Deutsch im Zeichen der US-amerikanischen Exoglossie. Monographie
.pdfkommt hierbei dem kulturell-gesellschaftlichen Aspekt der Analyse zu, zumal die Gesellschaftskultur als essentieller Sprachwandelfaktor aufgefasst wird. Als
Beitrag zur Quantitativen Linguistik gilt auch die Begründung des Wahlphänomens der Nehmersprachkultur, demzufolge die Entscheidung der
Nehmersprachkultur entweder zugunsten eines exoglossen oder endoglossen Entwicklungskurses fallen kann.
In der amerikanischen Soziolinguistik hat sich der Terminus
„Sprachloyalität“ gegenüber „Sprachpluralismus“ durchgesetzt, worunter nicht selten eine Bevorzugung der Mehrheitssprachen oder schlechthin die
Orientierung auf die Sprachen ehemaliger Kolonialmächte und Erweiterung ihrer Anwendungsgebiete verstanden wird. Diese Sprachpolitik schafft die
Illusion einer Freiheit in Fragen der Rolle einer Sprache im Leben ihrer Träger und der Entwicklung der nationalen Kultur, befreit aber in Wirklichkeit den Staat von der wirtschaftlichen, sozialen, politischen und moralischen Sorge um die eigene Sprache und Kultur, bedingt eine Unterschätzung der
Minderheitssprachen, ihrer Bedeutung im Leben der ganzen Sprachgemeinschaft, sowie den Verzicht auf eine Erweiterung ihrer sozialen Funktionen. Daher möchte diese Monographie unter anderem die Rolle der Sprachpolitik vieler europäischer Staaten im Hinblick auf den Erhalt der nationalen Sprachen nachdrücklich betonen. Die Globalisierung führt zu keinem
Zusammenschluss von Sprachen und Kulturen, sondern bedeutet eher eine Verallgemeinerung durch Vereinfachung, mithin freiwillige Abschaffung der Vielfalt unter allgemeiner Mitwirkung.
Ein wesentlicher Teil der Arbeit ist der Sprachkritik gewidmet, welche, so der Begründer des Poststrukturalismus ROLAND BARTHES, auch
21
Gesellschaftskritik ist, da die Sprache selbst eine Ideologie vermittelt (BARTHES, 1981: 21). Den Standpunkt der Kritik bildet die sog.
„Identitätskrise“ in Deutschland, die ihren Ausgang von der Amerikanisierung
Westdeutschlands nach dem Zweiten Weltkrieg nimmt. Seitdem floriert in der deutschen Sprache der Import von Anglo-Amerikanismen und mittlerweile ist fast jeder Bereich des alltäglichen Lebens mit Ausdrücken angelsächsischen
Ursprungs durchsetzt. Diese Entlehnungswelle, in der Kontaktforschung auch als Invasion bekannt, beeinflusst sowohl den sprachinternen Regelapparat des gegenwärtigen Deutschen als auch das nationale Kulturdenken und wird in dieser Monographie als Exoglossie begründet.
Als Ursache für die exoglosse Entwicklung des Deutschen werden der
Dezentralismus der deutschen Sprachpolitik und eine damit verbundene
Demokratisierung der Sprachnormen gesehen. Die Übertreibung der Demokratieidee im Zuge der sog. „Vergangenheitsbewältigung“ führte zur Abschaffung jeglicher Einheitlichkeit selbst im Medium Sprache und schließlich zur Verkümmerung dessen, was in der Sprachwissenschaft „supradialektaler Ausdrucksstandard“ genannt wird: der deutschen Hochsprache.
Diese Arbeit wendet sich keineswegs gegen die Demokratie als Form des politischen Lebens; sie will vielmehr die Anwendung der demokratischen Prinzipien auf die Kulturund Sprachpolitik kritisch hinterfragen und die Leser zum Nachdenken veranlassen, ob eine sprachliche Norm tatsächlich Summe der Einzelentscheidungen der Sprachträger ist. Zwar haben Sprachpolitik und Politik überhaupt viel Gemeinsames: in einer Demokratie ist das Volk verständlicherweise Träger der Staatsgewalt genauso wie der einer Sprache und die Wahl (einer Regierung sowie eines Entwicklungskurses) führt in der Regel
22
zu gewissen Veränderungen. Jedoch ist eine Sprache stets Produkt der geschichtlichen Entwicklung, die niemals auf einer bewussten Entscheidung oder einer Gesamtheit solcher fußt, sondern eher auf dem Zusammenspiel quantitativer und qualitativer Faktoren ihres Funktionierens, während einer Staatsordnung vorwiegend Mehrheitsentscheidungen zugrunde liegen. Darüber hinaus kommt es in der Praxis selten zur Durchsetzung rein demokratischer Prinzipien, so dass es sich in jedem einzelnen Fall ein neues Bild ergibt. Ob dieses aber auf die Sprachpolitik überhaupt angewandt werden darf, lässt sich nur mit Rücksicht auf die Besonderheiten der historischen
Entwicklungsdynamik der Sprache bestimmen.
Auch Kulturkritik fehlt dieser Arbeit nicht. Man kann unmöglich die
Tatsache umgehen, dass sich in Bezug auf die deutsche Sprache und Kultur sowohl Xenophobie als auch Xenophilie feststellen lassen. Dies begann schon zur Zeit der Entstehung des Deutschen, als für viele neue Begriffe ein lateinisches Wort in das Germanische eindrang. Während des Dreißigjährigen Krieges kam es dann zu Importen aus der französischen Sprache, was später z. B. zu Extremen führte, wie etwa, dass der deutsche König Friedrich der Große vorwiegend Französisch sprach und schrieb. „Deutsch im Zeichen der USamerikanischen Exoglossie“ erörtert eine weitere Seite der deutschen
Sprachgeschichte: den Einfluss des amerikanischen Englischen infolge dauerhaften transatlantischen Sprachkontakts.
Die vorliegende Monographie stellt außerdem eine Untersuchung auf dem Gebiet der Kontaktlinguistik dar, die ihre zunehmende Popularität nicht nur der Lösung vieler Sprachkontaktprobleme verdankt, sondern vielmehr ihrem Bezug zur Pragmatik: dem Fremdsprachenlernen, der Theorie und Praxis des
23
Übersetzens sowie ihrer lexikographischen Orientierung. Ausgerechnet ein Blick aus kontaktlinguistischer Perspektive ermöglichte ein Umdenken bezüglich der Natur einer Entlehnung.
Das Ziel dieses monographischen Aufsatzes ist auf der einen Seite, die angesammelten Erfahrungen der Inund Auslandslinguistik auf dem Gebiet der Exoglossieforschung (die leider meistenteils afrozentrisch ausgelegt ist) zu strukturieren, wobei großes Gewicht auf die Bestimmung und Beschreibung der
Exoglossie und exoglossen Sprachsituationen gelegt wird. Auf der anderen Seite soll die vorliegende Arbeit auf dieser theoretischen Grundlage, wie aus dem oben Gesagten hervorgeht, durch eine vollständige soziolinguistische Analyse der gegenwärtigen Sprachsituation in Deutschland sowie der Aktionsbereiche der deutschen Sprachpolitik ein ausgewogenes Gesamtbild der Entwicklungsdynamik des Deutschen und ihre Determinanten seit 1945 im Rahmen des neueren sprachpolitischen Leitkonzeptes vorstellen.
Zur Erreichung des Forschungsziels werden folgende Aufgaben gelöst:
-die Geschichte des amerikanischen Einflusses auf das Deutsche wird eruiert und Besonderheiten der englischsprachigen Entlehnungswellen werden beschrieben;
-Auswirkungen der zweiten englischsprachigen Exoglossie auf das deutsche Sprachsystem werden festgehalten;
-der Begriff „Exoglossie“ und seine Implikationen werden in Opposition zur Endoglossie analysiert;
-Entwicklungsdynamik der deutschen Sprache seit 1945 bis zur heutigen Zeit wird im Prisma des neueren sprachpolitischen Konzeptes in Deutschland ermittelt;
24
-Entwicklungsszenarien für das Deutsche unter dem Gesichtspunkt des Erhalts der sprachkulturellen Identität werden diskutiert.
Folgende Methoden dienten als Analysewerkzeug für die Erfüllung der
Forschungsaufgaben:
-deskriptive (einschließlich der Verfahren: Observation, Interpretation und
Klassifikation des zu erforschenden Materials);
-korrelative (Fixierung und Vergleich soziolinguistischer Parameter mehrerer korrespondierender Erscheinungen: Sozietät, Stratum, Situation usw.);
-vergleichend-typologische (einschließlich der Verfahren: Gegenüberstellung, Merkmalserhebung);
-strukturelle, darunter: oppositive Methode, distributive Methode.
Bei Bedarf wurden ebenfalls Verfahren statistischer Erhebung und
grafischer Darstellung von Daten herangezogen.
Die Arbeit gliedert sich folgendermaßen: Kapitel 1 dient dazu, die
Geschichte der deutschen Sprache nach US-amerikanischen Spracheinflüssen zu untersuchen und deren Folgen für die Sprachentwicklung hervorzuheben. Im Anschluss wird das gegenwärtige Konzept der Sprachpolitik in Deutschland erörtert.
Das Kapitel 2 bildet das Kernstück der vorliegenden Monographie und beinhaltet die detaillierte Analyse der Begriffe „Exoglossie“ „exoglosse Sprachsituation“, „exoglosser Einfluss“, „Wahlphänomen“, „Endoglossie“ etc. Die Kriterien für die Exoglossie werden aufgestellt, Explikationen der exoglossen und endoglossen Sprachpolitiken verglichen und die Besonderheiten
25
der deutschen Sprachpolitik vom Standpunkt der Sprachentwicklung aus betrachtet.
In Kapitel 3 werden die Ergebnisse der empirischen Analyse zusammengetragen und die Rolle der Sprachpolitik für den Erhalt der sprachkulturellen Identität begründet. Abschließend werden einige Entwicklungsszenarien für das Deutsche vor dem Hintergrund der USamerikanischen Exoglossie vorgestellt und diskutiert.
26
KAPITEL 1. Zum Problem der Amerikanisierung der deutschen Sprache und Kultur
1.1.„Anglizitis“ – keine Sprachkrankheit
Am 25. Dezember feiert man in Deutschland statt Weihnachten Christmas oder gar X-mas, am Vorabend von Allerheiligen – Halloween und in der Nacht auf den 1. Januar statt Silvester nun allenthalben New Year. Zum Geburtstag wird nicht mehr „Hoch soll er leben...“ gesungen, sondern fast immer schon „Happy birthday to you“, und „Jingle bells“ ist inzwischen zum beliebtesten Weihnachts-Song avanciert. Statt Fahrkarten kauft man längst Tickets und
Cards, trifft sich nicht mehr zu einem kleinen Plausch, sondern fast ausschließlich zu einem Smalltalk, sieht Movies (am liebsten in der Art einer
Couchpotato, d.h. mit Cola und Chips bzw. Popcorn), veranstaltet Partys, bechert Drinks, verschlingt Fast Food, kaut danach Wrigley, wohnt in Citys und geht täglich schoppen, um in den nächsten Tag mit einem sicheren Feeling zu starten. Sehr gelegen, denn Karstadt wird gerade „very british“…
„Die deutsche Sprache krankt an Anglizitis (häufig auch in der Schreibung „Anglicitis“, die der Nomenklatur der Fachsprache Medizin entspricht)“, stellt der 1997 in Dortmund zur Wahrung des Deutschen gegründete Verein Deutsche Sprache (VDS e.V.) fest“, während der Sender Deutsche Welle die heutige Sprachsituation in Deutschland als „englischen Sprachimperialismus“ apostrophiert1. Viele Germanisten bleiben allerdings bei der moderateren Bezeichnung „Anglisierung“ bzw. „Amerikanisierung“. Es
1 Unter: www.dw-world.de/dw/article/0,2144,1757292,00.html.
27
finden sich aber auch durchaus kategorische Formulierungen wie
„Sprachverlotterung“ oder „Sprachverhunzung“. DIETER und SCHRAMMEN sind mit ihrer Metapher „Macdonaldisierung der deutschen Sprache“ allen voraus (VDS, 2007).
NÄSER findet dafür einen gemeinsamen Nenner, indem er von einer „Amerikanophilie“ spricht (NÄSER, 2000), einer fast an Diagnose grenzenden
Ursache für die vielen Krankheitssymptome der modernen deutschen Sprache, die allein ein ganzes Onomastikon bilden: Germeng, Denglisch, Angleutsch, Pidgin-Deutsch / Pigdin German, Neuanglodeutsch u. dgl. m. ZIMMER bestätigt die Ursache, während er der Wahrheit einen Schritt näher kommt: „Seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges ist Amerika die Leitkultur, Punkt. [...] Als Leitkultur wirkt es modern, dynamisch, jung, flott, vital, sexy, auch sein Wortschatz“ (ZIMMER, 1998).
Die freiwillige Kolonialisierung durch die USA machte das Deutsche in seinem Mutterland nach 1945 zu einer Regional-, ja Minderheitssprache, zu einer Art Sprachinsel, die – übrigens wie alle Sprachinseln – in der Formulierung von MATTHEIER „schließlich zwischen Spracherhalt und Sprachverlust konvergiert“ (MATTHEIER, 2003). Wer die BRD von heute als US-amerikanische Kolonie in Europa entdeckt, braucht sich nicht mehr zu wundern: die Weichen wurden vor mehr als einem halben Jahrhundert gestellt, teilweise mit dem Ziel, die peinliche Vergangenheit Deutschlands zu
überwinden, und diese Politik, in die auch die Sprachpolitik mündet, hat reichlich Früchte getragen: „Viele Deutsche flüchten nicht aus ihrer eigenen Sprache, sie flüchten aus ihrer nationalen Haut als Deutsche. Lieber ein halber Ami, als ein ganzer Nazi“ (KRÄMER, 2001).
28
HOBERG betont in seinem Beitrag „Sprechen wir bald alle Denglisch oder Germeng?“: „Anglizismen sind keine bösen Bazillen, die in die gute deutsche Sprache eindringen und sie krank machen oder gar zerstören, und die
Deutschen werden nicht von Amerikanern sprachlich „kolonisiert“. Es hängt von der Sprachgemeinschaft – von uns – ab, welche Fremdwörter wir im Deutschen heimisch werden lassen. Wir selbst sind für die Entwicklung unserer
Sprache verantwortlich. […]“ (HOBERG, 2000: 315). Und tatsächlich: wer glaubt, die „vielen Anglizismen“ seien an der „Anglizitis“ schuld, ist auf dem
Irrweg: die Antwort liegt anderswo. Die Sprache spiegelt nur das geltende Kulturstereotyp wider und leidet oft selbst nicht unerheblich darunter. Dagegen wird fast bei allen Autoren der Kulturbegrifft ausgeklammert und ins Visier der
Forschung kommen üblicherweise solche Aspekte der Anglizismenfrage wie
Sprachkritik und Sprachpflege, Sprachverfall und Schulbildungspolitik. Nur wenige wagen es, zu den heutigen Kulturstandards Stellung zu beziehen, meistens allerdings auch ohne spürbare Wirkung. Inzwischen verlangt die Situationsspezifik von den zeitgenössischen Kontaktlinguisten ein stärkeres
Einbeziehen der Erkenntnisse der heutigen Massenkultur in die Sprachforschung, zumal diese Kultur mit dem Verhalten mehrerer moderner Sprachen viele Gemeinsamkeiten aufweist.
Die deutsche Massenkultur ist auch bis heute amerikazentrisch ausgelegt:
Popstars bringen ausschließlich Songs auf Englisch zu Gehör, die meisten Filme werden mit englischsprachiger Musik untermalt. Das romantisch verklärte New York im 2007 erschienen Musical „Ich war noch nie in New York“ deckt die tief verwurzelte Verehrung der Neuen Welt auf; die Beweihräucherung des American Way of Life, „das die Menschen in den USA seit 200 glücklich
29
macht“, wie in einer Newsgroup auf der Webseite von „Spiegel“ zu lesen ist2, sowie das süßholzrasplerische Gebaren von Merkel auf Bushs Ranch räumen jeden Zweifel aus: die Leitkultur bleiben die USA. Punkt.
Diese kulturellen Präferenzen beeinflussen sicherlich nicht nur die Sprache, wie die kursiv gesetzten Ausdrücke in den obigen Passagen belegen. Auch die Sprachpolitik (innere sowie auswärtige) wechselt zwangsläufig ihre Richtung: die neuesten PISA-Werte signalisieren nach dem sog. „PISA-Schock“ immer noch wenig Optimismus, die „Anglizismenschwemme“ lässt nicht nach, ein Schwund von 3,4 Millionen Deutschlernenden im Ausland in nur fünf
Jahren wird beklagt, wobei vor allem in Russland, wo sich Deutsch noch vor 10
Jahren großer Beliebtheit erfreute, starke Rückgänge an Deutschstunden registriert worden sind (SCHREIBER, 2006: 183). Ein beispielloses
Desinteresse der Deutschen für benachbarte Nationen und Kulturen resultiert aus der Vorliebe für alles Amerikanische. Nicht einmal die eigenen Sprache und Kultur werden gefördert, ganz zu schweigen von jeglicher Förderpolitik im
Ausland. Seit Jahrzehnten wurden die deutschen Sprachinseln in Sibirien, die einst über eine halbe Million Deutsche zählten, ausschließlich von russischen Germanisten untersucht, von denen inzwischen viele es bereuten, Germanistik einmal als Fach erlernt zu haben, da sie sich von der zielsprachlichen Kultur im
Stich gelassen fühlten.
Ausländische Journalisten beklagen, dass die angebliche Weltoffenheit der Deutschen nur Offenheit für das Amerikanische ist (VDS, 2007). Und tatsächlich findet man weder beim deutschen Fernsehen noch in der deutschen Bücherwelt Interesse an osteuropäischer, asiatischer, skandinavischer,
2 Unter: www.spiegel.de/forum/showthread.php?t=2675&page=3.
30
