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Deutsch im Zeichen der US-amerikanischen Exoglossie. Monographie

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NATIONALE POLYTECHNISСHE FORSCHUNGSUNIVERSITÄT TOMSK

Ju.V. Kobenko

DEUTSCH IM ZEICHEN

DER US-AMERIKANISCHEN EXOGLOSSIE

Monographie

2. Auflage

Verlag der Polytechnischen Universität Tomsk 2014

UDK 803.01(091)

BBK Sch143.24-0

K55

Kobenko Ju.V.

K55 Deutsch im Zeichen der US-amerikanischen Exoglossie: Monographie / Ju.V. Kobenko; Polytechnische Universität Tomsk. – 2. Aufl. – Tomsk: Verlag der Polytechnischen Universität Tomsk, 2014. – 173 S.

ISBN 978-5-4387-0441-6

In der Monographie wird ein enger Zusammenhang zwischen dem sprachpolitischen Leitkonzept eines Staates und der Evolutionsdynamik der autochthonen Sprache am Beispiel des exoglossen Entwicklungskurses des Deutschen seit dem Kriegsende aufgezeigt. Der Dezentralismus der deutschen Sprachpolitik wird als wichtigster Gefährdungsfaktor für die deutsche Sprachidentität vor dem Hintergrund der US-amerikanischen Exoglossie und eine zu demokratische Normauffassung der Deutschen als Hauptursache für die überbordende Zahl der Anglo-Amerikanismen im deutschen Sprachbestand der Gegenwart begründet.

Das Werk wendet sich vor allem an Germanisten, Sprachwissenschaftler, Lexikographen, Soziolinguisten, Promovenden, Studenten der Fakultäten für Fremdsprachen sowie Übersetzer.

UDK 803.01(091)

BBK Sch143.24-0

Gutachter

Kandidat der philologischen Wissenschaften,

Dozent, Leiter des Lehrstuhls für Sprachen der Völkerschaften Sibiriens der Pädagogischen Staatsuniversität Tomsk

A.Ju. Filtschenko

Kandidat der philologischen Wissenschaften, Dozent des Lehrstuhls für Translationswissenschaft der Pädagogischen Staatsuniversität Tomsk

W.M. Lemskaja

ISBN 978-5-4387-0441-6

© NPFUT, 2008

 

© Kobenko Ju.V., 2008

 

© Umschlaggestaltung. Verlag

 

der Polytechnischen Universität Tomsk, 2014

Inhaltsverzeichnis

 

Vorwort und Danksagung

4

Einführung

6

Kapitel 1. Zum Problem der Amerikanisierung der deutschen

 

Sprache und Kultur

 

1.1. „Anglizitis“ – keine Sprachkrankheit

27

1.2. Historischer Aufriss des amerikanischen Einflusses

 

auf das Deutsche

37

1.3.Neuere deutsche Sprachpolitik: vom Sprachnationalismus

zur Sprachdemokratie

47

Kapitel 2. Exoglossie als Bedingung einer Sprachentwicklung

 

2.1. Begriffe der Exoglossie und der exoglossen Sprachsituation

63

2.2. Der exoglosse Einfluss und das Wahlphänomen

73

2.3. Exoglosse und endoglosse Sprachpolitiken

82

2.4. Besonderheiten der deutschen Sprachpolitik

91

2.5. Zur Bestimmung der Sprachsituation

 

im heutigen Deutschland

97

Kapitel 3. Exoglossie und Sprachidentität

 

3.1.Sprachidentität als Einheitlichkeitsparameter im Prisma

der Exoglossie

103

3.2.Vom Aussterben bedroht: Gegenmaßnahmen und

Entwicklungsszenarien

117

Zusammenfassung

126

Literatur

130

3

Vorwort und Danksagung

Die vorliegende Monographie ist aus einer langjährigen Auseinandersetzung mit dem Problem der englischsprachigen Entlehnungen im Deutschen hervorgegangen. Mit großer Dankbarkeit zolle ich all den Menschen

Anerkennung, die mir hilfreich zur Seite gestanden haben.

Dank gebührt vor allem Prof. Dr. Lutz Götze, der meine Arbeit im Rahmen des Projekts „Exoglosse Sprachsituationen in der Ontogenese des Deutschen“ an der Universität des Saarlandes mit großer Geduld betreut und viele Anregungen und Kritikpunkte beigesteuert hat. Sine qua non. Gleiches gilt auch für Prof. Dr. Rolf Müller (Universität Kassel) und Prof. Dr. Hubert Lengauer (Universität Klagenfurt), die durch zahlreiche Anmerkungen zur vorliegenden Arbeit beigetragen haben. Danken möchte ich ebenfalls Prof. Dr. Hildegard Spraul (Universität des Saarlandes) für ihre Verbesserungen meiner Formulierungen, stetige Diskussionsbereitschaft, großartige und überaus wichtige Beratung. Prof. Dr. Olga Kostrowa (Pädagogische Universität Samara) war mir immer eine große Hilfe und diese wenigen Zeilen vermögen meinen

Dank und Respekt kaum richtig zum Ausdruck zu bringen.

Innigen Dank schulde ich dem Deutschen Akademischen

Austauschdienst, mit dessen finanzieller Unterstützung diese Arbeit überhaupt zustande gekommen ist.

Mein besonderer Dank richtet sich an Dipl.-Phil. Karl-Heinz Göttinger (Sulzbach) für seine wertvollen Kommentare über die jüngsten politischen Entwicklungen in der BRD und für die vielen praktischen Ratschläge zur

Strukturierung des monographischen Aufsatzes.

4

Meinen Kollegen an der Polytechnischen Universität Tomsk Dr. Veronika

Rostowzewa, Dr. Nikolaj Katschalow verdanke ich viel mehr, als sich an dieser

Stelle sagen lässt. Bei ihnen fand ich jederzeit Verständnis und Ermutigung.

Tomsk, im Mai 2014

Dr. sci. Juri Kobenko

5

Einführung

Das Problem der sprachlichen Entlehnung wurde lange ausschließlich aus der Perspektive der Intralinguistik betrachtet, die sich bekanntermaßen mit dem Sprache-Denken-Nexus auseinandersetzt. Dabei galt für alle relevante Forschung das Assimilationskriterium als maßgebend, mit dessen Hilfe

Sprachmittel der Nehmer-Sprachen – ungeachtet jeglichen Fehlens einer unüberwindlichen Grenze – entweder dem Erbgut, oder Lehngut, oder auch Fremdgut zugewiesen wurden. Das Werden der Kontaktlinguistik brachte zwar die Forscher auf eine zusätzliche Observationsebene des gen. Problems – die Diachronie, jedoch liegt das Hauptaugenmerk nach wie vor im Bereich der Intralinguistik, was einen gewissen Strukturdeterminismus aufweist, der eine

Eindimensionalität der Forschung manifestiert und nicht bloß eine holistische Beschreibung des Entlehnungsphänomens, sondern überhaupt das Verständnis dessen Natur behindert. Eine Reihe Erscheinungen, die mit der sprachlichen Entlehnung zusammenhängen, wie beispielsweise Scheinentlehnung (aposteriorische Derivation auf Basis des entlehnten Sprachguts),

Neusemantisierung, Neuetymologisierung, Sprachsystemveränderung usw. erfuhren trotz fortbestehender Aktualität bislang noch keine befriedigende Auslegung.

Die Situation wird wesentlich dadurch kompliziert, dass es in der

Sprachwissenschaft gewissermaßen keine konkrete Disziplin gibt, die sich umfassend mit der sprachlichen Entlehnung befassen würde. So beschäftigen sich hiermit traditionell die Lexikologie, die entlehnte Sprachmittel bestimmten lexikalischen Klassen auf paradigmatischer Ebene zuordnet; die Stilkunde, die

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Entlehnungen unter den Gesichtspunkten der Genrezugehörigkeit und Stileffekts differenziert; die Orthologie, die entlehntes Sprachgut vom Standpunkt der Norm aus betrachtet, usw.

Das Phänomen der invasiven Entlehnung, das ständig vor dem Hintergrund einer Nachahmung der höher entwickelten Sprachen

(Standardsprachen) beobachtet wird, wessen Symptom und Resultat in der Regel Sprachveränderungen sind, stellt Sprachforscher vor die Notwendigkeit einer Heranziehung der Begriffsapparate der Soziolinguistik und ihrer Zweige Sprachsoziologie und Soziosprachkulturologie, sowie der Evolutions-, Diskurs-, Ökound typologischen Linguistik – allgemein extralinguistischer Disziplinen, die sich mit dem Sprache-Sozietäts-Nexus auseinandersetzen und die

Observationsperspektive durch die dynamische Dimension ergänzen. Diese Erweiterung des Forschungsfeldes des Entlehnungsproblems ermöglicht einen Sichtwechsel und eröffnet neue Perspektiven zur Erschließung der Natur dieser Erscheinung und ihrer Bedeutung für die geschichtliche Entwicklung der

Sprachen.

Die Wahl eines Orientierungsrichtwerts bzw. Sprachstandards erfolgt unweigerlich unter der Bedingung, dass der zu wählende Standard über eine Reihe entscheidender kommunikativer Vorteile verfügen muss, die ausgerechnet den Entwicklungsunterschied ausmachen, den die Nehmersprache ausgleichen möchte. Die Kommunikationseignung der Sprachen, gehalten in bestmöglicher Form, stellt das Ideal jedweder Sprachentwicklung dar. Dennoch wird als

Orientierungsrichtwert nicht unbedingt eine höher entwickelte Sprache, sondern vielmehr eine höher entwickelte Kultur festgelegt. Hiermit ist der erwähnte entscheidende Vorteil extralinguistischer Natur. Ausgerechnet der

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sozialpolitische Wert einer Fremdkultur bedingt deren Einfluss auf die Nehmerkultur. Trotz andauernder Uneinigkeiten über die Natur der Sprachveränderungen läuft die allgemeine Meinung darauf hinaus, dass auf der heutigen Entwicklungsetappe der Sprachen Veränderungen ausschließlich auf soziale Ursachen zurückzuführen sind (WEPREWA, 2005: 20). Nur deshalb ist das extralinguistische Profil für das Verständnis der Entlehnungsnatur ausschlaggebend.

Der Einfluss einer höher entwickelten Geberkultur auf die Nehmersprache initiiert im System der letzteren eine Reihe beträchtlicher Veränderungen, die letztendlich auf die Erweiterung der Nehmersprache-Möglichkeiten ausgerichtet sind. Erstens entlehnt die Nehmersprache effektive Mittel der Gebersprache, zweitens baut sie auf Basis des entlehnten Sprachguts eigene effektive

Ressourcen auf, die sie für das weitere Funktionieren benötigt. Diese apriorischen und aposteriorischen Neu-bildungen aus dem GeberspracheMaterial lösen beträchtliche Evolutionstransformationen im System der Nehmersprache aus, für welche in diesem Beitrag der Terminus „Exoglossie“ vorgeschlagen wird.

Als „Exoglossie“ wird hier auch solches Sprachfunktionieren verstanden, bei dem der Zitationsgrad der Geberkultur in der Nehmersprache mit den Mitteln der Gebersprache äußerst hoch ist. Ein Außenbetrachter mag die

Meinung gewinnen, dass Nehmersprache-Träger beim Sprechen autochthonen Sprachmitteln attraktivere Formeln der Gebersprache bewusst vorziehen.

Außerdem ist aus Sicht des Autors als „Exoglossie“ eine solche

Sprachentwicklungsperiode der Nehmersprache zu bezeichnen, in der beachtliche Evolutionstransformationen ihres Systems unter dem Einfluss einer

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gewissen Gebersprache registriert wurden. In solchen Perioden „siegt das Chaotische, Unkontrollierbare einer Sprache über das Normative, deswegen brechen aktuelle Sprachtendenzen sozusagen nach außen“ (GLOWINSKAJA, 1996: 237-238). Folglich setzt die exoglossische Sprachevolutionsdynamik eine Art Entbalancierung des Sprachsystems in geänderten sozialen Verhältnissen voraus, wohingegen das Antinomie-Pendant der Exoglossie – Endoglossie – eine verhältnismäßige Statik des Nehmersprache-Systems indiziert.

Die Aspektkonstellation der exoglossischen Theorie (sozio-, kontaktlinguistisch, strukturell-funktional) erwächst aus der Unzertrennlichkeit der Sprachentwicklungsprozesse und der sie beeinflussenden extraund intralinguistischen Faktoren der Sprachevolution und klingt an die Elemente der Trichotomie von L. FLYDAL – „Diatopie, Diastratie, Diaphasie“ (FLYDAL, 1951: 241) an, die das Diasystem (die Ökologie) einer Sprache ausmachen.

Hiermit können drei Ebenen der exoglossischen Theorie auseinanderdifferenziert werden: 1) die diatopische, 2) diastratische und 3) diaphasische Ebenen.

1) Die Diatopie impliziert die soziolinguistische Dimension mit sprachsoziologischen, soziosprachkulturellen und sprachpolitischen Aspekten und ist durch den Orientierungsrichtwert lokalisiert, der entweder im Bereich des Isomorphismus (der Spracherhaltung) oder dagegen des Diamorphismus

(der Sprachveränderung) liegt. Auf dem Gebiet der Sprachregelung entspricht der Isomorphismus dem sprachpolitischen Modell des Sprachnationalismus, welches puristischen Charakter trägt; der Diamorphismus steht dem Modell der Sprachdemokratie gleich, das sich durch eine Loyalität für Sprachneuerungen kennzeichnet.

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2) Die diastratische (auch strukturell-funktionale) Ebene exponiert die Spaltung der Sprachmaterie innerhalb eines konkreten Sprachsystems. Als

Differenzierungskriterien können hier Genetik (für Diskursund Sachgruppenstrata), Stratik (für Sprachstatus vs. -korpus als sprachpolitische Objekte), Dispersion (für eine Varianz der funktional-stilistischen Sprachformen, Idiome und Sprachsysteme) gelten.

3) Die diaphasische Ebene objektiviert den antinomischen Charakter des Zusammenwirkens kontaktierender Sprachsituationskomponenten (der funktional-stilistischen Stilarten, Strata, Sprachformen), der sich in genetischer, funktionaler und distributiver Heterogenität des Sprachmaterials äußert.

Das Ebenensystem der exoglossischen Theorie gewährleistet einen extensiven Erforschungscharakter des sprachlichen Entlehnungsphänomens und dient als Plattform für das System der metaglossischen Parameter, das als Instrumentarium der einschlägigen Theorie eine Parametrierung nicht nur exoglossischer Sprachsituationen, sondern komplexer Sprach(system)- veränderungen ermöglicht. Die Extensivität gewährt ein hohes explanatorisches und prognostisches Potenzial der vorzustellenden Theorie und sichert ihren hohen theoretischen Stellenwert und breite Anwendbarkeit.

Symptom und Gewähr eines herangereiften Veränderungsbedarfs im weiteren Sinne ist, wie vorbemerkt, ein bestimmter Orientierungsrichtwert der Weiterentwicklung einer Nehmersprache – einer der Parameter der exoglossischen Theorie. In exoglossischen Verhältnissen ist ein solcher

Richtwert in der Regel exogener Natur. Es sei besonders hervorzuheben, dass weder Sprachevolution noch Sprachentwicklung ohne Orientierung an einer konkreten Sprache mit dem Attribut „höher entwickelt“ (und daher auch

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