Добавил:
ivanov666
Опубликованный материал нарушает ваши авторские права? Сообщите нам.
Вуз:
Предмет:
Файл:Der Zauberberg. Vol. 1
.pdf
DER ZAUBERBERG
her, in denen die Idee des Menschlichen zum Zerrbild entartet und entwürdigt war, angst-vollen Zeiten, denen Harmonie und Wohlsein als verdächtig und teuflisch galten, während Bresthaftigkeit damals einem Freibrief zum Himmelreich
gleichkam. Vernunft und Aufklä-rung jedoch haben diese
Schatten vertrieben, welche auf der Seele der Menschheit lagerten, – noch nicht völlig, sie liegen noch heute im Kampfe
mit ihnen; dieser Kampf aber heißt Arbeit, mein Herr, irdische Arbeit, Arbeit für die Erde, für die Eh-re und die Interessen der Menschheit, und täglich aufs neue ge-stählt in solchem Kampfe, werden jene Mächte den Menschen vollends
befreien und ihn auf den Wegen des Fortschrittes und der
Zivilisation einem immer helleren, milderen und reineren
Lichte entgegenleiten."
Donnerwetter, dachte Hans Castorp bestürzt und beschämt, das ist ja eine Arie! Womit habe ich denn das herausgefordert? Etwas trocken kommt es mir übrigens vor. Und
was er nur immer mit der Arbeit will. Immer hat er es mit der
Arbeit, ob-gleich es doch wenig hierher paßt. Und er sagte:
"Sehr schön, Herr Settembrini. Es ist geradezu hörenswert,
wie Sie das so zu sagen wissen. Man könnte es gar nicht... gar
nicht plastischer ausdrücken, meine ich."
"Rückneigung", setzte Settembrini wieder ein, indem er
sei-nen Regenschirm über den Kopf eines Vorübergehenden
hin-weghob, "geistige Rückneigung in die Anschauungen jener fin-steren, gequälten Zeiten – glauben Sie mir, Ingenieur,
das ist Krankheit, – eine sattsam erforschte Krankheit, für
welche die Wissenschaft verschiedene Namen besitzt, einen
aus der Schön-heits – und Seelenlehre und einen aus der Po-
191

THOMAS MANN
litik, – Schulaus-drücke, die nichts zur Sache tun und deren
Sie gern entraten mögen. Da aber im Geistesleben alles zusammenhängt und eines sich aus dem andern ergibt, da man
dem Teufel nicht den kleinen Finger reichen darf, ohne daß
er die ganze Hand nimmt und den ganzen Menschen dazu ...
da andererseits ein gesun-des Prinzip immer nur lauter Gesundes zeitigen kann, gleich-viel, welches man nun an den
Anfang stelle, – so prägen Sie es sich ein, daß Krankheit, weit
entfernt, etwas Vornehmes, etwas allzu Ehrwürdiges zu sein,
um mit Dummheit leidlicherweise verbunden sein zu dürfen,
vielmehr Erniedrigung bedeutet, – ja, eine schmerzliche, die
Idee verletzende Erniedrigung des Menschen, die man im
Einzelfalle schonen und betreuen möge, aber die geistig zu
ehren Verirrung – prägen Sie sich das ein! – eine Verirrung
und aller geistigen Verirrung Anfang ist. Diese Frau, deren
Sie Erwähnung taten, – ich verzichte darauf, mich ihres Namens zu entsinnen – Frau Stöhr also, ich danke sehr –
kurz-um, diese lächerliche Frau, – nicht ihr Fall ist es, wie mir
scheint, der das menschliche Gefühl, wie Sie sagten, in ein Dilemma versetzt. Krank und dumm, – in Gottes Namen, das ist
die Misere selbst, die Sache ist einfach, es bleibt nichts als
Er-barmen und Achselzucken. Das Dilemma, mein Herr, die
Tragik beginnt, wo die Natur grausam genug war, die Harmonie der Persönlichkeit zu brechen – oder von vornherein unmöglich zu machen – , indem sie einen edlen und lebenswilligen Geist mit einem zum Leben nicht tauglichen Körper
verband. Kennen Sie Leopardi, Ingenieur, oder Sie, Leutnant?
Ein unglücklicher Dich-lor meines Landes, ein bucklichter,
kränklicher Mann mit ur-sprünglich großer, durch das Elend
192

DER ZAUBERBERG
seines Körpers aber beständig gedemütigter und in die Niederungen der Ironie herabgezoge-ner Seele, deren Klagen das
Herz zerreißen. Hören Sie dieses!"
Und Settembrini begann, italienisch zu rezitieren, indem
er die schönen Silben auf der Zunge zergehen ließ, den Kopf
hin und her bewegte und zuweilen die Augen schloß, unbeküm-mert darum, daß seine Begleiter kein Wort verstanden.
Sichtlich war es ihm darum zu tun, sein Gedächtnis und seine
Aussprache selbst zu genießen und vor den Zuhörern zur
Geltung zu brin-gen. Endlich sagte er:
"Aber Sie verstehen nicht, Sie hören, ohne den schmerzli-chen Sinn zu erfassen. Der Krüppel Leopardi, meine Herren, empfinden Sie dies ganz, entbehrte vor allem der Frauenliebe, und dies war es wohl namentlich, was ihn unfähig
machte, der Verkümmerung seiner Seele zu steuern. Der
Glanz des Ruhmes und der Tugend verblaßte ihm, die Natur
erschien ihm böse – übrigens ist sie böse, dumm und böse, ich
gebe ihm recht hierin – , und er verzweifelte – es ist furchtbar zu sagen – , er verzweifelte an Wissenschaft und Fortschritt! Hier haben Sie Tragik, Ingenieur. Hier haben Sie Ihr
'Dilemma für das menschliche Ge-fühl', – nicht bei jener
Frau dort, – ich lehne es ab, mein Gedächtnis um ihren Namen zu bemühen ... Sprechen Sie mir nicht von der 'Vergeistigung', die durch Krankheit hervorge-bracht werden kann,
um Gottes willen, tun Sie es nicht! Eine Seele ohne Körper ist
so unmenschlich und entsetzlich, wie ein Körper ohne Seele,
und übrigens ist das erstere die seltene Aus-nahme und das
zweite die Regel. In der Regel ist es der Körper, der überwuchert, der alle Wichtigkeit, alles Leben an sich reißt und sich
193

THOMAS MANN
aufs widerwärtigste emanzipiert. Ein Mensch, der als Kranker
lebt, ist nur Körper, das ist das Widermenschliche und Erniedrigende, – er ist in den meisten Fällen nichts Besseres als ein
Kadaver ..."
"Komisch", sagte Joachim plötzlich, indem er sich vorbeugte, um seinen Vetter anzusehen, der an Settembrinis anderer Seite ging. "Etwas ganz Ähnliches hast du doch neulich
auch gesagt."
"So?" sagte Hans Castorp. "Ja, es kann ja wohl sein, daß
mir was Ähnliches auch schon durch den Kopf ging."
Settembrini schwieg während einiger Schritte. Dann sagte er:
"Desto besser, meine Herren. Desto besser, wenn dem so
ist. Die Absicht lag mir fern, Ihnen irgendwelche Originalphiloso-phie vorzutragen, – das ist nicht meines Amtes. Wenn
unser In-genieur schon seinerseits Übereinstimmendes angemerkt hat, so bestätigt dies nur meine Mutmaßung, daß er
geistig dilettiert, daß er nach Art begabter Jugend mit den
möglichen Anschau-ungen vorläufig nur Versuche anstellt.
Der begabte junge Mensch ist kein unbeschriebenes Blatt, er
ist vielmehr ein Blatt, auf dem gleichsam mit sympathetischer
Tinte alles schon ge-schrieben steht, das Rechte wie das
Schlechte, und Sache des Er-ziehers ist es, das Rechte entschieden zu entwickeln, das Falsche aber, das hervortreten
will, durch sachgemäße Einwirkung auf immer auszulöschen.
Die Herren haben Einkäufe gemacht?" fragte er veränderten,
leichten Tones ...
"Nein, nichts weiter", sagte Hans Castorp, "das heißt ..."
"Wir haben ein paar Decken für meinen Vetter besorgt",
ant-wortete Joachim gleichgültig.
194

DER ZAUBERBERG
"Für die Liegekur ... Bei dieser Hundekälte ... Ich soll ja mitmachen die paar Wochen", sagte Hans Castorp lachend und
sah zu Boden.
"Ah, Decken, Liegekur", sagte Settembrini. "So, so, so. Ei, ei,
ei. In der Tat: Placet experiri!" wiederholte er mit italienischer
Aussprache und verabschiedete sich, denn sie hatten, begrüßt
von dem hinkenden Concierge, das Sanatorium betreten, und
in der Halle schwenkte Settembrini in die Konversationsräume ab, um vor Tische die Zeitungen zu lesen, wie er sagte. Die
zweite Liegekur schien er schwänzen zu wollen.
"Gott bewahre!" sagte Hans Castorp, als er mit Joachim im
Lift stand. "Das ist wirklich ein Pädagog, – er sagte es ja neulich schon selbst, daß er so eine Ader habe. Man muß furchtbar auf-passen mit ihm, daß man kein Wort zu viel sagt, sonst
gibt es ausführliche Lehren. Aber hörenswert ist es ja, wie er
zu spre-chen versteht, jedes Wort springt ihm so rund und
appetitlich vom Munde, – ich muß immer an frische Semmeln denken, wenn ich ihm zuhöre."
Joachim lachte.
"Das sage ihm lieber nicht. Ich glaube doch, er wäre
ent-täuscht, zu erfahren, daß du an Semmeln denkst bei seinen Leh-rcn."
"Meinst du? Ja, das ist noch gar nicht mal sicher. Ich habe
immer den Eindruck, daß es ihm nicht ganz allein um die
Lehren zu tun ist, vielleicht um sie erst in zweiter Linie, sondern besonders um das Sprechen, wie er die Worte springen
und rol-len läßt... so elastisch wie Gummibälle ... und daß es
ihm gar nicht unangenehm ist, wenn man namentlich auch
darauf achtet. Bierbrauer Magnus ist ja wohl etwas dumm mit
195

THOMAS MANN
seinen 'schö-nen Charakteren', aber Settembrini hätte doch
sagen sollen, worauf es denn eigentlich ankommt in der Literatur. Ich mochte nicht fragen, um mir keine Blöße zu geben,
ich verstehe mich ja auch nicht weiter darauf und hatte bis
jetzt noch nie einen Lite-raten gesehen. Aber wenn es nicht
auf die schönen Charaktere ankommt, so kommt es offenbar
auf die schönen Worte an, das ist mein Eindruck in Settembrinis Gesellschaft. Was er für Vo-kabeln gebraucht! Ganz ohne sich zu genieren, Spricht er von 'Tugend' – ich bitte dich!
Mein ganzes Leben lang habe ich das Wort noch nicht in den
Mund genommen, und selbst in der Schule haben wir immer
bloß 'Tapferkeit' gesagt, wenn 'virtus' im Buche stand. Es zog
sich etwas zusammen in mir, das muß ich sagen. Und dann
macht es mich etwas nervös, wenn er so schimpft, auf die Kälte und auf Behrens und auf Frau Magnus, weil sie Eiweiß verliert, und kurz, auf alles. Er ist ein Opposi-tionsmann, darüber
war ich mir gleich im klaren. Er hackt auf alles Bestehende,
und das hat immer etwas Verwahrlostes, ich kann mir nicht
helfen."
"Das sagst du so", antwortete Joachim bedächtig. "Aber
dann hat er doch wieder auch etwas Stolzes, was gar nicht
verwahrlost anmutet, sondern im Gegenteil, er ist doch ein
Mensch, der auf sich hält, oder auf die Menschen im allgemeinen, und das ge-fällt mir an ihm, das hat was Anständiges in
meinen Augen."
"Da hast du recht", sagte Hans Castorp. "Er hat sogar etwas Strenges, – es wird einem öfter ganz ungemütlich, weil
man sich – sagen wir mal: kontrolliert fühlt, doch, das ist gar
keine schlechte Bezeichnung. Willst du glauben, daß ich im-
196

DER ZAUBERBERG
mer das Gefühl hatte, er wäre nicht einverstanden damit, daß
ich mir Decken zum Liegen gekauft habe, er hätte etwas dagegen und hielte sich irgendwie darüber auf?"
"Nein", sagte Joachim erstaunt besonnen. "Wie könnte
das wohl sein. Das kann ich mir doch nicht denken." Und
dann ging er, das Thermometer im Munde, mit Sack und Pack
in die Liegekur, während Hans Castorp gleich begann, sich
für die Mittagsmahlzeit zu säubern und umzukleiden, – es
war ohne-dies nur noch ein knappes Stündchen bis dahin.
..
EXKURS UBER DEN ZEITSINN
Als sie vom Essen wieder heraufkamen, lag das Paket mit
den Decken schon in Hans Castorps Zimmer auf einem Stuhl,
und zum erstenmal machte er an diesem Tage Gebrauch davon, – der geübte Joachim erteilte ihm Unterricht in der
Kunst, sich einzupacken, wie es alle hier oben machten und
jeder Neuling es gleich erlernen mußte. Man breitete die Decken, eine und dann die andere, über das Stuhllager, so daß
sie am Fußende ein reichliches Stück auf den Boden hingen.
Dann nahm man Platz und begann, die innere um sich zu
schlagen: zuerst der Länge nach bis unter die Achsel, hierauf
von unten über die Füße, wo-bei man sich sitzend bücken
und das gefaltete Ende doppelt fas-sen mußte, und dann von
der anderen Seite, wobei der doppelte Fußzipfel gut an den
Längsrand zu passen war, wenn die größtmögliche Glätte und
Ebenmäßigkeit erzielt werden sollte. Danach beobachtete
man genau dasselbe Verfahren bei der äu-ßeren Decke, – ihre Handhabung war etwas schwieriger, und Hans Castorp, als
Stümper und Anfänger, ächzte nicht wenig, indem er, sich bü-
197

THOMAS MANN
ckend und wieder ausstreckend, die Griffe üb-te, die man ihm
lehrte. Nur einige wenige Altgediente, sagte Joachim, könnten beide Decken gleichzeitig mit drei sicheren Be-wegungen
um sich schleudern, aber das sei eine seltene und ge-neidete
Fertigkeit, zu der nicht nur langjährige Übung, sondern auch
eine natürliche Anlage gehöre. Über dies Wort mußte Hans
Castorp lachen, während er mit schmerzendem Rücken sich
zurückfallen ließ, und Joachim, der nicht gleich verstand, was
hier komisch war, sah ihn unsicher an, lachte dann aber auch.
"So", sagte er, als Hans Castorp ungegliedert und walzenför-mig, die nachgiebige Rolle im Nacken und erschöpft
von all der Gymnastik im Stuhle lag, "wenn es nun zwanzig
Grad Kälte hätte, so könnte dir auch nichts passieren." Und
dann ging er hinter die Glaswand, um sich ebenfalls einzupacken.
Das mit den zwanzig Grad Kälte bezweifelte Hans Castorp, denn ihn fror entschieden, Schauer überliefen ihn wiederholt, während er durch die Holzbögen in die sickernde,
nieselnde Nässe dort draußen blickte, die jeden Augenblick
auf dem Punkte schien, wieder in Schneefall überzugehen.
Wie sonder-bar übrigens, daß er bei all der Feuchtigkeit immer noch so trockenhitzige Backen hatte, als säße er in einem
überheizten Zimmer. Auch fühlte er sich lächerlich angegriffen von den Übungen mit den Decken, – wahrhaftig, "Ocean
steamships" zitterte ihm in den Händen, sobald er es vor die
Augen führte. So überaus gesund war er doch eben auch
nicht, – total an-ämisch, wie Hofrat Behrens gesagt hatte, und
deswegen neigte er wohl auch so zum Froste. Die unangenehmen Empfindungen jedoch wurden aufgewogen durch die
198

DER ZAUBERBERG
große Bequemlichkeit seiner Lage, die schwer zu zergliedernden und fast geheimnis-vollen Eigenschaften des Liegestuhles, die Hans Castorp beim ersten Versuche schon mit höchstem Beifall empfunden hatte, und die sich wieder aufs
glücklichste bewährten. Lag es an der Beschaffenheit der Polster, der richtigen Neigung der Rücken-lehne, der passenden
Höhe und Breite der Armstützen oder auch nur der zweckmäßigen Konsistenz der Nackenrolle, genug, es konnte für
das Wohlsein ruhender Glieder überhaupt nicht humaner
gesorgt sein als durch diesen vorzüglichen Liegestuhl. Und so
war denn Zufriedenheit in Hans Castorps Herzen darüber,
daß zwei leere und sicher gefriedete Stunden vor ihm la-gen,
diese durch die Hausordnung geheiligten Stunden der
Hauptliegekur, die er, obgleich nur zu Gaste hier oben, als eine ihm ganz gemäße Einrichtung empfand. Denn er war geduldig von Natur, konnte lange ohne Beschäftigung wohl bestehen und liebte, wie wir uns erinnern, die freie Zeit, die von
betäubender Tätigkeit nicht vergessen gemacht, verzehrt und
ver-scheucht wird. Um vier erfolgte der Vespertee mit Kuchen und Eingemachtem, etwas Bewegung im Freien sodann,
hierauf abermals Ruhe im Stuhl, um sieben das Abendessen,
welches, wie überhaupt die Mahlzeiten, gewisse Spannungen
und Se-henswürdigkeiten mit sich brachte, auf die man sich
freuen konnte, danach ein oder der andere Blick in den stereoskopi-schen Guckkasten, das kaleidoskopische Fernrohr
und die kine-matographische Trommel ... Hans Castorp hatte
den Tageslauf bereits am Schnürchen, wenn es auch viel zu
viel gesagt wäre, daß er schon "eingelebt", wie man es nennt,
gewesen sei.
199

THOMAS MANN
Im Grunde hat es eine merkwürdige Bewandtnis mit diesem Sicheinleben an fremdem Orte, dieser – sei es auch –
mühseli-gen Anpassung und Umgewöhnung, welcher man
sich beinahe um ihrer selbst willen und in der bestimmten
Absicht unter-zieht, sie, kaum daß sie vollendet ist, oder doch
bald danach, wieder aufzugeben und zum vorigen Zustande
zurückzukehren. Man schaltet dergleichen als Unterbrechung und Zwischenspiel in den Hauptzusammenhang des
Lebens ein, und zwar zum Zweck der "Erholung", das heißt:
der erneuernden, umwälzen-den Übung des Organismus,
welcher Gefahr lief und schon im Begriffe war, im ungegliederten Einerlei der Lebensführung sich zu verwöhnen, zu erschlaffen und abzustumpfen. Worauf beruht dann aber diese
Erschlaffung und Abstumpfung bei zu langer nicht aufgehobener Regel? Es ist nicht so sehr körperlich-geistige Ermüdung und Abnutzung durch die Anforderungen des Lebens,
worauf sie beruht (denn für diese wäre ja einfache Ruhe das
wiederherstellende Heilmittel); es ist vielmehr etwas Seelisches, es ist das Erlebnis der Zeit, – welches bei ununter-brochenem Gleichmaß abhanden zu kommen droht und mit
dem Lebensgefühle selbst so nahe verwandt und verbunden
ist, daß das eine nicht geschwächt werden kann, ohne daß
auch das andere eine kümmerliche Beeinträchtigung erführe.
Über, das Wesen der Langenweile sind vielfach irrige Vorstellungen ver-breitet. Man glaubt im ganzen, daß Interessantheit und Neuheit des Gehaltes die Zeit "vertreibe", das
heißt: verkürze, während Monotonie und Leere ihren Gang
beschwere und hemme. Das ist nicht unbedingt zutreffend.
Leere und Monotonie mögen zwar den Augenblick und die
200
Соседние файлы в предмете [НЕСОРТИРОВАННОЕ]
