Deutsch im Zeichen der US-amerikanischen Exoglossie. Monographie
.pdfnichts dafür, dass „das Mädchen“ in ihr sächlich, „eine männliche Geisel“ weiblich und „der Vamp“ eben männlich ist. Vieles, was sich im Laufe der Evolution in der Sprache festgesetzt hatte, geht selbstverständlich auf bestimmte historische Sachverhalte wie Patriarchat oder Frauenhass zurück, verträgt jedoch keineswegs derartige „chirurgische“ Eingriffe ins Sprachsystem im Sinne einer „Gleichberechtigung“, was immer sich dahinter verbergen mag. Die Sprachverunstaltungen wie „*Menschin“ statt „Mensch“, „*frau“ statt „man“, „*Beamtinnen“ statt „Beamten“ zeugen unmissverständlich von einer
Sprachpolitik, mit der nur wenigen gedient ist. Sollten vergleichbare
Sprachneuerungen aber regelmäßig vorgenommen werden, z.B. wenn sich ein Produkthersteller das Recht vorbehält, Wörter nach seinem Belieben zu ändern, müsste man um das Schicksal der deutschen Sprache fürchten.
„Politik und Wirtschaft sind – wie die misslungene Rechtschreibreform gezeigt hat – für die sprachpflegerischen Aufgaben nicht geeignet“, betont DEY in seinem Bericht „Ein Sprachschutzgesetz ist unumgänglich“ (VDS, 2001), denn paradoxerweise wird das Föderalismusprinzip in Deutschland auch auf die Orthologie übertragen. So lassen sich in den für die Idiomatik des Deutschen verheerenden Rechtschreibreformen der letzten Jahre immer wieder Schreibvarianten finden, die jeder Vereinheitlichung der Sprache und somit Lernprogression entgegenarbeiten. Die „Sprachreformatoren“ sind sich anscheinend eines nicht bewusst: Jede Variante impliziert das Vorhandensein einer Invariante und diese muss den Sprachträgern beigebracht werden, was nur möglich ist, wenn die Sprache in ihrer allgemein verständlichen, also einheitlichen Form erhalten, aber keineswegs liberalisiert wird. Nach dem
„Rechtschreibkollaps“ appellierten selbst die Minister an alle Verlage, sich im
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Sinne einer einheitlichen deutschen Sprachreform anzuschließen7, und im Ausland verbreiteten sich Missverständnisse, da ebenfalls jede Einheitlichkeit vermisst wurde. „Was muss ich schreiben? Wie ist es richtig?“ ertönten ratlose Stimmen der Schüler in Russland während der Abiturprüfungen. Sicherlich wird unter der „Richtigkeit“ nicht unbedingt das Vorhandensein nur einer Variante verstanden. Dass hier aber Varianten über Bedarf vorhanden waren (vgl. Hals- Nasen-Ohren-Arzt / Halsnasenohren-Arzt / Halsnasenohrenarzt / HNO-Arzt), konnte unmöglich zu einer besseren Sprachbeherrschung beitragen. Zum Glück ist laut den vorgenommenen und ab 1. August 2006 gültigen Änderungen der Neuauflage der Rechtschreibreform der „*schwer Kranke“ wieder „schwerkrank“ und die zerrissenen „Idiomatisierungsnahtstellen“ der deutschen Wörter wieder vernäht, z. B.: sitzenbleiben, wohlbemerkt usw.
Die Vereinheitlichung der Sprachnormen wird fälschlicherweise als Ausradierung der vielen Mundarten befürchtet oder gar mit einem Verlust der sprachlichen Ausdrucksformen in Verbindung gebracht. HESS-LÜTTICH führt eine interessante Ansicht als Beispiel an: „Die Vielfalt der sprachlichen
Ausdrucksformen zu beschneiden und sie in das Prokrustesbett von Einheitsregeln und Sprachvorschriften zu zwingen, bedeutet einen Verlust sprachlichen Reichtums, der durch den Gewinn verbindlicher Maßstäbe nicht auszugleichen wird“ (HESS-LÜTTICH, 2005: 660).
Nicht etwa ein Deutscher namens MARX warnte vor Generalisierungen, die zur Mythenbildung führen? Eine einheitliche Norm hat mit einer „Beschneidung von sprachlichen Ausdrucksformen“ ebenso wenig zu tun, wie eine gesunde Sprachpolitik mit der politischen Demokratie. Die Norm schafft
7 Unter: www.dw-world.de/dw/article/0,2144,1926674,00.html.
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viel mehr einen Standard, der als Orientierungshilfe weitgehend benutzt werden kann, und bedroht außerdem keineswegs die Zahl der Ausdrucksformen, die häufig mit dem Reichtum einer Sprache assoziiert werden. Ich kann es kaum pointierter ausdrücken als IWANIZKIJ in seinem Artikel „Neurose des Purismus“: „Ein Idiot lässt neben sich auch einen Kretin zu und beide sind sie Dummköpfe“ (IWANIZKIJ, 1998). Die Sprache eröffnet unbegrenzte Möglichkeiten zum Mitbestehen von Ausdrucksformen, die sich weder ausschließen noch überflüssig machen. So ist es beispielsweise bei den nachstehenden Synonymenreihen der Fall: fraise, cerise, rubin, purpur, aurora, karmin für „rot“, Seher (bei einem Hasen oder Murmeltier), Lichter (bei
Rotwild, Schwarzwild) für „Auge“ oder das Faktum, der / das Fakt für „Tatsache“. Können diese Varianten wirklich durch eine einheitliche Sprachpolitik gefährdet werden, solange sie in ihrer Bedeutungsausstattung unterschiedlich schattierte Seme aufweisen?
Das Problem besteht offensichtlich darin, dass die puristischen
Erfahrungen der deutschen Vergangenheit (die sog. „Entwelschung“ der Sprache) das Wort „einheitlich“ mit einer negativen Konnotation versehen hatten, die auch bei seinem heutigen Gebrauch mitschwingt. Aber steht da die deutsche Sprachpolitik nicht etwas sich selbst im Licht? Immerhin sind diese
Erfahrungen kein Grund dafür, die Blickrichtung um 180 Grad zu wechseln. Vor allem dürfen die sprachlichen Aspekte nicht durcheinander gewürfelt
werden. Die Grammatik und Phonetik einer Hochsprache lassen sich problemlos regulieren, ohne dass der natürliche Sprachwandel behindert wird.
Geschichtliche Tendenzen entstehen nicht spontan, sondern sind in ihrer
Mehrzahl begründet und lassen auf ein System schließen. Dieses System dient
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ferner als Gerüst einer gepflegten Standardsprache, da es im Vergleich zu einer
Mundart logischer aufgebaut ist. In der Lexik ergeben sich zwar Problempotenziale in erster Linie in der Paradigmatik (z. B. bei Synonymen), jedoch muss stets bedacht werden, dass die inneren Sprachmechanismen jede ideographische Synonymie automatisch beheben, so dass innerhalb absehbarer
Zeiträume die entsprechenden Varianten Bedeutungserweiterungen erfahren. Friedliche Koexistenz könnte allerdings als Alternative ohne weiteres gewährt werden, zumal es sich bei bedeutungsverwandten Wörtern sehr selten um
Ideographie handelt. Das Vorhandensein einer einheitlichen Hochsprache als Suprasystem der regionalen Sprachformen ist auch der Entwicklung der letzteren sehr förderlich. Sprache als Standard bedeutet keinen Rückfall in alte
Fehler, sondern ein Mittel zur Steigerung der Sprachachtung und -betrachtung, deren Instrument der einheitliche Ausdrucksstandard als Voraussetzung für die allgemeine Verständigung ist. Das Fehlen einer einheitlichen Form für die Verständigung führt mechanisch dazu, dass diese Lücke von einer anderen Sprache mit allen möglichen Konsequenzen gefüllt wird, z. B.: dem amerikanischen Englischen.
Die Befürchtung, durch die Vereinheitlichung würden Mundarten ausgelöscht, ist aus zwei Gründen irrig: erstens, weil sie auf die Überzeugung zurückgeht, es könnte eine Einheitssprache wirklich geben, die alle Sphären der
Sprache in Beschlag nimmt. Zweitens, weil die Tatsache ignoriert wird, dass
Mundarten und Standardsprache ontogenetisch völlig verschiedene Funktionen erfüllen. Dem Protest gegen die Vereinheitlichung als Gefährdungsfaktor für die Mundarten könnte ein genauso haltloses Argument entgegengehalten werden, dass der beste Weg zur Bewahrung der Mundart etwa eine Erhöhung der
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Geburtenrate in der jeweiligen Gegend wäre. Die Einheitlichkeit soll eine
Invariante explizieren, die ohnehin existiert, wenn auch nur intuitiv, und ihre schriftliche Festhaltung darf keineswegs als Aggression gegen den Bestand der Mundarten aufgefasst werden, sondern lediglich als Versuch einen supradialektalen, höheren – im wahrsten Sinne des Wortes – Standard zu schaffen. Die Standardsprache kann demzufolge als Vertikale (Bewegung nach oben, zu einer höheren Stufe), und Mundarten als Horizontale (hiesige
Sprachen, die den Kommunikationsbedarf innerhalb ihrer Areale decken) dargestellt werden, wobei die beiden Achsen keineswegs einander widersprechen, sondern viel mehr ergänzen. Auf diese Darstellung komme ich noch im Abschnitt „Exoglossie und exoglosse Sprachsituation“ zurück.
Eine gesunde Sprachpolitik richtet sich nach dem sog. Recht des
Größeren: die Sprache stellt eine größere Substanz dar, sie lebt länger als der Benutzer und dafür benötigt sie ihm gegenüber eine größere Respektierung. Sie ist die Quintessenz der Kultur und das Inventar des Denkens. Wird jedoch dem Sprachnutzer Vorzug gegeben, wie es im Falle einer Sprachdemokratisierung beobachtet wird, leidet die Norm und zwangsläufig der Sprachnutzer selbst (vgl.
Fehlerkonsequenzen in einem Bewerbungsschreiben).
SICK, Autor des Bestsellers „Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod“, meint zwar in seinem Interview bei „Welt am Sonntag“8, „Demokratisierung klinge nach Beliebigkeit“, räumt dennoch danach ein, „Die Mehrheit entscheidet darüber, wie ein Wort geschrieben oder gebildet wird. Die Mehrheit hat zum Beispiel beschlossen, dass das Perfektpartizip von „winken“ „gewunken“ heißt. Dabei ist das eigentlich ein Regelverstoß, denn im Unterschied zu „sinken“
8 Unter: www.bastiansick.de/index.php?seiten_id=71&s=ko5u312s0up4q1o95vgvo9c4b1.
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(sinken, sank, gesunken) ist „winken“ ein regelmäßiges Verb: im Präteritum heißt es „winkte“ und nicht „wank“. Und trotzdem: Wo immer ich die Leute frage, ist eine große Mehrheit für „gewunken“, im Norden wie im Süden. Dann sage ich: Eigentlich ist es falsch, aber „gewunken“ klingt tatsächlich schöner. Sprache hat auch mit Ästhetik zu tun und mit Melodie“.
Dem Majoritätsprinzip müsste man eigentlich Gerechtigkeit widerfahren lassen, stünden wir nicht vor der Tatsache, dass es auf dem Gebiet der Sprache Laien erheblich mehr gibt, als Kenner. Die Frage ist nun, nach wem soll sich die Sprachpolitik richten: nach dem Laien oder dem Kenner? Im ersten Fall bekommt die Sprache neben „*gewunken“ mit Sicherheit noch viel schlagkräftigere „Blüten“ wie „*angeruft“, „*gekommt“ oder gar „*gesagen“, denn die große Mehrheit ist dafür, wer aber genau, erfahren wir nicht, dabei ist dies eines der ausschlaggebenden Kriterien für die Normprägung.
Doch leben wir in einem Zeitalter, in welchem die Sprache, obwohl noch als selbständiger Mechanismus begriffen, zunehmend vom Bewussten im Menschen geprägt und Resultat aktiver Gemeinschaftsreflexion wird. Man braucht wesentlich mehr Begründung für normatives (oder auch umgekehrtes) Handeln denn je und diese Aufgabe ist einem einfachen Sprachnutzer meistens
über den Kopf gewachsen.
Ein Beweis dafür sind die zahlreichen Sprachgesellschaften, die sich mit dieser Aufgabe identifizieren, freilich ohne sichtbaren Erfolg für eine einheitliche Sprachpolitik. Ein sprachbewusster Blog-Nutzer im deutschen
Netzwerk hinterließ diesbezüglich einen erwähnenswerten Eintrag: „Man könnte den Eindruck gewinnen, die Sprachregeln werden an jene angepasst, die sie nicht beherrschen. Man könnte den Vorwurf vorbringen, dass die Sprache
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dadurch verkomme“9. Kaum jemand würde es so treffend ausdrücken wie PASTERNAK in seinem Gedicht „Ich hab’ auch geliebt...“: „Geliebt / Hab’ ich auch und weiß: wie die nassen Feldstoppeln / Vom Jahrhundert fiel’n einer Ernte zum Opfer“ (PASTERNAK, 1990).
So kann auch eine Sprache, die Jahrhunderte lang gepflegt wurde, einer unhinterfragten (sprach)politischen Tendenz erliegen, wobei als eigentlicher
Grund „„gewunken“ klingt tatsächlich schöner“ vorgebracht wird. Mit solchen
Kriterien versuchen die Wegbereiter der Sprachdemokratisierung die Sprache zu reformieren, die über 100 Millionen Sprecher in der Welt zählt. Übersehen wird hierbei, dass die Entscheidung der Mehrheit einmal nicht unbedingt zugunsten der deutschen Sprache fallen kann: „Handy“ klingt eigentlich schöner als „Fernsprechgerät“ und „Service“ ertönt fast wie Musik neben „Dienstleistung“…
Nebenbei bemerkt, findet sich beim Duden Universalwörterbuch im Lemma „winken“ auch die Form „gewunken“, die mit einem entsprechenden stilistischen Vermerk versehen ist.
Da die auswärtige Sprachpolitik in entscheidendem Maße von der inneren abhängt, ist Deutsch im Ausland angesichts fehlender sprachpolitischer Regelungen, die allgemeingültig wären, auf dem Rückzug. STICKEL (2001) erklärt in seinem „Memorandum: Politik für die deutsche Sprache“ am Institut für deutsche Sprache (IDS): „Die derzeitigen Schwierigkeiten der Auslandsgermanistik und des Unterrichts in Deutsch als Fremdsprache gehören zu den vielen Anlässen und Gründen, für die deutsche Sprache eine klare Orientierung zu finden“. Auf der Webseite des Deutschen Bundestages findet
9 Unter: www.shopblogger.de/blog/archives/4937-Hundefutter-Eigenmarke.html.
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man im Artikel „Sprachwandel und Sprachpolitik“ von FELL und HANDWERK jedenfalls folgende Entschuldigung: „Die Frage nach einer effizienten Sprachpolitik stellt sich auch innerhalb der Europäischen Union.
Obwohl als Ziel stets die Wahrung der Vielsprachigkeit genannt wird, geht die allgemeine Tendenz jedoch faktisch zur verstärkten Verwendung des Englischen als eine Art Lingua franca. Die europäische Sprachpolitik gestaltet sich weniger als Gesamtkonzept sondern vielmehr in Form punktueller Initiativen meist auf freiwilliger, nationaler Basis“ (DEUTSCHER BUNDESTAG, 2007).
Die auswärtige deutsche Sprachpolitik steht vor einem Kollaps. Zwar wurden vom Goethe-Institut zum Jahrtausendwechsel 128 Zweigstellen in 76
Ländern gegründet, sinkt aber das Interesse für das Deutsche dramatisch ab. Und tatsächlich: wenn wir noch als Studenten von deutschen Sitten und Bräuchen fasziniert worden waren, schwindet die Begeisterung bei der jüngeren Generation zusehends angesichts überbordender Anglizismenanzahl in der deutschen Sprache.
Die Formel ist einfach: Keine einheitliche Kultur – keine einheitliche Sprachpolitik, keine einheitliche Sprachpolitik – kein Interesse an der Sprache.
Unter der „einheitlichen Kultur“ darf natürlich keine Deutschtümelei verstanden werden. Selbst das von Kultusbürokraten beliebte Konzept der Transkulturalität, vgl. WELSCH (1999), kann einheitliche Züge aufweisen, indem für mehr Klarheit und Einigkeit, die bekanntlich stark macht, und schon gar nicht für einen „Multiple-Choice-Sprachgebrauch“ gesorgt werden muss.
Und solange sich die sprachpolitischen Bestrebungen der einzelnen
Sprachgesellschaften im Positivismus auflösen, treiben die Medien unaufhaltsam Entwicklungen voran, die eine Einheitlichkeit erkennen lassen und
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die Sprachnormen unter sich biegen: die Amerikanisierung. VOIGT stellt fest:
„Es sind gegenwärtig recht gewaltsame, noch nicht da gewesene
Umgestaltungen des deutschen Wortschatzes durch Kräfte in Werbung, Wirtschaft und Medien zu beobachten (Untergrabung des Sprachcodes), denen im Beruf und in der Freizeit kaum jemand entgeht; nur ein Teil kann als Entlehnung gelten.
Haupturheber sind nach übereinstimmender Meinung Teile von Werbung, Wirtschaft und Medien, die die Strategie verfolgen, alles Moderne und Attraktive mit Englisch oder englischen Elementen zu verbinden, in dieser Form zu vermarkten und dabei sehr oft auf angelsächsische Popkultur setzen; bei Durchschnittsmenschen wird der Eindruck erweckt: „Auf Deutsch lässt sich Neues nicht sagen“. Kinder und Jugendliche, bereits oft sprachverhaltensgestört, sind dem Pseudoenglisch und der Wegwerfsprache der kommerziellen
Sprachmanipulierer am stärksten ausgesetzt; Lehrer haben es schwer, die Muttersprache noch zu vermitteln. Das Zurückfallen des Deutschen u.a. voll ausgebildeter Kultursprachen auf einen drittklassigen Status (mit Englisch als Hoch-, Gelehrtenund Modesprache), der sich dem der heutigen Dialekte annähert, muss verhindert werden. Sowohl das Interesse zu verkaufen als auch das Interesse, die Sprache angemessen zu erhalten, ist legitim (VOIGT, 2000).
Aus dem unberechtigten Sprachpositivismus in Deutschland resultierte das, was heutzutage als „fehlendes einheitliches Sprachbewusstsein“ bezeichnet wird. Die Studie zur Sprachbefindlichkeit, durchgeführt vom VDS 1997, ergab ein Desinteresse an Fragen der Sprachpolitik bei mehr als der Hälfte der deutschen Bevölkerung (56,5 %). Die US-amerikanische Forscherin SANFORD, die sich ihrer Verantwortung für die Zukunft des Deutschen
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offensichtlich mehr bewusst zu sein scheint, schreibt unter Berufung auf Erziehungswissenschaftler HENSEL: „Um Deutsch als selbständige Kultursprache retten zu können, bedarf es wieder mehr muttersprachlichen Selbstbewusstseins. Statt Deutsch als „brotlose Kunst“ hinzustellen, muss im Ausland mehr für Deutsch als Studienfach geworben werden“ (SANFORD, 1998). Stattdessen verkündet Merkel mit Blick auf Russland, wo noch vor 50 Jahren die Bevölkerung zu einem Zehntel aus Deutschen bestand: „Weniger Freundschaft, mehr Partnerschaft“ (SPIEGEL, 2006, Nr. 40: 116). Und bekennt:
„Deutschland teilt mit Russland nicht so viele Wertvorstellungen wie mit Amerika“ (ebd.). Aber inzwischen auch erheblich mehr Sprache, als mit den Russen.
Auch neun Jahre später nach der oben erwähnten Studie gab es bei einem
Tagesgespräch im Bayrischen Rundfunk immer nur eine Hörerin, die sagte, „es müsse ein Recht geben, auch ohne Englischkenntnisse in Deutschland gut zurechtzukommen“10. Dabei sahen die meisten Hörer die hohe Anzahl der
Anglizismen in der deutschen Sprache gar nicht gerne. Fast alle anderen Anrufer waren der Meinung, dass vor allem in der Werbung und in den Medien zu viele Anglizismen verwendet werden. Sicherlich fehlte ihnen die kritische Einsicht der Sprachmanipulation durch die Massenmedien als Instrument der Demokratie nicht, jedoch kam keiner zum Entschluss, als Mitbestimmungsberechtige(r) diese Demokratie unter Kontrolle zu bekommen.
Das von der einzigen Hörerin erwähnte Recht äußert sich vorübergehend in einem Meinungsstreit über ein Sprachgesetz, das Richtlinien für den öffentlichen Sprachgebrauch festlegen soll. So argumentieren DIETER und
10 Unter: www.br-online.de/wissen-bildung/artikel/0512/13-denglisch/index.xml.
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