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Der Zauberberg. Vol. 2

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DER ZAUBERBERG
fetter Leckerbissen, die, mit Butterkugeln, Radieschen und Petersilie garniert, prangen-den Blumenbeeten glichen. Aber obgleich sie, eines vorange-gangenen Abendessens ungeach­tet, über dessen Gediegenheit kein Wort verloren zu werden braucht, frohen Zuspruch fanden, erklärte Mynheer Peeper­korn sie nach wenigen Bissen für "Firlefanz" – und zwar mit einem Zorn, der die beängstigende Unberechenbarkeit seiner Herrschernatur bekundete. Ja, er wur-de kollerig, als jemand den Imbiß in Schutz zu nehmen wagte; sein mächtiges Haupt schwoll an, und er schlug mit der Faust auf den Tisch, indem er das alles für verdammten Quark erklärte, – worauf man denn betreten verstummte, da er am Ende als Spender und Wirt das Recht hatte, seine Gaben zu beurteilen.
Übrigens stand der Zorn, so unbegreiflich er anmuten mochte, ihm vortrefflich zu Gesichte, wie namentlich Hans Castorp sich bekennen mußte. Er entstellte ihn keineswegs, verkleinerte ihn nicht, wirkte in seiner Unbegreiflichkeit, die mit den ge-nossenen Weinmengen, in Beziehung zu setzen niemand in seinem Herzen sich unterstand, so groß und kö­niglich, daß alle sich duckten und jedermann sich hütete, von den Fleischwaren noch einen Bissen zu nehmen. Frau Chauchat war es, die ihren Reisegefährten beschwichtigte. Sie streichelte seine breite, nach dem Schlag auf dem Tisch ru­hende Kapitänshand und meinte schmeichelnd, man könne ja etwas anderes bestellen, ein war-mes Gericht, wenn er wol­le, und wenn der Küchenchef noch dafür zu gewinnen sein werde. "Mein Kind", sagte er, " – gut." Und mühelos, in voller Würde fand er den Übergang von schwerem Koller zu einem gemäßigten Zustande, indem er Clawdias Hand küßte. Er
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wollte Omeletten für sich und die Seinen, – für jedermann eine gute Kräuter-Omelette, damit man den Anforderungen gerecht werden könne. Und er schick-te mit der Bestellung einen Hundertfrankenschein in die Küche, um das Personal zum Unterbrechen des Feierabends zu bestim-men.
Auch stellte sein Behagen sich völlig wieder her, als die dampfende Speise auf mehreren Platten erschien, kanarien­gelb und grün gesprenkelt, einen weichlich warmen Duft von Eiern und Butter im Zimmer verbreitend. Man griff zu, ge­meinsam mit Peeperkorn und im Genuß überwacht von ihm, der mit ab-gerissenen Worten und zwingenden Kulturgebär­den jedermann zu aufmerksamster, ja inbrünstiger Würdi­gung der Gottesgabe anhielt. Er ließ holländischen Genever dazu schenken, eine volle Runde, und zwang alle, das klare Naß, dem ein gesunder Duft nach Getreide mit einem zarten Einschlag von Wacholder entströmte, mit gespannter An­dacht zu sich zu nehmen.
Hans Castorp rauchte. Auch Frau Chauchat sprach den Mundstückzigaretten zu, die sie in einer russischen, mit einer dahinsausenden Troika geschmückten Lackdose zu ihrer Be-quemlichkeit vor sich auf den Tisch gelegt hatte, und Pee­perkorn tadelte es nicht, daß seine Nachbarn sich diesem Vergnü-gen überließen, rauchte aber selbst nicht, tat es nie­mals. Ver-stand man ihn recht, so war seinem Urteile nach der Tabakkon-sum bereits den überfeinerten Genüssen zuzu­zählen, deren Pflege einen Raub an der Majestät der schlich­ten Lebensgaben bedeute, jener Gaben und Ansprüche, de­nen gerecht zu werden unserer Gefühlskraft doch kaum gelinge. "Junger Mann" , sagte er zu Hans Castorp, indem er
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ihn mit seinem blassen Blick und seiner Kulturgebärde bann­te, –"junger Mann, – das Einfache! Das Heilige! Gut, Sie ver­stehen mich. Eine Flasche Wein, ein dampfendes Eiergericht, ein lauterer Korn,' – erfüllen und ge-nießen wir das erst ein­mal, erschöpfen wir es, tun wir ihm wahrhaft Genüge, bevor wir – Absolut, mein Herr. Erledigt! Ich habe Personen ge­kannt, Männer und Frauen, Kokainesser, Ha-schischraucher, Morphinisten – Gut, lieber Freund! Perfekt! Mögen sie doch! Wir sollen nicht rechten und richten. Aber dem, was voran­gehen sollte, dem Einfachen, dem Großen, dem Gottesur­sprünglichen waren diese Leute durchaus alles – Erledigt, mein Freund. Verurteilt. Verworfen. Sie waren ihm alles schuldig geblieben! Wie Sie auch heißen mögen, junger Mann, Gut, ich habe es schon gewußt, ich habe es wieder vergessen, nicht im Kokain, nicht im Opium, nicht im Laster als solchem beruht die Lasterhaftigkeit. Die Sünde, die nicht vergeben werden kann, sie beruht –"
Er hielt inne. Groß und breit, seinem Nachbar zugewandt, verharrte er in mächtig ausdrucksvollem Schweigen, das zu verstehen zwang, den Zeigefinger erhoben, mit unregelmäßig zer-rissenem Munde unter der nackten und roten, von der Rasur et-was wunden Oberlippe, angestrengt emporgezogen das lineare Faltenwerk seiner kahlen, weiß umflammten Stirn, erweitert die kleinen, blassen Augen, in denen Hans Castorp etwas wie Ent-setzen flackern sah vor dem Verbre­chen, der großen Versündi-gung, dem unverzeihlichen Ver­sagen, auf das er angespielt hatte, und das in seiner Schreck­lichkeit zu ergründen er mit der gan-zen bannenden Kraft einer undeutlichen Herrschernatur schweigend befahl ... Ent-
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setzen, dachte Hans Castorp, von sachlicher Art, aber auch etwas wie persönliches Entsetzen, ihn selbst, den königlichen Mann betreffend, – Angst also, aber nicht geringe und kleine Angst, sondern etwas wie panischer Schrecken flackerte dort, so schien es, einen Augenblick auf, und Hans Castorp war von zu ehrerbietiger Anlage, als daß nicht, aller Gründe un­geachtet, die zu feindseliger Einstellung seinerseits gegen Frau Chauchats majestätischen Reisebegleiter vorhanden wa­ren, diese Beobachtung ihn hätte erschüttern müssen.
Er senkte die Augen und nickte, um seinem erhabenen Nachbarn die Genugtuung des Verständnisses zu bereiten.
"Das ist wohl wahr", sagte er. "Es mag Sünde sein – und ein Zeichen von Unzulänglichkeit – , den Raffinements zu frönen, ohne den einfachen und natürlichen Gaben des Le­bens, die so groß und heilig sind, gerecht geworden zu sein. Dies ist Ihre Meinung, wenn ich Sie recht verstehe, Mynheer Peeperkorn, und obgleich es mir selbst noch nicht eingefallen ist, kann ich Ihnen aus eigener Überzeugung zustimmen, da Sie darauf hinweisen. Es mag übrigens selten genug vorkom­men, daß diesen gesunden und einfachen Lebensgaben so recht volle Ge-rechtigkeit widerfährt. Bestimmt sind die meis­ten Leute zu schlaff und unaufmerksam und gewissenlos und innerlich aus-geleiert, um sie ihnen widerfahren zu lassen, so wird es wohl sein."
Der Gewaltige war hoch befriedigt. "Junger Mann", sagte er, " – perfekt. Wollen Sie mir erlauben – kein Wort weiter. Ich bit-te Sie, mit mir zu trinken, das Glas bis zum Grunde zu leeren, und zwar Arm um Arm. Dies soll noch nicht heißen, daß ich Ihnen das brüderliche Du anbiete, – ich war eben im
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Begriff, es zu tun, besinne mich aber, daß es ein klein wenig zu überstürzt wäre. Ich werde es Ihnen höchstwahrscheinlich in sehr absehba-rer Zeit – Verlassen Sie sich darauf! Wenn Sie aber wünschen und darauf bestehen, daß wir sofort –"
Hans Castorp befürwortete andeutend den von Peeper­korn selbst angeregten Aufschub.
"Gut, mein Junge. Gut, Kamerad. Unzulänglichkeit – gut. Gut und schaudervoll. Gewissenlos, – sehr gut. Gaben – nicht gut. Anforderungen! Heilige, weibliche Anforderungen des Lebens an Ehre und Manneskraft –"
Hans Castorp mußte plötzlich erkennen, daß Peeperkorn schwer betrunken war. Doch wirkte auch seine Betrunken­heit nicht gering und beschämend, nicht als Entwürdigungs­zustand, sondern verband sich mit der Majestät seiner Natur zu einer großartigen und ehrfurchtgebietenden Erscheinung. Auch Bacchus selbst, dachte Hans Castorp, stützte sich be­trunken auf seine enthusiastischen Begleiter, ohne darum an Gottheit einzubü-ßen, und im höchsten Grade kam es darauf an, wer betrunken war, eine Persönlichkeit oder ein Leinewe­ber. Er hütete sich in-nerlichst, im Respekt vor dem erdrü­ckenden Reisebegleiter im geringsten nachzulassen, dessen Kulturgebärden schlaff gewor-den waren und dessen Zunge lallte.
"Duzbruder –" sagte Peeperkorn, den mächtigen Körper in freier und stolzer Trunkenheit zurückgeworfen, den Arm auf der Tischplatte ausgestreckt und mit der schlaff geballten Faust leicht aufschlagend, " – in Aussicht genommen, – in nahe Aus-sicht, wenn auch Besonnenheit zunächst noch – gut. Erledigt. Das Leben – junger Mann – es ist ein Weib, ein
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hingespreitet Weib, mit dicht beieinander quellenden Brüs­ten und großer, weicher Bauchfläche zwischen den ausladen­den Hüften, mit schmalen Armen und schwellenden Schen­keln und halbge-schlossenen Augen, das in herrlicher, höhnischer Herausforde-rung unsere höchste Inständigkeit beansprucht, alle Spannkraft unserer Manneslust, die vor ihm besteht oder zuschanden wird, – zuschanden, junger Mann, begreifen Sie, was das hieße? Die Niederlage des Gefühls vor dem Leben, das ist die Unzuläng-lichkeit, für die es keine Gnade, kein Mitleid und keine Würde gibt, sondern die er­barmungslos und hohnlachend verworfen ist, – erledigt, jun­ger Mann, und ausgespien ... Schmach und Entehrung sind gelinde Worte für diesen Ruin und Bankerott, für diese grau­enhafte Blamage. Sie ist das Ende, die höllische Verzweiflung, der Weltuntergang ..."
Der Holländer hatte beim Sprechen den mächtigen Kör­per mehr und mehr zurückgeworfen, während zugleich sein könig-liches Haupt sich zur Brust neigte, als wollte er ein­schlafen. Bei dem letzten Worte aber ließ er die schlaffe Faust ausholend zu schwerem Schlage auf den Tisch fallen, so daß der schmächtige Hans Castorp, nervös von Spiel und Wein und von der Eigen-tümlichkeit aller Umstände, zusammen­fuhr und ehrfürchtig er-schrocken auf den Gewaltigen blick­te. "Weltuntergang" – wie das Wort ihm zu Gesichte stand! Hans Castorp erinnerte sich nicht, es jemals aussprechen ge­hört zu haben, außer etwa in der Religionsstunde, und das war kein Zufall, dachte er, denn wem unter allen Menschen, die er kannte, wäre ein solches Donner-wort wohl zugekom­men, wer hatte das Format dafür – um die Frage richtig zu
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stellen? Der kleine Naphta hätte sich seiner wohl einmal be­dienen können; doch wäre das Usurpation und scharfes Ge­schwätz gewesen, während in Peeperkorns Munde das Don­nerwort seine ganze schmetternde und posaunenum-dröhnte Wucht, kurz, biblische Größe gewann. "Mein Gott eine Per­sönlichkeit!" empfand er zum hundertstenmal. "Ich bin an ei­ne Persönlichkeit geraten, und sie ist Clawdias Reisebe­glei-ter!" Ziemlich benebelt auch seinerseits, drehte er sein Weinglas auf dem Tisch um sich selbst, die andere Hand in der Hosenta-sche und ein Auge zugekniffen vor dem Rauch der Zigarette, die er im Mundwinkel hielt. Hätte er nicht schweigen sollen, nachdem von berufener Seite Donnerworte gesprochen wor-den? Was sollte da noch seine spröde Stim­me? Aber an Diskus-sion gewöhnt durch seine demokrati­schen Erzieher – beide von Natur demokratisch, obgleich der eine sich sträubte, es zu sein – , ließ er sich zu einem seiner treuherzigen Kommentare verleiten. Er sagte:
"Ihre Bemerkungen, Mynheer Peeperkorn," (was war das für ein Ausdruck: Bemerkungen! Macht man "Bemerkungen" über den Weltuntergang?) "führen meine Gedanken noch einmal auf das zurück, was vorhin über das Laster ausgemacht wurde, näm-lich daß es in einer Beleidigung der einfachen und, wie Sie sa-gen, heiligen, oder, wie ich sagen möchte, klas­sischen Lebensga-ben besteht, der Lebensgaben von Format, sozusagen, zugunsten der späten und ausgepichten, der Raffi­nements, denen man 'frönt', wie einer von uns beiden sich ausdrückte, während man sich den großen 'weiht' und ihnen 'huldigt'. Aber hier scheint mir nun eben auch die Entschul­digung – verzeihen Sie, ich bin eine zur Entschuldigung ge-
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neigte Natur, – obgleich Entschuldigung wohl kein Format hat, wie ich deutlich fühle – , die Entschuldigung also für das Laster zu liegen, und zwar gerade inso-fern es auf 'Unzuläng­lichkeit', wie wir es nannten, beruht. Sie haben über die Schrecken der Unzulänglichkeit Dinge solchen Formates ge­sagt, daß Sie mich aufrichtig betroffen sehen davon. Aber ich meine, der Lasterhafte zeigt sich durchaus nicht un-empfind­lich für diese Schrecken, sondern im Gegenteil läßt er ihnen alle Gerechtigkeit widerfahren, indem das Versagen seines Gefühls vor den klassischen Lebensgaben ihn zum Laster treibt, worin also keine Beleidigung des Lebens liegt oder zu liegen braucht, da es ebensogut als Huldigung davor aufge­faßt werden kann, und zwar insofern die Raffinements ja Rausch-und Erhebungsmittel darstellen, Stimulantia, wie man sagt, Stüt-zen und Steigerungen der Gefühlskälte, wes­halb denn also doch das Leben ihr Zweck und Sinn ist, die Liebe zum Gefühl, das Trachten der Unzulänglichkeit nach Gefühl ... Ich meine ..."
Was redete er da? War es nicht der demokratischen Un­ver-schämtheit genug, "einer von uns beiden" zu sagen, wo es sich um eine Persönlichkeit und um ihn handelte? Zog er den Mut zu dieser Frechheit aus Vergangenheiten, die gewisse ge­genwär-tige Besitzrechte in ein schiefes Licht setzten? Stach ihn der Ha-ber, daß er sich obendrein in eine ebenfalls durch­aus unver-schämte Analyse des "Lasters" verstricken mußte? Nun mochte er sehen, wie er sich aus der Sache zog; denn es war klar, daß er Fürchterliches heraufbeschworen.
Mynheer Peeperkorn war während der Rede seines Gastes in seiner zurückgeworfenen Haltung mit auf die Brust ge-
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senktem Kopfe verharrt, so daß man hätte zweifeln können, ob Hans Ca-storps Worte in sein Bewußtsein drangen. Jetzt aber, allmählich, während der junge Mann sich verwirrte, be­gann er, sich von der Lehne aufzurichten, höher und höher, zu voller Größe, während zugleich sein majestätisches Haupt rot anschwoll, seine Stirnara-besken sich hoben und spann­ten und seine kleinen Augen sich zu blasser Drohung erwei­terten. Was bereitete sich vor? Ein Koller, gegen den der vor­angegangene nur leichte Verstimmung bedeutet hatte, schien im Anzuge. Mynheers Unterlippe stemm-te sich in mächti­gem Grimm gegen die obere, so daß die Mundwinkel sich senkten und das Kinn vorgetrieben wurde, und langsam hob sich sein rechter Arm von der Tischplatte in Haupteshöhe und darüber hinaus, die Faust geballt, großartig ausholend zum Vernichtungsschlage gegen den demokratischen Schwät­zer, der, in Schrecken gejagt und doch auch abenteuer-lich erfreut durch das Bild ausdrucksvoll königlichen Zornmu-tes, das sich vor ihm entfaltete, Mühe hatte, Furcht und Flucht-neigung zu verbergen. Er sagte eilig zuvorkommend:
"Natürlich habe ich mich mangelhaft ausgedrückt. Das Ganze ist eine Frage des Formats, nichts weiter. Man kann nicht Laster nennen, was Format hat. Das Laster hat niemals Format. Die Raffinements haben keines. Aber dem menschli­chen Trachten nach Gefühl ist ja von Urzeiten her ein Hilfs­mittel, ein Rausch-und Begeisterungsmittel an die Hand ge­geben, das selbst zu den klassischen Lebensgaben gehört und den Charakter des Einfa-chen und Heiligen, also nicht des Lasterhaften trägt, ein Hilfsmittel von Format, wenn ich so sa­gen darf, der Wein also, ein göttliches Geschenk an die Men-
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schen, wie schon die alten hu-manistischen Völker behaupte­ten, die philanthropische Erfindung eines Gottes, mit der sogar die Zivilisation zusammen-hängt, erlauben Sie mir den Hinweis. Denn wir hören ja, daß dank der Kunst, den Wein zu pflanzen und zu keltern, die Menschen aus dem Stande der Roheit traten und Gesittung erlang-ten, und noch heute gelten die Völker, bei denen Wein wächst, für gesitteter, oder halten sich dafür, als die weinlosen, die Ki-merer, was sicher bemerkenswert ist. Denn es will sagen, daß Gesittung gar nicht Sache des Verstandes und wohlartikulierter Nüchtern­heit ist, sondern vielmehr mit der Begeisterung zu tun hat, dem Rausch und dem gelabten Gefühl, – ist das nicht, wenn ich so frei sein darf, Ihnen die Frage vorzulegen, auch Ihre Mei-nung in dieser Angelegenheit?"
Ein Schlingel, dieser Hans Castorp. Oder, wie Herr Set­tem-brini es mit schriftstellerischer Feinheit ausgedrückt hat­te, "ein Schalk". Unvorsichtig und selbst frech im Verkehr mit Persön-lichkeiten – und geschickt dann auch wieder, wenn es galt, sich aus der Patsche zu ziehen. Da hatte er ers­tens, in brenzligster La-ge und aus dem Stegreif, eine Ehren­rettung des Trunkes mit vielem Anstand vollzogen, hatte fer­ner, ganz nebenbei, die Rede auf "Gesittung" gebracht, von welcher in Mynheer Peeper-korns ur-fürchterlicher Haltung allerdings wenig zu spüren war, und endlich diese Haltung gelockert und unpassend gemacht, indem er dem großartig darin Befangenen eine Frage vorgelegt hatte, die man mit er­hobener Faust unmöglich beantworten konnte. Der Hollän­der ließ denn auch nach in seiner vorsint-flutlichen Grimm­gebärde; langsam senkte sein Arm sich nieder zum Tisch, sein
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