Deutsch im Zeichen der US-amerikanischen Exoglossie. Monographie
.pdfzwischen den USA und Europa zumal nach 1945 mündete nie in eine Art krude
Angebotsdiktatur der amerikanischen Supermacht, sondern bleibt zunächst einmal an die Grundbedingungen eines Austauschs geknüpft“.
So paradox es auch klingen mag, lediglich wird die Asymmetrie des sog.
Kulturtransfers anerkannt, der hier – ich bin felsenfest überzeugt – für viele
Fachkundige wie ein Fluch klingen wird. SCHMITZ schildert in seinem Beitrag in „Das Wort“ 2002 die sukzessive Ausradierung der deutschen Kultur nach dem Zweiten Weltkrieg, indem er betont, dass die Anpassung an die amerikanische Industrieund Konsumgesellschaft aufgrund der starken politischen und wirtschaftlichen Abhängigkeit von den Vereinigten Staaten in
Deutschland viel reibungsloser und umfassender erfolgte als anderswo in
Europa. „Denn viele der in Nachkriegsdeutschland tonangebenden ausländischen und deutschen Intellektuellen sahen – naiv oder demagogisch – durch die jüngste deutsche Vergangenheit die gesamte deutsche Geschichte entwertet und versuchten, mit jener auch diese zu verdrängen.
So wurden im Geist eines erneuerten und diesmal nahezu hemmungslosen
Amerikanismus auf den Trümmern zerstörter deutscher Städte vielfach „Filialen von Chicago[!]”errichtet“, berichtet SCHMITZ (2002: 148–149) mit Verweis auf JÜNGER (1949, 178). „Und wenn Jünger damals noch hoffen konnte, dass, wenn alle Gebäude zerstört sein würden, doch die Sprache bestehen bleiben werde, „als Zauberschloss mit Türmen und Zinnen und mit uralten Gewölben und Gängen”, ... in denen man noch „weilen und dieser Welt verlorengehen” könne (JÜNGER, 1949: 283), so scheint sich diese Hoffnung mehr und mehr als trügerisch zu erweisen.
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Ebenso wie in den wenigen Jahrzehnten der Nachkriegszeit viele Städte und Landschaften, vor allem in der alten Bundesrepublik, durch „Sanierung” und „Flurbereinigung”, durch „Modernisierung” und „Rationalisierung” viel von ihrer jeweiligen Eigenart und Schönheit eingebüßt haben, so sind – vor allem unter der Wirkung der alles beherrschenden Medien – viele
überkommene, besonders regionale, lokale, volkstümliche Sprachtraditionen und -strukturen, in denen sich der einzelne heimisch fühlte, zurückgedrängt oder aufgegeben worden“.
Die Kritik am Neuen Amerikanismus wurde vor allem in der
Bundesrepublik schnell verdrängt und vergessen und so steigerte sich die besinnungslose Kultivierung alles Amerikanischen unentwegt weiter. KLEMPERER war einer der wenigen, der die Situation scharf ins Visier nahm.
Er warnte in einem Vortrag 1952 vor dem Verlust der „Gemeinsamkeit der Sprache“. Diese drohe verlorenzugehen, wenn die von den USA und der „verräterischen Adenauerregierung” betriebene „geistige Entdeutschung des deutschen Westens” fortschreite und sich der Sprachstil im Westen weiter „in Richtung auf Kosmopolitismus, Amerikanismus und Dekadenz” entwickle.
WEISKOPF stritt ebenso leidenschaftlich gegen die „amerikanische Sprachinvasion” im Westen: „Noch gefährlicher als das Wiederaufleben der braunen Sprachpest – weil auch Kreise erfassend, die sich gegen diese wehren – ist eine andere Seuche: Die Überfremdung des Deutschen durch das massive Eindringen amerikanischer Wörter und Wendungen” (WEISKOPF, 1955: 61). Die fortschreitende Amerikanisierung resultierte in einer starken Abwehrhaltung gegen sie in progressiven Kreisen.
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SCHLENKER erläutert die Ziele der Kulturpolitik in der Programmerklärung des Ministeriums für Kultur aus dem Jahre 1954: „Wiedervereinigung Deutschlands, [...] die Zurückweisung der Amerikanisierung mit ihren kulturzerstörerischen Folgen in Westdeutschland und die hierauf beruhende Rettung der Einheit und des Wesens der deutschen
Kultur” (SCHLENKER, 1977: 94). Damit bestätigt sich der Ansatz im vorangehenden Abschnitt, dass die Antwort in der Kulturpolitik zu suchen ist. FLAKE schreibt in seinen 1960 erschienenen Erinnerungen über die ersten Nachkriegsjahre und die frühe Bundesrepublik: „Es hatte sich etwas von Grund auf verändert.
Die Deutschen amerikanisierten sich, sie wurden von Managern amerikanisiert, auch im Geistigen. [...] In dem neuen Staat, nach 1948, kam endgültig ein Typ in die Führung, den ich ablehnte, der Geldmacher, der Banause mit dem großen Auto” (FLAKE, 1980: 560). Auch in FLAKES
Spätwerk werden dieselben kritischen Töne angeschlagen: „Der deutsche Export blühte auf, eine Menge Leute wurde rasch reich, aber das Wunder, von dem sie nun redeten, blieb auf die Wirtschaft beschränkt. Wenn ich mir in Baden-Baden [...] die Gesichter ansah, dachte ich manchmal, dieses westdeutsche Neugebilde sei als neunundvierzigster Prosperitystaat der nordamerikanischen Union angehängt“ (FLAKE, 1955: 215).
In seiner Marbacher Rede prangert der damalige Bundespräsident
GUSTAV HEINEMANN die Amerikanisierung der deutschen Sprache und
Kultur: „Die seit Kriegsende bei uns in alle Bereiche des Lebens eingedrungene Flut von Amerikanismen muss endlich wieder zurückgedrängt werden. Das zu sagen, hat nicht das Geringste mit Antiamerikanismus zu tun.
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Es geht allein um die Verpflichtung gegenüber unserer eigenen Sprache.
Diese Verpflichtung verlangt von uns ganz allgemein, den gedankenlosen
Gebrauch von Fremdwörtern zu überwinden. [...] Hierbei handelt es sich um nichts Geringeres, als um den mir wichtig erscheinenden Auftrag, die Sprachkluft zwischen den sogenannten gebildeten Schichten und den breiten
Massen unserer Bevölkerung zu überwinden, die für eine Demokratie so gefährlich ist. Welche Kluft eine durch Fremdwörterei überladene Sprache verursacht, erfahre ich oft in meinen Gesprächen mit den Angehörigen der verschiedensten Bevölkerungsgruppen. [...] Sich in solche Sprachzucht zu nehmen, ist sicher nicht immer leicht, aber ein Beitrag sowohl zur Demokratie wie auch zur Bewahrung der Schönheit unserer Sprache“ (HEINEMANN, 1973: 144 ff). Der Bundespräsident bekräftigt seine Ermahnung mit Schillers Worten: „Die Sprache ist der Spiegel einer Nation, wenn wir in diesen Spiegel schauen, so kommt uns ein großes treffliches Bild von uns selbst daraus entgegen”
(SCHILLER, 1992: 737).
Dazu bemerkt SCHMITZ: „Auch wenn Heinemann in dieser Rede gegen die Amerikanismen nur sprachsoziologisch und sprachästhetisch, nicht kulturpolitisch oder gar außenpolitisch argumentierte, bleibt sein Mahnruf zu größerer Sprachloyalität einzigartig und erinnernswert. Zu einer öffentlichkeitswirksamen Fremdwortkritik oder zu Aufrufen zu einer gemäßigten Sprachreinigung ist es bis Ende der 90-er Jahre jedoch kaum gekommen“ (SCHMITZ, 2002: 152).
Die oben erwähnte Rolle der Kulturpolitik, in welche die Sprachpolitik mündet, wird auch heute noch offenbar unterschätzt: das zeitgenössische
Fernsehen in Deutschland allein liefert reichlich Beweise, dass trotz
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nachhaltender Kritik (auch vom Ausland) der deutsche Amerikanismus – ob als
„Atavismus“ oder Trägheitsphänomen – ruhig weiter lebt. Über die
Besonderheiten der Kulturpolitik und -situation in Deutschland wird weiterhin eingehend berichtet. Wie aus den Ausführungen hervorgeht, ist die Zahl der Entlehnungen aus der zweiten Einflussperiode immensurabel.
Dies betrifft alle Arten von Entlehnungen – sowohl lexikalische (Lexembzw. Morphemübernahmen), als auch semantische (von Lehnprägungen bis Lehnübersetzungen) sowie syntaktische (Lehnwendungen). Diesmal nahmen die Amerikanismen ganze Lexiken in Beschlag, so dass viele Bereiche des deutschen Wortschatzes mit ihnen durchsetzt waren.
Als erste erwarben sich die Amerikanismen Atombombe, Sanierung und Flurbereinigung einen Platz im deutschen Wortbestand. Nach ihnen kamen
Automation, Computer, Container, Job, Know-how, Laser, Management, Pipeline, Radar, Team, CD, Charts, Comics, Jingle, Headline, Hit, live, LP, News, Playback, Serial, Show, Single, Special, Spot, Trailer, die das Lexikon der Massenmedien ergänzten. Auch Attribute der neuen Mode wurden mitsamt der entsprechenden Bezeichnungen entlehnt: Aftershave, Eyeliner, Lotion,
Spray, Look, Boots, Clogs, Slipper, Blazer, Sweater, T-Shirt, Jeans. Die Sprache des Sports erfuhr ebenfalls Modernisierung durch Bodycheck, Icing, Penalty,
Play-off, Bodybuilding, Bowling, Jogging, Squash, Surfing, Qualifying.
Auch im DDR-Deutsch ließen sich über das Russische einige
Amerikanismen nieder, die allerdings weniger zahlreich waren: Dispatcher, Combine, Broiler, Plast[e]. Interessant erscheint die Tatsache, dass die invasive Einwanderung der Amerikanismen die Stratifikationshierarchie der Stilebenen im Deutschen veränderte.
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Wenn noch vor der zweiten Einflussperiode die erhabene Dichtersprache als Standard galt, so wurde in der zweiten Hälfte des XX. Jh. der literarischumgangssprachliche Stil, der „liberaler“ wirkte und für breite Massen zugänglicher war, zur Norm.
Die Verschmelzung zweier Funktionalstilarten war auf der einen Seite durch die Internationalisierung bestimmter Sprechmuster durch die Massenmedien und auf der anderen Seite durch den zunehmenden Einfluss der Fachund Soziallexiken sowie teilweise dialektaler Varianten auf die deutsche Allgemeinsprache bedingt. Die Fusionierung großer Zahl öffentlicher Sektoren zu einem Konglomerat der „Infotainment“-Gesellschaft bewirkte eine Aufhebung aller Grenzen zwischen Berufslexiken und dem Allgemeinbestand der deutschen Sprache und führte dazu, dass die Fachterminologie zum Zwecke der Manipulation und des Betrugs genutzt wird. VOIGT bemerkt dazu: „So wird gerade bei Menschen, die kein Englisch beherrschen, wie Werbestrategen herausgefunden haben, eine unbestimmte Assoziation mit Höherwertigem ausgelöst. Es handelt sich z. T. durchaus um unlauteren Weltbewerb, um Überlistung mit verbalen Tricks, wie man sie schon bei den antiken Sophisten finden konnte“ (VOIGT, 2000).
Der markanteste Unterschied zwischen den beiden Einflussperioden besteht nicht nur in der Intensivierung der Entlehnungsprozesse, sondern vor allem in fortwährend mangelnder Adoption des zuwandernden Sprachmaterials. Erwähnenswert ist ebenfalls das Phänomen der Scheinentlehnungen, unter welchen Wörter und Ausdrücke zu verstehen sind, die eindeutig mit dem
Sprachmaterial der Gebersprache gebildet wurden, aber darin wenigstens nicht vorhanden (und ihren Trägern meistens auch unverständlich) sind. LEHNERT
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nennt solche Gebilde „ghost-words“, während er auf eine Manipulation des englischsprachigen Wortgutes hinweist (LEHNERT, 1998: 59) und die
Asymmetrie des Sprachverhaltens bestätigt. So rief die deutsche Wortschöpfungskraft die Wörter Dressman, Handy, Talk-Master, Pullunder,
Twen, Ego-Shooter, Beamer ins Leben, die zu Morphementlehnungen gehören. Im Allgemeinen lässt sich festhalten, dass die Invasion der
Amerikanismen an und für sich ein von den Deutschen selbst gewollter und gesteuerter Prozess ist, der in vielem auf die sich ständig amerikanisierende
Neubildung der westdeutschen Gesellschaft zurückgeht. Die Erkenntnis, dass „[…] das britische Englisch und das amerikanische Englisch die Hauptquellen für Entlehnungen ins Deutsche waren und sind“, wie VIERECK (1988: 938) in seiner Übersicht englischsprachiger Einflüsse in „Handbuch zur Geschichte der deutschen Sprache und ihrer Erforschung“ betont, lässt auch generell Schlüsse auf die heutige Kultursituation im Lande zu.
1.3. Neuere deutsche Sprachpolitik: vom Sprachnationalismus zur Sprachdemokratie
Innerhalb dieses und auch folgender Abschnitte werden wir mehrmals feststellen, dass das Verhältnis der deutschen Staatsund Sprachpolitik überraschend eng ist. Da die Sprache in Deutschland immer noch zum Merkmal der deutschen Nation gehört (ius linguae), betreffen die politischen Implikationen von Sprachfragen nicht nur Strategien der Sprachverwendung bzw. -reglementierung, sondern lassen grundsätzlich von einer positiven Übertragung der staatspolitischen Inhalte auf das gesamte Netzwerk
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sprachökologischer Faktoren sprechen. Im zweiten Kapitel dieser Arbeit soll veranschaulicht werden, wie schnell die Sprachpolitik in der deutschen
Geschichte unter dem Einfluss gewisser politischer Präferenzen ihre Blickrichtung wechselte. Der Terminus „Sprachpolitik“ wird dabei in generalisierender Bedeutung „Sprachenund Sprachpolitik“ verwendet (vgl.
COULMAS, 1985), da eine strikte Unterscheidung nach KLOSS (1969) aufgrund der immer komplizierter werdenden sprachökologischen Verhältnisse des Deutschen (und anderer europäischer Sprachen) nicht mehr möglich ist. Die Vielfalt der sprachsoziologischen Konzepte und der einschlägigen begrifflichterminologischen Apparate lässt es obendrein nicht mehr zu, dass alle Daten und Interpretationsschemata berücksichtigt werden, deshalb wird vielmehr auf die
Diskussion fundamentaler Problemstellungen im Rahmenwerk der Anglizismenthematik Wert gelegt.
Ausgehend von einer Betrachtung der deutschen Sprachforschung des 19.
Jahrhunderts und unter Rückgriff auf Humboldts sprachtheoretische Arbeiten und die Sprachpolitik des 17. Jahrhunderts, gelangt die amerikanische Forscherin LINKE zu der Einsicht, dass in Deutschland Sprache als ein Produkt der Natur gelte, so dass Sprache und Volksnation als eine „organische Einheit, ein leibliches Ganzes“ (LINKE, 2002: 297) verstanden werden. Diese enge
Verflechtung lässt eine in vielerlei Hinsicht abstruse Gleichschaltung der Politik des Staates und der Sprachpolitik zu. Die „Sprachdemokratie“ ist dabei als keine sprachpolitische Konzeption anzusehen, sondern nunmehr als Folge einer Unterschätzung der konsolidierenden Sprachbetrachtung und -pflege und der damit assoziierten Werte.
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Der Weg führt vom rechtskonservativen „Sprachpurismus“ über „Sprachzucht“ und „Sprachpflege“ sodann zur unhinterfragten Sprachdemokratisierung, die von einer Sprachvernachlässigung nicht mehr weit entfernt ist, also weg von jeder Einheitlichkeit. Zurzeit bestehen in Deutschland
19 Sprachvereine, zwei Sprachstiftungen und drei staatlich geförderte
Sprachinstitutionen, deren sprachpolitische Bestrebungen von leichten Abweichungen bis zu fundamentalen Widersprüchen reichen, vgl. die „Fremdwortdurchlässigkeit“ der Duden-Redaktion und die Kampfschriften des VDS. Nichtsdestotrotz scheint das Konzept der Sprachdemokratie den meisten
Sprachwissenschaftlern selbstverständlich, und die Zahl der Systemkonformisten nimmt leider permanent zu. HESS-LÜTTICH vertritt in seiner „Grammatik der deutschen Sprache“ den Ansatz von WEINRICH, der die Aufgabe der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung darin erblickt: „möglichst viele Personen und Institutionen im deutschen Sprachraum dafür zu gewinnen, den Gebrauch der deutschen Sprache, zumal im öffentlichen Leben, zum Gegenstand einer beständigen Aufmerksamkeit und einer ebenso kritischen wie aufmunternden Förderung zu machen“ (HESS-LÜTTICH, 2006: 662).
Verkannt wird offensichtlich, dass jede Sprache bzw. Sprachform von einer einheitlichen Norm geprägt wird, die keinen Sprachpluralismus oder – noch schlimmer – Sprachpositivismus duldet (s. mehr dazu im Abschn. 3.1.). Wenn der Ansatz im Hinblick auf die Lexik noch vertretbar erscheint (vgl. die Territorialismen beginnen – anfangen, Apfelsinen – Orangen), ist er in der
Grammatik, die systemsprachliche Regularitäten expliziert, völlig inakzeptabel, z. B. kann der Artikel „das“ beim Wort „Mädchen“ nicht einfach durch „die“ ersetzt werden, obwohl es den meisten logischer und auch gerechter scheint. Es
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wäre unvorstellbar, wenn sich zwei mit Migrationshintergrund, wie es modisch heißt, treffen, einer aus Leipzig und der andere aus Mainz, und aneinander vorbeireden, nur weil sie ihre sprachlichen Diskrepanzen „aufmunternd fördern“ möchten, die aus der Beschäftigung mit verschiedenen Grammatiken einer und derselben deutschen Sprache hervorgehen. Ist es nicht seltsam, dass die Vorstellungen von einer Demokratie, wie sie sich in einem einzelnen Land finden, bedenkenlos auf die Sprache, die weit über die Landesgrenzen gesprochen wird, angewandt werden, ohne die Funktionsprinzipien der letzteren
überhaupt zu berücksichtigen?
Die krasseste Form der Zusammenjochung der sprachlichen Materie und der Vorstellungen von einer Gesellschaftsdemokratie zeigt sich am Beispiel der nahezu zwanghaften Wortauffüllungen mit „-innen“ bei Berufsbezeichnungen, vgl. die Wortformen „Parlamentarierinnen“, „Prokuristinnen“, „Professorinnen“, mit denen sich nur noch Feministinnen gern umzugehen scheinen, während sie bei einem durchschnittlichen Sprachbenutzer eher mit artikulatorischen Herausforderungen assoziiert werden. Der Gerechtigkeitswahn einzelner als Minderheiten zu betrachtender sozialer Gruppierungen wird kompromisslos in der Sprache verankert und kurzerhand allgemein verbindlich gemacht, ohne dass seitens der Normsetzer auch die geringste Anstrengung unternommen wird, die Nachbarn zu Rate zu ziehen. Im Schwedischen, Russischen, ja selbst im favorisierten Englischen existiert seit geraumer Zeit das sog. gemeinsame Genus bei Titelund Berufsbezeichnungen, das beide Geschlechter mit versteht, ohne jemanden sprachlich oder anders zu diskriminieren. Das sprachliche Genus hat mit dem biologischen Geschlecht wenig gemeinsam, als dass sie beide bedenkenlos direkt aufeinander bezogen werden. Schließlich kann die Sprache
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