Добавил:
Опубликованный материал нарушает ваши авторские права? Сообщите нам.
Вуз: Предмет: Файл:

Deutsch im Zeichen der US-amerikanischen Exoglossie. Monographie

.pdf
Скачиваний:
0
Добавлен:
12.08.2026
Размер:
979 Кб
Скачать

attraktiv für die Nehmersprache) überhaupt nicht zu denken sind. Das sich in der

Nehmerkultur formierende Prestige der Gebersprache ist die erwähnte Gewähr dessen, dass Zuwachsbzw. Transformationsveränderungen in der

Nehmersprache zu erwarten sind. Beim Ausschlagen der Entwicklung in eine bestimmte Richtung (Archaisierung bzw. Überfremdung) wird die Orientierung zum Entwicklungsstandard, dabei kann seine Vorbildfunktion eine Konvergenz der Nehmersprache und Gebersprache zur Folge haben.

Demzufolge kann die Sprachsystemveränderung, die auf den Wechsel des Sprachstandards, also des normgebenden Systems, zurückzuführen ist, als

Sprach-evolutionskonstante aufgefasst werden. N. WACHTIN kommt zur Schlussfolgerung, indem er Motivationsfaktoren einer

Sprachsystemveränderung analysiert: „Ihre häufige Ursache ist das Entstehen eines attraktiveren oder scheinbar attraktiveren Lebensmodells nebenan“

(WACHTIN, 2001: 16). Dennoch bedingen die sozialen Faktoren allein noch keine Sprachsystemveränderung.

Die Gebersprache muss für die Nehmersprache-Träger eine höher entwickelte Sprachform darstellen. Ausgerechnet dieser Vorteil, der im Wesentlichen den Entwicklungsgrad konstituiert, dient als eigentlicher

Orientierungsrichtwert einer Fortentwicklung und bildet die Plattform für den Übergang zu einem anderen, höher entwickelten Zustand. Das Vorhandensein eines Sprachstandards ist somit Bestandteil der Sprachevolution. „Ein System ist auf das andere ausgerichtet und setzt gewisse Veränderungen voraus“

(PANOW, 1990: 12).

Die Sprachsystemveränderung ist hierbei ein Faktum des vollzogenen Übergangs zu einem neuen Zustand, oder, laut PANOW (ebd.), „wenn der

11

Zustand M zum Zustand М1 bzw. М2 übergeht“ und „das Funktionieren des Sprachsystems irregulär wird“ (COSERIU, 1955: 146).

Schematisch kann die Sprachveränderung als Punkt „aB“ in der darauffolgenden Sequenz der Evolutionstransformation der Erscheinung „A“ zur Erscheinung „B“ nach W. BABAJZEWA (1967) vorgestellt werden

A → Ab → AB →aB → B,

wo „А“ ein Ausgangszustand der sich verändernden Erscheinung in der Diachronie; „Ab“ eine Phase, in der ein rezessives Merkmal eines künftigen Zustands erworben wird; „AB“ eine Diglossie; „aB“ ein Werden des „A“ zu einem rezessiven und des „B“ zu einem dominanten Merkmal; „B“ ein neuer Zustand des veränderten „A“ ist.

Der „B“-Zustand kann auch als Orientierungsrichtwert des „A“ bezeichnet werden, wobei der erstere sowohl exoglossisch, als auch endoglossisch sein, d.h. entweder infolge einer Entlehnung eintreten oder auf ehemalige und als vorbildlich geltende Entwicklungsphasen zurückgehen kann. Dieser Parameter der evolutionären Sprachveränderung wird nach W. WINOGRADOW et alt. (2008) als „metaglossisch“ bezeichnet und setzt entweder exoglossische oder endoglossische Sprachdynamik voraus.

Der metaglossische Parameter bildet eine Ausgangsgröße für die

Bestimmung antinomischer Subparameter der Sprachevolution auf folgenden Ebenen:

1) Diatopie: „Entwicklungscharakter“ (Überfremdung vs. Archaisierung), „Modell der Sprachpolitik“ (Sprachdemokratie vs. Sprachnationalismus), „sprachpolitische Ebene“ (Statusebene vs. Korpusebene), „Charakter der Sprachpolitik“ (permissiv vs. restriktiv), „Charakter der Sprachplanung“

12

(funktional vs. normativ), „Charakter der Sprachbetrachtung“ (sprachstatusbezogen vs. sprachkorpusbezogen), „Charakter der Sprachkritik“ (liberal vs. puristisch), „Charakter der Kodifizierungsmaßnahmen“ (progressiv vs. retrospektiv).

2)Diastratie: „Diskursbzw. Sachgruppengenetik“ (importiert vs. autochthon), „Objekt der Sprachregelung“ (Sprachstatus vs. Sprachkorpus), „Sprachnormenvarianz“ (Polyzentrismus vs. Monozentrismus).

3)Diaphasie: „funktionaler Typ der Sprachsituationskomponenten“

(vertikales Medium vs. horizontales Medium, Gebersprache vs. Nehmersprache,

L1 vs. L2).

Der Parameter tritt als Invariante der obigen Antinomien auf und die Gesamtheit der Parameter, die den begrifflich-terminologischen Apparat der exoglossischen Theorie bilden, kann als metaglossische Parametrologie bestimmt werden. Bei dem metaglossischen Ausgangsparameter wird entweder Exoglossie oder Endoglossie verstanden. Der exoglossische Evolutionsvektor ist auf den Diamorphismusbereich gerichtet und setzt eine Überfremdung des

Sprachbestands der Nehmersprache infolge einer intensiven Entlehnung aus einer bestimmten Gebersprache voraus.

Die Überfremdung indiziert typologisch die Entwicklung von Kultursprachen, deren Verbreitung über die ethnischen Grenzen hinausgeht. Der entgegengesetzte Vektor zeigt auf den Isomorphismusbereich und bedingt hiermit die Archaisierung der Nehmersprache. Folglich tritt bei der endoglossischen Sprachdynamik einer der ehemaligen Sprachstandards, dagegen bei der exoglossischen eine Fremdsprachkultur auf, die von den Trägern der

Nehmersprache als Prestige-Kultur (und ferner Standard) aufgefasst wird.

13

Die Perspektive der Sprachentwicklung, d.h. der Makroveränderung, stimmt mit der der Sprachevolution nicht überein. Die Sprachen evolutionieren (auf der Mikroebene) durch die Änderung des Typus, der Genetik, des Bestands u.dgl.m. Auf der Makroebene sieht die Veränderung nicht bloß als CodeTransformation aus, sondern vielmehr als Verwandlung eines automorphen Systems: von der menschlichen Sprache zur Computersprache, vom Begriffssystem zu deren Wirkungsmechanismen. Somit ist die Sprachevolution der Entwicklung im weitesten Sinne überhaupt unterstellt. Dies hat die weitgehendsten Folgen für die Sprachwissenschaft, die nicht unbedingt ihre

Fusionierung mit der Soziologie und Kybernetik voraussehen, sondern eher auf das Phänomen einer teilweisen (bis kompletten?) Absonderung der Sprache in jeglicher Form infolge außerordentlichen Informationszuwachses andeuten. Auf der einen Seite führt die Kontrolle über Sprache als Teil der menschlichen Natur unumgänglich zur Erhöhung ihrer Künstlichkeit. Auf der anderen Seite macht das permanente Bestandswachstum der Kultursprachen, die exoglossischen

Evolutionstypus aufweisen, die Bedingungen für die Existenz der Sprache im Medium Mensch funktionell nur teilweise möglich.

Denn bereits heute existieren mehrere von den akkumulierten Interaktionsformen in Form von externen Ressourcen, die im Cyberspace zugänglich sind und fragmentarisch in der Rede vorkommen, vgl. die Sprache der SMS und Kurzmitteilungen, die beispielsweise über das Programm Skype geschickt werden.

14

Schema 1. Das Diasystem der sprachökologischen Variablen

der exoglossischen Theorie

15

Das Schicksal der Kultursprachen, die die genaueste Widerspiegelung aktueller Tendenzen bezwecken, wird zunehmend vom Sprachstoff der sog. führenden Diskurse abhängig, was nicht anders als zur Steigerung des Exoglossitätsund somit Mehrsprachigkeitsindex der kultursprachlichen Idiome, aber auch dazu führen wird, was heute bereits als diskursive Zersplitterung der

Sprachen bezeichnet wird: Sprachen unterscheiden sich zunehmend nicht durch

Genetik oder Typus, sondern durch Kommunikationssphären.

Die Exoglossie und Entlehnung als ihr Instrument werden allmählich zum

Mittel keines Sprachmittel-, sondern bereits Registerimports, was man heute am Beispiel der anglo-amerikanischen Entlehnungen im Bereich Computertechnolo-gien in der deutschen Sprache sehen kann. Demzufolge wird sich der mangelnde Assimilationsgrad des entlehnten Sprachguts des Weiteren nur erhöhen und ein solcher Mechanismus wie Adaptation wird womöglich zum Charakteristikum von Minoritätssprachen. Jedoch wäre es falsch, die exoglossische Evolutionsdynamik vom Standpunkt des Sprachverlustes aus zu betrachten. Vielmehr ermöglicht sie eine Aktualisierung derjenigen Strukturkomponenten, die für eine Entwicklungs-etappe der Sprachentwicklung relevant erscheinen.

Die Frage nach Spracheinflüssen von außen und nach deren Charakter wird in letzter Zeit immer häufiger gestellt. Probleme der Sprachkontakte und - konflikte bleiben im Mittelpunkt des Interesses der Linguisten unterschiedlichsten Profils: Gewaltige Ströme von Fremdwörtern, die in Informationskanälen moderner Medien kursieren, sind nicht selten die Ursache für erzwungene Entlehnungen und eine Nachahmung der informativ dominierenden Sprachkultur. Derartige Prozesse veranlassen zu verschiedenerlei

16

Annahmen hinsichtlich der Sprachevolution im Allgemeinen und Wandelbesonderheiten der jeweiligen Sprache im Einzelnen.

Für Sprache ist immanente Entwicklung charakteristisch, i.e.

Auswechselung einzelner Bestandteile zum Zwecke einer Beseitigung herangereifter strukturell-semantischer Widersprüche (zu lange Komposita, ideographische Synonymie etc.). Da aber innerstrukturelle Änderungen niemals ohne Mitwirkung des Menschen erfolgen, ist die Natur sprachlicher Änderungen stets bilateral: die soziale Determinante existiert neben einem spontan entstehenden Bedürfnis nach Veränderungen unter dem Druck von inneren

Impulsen. Solange die Wiedergabe von Informationsinhalten die eigentliche

Bestimmung der Sprache ist, kann diese Information in jeder für die Wahrnehmung zugänglichen Form übermittelt werden (TUMANJAN, 1999: 96). An Sprachänderung sind also sowohl Sprachträger als auch die Sprache selbst beteiligt. Die Teilnahme der Sprache wird nicht nur durch ihre Rolle als

„Spiegelbild“ der Entwicklungen bestimmt, sondern vor allem durch

Aussendung bestimmter Impulse, die ihren Entwicklungskurs korrigieren sollen. Diese Impulse sind nichts anderes als Existenzbedingungen einer Sprache,

Ausdruck des Bedürfnisses nach der genauesten und einfachsten Wiedergabe von Informationsinhalten. Fremdsprachige Entlehnungen als unabdingbarer Faktor einer allgemeinsprachlichen Entwicklung sichern das Funktionieren einer Sprache genau nach diesem Interaktionsmuster. Folglich muss eine Entlehnung nicht nur als Faktum und Prozess eines interlingualen Zusammenwirkens verstanden werden, sondern vor allem als Folge des Funktionierens der Sprache selbst, als Ausdruck ihres Fortentwicklungsbedarfs und teilweise als Resultat einer vorherigen fremdsprachigen Beeinflussung.

17

Unter Entwicklung wird in dieser Monographie eine immanente

Veränderung des Sprachsystems einschließlich der sprachnahen Sphären

(Metakommunikation u. dgl. m.) mit qualitativen und quantitativen

Charakteristiken dieser Veränderung verstanden. Eigentlich, ist Entwicklung einer Sprache die Summe aller ihrer bisherigen Veränderungen, mithin verhalten sich die Begriffe „Entwicklung“ und „Veränderung“ wie Generelles und Spezielles. Am treffendsten scheint für das Verständnis dieser Entwicklung das deutsche Wort „Fortbestand“ zu sein. Nur dank der Entwicklung sind das Fortbestehen einer Sprache sowie ihr Funktionieren als System möglich. Und weil diese Entwicklung unter anderem durch Fremdsprachen gewährleistet wird, ist die Entlehnung des Fremdwortgutes in der Ontogenese einer Sprache so gut wie programmiert.

Im großen Ganzen spricht das Entwicklungsniveau einer Sprachkultur von der Teilnahme anderer Sprachkulturen an ihrer geschichtlichen Entwicklung. Da der fremdsprachige Einfluss eine Ausdifferenzierung von Einheiten der Mikround Makroebenen voraussetzt, müssen sowohl die entlehnten Sprachelemente deskribiert werden, beispielsweise zwecks der Bestimmung veränderungsbedürftiger Sprachsphären, als auch Perioden, in denen dieser fremdsprachige Einfluss stattfand, indem man dessen Resonanz, Wiederholbarkeit, Intensität u. Ä. mit berücksichtigt. Die Erforschung solcher Perioden in der Ontogenese einer Sprache wird es ermöglichen, Gesetzmäßigkeiten ihres geschichtlichen Werdegangs festzustellen, ihr Wesen

(ihren genetischen Typus) sowie die Begleittendenzen ihrer Entwicklung besser zu verstehen. Zum Beispiel ist für die deutsche Sprache, genauso wie für das

Russische, ein schneller Verlust der inneren Wortform charakteristisch, vgl.

18

„Tücke“ von „tun“, „fertig“ von „fahren“, wodurch diese Sprachen leicht die äußere Wortform zu erneuern vermögen. Die geschichtliche Entwicklung des

Deutschen ging selten ohne Entlehnungen aus anderen Sprachen vor sich.

FISCHER schreibt diesbezüglich: „Wenn unser Deutsch sich also in einem Jahrtausend derart verändert hat, dass ein Text des Althochdeutschen der karolingischen Zeit den allermeisten Deutschen heute unverständlich ist, dann müssen sehr starke Kräfte am Werk gewesen und noch immer wirksam sein, die diese Veränderung bewirkten“ (FISCHER, 1992: 144).

Das Problem der Anglo-Amerikanismen im Deutschen, die ebenfalls in mehrere Sprachen im europäischen Raum und weit über seine Grenzen hinaus

Eingang gefunden haben, steht seit Jahrzehnten im Mittelpunkt kontrovers geführter linguistischer Debatten. Es betrifft sowohl die Sprachträger, die den hohen Anteil von Anglo-Amerikanismen in der gesprochenen sowie geschriebenen Sprache unterschiedlich bewerten, als auch logischerweise Germanisten und Lexikographen, die um eine rechtzeitige Fixierung der Entwicklungstendenzen der deutschen Sprache bemüht sind. Inzwischen haben zahlreiche sprachgeschichtliche Studien nachgewiesen, dass sich solche

Sprachsituationen in der Ontogenese des Deutschen regelmäßig wiederholen, vgl. SANFORD (1998), KRAGL (2000), VOIGT (2000).

Somit gilt als Einheit der Makroebene, i.e. ontogenetischen Ebene, eine Periode, in welcher sich die Nehmersprachkultur unter einem fixierten Einfluss der Gebersprachkultur befand. In dieser Arbeit wird diese als exoglosse Sprachsituation bezeichnet. Dabei ist unter Exoglossie eine solche Entwicklung zu verstehen, die auf eine Orientierung an einer höher entwickelten fremden Sprachkultur zurückgeht, die der Nehmersprachkultur in der Regel an

19

soziokulturellen, wirtschaftlichen, politischen u a. Parametern überlegen ist und zum Zweck einer weiteren Entwicklung in sozialer, wirtschaftlicher, politischer u a. Hinsicht auswählt wurde. Die Endoglossie hingegen setzt einen autarken Entwicklungsweg voraus.

Implizite wurde Exoglossie auch früher im Hintergrund der Entlehnung betrachtet, vgl. BIRSHAKOWA (1972: 9): „Das Zusammenwirken verschiedener Sprachen auf der lexikalischen Ebene stellt eine notwendige Periode in der Geschichte des Wortgutes jeder Nationalsprache... auf verschiedenen Geschichtsetappen ihrer Entwicklung dar“. Als Einheit der Mikroebene, i.e. Ebene des Sprachbestandes, wird unter exoglossen Bedingungen ein entlehntes Element auf allen Sprachebenen betrachtet.

Der Sprachwandel und die Sprachdynamik werden kooperativ von der Historischen Linguistik und der Soziolinguistik erforscht, daher versteht sich die vorliegende Monographie als Versuch, die Amerikanisierung der deutschen Sprache zugleich aus sprachhistorischer und sprachsoziologischer Perspektive zu betrachten.

In den letzten Jahren erschien eine beträchtliche Anzahl von Arbeiten zu diesem Thema, jedoch blieben eine vollständige soziolinguistische Analyse der

Sprachsituation, der Aktionsbereiche der deutschen Sprachpolitik sowie eine diachrone Untersuchung der Evolutionsdynamik der deutschen Sprache im Rahmen des neueren sprachpolitischen Leitkonzeptes aus. Somit besteht die primäre Aufgabe dieses monographischen Aufsatzes darin, die sprachpolitischen

Prozesse – Sprachpolitik wird hier als Anwendungsbereich der Soziolinguistik verstanden – in Deutschland seit 1945 bis zur heutigen Zeit aus einer sprachökologischen Perspektive zu portraitieren. Eine besondere Bedeutung

20