit leidenschaftlich diktatorischem Schwung zu entwerfen und klaren Stiles die Vereinigung der befreiten Völker zur Er-richtung des allgemeinen Glückes zu verkünden. Eine Einzel-heit,
deren Settembrini, der Enkel, erwähnte, machte besonde-ren
Eindruck auf den jungen Hans Castorp: daß nämlich Groß-vater Giuseppe sich zeit seines Lebens ausschließlich in
schwar-zer Trauerkleidung unter seinen Mitbürgern gezeigt
habe, denn er sei ein Leidtragender, habe er gesagt, um Italien, sein Vater-land, das in Elend und Knechtschaft dahinschmachte. Bei dieser Nachricht mußte Hans Castorp, wie er
es übrigens schon vorher ein paarmal vergleichend getan hatte, an seinen eigenen Groß-vater denken, der ebenfalls, solange der Enkel ihn kannte, sich allezeit schwarz getragen hatte,
aber in gründlich anderem Sin-ne, als dieser Großvater hier:
an die altmodische Tracht, dachte er, mit der Hans Lorenz
Castorps eigentliches, einer vergange-nen Zeit angehöriges
Wesen sich behelfsweise und unter An-deutung seiner Unzugehörigkeit der Gegenwart angepaßt hatte, bis es im Tode zu
seiner wahren und angemessenen Gestalt (mit der Teller-
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krause) feierlich eingegangen war. Zwei auffallend verschiedenartige Großväter waren das wahrhaftig gewesen! Hans
Castorp dachte darüber nach, indes seine Augen sich fest-sahen und er vorsichtig den Kopf schüttelte, so, daß es ebenso-gut als ein Zeichen der Bewunderung für Giuseppe
Settembrini, wie auch als Befremdung und Verneinung gedeutet werden konnte. Auch hütete er sich redlich, das
Fremdartige zu verurtei-len, sondern hielt sich an, es bei Vergleich und Feststellung be-wenden zu lassen. Er sah den
schmalen Kopf des alten Hans Lorenz im Saale sich sinnend
über das schwachgoldene Rund der Taufschale, des stehendwandernden Erbstückes neigen, – gerun-deten Mundes, denn
seine Lippen bildeten die Vorsilbe "Ur", diesen dumpfen und
frommen Laut, die an Orte erinnerte, an denen man in eine
ehrerbietig vorwärts wiegende Gangart ver-fiel. Und er sah
Giuseppe Settembrini, die Trikolore im Arm, mit geschwungenem Säbel und den schwarzen Blick gelobend gen Himmel
gewandt, einer Schar von Freiheitskämpfern voran gegen die
Phalanx des Despotismus stürmen. Beides hatte wohl seine
Schönheit und Ehre, dachte er, um Billigkeit desto mehr bemüht, als er sich persönlich oder halb persönlich ein wenig
Partei fühlte. Denn Großvater Settembrini hatte ja um politische Rechte gestritten, seinem eigenen Großvater aber oder
doch dessen Vorväter hatten ursprünglich alle Rechte gehört,
und die Krapüle hatte sie ihnen im Laufe von vier Jahrhunderten mit Gewalt und Redensarten entrissen ... Da waren sie
nun beide immer in Schwarz gegangen, der Großvater im
Norden und der im Süden, und beide zu dem Zwecke, einen
strengen Abstand zwischen sich und die schlechte Gegenwart
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zu legen. Aber der eine hatte es aus Frömmigkeit getan, der
Vergangenheit und dem Tode zu Ehren, denen sein Wesen
angehörte; der andere dagegen aus Rebellion und zu Ehren
eines frömmigkeitsfeindli-chen Fortschritts. Ja, das waren
zwei Welten oder Himmelsge-gegenden, dachte Hans Castorp, und wie er gleichsam zwischen ihnen stand, während
Herr Settembrini erzählte, und prüfend bald in die eine, bald
in die andere blickte, so meinte er, habe er es schon einmal
erfahren. Er erinnerte sich einer einsamen Kahnfahrt im
Abendzwielicht auf einem holsteinischen See, im Spätsommer, vor einigen Jahren. Um sieben Uhr war es gewesen, die
Sonne war schon hinab, der annähernd volle Mond im Osten
über den buschigen Ufern schon aufgegangen. Da hatte rhu
Minuten lang, während Hans Castorp sich über die stillen
Wasser dahin ruderte, eine verwirrende und träumerische
Kon-stellation geherrscht. Im Westen war heller Tag gewesen, ein glasig nüchternes, entschiedenes Tageslicht; aber
wandte er den Kopf, so hatte er in eine ebenso ausgemachte,
höchst zauberhaf-te, von feuchten Nebeln durchsponnene
Mondnacht geblickt. Das sonderbare Verhältnis hatte wohl
eine knappe Viertelstunde bestanden, bevor es sich zugunsten der Nacht und des Mondes ausgeglichen, und mit heitrem
Staunen waren Hans Castorps ge-blendete und vexierte Augen von einer Beleuchtung und Landschaft zur anderen, vom
Tage in die Nacht und aus der Nacht wieder in den Tag gegangen. Daran also mußte er denken.
Ein großer Rechtsgelehrter, dachte er ferner, konnte Advokat Settembrini bei seiner Lebensführung und seinem ausgedehn-ten Betreiben nicht gut geworden sein. Aber der all-
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gemeine Grundsatz des Rechtes hatte ihn, wie der Enkel
glaubhaft machte, von Kindesbeinen bis an sein Lebensende
beseelt, und Hans Castorp, obgleich zur Zeit nicht eben
scharf im Kopfe und von einer sechsgängigen Berghof-Mahlzeit organisch stark in An-spruch genommen, bemühte sich,
zu verstehen, wie Settembrini es meinte, wenn er diesen
Grundsatz "die Quelle der Freiheit und des Fortschritts"
nannte. Unter dem letzten hatte Hans Ca-storp bisher so etwas verstanden, wie die Entwicklung des He-bezeug-Wesens
im neunzehnten Jahrhundert; und er fand denn auch, daß
Herr Settembrini solche Dinge nicht niedrig ein-schätzte, was
offenbar auch sein Großvater nicht getan. Der Ita-liener erzeigte dem Vaterlande seiner beiden Zuhörer hohe Eh-re in
Hinsicht darauf, daß dort das Schießpulver erfunden wor-den
sei, welches den Harnisch des Feudalismus zum Gerümpel gemacht habe, sowie die Druckerpresse; denn diese habe die demokratische Verbreitung der Ideen – das heiße: die Verbrei-tung der demokratischen Ideen ermöglicht. Er lobte also
Deutschland in diesem Betracht und, soweit die Vergangenheit in Frage kam, wenn er auch seinem eigenen Lande billig
die Palme glaubte reichen zu sollen, da es, während die anderen Völker noch in Aberglauben und Knechtschaft dämmerten, als erstes die Fahne der Aufklärung, Bildung und Freiheit
entrollt habe. Wenn er aber der Technik und dem Verkehr,
Hans Ca-storps persönlichem Arbeitsgebiet, viel Reverenz erwies, wie er es schon bei seiner ersten Begegnung mit den
Vettern bei der Bank am Abhange getan, so schien es doch
nicht um dieser Mächte selbst willen zu geschehen, sondern
in Anbetracht ihrer Bedeutung für die moralische Vervoll-
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kommnung der Men-schen, – denn eine solche Bedeutung
erklärte er freudig ihnen beizumessen. Indem die Technik,
sagte er, mehr und mehr die Natur sich unterwerfe, durch die
Verbindungen, welche sie schaffe, den Ausbau der Straßennetze und Telegraphen, die kli-matischen Unterschiede besiege, erweise sie sich als das verläs-sigste Mittel, die Völker
einander nahe zu bringen, ihre gegen-seitige Bekanntschaft
zu fördern, menschlichen Ausgleich zwi-schen ihnen anzubahnen, ihre Vorurteile zu zerstören und end-lich ihre allgemeine Vereinigung herbeizuführen. Das Men-schengeschlecht komme aus Dunkel, Furcht und Haß, jedoch auf
glänzendem Wege bewege es sich vorwärts und aufwärts
ei-nem Endzustande der Sympathie, der inneren Helligkeit,
der Güte und des Glückes entgegen, und auf diesem Wege sei
die ( Technik das förderlichste Vehikel, sagte er. Aber indem
er so sprach, faßte er in einer Auslassung des Atems Kategorien zusammen, die Hans Castorp bisher nur weit voneinander
ge-trennt zu denken gewohnt gewesen war. Technik und Sittlich-keit! sagte er. Und dann sprach er wahrhaftig vom Heilande des Christentums, der das Prinzip der Gleichheit und
der Vereinigung zuerst offenbart, worauf die Druckerpresse
die Verbreitung dieses Prinzipes mächtig gefördert und endlich die große französische Staatsumwälzung es zum Gesetz
erhoben habe. Das mutete den jungen Hans Castorp, wenn
auch aus unbestimmten Gründen, so doch in der Tat auf das
allerbestimmteste konfus an, obwohl Herr Settembrini es in
so klare und pralle Worte faßte. Einmal, erzählte dieser, einmal in seinem Leben, und zwar zu Beginn seines besten Mannesalters, habe sein Großvater sich recht von Herzen glück-
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lich gefühlt, und das sei zur Zeit der Pariser Juli-Revolution
gewesen. Laut und öffentlich habe er damals das Wort gesprochen, daß alle Menschen dereinst jene drei Tage von Paris neben die sechs Tage der Weltschöpfung stellen würden. Hier
konnte Hans Castorp nicht umhin, mit der Hand auf den
Tisch zu schlagen und sich bis in den Grund seiner Seele zu
wundern. Daß man drei Sommertage des Jahres 1830, an welchen die Pariser sich eine neue Verfassung gege-ben, lieben
die sechs stellen solle, in denen Gott der Herr die beste von
den Wassern geschieden und die ewigen Himmels-lichter sowie Blumen, Bäume, Vögel, Fische und alles Leben ge-schaffen hatte, schien ihm stark, und noch nachher, allein mit seinem Vetter Joachim, ausdrücklich und gesprächsweise, fand
er es überaus stark, ja geradezu anstößig.
Aber er war guten Willens, sich beeinflussen zu lassen, im
Sinne des Wortes, daß es angenehm sei, Versuche anzustellen, und so legte er dem Proteste, den seine Pietät und sein
Ge-schmack gegen die Settembrinische Anordnung der Dinge erhoben, Zügel an, in der Erwägung, daß, was ihm lästerlich vor-kam, Kühnheit genannt werden könne und, was ihn
abge-schmackt anmutete, Hochherzigkeit und edelmütiger
Über-schwang wenigstens dort und damals gewesen sein
mochte: so zum Beispiel, wenn Großvater Settembrini die
Barrikaden den "Volksthron" genannt und erklärt hatte, es
gelte, "die Pike des Bürgers am Altar der Menschheit zu weihen".
Hans Castorp wußte, warum er Herrn Settembrini zuhörte, nicht ausdrücklich, aber er wußte es. Etwas wie Pflichtgefühl war dabei, außer jener Ferien-Verantwortungslosigkeit
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