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Der Zauberberg. Vol. 2

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DER ZAUBERBERG
kennzeichnet wäre, wenn man sagte, sie hätte Hans Castorp nicht gefallen, – im Gegenteil, sie gefiel ihm sogar sehr gut, nur daß sie ihm dennoch Sorge machte. Und kurz, es ist über diese Eindrücke gar nicht anders als verworren, ihrem eige­nen Charakter gemäß, zu reden.
Das Gespräch, die Kontroverse – natürlich eine Kontro­verse zwischen Naphta und Settembrini – angehend, so war sie eine Sache für sich und stand mit jenen Sondererörterun­gen über das Logenwesen nur in lockerem Zusammenhang. Außer den Vet-tern waren auch Ferge und Wehsal dabei zu­gegen, und aller Teilnahme war groß, obgleich nicht alle dem Gegenstande ge-wachsen waren, – Herr Ferge zum Beispiel war es ausdrücklich nicht. Aber ein Streit, der geführt wird, als ob es ums Leben ginge, außerdem aber mit einem Witz und Schliff, als ob es nicht ums Leben, sondern nur um ein elegantes Wettspiel ginge – und so wurden alle Dispute zwi­schen Settembrini und Naphta geführt – : ein solcher Streit ist selbstverständlich und an und für sich unterhaltend anzu­hören, auch für den, der wenig davon versteht und seine Tragweite nur undeutlich absieht. Sogar ganz Unzugehörige, Umsitzende lauschten dem Wortwechsel mit hohen Augen­brauen, gefesselt von Leidenschaft und Zierlich-keit der Wechselrede.
Es war, wie gesagt, vor dem Kurhause, nachmittags nach dem Tee. Die vier Berghofgäste hatten Settembrini dort ge­troffen, und von ungefähr hatte Naphta sich zugesellt. Sie sa­ßen alle um ein kleines metallenes Tischchen herum bei ver­schiedenen mit Soda verdünnten Getränken, Anis und Wermut. Naphta, der hier seine Vespermahlzeit einnahm,
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hatte sich Wein und Ku-chen geben lassen, was offenbar eine Erinnerung an seine Alumnenzeit darstellte; Joachim be­feuchtete seine leidende Kehle oft mit Naturlimonade, die er sehr stark und sauer trank, weil das zusammenziehe und ihm Erleichterung schaffe, und Settembrini genoß schlechthin Zuckerwasser, jedoch durch ei-nen Strohhalm und auf so an­mutig appetitliche Art, als schlürfe er die kostbarste Erqui­ckung. Er scherzte:
"Was höre ich, Ingenieur? Was kommt mir gerüchtweise zu Ohren? Ihre Beatrice kehrt wieder? Ihre Führerin durch alle neun kreisenden Sphären des Paradieses? Nun, ich will hoffen, daß Sie auch dann die leitende Freundeshand Ihres Virgil nicht ganz verschmähen werden! Unser Ekklesiast hier wird Ihnen bestätigen, daß die Welt des medio evo nicht kom­plett ist, wenn franziskanischer Mystik der Gegenpol thomis­tischer Erkenntnis fehlt."
Man lachte über so viel spaßhafte Gelehrsamkeit und sah Hans Castorp an, der ebenfalls lachend "seinem Virgil" das Wermutglas entgegenhob. Es ist aber kaum zu glauben, was al-les aus der, wenn auch geschnörkelten, so doch sehr harm­losen Äußerung Herrn Settembrinis sich an unerschöpfli­chem Gei-steszwist in der nächsten Stunde ergab. Denn Naphta, freilich gewissermaßen herausgefordert, ging sofort zum Angriff über und machte sich über den lateinischen Dichter her, den Settem-brini bekanntermaßen abgöttisch liebte, ja, über Homer stellte, während Naphta ihm, wie über­haupt der lateinischen Poesie, schon mehr als einmal die schärfste Geringschätzung bezeigt hatte – und eben hierzu auch jetzt die Gelegenheit prompt und boshaft ergriff. Es sei
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eine äußerst gutmütige Zeitbefangenheit des großen Dante gewesen, sprach er, diesen mittelmäßigen Versifex so feierlich zu nehmen und ihm in seinem Liede eine so hohe Rolle zuzu­weisen, wenn auch Herr Lodovico dieser Rolle wohl eine all­zu freimaurerische Bedeutung beilege. Was es denn weiter auf sich gehabt habe mit diesem höfischen Lau-reatus und Spei­chellecker des julischen Hauses, diesem Welt-stadtliteraten und Prunkrhetor ohne einen Funken von Produk-tivität, des­sen Seele, wenn er eine gehabt habe, jedenfalls aus zweiter Hand gewesen, und der überhaupt kein Dichter, son-dern ein Franzose in augusteischer Allongeperücke gewesen sei!
Herr Settembrini zweifelte nicht, daß der Vorredner Mit­tel und Wege wissen werde, seine Verachtung der römischen Hochzivilisation mit seinem Amt als Lateinlehrer zu verein­ba-ren. Doch scheine es nötig, ihn auf den schwereren Wider­spruch hinzuweisen, in den er sich durch solche Urteile mit seinen ei-genen Lieblingsjahrhunderten setze, die den Virgi­lius nicht nur nicht verachtet, sondern seiner Größe auf ein­fältige Art gerecht geworden seien, indem sie einen weisheits­mächtigen Zauberer aus ihm gemacht hätten.
Recht vergebens, versetzte Naphta, rufe Herr Settembrini die Einfalt jener morgendlichen Zeiten zu seiner Hilfe auf, – die Siegerin, die ihre Schöpferkraft noch in der Dämonisie­rung des Überwundenen bewährt habe. Übrigens seien die Lehrer der jungen Kirche nicht müde geworden, vor den Lü­gen der alten Philosophen und Dichter zu warnen, insonder­heit davor, sich mit der üppigen Beredsamkeit des Virgil zu beflecken, und heu-te, wo wieder ein Zeitalter zu Grabe sin­ke, abermals ein proleta-rischer Morgen tage, sei wahrhaftig
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die Stunde günstig, ihnen nachzufühlen! So möge denn, um alles zu beantworten, Herr Lodovico auch überzeugt sein, daß er, Redner, sein bißchen bür-gerliche Beschäftigung, worauf jener anzuspielen die Güte gehabt habe, mit aller gebotenen reservatio mentalis betreibe und sich nicht ohne Ironie in ei­nen klassisch-rhetorischen Erzie-hungsbetrieb einordne, des­sen Lebensdauer ein Sanguiniker al-lenfalls noch nach Jahr­zehnten berechnen möge.
"Ihr habt sie", rief Settembrini, "ihr habt sie studiert, daß ihr schwitzet, diese alten Dichter und Philosophen, habt euch ihr kostbares Erbe anzueignen versucht, wie ihr das Material der antiken Bauwerke für eure Bethäuser benutz­tet! Denn ihr fühl-tet wohl, daß ihr aus eigener Kraft eurer proletarischen Seele keine neue Kunstform hervorzubrin­gen vermöchtet und hofftet, das Altertum mit seinen eige­nen Waffen zu schlagen. So wird es wieder, so wird es immer gehen! Euere ungehobelte Mor-gendlichkeit wird sich in die Schule begeben müssen bei dem, was zu verachten ihr euch und andere bereden möchtet; denn ohne Bildung bestündet ihr nicht vor dem Angesicht der Menschheit, und es gibt nur eine Bildung: diejenige, die ihr die bürgerliche nennt, und die die menschliche ist!" Eine Frage von Jahrzehnten – das Ende des humanistischen Erziehungsprinzips? Nur Höflich­keit hinderte Herrn Settembrini, in ein ebenso sorgloses wie spöttisches Gelächter auszubrechen. Ein Europa, das sein Ewigkeitsgut zu wahren wisse, werde über proletarische Apokalypsen, die man da und dort zu erträumen beliebe, in Ge-mütsruhe zur Tagesordnung klassischer Vernunft über­gehen.
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Über die Tagesordnung nun gerade, versetzte Naphta bei-ßend, scheine Herr Settembrini nicht ganz wohlunter­richtet. Auf der Tagesordnung eben stehe als Frage, was jener als ausge-macht zu behandeln für gut finde: nämlich, ob die mediterran-klassisch-humanistische Überlieferung eine Menschheitssache und darum menschlich-ewig – oder ob sie allenfalls nur Gei-stesform und Zubehör einer Epoche, der bürgerlich-liberalen, gewesen sei und mit ihr sterben könne. Dies zu entscheiden, werde Sache der Geschichte sein, und es sei Herrn Settembrini immerhin zu empfehlen, sich nicht all­zu sehr in Sicherheit zu wiegen, daß die Entscheidung im Sinn seines lateinischen Kon-servatismus fallen werde.
Das war eine besondere Unverschämtheit des kleinen Naphta, Herrn Settembrini, den erklärten Diener des Fort-schritts, einen Konservativen zu nennen. Alle empfan­den es so und mit besonderer Bitterkeit natürlich der Betrof­fene, der er-regt seinen geschwungenen Schnurrbart zwirbel­te und im Su-chen nach einem Gegenschlage dem Feinde Zeit ließ zu weite-ren Ausfällen gegen das klassische Bildungside­al, den rheto-risch-literarischen Geist des europäischen Schul – und Erzie-hungswesens und seinen grammatisch-for­malen Spleen, der nichts als ein Interessenzubehör der bür­gerlichen Klassenherr-schaft, dem Volke aber längst ein Ge­lächter sei. Ja, man ahne nicht, wie weidlich das Volk sich über unsere Doktortitel und unser ganzes Bildungsmanda­rinentum lustig mache und über die staatliche Volksschule, dies Instrument bourgeoiser Klassen-diktatur, gehandhabt in dem Wahn, daß Volksbildung verwäs-serte Gelehrtenbil­dung sei. Diejenige Bildung und Erziehung, die das Volk im
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Kampf gegen das morsche Bürgerreich brauche, wisse es sich längst wo anders zu holen als in den obrigkeitli-chen Zwangs­anstalten, und nachgerade pfiffen die Spatzen es von den Dä­chern, daß unser Schultypus überhaupt, wie er sich aus der Klosterschule des Mittelalters entwickelt habe, einen lä-cher­lichen Zopf und Anachronismus darstelle, daß niemand in der Welt seine eigentliche Bildung mehr der Schule verdan­ke, und daß ein freier, offener Unterricht durch öffentliche Vorträ-ge, Ausstellungen, Kinos und so fort jedem Schulun­terricht weit überlegen sei.
In der Mischung aus Revolution und Dunkelmännertum, die Naphta da seinen Zuhörern kredenzte, antwortete ihm Herr Settembrini, überwiege der obskurantistische Beisatz in un-schmackhafter Weise. Das Gefallen, das seine Sorge um die Aufklärung des Volkes erwecke, leide einige Einbuße durch die Befürchtung, daß hier vielmehr eine Instinktnei­gung obwalte, Volk und Welt in analphabetische Finsternis zu hüllen.
Naphta lächelte. Analphabetentum! Da glaube man nun ein wahres Entsetzenswort ausgesprochen, das Haupt der Gorgo vorgezeigt zu haben, überzeugt, daß jedermann pflicht­schuldig davor erblassen werde. Er, Naphta, bedauere, seinem Gesprächspartner die Enttäuschung bereiten zu müssen, daß die Humani-stenfurcht vor dem Begriff des Analphabeten­tums ihn einfach erheitere. Man müsse ein Renaissancelite­rat, ein Prezioser, ein Secentist, ein Marinist, ein Hanswurst des estilo culto sein, um den Disziplinen des Lesens und Schreibens eine so übertriebene erzieherische Vordringlich­keit beizumessen, daß man sich ein-bilde, Geistesnacht müsse
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walten, wo ihre Kenntnis fehle. Ob Herr Settembrini sich er­innere, daß der größte Dichter des Mittelalters, Wolfram von Eschenbach, Analphabet gewesen sei? Damals habe es in Deutschland für schimpflich gegolten, einen Knaben, der nicht gerade Geistlicher habe werden wollen, zur Schule zu schicken, und diese adlig-volkstümliche Verachtung der lite­rarischen Künste sei immer das Merkmal vornehmer Wesent­lichkeit geblieben, – während der Literat, dieser rechte Sohn des Humanismus und der Bürgerlichkeit, allerdings lesen und schreiben könne, was der Adlige, der Krieger und das Volk nicht könnten oder nur schlecht könnten, – aber weiter könne und verstehe er in aller Welt auch gar nichts, sondern sei noch immer ein latinistischer Windbeutel, der die Rede verwalte und den rechtschaffenen Leuten das Leben überlas­se, – weshalb er denn auch aus der Politik einen Beutel voll Wind mache, näm-lich voll Rhetorik und schöner Literatur, was in der Parteispra-che Radikalismus und Demokratie hei­ße, – und so fort, und so fort.
Darauf denn nun Herr Settembrini! Allzu kühn, rief er, kehre der andere seinen Geschmack an der inbrünstigen Bar­barei ge-wisser Epochen hervor, indem er die Liebe zur litera­rischen Form verhöhne, ohne die allerdings keine Mensch­lichkeit mög-lich und denkbar sei, allerdings nicht und nimmermehr! Vor-nehmheit? Nur Menschenfeindschaft kön­ne die Wertlosigkeit, die rohe und stumme Dinglichkeit auf ihren Namen taufen. Vornehm vielmehr sei einzig ein gewis­ser edler Luxus, die ge-nerosità, die sich darin bekunde, der Form einen menschlichen, vom Inhalt unabhängigen Eigen­wert beizulegen, – der Kultur der Rede als einer Kunst um
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der Kunst willen, dies Erbe der griechisch-römischen Zivilisa­tion, welches die Humanisten, die uomini letterati, der Roma­nia, ihr wenigstens, zurückgebracht hätten, und das die Quel­le jedes weiteren und inhaltlichen Idealismus, auch des politischen, sei. "Jawohl, mein Herr! Was Sie als Trennung von Rede und Leben verunglimpfen möchten, ist nichts als höhere Einheit im Kronrund des Schönen, und mir ist nicht bange, auf welche Seite in einem Streit, dessen Wahl-fälle Li­teratur und Barbarei heißen, hochherzige Jugend sich immer schlagen wird."
Hans Castorp, dessen Aufmerksamkeit nur halb beim Ge-spräch gewesen war, da die Person des anwesenden Krie­gers und Vertreters vornehmer Wesentlichkeit oder eigent­lich der neuartige Ausdruck seiner Augen ihn beschäftigte, fuhr etwas zusammen, da er sich durch Herrn Settembrinis letzte Worte aufgerufen und angefordert fühlte, machte dann aber ein Ge-sicht, wie damals, als Settembrini ihn zur Ent­scheidung zwi-schen "Ost und West" feierlich hatte nötigen wollen: ein Ge-sicht also voller Vorbehalt und Widerspens­tigkeit, und schwieg. Alles stellten sie auf die Spitze, diese zwei, wie es wohl nötig war, wenn man streiten wollte, und haderten erbittert um äu-ßerste Wahlfälle, während ihm doch schien, als ob irgendwo in-mitten zwischen den stritti­gen Unleidlichkeiten, zwischen red-nerischem Humanismus und analphabetischer Barbarei das gele-gen sein müsse, was man als das Menschliche oder Humane persönlich anspre­chen durfte. Aber er sprach es nicht an, um nicht beide Geis­ter zu ärgern, und sah, eingehüllt in Vorbehalt, wie sie weiter dahin trieben und einander feindlich behilflich waren, vom
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Hundertsten ins Tausendste zu kommen, nachdem Settemb­rini mit seinem kleinen Scherz vom Lateiner Virgil den An­stoß gegeben.
Er gab das Wort noch nicht her, er schwang es, er ließ es triumphieren. Er warf sich zum Schützer auf des literarischen Genius, feierte die Geschichte des Schrifttums von dem Au­gen-blick an, wo zum erstenmal ein Mensch, um seinem Wis­sen und Fühlen Denkmalsdauer zu geben, Wortezeichen in einen Stein gegraben hatte. Er sprach von dem ägyptischen Gotte Thot, mit dem der dreimalgroße Hermes des Hellenis­mus iden-tisch gewesen, und der als Erfinder der Schrift, Schutzherr der Bibliotheken und Anreger aller geistigen Be­strebungen verehrt worden war. Er beugte redend das Knie vor diesem Trismegist, dem humanistischen Hermes, dem Meister der Palästra, dem die Menschheit das Hochgeschenk des literarischen Wortes, der agonalen Rhetorik verdankte, und veranlaßte so Hans Castorp zu der Anmerkung: dann sei dieser gebürtige Ägypter offenbar auch ein Politiker gewesen und habe in größerem Stile dieselbe Rolle gespielt wie Herr Brunetto Latini, der speziell den Floren-tinern Schliff verlie­hen und sie das Sprechen gelehrt, sowie die Kunst, ihre Repu­blik nach den Regeln der Politik zu lenken, – worauf Naphta erwiderte, Herr Settembrini schwindle ein biß-chen und ha­be ihm von Thot-Trismegistos ein allzu gelecktes Bild gege­ben. Denn das sei vielmehr eine Affen-, Mond – und Seelen­gottheit gewesen, ein Pavian mit einer Mondsichel auf dem Kopf und unter dem Namen des Hermes vor allem ein To­des – und Totengott: der Seelenzwinger und Seelenführer, der schon der späteren Antike zum Erzzauberer und dem
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kabbalisti-schen Mittelalter zum Vater der hermetischen Al­chimie gewor-den sei.
Was, was? In Hansens Gedanken und Vorstellungswerk­statt ging es drunter und drüber. Da war der blaubemantelte Tod als humanistischer Rhetor; und wenn man den pädagogi­schen Lite-raturgott und Menschenfreund näher ins Auge faßte, so hockte da statt seiner eine Affenfratze mit dem Zei­chen der Nacht und der Zauberei an der Stirn ... Er wehrte und winkte ab mit der Hand und legte sie dann über die Au­gen. Aber in das Dunkel, worein er sich vor der Verwirrung gerettet, klang Settembrinis Stimme, der fortfuhr, die Litera­tur zu preisen. Nicht nur die be-trachtende, auch die aktive Größe, rief er, sei allezeit mit ihr verbunden gewesen; und er nannte Alexander, Cäsar, Napoleon, nannte den preußischen Friedrich und weitere Helden, sogar Lassalle und Moltke. Es focht ihn nicht an, daß Naphta ihn ins Chinesische heimschi­cken wollte, wo die skurrilste Vergötte-rung des Abc herr­sche, die je erreicht worden sei, und wo man Generalfeldmar­schall werde, wenn man alle vierzigtausend Wortzeichen tuschen könne, was recht nach dem Herzen eines Humanis­ten sein müsse. Er, Naphta, wüßte recht wohl, daß es sich nicht ums Tuschen handelte, sondern um die Literatur als Menschheitsimpuls, um ihren Geist, armer Spötter! welcher der Geist selber war, das Wunder der Verbindung von Analy­se und Form. Er war es, der das Verständnis für alles Mensch­liche weckte, die Schwächung und Auflösung dummer Wert­urteile und Überzeugungen betrieb, die Sittigung, Veredelung und Besserung des Menschengeschlechtes herbeiführte. In­dem er die äußerste moralische Verfeinerung und Reizbar-
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