Добавил:
Опубликованный материал нарушает ваши авторские права? Сообщите нам.
Вуз: Предмет: Файл:

Der Zauberberg. Vol. 1

.pdf
Скачиваний:
0
Добавлен:
06.09.2026
Размер:
1 Мб
Скачать
DER ZAUBERBERG
Stunde dehnen und "langweilig" machen, aber die großen und größten Zeitmassen verkürzen und verflüchtigen sie so­gar bis zur Nichtigkeit. Umgekehrt ist ein reicher und inter­essanter Gehalt wohl imstande, die Stunde und selbst noch den Tag zu verkürzen und zu beschwingen, ins Große ge­rechnet jedoch verleiht er dem Zeitgange Breite, Ge-wicht und Solidität, so daß ereignisreiche Jahre viel langsamer ver­gehen als jene armen, leeren, leichten, die der Wind vor sich her bläst, und die verfliegen. Was man Langeweile nennt, ist also eigentlich vielmehr eine krankhafte Kurzweiligkeit der Zeit infolge von Monotonie: große Zeiträume schrumpfen bei un-unterbrochener Gleichförmigkeit auf eine das Herz zu Tode er-schreckende Weise zusammen; wenn ein Tag wie alle ist, so sind sie alle wie einer; und bei vollkommener Einför­migkeit würde das längste Leben als ganz kurz erlebt werden und un-versehens verflogen sein. Gewöhnung ist ein Ein­schlafen oder doch ein Mattwerden des Zeitsinnes, und wenn die Jugendjahre langsam erlebt werden, das spätere Leben aber immer hurtiger abläuft und hineilt, so muß auch das auf Gewöhnung beruhen. Wir wissen wohl, daß die Einschaltung von Um – und Neuge-wöhnungen das einzige Mittel ist, un­ser Leben zu halten, unse-ren Zeitsinn aufzufrischen, eine Verjüngung, Verstärkung, Ver-langsamung unseres Zeiter­lebnisses und damit die Erneuerung unseres Lebensgefühls überhaupt zu erzielen. Dies ist der Zweck des Orts – und Luftwechsels, der Badereise, die Erholsamkeit der Abwechs­lung und der Episode. Die ersten Tage an einem neuen Auf­enthalt haben jugendlichen, das heißt starken und breiten Gang, – es sind etwa sechs bis acht. Dann, in dem Maße, wie
201
THOMAS MANN
man "sich einlebt", macht sich allmähliche Verkürzung be­merk-bar: wer am Leben hängt oder, besser gesagt, sich ans Leben hängen möchte, mag mit Grauen gewahren, wie die Ta­ge wieder leicht zu werden und zu huschen beginnen; und die letzte Woche, etwa von vieren, hat unheimliche Rapidität und Flüch-tigkeit. Freilich wirkt die Erfrischung des Zeitsin­nes dann über die Einschaltung hinaus, macht sich, wenn man zur Regel zu-rückgekehrt ist, aufs neue geltend: die ers­ten Tage zu Hause werden ebenfalls, nach der Abwechslung, wieder neu, breit und jugendlich erlebt, aber nur einige weni­ge: denn in die Regel lebt man sich rascher wieder ein, als in ihre Aufhebung, und wenn der Zeitsinn durch Alter schon müde ist oder – ein Zei-chen von ursprünglicher Lebens­schwäche – nie stark entwickelt war, so schläft er sehr rasch wieder ein, und schon nach vierundzwanzig Stunden ist es, als sei man nie weg gewesen, und als sei die Reise der Traum einer Nacht.
Diese Bemerkungen werden nur deshalb hier eingefügt, weil der junge Hans Castorp Ähnliches im Sinne hatte, als er nach einigen Tagen zu seinem Vetter sagte (und ihn dabei mit rotge-äderten Augen ansah):
"Komisch ist und bleibt es, wie die Zeit einem lang wird zu Anfang, an einem fremden Ort. Das heißt ... Selbstverständ­lich kann keine Rede davon sein, daß ich mich langweile, im Ge-genteil, ich kann wohl sagen, ich amüsiere mich königlich. Aber wenn ich mich umsehe, retrospektiv also, versteh' mich recht, kommt es mir vor, als ob ich schon wer weiß wie lange hier oben wäre, und bis dahin zurück, wo ich ankam und nicht gleich verstand, daß ich da war, und du noch sagtest:
202
DER ZAUBERBERG
'Steige nur aus!' – erinnerst du dich? – , das scheint mir eine ganze Ewigkeit. Mit Messen und überhaupt mit dem. Ver­stand hat das ja absolut nichts zu tun, es ist eine reine Ge­fühlssache. Natürlich wäre es albern, zu sagen: 'Ich glaube schon zwei Monate hier zu sein', – das wäre ja Nonsens. Son­dern ich kann eben nur sagen: "Sehr lange'."
"Ja", antwortete Joachim, das Thermometer im Munde, "ich. habe auch gut davon, ich kann mich gewissermaßen an dir fest-halten, seit du da bist." Und Hans Castorp lachte dar­über, daß Joachim dies so einfach, ohne Erklärung, sagte.
..
ER VERSUCHT SICH IN FRANZOSISCHER
KONVERSATION
Nein, eingelebt war er noch keineswegs, weder was die Kennt-nis des hiesigen Lebens in all seiner Eigentümlichkeit betraf, – eine Kenntnis, die er in so wenigen Tagen unmög­lich gewinnen konnte und, wie er sich sagte (und es auch ge­gen Joachim aus-sprach), selbst in drei Wochen leider nicht würde gewinnen können; noch auch in bezug auf die Anpas­sung seines Organis-mus an die so sehr eigentümlichen atmo­sphärischen Verhältnis-se bei "denen hier oben", denn diese Anpassung wurde ihm sauer, überaus sauer, ja, wie ihm schien, wollte sie überhaupt nicht vonstatten gehen.
Der Normaltag war klar gegliedert und fürsorglich orga­ni-siert, man kam rasch in Trott und gewann Geläufigkeit, wenn man sich seinem Getriebe einfügte. Im Rahmen der Woche jedoch und größerer Zeiteinheiten unterlag er gewis­sen regelmä-ßigen Abwandlungen, die sich erst nach und nach einfanden, die eine zum erstenmal, nachdem die andere
203
THOMAS MANN
sich schon wieder-holt hatte; und auch was die alltägliche Einzelerscheinung von Dingen und Gesichtern betraf, so hat­te Hans Castorp noch auf Schritt und Tritt zu lernen, oben­hin Angeschautes genauer zu bemerken und Neues mit ju­gendlicher Empfänglichkeit in sich aufzunehmen.
Jene bauchigen Gefäße mit kurzen Hälsen zum Beispiel, die auf den Gängen vor einzelnen Türen standen und auf die gleich am Abend seiner Ankunft sein Auge gefallen war, enthielten Sauerstoff, – Joachim erklärte es ihm auf Befragen. Reiner Sauerstoff war darin, zu sechs Franken der Ballon, und das bele-bende Gas wurde den Sterbenden zum Zweck einer letzten An-feuerung und Hinhaltung ihrer Kräfte zuge­führt, – sie schlürf-ten es durch einen Schlauch. Denn hinter den Türen, vor denen Milche Ballons standen, lagen Sterben­de oder "moribundi", wie Hofrat Behrens sagte, als Hans Cas­torp ihm einmal im ersten Stockwerk begegnete – der Hofrat kam in weißem Kittel und mit blauen Backen den Korridor entlanggerudert, und sie gin-gen zusammen die Treppe hin­auf "Na, Sie unbeteiligter Zuschauer, Sie!" sagte Behrens. "Was machen Sie denn, finden wir Gnade vor Ihren prüfen­den Blik-ken? Ehrt uns, ehrt uns. Ja, unsere Sommersaison, die hat's in sich, die ist nicht von schlechten Eltern. Habe es mir auch was kosten lassen, um sie ein bißchen zu poussieren. Aber schade ist es doch, daß Sie den Winter nicht mitmachen wollen bei uns, – Sie wollen ja bloß acht Wochen bleiben, hab' ich gehört? Ach, drei? Das ist aber eine Stippvisite, das lohnt ja das Ablegen gar nicht; na, wie Sie meinen. Aber scha­de ist es doch, daß Sie den Winter nicht mitmachen, denn was so die Hotevoleh ist", sagte er mit scherzhaft unmöglicher
204
DER ZAUBERBERG
Aussprache, "die internationale Hotevoleh da unten in Platz, die kommt doch nun mal erst im Winter, und die müßten Sie sehen, da täten Sie was für Ihre Bil-dung. Zum Kugeln, wenn die Kerls so Sprünge machen auf ihren Fußbrettern. Und dann die Damen, herrje, die Damen! Bunt wie die Paradiesvö­gel, sag ich Ihnen, und mächtig ga-lant ... Nun muß ich aber zu meinem Moribundus", sagte er, "auf siebenundzwanzig hier. Finales Stadium, wissen Sie. Durch die Mitte ab. Fünf Dutzend Fiaskos Oxygen hat er gestern und heute noch aus­gekneipt, der Schlemmer. Aber bis Mittag wird er wohl ad pe­nates gehen. Na, lieber Reuter", sagte er, indem er eintrat, "wie wäre es, wenn wir noch einer den Hals brä-chen ..." Seine Worte verloren sich hinter der Tür, die er zu-zog. Aber einen Augenblick hatte Hans Castorp im Hintergrun-de des Zim­mers auf dem Kissen das wächserne Profil eines jun-gen Man­nes mit dünnem Kinnbart gesehen, der langsam seine sehr großen Augäpfel zur Tür gerollt hatte.
Es war der erste Moribundus, den Hans Castorp in seinem Leben zu sehen bekam, denn seine Eltern sowohl wie der Großvater waren ja damals gleichsam hinter seinem Rücken ge-storben. Wie würdevoll der Kopf des jungen Mannes mit auf-wärts geschobenem Kinnbart auf dem Kissen gelegen hat­te! Wie bedeutend der Blick seiner übergroßen Augen gewe­sen war, als er sie langsam zur Tür gedreht hatte! Hans Cas­torp, noch ganz vertieft in den flüchtigen Anblick, versuchte unwill-kürlich, ebenso große, bedeutende und langsame Au­gen wie der Moribundus zu machen, während er weiter zur Treppe ging, und mit diesen Augen blickte er eine Dame an, die hinter ihm aus einer Tür getreten war und ihn am Trep-
205
THOMAS MANN
penkopf überholte. Er erkannte nicht gleich, daß es Madame Chauchat war. Sie lä-chelte leise über die Augen, die er mach­te, stützte dann mit der Hand die Flechte an ihrem Hinter­kopf und ging vor ihm die Treppe hinunter, geräuschlos, schmiegsam und etwas vorgescho-benen Kopfes.
Bekanntschaften machte er fast keine in diesen ersten Ta­gen und auch später noch lange nicht. Die Tagesordnung war dem im ganzen nicht günstig; auch war Hans Castorp ja zu­rückhal-tenden Wesens, fühlte sich überdies als Gast und "unbeteiligter Zuschauer" hier oben, wie Hofrat Behrens ge­sagt hatte, und ließ sich an Joachims Gespräch und Gesell­schaft in der Hauptsache gern genügen. Die Krankenschwes­ter auf dem Korridor freilich reckte so lange den Hals nach ihnen, bis Joachim, der ihr schon früher manchmal kleine Plaudereien gewährt hatte, seinen Vet-ter mit ihr bekannt machte. Das Kneiferband hinter dem Ohr, sprach sie nicht nur geziert, sondern geradezu gequält und machte bei nähe­rer Prüfung den Eindruck, als habe unter der Folter der Lan­genweile ihr Verstand gelitten. Es war sehr schwer, wieder von ihr loszukommen, da sie vor der Beendi-gung des Gesprä­ches eine krankhafte Furcht an den Tag legte und, sobald die jungen Leute Miene machten, weiterzugehen, sich mit hasti­gen Worten und Blicken, auch einem verzweifel-len Lächeln an sie klammerte, so daß sie aus Erbarmen noch bei ihr ste­henblieben. Sie sprach des langen und breiten von ihrem Pa­pa, welcher Jurist, und ihrem Cousin, der Arzt sei, – offenbar um sich in ein vorteilhaftes Licht zu setzen und ihre Herkunft aus gebildeter Gesellschaftsschicht zu bekunden. Was ihren Pflegling dort hinter der Tür betraf, so war er der Sohn eines
206
DER ZAUBERBERG
Koburger Puppenfabrikanten, Rotbein mit Namen, und neu­er-dings habe es sich bei dem jungen Fritz auf den Darm ge­wor-fen. Das sei hart für alle Beteiligten, wie die Herren sich wohl vorstellen könnten; namentlich wenn man nun einmal aus aka-demischem Hause stamme und die Feinfühligkeit der höheren Klassen besitze, so sei es hart. Und nicht den Rücken dürfe man kehren ... Neulich, was glaubten die Herren, kom­me sie von einem kurzen Ausgange zurück, nichts als ein we­nig Zahnpulver habe sie sich besorgt, und finde den Kranken in seinem Bette flitzend, vor sich ein Glas dickes, dunkles Bier, eine Salamiwurst, ein derbes Stück Schwarzbrot und eine Gurke! All diese heimi-schen Leckerbissen hätten die Seinen ihm zugesandt zu seiner Kräftigung. Aber am nächsten Tage sei er natürlich mehr tot als lebendig gewesen. Er selbst be­schleunige sein Ende. Aber das werde die Erlösung ja nur für ihn bedeuten, nicht auch für sie – Schwester Berta sei übri­gens ihr Name, in Wirklichkeit Alfreda Schildknecht – , denn sie komme dann eben zu einem anderen Kranken, in mehr oder weniger vorgeschrittenem Stadium, hier oder in einem anderen Sanatorium, das sei die Perspektive, die sich ihr eröff­ne, und eine andere eröffne sich eben nicht.
Ja, sagte Hans Castorp, ihr Beruf sei gewiß schwer, aber doch auch befriedigend, sollte er denken.
Gewiß, antwortete sie, befriedigend sei er, – befriedigend, aber sehr schwer.
Nun, alles Gute für Herrn Rotbein. Und die Vettern woll­ten gehen.
Aber da klammerte sie sich an sie mit Worten und Blicken, und so jammervoll war es zu sehen, wie sie sich anstrengte,
207
THOMAS MANN
die jungen Leute ein wenig länger zu fesseln, daß es grausam gewesen wäre, ihr nicht noch eine Frist zu gewähren.
"Er schläft!" sagte sie. "Er braucht mich nicht. Da bin ich für einige kurze Minuten auf den Gang hinausgetreten ..." Und sie begann über Hofrat Behrens zu klagen und den Ton, in dem er mit ihr verkehre und der allzu zwanglos sei, um ih­rer Herkunft zu entsprechen. Bei weitem gab sie Herrn Dr. Krokowski den Vorzug, – ihn nannte sie seelenvoll. Dann kam sie wieder auf ihren Papa und ihren Cousin. Ihr Hirn gab nichts weiter her. Vergebens rang sie danach, die Vettern noch ein wenig zu fes-seln, indem sie plötzlich mit einem An­lauf die Stimme erhob und beinahe zu schreien begann, wenn sie gehen wollten, – sie entschlüpften ihr endlich und gin­gen. Aber die Schwester sah ihnen noch eine Weile mit vorge­beugtem Oberkörper und sau-genden Blicken nach, als wollte sie sie mit den Augen zu sich zurückziehen. Dann entrang sich ein Seufzer ihrer Brust, und sie kehrte zu ihrem Pflegling ins Zimmer zurück.
Sonst wurde Hans Castorp in diesen Tagen nur noch mit der schwarzbleichen Dame bekannt, jener Mexikanerin, die er im Garten gesehen hatte und die "Tous-les-deux" genannt wurde. Es geschah wirklich, daß auch er aus ihrem Munde die trübseli-ge Formel hörte, die ihr zum Spitznamen geworden war; aber da er sich vorbereitet hatte, so bewahrte er gute Hal­tung dabei und konnte nachher zufrieden mit sich sein. Die Vettern trafen sie vor dem Hauptportal, als sie nach dem ers­ten Frühstück den vorgeschriebenen Morgenspaziergang an­traten. In ein schwarzes Kaschmirtuch gehüllt, mit krummen Knien und langen, ruhelos wandernden Tritten erging sie
208
DER ZAUBERBERG
sich dort, und gegen den schwar-zen Schleier, der um ihr sil­bern durchzogenes Haar geschlungen und unter dem Kinn zusammengebunden war, schimmerte mattweiß ihr alterndes Gesicht mit dem großen, verhärmten Munde. Joachim, ohne Hut wie gewöhnlich, begrüßte sie durch Verneigung, und sie dankte langsam, während beim Schauen die Querfalten in ih­rer engen Stirn sich vertieften. Sie blieb ste-hen, da sie ein neues Gesicht bemerkte, und erwartete, leise mit dem Kopf nickend, die Annäherung der jungen Leute; denn of-fenbar hielt sie es für notwendig, zu hören, ob der Fremde von ihrem Schicksal wisse, und seine Äußerung darüber entgegen-zu­nehmen. Joachim stellte seinen Vetter vor. Sie reichte dem Gast aus der Mantille heraus die Hand, eine magere, gelbli­che, hochgeäderte, mit Ringen geschmückte Hand, und fuhrt fort, ihn nickend anzublicken. Dann kam es:
"Tous les dé, monsieur", sagte sie. "Tous les dé, vous sa-vez ..."
"Je le sais, madame", antwortete Hans Castorp gedämpft. "Et je le regrette beaucoup."
Die schlaffen Hautsäcke unter ihren jettschwarzen Augen waren so groß und schwer, wie er es noch bei keinem Men-schen gesehen. Ein leiser, welker Duft ging von ihr aus. Es war ihm sanft und ernst um das Herz.
"Merci", sagte sie mit einer rasselnden Aussprache, die son-derbar zu der Gebrochenheit ihres Wesens stimmte, und der eine Winkel ihres großen Mundes hing tragisch tief hin­ab. Dann zog sie die Hand unter die Mantille zurück, neigte den Kopf und machte sich wieder ans Wandern. Hans Cas­torp aber sagte im Weitergehen:
209
THOMAS MANN
"Du siehst, es hat mir nichts gemacht, ich bin ganz gut mit ihr fertig geworden. Ich werde überhaupt mit solchen Leuten ganz gut fertig, glaube ich, ich verstehe mich von Natur auf den Umgang mit ihnen, – meinst du nicht auch? Ich glaube sogar, ich komme mit traurigen Menschen im ganzen besser aus, als mit lustigen, weiß Gott, woran es liegt, vielleicht dar­an, daß ich "loch Waise bin und meine Eltern so früh verlo­ren habe, aber wenn die Leute ernst und traurig sind und der Tod im Spiele ist, das bedrückt mich eigentlich nicht und macht mich nicht verle--en, sondern ich fühle mich dabei in meinem Element und je-denfalls besser, als wenn es so forsch zugeht, das liegt mir weni-ger. Neulich dachte ich: Es ist doch eine Albernheit von den hiesigen Damen, sich dermaßen vor dem Tode zu graulen und allem, was damit zusammenhängt, daß man sie ängstlich davor bewahren muß und das Viati­kum bringt, wenn sie gerade essen. Nein, pfui, das ist läppisch. Siehst du nicht ganz gern einen Sarg? Ich sehe ganz gern mal einen. Ich finde, ein Sarg ist ein geradezu schönes Möbel, schon wenn er leer ist, aber wenn je-mand darin liegt, dann ist es direkt feierlich in meinen Augen. Begräbnisse haben so etwas Erbauliches, – ich habe schon manchmal gedacht, man sollte, statt in die Kirche, zu einem Be-gräbnis gehen, wenn man sich ein bißchen erbauen will. Die heute haben gutes schwarzes Zeug an und nehmen die Hüte ab und sehen auf den Sarg und halten sich ernst und andächtig, und niemand darf faule Witze machen, wie sonst im Leben. Das habe ich sehr gern, wenn sie endlich mal ein bißchen andächtig sind. Manchmal habe ich mich schon gefragt, ob ich nicht hätte Pastor werden sollen, – in gewisser Weise hätte das, glaube
210