Немецкая литература в обучении немецкому языку. Учебник
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geschafft worden ist. Anton weiß eine Antwort: Mir hond en zerleggt, als mern hergschafft hond. Er sei Weltmeister im Antworten. Darin stehe ihm Höfe sicher nicht nach. Zwei Weltmeister also. Bis auf den Schreibtisch, bis auf den Dialekt, bis auf das Archiv der Seegemeinde. Wo er sich auskenne wie ein Fuchs in seinem Bau.
Höfe streckt die Arme aus, ohne die Enden des Tischs zu erreichen. Linker und rechter Hand jeweils sechs Schubladen.
Auf der Schreibtischfläche einAufsatz, mit vielen kleinen Fächern.
Höfe zählt nach. Das ist der Weg, den bei mir die Vergangenheit geht, sagt Anton. Bei wichtigen Sätzen ist sein Hochdeutsch tadellos. Er sammle die Vergangenheit in Pappkartons. Alles Kraut und Rüben, nur die Jahreszahl müsse stimmen. Von den Kartons wandere sie weiter in die Schubladen unter dem Schreibtisch.
Hier zählten die Monate, der Januar befinde sich oben links, der
Dezember unten rechts. Anschließend werde sie auf die kleinen Fächer verteilt. Siesch, sagt Anton und zieht wahllos einige Schubladen heraus. Sechs Schubladen übereinander, Politik ganz unten, dann Landwirtschaft, Kultur, Vereine, Familiäres. Oben Vermischtes. Zwölf Reihen, Januar bis Dezember. Danach sei es ein leichtes, die Geschehnisse abzuheften. Bis zu seiner Pen sionierung sei er kaum über die Pappkartons hinausgekommen. Auch für das aktuelle Jahr nicht. Seit er mehr Zeit habe, arbeite er sich immer weiter nach hinten durch. Die aktuellen Ereignisse lege er nebenbei ab. Direkt in die Ordner. Im Augenblick sei er dabei, 1966 auf die Fächer zu verteilen. Hofes Interesse beginnt und endet einige Jahre früher. Es gilt dem Pappkarton, der vor ihm steht. Dem von 1963.
Das jetzige Hochwasser komme unter Vermischtes, so Anton. Und die Seegfrörne falle, wenn sie an der Reihe sei, unter dieselbe Rubrik.
Die Fenster, die keine Fenster sind. Direkt unterhalb der Decke angebracht und mit einem Gitter versehen. Lichtschächte.
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Auffangbecken für den Regen. Sammelstelle für altes Laub. Das vom vorigen Herbst ist nicht entfernt worden. Aber wer schaut hier schon nach. Auf keinen Fall der Gemeindearbeiter, weiß Anton.
Zudem hat Höfe gelernt: Gingen die Fenster des Archivs nach vorne raus, in Richtung alte Hafenmauer und Schiffsanlegestelle, wäre das Gitter weiß gestrichen und nicht grau. Vom Laub wäre keine Spur. Anton: I sitz im hinterschde Loch. Höfe: Am Arsch der Welt. Doch beide wissen die Vorteile dieser Lage zu schätzen. Von aller Welt, insbesondere dem Bürgermeister und Frau Schwenk, unbeobachtet zu sein. Den Hund trotz der Verbotsschilder an den Rathaustüren mitnehmen zu können. Max, ausgestreckt auf dem Linoleumboden, weiß von seinem Glück.
Wieder verschwindet Anton. Dieses Mal auf die Toilette. Höfe öffnet den Karton. Obenauf zwei Artikel, die aneinandergeheftet sind. Donnerstag, 21. März 1963, liest er.
Verschollen im Eis? Flugzeuge der Bundeswehr suchen
Jugendlichen. – Seit Dienstag abend wird Robert Teiler vermißt. Der Junge, der an diesem Tag seinen sechzehnten Geburtstag feierte, wollte abends mit seinen Freunden Helmut Seidel und Willi Brito am See spazieren gehen. Als er gegen 23 Uhr noch nicht zu Hause war, fragten die Eltern bei den Freunden nach, die erklärten, sich vor zwei Stunden von Robert getrennt zu haben. Daraufhin benachrichtigten die Eltern die örtliche Polizeidienststelle. Diese gab die Suchmeldung an Feuerwehr und Wasserschutzpolizei weiter aufgrund des Verdachts, daß Robert zurück an den See gegangen sein und sich aufs Eis hinausgewagt haben könnte. Der sehr starke Wind, der von Nordwesten nach Südosten wehte, hätte eine frei treibende Eisscholle schnell in Richtung Obersee bringen können. Mit Scheinwerfern und Leuchtpatronen wurde das offene Seegebiet abgesucht, ohne den Jugendlichen zu sichten. In der Nacht zum Mittwoch, gegen zwei Uhr, mußte die Suche ergebnislos abgebrochen werden.
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Höfe fährt der Wind durchs Gesicht. Er steht am Bug des Polizeibootes. Sein Blick ist starr in die Dunkelheit gerichtet. Keine Eisscholle entgeht ihm. Neben ihm Max, ebenso aufmerksam. Anton ist nicht zu sehen, der muß am Ufer zugange sein. Dafür einige Polizisten, die hinter Höfe und dem Hund patrouillieren. Die mit den Händen ihre Schultern warmklopfen. Höfe: Bierbauch, grau die im Wind wehenden Haare. Max: Drei Beine und ein Stumpf, verlotterter Schwanz, zersauste Ohren. Ihre Entschlossenheit strahlt übers Wasser. Beide sprängen ohne zu zögern hinein.
Am Mittwochmorgen, sofort bei Anbruch der Dämmerung, starteten vom Flugplatz Friedrichshafen-Löwental aus vier
Hubschrauber und zwei Flugzeuge der Heeresfliegerstaffel
Friedrichshafen. Ein weiteres Flugzeug der Rettungsstaffel der Bundesluftwaffe aus Lechfeld traf ein, so daß insgesamt sieben
Flugzeuge die Suche nach dem Vermißten durchführten. Bis zum
Nachmittag blieb sie aber ohne Erfolg.
Höfe und Max haben Platz in einem Hubschrauber gefunden. Unter ihnen der Überlinger See: in der Mitte Scherben aus Eis. Aufgetürmt zu Haufen, die an gescheiterte Hoffnungen erinnern. Die beiden denken an eine Müllhalde, auf der Bulldozer ihre Arbeit verrichten. An vielen Stellen auf dem See Risse und Lücken, als hätte jemand seine Beherrschung verloren. Als hätte jemand mit Gewalt die Faust auf das Eis geschlagen. Dagegen die Ränder. Dort glitzert das Wasser in einem fort. Dieses Bild, vom Hubschrauber aus eingefangen, gleicht einem Spiel, das auch am Südpol stattfinden könnte. Nur die Pinguine fehlen. Dafür sind Lachmöwen da. Wie kleine Inseln treiben Eisschollen nebeneinander her, in immer neuen Formationen. Höfe würde Teiler entdecken. Würde aus dem Hubschrauber springen und zu ihm eilen. Max hinterher. Er würde auf der Scholle stehen und über das Wasser bellen. Der Junge liegt zusammengekauert da, dem Eis schon ähnlich. Die nächsten Bewegungen Hofes sind wie eine. Sein Ohr auf Teilers Brust. Wiederbelebungsversuche. Die kalten Arme hochheben.
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Pumpen. Nichts rührt sich. Oder doch? Ging da nicht ein Zittern durch den Brustkorb? Decken um Teiler schlagen. Schnell. Die Bahre absetzen. Unter den leblosen Körper greifen. Schneller.
Freitag, 22. März 1963. Neue Spuren. Hat die Seegfrörne ein weiteres Opfer gefordert? – Der vermißte Robert Teiler ist immer noch nicht gefunden worden. Für die Polizei liegt der Verdacht nahe, daß die Seegfrörne ein weiteres Opfer gefordert hat. Gestern meldete sich ein Zeuge auf der zuständigen Polizeidienststelle. Er berichtete, am Abend des vergangenen Dienstag zunächst gegen 21.30 Uhr zwei Personen, später, um 22 Uhr, eine Person am Waschplatz gesehen zu haben. «Erkannt habe ich sie nicht. Dazu war es zu dunkel.» Wegen der Uhrzeit war sich der Zeuge absolut sicher. Seit fünf Jahren verlasse er bei jedem Wetter nach 21 Uhr sein Haus, um den Hund auszuführen, und komme gegen 22 Uhr wieder zurück.
Lockeres Aufnehmen der Zeugenaussage. Höfe, mit beiden Ohren im Gespräch, hat auch Augen für den Wachraum. Spärliche Einrichtung. Ein Stuhl auf jeder Seite des Schreibtischs. Regale mit Akten. Auf dem Fenstersims ein Kaktus und ein Wasserkocher. Der Kohleofen heizt den Raum auf. Der Zeuge hat seinen Mantel an die Garderobe gehängt, wenig später öffnet er die Weste. Vor ihm eine Tasse Nescafe. Eine Tüte mit Keksen. Der Beamte, über den Tisch gebeugt, schreibt. Er sagt: Na, das nenne ich neue Erkenntnisse.
Bei einer nochmaligen Vernehmung gab einer der beiden
Jugendlichen, Willi Brito, zu, mit Robert noch einmal zum Waschplatz zurückgegangen zu sein. Robert habe sein Taschenmesser verloren, und er habe ihm angeboten, es gemeinsam zu suchen. «Ich bin, nachdem wir eine Zeitlang vergeblich gesucht haben, nach Hause gegangen. Robert wollte noch am See bleiben, weiter suchen.» Auf die Frage, weshalb er davon nicht sofort der Polizei berichtet habe, antwortete Willi, er habe Angst gehabt, eines
Vergehens beschuldigt zu werden. Er sagte auch, Robert habe
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an diesem Abend unbedingt auf das Eis hinausgehen wollen. «Helmut und ich haben uns aber nicht getraut.»
Dasselbe überheizte Zimmer. Verhörsituation. So funktioniert das in einem Kriminalfilm, denkt Höfe. Das Haar des Beamten ist eine frischgemähte Wiese. Seine Augen schwimmen im schwarzen Rahmen der Brille. Sein Zeigefinger drückt auf die
Nasenspitze, sein Daumen stützt das Kinn. Der Beamte geht im Zimmer auf und ab. Vor dem Fenster bleibt er stehen, nimmt den Kaktus in die Hand, betrachtet ihn mit Ausdauer, als sei er ein Spiegel. Dann setzt er sich rittlings auf einen Stuhl und eilt seinem Gegenüber direkt ins Gesicht. Die Arme verschränkt er auf der Lehne. Ich weiß, daß Sie mehr wissen. Daß Sie mir etwas verbergen. Also noch einmal von vorne. Schön der Reihe nach erzählen.
Der Verantwortliche der Wasserschutzpolizei, Wolfgang Weil, teilte mit, die Suche werde in den nächsten Tagen fortgesetzt. «Wir versuchen alles.» Doch die Chancen, den Jugendlichen noch lebend anzutreffen, sind gering. Auf einer Eisscholle hätten ihn die Flugzeuge finden müssen. «Wahrscheinlich ist er ins Wasser gerutscht und ertrunken.»
Die Polizei konzentriert sich bei ihrer Suche jedoch nicht auschließlich auf das Seegebiet. Weil räumt ein, der Verdacht,
Teiler sei auf einer Eisscholle abgetrieben worden, könne sich auf keine handfesten Beweise stützen. «Genauso gut kann Teiler abgehauen... oder ihm ist sonst irgend etwas passiert. Genauso gut kann er sich in Luft aufgelöst haben.»
Sorgfältig ausgeschnitten, die Zeitungsartikel. Anton überläßt nichts dem Zufall, nicht einmal die Ränder einer Zeitungsseite. Höfe wühlt im Karton. Dabei entdeckt er: Viehauktionen. In Orten, deren Namen Höfe nichts sagen, aber mit Kühen, die in der Seegemeinde aufgezogen wurden. Todesanzeigen. Ernteberichte. So viele Äpfel nach diesem Winter. Vereinsnachrichten. Vom
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Gesangverein, Kegelverein, Fußballverein, Seehasenverein. Da zwischen kommen zwei weitere Artikel über Teiler zum Vorschein.
Er will anfangen zu lesen, da hört er die Toilettenspülung. Kurz darauf fragt er Anton nach dem verschwundenen Jungen. Hier bei uns fangt so vill mit'm Tod a. Lueg nu. Er zieht die Schublade Familiäres auf. Nach schwerer Krankheit heimgegangen ins ewige Reich. Emma Beyerle 1934–1966. Es trauern Erwin Beyerle samt Familie. Dieser Beyerle, verschrien als Faulpelz, habe sich kurz nach dem Tod seiner ersten Frau wieder verheiratet. Eine gute
Partie. Mit der Mitgift habe er sich einen lange Zeit florierenden
Lebensmittelladen aufgebaut. Und hier. Meine geliebte Frau Franziska, 1911–1966, hat das Zeitliche gesegnet. Wann werde ich nachfolgen? In Trauer Hermann Honrath.
Dieser Honrath habe noch mehr als zwanzig Jahre gelebt und in dieser Zeit herzzerreißende Gedichte über Liebe und Tod verfaßt, von denen viele im wöchentlich erscheinenden Gemeindeblatt abgedruckt wurden. Anton holt weitere Artikel aus der Schublade. Alles Todesanzeigen. Der Bodensatz dann Taufen und Hochzeiten. Schon mehrfach habe er wegen der Toten einen neuen Ordner beginnen müssen.
Höfe fragt nach Robert Teiler. Ob etwas mit seinem Tod begonnen habe. Wenn'r etzt no am Läbbe war, denn wär'r ungfär so alt wie du. E traurige Gschicht. In Hofes tragendes Gesicht hinein sagt Anton: Eine traurige Geschichte. Die paßt überhaupt nicht in deine Chronik.
Höfe ahnt schon, daß sie passen wird. Daß sie unerläßlich sein wird für die Chronik der Seegemeinde. Sie wird sein Faden sein. Der sich dann durch Rosen, Bücher, Abende, Misthaufen, Liebschaften, Tote, Bäume zieht. Er wird ihn sich herholen, diesen Jungen, der im Moment nicht mehr ist als ein paar Blätter Papier aus einer Lokalzeitung. Er sei für die Chronik zuständig, sagt er. Und Anton für das Archiv.
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I muß jetzt mit'm Hund naus. Wenn n'Kaffe widsch, do hinte stoht alls.
Höfe setzt einen Kaffee auf. Er nimmt sich die nächsten Artikel vor.
Samstag, 22. März 1964. Gedenkgottesdienst für Robert
Teiler. – Vor einem Jahr ist ein Mitglied der Seegemeinde, Robert
Teiler, spurlos verschwunden. Es war sein sechzehnter Geburtstag.
Vieles deutete daraufhin, daß der Jugendliche der Seegfrörne zum Opfergefallenist,dochendgültigeBeweiseließensichnichtfinden.
Gestern abend fand in der überfüllten katholischen Pfarrkirche ein
Gottesdienst für den Verstorbenen statt.
Wie doch die Zeit vergeht, flüstert Höfe Anton bei einem Lied zu. Dicht an dicht stehen sie. Gerade noch hätten sie den Teiler gesucht, wie einen, der aus dem Blickfeld verschwunden sei. Dem man aber nur ein Stückten hinterhergehen müsse. Da sei er dann wieder und könne mit ihm weiterleben. Heute jedoch sei die Erinnerung bereits verblaßt. Die Haare des Jungen. Waren sie schulterlang? Blond oder eher braun? Fielen ihm Strähnen ins Gesicht? Seine Nase. War sie platt oder stand sie schmal nach vorne? Anton unterbricht seinen Gesang. Fällt Höfe ins Wort. Alle denked etzt ann'en. Und des wird sich i'de nägschde Zeit it ändere.
In seiner Ansprache hob Bürgermeister Kluge hervor, daß sich bei aller tiefen Trauer, die dieser Tod in den Bewohnern des Ortes ausgelöst habe, auch gezeigt habe, daß sie eine Gemeinde seien. Der soeben zum Direktor der Grundund Hauptschule ernannte Anton Herbstetter versicherte den Familienangehörigen: «Ihr Ro bert wird immer einen Platz in unseren Herzen haben.»
Die Glocken läuten. Höfe kniet, sitzt und steht. In den Fürbitten kommen die Toten nicht zu kurz. Der Bürgermeister löst sich aus der Menge der Trauernden. Der Priester hält einen Kelch in die Höhe. Höfe schüttelt den Eltern des verschwundenen Jungen
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die Hand. Er erfährt, daß sie einen heruntergewirtschafteten Bauernhof übernommen haben. Daß sie sich auf Viehzucht spezialisieren wollen. In erster Linie Geflügel. Sie waren Ende des vergangenen Jahres weggezogen aus der Gemeinde, sie wollten an einem anderen Ort neu anfangen. Hier, so sagten sie nach dem Gottesdienst, erinnerte uns einfach zuviel an unseren Jungen.
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