Добавил:
Опубликованный материал нарушает ваши авторские права? Сообщите нам.
Вуз: Предмет: Файл:

Немецкий язык для аспирантов. Адаптативный курс. Практическое пособие

.pdf
Скачиваний:
1
Добавлен:
12.08.2026
Размер:
789 Кб
Скачать

Die Hauslektüre, die Spaß macht

Die ganze Zeit war er fröhlich und freundlich. Ich war begeistert von so viel netter Männlichkeit, noch dazu bei jemandem, der so sympathisch aussah: dunkelblond, mit strubbeligen Haaren, und Augen von solch einem tierischen Blau, dass man glaubte, in ihnen das Meer zu sehen. Kurz entschlossen lud ich ihn zu einem Kaffee bei mir ein. Und mir klopfte das Herz, als er lächelnd zusagte.

Er baute rasch den neuen Klapptisch auf, und wir setzten uns auf den Balkon. Und wie er mir so gegenübersaß und mich anlachte, da hatte er mich verzaubert. „Nett haben Sie’s hier, mit dem Balkon. Das fehlt mir oben. Aber vielleicht kann man ja eines Tages eine Dachterrasse ausbauen“, sagte dieser hilfsbereite Fremdling, der soeben mein Herz erobert hatte.

„Wie? Was? Oben“? Weiter kam ich nicht, denn sofort entschuldigte er sich, dass er sich noch nicht vorgestellt hätte, und ob ich denn nicht wüsste, dass er der Stefan wäre, der direkt über mir wohnte. Gesehen hätte er mich schon. Von weitem. Aber wenn er geahnt hätte, dass ich so nett sei, hätte er mich schon lange angesprochen…

Die Sache mit Verdi behielt ich in dem Moment für mich. Darüber konnte man ja immer noch in Ruhe reden, nicht wahr?

Leider musste er kurz darauf gehen, weil er sich neben seinem Studium Geld mit Nachtwachen im Krankenhaus verdiente. Was sollte ich jetzt nur machen? Ich konnte ihn nicht so einfach abziehen lassen. Also lud ich ihn zu meiner Feier ein. „Geht nicht“, sagte er und guckte ganz traurig, „ich arbeite doch die ganze Nacht“. Da schlug ich ihm vor, doch danach vorbeizukommen, und wenn es auch erst um fünf Uhr früh sein sollte — falls bei mir noch Licht brannte.

Die letzten Gäste gingen um zwei. Ich räumte auf und wartete dann mit Herzbummern bei Licht und Musik bis fünf. Er kam tatsächlich. Und er blieb.

Ein Jahr später haben wir unsere Wohnungen mittels eines Umbaus zusammengelegt. Jetzt haben wir Balkon und Dachterrasse und hören „La Traviata“ gemeinsam.

Eigentlich gar nicht so schlecht, dieser Verdi…

121

Anhang 3

Text 4

Dieser Frechdachs machte mich einfach sprachlos

Beate hatte irgend so eine Betriebswirtschaftsdiplomprüfung bestanden und all ihre Freunde und Bekannten eingeladen. Dass dieser Frank dazugehörte, verstand ich nicht im Mindesten. Er war Steuerberater, und gleich auf den ersten Blick fand ich ihn furchtbar streberhaft, buchhalterig, graumäusig und zugeknöpft. Ein echter Spießer.

Beate aber „verkuppelte“ gern. Hoffnungsvoll und mit einem verschwörerischen Blick machte sie Frank und mich miteinander bekannt und gab uns sinnigerweise auch noch eine gemeinsame Aufgabe. Ob wir denn nicht vielleicht die Kiste Mineralwasser aus der Garage holen könnten und einen Karton Wein? Wir beeilten uns und sprachen kein Wort miteinander. Ich fand ihn unsympathisch, und so verhielt ich mich auch. Das war's mit Frank und mir.

Ich vergaß ihn, bis ich eines Tages, vier Jahre später, mal wieder von Beate zu einer größeren Feierlichkeit eingeladen wurde. Sie hatte zusammen mit zwei Freunden eine Firma gegründet, die Möbel und Textilien aus Asien importierte und verkaufte. Und einer von diesen Partnern war ausgerechnet Frank.

Die Fete war schon in vollem Gange. Gefeiert wurde hauptsächlich draußen im Hinterhof. Beate begrüßte mich nur kurz, um dann gleich wieder am Arm irgendeines Typen zu entschwinden. „Schade, dass du allein bist“, rief sie mir noch zu.

Ich holte mir ein Getränk und beobachtete erst einmal. Fast allen Anwesenden schien es gut zu gehen, aber mir war irgendwie nicht nach Feiern zumute. Ich hätte gar nicht sagen können, was mich störte, aber etwas lag in der Luft, das mir seltsames Herzklopfen bescherte. Ich war nervös und innerlich angespannt wie vor einer Prüfung. Ich konnte es mir nicht erklären. Vielleicht sollte ich statt Wasser doch lieber Sekt trinken, zur Entspannung sozusagen…

„Möchtest du ein Glas Champagner“? — Dieser Mensch konnte wohl Gedanken lesen. Ich schaute mich um, da stand jemand, in der Hand eine Flasche, und lächelte mich freundlich an. „Ich kenn'

122

Die Hauslektüre, die Spaß macht

dich irgendwoher“? sagte er und machte ein nachdenkliches Gesicht. „Äh… warte mal…“

Ich musterte ihn eine Weile. „Gib dir keine Mühe, ich werd's dir verraten“, sagte ich, als ich ihn erkannte. „Wir waren mal zusammen auf einer von Beates Feiern. Ich heiße Ruth“.

Er lachte. „Ruth — ach ja! Jetzt weiß ich wieder. Beate hatte uns damals zusammen in die Garage geschickt, weil sie meinte, wir gäben ein nettes Paar ab“. Er lächelte immer noch. Ganz nett, aber… Ich konnte nur grinsen. Spießer bleibt Spießer. Auch wenn er hundertmal anders aussah als früher. Das verdeckte doch nur seine Buchhalter — Zahlen — und — Ziffern — Mentalität. Aber ein Glas Champagner ließ ich mir doch von ihm einschenken.

Eine Viertelstunde später stand er wieder neben mir. „Noch ein Glas“? fragte er, ich verneinte, weil ich mich gerade mit jemandem unterhielt. „Hast du die Firmenräume schon gesehen“? redete er aber einfach weiter, meinen Gesprächsfluss schamlos unterbrechend. „Wir haben fast alles selbst gebaut. Komm, ich zeig' dir die Räume“.

Und dann nahm er meine Hand und zog mich hinter sich her. Ja, ich weiß, ich hätte protestieren sollen, aber dieser Frechdachs und soviel schlechtes Benehmen machten mich sprachlos.

Das, was Beate und ihre zwei Geschäftspartner da auf die Beine gestellt hatten, war beeindruckend. Schon die Lage im Hinterhof mit den großen Pflanzenkübeln und den schönen, blauweiß gestreiften Markisen war super. Auch innen, in den alten Fabrikräumen, war alles hell und klar, unterteilt in die drei Bereiche Möbel, Dekoration und Kleidung. „Und alles mit wenig Startkapital“, verkündete Frank, als wir die hintere Fensterfront mit Blick auf den Fluss und die alten Lagerhäuser erreicht hatten. „Noch Champagner“? fragte er, da fiel mir auf, dass ich ja immer noch das Glas in der Hand hielt. Komischerweise spürte ich mein Herz will klopfen. Ich schob das auf den Vollmond, der jetzt riesengroß über der Stadt hing und alles in milchiges Licht tauchte.

„Bist du nicht Steuerberater“? fragte ich ihn und trank einen großen Schluck, damit die verdammte Nervosität wegging. „Was machst du dann überhaupt hier zwischen all dem Zeug? Nur Rechnungen schreiben? Das ist doch wohl total öde, oder“?

123

Anhang 3

Mir war nach Provozieren, doch mir fiel nichts Rechtes ein. „Ich habe das mal gelernt und dann in der Praxis meiner Eltern gearbeitet“, erzählte er. „Aber irgendwann habe ich mich ein Jahr nach Indien abgesetzt, weil ich die Nase bis oben hin voll hatte. Nach meiner Rückkehr habe ich mir Leute gesucht, die Lust hatten, dies hier mit mir aufzubauen“.

Donnerwetter! — „Aha“. Mehr wusste ich nicht zu sagen. Er schaute mich an, und dann grinste er. „Du bist ein schrecklich zickiges Wesen, glaube ich, und voller Vorurteile. Macht aber nichts, mir gefällst du“.

Und dann nahm mich dieser unmögliche Steuerberatungs — Inder in die Arme und küsste mich, dass mir nichts mehr einfiel. Es war wunderschön! Und dann war da eine Tür, die ließ sich abschließen. Dahinter verschwanden wir bis in den frühen Morgen. Vier Wochen später zogen wir zusammen. Vor einem Jahr haben wir geheiratet.

Text 5

Schon als junges Mädchen wunderte ich mich, dass hinter meinem Rücken gemunkelt wurde

Es ist für ein Kind an sich schon schlimm, als Außenseiter aufzuwachsen. Aber passiert so etwas in einem kleinen Dorf, wie in meinem Fall, ist das noch viel entsetzlicher. Meiner Meinung nach gab es keinen Grund, mich zu meiden. Ich war doch genauso wie die anderen!

Dabei konnte mir jeder Blick in den Spiegel sagen, wie wenig das stimmte. Ich hatte nämlich, wie sonst niemand im Dorf, tiefbraune Augen, rabenschwarzes, dickes Haar und eine recht dunkle Haut. Aber mein Haar war weder kraus noch meine Nase breit. Grund, mich gehässig „Die Negerin“ zu nennen, hatten meine gemeinen Altersgenossen also nicht.

Aber kein Kind spielte mit mir, und niemand mochte mich. Auch Mutter hatte es schwer! Sie arbeitete im Gasthof als Köchin und wurde ebenso abgelehnt wie ich. Als sie mit mir schwanger

124

Die Hauslektüre, die Spaß macht

gewesen war, geriet Vater bei Kriegsende 1945 in russische Gefangenschaft. Seitdem musste Mutter uns allein durchbringen. Ach, was sehnte ich mich nach meinem Vati! Wenn er endlich bei uns wäre, dachte ich, würde das Leben wunderschön werden.

Mitte 1952 kam Vater aus Sibirien zurück. Aber zu meinem Erstaunen schien er sich gar nicht über mich, seine Tochter, zu freuen und blieb mir zeitlebens fremd. Heute weiß ich: Die Ablehnung meines Vaters hatte seinen Grund. Ebenso wie die Tatsache, dass Mutter es nie wagte, in seiner Gegenwart liebevoll zu mir zu sein.

Meine Situation im Dorf verschlimmerte sich nach Vaters Ankunft noch. Den Grund dafür hörte ich aus bösen Bemerkungen der Kinder und Erwachsenen. Man hatte keinen blonden, sondern einen Mann dunklen Typs als meinen Vater erwartet. Vater aber war wie Mutter aschblond. „Du kommst eben nach deinem Großvater“, erklärte mir Mutter. „Weißt du, mein früh verstorbener Papa war sogar noch viel dunkler als du“.

Ich verstand. Damit war mir allerdings noch lange nicht klar, warum mich jeder ablehnte. Ist es nicht egal, wem aus der Verwandtschaft man ähnelt und wem nicht?

Mit 18 Jahren — ich beendete gerade meine Schneiderlehre — verliebte ich mich in Johannes. Doch kaum hatten seine Eltern mich kennengelernt, verlangten sie von ihrem Sohn, sich von mir zu trennen. Er tat es, ohne mir eine Begründung dafür zu geben. Der Schock über das Ende meiner ersten Liebe saß tief. Ich beschloss, mir einen Job weit weg von der Heimat zu suchen. Möglichst in einer Großstadt, wo die Menschen weltoffener als auf dem Land sind. Dort hoffte ich mit meinem Äußeren nicht aufzufallen.

In der Stadt fand ich dann tatsächlich endlich Freunde — und traf eines Tages Dirk, den ich im Alter von 25 Jahren schließlich heiratete. Er mochte übrigens mein schwarzes Haar und meine dunklen Augen ganz besonders an mir.

Unsere Ehe wurde sehr, sehr glücklich. Nach etwa zwei Jahren stellte sich der erste Nachwuchs bei uns ein. Es war unsere Tochter Janet. Danach kam unser Sohn Boris zur Welt. Beide sind zu gesunden, toleranten Erwachsenen herangereift. Janet hat uns vor

125

Anhang 3

kurzem sogar zu stolzen Großeltern gemacht, während Boris noch Junggeselle ist. Als schade empfand ich es all die Jahre, dass die Kinder nie Kontakt zu meinen Eltern, also ihren Großeltern, hatten. Doch Vater wie Mutter mieden mich und meine Familie. Schuld daran war Vater, der alle Annäherungsversuche meinerseits ablehnte.

Ein Jahr nach Vaters Tod starb vor zwei Monaten auch Mutter. Ich trauerte aufrichtig um sie. Zu ihrer Beerdigung fuhr ich noch einmal in das Dorf zurück, das ich eigentlich nie mehr wiedersehen wollte. Doch bei der Durchsicht ihrer Papiere machte ich eine ungeheuerliche Entdeckung: Vater war gar nicht mein Vater gewesen. Mein richtiger Vater hieß John McMoy, war ein amerikanischer Gl — und ein Mischling! Mutter hatte mit ihm 1945 ein Verhältnis gehabt, gerade als ihr Mann in russische Gefangenschaft kam.

Jetzt fiel es mir wie Schuppen von den Augen! Na klar, alle im Dorf wussten oder ahnten zumindest damals von Mutters Seitensprung. Eine untreue Ehefrau als Mutter, die es dazu noch mit einem Farbigen getrieben hat — das war der Grund gewesen, weshalb niemand etwas mit mir und ihr zu tun haben wollte. Ja, so intolerant und gemein können Menschen sein — als ob es sie etwas anging, was meine Mutter getan hatte!

Nachdem ich die Wahrheit über meine Herkunft entdeckt hatte, war ich zugegebenermaßen wütend auf Mutter. Dann aber erkannte ich, dass sie keine Schuld an meiner unglücklichen Kindheit trug. Sie konnte ja nichts für das Verhalten der Leute. Und dass ihr Mann durch mich ständig an ihre einstige Untreue erinnert wurde, machte die Situation für sie nicht leichter.

Aber warum hat sie mir nicht wenigstens später einmal gesagt, wer mein richtiger Vater war? Traute sie sich nicht? Schämte sie sich? Doch egal, sie ist und bleibt meine Mutter! So, wie ich auch meinen Vater als solchen in Erinnerung behalten will. Er konnte mich nicht lieben wie eine leibliche Tochter, doch er tat sein Bestes, indem er mich als sein Kind offiziell anerkannte. Und was meinen leiblichen Vater betrifft: Ich werde ihn nicht suchen, denn er hat nie eine Rolle in meinem Leben gespielt. Und so soll es auch bleiben.

126

Die Hauslektüre, die Spaß macht

Text 6

Er wirkte wie eine beleidigte Diva,

der man die Pfauenfedern ihrer Stola kurzgeschnitten hatte

Als ich meine Sachen aus Huberts Wohnung holte, dachte ich wirklich, ich wäre für alle Zeiten kuriert. Einen gutaussehender Mann, den alle wollten und viele bekamen, nein, auf so einen konnte ich verzichten! Ich hatte mir vorgenommen, mich nur noch auf einen richtig soliden Mann einzulassen, und eitel durfte der auf keinen Fall sein. Nächtelang hatte ich im Wohnzimmer gesessen und auf Hubert gewartet, der sich gerade wieder mit irgendeiner neuen Flamme amüsierte — das alles, weil ich leider auf gutaussehende Männer nur so flog! Aber das war nun vorbei, der nächste musste hässlich sein.

In der Praxis erwies sich mein Vorhaben allerdings als schwierig. Auf den ersten flog ich geradezu, weil er mir wirklich ausreichend hässlich erschien, und eitel war er auch nicht. Nach dem ersten Treffen jedoch wusste ich, dass ich mit der fehlenden Eitelkeit aufpassen musste. Wenn einer so wenig eitel war, dass er mit fettigen Haaren zu einer Verabredung ging, dann sollte er es lieber ohne mich tun.

Der zweite hieß Hannes und hatte gewaschene Haare, doch auch er war keine Schönheit. Eher das Gegenteil. Aber genau das war ja der Grund, weshalb ich auf Hannes flog. „Den macht mir keine streitig“! dachte ich. Bei zwei Treffen, in denen wir bis in die Morgenstunden unterwegs waren — aber ehrenvoll — wurde ich jedoch eines Besseren belehrt. Trotz seines Aussehens war Hannes nicht nur bei vielen Frauen beliebt, er schien auch eine größere Anzahl näher gekannt zu haben, und mit wem er noch etwas hatte oder nicht, das war mir völlig unklar. Ich war an einen verdeckten Casanova geraten, und das war einer, bei dem man auf alles gefasst sein musste. Also beschloss ich, auf die Entdeckung seiner versteckten Qualitäten zu verzichten, und machte mich aus dem Staub. Nein danke, da war ja Hubert berechenbarer als so einer. Und ich sagte ja bereits, Hannes war eher hässlich als schön…

127

Anhang 3

Das war der Moment, als ich an meinem Entschluss zu zweifeln begann. Warum sollte ein verlässlicher Mann eigentlich hässlich sein, warum sollte ein anderer, der nicht ganz so schlimm aussah, eigentlich keine Moral haben können? Also überlegte und überlegte ich, und je mehr ich nachdachte, desto klarer wurde mir, dass ich mit einem hässlichen Mann eigentlich auch nichts anfangen konnte. Da wartete ich lieber, bis mir der Richtige über den Weg laufen würde, selbst wenn es Jahre dauern sollte. Bis dahin würde ich schon allein zurechtkommen!

Um meinen Entschluss mir selbst auch zu demonstrieren, ging ich am selben Abend allein in eine Pizzeria. Ich bat nicht einmal eine Freundin mitzukommen. Ich war ich, ich war wertvoll, und wer mich haben wollte, der sollte sich halt Mühe geben!

Ich ertappte mich dabei, dass ich aus Gewohnheit sofort beim Hinsetzen die Lage peilte. Zwei Männer saßen direkt neben mir allein an ihren kleinen Tischen. Der links von mir war ziemlich unscheinbar, der rechte wirklich gutaussehend. Nein! Ich wollte doch nichts von denen, ich hatte mich dazu durchgerungen, dass ich keine Zufallsbekanntschaften mehr brauchte. Als meine Pizza und mein Wein bestellt waren, lehnte ich mich zurück und stellte fest, dass ich mich ziemlich verloren fühlte. Es fehlte mir eine Zeitschrift, um darin zu blättern, die Speisekarte war mir leider gerade abgenommen worden. Zum Glück kam der Wein bald, und da konnte ich das Glas in der Hand drehen und dann und wann einen kleinen Schluck nehmen. Aber komisch kam ich mir immer noch vor. Und ich konnte ja nicht ständig Wein trinken, wo sollte das denn enden? Nach kurzem Überlegen kam ich zu dem Schluss, dass der besser Aussehende ruhig auch Anstalten machen durfte, mich kennenzulernen, und instinktiv drehte ich mich ein wenig mehr in seine Richtung.

Er war jetzt fast fertig mit seinem Essen, und ich spürte, wie ich unruhig wurde, weil ich hoffte, dass er mich gleich ansprechen würde. Ich glaubte es einfach, es stand zwischen uns. In dem Moment kam die Pizza des anderen. Da stand der Hübsche auf, griff nach seiner Jacke und machte irgendwie doch keine Anstalten, mich anzusprechen. Gerade hatte ich mein Glas wieder einmal zum Mund geführt, als die Pizza des weniger Hübschen, die schrecklich

128

Die Hauslektüre, die Spaß macht

zäh zu sein schien, beim Schneiden von seinem Teller flog, direkt auf mich zu. Abwehrend hob ich die Hände — ich konnte gar nicht anders -, und da schüttete ich meinen Rotwein zielsicher auf den Gutaussehenden, der gerade an meinem Tisch vorbeiging. Direkt auf sein schönes weißes Leinenhemd, das ich bereits bewundert hatte. Er hatte keine Chance. Dass ihm das klar wurde, sah ich, als er völlig perplex an sich herunterschaute. Dann verdüsterte sich sein Gesicht.

Was da auf mich niederprasselte war eine Mischung aus Schimpfkanonade und beleidigter Diva, der man die Pfauenfedern ihrer Stola kurzgeschnitten hat. Er war tierisch böse und forderte allen Ernstes öffentlich und laut Schadenersatz von mir und von dem anderen Typen, der das Unglück ausgelöst hatte. Da stand auch jener auf und ging auf den Beschmutzten zu. Vorsichtshalber stellte er sich mich, um mich vor diesen Angriffen zu schützen — so und nicht anders kam mir das vor. Er war groß und sportlich, und ich stellte mit Erstaunen fest, dass er eine sympathische Stimme hatte und ich mich auch noch gern hinter seinem Rücken versteckte. Er regelte die Angelegenheit mit souveränem Hinweis auf seine Versicherung, damit war für ihn der Fall erledigt, und er drehte sich zu mir und entschuldigte sich. Auf seinem Gesicht war plötzlich so etwas Liebes und gleichzeitig Charmantes, dass ich ihn spontan bat, sich doch neben mich zu setzen. Ich wusste überhaupt nicht, was in dem Moment in mich gefahren war — aber ich hatte mich verliebt.

Julian ist bei mir geblieben und ich bei ihm. Dass ich ihn einmal gar nicht so hübsch fand, damals in jener schicksalhaften Pizzeria, das kann ich heute überhaupt nicht mehr verstehen.

Text 7

Erst im gemeinsamen Urlaub entdeckte ich das wahre Gesicht meines Partners

Auf dem Bambustisch in unserem Zimmer lag ein Zettel: „Bin schon zum Strand“. Ich war irritiert. Wieso hatte Ben mich nicht geweckt? Schnell duschte ich die Morgenmüdigkeit weg, zog mir

129

Anhang 3

einen Bikini und ein leichtes Strandkleid an und lief hinüber zur Bucht, wo sich das Badeleben des Hotels abspielte. Ben würde wohl sicher an der Strandbar mit dem Frühstück auf mich warten.

Aber von meinem Ben war weit und breit nichts zu sehen! Nur sein Badetuch lag einsam am Strand. Ich sah mich ratlos um. Da rief mir die junge Mutter, die schon am Tag zuvor mit ihrem Mann und den beiden Kindern neben uns gelegen hatte, zu: „Ihr Bekannter ist mit dem Boot rausgefahren“.

Ich war enttäuscht. Denn das war nun schon der dritte Alleingang von Ben innerhalb von nur drei Urlaubstagen auf Mallorca. Ein bisschen viel für meinen Geschmack. In unserer ersten Nacht war er noch mal allein in die Hoteldisco gegangen, nachdem ich eingeschlafen war. Am zweiten Tag hatte er sich mittags einen Jeep geliehen und war ohne mich über die Insel gedüst, als ich mich in der Mittagshitze in unser Zimmer zurückgezogen hatte. Und nun die Bootsfahrt ohne mich…

Komisch! Ich hatte eine andere Vorstellung von unserem ersten gemeinsamen Urlaub. Ich war sehr verliebt und wäre am liebsten keine Sekunde ohne Ben gewesen. Er schien das jedoch ganz anders zu sehen.

Keine guten Aussichten für unser gemeinsames Leben, das gleich nach dem Urlaub beginnen sollte! Die Wohnung war schon gemietet. Sofort nach der Rückkehr wollte ich bei meinen Eltern ausziehen.

Erst gegen Mittag tauchte Bens Boot wieder auf. Er war nicht allein, eine Frau war bei ihm. Die Wut stieg heiß in mir hoch. Solch eine Dreistigkeit! Und Ben gab sich nicht mal Mühe, etwas zu vertuschen!

Lachend kam er auf mich zu. „Na, auch schon wach“? Mir war nicht zum Lachen zumute. Wir hatten uns zwar versprochen, dass wir uns niemals einengen würden — aber das ging zu weit! Es gehörte nicht die geringste Spur von Phantasie dazu, sich vorzustellen, was die beiden getrieben hatten.

Ich verlangte von Ben eine Erklärung. Doch er lachte nur — er sei mir keine Erklärung schuldig. Er sei sein „eigener Herr“ und brauche nun mal die totale Freiheit. Vor allem im Urlaub — er könne nicht 24 Stunden am Tag mit mir zusammen sein. Soviel

130

Соседние файлы в предмете [НЕСОРТИРОВАННОЕ]