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Stil. Syntax Nach Bernhard Sowinski.doc
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Der Fragesatz

Irn Gegensatz zum Aussagesatz, der einen Sachverhalt als gegeben oder möglich berichtet, zeigt der Fragesatz die Offenheit einer Situation an und fordert zur Klärung in einer Antwort oder zumindest zur Suche danach auf. In diesem Aufforderungscharakter steht er dem Aufforderungssatz nahe, zeigt sogar manche strukturelle Übereinstimmung mit ihm, drängt allerdings weniger auf ein Handeln als vielmehr auf Wissensbereicherung. Das gilt nicht nur für die Form der Ergänzungsfragen, die mit Fragewörtern (wer? was? wo? wie? usw.) eingeleitet werden, sondern auch für die Entscheidungsfragen, die durch die Voranstellung des finiten Verbs den Imperativsätzen ähneln, und eine Anwort in der Form von bejahenden oder verneinenden Partikeln (ja, nein, doch u.ä.) oder Aussagesätzen verlangen. Grundsätzlich können alle Aussagehauptsätze in Fragesätze umgewandelt werden, Nebensätze nur nach der Umwandlung in Hauptsätze (selbständige Stellung), meistens unter Verzicht auf die einleitende Satzkonjunktion. Auch erweiterte Sätze und Satzgefüge sind als Fragesätze bei Umstellung des Hauptsatzverbs verwendbar. Da sich jedoch Fragen zumeist nur auf wenige Informationen richten, werden kürzere Fragesätze bevorzugt. Die kommunikative Funktion der Fragesätze bedingt, daß sie meistens mit Aussagesätzen kombiniert erscheinen. Daß mehrere Fragen zugleich gestellt werden, ist seltener. Es spiegelt einen besonderen Grad der Erregung (s.u.) und steigert die Unruhe, die jede Frage auslöst.

Die häufigste Verwendungsform ist die unmittelbare Frage im zwischenmenschlichen Verkehr, wie sie dem Gespräch (und seinen literarischen Spiegelungen) eigen ist. Mit der explorativen Funktion der Informationsermittlung ist häufig eine agierende Funktion verbunden, da durch erfragte Sachverhalte und Entscheidungen das jeweilige Geschehen vorangetrieben werden kann. Die Spannung der Informationserwartung verbindet sich dabei mit der Spannung der Handlungserwartung. Diese Stilwirkung des Fragesätzes wird besonders im dramatischen Dialog genutzt. Das sei an einer kurzen Szene aus Kleists »Der Prinz von Homburg« verdeutlicht, in der Natalie vom Kurfürsten die mögliche Freilassung Homburgs zugesichert erhält:

Der Kurfürst (in äußerstem Erstaunen):

Nun, meine teuerste Natalie,

Unmöglich in der Tat?! – Er fleht um Gnade?

Natalie: Ach hätt’st du nimmer, nimmer ihn verdammt!

Der Kurfürst: Nein sag': er fleht um Gnade? – Gott im Himmel!

Was ist geschehen, mein liebes Kind? Was weinst du?

Du sprachst ihn?

Natalie (an seine Brust gelehnt):

In den Gemächern eben jetzt der Tante...

Der dramatische Dialog kennt seit der Antike verschiedene Gestaltungsformen. Zu den ältesten zählt die Stichomythie, der zeilengebundene Redewechsel zwischen zwei Sprechern, der neben anderen Satzarten auch häufig Fragen enthält und so die Lebendigkeit dieses dialogischen »Schlagabtausches« noch mehr erhöht. Wir führen als Beispiel einen stichomythischen Dialog aus Schillers »Die Braut von Messina« an, in dem Beatrice erkennen muß, daß ihre sich befehdenden Freier ihre Brüder sind:

Isabella: Ich bin's ja selbst! Erkenne deine Mutter!

Beatrice: Was sagst du? Welches Wort hast du geredet?

Isabella: Ich, deine Mutter, bin Messinas Fürstin.

Beatrice: Du bist Don Manuels Mutter und Don Cesars?

Isabella: Und deine Mutter! Deine Brüder nennst du!

Beatrice: Weh, weh mir! O entsetzensvolles Licht!

Isabella: Was ist dir? Was erschüttert dich so seltsam?...

Auch in den Abwandlungen der Stichomythie, der Hemistichomythie (dialogischen Halbzeilenrede) und der im deutschen Drama häufigen Antilabe (beliebig großen dialogischen Zeileneinteilung) wird durch die Einbeziehung von Fragen eine zusätzliche Spannungssteigerung erreicht, die oft mit der Kürze der Sätze zunimmt.

Gelegentlich finden sich ähnliche Beispiele in der dichterischen Prosa. Ein Textstück aus Thomas Manns »Zauberberg« sei hier der Kuriosität halber eingefügt. Hier verzögert der Autor ironischerweise die eigenen Erzählangaben, indem er einen fiktiven Leser die auktoriale Darstellung unterbrechen läßt:

Mynheer Peeperkorn blieb im Hause Berghof während des ganzen Winters... so daß es zuletzt noch zu einem denkwürdigen gemeinsamen Ausflug (auch Settembrini und Naphta waren dabei) ins Flüelatal und zum dortigen Wasserfall kam... Zuletzt noch? Und danach blieb er also nicht länger? – Nein länger nicht. – Er reiste ab? – Ja und nein. – Ja und nein? Bitte keine Geheimniskrämerei! ...

Die Lebendigkeit des Fragesatzes kommt auch außerhalb des Dialogs in den Formen der monologischen Fragen zur Geltung. Neben der Ich-Frage, die zur Selbstbesinnung aufruft (Wie konnte ich das tun?), ist hier die sogenannte rhetorische Frage zu berücksichdgen. In beiden Fällen wartet der Fragende nicht auf die Antwort eines Dialogpartners, sondern verzichtet darauf oder gibt sie selbst, entweder weil sich auf dieseFrage keine Antwort geben läßt (Wer zählt die Völker, nennt die Namen?) oder weil die Frage vor einer Feststellung eine besondere Spannung schaffen oder die eigentliche Problematik bewußt machen soll:

Wer reitet so spät durch Nacht und Wind?

Ei ist der Vater mit seinem Kind; (Goethe, »Erlkönig«)

Kehren wir zum Abschluß zu der eingangs gestellten Frage zurück: Inwieweit vermögen erziehungsgeschichtliche Untersuchungen Aufschlüsse über aktuelle pädagogische Probleme von öffentlichem Interesse zu bieten? Wir wollten diese Frage nicht generell, sondern an einem Beispiel beantworten. (W. Klafka u.a., »Funkkolleg Erziehungswissenschaft«, III, S. 169)

Manchmal dient eine rethorische Frage der Kennzeichnung der Situation des Sprechers und steht anstelle eines Aussagesatzes:

Weh! Steck ich in demKerker noch? (Goethe, »Faust«)

Recht wirkungsvoll ist auch die Auflösung einer Aussage in eine Frage-Antwort-Folge:

Welchen Leser ich wünsche? den unbefangensten, der mich,

Sich und die We1t vergißt und in dem Buche nur lebt. (Goethe-Schiller, »Xenien«)

Ein besonderer Effekt wird auch durch die Folge von Frage-rhetorischer Gegenfrage-Antwort erreicht, die besonders im volkstümlichen Gesprach üblich ist:

Hör an mein Sohn, sag an mir gleich: Wie ist dein Farbe blaß und bleich? – Und sollt' sie nicht sein blaß und bleich? Ich traf in Erlenkönigs Reich. (Herder, »Erlkönigs Tochter«)

Schließlich sei auf die Frageformen der erlebten Rede hingewiesen, die darin der rehetorischen Frage ähneln, daß sie keine Antwort erwarten, da es Fragen sind, die im Bewußtsein der handelnden Personen entstehen:

Was waren denn das für Menschen? Wovon sprachen sie? Welcher Behörde gehörten sie an? K. lebte doch in einem Rechtsstaat, überall herrschte Friede, alle Gesetze beständen aufrecht, wer wagte, ihn in seiner Wohnung zu überfallen? (F. Kafka, »Der Prozeß«)

Erwähnung verdienen noch die verkürzten indirekten Fragesätze, wie sie in Gesprächen und in erlebter Rede vorkommen, und die eingekleideten indirekten Fragen. Während verkürzte indirekte Fragesätze vom Typ: Ob ich ihn wohl fragen soll? ohne weiteres als Fragesätze anzusehen sind, handelt es sich bei den indirekten Fragesätzen vom Typ: Ich wußte nicht, ob ich ihn fragen sollte. um Aussagesätze mit eingeschobenem Frageansatz anstelle des Akkusativobjekts, die jedoch in abgeschwächter Form die Stilwirkung des Fragesatzes zeitigen.

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