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Stil. Morphologie Nach Bernhard Sowinski.doc
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Nach Bernhard Sowinski Morphologie aus stilistischer Sicht Die Wortarten als Stilmittel

Die Wortarten sind sprachliche Einheiten mit unterschiedlicher Leistung, Form und Verwendung. Gekennzeichnet durch das Vorhandensein oder Fehlen bestimmter Bildungsweisen und Formensysteme, festgelegt durch bestimmte sprachliche Kombinationen und Stellungen im Satz und ausgezeichnet durch bestimmte inhaltlich-semantische und begrifflich-bezügliche Leistungen im Satzganzen, gehören sie zu den wichtigsten grammatischen Kategorien. Ihre unterschiedliche Verwendbarkeit, Leistung und Wirkung macht sie jedoch auch zu Stilmitteln besonderer Art.50 Die stilistische Bedeutung der Wortarten besteht in doppelter Hinsicht: einmal aufgrund ihrer semantisch-syntaktischen Leistung, durch die es innen möglich ist, bestimmte Vorgänge oder Gegebenheiten in einer bestimmten Blickweise zu sehen (z.B. als abgrenzbare Einheit mit Hilfe von Substantiven oder als Geschehnis in verbaler Fassung), zum anderen aufgrund der unterschiedlichen Verwendbarkeit bestimmter Wörter, durch die Dominanzen bestimmter Wortarten ermöglicht werden. Auf die sich daraus ergebenden Möglichkeiten zur Charakterisierung eines Stils als Nominalstil, Verbalstil oder Adjektivstil haben wir bereits hingewiesen (vgl. S. 26).

Eine solche quantifizierende Kennzeichnung bleibt unbefriedigend, wenn sie nicht zugleich die mit den Wortarten verbundenen Blickweisen und Stilwerte erfaßt, die in den Wortartdominanzen besonders hervortreten.

Die größte Bedeutung kommt dabei den drei Hauptwortarten Substantiv, Verb und Adjektiv zu (vgl. auch S. 162ff.).

Das Substantiv als Stilmittel

Es ist eine müßige Streitfrage, welche Wortart im Deutschen die größte Bedeutung besitzt. Unter syntaktischem Aspekt wird dabei neuerdings das Verb bevorzugt, unter stilistischem Aspekt wird man das Substantiv zuerst nennen müssen. Es ist nicht nur die reichste Wortart, sondern verfügt auch über die vielfältigsten semantischen Gruppierungsmöglichkeiten sowie über Möglichkeiten der Selbständigkeit in der Rede.51

Das Substantiv ist die Wortart, die bestimmte Gegebenheiten als Einzeldinge im Wort faßt und für sprachliche Aussagen verfügbar macht. Morphematisch wird dies durch die Kategorien des Numerus und Genus und der Kasusbildung deutlich.

Der Numerus, der fast allen Substantiven (bis auf Stoffbezeichnungen, Eigennamen, wenige Abstrakta u.ä.) eigen ist, erlaubt es, Substantivformen im Singular und Plural zu bilden und so das Gemeinte als Einzelnes oder Mehrfaches aufzufassen.

Mit der Wahl von Einzahl oder Mehrzahl sind bestimmte Sichtweisen und Stilwirkungen verbunden. Die Benennung einer substantivisch erfaßten Gegebenheit in der Einzahl kann den Verhältnissen der jeweiligen Wirklichkeit entsprechen. Mit Hilfe des Artikels oder eines deiktischen (hinweisenden) Pronomens ist es möglich, diese Einzahl besonders hervorzuheben. Die Wahl des Singulars kann aber auch der gattungsmäßigen Kennzeichnung dienen und damit die Beschränkung auf ein Einzelnes aufheben. Wenn z.B. Goethe einmal sagt: Ihn interessierte nur der Mensch, die Menschen ließ er gewähren52, so nutzt er diese grammatisch-stilistische Möglichkeit zu einem charakterisierenden Wortspiel, in dem er zugleich die ausschließlich abstrahierende Zuwendung des Autors zum Gattungswesen »Mensch« und die Vernachlässigung der .Individuen in seinem Werk kritisiert.

Die gleiche Stilwirkung kann in bestimmten Fällen auch durch die Verwen-dung des unbestimmten Artikels erreicht werden, z.B. Edel sei der Mensch, hilfreich und gut (Goethe, »Das Göttliche«) und Edel sei ein Mensch (oder: ein Mensch sei edel...), hilfreich und gut. Ein völlig anderer, ein individualisierender Sinn entstünde im vorgenannten Satz, wenn man sagte: Ihn interessierte nur ein Mensch, die Menschen ließ er gewähren, aber auch wenn die Maxime aus dem Gedicht »Das Gottliche« in einer Vergangenheitsform erschiene (Edel war der Mensch, hilfreich und gut). Die a1lgemeine (Gattungs-)Bedeutung von »der« und »ein« scheint hier an didaktische Ausdrucksformen und atemporales Präsens gebunden zu sein.

Eine ähnliche Ambivalenz von Singular und Plural liegt bei bestimmten »Begriffswörtern« vor, die im Singular eine allgemeinere und im Plural eine verengte Bedeutung aufweisen, z.B. bei Recht, Freiheit, Kunst, Hoffnung u.a. Man vergleiche etwa:

Das Recht wird siegen.: Über seine Rechte und Pflichten sollte jeder informiert sein.

Die Freiheit ist ein hoher Wert. : Die im Rahmen der Verfassung garantierten Freiheiten dürfen nicht eingeschränkt werden.

In manchen Fällen ist es eine stilistische Entscheidung, ob der Autor Singular- oder Pluralformen wählt. Die Singularformen übermitteln dabei meistens einen individuelleren Eindruck als die Pluralformen (vgl. S. 31). Das gilt auch gegenüber pluralischen Kollektivbegriffen, z.B. die Eltern.: Vater und Mutter.

Eine Sonderform dieser Art ist die Synekdoche (Mitaufnahme, Mitverstehen)53, bei der ein Substantiv in der Einzahl als Beispiel einer Gattung steht und viele Einheiten dieser Gattung mit begreift: Die Welle wieget unsern Kahn im Rudertakt hinauf (Goethe, »Auf dem See«); gelegentlich findet sich dieser Singular auch in Redensarten: ein Auge auf ihn werfen, Hand und Fuß haben u.ä.

Andererseits erweist sich die Pluralisierung abstrakter Wurzelbegriffe als besonders eindrucksvoll in dichterischen Texten:

Und du merkst es nicht im Schreiten,

Wie das Licht verhundertfältigt,

Sich entringt den Dunkelheiten. (R. Dehmel, »Manche Nacht . . .«)

Genus: Die Festlegung des grammatischen Geschlechts (Genus) der Substantive ist nicht dem Belieben des Sprechers überlassen, sondern gehört zu den grammatischen Regularitäten. Selbst dort, wo sich Doppelformen des Artikels und damit des Genus erhalten haben (z. B. der/das Erbteil, der/das Halfter u.ä.54) handelt es sich meistens um landschaftlich oder kontextuell bedingte Alternativen. Die Wortwahl kann allerdings auf die Dominanz bestimmter Genusformen Wert legen oder sie zu vermeiden suchen. So sind beispielsweise die meisten Abstraktabildungen im Deutschen Feminina (weiblich): z.B. Bildungen auf -ung, -heit, -keit, -schaft, -ei, -t.

Die Regel der Wiederaufnahme des gleichen Genus des Bezugswortes bei Relativpronomen wird manchmal zugunsten des natürlichen Geschlechts durchbrochen. So wird z.B. in Goethes »Iphigenie« das Wort Weib, das früher noch keinen abschätzigen Klang besaß, durch das Pronomen sie wiederaufgegriffen:

Allein ein Weib bleibt stets auf einem Sinn, den sie gefaßt.

Du rechnest sicherer auf die im Guten wie im Bösen. (Goethe, »Iphigenie auf Tauris«)

Auch bei ursprünglichen Diminutivwörtern, wie z.B. Mädchen, ist ein solcher Übergang zum natürlichen Geschlecht (Sexus) häufig zu beobachten:

Das Mädchen schien auf jemanden zu warten.

Unruhig trippelte sie hin und her.

Gelegentlich wird die Einengung auf das feminine grammatische Geschlecht durch die Wahl einer maskulinen Rangbezeichnung überspielt. Der stilistische Eindruck wird durch diese Verfremdung gesteigert.55 Schiller nutzte diese Möglichkeit mehrmals in »Maria Stuart«. So sagt der junge Mortimer zur gefangenen Königin:

Du warst die Königin, sie der Verbrecher.

Umgekehrt schleudert Maria ihrer Rivalin die Worte entgegen:

Regierte Recht, so läget ihr vor mir im Staube jetzt, denn ich bin euer König.

Die einzelnen Genera sind nicht mit einem bestimmten Slilwert verbunden. Mitunter läßt sich aber im volkstümlichen Gebrauch die Vorliebe für das Neutrum bei abwertenden Bezeichnungen beobachten, so wie einstmals auch rechtsunfähige Wesen durch das Neutrum gekennzeichnet wurden (Kind, Mädchen). Dementsprechend gelten das Mensch, das Luder, das Balg (gegenüber: der Mensch, der Balg) als Schimpfwörter.

Kasus: Als dritte grammatische Kategorie ist der Kasuszwang des Substantivs zu erwähnen. Durch die Einordnung der Substantive in bestimmte morphematisch gekennzeichnete Kasus ist es möglich, durch sie besondere Bezugsverhältnisse im Satz zu verdeutlichen und so erst geschlossene sprachliche Aussagen zu realisieren. Diese Tatsache ist auch stilistisch von Bedeutung, werden doch auf diese Weise Stellenwert und Redefunktion der Substantive von vornherein festgelegt. Der einfache Dativ etwa wird als partnerbezogener Kasus in Widmungen u.ä. bevorzugt: den Toten unserer Stadt, meiner Frau, dem Stifter des Museums.

Beim Gebrauch bestimmter Kasus (z.B. Dativ, Genitiv) bestehen bereits vielfach alternative Möglichkeiten. Angesichts der Tatsache, daß bestimmte Dativaussagen heute schon häufiger durch präpositionale Kasus ersetzt werden, erlangt die ältere Verwendung des reinen Dativs mehr und mehr den Charakter einer Stilentscheidung. Ähnlich verhält es sich mit den übrigen Kasus. So besitzt der Genitiv als Objektskasus einen altertümlichen Stilwert. Wendungen wie: ich gedenke deiner, ich erinnere mich seiner u.ä. wirken antiquiert und kommen fast nur noch in der gehobenen Ausdrucksweise und in der Literatur vor. Als Attributskasus, der den Anteil einer anderen substantivischen Aussage gegenüber dem genitivischen Bezugswort ausdrückt (z.B. die Höhe der Summe, des Bauwerkes u.dgl.) scheint der Genitiv hingegen zuzunehmen.

Im Bereich des Dativs ist auch der ethische Dativ, der Zusatz von »mir, dir, uns« in wörtlichen Reden ein stilistisches Kennzeichen, das allerdings überwiegend im mündlichen Redegebrauch begegnet und hier die gefühlsmäßige Anteilnahme verstärkt (z.B. Das ist mir vielleicht einer!).

Die am meisten verwendeten Kasus sind Nominativ und Akkusativ. Der Nominativ hat als Grundform aller substantivischen Kasus bzw. als deren Nullform zu gelten. Alle anderen Kasus treten nur in Beziehung zu ihm auf, soweit es sich nicht um Ellipsen oder andere Reliktformen handelt. Das Substantiv im Nominativ nimmt die erste »Leerstelle« im Satz ein indem es als Subjekt fungiert. Auch als Prädikatsnomen, das eine Präzisierüng (Klassifizierung) des Subjekts darstellt (z.B. er ist Arzt), erscheint es im Nominativ. Beide syntaktischen Stellenwerte erlauben es, daß nominativische Substantive isoliert als Einzelwörter, als verblose Sätze56 oder als »absolute Nominative«57 erscheinen können, während alle anderen Kasusformen nur in Verbindung mit anderen Satzaussagen auftreten (vgl. S. 131 ff.).

Der Akkusativ dagegen isi stets von einer vorhandenen oder zumindest gedachten Satzeinleitung mit Subjekt und Prädikat abhängig. In Antworten innerhalb von Reden und Gesprächen wird diese Satzbindung oft ausgelassen:

Was wünschen Sie? Einen Briefumschlag bitte ... Guten Tag!

Innerhalb des Satzes ist das akkusativische Substantiv (bzw. Pronomen) meistens als Objekt Ziel einer bestimmten Handlung, das in dieser Form die Aktivität des Subjekts unterstreicht, im Passivsatz selbst zum Subjekt eines Vorgangs wird. Als Ziel oder Ergebnis einer Handlung besitzt das Akkusativobjekt nicht nur einen kommunikativen Wert, sondern auch einen Stilwert, der besonders bei Aufzählungen, die die Fülle möglicher Objekte spiegeln, sichtbar wird. Andere Verwendungsformen des Akkusativs liegen in nicht passivfähigen Maß-, Zeit- oder Mengenangaben vor.

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