Deutsch im Zeichen der US-amerikanischen Exoglossie. Monographie
.pdfMeinung aller Beteiligten Rechnung tragen möchte, wie es in einer demokratischen Gesellschaft üblich ist. Wenigstens deshalb nicht, weil die Sprachgesetze unabhängig von gesellschaftlichen Gesetzen existieren. Darüber hinaus sind Norm und Usus, obwohl hartnäckig, sehr lenkund veränderbar:
Sprache als lebendiger Mechanismus ist stets auf der Suche nach besseren (i.e.
ökonomischen) Ausdrucksmöglichkeiten und darum äußerst aufnahmefähig. Es darf nicht vorkommen, dass einer „mit Vorbildfunktion“ Massenmedien dazu ausnutzt, seine eigene – und meistens fehlerhafte – Ausdrucksweise durchzusetzen, vgl. den zum Werbespruch einer Telefonfirma hochgejubelten Versprecher Verona Pooth alias Feldbusch (einer sog. Prominenten) „*Da werden Sie geholfen“ (Beispiel nach SCHREIBER, 2006: 185). Wäre es nicht eigentlich besser, Fachleuten Entscheidungen zu überlassen, statt einer Demokratie zuliebe den „Schuster zum Dichter“ zu machen? Ist nicht etwa dieselbe Demokratisierung des Sprachgebrauchs daran schuld, dass das Englische die Muttersprache der Deutschen in ihrem eigenen Sprachraum immer mehr verdrängt oder dass jeder, der das Sprechen vom Gummikauen kaum unterscheiden kann, Normen einer Kultursprache per Werbung im Fernsehen setzen darf?
Zweitens werden, obwohl die meisten Schlüsse hier richtig sind, die tatsächlichen Ursachen auch weiterhin verkannt. Es geht ja grundsätzlich nicht um eine „Sprachkrankheit“, die mit linguistischen Maßnahmen behandelt werden will, sondern um ein gesellschaftlich-kulturelles Phänomen, bei dem die Bereiche der Politik, Wirtschaft, Bildung u. a. nicht minder betroffen sind. Vieles, was in der Sprache zum Ausdruck kommt, ist nur Reflex der außersprachlichen Wirklichkeit. Eine Veränderung wäre im kulturellen Bereich
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viel wirksamer, aber auch willkommener, denn meistens sind es nicht die sog.
„Sprachpanscher“, die mit ihren Werbeslogans die deutsche Sprache absichtlich verunstalten, sondern diejenigen, die diese Slogans unreflektiert nachplappern, ohne an deutschsprachige Äquivalente zu denken (wenn überhaupt). Eine steigende Zahl funktionaler Analphabeten in Deutschland, Jugendliche, die ohne einen richtigen Schulabschluss erzielt zu haben, bereits arbeiten gehen wollen, weil Bildung und Verdienst zunehmend in krassen Widerspruch geraten, die Omnipotenz des Geldes und der sorgenfreie amerikanische Lebensstil, der durch die Fernsehwerbung vermittelt und von immer mehr Menschen als Norm angesehen wird, sorgen für die Herausbildung von Normen soziokulturellen und -politischen Charakters. Folglich sollten orthologische und sprachkonsolidierende Maßnahmen auf viel breiteren kulturpolitischen Umwälzungen (bzw. Reformen) aufbauen, die sich gegen die Amerikanisierung unter dem Deckmantel der Globalisierung richten.
Die globalisierte Welt ertrinkt in einer Flut von Informationen, und keine Sprache ist gegen den exoglossen Einfluss gesichert. Nicht zu vergessen ist aber, dass die meisten sprachpolitischen Maßnahmen die Fortentwicklung einer Sprache nachhaltig beeinflussen und deshalb gut durchdacht und begründet sein sollen. Also muss auf jede Radikalität von vornerein verzichtet werden. Ein Sprachgesetz (der zweite Entwicklungsweg nach HOBERG) wäre eine Art Antwort mit einer Übertreibung auf eine andere Übertreibung – Öffnung der Kulturklammer. Wie ich im Abschn. 1.1. feststellte, führt die deutsche Gründlichkeit nur zu oft zu Übertreibungen, welche mit anderen Übertreibungen zu bekämpfen, die Lage aussichtslos machen könnte.
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Auch VOIGT (2000) gibt sich bedenklich gegenüber einer gesetzlichen Lösung des Anglizismenproblems. Er verweist auf das sog. Loi Toubon, das viel umstrittene Gesetz Nr. 94-665 vom 4. August 1994 über den Gebrauch der französischen Sprache, und meint: „Der Sprachschutz sollte zu dogmatisch ausfallen“. Das Französische zeichnet sich ohnehin durch einen hohen Künstlichkeitsgrad aus, der mit dem Loi Toubon deutlich erhöht werden und so die Autarkie verstärken kann.
DEY, zweiter Vorsitzender des Regionalverbands 65 im VDS, fordert ein
Sprachschutzgesetz mit Augenmaß, das „als zusätzliche Maßnahme zur Sicherstellung der Verständigung in Deutschland und für den Erhalt der kulturellen Vielfalt unumgänglich ist“ (DEY, 2001).
Das betont endoglosse Entwicklungsgepräge ist nicht das größte Nachteil aller Sprachgesetze, sondern – was bei HOBERG unter dem vierten Entwicklungsszenarium gemeint ist – weithin eine Verschmelzung von Gesetzund Normgebung. Jeder Normverstoß könnte mit einer Strafe enden, und die Sprache würde Vieles an Vitalität und Reichtum einbüßen.
Richtig erscheint die Haltung, die auf Aufklärung und Bewusstseinserweiterung setzt, vgl. GÖTZE (1999). Die Kooperation der vielen Sprachgesellschaften und -verbände in Deutschland mit den germanistischen Einrichtungen weltweit könnte schon bald Früchte tragen.
Im September 2006 veranstaltete das Institut für Anglistik und Amerikanistik der Universität Regensburg die internationale Konferenz „Anglizismen in Europa“. Im Mittelpunkt standen die Frage nach der identitätsbildenden Funktion der jeweiligen Nationalsprache und die Sorge um Überfremdung durch die anglophone Kultur, welche auch durch das Englische
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repräsentiert wird. Thematisiert wurden die Wechselwirkungen zwischen sprachlichen Aspekten auf der einen Seite und den politischen, sozialen und kulturellen Belangen auf der anderen.
Solche Veranstaltungen, am liebsten von Fernsehsendern ausgestrahlt, sollen den Blick für die große Vielzahl unterschiedlicher Kulturen, Traditionen und Entwicklungen öffnen und schärfen, so dass weiterführende Verständigung und Netzwerkbildung möglich wird.
VOIGT setzt sich ebenfalls für „mehr Bewusstsein für Werte, ohne die es kein Europa gibt. Sie sind wichtiger als vermeintliche Marktvorteile“. Er warnt aber zugleich vor Schaffung einer europäischen Identität, und meint, dass die Europäer ohnehin genug Werte, Traditionen, Künste, Moden und Stile teilen. „Aber die Sprachen rühren tief an unsere Identität(en). Die Sprachen wechselt man nicht wie ein Hemd“ (VOIGT, 2001).
STICKEL (2001) geht einen Schritt weiter und proponiert: „Es sollte ein ständiger Rat für die deutsche Sprache (vielleicht als „Deutscher Sprachrat“) gebildet werden. Dieser Sprachrat sollte nicht in Konkurrenz, sondern in enger Verbindung mit schon bestehenden zentralen Einrichtungen für die Erforschung und Pflege der deutsche Sprache (IDS, GfdS) wie auch mit wissenschaftlichen
Fachverbänden und Mittlerorganisationen eingerichtet werden“.
Eine konsolidierende und einheitlichkeitsfördernde Sprachpolitik in
Deutschland, die einen Ausgleich zwischen dem endoglossen und exoglossen Entwicklungskurs erzielt, ist aber noch nicht in Sicht. Es kann noch eine
Zeitlang dauern, bis der richtige Weg bzw. das richtige Szenarium für die weitere Entwicklung der ramponierten Sprache von LUTHER, ZWEIG, SCHOPENHAUER, TUCHOLSKY gefunden ist. Bis dahin aber darf Folgendes
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niemals vergessen werden: Geschichtlich ergab sich für Deutschland die
Notwendigkeit sprachlicher Vereinheitlichung nicht anders als mit der
Entwicklung der Außenbeziehungen zunächst im Bereich des Fernhandels. Die ansteigende Beteiligung der Deutschen am internationalen Sprachverkehr stärkte die Position ihrer eigenen Kultur und forderte die Herausbildung der deutschen Nationalsprache. Zusammenfassend kann mit SCHMIDT (1969: 21) gesagt werden: Der Ausbau der wachsenden nationalen Gemeinsprache vollzog sich unter Beteiligung mehrerer Faktoren, wobei LUTHERs Bibelübersetzung und seine anderen Schriften nicht unmaßgeblich an der Verbreitung dieser Sprache beteiligt waren. Von Grammatikern wurden Bücher zum schriftlichen Gebrauch der deutschen Sprache verfasst und erste Sprachlehren für den muttersprachlichen Unterricht geschaffen. Wichtig sind in diesem Zusammenhang die Versuche zur Normierung des Deutschen durch SCHOTTEL, GOTTSCHED, ADELUNG, womit das Grundgerüst der neuhochdeutschen Grammatik geschaffen wurde. Die Schulen unterstützten den Ausbau der wachsenden Gemeinsprache durch die verstärkte Förderung der muttersprachlichen Disziplinen (Zitat nach FISCHER, 1992: 159–160). Dass die
Zusammenarbeit auf allen gesellschaftlichen Ebenen zur Stärkung der Rolle und
Position der deutschen Sprache in der Welt beigetragen und die Sprache selbst im Sinne der Konsolidierung nachhaltig beeinflusst hatten, ist über jeden
Zweifel erhaben.
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Zusammenfassung
In der vorliegenden Monographie wurden Probleme untersucht, deren
Behandlung, angewandt auf die gegenwärtige Sprachsituation in Deutschland, zur Aufhellung systematischer Beziehungen zwischen der Sprachpolitik eines Staats und dem Entwicklungskurs der hiesigen Sprache(n) von großer
Wichtigkeit sind. Diese Dependenz bedingte wesentlich den
Entwicklungscharakter der deutschen Sprache seit 1945, für welchen in dieser Arbeit die Bezeichnung „Exoglossie“ vorgeschlagen wurde.
Der Begriff der Exoglossie ist als Grundbegriff für die Deskription solcher Entwicklungstendenzen deshalb besonders geeignet, weil – ähnlich wie im Oppositionsfall der Endoglossie – von Seiten des beobachtenden Linguisten von einem Orientierungswechsel der betroffenen Sprache im Rahmen ihres Entwicklungskurses ausgegangen zu werden braucht.
Da die Exoglossie in der Entwicklung einer Sprache eine derart entscheidende Rolle spielt, mussten vordringlich die Grenzwerte der
Entwicklungsskala sowie sprachökologische Rahmenbedingungen einer exoglossen Entwicklung ermittelt werden.
Nachdem im ersten Kapitel einleitend einige vorbereitende Bemerkungen zu der Geschichte des US-amerikanischen Einflusses und seinen Auswirkungen auf die deutsche Kultur und Sprache gemacht wurden, war das zweite Kapitel vor allem der Aufgabe gewidmet, den terminologischen Begriffsapparat der Exoglossieforschung herauszuarbeiten, der sowohl den von der modernen Wissenschaftstheorie entwickelten Kriterien der Exaktheit und logischen
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Konstanz genügt, als auch der empirischen Reichhaltigkeit des
Untersuchungsobjektes Rechnung trägt.
Zurzeit zeigen sich Tendenzen, die über sämtliche Entwicklungsperioden der deutschen Sprache wirken. Sie hatte in ihrer Entwicklung mehrere
Exoglossien, also massive Spracheinflüsse von außen überstanden, aber auch in der prähistorischen Phase (vor 500 n. Chr., als die ersten Sprachdenkmäler der germanischen Stämme entstanden waren) war die Sprache etlichen Einflüssen, vor allem seitens des Keltischen und Griechischen (teilweise mittels des Gotischen), ausgesetzt. Diese Exoglossien bestimmten wesentlich den Charakter des Deutschen und seine Kraft, die nach GOETHE nicht in der Abweisung des Fremden, sondern in dessen Aufnahme besteht.
Die letzte, mit Abstand intensivste exoglosse Sprachsituation, die vom amerikanischen Englischen bestimmt wurde, dauerte seit 1945 und nähert sich allmählich einer postexoglossen Phase. Die gestiegene Anzahl der orthologischen Werke, i.e. solcher, die sich mit der Festhaltung der Normverstöße im Sprachstrom befassen, die Verwandlung des englischsprachigen Stratums in ein Metastratum (Diglossie) sowie das sich aufbessernde Sprachbewusstsein läuten ebenfalls das Ende der massiven „Anglisierung“ der deutschen Sprache ein.
Die Frage nach der Gesetzmäßigkeit solcher geschichtlichen Vorgänge kann noch nicht eindeutig beantwortet werden. Erstens versteht sich eine Exoglossie sowohl als Entwicklungsbedingung (HEINE vergleicht sie mit einer Emporbewegung), als auch als Einflussfaktor von dauerhafter Wirkung, was schon einen gewissen Widerspruch in ihrer Natur erkennen lässt. Zweitens sind fast alle modernen Hochoder Kultursprachen von der Politik des jeweiligen
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Staates betroffen, die – zum Leiden vieler (und bei weitem nicht nur) Sprachwissenschaftler – paradoxerweise mit der Sprachpolitik gleichgesetzt wird.
In dieser Hinsicht ist Deutschland leider keine Ausnahme. Es geht einen dornenreichen Weg vom rechtskonservativen „Sprachpurismus“ über „Sprachzucht“ und „Sprachpflege“ sodann zur unhinterfragten Sprachdemokratisierung, die von einer Sprachvernachlässigung nicht mehr weit entfernt ist, also weg von jeder Einheitlichkeit. Somit erscheint die letzte angloamerikanische Exoglossie, die über 60 Jahre gedauert hat, sowohl als Gesetzmäßigkeit, als auch als Fehlentwicklung, denn die fehlende bzw. vernachlässigte einheitliche Form für die Verständigung aller Sprachnutzer (Hochsprache) führt automatisch dazu, dass diese Lücke in der heutigen Welt nur zu oft vom amerikanischen Englischen gefüllt wird.
Die spätere Phase der sog. „Anglisierung“ (ca. seit den 90-er Jahren) der deutschen Sprache stellt nichts anderes als Geund Missbrauch des Englischen durch deutsche Sprachnutzer dar, was ebenfalls auf eine Demokratisierung der Sprachnormen und weniger auf den Einfluss der Verkehrssprache Englisch zurückzuführen ist. Denn zwar handelt es sich dabei um eine erzwungene
Exoglossie (im Gegensatz zu einer freiwilligen, die eine Wahl der Einflusssprache voraussetzt), kann der Einfluss auf die Nehmersprache, unter dem stets eine Fortentwicklung zu verstehen ist, nur eine begrenzte Zeit lang dauern. Danach ist der Sprachbestand der Nehmersprache aufgestockt und es besteht kein Anlass zur weiteren Entlehnung. Später kann die Nehmersprache höher entwickelt sein, als die Gebersprache und selbst zum Sprachgeber werden, wie es dem Englischen einst widerfahren war. Diese Stufe hat die deutsche
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Sprache längst hinter sich, da aber die Globalisierung amerikazentrisch verläuft und Deutschland bemüht ist, mit den USA Schritt zu halten, kommt es häufig dazu, dass die Deutschen mit ihren englischsprachigen Wortschöpfungen den
Amerikanern zuvorkommen (vgl. Scheinentlehnungen: Ego-Shooter, Dressman, Twen, Oldtimer usw.).
Die Analyseergebnisse der gegenwärtigen Sprachsituation in Deutschland lassen angesichts einer zunehmend diglossalen Differenzierung der beiden Komponenten (Deutsch, US-Englisch) ein stärkeres sprachkritisches Engagement der Öffentlichkeit und eine baldige Revidierung des sprachpolitischen Leitkonzeptes erwarten. Sprachliche Autarkie (Endoglossie) steht in Opposition zu einer Überfremdung (Exoglossie), deshalb muss man bei Einleitung sprachpolitischer Maßnahmen den goldenen Mittelweg gehen. Die Ansätze dazu wurden im dritten Kapitel diskutiert: Die meisten sehen für
Deutschland eine gesetzliche Regelung der Sprachsituation vor. Als nunmehriges Gesetz sollte ein einheitliches Kulturund Sprachbewusstsein figurieren, welches vernünftige Kriterien für den Sprachgebrauch entwickeln und den Erhalt der sprachlichen Vielfalt in Deutschland sichern würde.
Die Kultur entfaltet sich innerhalb bestimmter ethnischer, geographischer u.a. Grenzen und ist gewissermaßen ihr geistiger Ausdruck. Blinde Übernahme einer fremden Kultur kann zu schweren Identitätskonflikten mit weit reichenden Konsequenzen führen, denn Entwicklungen können auch negativ sein. Deshalb empfiehlt sich im Hinblick auf die eigene Sprache und Kultur ein exoendoglosser Ausgleich, den wir noch bei GOETHE wiederfinden: „Wo müssen wir umschreiben und wo hat der Nachbar das entscheidende Wort?“
Saarbrücken – Tomsk
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